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Montag, 15. September 2014 von Piper Verlag


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Die Vorgeschichte zu »Das Sonntagsmädchen« als kostenloses e-book

Die letzten Tage des Sommers

Bonus zu Kate Lord Browns DAS SONNTAGSMÄDCHEN

Eine verwitterte Strandhütte, umgeben von hohen Schilfgräsern, die sich im Wind wiegen – diesen abgeschiedenen Ort in der Provence sucht die Künstlerin Jaqueline Lamba nach ihrer Flucht aus dem besetzten Paris auf. Denn hier ist ihre große Liebe, der von den Nationalsozialisten verfolgte Schriftsteller André Breton, untergetaucht und wartet auf sie. Das Paar hat alles aufgegeben, hofft auf ein neues Leben in Amerika. Doch niemand weiß, was die Zukunft bringt, in diesen letzten Tagen des Sommers … Lesen Sie die Vorgeschichte zu »Das Sonntagsmädchen« und erfahren Sie, wie alles begann.
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1

Martigues, Provence, Juli 1940

 

Komm sofort, stand in dem Telegramm von André. Paris ist verloren. Jacqueline denkt an ihn, spürt das zusammengefaltete Stück Papier in ihrer Rocktasche, als sie nach dem Kristall greift, ihn fest mit der Hand umschließt. Nicht mehr lange, denkt sie. Der Brunnen in der Mitte des Platzes zieht wieder ihren Blick auf sich, sie leckt sich den Staub von den trockenen Lippen. Von hier aus hört sie zwar nicht, wie das glitzernde Wasser aus dem Hahn in das Becken fließt, aber sie sieht es, malt sich aus, wie schön es wäre, es mit der Hand aufzufangen und zu trinken. Ihre Kehle ist wie ausgedörrt. Sie ist an diesem Vormittag schon viele Kilometer gelaufen, hat unter der erbarmungslosen Sonne das Kind getragen. Sie blickt nach unten; ihre Tochter schläft immer noch. Das Wasser ist unglaublich verlockend, aber sie kann es nicht riskieren, das Mädchen allein zu lassen, nicht eine Sekunde. Oder doch?

Sie sind André jetzt ganz nahe, sie kann ihn spüren, ihr Blut fließt schneller. Die Liebe hat sie Schritt für Schritt zu ihm hingezogen, mit dem Kind an ihrer Seite oder auf der Hüfte. Der Kristall ist ihr Talisman, er hat ihn ihr geschenkt. Mit den Fingerspitzen streicht sie über die glatten Flächen, spürt seine scharfen Linien nach. Sie nimmt ihn aus der Tasche, hält ihn gegen die Sonne, und ein betörendes Farbenspiel ergießt sich funkelnd über ihre Handfläche. In den Tagen, als sie Richtung Süden flohen, zog sie Kraft daraus, war überzeugt, er brächte ihnen Glück, während sie den Straßensperren auswichen, den Fragen, immer und immer wieder. Nicht mehr lang, nicht mehr lang, denkt sie und macht die Augen zu. Die provençalische Sonne flammt über ihre geschlossenen Lider.

Während sie darauf wartet, dass das Kind erwacht, lässt sie sich die letzten Wochen durch den Kopf gehen, Emotionen ziehen durch sie hindurch wie Gewitterwolken. Ihre Züge werden weich, als sie an das kurze Glück mit ihren Freunden in Royan denkt, an die Sorglosigkeit und die Sicherheit in Picassos Zuhause. Bei ihm und Dora, ihrer engsten Freundin von der Kunstakademie, fühlte sie sich sicher – zumindest für eine Weile. Picasso hat nicht vor, Frankreich zu verlassen, er hält sich für unberührbar. Hoffentlich hat er recht. Wieder überkommt sie die Verzweiflung, die sie beide verzehrte, als Paris an die einmarschierende Armee fiel und André nach seiner Demobilisierung in den Süden ging, wo er bei seinem alten Freund Mabille in Salon-de-Provence Zuflucht suchte. Mabille, denkt sie. Er ist der Arzt der Surrealisten, „ein Mann, der guten Rat weiß“, laut André. Chirurg, Universalgelehrter ... Flüchtling, genau wie wir. Er tut André gut, aber vielleicht hätte ich bei Picasso und Dora bleiben sollen, vielleicht wäre das sicherer gewesen als dieser Plan? Sich in irgendeiner Strandhütte zu verstecken und zu beten, dass unsere Visa kommen? Die Mittagshitze strahlt von der ockerbraun getünchten Mauer ab, gegen die sie sich lehnt. Ineinander verflochtene Winden schlängeln sich an der Wand herunter, ihre indigoblauen Blüten sind geschlossen wie Sonnenschirme. Ihre Tochter liegt im Schatten einer scharlachroten Bougainvillea, die Blütenblätter fallen wie Konfetti langsam ins Gras und legen sich auf ihr weißes Sommerkleid. Nein, wir gehören zu André. Lächelnd erinnert sie sich an das letzte Mal, als sie zusammen waren.

„Ich liebe dich“, sagte er in dem dunklen Flur des Ateliers in der Rue Fontaine und umarmte sie fest.

„Wahnsinnig?“ Sie versuchte, unbeschwert zu klingen, flirtend. Sie drückte sich an ihn, jede Faser ihres Körpers wollte mit ihm mitgehen, statt zu warten, bis es sicher war, ihm zu folgen. Der raue Stoff seiner Uniform rieb an ihrer Wange, die Messingknöpfe gaben nicht nach. Ihr Mann, der Dichter, der Soldat.

„Ja, ich liebe dich wahnsinnig.“

 

Gemeinsam können wir uns allem stellen, was auch kommen mag. Es wird nur neu gewürfelt – Schicksal, Zufall, wir gewinnen noch einmal. Sie sieht vor sich, wie sie beide Hand in Hand im Sturm an einem verlassenen Strand stehen und aufs Meer hinausblicken, während sich eine große dunkle Welle über sie erhebt. Jacqueline verstaut den Kristall wieder sicher in ihrer Tasche.

Wäre sie allein, würde Jacqueline trotz ihrer Erschöpfung einfach weiterlaufen, bis zum Meer, bis es nicht mehr weiterging. Dort wartet er auf sie. Jacqueline wirft einen Blick nach unten. Aube hat im Schlaf die Hände neben den Wangen zu kleinen Fäusten geballt. Genau wie früher, als sie noch ein Baby war. Einen kurzen Augenblick geht Jacqueline das Herz auf. Sie vergisst, wo sie sind, die Gefahr, in der sie sich befinden, träumt von anderen friedlichen, noch nicht lange zurückliegenden Nachmittagen, als sie zusammen unter Federbetten schliefen, auf frischer, in der Sonne getrockneter Bettwäsche, während Picassos Hunde in dem lichtgesprenkelten Garten bellten. Dann kehrt die Angst zurück, ihr Magen fährt Achterbahn, und sie schließt fest die Hand um den Kristall, die Kanten schneiden ihr in die Handfläche.

Sie wendet sich ab. Sie muss sich die bittere Angst aus dem Mund spülen. Nur einen Augenblick, denkt sie. Ihre Tochter schläft tief und fest, und sie wird nicht lange brauchen. Jacqueline geht mit ausgreifenden Schritten über die Straße, fängt an zu rennen. Sie sehnt sich danach, über den niedrigen Rand des Brunnens zu steigen und durch das kalte Wasser zu laufen, es mit den Händen zu schöpfen und sich den Schmutz, die wochenlangen Sorgen abzuwaschen. Aber sie hält sich zurück, spürt die neugierigen Blicke der Dorfbewohner, und setzt sich ruhig auf die Kante, ihr Rock breitet sich um sie aus. Sie nimmt eine Handvoll glitzerndes Wasser auf, hebt es an den Mund und trinkt, die Augen geschlossen vor Behagen.

Sie sind so nahe an der Stadtmitte, dass sie das Lärmen des Marktes hört, Leute, die rufend und schwatzend ihre Stände für diesen Tag zusammenräumen. Frauen machen sich zu zweit auf den Heimweg. Sie tragen einfache Baumwollkleider, haben zerfranste Körbe über dem Arm hängen. Jacquelines Blick ist fest wie der einer Löwin, die den Horizont der Hochebene absucht. Einen Moment lang stellt sie sich vor, in eines der bunt bemalten Häuschen in dem provençalischen Venedig zurückzukehren, die Läden vor der Sonne zu schließen, das schimmernde Licht von den Kanälen, dem See, dem Meer her. Wie schön wäre es, überlegt sie, an niemand anderen denken zu müssen als an mich selbst, keine Störungen, keine ständigen Forderungen. Wie phantastisch wäre es, sich wie ein Kind in einem Märchen in ein Federbett zu kuscheln und zu schlafen ... Sie stellt sich einsame Tage vor, an denen sie sich nur ausruht und malt. Ihr Künstlerinnenauge genießt die Farbpalette – gelbe, rote und blaue Häuser, das Funkeln des Lichts auf dem Wasser, aber Jacqueline schüttelt den Kopf. Mutter, Ehefrau, Künstlerin. Was kommt an erster Stelle?

Mit einer fließenden Bewegung greift sie hinunter, um sich den Straßenstaub von ihren scharlachroten Zehennägeln zu wischen. Ihr weiter Rock schwingt und raschelt, als sie zurück zu dem Kind geht.

„Aube?“ Jacqueline bleibt das Herz stehen. Sie rennt zu der Stelle, wo ihre Tochter gelegen hat. „Aube?“, ruft sie. Mit einer Hand schirmt sie die Augen ab und packt den kleinen Koffer, der alles enthält, was ihnen aus Paris noch geblieben ist.

„Monsieur?“, ruft Jacqueline, als sie in die nächste Straße läuft. „Haben Sie ein kleines Mädchen gesehen? Sie ist vier Jahre alt, blond ...“

„Im weißen Kleid?“ Er dreht sich um und zeigt Richtung Markt.

 

Das Kind läuft vor ihr her, schlängelt sich durch die Menge, eine weiße Perle, die durch hohes Gras rollt. Tauben flattern vom Marktplatz auf. Jacqueline setzt die Füße mit der Präzision einer Tänzerin auf den Boden auf, die Absätze ihrer Sandalen wirbeln kleine Staubwölkchen um den schwingenden Saum ihres schwarz-weißen Rocks hoch. „Aube!“, ruft Jacqueline und wendet den Kopf in alle Richtungen. Inmitten der Menge stellt sie den Koffer ab, dreht sich um die eigene Achse, die Angst schnürt ihr das Herz zu. „Aube!“, schreit sie. Ihre Stimme hallt wider, kommt von den Mauern, die immer näher rücken, zu ihr zurück. Die Menschen verstummen. Da hört sie es, das Lachen ihrer Tochter.

Jacqueline ignoriert die starren Blicke der Einwohner. Da, denkt sie und folgt dem klaren Kinderlachen. Sie hebt die Hand, streicht sich die blonden Haare aus der verschwitzten Stirn. Die Messing- und Holzreifen an ihrem Handgelenk klingeln. „Aube!“

Maman?“

Jacqueline bleibt stehen, den Kopf hochgereckt, wachsam. Das Sonnenlicht funkelt in den Spiegelscherben, die sie sich ins Haar gesteckt hat. Da. Der Singsang des Kindes lockt sie zu den Ständen. Beim Anblick der vertrauten braunen Sandalen, die unter einem rot-weiß karierten Tischtuch herausgucken, atmet Jacqueline tief durch. Sie geht in die Hocke, ihr Herz pocht gegen den dünnen Xylophonkäfig ihres Brustkorbs. Der Duft der Erdbeeren und Pfirsiche auf dem Tisch umgibt sie, erfüllt sie mit überwältigendem Verlangen und Hunger.

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