Kurzkrimi »Schusternagerl« von Heidi Hohner
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Mittwoch, 19. November 2014 von


Kurzkrimi »Schusternagerl« von Heidi Hohner

Für alle Landkrimi-Leser hat Heidi Hohner einen unterhaltsamen Kurzkrimi geschrieben

Schusternagerl 
Die gelb gestrichene Kabine der Kampenwandbahn, die das Zahnrad der Talstation entlang ratterte und sich mit einem Ruck vor Lucky Lämmermeier und seiner Kollegin Walburga Angerer entkoppelte, trug über dem „OUTDOOR KAISER“- Werbeaufkleber die Nummer 13. „Auch das noch“, dachte sich Lucky ausgesprochen schlecht gelaunt, denn wenn der Polizeireporter an einem Tag wie heute etwas nicht brauchen konnte, dann Pech. „Habt´s es bald oder gfällt euch die Farb ned?“ raunzte der Liftangestellte mit dem missmutig hängenden Schnauzer, und Lucky ließ mit einer zuvorkommenden Handbewegung seiner Kollegin den Vortritt. Die quetschte sich so schnell, wie es ihre Statur zuließ, durch die enge Gondeltür.
„Ich nehm die nächste! Sie brauchen einfach zuviel Platz“, rief er dann, und während sich Walburgas Lächeln in eine gekränkte Grimasse verwandelte, blieb Lucky mit wippenden Knien auf der Plattform stehen.

Während ihn die Gondel Nummer 14 allmählich über die Baumgrenze trug, haderte Lucky mit seinem Schicksal. Abseilen als Teambuilding, und das mit der Angerer! Niemals würde er mit dieser Kollegin ein Team bilden! Denn das würde bedeuten, in Walburgas Ressort „Dorfleben und Landwirtschaft“ eingegliedert zu werden. Als Polizeireporter! 
Erst hatte er gedacht, der Chef der Chiemgauer Post hatte ihn sprechen wollen, um ihm endlich seine eigene Abteilung anzubieten. Aber dann hatte da schon Walburga gesessen, die Arme kampflustig über dem Kapitalbusen verschränkt, und hatte unter dem wohlwollenden Blick des Chefredakteurs gesagt: „Ich weiß schon, Lämmermeier, dass Ihnen eine Leich lieber ist als wie eine Blumenzwiebel, aber was sollen wir machen, wenn´s bei uns keine Verbrechen gibt und die Leut eh lieber was Schönes lesen? Also, herzlich willkommen in meiner Abteilung, Sie können gleich vom Ochsenrennen in Raubling und vom Semmelwettfressen in Marzling berichten!“ War es ein Wunder, dass er nach dieser Ansage einen Becher Buttermilch an der Wand hinter Walburga hatte detonieren lassen? „Soziale Kompetenz. So ein Käse“, grunzte Lucky abfällig und zog automatisch den Kopf ein, als ein orange leuchtender Paraglider mit der Aufschrift „OUTDOOR KAISER“ nur ein paar Meter über ihm Richtung Marquartstein schwebte. 

„Ich bin der Hias, euer Outdoorcoach“, begrüßte ihn ein Baumstamm von einem Kerl, ebenfalls im neon-orangefarbenen „OUTDOOR-KAISER“-Shirt. Walburga, die Korkenzieherlöckchen an der Stirn schweißverklebt, wies mit der Kinnspitze auf die schroffe Felsnadel, in der die Kletterer hingen wie bunte Pünktchen. 
„Da sollen wir rauf?“ 
„Freilich. Zweimal rauf, und zweimal runter. Erst seilen Sie den Herrn Lämmermeier ab, dann der Herr Lämmermeier Sie“, informierte sie der Hias und warf die zwei Klettergurte mit Schwung in die Almwiese. 
„Dieser Spargel soll mich abseilen?“ 
Lucky hielt beleidigt inne, um sich eine der blauen Blumen ins Knopfloch zu stecken, die hier wuchsen wie die Gänseblümchen. Dann machte er sich etwas ungelenk ans Einsteigen in seinen Gurt. Und Walburga, deren gesunde Gesichtsfarbe um einen Schlag eine Nuance fahler geworden war, ging ein paar Schritte abseits, um einer braun-weiß gefleckten Kuh die Löckchen zwischen den Hörnern zu kraulen. 
„Kein Wunder, dass die sich verstehen, die haben schließlich die gleiche Frisur“, dachte Lucky gehässig, unangenehm daran erinnert, dass seine Konkurrentin noch nicht mal Journalismus, sondern Tiermedizin studiert hatte. 
„Psst, Lämmermeier, warum ziehen Sie sich diesen Klettergurt an?“, riss ihn Walburga aus seinen Gedanken und winkte ihn zu sich her. „Haben Sie etwa Lust, auf diesen Brocken zu kraxeln?“
„Ich bin nur hier, weil der Chef mich erpresst hat! Arbeiten für die Angerer oder ALG Eins, hat er gesagt! Für mich ist diese Abseilerei der größte Unfug!“ schnaubte Lucky und wich der Kuh aus, als sie mit ihrer großen rosa Zunge nach ihm leckte. 
„Da sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. Wir treffen uns da unten, und Sie bestellen mir schon mal ein Weißbier.“ Walburga wies auf das Dach einer Alm, die in der Senke neben der Bergstation lag. „Ich red mit dem Hias.“
 
„Sodala. Ich krieg fünfzig Euro von Ihnen, Lämmermeier.“ Zehn Minuten später setzte sich Walburga zu Lucky an den verwitterten Holztisch. „Ich habe dem Hias einen Hunderter gegeben, und der hat sich Ihren Klettergurt geschnappt und gesagt, mei, dann geht er halt allein klettern, wenn er schon das ganze Equipment da hat. Und danach bringt er uns die zwei Zertifikate über die Teilnahme am Teambuilding.“ 
Mit einem Schluck sog sie die erste Hälfte ihres Weißbiers weg. 
„Gute Lösung, Frau Angerer“, gab Lucky zu und schubste die aufdringliche Kuh, die ihm bis zum Tisch gefolgt war, von seiner Buttermilch weg. „Aber was will eigentlich dieses Vieh von mir?“
“Wahrscheinlich denkt sie, Ihr gelbes Hemd ist eine Butterblume. Ein schönes Tier übrigens“, gratulierte Walburga dem Senner, der ihr ein gewaltiges Speckbrettl hinstellte. 
„Jaa“, bestätigte der Senner, und gab der Kuh einen liebevollen Klaps. „Die Elli, die ist unser Schmuckstück. Ganz offiziell gekrönt zur schönsten Bergkuh der Bayerischen Alpen. Obwohl in Garmisch einer seine Küh nur darauf hin züchtet! Wer hätt’ das denkt, damals, als ich sie gerettet hab. Der Nachbar wollt sie schlachten lassen, und jetzt kommen die Leut aus der ganzen Gegend wegen unserer Prinzessin.“
„Das wär’ ja echt eine Schande gewesen!“ regte sich Walburga auf, und der Senner nickte und kratzte sich unter dem Filzhut. „Schon, aber dem Krasser Günther ist das Wasser bis zum Hals gestanden mit seinem Outdoorschmarrn, dann konnt er seine Alm nimmer halten.“
„Meinen Sie mit ´Outdoorschmarrn´ die Firma Kaiser, die hier überall präsent ist?“ erkundigte sich Lucky neugierig.
„Na, der Kaiser hat dem Günther dann ganz das Genick gebrochen, finanziell. Der Günther hat das Paragliding an ihn verkaufen müssen vor zwei Jahren und jetzt steht er ohne was da. Koa Alm mehr, und koa Outdoor mehr. Arbeitet jetzt bei der Bergbahn, als Liftmanschgerl.“
Ein lautes Knattern unterbrach ihn, und Lucky legte den Kopf in den Nacken, um den roten Hubschrauber zu beobachten, der in einer engen Kurve um die zackigen Gipfel flog. 
„Ein Unfall!“ erschrak Walburga.
„Vielleicht ein Verbrechen“, hoffte Lucky, und stieg auf die Sitzbank. Viel konnte er nicht erkennen, nur dass die aufgeregten Menschen zum Fuß der Felsnadel liefen, und dass dort etwas orange-farbenes lag. Neon-Orange.

„Wie kann man nur so negativ sein und immer vom Bösen ausgehen! Sie wollen nur beweisen, dass wir einen Polizeireporter brauchen. Der Hias ist beim Klettern abgestürzt, sonst nichts!“ schimpfte Walburga, während sie ihren VW Bus Richtung Redaktion lenkte. 
„Der ist nicht abgestürzt, den hat jemand abstürzen lassen“ meinte Lucky euphorisch, weil er sich in der Tat einem eigenen Ressort ein Stück näher fühlte. „Was wetten wir? Wer verliert, muss dem Chef beichten, dass der Hias ohne uns Klettern war! Schließlich haben wir jetzt keine Zertifikate – und wer weiß, ob der arme Kerl jemals wieder laufen kann.“
„Einverstanden!“ schlug Walburga ein, und Lucky zog siegessicher die blaue Blume aus dem Knopfloch seines Polohemds und steckte sie sich lässig in den Mundwinkel.
„Bäh“, meinte er angewidert und kurbelte das Fenster herunter, um auszuspucken. „Die stinkt!“
„Klar stinkt die“, meinte Walburga säuerlich, „so ein Schusternagerl ist eine geschützte Enzianart, die man nicht pflücken darf. Aber davon haben Sie natürlich wieder mal keine Ahnung.“
„Nein“, widersprach Lucky so alarmiert, dass er sich noch nicht einmal über Walburgas Seitenhieb ärgerte. „Riechen Sie selbst!“
„Öl“, bestätigte Walburga verwundert, „frisches Motorenöl. Wie kommt das denn an die Blume? Moment – wann haben Sie die denn gepflückt? Vielleicht war das Öl nicht am Schusternagerl, sondern am Klettergurt, und hat davon abgefärbt?“
„Ganz klar“, sagte Lucky, wider Willen beeindruckt von Walburgas detektivischen Fähigkeiten. „So war’s. Motoröl am Klettergurt, der Knoten löst sich und der Hias stürzt in die Tiefe. Da wollte sicher jemand „OUTDOOR-KAISER“ in die Pfanne hauen. Hat nicht der Senner erzählt, dass die Firma seinem Nachbarn die Existenz geraubt hat? Bloß gut, dass Ihnen eingefallen ist, wie wir um die Abseilerei herumkommen.“
„Ich bin auch froh“, sagte seine Kollegin leise, und lenkte den VW-Bus in den Hinterhof der Chiemgauer Post. „Ich bin übrigens die Walli.“ 

„Mordanschlag auf der Kampenwand – das ist doch mal eine Schlagzeile ganz nach deinem Geschmack, oder?“
Lucky nickte Walli zu, tippte als letzten Satz „ein Mitarbeiter der Bergbahn wurde als Hauptverdächtiger in Polizeigewahrsam genommen“ und fügte mit einem Mausklick noch das Foto des Schnauzbartträgers Günther Krasser in den Artikel ein. „Ich schick den Artikel gerade raus. Nur blöd, dass die Polizei das ölige Schusternagerl nicht als Indiz haben wollte. Jetzt hab ich es tatsächlich ganz umsonst abgerissen.“
Walli nahm den Enzian hoch, der auf Luckys Schreibtisch vor sich hinwelkte, und schnupperte daran. „Gut, dass die Elli es nicht zwischen die Zähne bekommen hat. Deswegen ist sie dir wahrscheinlich so nachgelaufen. Kühe sind nämlich total verrückt nach Schmieröl, Motoröl, Ölfilter, und so weiter. Aber wenn sie auch nur ein bisschen davon abbekommen, dann sterben sie an Bleivergiftung.“
„Ist nicht wahr.“ Lucky starrte seine veterinärmedizinisch gebildete Kollegin ins runde Gesicht und nahm den Mauszeiger abrupt vom „senden“-Knopf. „Sag mal, Walli, wer hat eigentlich die zweitschönste Kuh im Land? Ruf sofort den Senner von der Kampenwand an, er soll die Elli im Stall behalten, sie ist in Gefahr!“ 

Diesmal saßen Walli und Lucky zusammen in einer Gondel, und Lucky kratzte sich nervös an einem Mückenstich in der Kniekehle. Er hatte in der Aufregung ganz vergessen, dass er sich normalerweise niemals in kurzen Hosen in der Redaktion blicken ließ. Denn ein Blick auf seine streichholzdünnen Waden, an denen laut seiner Mutter die norddeutschen Gene seines nichtsnutzigen Vaters schuld waren, erklärte sofort, dass er nur auf die Journalistenschule gegangen war, weil sie ihn auf der Polizeischule wegen unzureichender körperlicher Eignung nicht genommen hatten. „Tatsächlich! Das Motorenöl ist hier direkt auf die Weide gekippt worden. Und von hier ist das Öl auf den Gurt gekommen, als der Hias das Equipment aufs Gras geworfen hat,“ schrie er fünf Minuten später, kniete nieder und fuhr mit der Hand über eine schmierig schillernde Ansammlung blauer Blütenkelche.
„Gut, dass die Garmischer Polizei beim Bauern gleich die leeren Ölkanister im Kofferraum gefunden hat. Kaum zu glauben, wozu Menschen in der Lage sind, wenn ihren Kühen der Titel der Schönheitskönigin entzogen wird!“ sinnierte Walli ein paar Stunden später und streckte die strammen Beine aus, während Lucky mit dem Strohhalm das zweite Glas Buttermilch leer schlürfte. Aufs Haus. Der Senner der Kampenwandalm hatte sich nicht lumpen lassen, als sich herausgestellt hatte, dass der Öl-Anschlag nicht den Kletterern, sondern seiner Lieblingskuh gegolten hatte. 
„Sag mal, Walli“, fragte Lucky dann, und bearbeitete wieder seinen Mückenstich, „sollen wir wirklich hier übernachten, wie der Senner uns das angeboten hat?“
„Ja mei“, meinte die Walli vergnügt, „vielleicht zwecks Teambuilding, oder?“
„Jawoll“ nickte Lucky, kraulte Elli zwischen ihren Hörnern, und fragte sich, ob sich die Löckchen in Wallis Nacken genauso seidig anfühlten. „Zwecks Teambuilding. Eine super Idee."


Blick ins Buch
BetthupferlBetthupferl

Roman

Ist Tante Caro eine untergetauchte Puffmutter oder nur eine alte Jungfer auf Kur? Josepha Schlagbauer hat sich zwar vom Truchtlachinger »Fetthenderl« zur kickboxenden Autohändlerin gemausert, aber als es sie auf der Suche nach ihrer verschwundenen Patentante auf die Fraueninsel verschlägt, lassen die sturen Insulaner das zickige Mädel aus der Stadt erst einmal im Novembernebel stehen. Vor allem für Basti, den Insel-Schmied, sind Frauen wie Josepha das Feindbild Nummer eins...
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1

Die dicke Bäckerin mit dem hellblauen Kopftuch und dem schmuddeligen Kittel stützt sich auf ihren Schrubber und sieht mir zu, wie ich an der Gstadter Uferstraße mit dem Fuß nach dem Boden fische, um aus Olivers Porsche auszusteigen. Ich fahre mit dem Swiffer über das Armaturenbrett, schließe mit einem satten »Wopp« die Fahrertür und betrachte kurz den Autoschlüssel in meiner Hand. Auch wenn er eigentlich nur ein Stück Metall mit Plastik dran ist: Für mich ist er schön wie ein Brillantcollier.

»Bekomme ich bei Ihnen schnell einen Kaffee? Und zwar to go?«, rufe ich der Bäckerin zu.

»Kaffä Togo? Momenterl!«, bellt sie, kruscht auf einem überfüllten Regalbrett herum, das auf zwei Baumarktwinkeln über einer Kaffeemaschine hängt, und hält mir eine Dose mit Schnappverschluss hin.

»Tut mir leid. Schaugns her, der is ned aus Togo, der Kaffä, der ist vom Eduscho. Basst des?«

Sie pumpt an einer röchelnden Thermoskanne herum, ohne meine Antwort abzuwarten. Es hat angefangen zu regnen, und ich flüchte zu ihr an die Theke.

»So ein Auto ist wie ein Rennpferd, das muss bewegt werden, sonst fängt es an zu zicken«, hatte ich Oliver vorgestern über meinen Laptop hinweg erklärt, »und außerdem fülle ich gerade dein Visum für eine Reise aus, auf die du mich erst einmal gar nicht mitnimmst. Meinst du nicht, dass das Grund genug ist, mich übers Wochenende mit deinem Porsche an den Chiemsee fahren zu lassen?«

Der ganze Quatsch mit »muss bewegt werden« war natürlich nur ein Vorwand. Aber ich kann ja schlecht mit dem Regionalzug anreisen. Welchen Eindruck würde das machen? Sicher nicht den, dass ich es geschafft habe, die Provinz weit hinter mir zu lassen und gerade zur Verkaufsleitung von Auto König befördert worden bin.

»Des macht zwei Euro bittschön. Kannst ruhig alles einischütten von der Bärenmarke, ich sperr jetzt eh gleich zu.«

Mit spitzen Fingern nehme ich ein Haferl und eine angerostete Dose mit zwei bräunlich verklebten Löchern entgegen. Die Bäckerin klemmt mit einem resoluten Fußtritt einen Keil in die Tür, um die Bistrotische von draußen in den Laden zu verfrachten. Ich nippe an dem lauwarmen Kaffee, sehe ihr zu, wie sie mit einem grauen Lumpen Regentropfen von den Tischplatten abwischt, und frage, mehr damit ich überhaupt etwas sage: »Wann geht denn das nächste Schiff?«

»Wie meinst, Schiff?«, fragt sie und stellt drei übereinandergestapelte Plastikstühle mit so viel Schwung in die Ecke, dass die Tropfen nur so spritzen. »Eini oder aussi?«

»Na ja«, erwidere ich leicht verärgert, »was heißt eini oder aussi, ich möchte auf die Fraueninsel.«

»Ah so. Eini also. Morgen wieder.«

»Wie bitte? Aber es ist doch noch nicht einmal halb sieben!«, protestiere ich und gehe wieder hinaus unter die Markise. Ich meine mich genau daran zu erinnern, dass die Chiemseeschiffe bis in die Nacht hinein verkehren. »Und was ist das?«

Ich zeige auf die Lichter eines Schiffes, das sich eindeutig auf den Dampfersteg zubewegt, aber im selben Moment fällt die nicht mehr ganz moderne Ladentür aus Messing und Rauchglas scheppernd ins Schloss, und zwei Sekunden später gehen im Laden die Lichter aus.

WINTERPAUSE steht auf der Tafel, die mit einem Gummisaugnapf an der Scheibe festgepappt ist. Und darunter hat jemand in krakeliger Schreibschrift gekritzelt: »Ab 1. März wieder geöffnet.«

Während das Schiff mit der Längsseite an den dicken Holzstempen entlangquietscht und zur Ruhe kommt, renne ich zur Anlegestelle, so schnell es mir Schuhe und Gepäck erlauben, und falle beinahe dem einzigen Fahrgast in die Arme, der nicht nur aussteigt, sondern auch die Landungsbrücke hinter sich auf den Steg zieht.

»Ist das das nächste Schiff auf die Fraueninsel?«, keuche ich, während mir die kalten Regentropfen hinten in den Trenchcoatkragen rinnen.

»Wieso, dadsd du jetzt einifahren wollen?«, fragt der Mann, der bei näherem Besehen kein Fahrgast, sondern der Uniform nach eindeutig der Kapitän ist.

»Ja! Die Schiffe gehen doch bis um zehn, oder?«

»Im Sommer vielleicht, aber im Winter ned. Bei mir ist jetzt Feierabend.«

»Wieso Winter? Es ist gerade mal November!«

Aber das hört der Chiemseeschifffahrtsangestellte schon nicht mehr, und ich sehe nur noch, wie ihm hinten an seiner schwarzen Uniformhose die Drecktropfen bis in die Kniekehle hochspritzen, als er sich eilig davonmacht. Aber weil sich ein Mädel aus der Stadt von derartigen Widrigkeiten des Alltags nicht einschüchtern lässt, beschließe ich die Lechner Anneliese anzurufen. Schließlich weiß sie, dass ich heute ankomme.

Ich krame in meiner Laptoptasche, die mir an dem nassen Mantel permanent nach unten rutscht. Dabei merke ich, dass die Tasche offen steht und es wahrscheinlich schon die ganze Zeit munter hineingeregnet hat. Ich zerre den Reißverschluss zu, um weiteren Schaden zu verhindern, und schreie gleichzeitig »Anneliese?« ins Telefon.

»Hallo? Anneliese?«, rufe ich noch einmal, vergeblich. Nichts, nur ein ersterbender Dreiklang. Kein Akku mehr. Und auch kein Schiff. Ich starre böse auf den See, zu den kleinen Lichtern, die sich irgendwo mitten im See abzeichnen. Das geht ja schon mal gut los. Es kann doch nicht so schwer sein, auf diese Scheißinsel zu kommen, oder? Und wie kann man nur so verrückt sein, ausgerechnet dort zu wohnen? Freiwillig?

Das Dorf hier heißt sicher Gstadt, weil es in seinen Straßen so mücksmäuschenstaad[1] ist, dass ich mich frage, ob hier überhaupt noch Menschen wohnen und in welchen Bau zum Beispiel die Bäckerin zum Winterschlaf verschwunden ist. »Gästehaus« steht auf jedem der großen Häuser am Ufer entlang, mit verschiedenen Zusätzen: Annabell, Rudi, Irmgard, alles Namen, die vor ein paar Jahrzehnten total die Bringer waren, als die Häuser wahrscheinlich noch neu waren mit ihren wuchtigen schwarz gestrichenen Balkonen, den Fensterläden und dem scheußlichen Strukturputz. Schick ist anders. Und dass nirgendwo Licht brennt und meine Schuhe sich anfühlen, als hätte ich mir nasse Schwämme hineingestopft, macht die Sache nicht gerade einladender. Nur weiter hinten, wo das letzte Tageslicht in totale Schwärze übergeht, an der Grenze zwischen Dorf und Wald, beleuchtet ein Scheinwerfer ein Hausdach. Ich versuche mich zu erinnern. War da nicht das Café Ruderboot, in dem der Kaiserschmarrn fast so gut war wie der von der Lechner-Oma?

Fünf Minuten Fußweg sind es bis dorthin am Ufer entlang, und allmählich kann ich erkennen, worauf das helle Licht gerichtet ist: auf eine rote Fahne mit FC-Bayern-Logo. Aber obwohl ich eine Minute später vor der Kneipentür stehe, um sie aufzustoßen, zögere ich einen Moment, von meinem Spiegelbild in der Kuchenvitrine rechts daneben abgelenkt.

Ich habe optisch praktisch nichts mehr mit dem Mädchen zu tun, das drei Teenagersommer auf der Fraueninsel verbracht hat. Damals war ich eine unsportliche Strebergurke gewesen, mit fusseligen Haaren bis zum Hintern, weil meine Mutter mir nicht erlaubte, sie abzuschneiden. Aber das »Fetthenderl« ist – bis auf meine hartnäckig runde Kehrseite – Vergangenheit. Heute gehe ich zweimal in der Woche ins Training und einmal im Monat zum Friseur. Meine kurzen Haare sind weiß blondiert und in einer dicken Locke aus dem Gesicht geföhnt. Mein Gesicht ist blass, der dicke Lidstrich schwarz, die Lippen knallrot, und zu meinen Pumps trage ich meistens Kleider von teuren Designern, die noch wissen, wie man gescheite Abnäher setzt.

Im Ruderboot ist überraschenderweise der Teufel los, und zwar in rein männlicher Gestalt. Jede Menge Typen hängen an einer Theke rum, über der ein gewaltiger Flachbildschirm schwebt. Gesichter drehen sich zueinander, aufgeregtes Kopfschütteln überall. Es ist anscheinend gerade Halbzeit, vier Männer kommen mir entgegen, jeder eine Schachtel Kippen und ein Bierglas in den Händen. Ich bereite mich innerlich auf meinen Auftritt vor, denn gleich werden sie stehen bleiben, mich mit großen Augen ansehen und fragen: »Kann ich Ihnen helfen, schöne Frau?«

Dachte ich jedenfalls. Aber mein Empfang verläuft anders als erwartet.

»Dem Schiri hamms doch ins Hirn gschissen!«

»Der Müller hat doch seinen linken Hax nur, damit’s ihn nicht umhaut!«

Es ist nicht so, dass sie mich nicht sehen. Zwei nicken sogar mit dem Kopf und nuscheln »Sers« und »Hawedehre«[2], aber das war’s dann auch. Diese Jungs sehen nicht so aus, als hätten sie darauf gewartet, während eines Bayernspiels für mich Wassertaxi zu spielen. Meine Mundwinkel rutschen nach unten, ich stehe da wie bestellt und nicht abgeholt, und wenn ich mir nicht vollends blöd vorkommen will, muss ich jetzt da rein, anstatt die Tür zu blockieren wie eine bockige Dreijährige am ersten Kindergartentag.

»Griasdi«, kommt drinnen gleich eine weibliche Stimme von rechts, wo eine freundlich aussehende Person mit mütterlicher Oberweite und einer Kellnerschürze an der Kasse lehnt und mich besorgt von der Seite anschaut. »Bist nass worden, ha?«

»Nass ist gar kein Ausdruck.« Ich versuche erst gar nicht noch einmal zu lächeln. »Dabei will ich eigentlich nur auf die Fraueninsel.«

»Auf die Insel? Jetzt?«

Ich versuche einen ortskundigen Eindruck zu machen und meine: »Ja, ich weiß, die letzte Fähre ist weg. Hab ich verpasst. Ich war früher immer nur im Sommer hier.«

»Na, jetzt ist Winterfahrplan, da ist alles anders. Willst du ins Kloster?«

Kloster? Seh ich so aus? Ich habe mich doch nicht in mein sexy Nadelstreifenkostüm und die roten Pumps geschmissen, damit mir jetzt solche Fragen gestellt werden, sondern damit die Leute hier sofort sehen, dass Joe Schlagbauer jetzt in einer anderen Liga spielt. Ich runzle die Stirn und schaue weg, um meinen Unwillen über diese unqualifizierte Bemerkung zu verbergen, und dabei fällt mein Blick auf einen breiten Rücken in einer Lammfellweste, halb verborgen von einem drahtigen Gestrüpp schmutzig brauner Locken. Die nette Frau lässt aber nicht locker.

»Ich mein halt, ins Kloster auf ein Seminar! Yoga vielleicht? Oder Tanz und Meditation?«

»Nein, ich wollte meine Patentante besuchen. Also, besser gesagt, suchen statt besuchen. Aber ich kann nicht bei ihrer Freundin anrufen, dass ich da bin. Mein Akku ist leer.«

Die Nette greift hinter sich und hält mir ein Telefon hin.

»Magst von hier aus anrufen?«

»Danke, aber ich weiß die Nummer nicht auswendig.«

»Wer ist denn die Freundin von deiner Tante?«

»Eine Frau Lechner.«

»Ah, die Mama vom Bergfischer, oder? Der ist normalerweise immer hier, wenn Bayern spielt. Hab ihn aber heute noch nicht gesehen.«

»Sex, Sex, Sex!«, mischt sich eine brummige Männerstimme ein. Es dauert eine Weile, bis mein Gehirn schaltet, dass es hier um eine Telefonnummer geht und nicht um dreimal Dingsbums. Und dass dieser Einwurf von dem Typen an der Bar kam, auch wenn das Tier sich nicht umgedreht hat, sondern immer noch zuschaut, wie Oliver Kahn mit dem Mikro vor der Nase total expertenmäßig mit dem Kopf schüttelt. Alles, was ich von ihm sehen kann, ist sein Rücken und eine ziemlich große Hand, die nicht besonders sauber aussieht und ein Glas Sprudelwaser mit einer Zitronenscheibe festhält. Ich bin einigermaßen entsetzt. Welcher Erwachsene rennt heutzutage noch mit so einer Kiffermähne rum? Mal ganz abgesehen davon, dass so ein Style meiner Meinung nach grundsätzlich indiskutabel ist, wenn man nicht Ziggy heißt und sich in einer Holzhütte in den jamaikanischen Bergen einen Dübel nach dem anderen dreht.

»Sag bloß, du weißt die Nummer?«, sagt die nette Frau Richtung Zottelrücken.

»Freilich«, sagt das Tier und dreht sich immer noch nicht um. »Die Lechner-Oma hat die Sechs-sechs-sechs, aber ihr Bub, der Bergfischer, der könnt dich normalerweise sicher holen, aber der ist mit seiner Frau die zehn Tage bis zum Christkindlmarkt noch am Gardasee, nur die Leonie ist bei ihrer Oma. Aber wennst magst, kannst mit mir mitfahren, Josepha.«

Josepha? Meint der mich? Wie kann der mich meinen? Ich gucke die Frau an. Heißt sie etwa auch Josepha?

»Elli, ich zahl dann«, sagt das Tier, kippt sich den halben Liter Wasser rein, als wäre es ein kleiner Schluck, und spuckt die Zitronenscheibe mit einem Flupp wieder zurück ins Glas. Die nette Frau dreht sich zur Kasse um und tippt was. Sie heißt also Elli. Wie kann es aber sein, dass der Wassertrinker meinen Namen weiß? Und meine Stimme erkannt hat, obwohl ich keine Ahnung habe, wen ich da vor mir habe?

»Zwei große Wasser macht drei Euro gradaus. Schaust die zweite Halbzeit gar nicht an?«

»Fünf-eins hinten im letzten Spiel von dem Jahr, da passiert eh nix mehr«, grummelt das Tier und dreht sich endlich um. Und sieht mir voll ins Gesicht, so plötzlich, dass ich sofort weggucken muss, um erst einmal zu verarbeiten, was ich da gesehen habe. Der Typ vor mir ist ein ausgewachsenes Mannsbild. Ausgewachsen und zugewachsen, denn viel sieht man nicht von ihm. Und was man sieht, wirkt ziemlich schlecht gelaunt, er kneift Augen und Lippen zusammen, als würde ihn etwas blenden, was aber in dem halbdunklen Eingangsbereich einfach nicht sein kann. Er hat ein Gesicht wie eine verwilderte Hecke: buschige Augenbrauen, die in alle Richtungen wachsen, und soweit man das unter dem struppigen Vollbart erkennen kann, ziehen sich zwei ziemlich tiefe Falten von der Nase zu den Mundwinkeln, als wäre heute nicht der erste Tag, an dem er mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Er ist ein ziemlicher Schrank. Sein breiter Brustkasten, über dem er gerade die Arme verschränkt, steckt in einer flokatiähnlichen Lammfellweste und einem Wollpullover, grau und filzig wie ein altes Schaf. Die ausgebeulte Lederbundhose geht bis zur Mitte der Waden und lässt drei Handbreit behaarte Haut bis zu den dicken Wollsocken frei. Dieser Mensch ist vielleicht die richtige Gesellschaft für jemanden, der sich für Yetis interessiert, aber nicht für eine Joe Schlagbauer aus München-City. Aber die Stadt ist weit weg, der Dampfer ebenso, und ich will endlich auf diese verflixte Insel. Und so meine ich wenig begeistert zu dem Bären: »Nun, wenn du mich mitnimmst …«

»Freilich, Josepha.«

Warum hat der mich eigentlich sofort erkannt? Nachdem ich Jahre darauf verwendet habe, nicht mehr auszusehen wie ein ökiges Landtrutscherl? Höchste Zeit, ihn darüber zu informieren, dass ich mit dem Mops von früher nichts mehr zu tun habe.

»Ich würde übrigens gern eines klarstellen: Ich bin die Joe. Josepha sagen nur noch meine Eltern zu mir. Und wer bist du? Kennen wir uns von früher?«

»Wer ich bin? Wenn’s dir ned einfällt, dann geht dich das auch nix an. Also, Josepha. Gemma jetzt oder ned?«

Er stülpt sich auf den Primatenkopf einen grauen Hut, der auf seinen Locken sitzt wie ein Champignon. Einfach lächerlich, auch wenn der Schatten, den dieses Seppelding auf seine Augen wirft, ihn noch grimmiger aussehen lässt.

Die nette Bedienung nickt zum Abschied und fragt dann neugierig: »Kennts ihr euch?

»Nein!«, sage ich.

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[1] Staad: Hätte Eva im Paradies einfach mal die Füße staad gehalten, wäre der Himmel jetzt immer weiß-blau (aber der Apfel war auch ganz lecker).

[2] »Servus« und »Habe die Ehre«: Eingeborenen-Hallo.

 

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