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Freitag, 10. Oktober 2014 von Piper Verlag


Kostenloses e-book: »Die Jagd«

Ein spannungsgeladener Kurzthriller vom Autor von »Mädchenjäger« und »Rattenfänger« als kostenloses e-book

http://www.piper.de/buecher/die-jagd-isbn-978-3-492-96854-6

Alexa will den Polizisten nur kurz nach dem Weg fragen, doch dann durchbrechen drei Schüsse die Stille der Nacht. Den Mann, der gefeuert hat, entdeckt sie zu spät. Aber der Unbekannte wird nicht aufgeben, ehe er die einzige Zeugin seiner Tat zum Schweigen gebracht hat …

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Die Jagd

Kurzthriller

Alexa will den Polizisten nur kurz nach dem Weg fragen, doch dann durchbrechen drei Schüsse die Stille der Nacht. Den Mann, der gefeuert hat, entdeckt sie zu spät. Aber der Unbekannte wird nicht aufgeben, ehe er die einzige Zeugin seiner Tat zum Schweigen gebracht hat … Ein spannungsgeladener Kurzthriller vom Autor von »Mädchenjäger« und »Rattenfänger«.
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MädchenjägerMädchenjäger

Thriller

Achtunddreißig verschwundene Frauen innerhalb weniger Jahre. Ohne jede Spur. Kein Motiv, kein Muster, keine Leichen. Detective Sergeant Mark »Heck« Heckenburg ist überzeugt, dass das kein Zufall sein kann, doch außer ihm glaubt niemand an einen Zusammenhang. Als Heck auf eigene Faust ermittelt, kommt ihm eine Frau zuhilfe: Lauren Wraxford, die verzweifelt auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester ist. Gemeinsam riskieren sie alles – in einem Kampf auf Leben und Tod gegen eine unsichtbare Macht ...
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Prolog

Am Vorabend trafen sie sich ein letztes Mal, um den Plan durchzugehen.

Sie waren Fachleute. Jeder kannte seine Rolle bis ins Letzte. Nichts war dem Zufall überlassen worden: Sie hatten das Ziel bis ins kleinste Detail ausgekundschaftet, jeder erdenklichen Panne war Rechnung getragen worden. Das Timing würde den Ausschlag geben, doch da sie ausgiebig geprobt hatten, machte sich niemand wirklich Sorgen. Natürlich würde das Ziel keine feststehenden Zeiten einhalten, was Schwierigkeiten bereiten könnte. Doch sie würden durchweg telefonisch miteinander in Verbindung stehen, und ihrer aller Erfahrung hatte sie unter anderem gelehrt, rasch umzudenken und bei Bedarf zu improvisieren. Ebenso, Geduld zu haben. Sollte der Ablauf dermaßen entgleisen, dass sie mit echten Unbekannten zu rechnen hätten, würden sie sich zurückziehen, neu aufstellen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder vorstoßen.

Am besten war es noch immer, auf Nummer sicher zu gehen und alles einfach zu halten. Gute Planung war jedoch das A und O: Erkenntnisse sammeln, verarbeiten und dann im richtigen Augenblick rasch und mit eingeübter Zielgenauigkeit zuschlagen. In mancherlei Hinsicht war das schon Lohn genug. Was jedoch berufliche Befriedigung betraf, kam dem nichts wirklich gleich.

Nachdem sie das Ganze zweimal durchgespielt hatten, gönnten sie sich einen Drink, eine Flasche dreißig Jahre alten Glen Albyn, gekauft vom Erlös des letzten Einsatzes. Während sie tranken, vernichteten sie alle Unterlagen, die sie in der Vorbereitungsphase zusammengetragen hatten: schriftliche Aufzeichnungen, Kartenskizzen, Fotos, Fahrpläne, besprochene Tonbänder, Speichersticks mit von Handys oder Digitalkameras aufgenommenem Filmmaterial. All das legten sie auf einen Kohlenrost über Holzscheite und Anmachholz, tränkten es mit Feuerzeugbenzin und setzten es in Flammen.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass tatsächlich etwas schiefging und sie noch mal ganz von vorn anfangen mussten – die Fährte aufnehmen, beschatten, Erkenntnisse sammeln –, würden sie das, ohne zu fragen oder zu murren, tun. Es zählte allein der Fleiß – an Abkürzungen glaubten sie nicht. Ohnehin war ihr Denken so zielgerichtet, dass sie viele wesentliche Einzelheiten im Gedächtnis behalten würden. Nur einmal bisher hatten sie eine Sache verschieben müssen, und bei der Gelegenheit hatte sich der zweite Anlauf als viel leichter erwiesen als der erste.

Während sie dabei zusahen, wie alles verbrannte und glutheiße Funken in den Nachthimmel wirbelten, klopften sie sich gegenseitig auf die Schulter, prosteten sich zu und wünschten sich Glück, das sie gar nicht brauchen würden – und einen guten Fang, an dem sie ebensolche Freude haben würden wie an der Jagd. Sie hatten den Glen Albyn fast geleert, aber selbst wenn sie am Morgen mit benebeltem Kopf aufwachen sollten, es käme nicht darauf an: Der Einsatzbeginn war erst für den Nachmittag angesetzt. Sie würden fit sein. Sie waren in Form, hatten das Spiel im Griff, liefen wie eine gut geölte Maschine. Und natürlich kam ihnen zu Hilfe, dass ihr Ziel völlig arglos war. Es würde mit dem Klingeln des Weckers aufstehen und mit nichts als einem völlig normalen Arbeitstag rechnen.

So schienen die meisten Frauen zu leben.

Wie oft war es ihr Verderben.

 

 

Kapitel

1

Freitagabende in London hatten etwas natürlich Entspanntes an sich.

Am angenehmsten waren sie Ende August. Ab siebzehn Uhr konnte man mit jeder Runde des Minutenzeigers fühlen, wie sich die Stadt unter dem staubigen Sommerhimmel entkrampfte. Das Durcheinander auf den Straßen war wild und lärmend wie immer – die Verkehrsströme wälzten sich hupend voran, auf den Gehsteigen drängten sich geschäftig die Fußgänger –, doch das »Grantige« fehlte, die mürrische Rücksichtslosigkeit, die die Straßen von London sonst oft prägte. Die Leute hatten es immer noch eilig, das schon, aber jetzt, weil sie wirklich gern irgendwo sein wollten, und nicht, weil sie unter Zeitdruck standen.

Im Bürotrakt von Goldstein & Hoff im sechsten Stock von Branscombe Court im Herzen der glitzernden »Square Mile«, dem Kern der Hauptstadt, war Louise Jennings genauso zumute. Noch zehn Minuten Papierkram, dann brach offiziell das Wochenende an – und wie sie darauf wartete. Samstagmorgen wollte sie raus zum Reiten und am Nachmittag eine neue Garderobe shoppen gehen, da sie am selben Abend im Rotary Club ein Essen hatten. Der Sonntag würde einfach ein schöner Faulenzertag werden, den sie, sollte irgendein Verlass auf den Wetterbericht sein, im Garten oder mit einem Ausflug in die Chilterns verbringen könnten.

Louise war ausgebildete Sekretärin, wobei die Berufsbezeichnung etwas in die Irre führen mochte. Eigentlich war sie »Generalsekretärin«, hatte mehrere Mitarbeiterinnen unter sich, ihr eigenes Büro und unterstand unmittelbar Mr Malcolm Forrester, dem Leiter der Abteilung für Rechtsabgleich bei Goldstein & Hoff. Sie verdiente ansehnliche vierzigtausend Pfund jährlich, also nicht schlecht für eine ehemalige Realschülerin aus Burnt Oak, und genoss hohes Ansehen bei den meisten Angestellten des Unternehmens, besonders bei den Männern – wenngleich das neben ihrem Verstand auch der wohlgestalteten Figur, den rotblonden Haaren und den hübschen Augen der Dreißigjährigen geschuldet sein mochte. Nicht dass sich Louise daran störte. Sie war schon vergeben. Sie war nun seit sechs Jahren mit Alan verheiratet und vorher drei Jahre lang mit ihm zusammen gewesen. Doch es gefiel ihr, anziehend zu wirken. Ihren Ehemann machte es stolz, und solange sich andere Männer aufs Hingucken beschränkten, genoss sie die Aufmerksamkeit. Wenn sie ehrlich war, gehörte ihr Aussehen zu den Waffen in ihrem Arsenal. Im Finanzwesen waren nur wenige, ganz gleich, welchen Geschlechts, das, was man »umgemodelt« nennen würde. Es war eine patriarchalische Gesellschaft, und obwohl stets die Möglichkeit bestand, dass Frauen große Macht ausübten, mussten sie immer noch wie Frauen aussehen und sich verhalten. Vor ihrem ersten Vorstellungsgespräch bei Goldstein & Hoff hatte ihr Alan strikte Anweisung gegeben, das Beste aus sich zu machen – einen schicken engen Rock zu tragen, hochhackige Schuhe, eine anschmiegsame, tief ausgeschnittene Bluse. Es hatte ihr den Job eingebracht und war seither ihre Bürokleidung geblieben.

Gut, ein wenig erniedrigend mochte die Auffassung zwar sein, man sei im Leben nur deshalb vorangekommen, weil man hinreißend aussah, aber das war nie die ganze Wahrheit. Louise war hoch qualifiziert, bloß waren das zahlreiche andere Frauen auch, und folglich galt es alles zu begrüßen, was einem sonst noch zum Vorteil diente.

Es war kurz nach achtzehn Uhr, als sie loskam und über die Straße zum Mad Jack’s eilte. Dort wurde sie von Simone, Nicola und Carly, ihren drei Mitarbeiterinnen, die alle großzügig »Freitagnachmittagsfeierabend« um halb fünf hatten machen dürfen, bereits erwartet.

Mad Jack’s, einst ein Tempel für Gintrinker aus Dickens’ Zeiten, war auf heutige Verhältnisse gebürstet worden, dünstete aber immer noch Atmosphäre aus. Hinter seinem altehrwürdigen Eingang aus Holz und Glas lag ein matt beleuchtetes Inneres mit eingezogenem Zwischengeschoss, das mit Eichenbalken, Hartholztäfelung und freigelegtem Backsteinmauerwerk protzte, wohin man auch sah. Wie an jedem Freitagnachmittag war der Pub bis zu den Außentüren randvoll mit lautstarken Anzugträgern in Feierlaune. Der Lärmpegel war erstaunlich. Lautes Gelächter schallte von einer Wand zur anderen, Gläser klirrten, Tische und Stühle wurden auf den massiven Eichendielen hin und her gerückt. Es hätte natürlich schlimmer sein können: Louise hatte bei Goldstein & Hoff angefangen, ehe das Rauchverbot verhängt worden war, und seinerzeit war das Lokal von Zigarrenqualm eingenebelt gewesen.

Die vier jungen Frauen schufen sich hinten in einer Ecke ihre kleine Insel und setzten sich. Jede bestellte sich einen Salat, allerdings zu einer gemeinschaftlichen Portion Pommes frittes mit Ketchup und Mayo. Louise achtete darauf, dazu nur zwei Gläser Chardonnay zu trinken. Nicht bloß, weil sie die Chefin war und sich daher verpflichtet fühlte, Vernunft und Anstand zu wahren, sondern auch, weil sie auf einem Stück ihres Heimwegs Auto fahren musste. Trotzdem war es der Teil der Woche, auf den sie sich alle freuten: endlich Zeit für jene boshaften Sticheleien, die sich während der Dienststunden streng verbaten – zumindest in Louises Hörweite.

Zuweilen zogen andere Kollegen Barhocker heran und gesellten sich zu ihnen, Männer, um angetrunken zu flirten, oder Frauen, um soeben aufgeschnappte Gerüchte weiterzuverbreiten. Ab einem gewissen Zeitpunkt nahm der Abend Ausmaße eines allgemeinen Gegackers an. Gegen halb acht flößte sich Carly ihren sechsten Southern Comfort mit Cola ein, und Nicola führte eine tiefschürfende Unterhaltung mit einem gut aussehenden jungen Burschen aus der Wertpapierabteilung. Die verschnörkelt verglasten Türen flogen krachend auf, als weitere Jungs aus der City dazudrängten. Es kam zu immer schrilleren Begrüßungen und noch gellenderem Gelächter. Allmählich trat eine Schweißnote zum Alkoholgeruch in den Raum, und mit einem Blick auf ihre Armbanduhr beschloss Louise, sich bald auf den Weg zu machen.

Ehe sie aufbrach, ging sie die Treppe hinunter in den Keller, wo die Toiletten waren. Die Tür zum Damenklo lag am Ende eines kurzen Durchgangs, Seite an Seite mit anderen Türen – zwei mit »Nur für Personal« beschriftet und eine mit »Herren«. Als sie eintrat, war sie allein. Sie ging in eine der Kabinen, raffte ihren Rock hoch, schob die Strumpfhose hinunter und hockte sich hin.

Und hörte jemanden nach ihr den Raum betreten.

Louise rechnete mit dem üblichen Klack-Klack-Klack hoher Absätze unterwegs zu einer anderen Kabine oder zum Spiegel über dem Waschbecken. Doch für einen kurzen Augenblick gab es überhaupt kein Geräusch. Dann vernahm sie das langsame Stapfen flacher Schuhe, in denen schwere Füße steckten.

Sie gingen ein paar Meter und blieben dann stehen. Louise lauschte angestrengt. Warum hatte sie plötzlich das Gefühl, wer immer es sei, stehe unmittelbar vor ihrer Tür? Sie schaute nach unten. Aus ihrem Blickwinkel ließ sich unmöglich unter der Tür hindurchsehen, doch sie war überzeugt, jemand stand genau davor und lauschte.

Sie warf einen Blick auf den Riegel. Er war bis zum Anschlag vorgeschoben.

Die Stille hielt einige Sekunden lang an, ehe sich die Schritte entfernten.

Louise musste sich zwingen, nicht erleichtert auszuatmen. Ihr wurde klar, dass sie sich unsinnig aufführte. Es gab keinerlei Grund zur Sorge. Keine drei Meter über ihr tobte das freitagabendliche Durcheinander im Mad Jack’s.

Wieder stoppten die Schritte.

Louise spitzte erneut die Ohren. Hatte die Person eine der anderen Kabinen betreten? Höchst wahrscheinlich, bloß gab es weder das Geräusch einer sich schließenden Tür noch das eines Riegels. Und nun, da sie besonders angestrengt lauschte, meinte sie, ein Atmen zu hören – gleichmäßig, ruhig, aber auch tief und heiser. Wie der Atem eines Mannes.

Vielleicht gehörte er zum Personal, ein Klowärter oder Handwerker? Sie war im Begriff, sich zu räuspern, um ihn wissen zu lassen, dass hier eine Frau war, als ihr plötzlich aufging, wie unklug das sein könnte. Angenommen, er gehörte nicht zum Personal?

Das Atmen hielt an, und die Füße bewegten sich abermals durch den Raum – weitere dumpfe Tritte hallten auf den Fliesen und kamen näher. Wer immer es war, machte entlang der Reihe Kabinen kehrt.

Unwillkürlich hob Louise einen Fingerknöchel an die Lippen. Würde er wieder vor ihrer Tür stehen bleiben?

Aber er tat es nicht.

Er stapfte schwerfällig vorbei und wandte sich im Weitergehen ab. Einen Augenblick später hörte sie die Zugangstür zu den Toiletten aufgehen und zufallen. Und dann war es still.

Louise wartete. Alles blieb ruhig.

Schließlich stand sie auf, zog ihre Strumpfhose wieder hoch, schob den Rock nach unten, entriegelte vorsichtig die Kabine und spähte hinaus. Sie konnte nicht alles einsehen, schien aber allein zu sein. Louise holte tief Luft und eilte zur Tür, öffnete sie und trat hinaus in den Korridor – und blieb augenblicklich stehen. Auf halber Höhe rechts stand eine andere Tür einen Spaltbreit offen. Es war eine mit der Aufschrift »Nur für Personal«. Durch den Spalt war ein schmaler Streifen Schwärze sichtbar. Louise fasste ihn fest ins Auge. War dort nicht eine schwache Bewegung zu sehen? Verbarg sich dort jemand und beobachtete sie?

Mit einem lauten Knall flog die Tür auf.

Doch der Mann, der durchtrat, war jung und trug die schwarze Bügelfaltenhose und das olivgrüne T-Shirt der Tresenkräfte. Er hatte ein Plastiktablett voll nass glänzendem Geschirr in den Händen. Als er sie sah und merkte, dass er sie erschreckt hatte, grinste er entschuldigend. »Sorry, Süße.«

Im Schlenderschritt entfernte er sich die Treppe hoch Richtung Tresenbereich.

Eine Hand auf dem Herzen, trat Louise vor und lugte durch die langsam zufallende Tür. Dahinter führte ein verdunkelter Gang an einer Reihe erhellter Räume vorbei und an seinem Ende zu einer Tür, durch die eine der Zuliefergassen hinter dem Gebäude zu sehen war. Mehrere andere Leute vom Personal waren dort unten zugange.

Sie kam sich töricht vor, eilte nach oben und stieß wieder zu den anderen.

Kurz vor zwanzig Uhr verließ Louise schließlich das Lokal, ihre Aktenmappe in der Hand. Es war ein fünfminütiger Fußweg runter zur U-Bahn-Station Bank, wo sie die Central Line nach Oxford Circus nahm. Dort stieg sie um in die Bakerloo-Linie.

Sie fuhr die Rolltreppe hinab zu den Zügen in Richtung Norden und stellte fest, dass sie allein war. Zu irgendeiner anderen Tageszeit hätte das seltsam sein können, aber jetzt war Freitagabend, und die meisten Fahrgäste würden in die Stadt unterwegs sein statt nach auswärts. Die Gewölbegänge lagen gleichermaßen verlassen da, und doch hatte Louise nur ein paar Meter zurückgelegt, als sie irgendwo hinter sich Schritte zu vernehmen glaubte. Sie blieb stehen und lauschte, hörte nun aber nichts mehr.

Sie schlenderte weiter bis auf den Bahnsteig. Wieder war niemand sonst zugegen. Ein warmer Windstoß blies ein paar Fetzen Papierabfall die glänzenden Schienen entlang. Da hörte sie die Schritte erneut – anscheinend kamen sie näher. Unruhig warf sie einen Blick zurück in den Durchgang, sah nichts, rechnete aber damit, dass jemand auftauchen würde.

Doch niemand kam. Und jetzt verstummten die Schritte. Beinahe so, als habe ihr Verfolger gespürt, dass sie auf ihn wartete.

Hinter ihr fuhr ein Zug dröhnend in den Bahnhof ein.

Erleichtert stieg sie zu.

In Marylebone, wo sie wieder unter Pendlern war, kaufte sie sich eine Abendzeitung und trank einen Kaffee, ehe sie einen Überlandzug nach High Wycombe bestieg. Inzwischen war es fast halb neun abends. Es gab an sich keinen Grund zur Eile. Alan, der eine Versicherungsgesellschaft sein Eigen nannte, verbrachte die Freitagnachmittage auf dem Golfplatz und würde bis weit nach dreiundzwanzig Uhr im Klubhaus an der Theke sitzen, aber es tat immer gut, sich beinahe schon zu Hause zu fühlen. Sie blickte zum Fenster hinaus, während die Bahn dahinschnellte. Im dunstigen Zwielicht verschmolzen die eintönigen Vororte von West London allmählich mit den Wäldern und Feldern der Home Counties. Die Nacht brach rasch herein. Als sie fünfundzwanzig Minuten später in Gerrards Cross den Zug verließ, war es völlig dunkel.

Wieder war sie allein, und es war sehr still. Doch sie war unbesorgt – das war ganz normal so. Gerrards Cross glich vielen anderen Kleinstädten im ländlichen South Bucks und war eigentlich nicht größer als ein Dorf. Als nobelster Bezirk außerhalb Londons war er viel zu hochpreisig für ein munteres Nachtleben, das hier nicht mal freitags stattfand. Seine Durchgangsstraße glänzte mit ein paar Gaststätten und Restaurants, doch das waren Edellokale – Kneipenschwärmer und Zechbrüder übertraten ihre Schwellen nicht.

Louise verließ den Bahnhof, der zu dieser Stunde unbeaufsichtigt war, und folgte einem heckengesäumten Seitenweg zum Parkplatz. Der Bahnhof von Gerrards Cross war in einen tiefen Geländeeinschnitt hineingebaut und lag unterhalb des Ortes selbst, sodass sein Parkplatz sogar am helllichten Tag eine dunkle, abgeschiedene Stelle blieb. Da sie nun den steil abfallenden Weg vom Bahnhof hinunterging, fiel ihr auf, dass mehrere seiner Flutlichter ausgefallen waren. Und als der Parkplatz in Sicht kam, schien auch noch ihr Auto zu fehlen.

Sie hielt verdutzt inne, bis sie es entdeckte. Es war das einzige verbliebene Fahrzeug und stand am hintersten Ende unter den tief hängenden, dicht belaubten Ästen einer uralten Kastanie. Dank der kaputten Lampen lag gerade diese Ecke komplett im Dunkeln. Sie setzte ihren Weg fort.

Und hörte abermals Schritte.

Sie blieb stehen und warf einen Blick über die Schulter.

Hinter ihr bog sich der Weg nach zwanzig Metern aus dem Sichtfeld. Niemand war zu sehen, und die Schritte machten schlagartig halt.

Louise blickte sich weiter um. Die Dachschräge des Bahnhofs zeigte sich über der Hecke. Dahinter und weiter oben liefen Lichter am Brückengeländer entlang – möglich, dass sie einen Fußgänger die Brücke überqueren gehört hatte. Aber auch dort gab es kein Anzeichen für irgendwen.

Sie ging weiter über den Parkplatz, der vielleicht zweihundert Meter lang, fünfzig Meter breit und an der rechten Seite von dichtem Unterholz begrenzt war. Nun bildete sich Louise ein, Bewegung in diesem Unterholz wahrzunehmen: ein beständiges Knistern im Laubwerk, als schöbe sich etwas Schweres hindurch. Ein Tier, sagte sie sich. Dieser Teil der Grafschaft wimmelte von Dachsen und Füchsen, besonders nachts.

Dann sah sie die Gestalt am Stamm der Kastanie angelehnt sitzen.

Sie blieb schlagartig stehen, ein Frösteln lief ihr über den Rücken.

War es ein Obdachloser, irgendeine Art Landstreicher? So jemanden bekam man selten, wenn überhaupt jemals in diesem vornehmen Bezirk zu Gesicht. Er war zusammengesunken, zerlumpt und trug, was wie ein schmutziger alter Mantel aussah, an dem sich vereinzelte Fetzen im Wind wiegten.

Doch dann erkannte sie, was sie tatsächlich sah.

Das zerlumpte, am Baumstamm »sitzende« Bündel war nichts weiter als ein mit Abfall und Altpapier vollgestopfter Müllsack.

Erneut kam sich Louise lächerlich vor und eilte weiter.

Noch immer war das Auto halb in Dunkelheit verborgen. Die Seite mit der Fahrertür stand dem Unterholz zugewandt, und der schmale verbliebene Spalt dazwischen lag in tiefem Schatten. Doch nun wollte Louise einfach nur nach Hause. Sie machte sich ja ganz kirre mit dieser dämlichen, unsinnigen Angst. Somit trat sie entschlossen und mutig an die Fahrerseite und war sich des dichten Gestrüpps in ihrem Rücken nur zu bewusst, während sie an ihrem Schlüsselbund herumfummelte. Aber sie hörte keine Bewegung mehr im Unterholz, und selbst wenn doch, na und? Es war Sommer. Vögel würden darin schlafen. Wenige hundert Meter entfernt erstreckte sich das Packhorse Common, wo schon Rotwild gesichtet worden war. Jedenfalls war nun keinerlei Geräusch mehr zu hören.

Sie schloss das Auto auf, warf ihre Aktentasche auf die Rückbank und setzte sich hinters Lenkrad. Einen Augenblick später hatte sie den Motor aufheulen lassen und war auf dem Weg zur Ausfahrt.

Sie verließ Gerrards Cross über die B416 und steuerte nach Süden Richtung Slough. In Stoke Poges bog sie rechts ab und fuhr nun auf schmalen, namenlosen Landstraßen in westliche Richtung. Da es ein windiger, aber warmer Abend war, hatte sie die Fenster teilweise herabgelassen. Motten und andere Insekten flatterten in ihrem Scheinwerferlicht. Ein Augenpaar funkelte auf, als eine Katze vor ihr über die Straße huschte. Beim Farnham Common schwenkte sie nach Süden auf Burnham zu. Baumgürtel zu beiden Seiten der Straße mit Zweigen, die sich über ihrem Kopf wie Finger verschränkten, rahmten sie tunnelartig ein.

Louise hatte sich wieder entspannt. Nur noch drei Meilen trennten sie von ihrem behaglichen Zuhause.

Plötzlich, mit einem donnernden Knall, verlor sie die Gewalt über das Fahrzeug. Es sackte schlagartig ab und schlitterte quer über die Straße, während das Lenkrad in ihren Händen herumwirbelte. Sie trat die Bremse durch und kam schleudernd und unter fürchterlichem Kreischen zum Stehen.

Als sie endlich stillstand, saß sie wie benommen da. Das einzige Geräusch war das Ticken des sich abkühlenden Motors. Sie sprang nach draußen.

Sie konnte kaum glauben, was sie sah: Ihre Vorderreifen hingen in Fetzen um die Felgen. Dasselbe mit den Hinterreifen. Sie waren buchstäblich in Stücke gerissen worden, Zinken des geborstenen Stahlgürtels stachen aus ihnen hervor. Sie ging im Kreis um den Wagen herum und war kaum imstande, ihr Pech zu begreifen. Ein platter Reifen allein wäre schon schlimm genug gewesen. Sie hatte noch nie ein Rad gewechselt, vermutete zwar, es zu können, aber hier, mitten im Wald und zu dieser Uhrzeit? Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr, da sie keine vier Ersatzreifen dabeihatte.

Sie nestelte in ihrer Jackentasche nach ihrem Handy. Sie würde Alan anrufen müssen. Schön, er saß im Golfklub und hatte wahrscheinlich zu viele Drinks intus zum Fahren, aber vielleicht war einer da, der sie aufgabeln könnte. Falls nicht, würde er wissen, was zu tun war.

Da fiel Louise noch etwas auf.

Sie hielt das Telefon in der Hand, doch ihre Finger erstarrten auf dem Tastenblock.

Etwa vierzig Meter hinter dem Auto schimmerte etwas im Mondschein, das quer über der Straße lag. Sie ging langsam darauf zu, aber blieb schon auf halber Strecke wieder stehen.

Es war ein Nagelbrett – sie glaubte jedenfalls, dass die Dinger so genannt wurden. Eine dieser ausziehbaren Sperren, mit denen die Polizei Fluchtwagen von Bankräubern außer Gefecht setzte. Irgendwer hatte es mutwillig auf die Straße gelegt.

Louise wurde sich bewusst, dass sie zitterte. Sie wandte sich zum Auto um. War es das Werk von Rowdys, irgendeiner Bande Halbstarker, denen nichts Besseres einfiel, um die Zeit totzuschlagen? Oder war es etwas Bösartigeres? Ohne sich weitere Gedanken über die zweite Möglichkeit zu gestatten und ganz bewusst ohne Seitenblicke in die lichtlosen Tiefen der Bewaldung ringsum hastete sie zurück zum Auto und riss die Fahrertür auf.

Sie hielt inne, um kurz zu überlegen: Auf den Radkappen fahren konnte sie natürlich nicht. Aber einschließen konnte sie sich. Ja, sie würde sich einschließen und telefonisch Hilfe rufen. Sie kletterte hinters Steuer, zog die Tür zu und wollte gerade die Schlösser verriegeln, als sie eine Bewegung direkt neben sich spürte.

Langsam drehte sie sich um.

Er saß auf dem Beifahrersitz. Offensichtlich war er eingestiegen, während sie vom Nagelbrett abgelenkt gewesen war. Er war stämmig und trug dunkle Kleidung: eine unförmige Lederjacke und darunter einen Kapuzenpulli, die Kapuze zurückgeschlagen. Er hatte schütteres Haar und Ohren so groß wie Bierkrughenkel. Aber er hatte keine Nase – nur eine verknorpelte Höhle – und keine Lider, während sein übriges Gesicht ein Flickwerk aus gedunsenem, gerötetem Narbengewebe war.

Louise wollte aufschreien, doch eine große lederbehandschuhte Hand klatschte sich auf ihren Mund. Eine zweite legte sich um ihre Gurgel.

Und drückte zu.

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