John Boyne und die katholische Kirche
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John Boyne

der Autor von »Der Junge im gestreiften Pyjama«

Mittwoch, 02. Mai 2018 von Piper Verlag


Im Interview spricht John Boyne, Autor des Bestsellers »Der Junge im gestreiften Pyjama«, über seinen neuen Gesellschaftsroman
»Cyril Avery«, seine Recherchearbeit zum Roman und erklärt, warum er Irland als Kulisse gewählt hat. 

Können Sie uns kurz beschreiben – natürlich ohne dabei zu viel zu verraten –, worum es in Ihrem neuen Roman »Cyril Avery« geht?
Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Cyril, den unehelicher Sohn einer jungen Frau vom Land. Von 1945 bis 2015 verbrachte er sein Leben in Dublin. Cyril ist schwul, und seine Lebensgeschichte spiegelt auch die Irlands wider – wie sich ein Land verändert, weiterentwickelt und im Laufe der Zeit selbstbewusster und fortschrittlicher wird. 

In Ihren Romanen entführen Sie den Leser an die unterschiedlichsten Handlungsorte. So spielt das »Das Haus zur besonderen Verwendung« beispielsweise im Russischen Zarenreich, »Das Vermächtnis der Montignacs« in London Anfang des 20. Jahrhunderts und »Die Geschichte der Einsamkeit« in Ihrer Heimat Irland. Für »Cyril Avery« haben Sie erneut Irland als Kulisse gewählt. Gab es dafür einen bestimmten Grund?
Ja, den gab es. Ich hatte etwa 18 Monate vor dem Volksentscheid zur gleichgeschlechtlichen Ehe in Irland mit dem Schreiben des Romans begonnen. Ich war beeindruckt davon, wie sich mein Land innerhalb so kurzer Zeit verändert hatte. Homosexualität wurde erst entkriminalisiert, als ich zur Uni ging, und doch waren wir Iren es, die sich innerhalb von 25 Jahren als erstes Land der Welt durch eine öffentliche Abstimmung für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprachen. Wie hatten wir es geschafft, so weit zu kommen? Wie hatte sich Irland, diese Bastion des Konservativen und des Katholizismus, so stark verändert? Das war es, was mich interessierte und worüber ich schreiben wollte.

Im Vergleich zu Ihren anderen Romanen schlägt »Cyril Avery« nicht nur tragische, sondern auch ungewohnt komische Töne an. Wie kam es dazu?
Da es sich um einen recht langen Roman handelte, war ich der Meinung, dass er nicht nur von Leid durchsetzt sein durfte, und so entschloss ich mich, Cyril zu einer ziemlich optimistischen Figur zu machen. Das Leben legt ihm zahlreiche Steine in den Weg, aber er verfällt nicht in Trauer, sondern geht unbeirrt seinen Weg. Darüber hinaus wollte ich auch mit Cyrils Adoptiveltern, Charles und Maude Avery, komische und exzentrische Elemente schaffen, die der Leser vielleicht unterhaltsam findet.

Die Figuren in Ihrem neuen Roman sind sehr facettenreich gezeichnet – insbesondere der Protagonist und Namensgeber des Buches Cyril Avery. Lassen Sie sich bei der Figurenkonzeption von Menschen aus ihrem Umfeld inspirieren? Haben Sie eventuell sogar eigene Erfahrungen oder Charakterzüge in Cyril und seiner Geschichte verarbeitet?
Ich wollte, dass Cyril eher Irland an sich verkörpert als mich selbst. In der ersten Hälfte des Buchs, die zwischen 1945 und 1973 spielt, ist Cyrils sexuelle Identität ebenso mit Angst besetzt wie das Thema Sex an sich, wie jede andere Form von Intimität. Obwohl Cyril nicht religiös ist, ist er Teil einer Gesellschaft, bei der die Kirche im Zentrum aller persönlichen Entscheidungen steht. In der zweiten Hälfte, die von der Zeit zwischen 1980 und 2015 erzählt, ist er stolz auf seine Identität und fürchtet sich nicht mehr.
In den Abschnitten des Buchs, in denen sich Cyril erstmals seiner Sexualität stellt – er hat Angst, da er nicht weiß, wie die Gesellschaft darauf reagieren wird – habe ich meine eigenen Erfahrungen durchaus eingebracht. Für jeden heranwachsenden Menschen, der sich seiner Homosexualität bewusst wird, ist das eine schwierige Phase. Ich habe versucht, möglichst viele meiner eigenen Emotionen einfließen zu lassen.
Alle denken übrigens, dass Maude auf einer realen Person basiert. Aber nein, sie ist lediglich ein Produkt meiner Fantasie! Wobei sie tatsächlich ein gutes Beispiel dafür wäre, wie weibliche Autoren innerhalb des Literaturbetriebs mit der Zeit immer weniger respektiert worden sind.

Sie mussten für den neuen Roman sicherlich weitreichende Recherchen unternehmen. Sind Sie dabei auf Informationen gestoßen, die Sie überrascht oder schockiert haben?
Tatsächlich musste ich nicht im gleichen Umfang recherchieren wie für meine vorherigen Romane, die noch stärker auf historischen Ereignissen aufbauten. Ich habe die Lebensgeschichten homosexueller Menschen in Dublin in den 50er und 60er Jahren erforscht, auch einige Gerichtsprozesse, die zu dieser Zeit stattfanden. Der Abschnitt, der die meiste Recherche erforderte, ist das Kapitel zu New York im Jahr 1987, in der es um die AIDS-Krise geht. In diesem Zusammenhang bin ich auf viele Informationen gestoßen, die für die dortigen Figuren wichtig wurden. Ich glaube, wir sind uns gar nicht mehr bewusst, was für ein Schrecken AIDS damals für die Leute war.

»Klug, humorvoll und gleichzeitig voller Tragik – eine epische Reise durch die jüngste Geschichte Irlands. Ein Autor auf dem Höhepunkt seines Schaffens.«


The Mail on Sunday

Blick ins Buch
Cyril AveryCyril Avery

Roman

Seit seiner Geburt steht Cyril Averys Leben unter einem ungünstigen Stern. Als uneheliches Kind hat er nämlich keinen Platz in der konservativen irischen Gesellschaft der 1940er Jahre. Ein exzentrisches Dubliner Ehepaar nimmt ihn in die Familie auf, doch auch dort findet er nicht das Zuhause, nach dem er sich sehnt. In dem katholischen Jungeninternat, auf das sie ihn schicken, lernt er schließlich Julian Woodbead kennen und schließt innige Freundschaft mit ihm. Bis er mehr für den rebellischen Lebemann zu empfinden beginnt und auch dieser Halt für ihn verloren geht. Einsam und verzweifelt verlässt Cyril letztendlich das Land – ohne zu wissen, dass diese Reise über Amsterdam und New York ihn an den Ort führt, nach dem er immer gesucht hat: Heimat.

I

Schande

 

 

1945

Der Kuckuck im Nest

Die guten Menschen von Goleen

Lange bevor wir herausfanden, dass er zwei Kinder mit zwei verschiedenen Frauen gezeugt hatte, einer in Drimoleague und einer in Clonakilty, stand Father James Monroe vor dem Altar der Kirche Unserer Lieben Frau, Stern des Meeres, der Gemeinde Goleen in West Cork und brandmarkte meine Mutter als Hure.

Die Familie saß in der zweiten Reihe, mein Großvater am Gang, wo er mit seinem Taschentuch die an die hölzerne Lehne vor ihm genagelte Bronzeplakette zum Gedenken an seine Eltern polierte. Er trug seinen Sonntagsanzug, den meine Großmutter am Abend zuvor erst aufgebügelt hatte. Sie ließ die Jaspisperlen ihres Rosenkranzes durch ihre verwachsenen Finger wandern und bewegte stumm ihre Lippen, bis er seine Hand auf ihre legte und ihr befahl aufzuhören. Meine sechs Onkel, das dunkle Haar feucht schimmernd von nach Rosenwasser duftender Pomade, saßen in nach Alter und Dummheit aufsteigender Ordnung neben ihr, jeweils zwei, drei Zentimeter kleiner als der nachfolgende ältere Bruder, was von hinten klar zu erkennen war. Die Jungs taten ihr Bestes, um wach zu bleiben, nachdem es am Vorabend in Skull einen Tanz gegeben hatte. Schwer angeschlagen waren sie nach Hause gekommen und hatten nur wenig schlafen können, bevor ihr Vater sie zum Kirchgang weckte.

Am Ende der Bank, unter der Schnitzerei der zehnten Station des Kreuzwegs, saß meine Mutter voll panischer Angst vor dem, was gleich kommen würde. Sie traute sich kaum, den Blick zu heben.

Die Messe begann wie immer, erzählte sie mir später, müde absolvierte der Priester die Eingangsrituale, und die Gemeinde sang gewohnt schief das Kyrie. William Finney, ein Nachbar meiner Mutter aus Ballydevlin, stieg aufgeblasen zur ersten und zweiten Lesung auf die Kanzel, räusperte sich direkt ins Mikrofon und betonte jedes Wort mit so dramatischer Eindrücklichkeit, als stände er auf der Bühne des Abbey Theatre. Father Monroe schwitzte sichtlich unter dem Gewicht seines Ornats und vor Wut, und nachdem die Gemeinde das Halleluja gesungen und er das Evangelium verkündet hatte, bedeutete er allen, sich zu setzen. Die drei rotbackigen Messdiener eilten zu ihrer Bank auf der Seite und tauschten aufgeregte Blicke. Vielleicht hatten sie in der Sakristei die priesterlichen Notizen gelesen oder gehört, wie Father Monroe seine Rede einübte, während er sich das Gewand über den Kopf zog. Vielleicht wussten sie auch nur, zu welcher Grausamkeit dieser Mann fähig war, und waren froh, dass sie sich an diesem Tag nicht gegen sie richten würde.

»Meine Familie lebt in Goleen, seit es Aufzeichnungen gibt«, fing Father Monroe an und sah auf einhundertfünfzig erhobene und einen gesenkten Kopf. »Einmal kam mir das fürchterliche Gerücht zu Ohren, dass mein Urgroßvater Verwandte in Bantry hätte, doch das hat sich zum Glück nicht bestätigt.« Ein dankbares Lachen der Gemeinde: Ein bisschen lokalpatriotische Bigotterie tat niemandem weh. »Meine Mutter«, fuhr er fort, »war eine gute Frau, sie liebte ihre Gemeinde. Sie ging ins Grab, ohne West Cork je verlassen zu haben, und sie hat es nie auch nur einen Moment bereut. ›Hier leben gute Menschen‹, hat sie mir immer gesagt. ›Gute, ehrbare, katholische Menschen.‹ Und nie, nie hatte ich Grund, daran zu zweifeln. Bis heute.«

Kurz wurde es unruhig in der Gemeinde.

»Bis heute«, wiederholte Father Monroe langsam und schüttelte traurig den Kopf. »Ist Catherine Goggin anwesend?« Er sah sich um, als hätte er keine Ahnung, wo sie sein könnte, obwohl sie seit sechzehn Jahren jeden Sonntagmorgen auf demselben Platz saß. Sofort drehten sich die Köpfe aller Männer, Frauen und Kinder in ihre Richtung, mit Ausnahme derer meines Großvaters und meiner sechs Onkel, die entschlossen nach vorn starrten, und meiner Großmutter, die ihren Blick in dem Augenblick senkte, als meine Mutter aufsah. Das Auf und Ab der Schande.

»Catherine Goggin, da bist du ja«, sagte der Priester, lächelte ihr zu und bedeutete ihr vorzutreten. »Komm her zu mir wie ein gutes Mädchen.«

Meine Mutter stand langsam auf und ging zum Altar, wo sie bisher nur die Kommunion empfangen hatte. Ihr Gesicht war damals nicht rot, erklärte sie mir Jahre später, sondern blass. Es war heiß in der Kirche, von der schwülen Sommerluft draußen und dem Atem der erregten Gemeinde, und sie fühlte sich unsicher auf den Beinen, hatte Sorge, sie könnte ohnmächtig werden, auf den Marmorboden fallen und dort verrotten als abschreckendes Beispiel für die anderen Mädchen in ihrem Alter. Nervös sah sie zu Father Monroe hin, fing kurz seinen bösartigen Blick auf und wandte sich gleich wieder ab.

»Als könnte sie kein Wässerchen trüben«, sagte der Priester und sah mit einem angedeuteten Lächeln auf seine Schäfchen hinab. »Wie alt bist du jetzt, Catherine?«, fragte er.

»Sechzehn, Father«, sagte meine Mutter.

»Sag es lauter. Damit dich auch die guten Leute hinten in der Kirche hören können.«

»Sechzehn, Father.«

»Sechzehn. Jetzt nimm den Kopf hoch und sieh dir deine Nächsten an. Deine Mutter und deinen Vater, die anständige, christliche Leben gelebt und ihren Eltern Ehre gemacht haben. Deine Brüder, die wir alle als gute, aufrechte junge Männer kennen, harte Arbeiter, die keine Mädchen auf Abwege bringen. Siehst du sie, Catherine Goggin?«

»Ja, das tue ich, Father.«

»Wenn ich dir noch einmal sagen muss, lauter zu sprechen, verpasse ich dir über den Altar hinweg eine Ohrfeige, und ich sage dir, nicht eine Menschenseele hier in der Kirche wird mir einen Vorwurf daraus machen.«

»Ja, das tue ich, Father«, sagte sie jetzt lauter.

»›Ja, das tue ich.‹ Das ist das einzige und letzte Mal, dass du in einer Kirche ›Ja‹ sagst, ist dir das klar, kleines Mädchen? Für dich wird es nie einen Hochzeitstag geben. Deine Hände greifen nach deinem fetten Bauch, wie ich sehe. Gibt es da ein Geheimnis, das du verbirgst?«

Ein kollektives Luftholen in den Bankreihen: Das war es, wovon die Gemeinde ohnehin ausgegangen war, was sonst hätte es sein können? Nur die Bestätigung hatte noch gefehlt. Blicke flogen zwischen Freunden und Feinden gleichermaßen hin und her, in den Köpfen formten sich bereits die kommenden Gespräche. Die Goggins, würde es heißen. Von der Familie war ja nichts anderes zu erwarten. Der Vater kann kaum seinen Namen auf ein Blatt Papier schreiben, und die Frau ist eine wirklich absonderliche Person.

»Ich weiß es nicht, Father«, sagte meine Mutter.

»Du weißt es nicht. Natürlich weißt du es nicht. Bist ja auch nicht mehr als ein dummes kleines Flittchen, nicht mehr Hirn im Kopf als ein Stallkarnickel. Und mit der Sittlichkeit steht es auch nicht besser, möchte ich hinzufügen. All ihr jungen Mädchen«, sagte er, hob die Stimme und sah die Bürger Goleens an, die reglos auf ihren Plätzen saßen, während er den Finger auf sie richtete. »Seht euch Catherine Goggin an, ihr jungen Mädchen, damit ihr wisst, was mit euch geschieht, wenn ihr untugendhaft lebt. Dann endet ihr mit einem Kind im Bauch und ohne einen Mann, der sich darum kümmert.«

Es wurde kurz laut in der Kirche. Im Jahr zuvor hatte sich ein Mädchen auf Sherkin Island schwängern lassen. Es war ein wundervoller Skandal gewesen. Und vorvergangene Weihnachten war es in Skibbereen passiert. Kam jetzt die gleiche Schande über Goleen? Wenn es tatsächlich so war, würde schon zum Tee nachmittags ganz West Cork Bescheid wissen.

»Nun, Catherine Goggin«, fuhr Father Monroe fort, legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte fest mit den Fingern zu. »Vor Gott, deiner Familie und den guten Christen dieser Gemeinde, nenne uns jetzt den Namen des Jungen, der mit dir ins Bett gegangen ist. Nenne ihn, damit er es gestehen und ihm im Namen Gottes vergeben werden kann. Und dann verschwindest du aus dieser Kirche und dieser Gemeinde und beschmutzt den Namen Goleens nie wieder, hörst du?«

Sie hob den Blick und sah zu meinem Großvater hinüber, der mit wie in Stein gehauener Miene den hinter dem Altar hängenden, ans Kreuz geschlagenen Jesus anstarrte.

»Dein armer Vater kann dir nicht helfen«, sagte der Priester, der ihrem Blick folgte. »Der will auch nichts mehr mit dir zu tun haben. Das hat er mir gestern Abend gesagt, als er ins Pfarrhaus kam, um mir die schändliche Neuigkeit zu überbringen. Und dass mir hier keiner Bosco Goggin die Schuld gibt, denn der hat seine Kinder nach den Werten der katholischen Kirche großgezogen. Nenne mir den Namen des Jungen, Catherine Goggin, nenne ihn mir, damit wir dich hinauswerfen können und dein schmutziges Gesicht nicht länger sehen müssen. Oder kennst du seinen Namen nicht? Ist es das? Gab’s da zu viele, als dass du dir sicher sein könntest, wer es war?«

Ein unzufriedenes Murmeln war aus den Reihen der Kirche zu hören. Das ging der Gemeinde dann doch einen Schritt zu weit, schließlich gerieten nun alle ihre Söhne in Verdacht. Father Monroe, der über zwanzig Jahre Hunderte von Predigten in dieser Kirche gehalten hatte, wusste, wie er die Anwesenden zu lesen hatte, und nahm sich ein wenig zurück.

»Nein«, sagte er. »Nein, ich sehe, da ist noch ein letzter Hauch Anstand in dir, und es gab nur einen Burschen. Aber nenne mir jetzt seinen Namen, Catherine Goggin, oder ich vergesse mich.«

»Ich sage ihn nicht«, sagte meine Mutter und schüttelte den Kopf.

»Was war das?«

»Ich sage ihn nicht«, wiederholte sie.

»Du sagst ihn nicht? Die Zeit für Schüchternheit ist lange vorbei, begreifst du das nicht? Den Namen, kleines Mädchen, oder ich schwöre beim Kreuze, dass ich dich in Schande aus diesem Gotteshaus prügle.«

Sie hob den Kopf und ließ den Blick durch die Kirche schweifen. Es war wie in einem Film, erzählte sie mir später, alle hielten den Atem an und fragten sich, auf wen sie den Finger wohl richten würde. Alle Mütter beteten, dass es nicht ihr Sohn wäre. Oder schlimmer noch: ihr Mann.

Sie öffnete den Mund und schien kurz davor, den Namen zu nennen, besann sich aber und schüttelte den Kopf.

»Ich sage ihn nicht«, wiederholte sie leise.

»Dann raus hier mit dir«, sagte Father Monroe, kam hinter sie und gab ihr mit seinem Stiefel einen allmächtigen Tritt, der sie die Altarstufen hinunterschickte, die Hände vor sich ausgestreckt, denn schon in dieser frühen Phase meiner Entwicklung wollte sie mich um jeden Preis schützen. »Raus hier, du Flittchen, raus aus Goleen, trag deine Schande anderswohin. In London gibt es Häuser, die für solche wie dich gebaut wurden, und Betten, in denen du dich auf den Rücken werfen und für jedermann die Beine breit machen kannst, um deine schamlosen Lüste zu befriedigen.«

Entsetztes Entzücken ließ die Gemeinde aufkeuchen, die jungen Burschen waren wie elektrisiert von derlei Vorstellungen, und als sich die Getretene wieder hochrappelte, packte der Priester sie beim Arm und zerrte sie durchs Kirchenschiff. Geifer troff ihm aus dem Mund und lief ihm das Kinn hinunter, sein Gesicht war vor Empörung tiefrot, und vielleicht war für diejenigen, die wussten, wohin sie zu blicken hatten, auch seine Erregung sichtbar. Meine Großmutter wandte den Kopf, doch mein Großvater versetzte ihr einen Schlag auf den Arm, und sie sah wieder nach vorn. Mein Onkel Eddie, der Jüngste der sechs und vom Alter her meiner Mutter am nächsten, stand auf und rief: »Ach, kommen Sie, jetzt reicht es aber«, worauf mein Großvater ebenfalls aufstand und ihn mit einem Kinnhaken zu Boden streckte. Mehr sah meine Mutter nicht, denn Father Monroe stieß sie hinaus auf den Friedhof und erklärte ihr, sie habe innerhalb einer Stunde das Dorf zu verlassen, und von diesem Tag an werde der Name Catherine Goggin in der Gemeinde Goleen weder ausgesprochen noch gehört werden.

Sie legte sich ein paar Minuten auf die Erde, erzählte sie mir, wusste sie doch, dass die Messe noch eine gute halbe Stunde dauern würde. Erst langsam sammelte sie sich wieder, stand auf und wollte nach Hause, wo, wie sie annahm, vor der Haustür eine gepackte Tasche auf sie wartete.

»Kitty.«

Die Stimme hinter ihr sorgte dafür, dass sie sich umdrehte und überrascht meinen sichtlich nervösen Vater auf sich zukommen sah. Sie hatte ihn hinten in der letzten Reihe sitzen sehen, als sie aus der Tür befördert wurde, und zu seiner Ehre muss gesagt werden, dass er beschämt gewirkt hatte.

»Hast du nicht genug angerichtet?«, fragte sie, hob eine Hand an den Mund und betrachtete das Blut unter ihren ungeschnittenen Nägeln.

»Das wollte ich ganz sicher nicht«, sagte er. »Es tut mir leid, dass du so einen Ärger hast. Ehrlich.«

»In einer anderen Welt«, sagte sie, »würdest du den Ärger bekommen.«

»Ach, komm, Kitty«, sagte er und nannte sie wieder so, wie er sie als Kind schon genannt hatte. »Sei nicht so. Hier sind ein paar Pfund«, fügte er hinzu und gab ihr zwei grüne irische Geldscheine. »Das sollte dir helfen, neu anzufangen.«

Sie betrachtete die Scheine einen Moment lang, hob sie in die Luft und zerriss sie in der Mitte.

»Ach, Kitty, es muss doch nicht …«

»Egal, was der Mann da drinnen sagt, ich bin keine Hure«, erklärte sie, knüllte die Fetzen zusammen und warf sie nach ihm. »Nimm dein Geld. Kleb es wieder zusammen und kauf Tante Jean damit ein hübsches Kleid zum Geburtstag.«

»Himmel, Kitty, schrei nicht so, Gott noch mal.«

»Du hörst nie wieder was von mir«, sagte sie, »und viel Glück auch.« Damit drehte sie sich um, ging nach Hause und nahm den Nachmittagsbus nach Dublin.

So verließ sie Goleen, den Ort ihrer Geburt, den sie mehr als sechzig Jahre nicht wiedersehen sollte, bis sie mit mir über ebenjenen Friedhof ging und unter den Grabsteinen nach den Resten der Familie suchte, die sie verstoßen hatte.

 

Ohne Rückfahrkarte

Natürlich hatte sie etwas gespart, ein paar Pfund, die sie während der letzten paar Jahre in einen Strumpf in ihrer Kommodenschublade gesteckt hatte. Eine ältliche Tante, die zur Zeit der Vertreibung meiner Mutter bereits drei Jahre tot war, hatte ihr gelegentlich ein paar Münzen zugesteckt, wenn sie ihr mit etwas geholfen hatte, und da war einiges zusammengekommen. Und dann war noch etwas von ihrem Kommunionsgeld und etwas mehr von ihrem Firmungsgeld übrig. Sie hatte nie viel ausgegeben, sie brauchte nicht viel, und von den Dingen, die ihr womöglich gefallen hätten, wusste sie nichts.

Wie erwartet, stand ihre Tasche bereits da, als sie nach Hause kam, ordentlich gepackt und direkt bei der Tür, mit ihrem Mantel und einer Mütze obenauf. Mantel und Mütze landeten auf der Lehne des Sofas, es waren abgelegte Sachen von den anderen, und sie nahm an, dass die Sonntagskleider, die sie trug, besser geeignet waren, um damit nach Dublin zu fahren. Sie sah nach ihrem Sparstrumpf, dessen Existenz sie so sorgfältig verheimlicht hatte wie die Tatsache, dass da etwas in ihr heranwuchs, bis gestern Abend ihre Mutter, ohne zu klopfen, in das Zimmer gekommen war, wo sie mit offener Bluse vor dem Spiegel stand und sich mit einer Mischung aus Furcht und Faszination über den vorgewölbten Bauch strich.

Der alte Hund sah von seinem Platz vor dem Kamin zu ihr hin, gähnte ausgiebig, kam aber nicht mit wedelndem Schwanz zu ihr gelaufen, wie er es normalerweise tat, wenn er auf ein Streicheln und ein paar gute Worte hoffte.

Sie ging in ihr Zimmer und sah sich ein letztes Mal um, ob sie nicht vielleicht doch noch etwas mitnehmen wollte. Da waren ihre Bücher, aber sie hatte sie alle gelesen, außerdem würde es am Ziel ihrer Reise auch welche geben. Auf ihrem Nachttisch stand eine kleine Porzellanfigur der heiligen Bernadette, und ohne einen vernünftigen Grund, einfach nur, um ihre Eltern zu ärgern, drehte sie die Heilige mit dem Gesicht zur Wand. Es gab auch eine kleine Spieluhr, die eigentlich ihrer Mutter gehörte und in der sie Andenken und kleine Schätze aufbewahrte. Als sie die Sachen durchsah, begann sich die Ballerina zu drehen, die Melodie aus Pugnis La Esmeralda ertönte, und sie entschied, dass all diese Dinge Teil eines anderen Lebens waren. Sie schloss den Deckel, und die Tänzerin verbeugte sich ein letztes Mal vor ihr.

Also gut, dachte sie, als sie das Haus verließ und die Straße zum Postamt hinunterging, wo sie sich aufs trockene Gras setzte und auf den Bus wartete. Sie ging ganz nach hinten, suchte sich einen Platz an einem offenen Fenster und atmete ruhig ein und aus, damit ihr nicht schlecht wurde, denn es ging über felsiges Terrain, zunächst nach Ballydehob und Leap, dann weiter nach Bandon und Innishannon, bevor der Bus nach Norden schwenkte, nach Cork City, eine Stadt, in der sie noch nie gewesen war, die ihr Vater aber als Ort voller Spielsüchtiger, Protestanten und Trinker beschrieb.

Für zwei Pence trank sie eine Tomatensuppe und eine Tasse Tee in einem Café am Lavitt’s Quay und ging dann am Fluss Lee entlang zum Parnell Place, wo sie sich eine Fahrkarte nach Dublin kaufte.

»Wollen Sie eine Rückfahrkarte?«, fragte der Fahrer, während er in seiner Tasche nach dem Wechselgeld suchte. »Es ist billiger, wenn Sie gleich beides kaufen.«

»Ich komme nicht zurück«, antwortete sie, nahm die Karte und steckte sie vorsichtig in ihr Portemonnaie. Sie hatte das Gefühl, dass es die Mühe wert sein könnte, sie aufzubewahren, ein papiernes Erinnerungsstück, auf dem der Beginn ihres neuen Lebens in dicker schwarzer Tinte mit Datum und Uhrzeit vermerkt war.

 

Aus der Nähe von Ballincollig

Eine andere Person hätte sich vielleicht ängstlich oder verunsichert gefühlt, als der Bus losfuhr und die Reise nach Norden begann, nicht so meine Mutter, die fest davon überzeugt war, dass die sechzehn Jahre in Goleen, all das Von-oben-herab-Behandelt- und Ignoriert-Werden, das ständige Hinter-ihren-Brüdern-Zurückstehen, irgendwann zwangsläufig zu einem Aufbruch in die Unabhängigkeit hatten führen müssen. Jung, wie sie war, hatte sie sich bereits etwas bang mit ihrer Schwangerschaft abgefunden, auf die sie, wie sie mir später erzählte, zum ersten Mal in Davy Talbots Lebensmittelladen an der Hauptstraße aufmerksam geworden war. Sie hatte neben einem Stapel frischer Orangen gestanden, zehn Kisten insgesamt, als sie spürte, wie ich ihr mit einem noch ungeformten Fuß einen Tritt gegen die Blase versetzte. Es war nicht mehr als ein kleines, unangenehmes Zucken, das alles hätte sein können, von dem sie jedoch wusste, dass am Ende ich daraus werden würde. Einen Abbruch zog sie gar nicht erst in Betracht, obwohl einige Mädchen im Dorf von einer Witwe in Tralee sprachen, die mit Espomsalz, Vakuumbeuteln und einer Zange schreckliche Dinge anstellte. Für sechs Shilling, sagten die Mädchen, konnte man zu ihr und kam ein paar Stunden später um drei, vier Pfund leichter wieder heraus. Nein, sie wusste genau, was sie tun wollte, wenn ich geboren wurde. Sie musste nur auf meine Ankunft warten, um ihren Großen Plan auch zu verwirklichen.

Der Bus nach Dublin war gut besetzt, und an der ersten Haltestelle stieg ein junger Mann mit einem alten, braunen Koffer zu und sah zwischen den wenigen noch freien Plätzen hin und her. Als er für einen Moment neben meiner Mutter stehen blieb, spürte sie seinen Blick auf sich brennen, wagte aber nicht, zu ihm hinaufzusehen, denn vielleicht kannte er ja ihre Familie, hatte schon von ihrer Schande gehört und würde eine entsprechende Bemerkung machen, sobald er ihr Gesicht sah. Es fiel jedoch kein Wort, und er ging weiter. Erst sieben, acht Kilometer später kam er noch einmal zurück und zeigte auf den leeren Platz neben ihr.

»Darf ich?«, fragte er.

»Hast du nicht einen Platz weiter hinten?«, sagte sie und warf einen Blick über die Schulter.

»Der Kerl neben mir isst Eiersandwiches, und mir wird schlecht von dem Geruch.«

Sie zuckte mit den Schultern, nahm ihren Sonntagsmantel und ließ ihn sich setzen, wobei sie ihn kurz musterte. Er trug einen Tweedanzug, den obersten Knopf unter seiner Krawatte hatte er aufgemacht, und jetzt setzte er auch seine Kappe ab. Er war vermutlich ein paar Jahre älter als sie, achtzehn oder auch neunzehn, und obwohl meine Mutter in jenen Tagen das war, was man »einen Hingucker« nannte, war sie durch ihre Schwangerschaft und die dramatischen Ereignisse des Morgens absolut nicht in Flirtlaune. Natürlich hatten die Jungen im Dorf immer wieder versucht, eine kleine Romanze mit ihr anzufangen, doch sie hatte nie Interesse gezeigt, was ihr einen Ruf von Tugendhaftigkeit eingebracht hatte, der nun natürlich dahin war. Es gab ein paar Mädchen im Dorf, von denen es hieß, sie bräuchten nur ein wenig Aufmunterung, um etwas zu tun, zu zeigen oder sich küssen zu lassen, aber Catherine Goggin hatte nie dazugehört. Es musste ein Schock für die Jungen gewesen sein, von ihrer Schande zu erfahren, und einige von ihnen würden es sicher bedauern, sich nicht etwas mehr angestrengt zu haben. Jetzt, wo sie weg war, würden sie sagen, sie sei immer schon ein Flittchen gewesen, was meiner Mutter alles andere als egal war. Sie und die Person, die sich die Jungs in ihrer schmutzigen Fantasie ausmalten, würden kaum mehr als ihren Namen gemeinsam haben.

»Trotzdem ein netter Tag«, sagte der Junge neben ihr.

»Wie bitte?«, fragte sie und sah ihn an.

»Ich sagte, es ist ein netter Tag«, wiederholte er. »Nicht schlecht für die Jahreszeit.«

»Mag sein.«

»Gestern hat’s geregnet, und heute Morgen sah der Himmel schwer nach Schauern aus. Aber nichts ist runtergekommen.«

»Du interessierst dich fürs Wetter, wie?«, sagte sie und hörte den Sarkasmus in ihrer Stimme, störte sich aber nicht daran.

»Ich bin auf dem Bauernhof aufgewachsen«, sagte er. »Da wird einem so was zur Gewohnheit.«

»Ich auch«, sagte sie. »Mein Vater verbringt sein halbes Leben damit, zum Himmel hinaufzustarren und in die Luft zu schnuppern, um rauszufinden, wie der nächste Tag wird. Es heißt, in Dublin regnet es ständig. Glaubst du das?«

»Ich denke, das werden wir bald herausfinden. Ist es dein erstes Mal?«

»Wie bitte?«

Sein Gesicht lief dunkelrot an, vom Halsansatz bis über die Ohren, und das Tempo, mit dem das geschah, faszinierte sie. »Ob du zum ersten Mal nach Dublin fährst«, sagte er schnell. »Ich meine, du fährst doch bis hin, oder steigst du vorher aus?«

»Willst du meinen Fensterplatz?«, fragte sie. »Ist es das? Du kannst ihn haben, wenn du willst. Mir ist das egal.«

»Nein, bestimmt nicht«, sagte er. »Ich frage nur so. Ich sitze hier gut. Es sei denn, du fängst auch an, Eiersandwiches zu essen.«

»Ich hab nichts dabei«, sagte sie. »Leider.«

»Ich habe einen halben gekochten Schinken in meinem Koffer. Ich kann dir eine Scheibe abschneiden, wenn du möchtest.«

»Ich könnte im Bus nichts essen. Da würde mir schlecht.«

»Darf ich fragen, wie du heißt?«, fragte der junge Mann, und meine Mutter zögerte.

»Gibt es einen Grund, warum du das wissen willst?«

»Damit ich weiß, wie ich dich ansprechen soll«, sagte er.

Sie sah ihn an, und erst jetzt wurde ihr bewusst, wie gut er aussah. Ein Mädchengesicht, erzählte sie mir später. Saubere Haut, die nie eine Rasierklinge gesehen hatte. Lange Wimpern. Blondes Haar, das ihm ständig in die Stirn und über die Augen fiel. Und da war etwas an seiner Art, was sie glauben ließ, dass er keinerlei Bedrohung für sie darstellte, und so gab sie ihre Abwehrhaltung schließlich auf.

»Ich heiße Catherine«, sagte sie. »Catherine Goggin.«

»Freut mich, dich kennenzulernen«, antwortete er. »Ich bin Seán MacIntyre.«

»Kommst du aus Dublin, Seán?«

»Nein, ich bin aus der Nähe von Ballincollig. Kennst du dich da aus?«

»Ich hab davon gehört, war aber nie da. Ich war eigentlich noch nie irgendwo.«

»Aber jetzt«, sagte er. »Jetzt fährst du rauf in die große Stadt.«

»Ja, das tu ich«, sagte sie und sah aus dem Fenster. Auf den Feldern waren Kinder beim Heumachen, sprangen auf und ab und winkten, als sie den Bus herankommen sahen.

»Fährst du oft rauf?«, fragte Seán einen Augenblick später.

»Tu ich was?«, fragte sie und zog die Brauen zusammen.

»Nach Dublin«, sagte er und legte sich eine Hand an die Wange. Vielleicht fragte er sich, warum bei ihr alles, was er sagte, irgendwie falsch ankam. »Fährst du die Strecke öfter? Vielleicht hast du ja Verwandte da?«

»Ich kenne keine Menschenseele außerhalb von West Cork«, erklärte sie ihm. »Die Stadt wird für mich ein komplettes Rätsel sein. Was ist mit dir?«

»Ich war noch nie da, aber ein Freund von mir ist vor über einem Monat hingezogen und hat gleich einen Job in der Guinness-Brauerei gekriegt. Er meint, ich kann auch da arbeiten, wenn ich will.«

»Vertrinken die nicht immer gleich alles, was sie verdienen?«

»Ach nein, da gibt’s sicher Regeln. Vorgesetzte und so. Leute, die rumlaufen und aufpassen, dass sich keiner betrinkt. Mein Freund sagt allerdings, dass einen der Geruch verrückt macht. Der Hopfen, die Gerste, die Hefe und was noch alles in das Bier hineinkommt. Er sagt, man riecht den Gestank bis weit raus auf die Straße, und dass die Leute, die in der Gegend wohnen, ziemliches Pech haben.«

»Wahrscheinlich dürfen sie sich alle betrinken«, sagte meine Mutter, »und müssen keinen Penny dafür bezahlen.«

»Mein Freund sagt, wer neu anfängt, braucht ein paar Tage, um sich an den Geruch zu gewöhnen, und dass einem bis dahin ganz schön schlecht sein kann.«

»Mein Daddy mag Guinness«, sagte meine Mutter und erinnerte sich an den bitteren Geschmack des Biers aus den Flaschen mit dem gelben Etikett, die mein Großvater gelegentlich mit nach Hause brachte. Sie hatte mal kurz daran genippt, als er nicht im Zimmer war. »Jeden Mittwoch- und Freitagabend geht er in den Pub, du kannst die Uhr danach stellen. Mittwochs belässt er es bei drei Pint mit seinen Kumpeln und kommt zu einer anständigen Zeit nach Hause, aber freitags säuft er sich voll. Oft kommt er erst morgens um zwei nach Hause und holt meine Mum aus dem Bett, damit sie ihm ein paar Würste brät, vor allem seine Blutwurst, und wenn sie Nein sagt, kriegt sie seine Fäuste zu spüren.«

»Bei meinem Daddy ist jeden Tag Freitag«, sagte Seán.

»Gehst du deswegen weg?«

Er zuckte mit den Schultern. »Zum Teil«, sagte er nach einer langen Pause. »Ich hatte ein bisschen Ärger zu Hause, wenn ich ehrlich bin. Es ist das Beste so.«

»Was für Ärger?«, fragte sie interessiert.

»Weißt du, ich glaube, ich lass das alles am liebsten hinter mir, wenn’s dir nichts ausmacht.«

»Natürlich«, sagte sie. »Es geht mich ja nichts an.«

»So habe ich’s nicht gemeint.«

»Ich weiß. Ist schon okay.«

Er machte den Mund auf, um noch etwas zu sagen, doch sie wurden von einem kleinen Jungen abgelenkt, der den Mittelgang im Bus hinauf- und hinunterlief. Er trug den Federschmuck eines Indianers und produzierte das dazu passende Geräusch, ein schreckliches Heulen, das selbst einem Tauben Kopfschmerzen bereitet hätte. Der Busfahrer brüllte von vorn, wenn niemand das Kind zur Ruhe bringe, werde er umdrehen, sie alle zurück nach Cork City bringen, und glaube bloß keiner, dass sie den Fahrpreis erstattet bekämen.

»Was ist mit dir, Catherine?«, fragte Seán, als der Friede wiederhergestellt war. »Was treibt dich in die Hauptstadt?«

»Wenn ich’s dir verrate«, antwortete meine Mutter, »versprichst du mir dann, dass du nichts Gemeines zu mir sagst? Ich hab heute schon so viele unfreundliche Sachen gehört, wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht die Kraft für noch mehr.«

»Ich versuche, grundsätzlich nicht unfreundlich zu sein«, sagte Seán.

»Ich bekomme ein Baby«, sagte meine Mutter und sah ihm ohne jede Scham in die Augen. »Ich bekomme ein Baby und hab keinen Mann, der mir hilft, es großzuziehen, und das hat natürlich einen großen Krach gegeben. Meine Mutter und mein Vater haben mich aus dem Haus geworfen, und der Priester meinte, ich solle aus Goleen verschwinden und das Dorf nie wieder betreten.«

Seán nickte, wurde diesmal aber trotz der Verfänglichkeit des Themas nicht rot. »Solche Sachen passieren, nehme ich an«, sagte er. »Wir sind alle nicht vollkommen.«

»Der hier schon«, sagte meine Mutter und deutete auf ihren Bauch. »Oder die hier. Im Moment jedenfalls noch.«

Seán lächelte und sah nach vorn, und beide sagten eine lange Weile nichts mehr. Vielleicht dösten sie ein wenig, vielleicht schloss einer von beiden auch nur höflich die Augen, damit sie ihren Gedanken nachhängen konnten. Wie auch immer, es war mehr als eine Stunde später, als sich meine Mutter, wieder wach, ihrem Reisebegleiter zuwandte und ihn leicht am Arm berührte.

»Kennst du dich in Dublin aus?«, fragte sie. Vielleicht war ihr endlich klar geworden, dass sie keine Ahnung hatte, was sie tun oder wohin sie sich wenden sollte, wenn sie ankamen.

»Ich weiß, dass sich in Dublin das Unterhaus befindet, dass der River Liffey mittendurch fließt und es an einer großen, langen, nach Daniel O’Connell benannten Straße ein Clerys-Kaufhaus gibt.«

»Davon gibt es vermutlich eins in jeder mittleren Kreisstadt.«

»Bestimmt. Genau wie es eine Einkaufsstraße gibt. Und eine Hauptstraße.«

»Und eine Brückenstraße.«

»Und eine Kirchenstraße.«

»Gott schütze uns vor den Kirchenstraßen«, sagte meine Mutter mit einem Lachen, und Seán lachte ebenfalls. Die beiden waren wie zwei Kinder, die kichernd ihre Respektlosigkeit genossen. »Dafür brate ich in der Hölle«, fügte sie hinzu, als das Lachen ein Ende gefunden hatte.

»Da werden wir alle braten«, sagte Seán. »Ich ganz besonders.«

»Warum ganz besonders?«

»Weil ich ein schlechter Kerl bin«, sagte er mit einem Zwinkern, und sie lachte wieder, spürte, dass sie zur Toilette musste, und fragte sich, wann sie wohl einen Halt einlegen würden. Später erzählte sie mir, dass dies der einzige Moment im Verlauf ihrer Bekanntschaft gewesen sei, in dem sie so etwas wie eine Anziehung zu Seán verspürt habe. Es war wie eine kurze Fantasie, dass sie den Bus als Liebespaar verlassen, innerhalb eines Monats heiraten und mich als ihr gemeinsames Kind großziehen könnten. Ein schöner Traum, denke ich, aber einer, der nie wahr werden sollte.

»Du kommst mir nicht vor wie ein schlechter Kerl«, erklärte sie ihm.

»Oh, du solltest mich sehen, wenn ich mal richtig loslege.«

»Ich warte drauf. Aber jetzt erzähl mir von deinem Freund. Wie lange, hast du gesagt, ist er schon in Dublin?«

»Etwas mehr als einen Monat«, sagte Seán.

»Kennst du ihn gut?«

»Das tu ich, ja. Wir haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt, als sein Vater die Farm neben unserer gekauft hat. Seitdem sind wir gute Kumpel.«

»Sicher, wenn er dir einen Job besorgt. Die meisten Leute sorgen nur für sich selbst.«

Er nickte und senkte den Blick, sah auf seine Fingernägel und dann aus dem Fenster. »Port Laoise«, las er von einem Schild ab, an dem sie vorbeifuhren. »Wir kommen langsam näher.«

»Hast du Brüder oder Schwestern, die dich vermissen werden?«, fragte sie.

»Nein«, sagte Seán. »Es gibt nur mich. Nach meiner Geburt konnte meine Mum keine Kinder mehr kriegen, und das hat ihr mein Dad nie vergeben. Er hat verschiedene Geliebte, und niemand hat etwas dagegen, weil der Priester sagt, dass ein Mann von seiner Frau ein Haus voller Kinder erwartet und ein unfruchtbares Feld nicht beackert werden muss.«

»Die kennen sich aus, was?«, sagte meine Mutter, und Seán legte die Stirn in Falten. Bei aller Durchtriebenheit war er es nicht gewohnt, sich über die Geistlichkeit lustig zu machen. »Ich habe sechs Brüder«, erklärte meine Mutter nach einer Weile. »Fünf von ihnen haben da, wo das Gehirn sein sollte, nur Stroh im Kopf, und der Einzige, der mir was bedeutet, mein jüngster Bruder Eddie, will selbst Priester werden.«

»Wie alt ist er?«

»Ein Jahr älter als ich. Siebzehn. Im September kommt er ins Seminar. Ich glaube nicht, dass er da glücklich wird, weil er, das weiß ich, nach Mädchen verrückt ist. Aber er ist der Jüngste, verstehst du, und die Farm wird unter den beiden Ältesten aufgeteilt. Die nächsten beiden werden Lehrer, der Fünfte taugt zu nichts, weil er zu dumm ist, und so bleibt nur Eddie. Er muss Priester werden. Natürlich sind alle völlig begeistert. Nur ich werde von dem ganzen Rummel nichts mehr mitbekommen«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu. »Die Besuche, die Gewänder und die Ordination durch den Bischof. Glaubst du, sie lassen gefallene Frauen Briefe an ihre Brüder im Seminar schreiben?«

»Keine Ahnung«, sagte Seán und schüttelte den Kopf. »Darf ich dir eine Frage stellen, Catherine? Wenn du sie nicht beantworten willst, kannst du es mir einfach sagen.«

»Aber ja.«

»Will der Kindsvater sich nicht … du weißt schon … um das Baby kümmern?«

»Der? Ganz sicher nicht«, sagte meine Mutter. »Der freut sich wie ein König, dass ich weg bin. Da würde Blut fließen, wenn irgendjemand herausfände, dass er es ist.«

»Und machst du dir gar keine Sorgen?«

»Worüber?«

»Wie du allein mit der Situation fertigwirst?«

Sie lächelte. Er war unschuldig, lieb und vielleicht ein wenig naiv, und ein Teil von ihr fragte sich, ob eine große Stadt wie Dublin für jemanden wie ihn das Richtige war. »Natürlich mache ich mir Sorgen«, sagte sie. »Wahnsinnige Sorgen sogar. Aber ich bin auch froh. Ich habe es gehasst, in Goleen zu leben. Es ist gut für mich, dass ich da rauskomme.«

»Das Gefühl kenne ich. West Cork macht komische Sachen mit einem, wenn man zu lange dort bleibt.«

»Wie heißt dein Freund? Der bei Guinness?«

»Jack Smoot.«

»Smoot?«

»Ja.«

»Was für ein merkwürdiger Name.«

»Ich glaube, es gab ein paar Holländer in seiner Familie. Vor langer Zeit.«

»Denkst du, er könnte auch einen Job für mich finden? Eventuell könnte ich in einem Büro arbeiten.«

Seán sah an ihr vorbei aus dem Fenster und biss sich auf die Lippe. »Ich weiß nicht«, sagte er zögerlich. »Ich will ehrlich zu dir sein: Ich würde ihn nicht so gern fragen. Er hat sich schon so ins Zeug gelegt, um für mich und ihn was zum Wohnen zu finden. Das hat ziemlich gedauert.«

»Natürlich«, sagte meine Mutter. »Ich hätte nicht fragen sollen. Ich kann ja auch selbst losgehen und mir was suchen, wenn sich sonst nichts ergibt. Ich hänge mir ein Schild um den Hals: ›Ehrliches Mädchen sucht Arbeit. Braucht in etwa vier Monaten eine Weile frei.‹ Ich sollte keine Witze darüber machen, oder?«

»Du hast nichts zu verlieren, nehme ich an.«

»Würdest du sagen, dass es in Dublin viele Jobs gibt?«

»Ich würde sagen, dass du so oder so nicht lange suchen musst. Du bist … weißt du … Du bist eine …«

»Was bin ich?«

»Du bist hübsch«, sagte Seán mit einem Achselzucken. »Und Arbeitgeber mögen das. Du kannst immer noch als Verkäuferin anfangen.«

»Als Verkäuferin«, sagte meine Mutter, nickte langsam und überlegte.

»Ja, als Verkäuferin.«

»Wahrscheinlich schon.«

 

Drei Küken

Nach Ansicht meiner Mutter unterschieden sich Jack Smoot und Seán MacIntyre wie Tag und Nacht, und es überraschte sie, dass sie so gute Freunde waren. Während Seán kontaktfreudig und so freundlich war, dass es fast schon an Naivität grenzte, hatte Smoot eine dunkle, zurückhaltende Art und konnte auf eine Weise in sich hineinbrüten, die an Verzweiflung erinnerte.

»Die Welt«, sagte er einmal, als sie sich ein paar Wochen kannten, »ist ein schrecklicher Ort. Es ist unser Unglück, in sie hineingeboren worden zu sein.«

»Immerhin scheint die Sonne«, sagte sie darauf und lächelte. »Wenigstens das.«

Als der Bus nach Dublin hineinfuhr, wurde Seán auf dem Platz neben ihr immer aufgeregter. Mit großen Augen blickte er aus dem Fenster auf die unbekannten Straßen und Gebäude, an denen sie vorbeikamen und die enger standen als alles, was er aus Ballincollig kannte. Kaum bog der Fahrer auf den Aston Quay, war Seán auf den Beinen, holte seinen Koffer aus dem Gepäcknetz und schien es nicht abwarten zu können, bis die anderen Passagiere vor ihm endlich ihre Besitztümer zusammengepackt hatten. Dann konnte er aussteigen, blickte sich nervös um und sah, wie ein Mann aus einem kleinen Wartehäuschen auf der anderen Seite der Straße neben McBirney’s Kaufhaus in seine Richtung kam. Ein erleichtertes Lächeln überzog sein Gesicht.

»Jack!«, rief er und verschluckte sich fast vor Glück, als der etwa zwei Jahre ältere Mann zu ihm trat. Einen Moment lang standen sie einander gegenüber und grinsten, bis sie sich herzlich die Hand schüttelten und Smoot in einem seltenen Moment von Ausgelassenheit Seán die Kappe vom Kopf zog und voller Freude in die Luft warf.

»Du hast es also geschafft«, sagte er.

»Hattest du Zweifel?«

»Ich war nicht sicher. Ich dachte, vielleicht stehe ich hier am Ende herum wie O’Donovans Esel.«

Meine Mutter ging auf die beiden zu, glücklich wie alle anderen, wieder an der frischen Luft zu sein. Smoot, der natürlich keine Ahnung davon hatte, dass irgendwo zwischen Newbridge und Rathcoole ein Plan entstanden war, schenkte ihr keinerlei Beachtung, sondern konzentrierte sich ganz auf seinen Freund. »Was ist mit deinem Vater?«, fragte er. »Hast du …«

»Jack, das ist Catherine Goggin«, sagte Seán und zeigte auf meine Mutter. Smoot starrte sie an und wusste nicht, warum sie ihm vorgestellt wurde.

»Hallo«, sagte er nach einer kurzen Pause.

»Wir haben uns im Bus kennengelernt«, sagte Seán. »Wir haben nebeneinandergesessen.«

»Ach ja?«, sagte Smoot. »Besuchst du Verwandte hier?«

»Nicht wirklich«, sagte meine Mutter.

»Catherine ist ein bisschen in Schwierigkeiten geraten«, erklärte Seán. »Ihre Mum und ihr Daddy habe sie rausgeworfen und wollen sie nicht mehr sehen, weshalb sie in Dublin ihr Glück versuchen wird.«

Smoot nickte, und seine Zunge beulte die Backe aus. Er überlegte. Er war so dunkel wie Seán blass und hellhaarig, und sein Gesicht war voller winziger Pockennarben. Seine breiten Schultern beschworen in meiner Mutter gleich das Bild herauf, wie er, im Gestank von Hopfen und Gerste wankend, hölzerne Guinness-Fässer über den Hof der Brauerei rollte. »Das versuchen viele«, sagte er schließlich. »Es gibt natürlich Möglichkeiten. Manche haben nur wenig Erfolg und nehmen irgendwann die Fähre übers Wasser.«

»Schon als Kind hab ich immer geträumt, dass ich auf einem Schiff mitfahren würde, und es würde sinken und ich müsste ertrinken«, sagte meine Mutter, was nichts als Unsinn war. Sie hatte nie etwas Ähnliches geträumt, erfand es aber so aus dem Nichts, damit der Plan, den sie und Seán im Bus ausgeheckt hatten, verwirklicht werden könnte. Auf dem Weg hatte sie keine Angst gehabt, wie sie mir später erzählte, doch jetzt flößten ihr die Stadt und der Gedanke, dort ganz allein zu sein, einige Furcht ein.

Smoot wusste nichts zu sagen, sondern sah sie nur geringschätzig an, bevor er sich wieder an seinen Freund wandte.

»Dann gehen wir also, oder?«, sagte er, steckte die Hände in die Taschen und nickte meiner Mutter zu, als wäre sie nun offiziell entlassen. »Wir gehen zu unserer Wohnung und dann etwas essen. Ich hatte den ganzen Tag nur ein Sandwich und könnte einen kleinen Protestanten verspeisen, zumindest wenn ihm jemand etwas Soße über den Kopf gießen würde.«

»Tolle Sache«, sagte Seán. Smoot wandte sich ab, um voranzugehen, Seán folgte ihm, den Koffer in der Hand, während Catherine ein paar Schritte hinter ihm blieb. Smoot sah sich um, zog die Brauen zusammen, und die beiden blieben stehen und stellten ihr Gepäck ab. Er starrte sie an, als wären sie verrückt, ging weiter, und wieder folgten sie ihm. Endlich drehte er sich ganz um, die Hände verwundert in die Seiten gestützt.

»Ich habe das Gefühl, ich verstehe nicht ganz, was hier vorgeht«, sagte er.

»Hör zu, Jack«, sagte Seán. »Die arme Catherine ist ganz allein auf der Welt. Sie hat keinen Job und nicht viel Geld, um sich einen zu suchen. Ich habe ihr gesagt, sie könnte vielleicht ein paar Tage bei uns unterschlüpfen, bis sie selbst klarkommt. Dagegen hast du doch nichts, oder?«

Smoot schwieg eine Weile, und meine Mutter sah die Enttäuschung und den Unmut in seinem Gesicht. Sie fragte sich, ob sie einfach sagen sollte, es sei schon in Ordnung, sie wolle niemandem Umstände machen und werde die beiden in Frieden lassen, aber Seán war im Bus so nett gewesen, und wenn sie jetzt nicht mit ihm ging, wo sollte sie dann hin?

»Ihr kennt euch von zu Hause, ist es das?«, fragte Smoot. »Ist das ein Spielchen, das ihr mit mir spielen wollt?«

»Nein, Jack, wir haben uns gerade erst kennengelernt, das verspreche ich dir.«

»Moment mal«, sagte Smoot, und seine Augen verengten sich etwas, während er den Bauch meiner Mutter näher in Augenschein nahm, der sich, mit mir im fünften Monat, bereits zu runden begann. »Bist du …? Ist das …?«

Meine Mutter verdrehte die Augen. »Ich sollte zum Zirkus gehen«, sagte sie, »bei dem Interesse, auf das mein Bauch heute stößt.«

»Ah, so«, sagte Smoot, und seine Miene wurde noch finsterer. »Seán, hat das was mit dir zu tun? Bringst du da was mit zu mir?«

»Natürlich nicht«, sagte Seán. »Ich sage dir doch, wir haben uns gerade erst kennengelernt. Wir haben nebeneinander im Bus gesessen, das ist alles.«

»Und da war ich bereits im fünften Monat«, fügte meine Mutter hinzu.

»Wenn das so ist«, sagte Smoot, »warum ist es dann plötzlich unsere Sache? Du trägst keinen Ring am Finger, wie ich sehe.« Er nickte zur linken Hand meiner Mutter hin.

»Nein«, sagte sie. »Die Chancen stehen auch nicht gut, dass ich einen bekomme.«

»Und jetzt bist du vermutlich hinter Seán her.«

Meine Mutter wusste nicht, ob sie lachen oder beleidigt sein sollte. »Das bin ich nicht«, sagte sie. »Wie oft müssen wir noch erklären, dass wir uns eben erst kennengelernt haben? Ich würde mich kaum nach einer einzelnen Busfahrt an jemanden ranschmeißen.«

»Nein, aber um einen Gefallen bitten würdest du schon.«

»Jack, bitte, sie ist allein«, sagte Seán ruhig. »Wir beide wissen, was das bedeutet, oder? Ich dachte, ein bisschen christliches Mitgefühl würde nicht schaden.«

»Du und dein verdammter Gott«, sagte Smoot. Er schüttelte den Kopf, und meine Mutter, so stark sie war, wurde ganz blass, denn in Goleen fluchte niemand so.

»Es ist nur für ein paar Tage«, wiederholte Seán. »Bis sie in der Stadt zurechtkommt.«

»Aber es ist sehr eng«, sagte Smoot und war bereits halb geschlagen. »Es ist gerade genug Platz für uns zwei.« Eine lange Weile sagte keiner was, und endlich zuckte er mit den Schultern und gab nach. »Na gut«, seufzte er. »Wie es aussieht, zählt meine Stimme in der Sache nichts, also machen wir das Beste draus. Für ein paar Tage, sagst du?«

»Für ein paar Tage«, sagte meine Mutter.

»Bis du was gefunden hast?«

»Nur bis dann.«

»Hm«, sagte er und ging voraus. Seán und meine Mutter folgten ihm.

 

Die Wohnung in der Chatham Street

Während sie sich der Brücke über den River Liffey näherten, sah meine Mutter über das Geländer hinunter in den Fluss und das schmutzige Grün und Braun, das da so eilig in die Irische See hinausdrängte, als wollte es Stadt, Priester, Pubs und Politik schnellstmöglich hinter sich lassen. Sie atmete ein, verzog das Gesicht und erklärte, das Wasser sei hier nicht annähernd so klar wie in West Cork.

»In den Flüssen zu Hause kann man sich die Haare waschen«, sagte sie, »und natürlich tun das auch viele. Meine Brüder gehen jeden Samstagmorgen mit einem Stück Lifebuoy-Seife zu einem Bach hinter unserer Farm und kommen blitzblank zurück, wie die Sonne an einem Sommertag. Maisie Hartwell ist mal erwischt worden, wie sie ihnen heimlich zugesehen hat, und ihr Daddy hat ihr dafür ein paar mit dem Lederriemen übergezogen, dem verdorbenen Biest.«

»Die Busse«, sagte Smoot, drehte sich um, nahm die Zigarettenkippe aus dem Mund und zertrat sie mit dem Stiefel, »fahren in beide Richtungen.«

»Komm schon, Jack«, sagte Seán, und die Enttäuschung in seiner Stimme war so rührend, dass meine Mutter sofort wusste, sie würde niemals von ihm so angesprochen werden wollen.

»So was nennt man einen Witz«, sagte der gescholtene Smoot.

»Ha«, antwortete meine Mutter. »Haha.«

Smoot schüttelte den Kopf und ging weiter, und sie hatte Gelegenheit, sich die Stadt anzusehen, die nach allem, was sie ihr Leben lang gehört hatte, voller Huren und gottloser Menschen sein sollte, dabei fühlte sie sich fast wie zu Hause, nur dass es mehr Autos und größere Häuser gab, und die Leute bessere Kleider trugen. In Goleen gab es nur den arbeitenden Mann, seine Frau und ihre Kinder. Niemand war reich, niemand war arm, und die Welt behielt ihre Stabilität, indem die gleichen paar Hundert Pfund von Geschäft zu Geschäft wanderten, von der Farm zum Lebensmittelladen und von der Lohntüte zum Pub. Aber hier sah sie feine Pinkel in Nadelstreifenanzügen mit sorgsam gestutzten Schnauzbärten, Ladys in ihren besten Kleidern, Hafenarbeiter und Schiffer, Verkäuferinnen und Eisenbahner. Ein Anwalt auf dem Weg zu den Four Courts eilte in voller Aufmachung vorbei, die Robe flatterte wie ein Umhang hinter ihm her, und eine Böe drohte ihm die weiße Perücke vom Kopf zu fegen. Aus der anderen Richtung kamen ein paar angetrunkene junge Seminaristen wankend den Bürgersteig herunter, gefolgt von einem kleinen Jungen mit einem kohlegeschwärzten Gesicht und einem Mann, der wie eine Frau gekleidet war – so was hatte sie noch nie gesehen. Oh, hätte ich doch nur einen Fotoapparat!, dachte sie. Das würde denen in West Cork die Sprache verschlagen! An der nächsten Kreuzung sah sie die O’Connell Street hinunter und erblickte auf halbem Weg die große dorische Säule mit der daraufstehenden Statue, die stolz die Nase in die Luft reckte, um den Gestank der Leute nicht einatmen zu müssen.

»Ist das die Nelsonsäule?« fragte sie, und beide, Smoot und Seán, sahen hinüber.

»Richtig«, sagte Smoot. »Woher weißt du das?«

»Auch bei uns zu Hause gibt es Schulen«, erklärte sie ihm. »Ich kann sogar meinen Namen buchstabieren. Wie dem auch sei, das ist ein tolles Ding, oder?«

»Ein Haufen alter Steine, die sie aufgestapelt haben, um einen weiteren Sieg der Engländer zu feiern«, sagte Smoot und überhörte ihren Sarkasmus. »Wenn du mich fragst, sollten sie den Dreckskerl dahin zurückschicken, wo er hergekommen ist. Seit mehr als zwanzig Jahren sind wir jetzt unabhängig, und noch immer blickt der alte Mann aus Norfolk auf uns herab und überwacht jede unserer Bewegungen.«

»Ich finde, die Säule gibt dem Ganzen eine gewisse Pracht«, sagte sie, vor allem, um ihn zu ärgern.

»Findest du?«

»Ja.«

»Na dann Prost Mahlzeit«

Dieses Mal würde sie Horatio Nelson jedoch nicht näher kommen, denn sie gingen in die entgegengesetzte Richtung, die Westmoreland Street hinunter und am Tor des Trinity College vorbei, wo meine Mutter die dort versammelten gut aussehenden jungen Männer in ihren schicken Anzügen anstarrte und ein neidisches Zucken im Bauch verspürte. Warum hatten sie das Recht, dort zu studieren?, fragte sie sich. Ihr selbst würde so etwas auf ewig verwehrt bleiben.

»Das ist ein fürchterlich eingebildeter Haufen, würde ich sagen«, meinte Seán, der ihrem Blick gefolgt war. »Und natürlich alles Protestanten. Jack, kennst du einen von den Studenten?«

»Oh, ich kenne jeden Einzelnen«, sagte Smoot. »Schließlich gehen wir jeden Abend gemeinsam essen. Wir trinken auf den König und versichern uns gegenseitig, was für ein toller Kerl Churchill ist.«

Meine Mutter spürte Ärger in sich aufsteigen. Es war nicht ihre Idee gewesen, für ein paar Nächte bei den beiden unterzukommen, sondern Seáns, und das noch dazu ein Akt reiner Nächstenliebe. Sie begriff nicht, warum Smoot deswegen so grob sein musste. Sie gingen die Grafton Street entlang, dann rechts in die Chatham Street und blieben schließlich vor einer kleinen roten Tür neben einem Pub stehen, wo Smoot einen Messingschlüssel aus der Tasche zog und sich zu ihnen umwandte.

»Der Vermieter wohnt Gott sei Dank nicht mit im Haus«, sagte er. »Mr Hogan kommt samstagmorgens, um die Miete zu kassieren. Ich warte hier draußen auf ihn, und alles, wovon er je redet, ist der verdammte Krieg. Er ist für die Deutschen, damit sie es ihnen heimzahlen. Der scheiß Idiot denkt, es wäre nur gerecht, wenn sie den Engländern das Rückgrat brächen. ›Aber was dann?‹, habe ich ihn gefragt. ›Welches Land kommt als Nächstes an die Reihe?‹ Wir. Wir würden vermutlich schon Weihnachten vor Hitler salutieren und mit den Armen in der Luft im Stechschritt die Henry Street hinuntermarschieren. Nicht, dass es wirklich noch so weit kommen wird, die verdammte Geschichte ist bald vorbei. Jedenfalls zahle ich drei Shilling die Woche Miete«, meinte er und sah Catherine an, und sie war einverstanden, ohne es laut zu sagen. Sieben Tage hatte die Woche, also waren es fünf Pence pro Tag. Zwei, drei Tage: fünfzehn Pence. Das war nur fair, dachte sie.

»Pennybilder!«, rief ein Junge, der mit einem Fotoapparat um den Hals die Straße herunterkam. »Ein Penny, ein Bild!«

»Seán!«, rief meine Mutter und zog ihn am Arm. »Sieh dir das an. Ein Freund von meinem Vater in Goleen hat einen Fotoapparat. Bist du schon mal fotografiert worden?«

»Noch nie«, sagte er.

»Lassen wir uns fotografieren«, sagte sie begeistert. »Zum Andenken an unseren ersten Tag in Dublin.«

»Ein verschwendeter Penny«, sagte Smoot.

»Ja, das wäre eine schöne Erinnerung«, sagte Seán. Er winkte den Jungen heran und gab ihm einen Penny. »Komm her, Jack. Du musst mit drauf.«

Meine Mutter stand neben Seán, aber Smoot schob sie zur Seite, und der Verschluss klickte genau in dem Moment, als sie ihn verärgert ansah.

»Es ist in drei Tagen fertig«, sagte der Junge. »An welche Adresse geht es?«

»Genau hier«, sagte Smoot. »Du kannst es durch den Briefschlitz werfen.«

»Bekommen wir nur eins?«, fragte meine Mutter.

»Sie kosten einen Penny pro Stück«, sagte der Junge. »Wenn Sie noch eins wollen, kostet es mehr.«

»Eins reicht«, sagte sie daraufhin und wandte sich von ihm ab, als Smoot die Tür aufschloss.

Die Treppe war so schmal, dass sie einer nach dem anderen hinaufsteigen mussten. Links und rechts löste sich die vergilbte Tapete von den Wänden. Es gab keinen Handlauf, und als sich meine Mutter nach ihrer Tasche bückte, nahm Seán sie ihr ab.

»Geh zwischen uns«, sagte er und schob sie hinter Smoot her. »Wir wollen doch nicht, dass du fällst und dem Baby was passiert.«

Sie lächelte ihn dankbar an und kam oben in einen kleinen Raum mit einer blechernen Badewanne in einer Ecke, einem Waschbecken und dem absolut größten Sofa, das meine Mutter je in ihrem Leben gesehen hatte. Wie das jemand diese Treppe hinaufbekommen hatte, war ihr ein Rätsel. Es sah so weich und bequem aus, dass sie sehr an sich halten musste, um sich nicht gleich darauffallen zu lassen und so zu tun, als wären alle Abenteuer der letzten vierundzwanzig Stunden nichts als pure Einbildung gewesen.

»Nun, das ist alles, mehr gibt es nicht«, sagte Smoot mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit. »Das Wasser im Becken läuft, wenn es will, aber es ist kalt, und es ist eine verdammte Schweinearbeit, es mit einem Eimer zur Wanne zu schleppen, wenn man sich waschen will. Wenn ihr aufs Klo müsst, geht in einen der Pubs in der Nähe, aber tut so, als wolltet ihr dort jemanden treffen, sonst setzen sie euch an die Luft.«

»Geht das immer so? Mit ›scheiß Idioten‹ und ›verdammten Schweinen‹ und so weiter, Mr Smoot?«, fragte meine Mutter und lächelte ihn an. »Mich stört’s nicht wirklich, verstehen Sie, ich will nur wissen, was mich erwartet.«

Smoot starrte sie an. »Magst du meine Ausdrucksweise nicht, Kitty?«, fragte er, und ihr Lächeln verschwand gleich wieder.

»Nennen Sie mich nicht so«, sagte sie. »Ich heiße Catherine, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Also gut, ich werde in Ihrer Anwesenheit versuchen, mich mehr wie ein Gentleman zu benehmen, wenn es Sie so stört, Kitty. Ich werde auf meine verdammte Sprache achten, jetzt, wo wir …«, er hielt inne und nickte zum Bauch meiner Mutter hin, »eine Dame im Haus haben.«

Sie schluckte und wäre am liebsten auf ihn losgegangen, doch was konnte sie tun, wo er ihr ein Dach über dem Kopf bot?

»Es ist toll«, sagte Seán, um die Spannung abzubauen. »Sehr gemütlich.«

»Das ist es«, sagte Smoot lächelnd, und meine Mutter fragte sich, was sie tun könnte, um sich seine Freundschaft zu verdienen.

»Vielleicht«, sagte sie schließlich mit einem Blick zur halb offenen Tür in der Ecke, hinter der sie ein einzelnes Bett sehen konnte, »vielleicht ist es ein Fehler. Es ist hier nicht genug Platz für drei. Mr Smoot hat sein Schlafzimmer, und das Sofa, Seán, wird für dich sein. Es wäre nicht richtig von mir, wenn ich es dir nehmen würde.«

Seán starrte auf den Boden und sagte nichts.

»Du kannst mit bei mir im Bett schlafen, mit dem Kopf am Fußende«, sagte Smoot. Er sah Seán an, der purpurrot angelaufen war. »Und Kitty nimmt das Sofa.«

Die Atmosphäre war so unangenehm und verkrampft, dass meine Mutter nicht wusste, was sie denken sollte. Minuten verstrichen, erzählte sie mir, und die drei standen da, und keiner sagte ein Wort.

»Also dann«, brach sie endlich das Schweigen, erleichtert, weil sie weit hinten in ihrem Kopf einen Satz gefunden hatte. »Hat jemand Hunger? Ich glaube, ich würde gern drei Essen bezahlen, um mich zu bedanken.«

 

Ein Journalist, vielleicht

Zwei Wochen nachdem Dublin die Nachricht erreichte, dass sich Adolf Hitler erschossen hatte, ging meine Mutter in einen billigen Juwelierladen in der Coppinger Row und kaufte sich einen Ehering, schmal, golden und mit einem kleinen Schmuckstein. Sie war immer noch nicht aus der Wohnung in der Chatham Street ausgezogen, allerdings hatte Jack Smoot seinen Frieden mit ihrer Anwesenheit in der Wohnung gemacht. Er schenkte seiner Untermieterin kaum noch Beachtung. Sie versuchte, sich nützlich zu machen, hielt die Wohnung sauber und benutzte das wenige Geld, das sie hatte, um dafür zu sorgen, dass etwas zu essen auf dem Tisch stand, wenn die beiden von der Arbeit nach Hause kamen. Seán hatte am Ende tatsächlich eine Arbeit bei Guinness bekommen, wenn er auch nicht unbedingt glücklich damit war.

»Den halben Tag schleppe ich Hopfensäcke herum«, erklärte er ihr eines Abends, als er in der Wanne lag, um seine Muskeln zu entspannen. Meine Mutter saß auf dem Bett nebenan und hielt ihm den Rücken zugewandt, doch die Tür stand halb offen, damit sie reden konnten. Es war ein seltsames Zimmer, dachte sie. Es hing nichts an der Wand, nur ein Saint-Brigid’s-Kreuz und ein Foto von Papst Pius XII. Und daneben noch das Bild, das sie bei ihrer Ankunft in Dublin hatten machen lassen. Der Junge war kein guter Fotograf gewesen, denn auch wenn er Seán lächelnd und Smoot durchaus gut getroffen hatte, hatte er sie selbst doch nur halb aufs Bild bekommen, und ihr Kopf war nach rechts gedreht, aus Ärger darüber, wie Smoot sie zur Seite drängte. An einer Wand stand eine Kommode, in der die Sachen von Seán und Smoot lagen, völlig durcheinander, als käme es nicht darauf an, was wem gehörte. Das Bett war kaum groß genug für einen, ganz zu schweigen für zwei, die Fuß an Kopf darin schliefen. Kein Wunder, sagte sie sich, dass sie nachts die sonderbarsten Geräusche durch die Tür dringen hörte. Die beiden mussten fürchterliche Schwierigkeiten haben, richtig zu schlafen.

»Meine Schultern sind wund«, sagte Seán, »mein Rücken tut weh, und vom Geruch in der Brauerei kriege ich üble Kopfschmerzen. Vielleicht sehe ich mich nach was anderem um. Ich weiß nicht, wie lange ich es noch aushalte.«

»Jack scheint’s zu gefallen«, sagte meine Mutter.

»Der ist auch härter im Nehmen als ich.«

»Was sonst könntest du machen?«

Es dauerte lange, bis Seán antwortete. Sie hörte ihn in seiner Wanne planschen, und ich frage mich, ob sich ein Teil von ihr nicht umdrehen und den Körper des jungen Mannes in seinem Bad betrachten wollte oder ob sie vielleicht sogar überlegte, ohne weitere Scham hinüberzugehen und ihm anzubieten, sich die Wanne mit ihm zu teilen. Er hatte ihr geholfen, half ihr immer noch und war ein gut aussehender Bursche. Zumindest hat sie es mir so erzählt. Es muss schwer gewesen sein, da nicht so etwas wie Zuneigung zu entwickeln.

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

»Da ist etwas in deiner Stimme, das mir sagt, dass du durchaus eine Vorstellung hast.«

»Es ist nur so eine Idee«, sagte er und klang ein wenig verlegen. »Aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich könnte.«

»Sag schon.«

»Du lachst mich nicht aus?«

»Vielleicht«, sagte sie. »Es könnte mir nicht schaden, mal wieder richtig zu lachen.«

»Nun, es gibt all die Zeitungen«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Die Irish Times natürlich und die Irish Press. Ich stelle mir vor, dass ich was für sie schreiben könnte.«

»Was?«

»Kleine Nachrichten, weißt du. Zu Hause in Ballincollig habe ich auch geschrieben. Geschichten und so. Ein paar Gedichte. Die meisten sind nicht so gut, aber na ja. Ich glaube, ich könnte besser werden, wenn ich die Möglichkeit bekäme.«

»Du meinst als Journalist?«, fragte sie.

»Ich denke schon, ja. Ist das dumm?«

»Was soll daran dumm sein? Irgendjemand muss es doch machen, oder?«

»Jack hält es nicht für so eine gute Idee.«

»Na und? Er ist nicht deine Frau, oder? Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen.«

»Ich weiß nicht, ob sie mich nehmen würden. Aber Jack will auch nicht ewig bei Guinness bleiben. Er denkt an einen eigenen Pub.«

»Das ist genau das, was Dublin braucht. Noch einen Pub.«

»Nicht hier. In Amsterdam.«

»Was?«, fragte meine Mutter und hob überrascht die Stimme. »Warum sollte er da hinwollen?«

»Ich denke, es ist seine holländische Seite«, sagte Seán. »Er war nie da, hat aber tolle Sachen gehört.«

»Was für Sachen?«

»Dass es anders ist als in Irland.«

»Das ist nicht weiter verwunderlich. Da gibt’s Kanäle und so, oder?«

»Das meine ich nicht.«

Mehr sagte er nicht, und meine Mutter begann sich Sorgen zu machen, dass er eingeschlafen und unter Wasser gerutscht sein könnte.

»Ich habe auch Neuigkeiten«, erklärte sie ihm und hoffte, er würde schnell antworten, sonst blieb ihr keine Wahl, und sie musste sich umdrehen und nach dem Rechten schauen.

»Erzähl.«

»Morgen früh stelle ich mich für einen Job vor.«

»Nein!«

»Doch«, sagte sie, während er wieder planschte und das kleine Stück Seife benutzte, das sie vor ein paar Tagen an einem Marktstand gekauft und Jack gegeben hatte, als Geschenk, aber auch als Ermutigung, sich zu waschen.

»Gut gemacht, Mädchen«, sagte Seán. »Worum geht es denn?«

»Es ist was im Dáil.«

»Im was?«

»Im Dáil. An der Kildare Street. Du weißt schon, dem Parlamentsgebäude.«

»Ich weiß, was das Dáil ist«, antwortete Seán lachend. »Ich bin nur überrascht. Und was für ein Job ist es? Wirst du eine Teachta Dála, eine Abgeordnete? Bekommen wir unseren ersten weiblichen Taoiseach?«

»Ich würde im Tearoom bedienen. Um elf treffe ich eine Mrs Hennessy, die mich in Augenschein nehmen will.«

»Na, das sind mal gute Nachrichten. Glaubst du, du wirst …«

Ein Schlüssel im Schloss. Er schien einen Moment festzustecken, wurde herausgezogen und wieder hineingesteckt, und als meine Mutter Smoot ins Nebenzimmer kommen hörte, rutschte sie ein Stück zur Seite, damit er sie nicht auf dem Bett sitzen sah. Ihr Blick ruhte auf einem Riss in der Wand, der aussah wie der Verlauf des River Shannon durch die Midlands.

»Da sieh an«, sagte Jack so zart, wie sie ihn noch nie gehört hatte. »Das ist ja mal ein Anblick, wenn man zurück nach Hause kommt.«

»Jack«, sagte Seán sofort, und auch sein Ton war anders. »Catherine ist nebenan.«

Meine Mutter drehte sich um und sah in dem Moment ins andere Zimmer hinüber, als auch Smoot herübersah, und ihr Blick, erzählte sie mir später, war hin- und hergerissen zwischen Seáns schöner nackter Brust, muskulös und haarlos, wie er da im schmutzigen Wasser lag, und Smoots Gesicht, das von Sekunde zu Sekunde missmutiger zu werden schien. Verwirrt und unsicher, was sie nun wieder falsch gemacht hatte, wandte sie sich gleich wieder ab und war froh, ihr rot anlaufendes Gesicht verbergen zu können.

»Hallo, Jack«, sagte sie fröhlich.

»Kitty.«

»Zurück von der Maloche?«

Er erwiderte nichts, stattdessen drang aus dem Wohnzimmer nur ein langes Schweigen herüber. Zu gern hätte meine Mutter sich umgedreht, um zu sehen, was da vorging. Die beiden redeten offenbar nicht miteinander, doch selbst in der Stille bekam meine Mutter mit, dass zwischen ihnen eine Art Gespräch stattfand, und wenn nur durch Blicke. Endlich sagte Seán etwas.

»Catherine hat mir gerade erzählt, dass sie morgen früh einen Vorstellungstermin hat. Im Tearoom des Dáil, man soll es nicht glauben.«

»Ich glaube alles, was sie mir sagt«, antwortete Smoot. »Stimmt das, Kitty? Trittst du endlich in den erlauchten Kreis der arbeitenden Frauen? Bei Gott, unserem Herrn, als Nächstes wird Irland wiedervereinigt.«

»Wenn ich mich gut anstelle«, sagte Catherine ernsthaft, »und die Leiterin beeindrucken kann, bekomme ich den Job.«

»Catherine«, sagte Seán und hob die Stimme, »ich steige aus der Wanne, also dreh dich nicht um.«

»Ich mache die Tür zu, dann kannst du dich in Ruhe abtrocknen. Brauchst du frische Sachen?«

»Die hole ich«, sagte Smoot. Er kam ins Schlafzimmer, nahm Seáns Hose von der Lehne des Stuhls, ein frisches Hemd, Unterwäsche und Strümpfe aus der Kommode. Mit einem Blick zu Catherine hielt er kurz inne, in Erwartung, dass sie ihn ebenfalls ansah.

»Werden die kein Problem damit haben?«, fragte er. »Die Jungs im Dáil?«

»Womit?«, fragte sie und sah, dass er Seáns Kleider demonstrativ in seinen Armen hielt, die Unterhose zuoberst, als wollte er sie provozieren.

»Damit«, sagte er und deutete auf den Bauch meiner Mutter.

»Ich habe mir einen Ring gekauft«, antwortete sie, hob die linke Hand und zeigte ihn ihm.

»Gut, dass wir Geld haben. Und was, wenn das Kind geboren wird?«

»Dafür habe ich meinen Großen Plan«, erwiderte sie.

»Das sagst du immer wieder. Wirst du uns je verraten, wie der aussieht, oder müssen wir raten?«

Meine Mutter antwortete nicht, und Smoot ging wieder hinaus.

»Ich hoffe, du kriegst ihn«, murmelte er, als er an ihr vorbeikam, und das so leise, dass nur sie ihn hören konnte. »Ich hoffe, du bekommst den verdammten Job, dann kannst du dich hier verpissen und uns beide in Ruhe lassen.«

 

Ein Vorstellungsgespräch im Dáil Éireann

Als meine Mutter am nächsten Morgen ins Dáil kam, war der Ehering an ihrer linken Hand deutlich zu sehen. Sie nannte dem am Eingang diensttuenden Wächter ihren Namen, einem robust wirkenden Mann, dessen Ausdruck darauf schließen ließ, dass es Hunderte Orte gab, an denen er lieber gewesen wäre. Er konsultierte ein Klemmbrett mit der Besucherliste für den Tag, schüttelte den Kopf und sagte, sie stehe nicht darauf.

»Doch«, sagte meine Mutter. Sie beugte sich vor und zeigte auf einen Namen. Daneben stand: 11.00 – für Mrs C. Hennessy.

»Da steht Gogan«, sagte der Wächter. »Catherine Gogan.«

»Das ist falsch«, sagte meine Mutter. »Ich heiße Goggin, nicht Gogan.«

»Wenn Sie keinen Termin haben, kann ich Sie nicht hineinlassen.«

»Selbstverständlich nicht«, sagte meine Mutter und lächelte ihn nett an. »Aber ich versichere Ihnen, dass ich die Catherine Gogan bin, die Mrs Hennessy erwartet. Jemand hat den Namen nur falsch aufgeschrieben, sonst nichts.«

»Und woher soll ich das wissen?«

»Wenn ich hier warte und keine Catherine Gogan kommt, können Sie mich dann nicht anstelle von ihr hineinlassen? Dann hat sie ihre Chance verpasst, und mit etwas Glück bekomme ich den Job.«

Der Wächter seufzte. »Gott«, sagte er. »Davon habe ich zu Hause genug.«

»Wovon?«

»Ich komme arbeiten, um genau diesen Dingen zu entgehen«, sagte er.

»Welchen Dingen?«

»Gehen Sie schon rein und regen Sie mich nicht auf«, sagte er und schob sie praktisch durch die Tür. »Der Warteraum ist da links, und denken Sie nicht mal dran, woanders hinzugehen, oder ich hol Sie schneller wieder raus, als grünes Gras durch ’ne Gans durch ist.«

»Wie charmant«, sagte meine Mutter, trat durchs Tor und ging auf den angezeigten Raum zu. Sie trat ein, setzte sich, bestaunte die Pracht des Gebäudes und hörte, wie heftig ihr das Herz in der Brust schlug.

Ein paar Minuten später öffnete sich eine Tür, und eine etwa fünfzigjährige Frau kam herein, schlank wie ein Weidenbaum und mit fast schwarzem, kurz geschnittenem Haar.

»Miss Goggin?«, sagte sie und trat vor. »Ich bin Charlotte Hennessy.«

»Mrs Goggin«, sagte meine Mutter schnell und stand auf, »ich bin verheiratet.« Schon wandelte sich der Ausdruck der älteren Frau von freundlich zu verwirrt.

»Oh«, sagte sie, den Blick auf den Bauch meiner Mutter gerichtet. »Oje.«

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte meine Mutter. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Ich hoffe doch, dass die Stelle noch frei ist?«

Mrs Hennessys Mund öffnete und schloss sich mehrere Male wie der eines Fischs, der sich auf dem Deck eines Bootes hin- und herwand, bis alles Leben aus ihm gewichen war. »Mrs Goggin«, sagte sie, fand ihr Lächeln wieder und bedeutete meiner Mutter mit einer Geste, dass sie sich setzen sollte. »Die Stelle ist noch frei, ja, aber ich fürchte, es gibt da ein Missverständnis.«

»Oh?«, sagte meine Mutter.

»Ich suche nach einem Mädchen für den Tearoom, verstehen Sie? Nicht nach einer verheirateten Frau, die ein Kind erwartet. Wir können im Dáil Éireann keine verheirateten Frauen einstellen. Verheiratete Frauen sollten zu Hause bei ihrem Mann sein. Arbeitet Ihr Mann nicht?«

»Mein Mann hat gearbeitet«, sagte meine Mutter, sah ihr offen ins Gesicht und erlaubte es ihrer Unterlippe, leicht zu beben, was sie den ganzen Morgen vor dem Badezimmerspiegel geübt hatte.

»Hat er seine Arbeit verloren? Es tut mit leid, aber ich kann dennoch nichts für Sie tun. Unsere Mädchen sind alle ledig. Jung wie Sie, natürlich, aber unverheiratet. So wünschen es sich die Gentlemen.«

»Er hat seine Arbeit nicht verloren, Mrs Hennessy«, sagte meine Mutter, zog ein Taschentuch hervor und betupfte sich die Augen. »Sondern sein Leben.«

»Oh, meine Liebe, das tut mir so leid«, sagte Mrs Hennessy und legte sich erschrocken eine Hand an den Hals. »Der arme Mann. Was ist ihm zugestoßen, wenn ich fragen darf?«

»Der Krieg ist ihm zugestoßen, Mrs Hennessy.«

»Der Krieg?«

»Der Krieg. Er ist los, um zu kämpfen, genau wie sein Vater vor ihm gekämpft hat, und davor sein Großvater. Aber die Deutschen haben ihn erwischt. Vor weniger als einem Monat. Eine Granate hat ihn zerfetzt. Mir ist nur seine Uhr geblieben, und sein Gebiss. Der untere Teil.«

Das war die Geschichte, die sie sich zurechtgelegt hatte, wobei ihr bewusst war, was für ein Risiko sie einging, denn nicht wenige von denen, die in diesem Haus arbeiteten, dachten schlecht über Iren, die für die Briten kämpften. Aber die Geschichte hatte etwas Heldenhaftes, und aus welchem Grund auch immer, sie hatte beschlossen, es damit zu probieren.

»Sie armes, unglückliches Geschöpf«, sagte Mrs Hennessy, und als sie sich vorbeugte, um meiner Mutter die Hand zu drücken, wusste die, dass es halb geschafft war. »Und Sie sind in anderen Umständen. Was für eine Tragödie.«

»Wenn ich die Zeit hätte, über Tragödien nachzudenken, dann wäre es eine«, sagte meine Mutter. »Aber das kann ich mir nicht leisten, um die Wahrheit zu sagen. Ich muss an das Kleine hier denken.« Sie legte sich eine Hand schützend auf den Bauch.

»Sie werden es nicht glauben«, sagte Mrs Hennessy, »aber das Gleiche ist meiner Tante Jocelyne im Ersten Weltkrieg passiert. Sie und mein Onkel Albert waren erst ein Jahr verheiratet, und kaum dass er bei den Engländern eingetreten war, fiel er bei Passendale. Und an dem Tag, als sie davon erfuhr, stellte sich heraus, dass sie schwanger war.«

»Darf ich Sie etwas fragen, Mrs Hennessy?«, sagte meine Mutter und lehnte sich leicht vor. »Wie ist Ihre Tante Jocelyne damit fertiggeworden? Hat sie es am Ende geschafft?«

»Oh, machen Sie sich um die keine Sorgen«, erklärte Mrs Hennessy. »Sie haben noch nie eine so positive Frau gesehen. Sie hat sich durchgewurschtelt, nicht wahr. Aber so waren die Leute damals. Wunderbare Frauen, allesamt.«

»Großartige Frauen, Mrs Hennessy. Wahrscheinlich könnte ich ein, zwei Dinge von Ihrer Tante Jocelyne lernen.«

Die ältere Frau strahlte gerührt, dann verblasste ihr Lächeln wieder etwas. »Trotz allem«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob es funktionieren könnte. Darf ich fragen, wie lange es noch dauert?«

»Drei Monate«, sagte meine Mutter.

»Drei Monate. Es ist eine Vollzeitstelle. Ich nehme an, dass Sie aufhören müssten, wenn das Baby auf der Welt ist.«

Meine Mutter nickte. Natürlich hatte sie ihren Großen Plan, und sie wusste, dass es nicht so sein würde, doch das hier war nun ihre Chance, und sie war entschlossen, sie zu ergreifen.

»Mrs Hennessy«, sagte sie. »Sie scheinen eine gute Frau zu sein. Sie erinnern mich an meine verstorbene Mutter, die sich jeden Tag ihres Lebens um mich gekümmert hat, bis sie sich letztes Jahr dem Krebs geschlagen geben musste …«

»Oh, meine Liebe, was für Prüfungen!«

»Ich sehe die Güte in Ihrem Gesicht, Mrs Hennessy. Ich will meinen Stolz zurückstellen, mich ganz Ihrer Freundlichkeit überantworten und Ihnen einen Vorschlag machen. Ich brauche eine Arbeit, Mrs Hennessy, sehr dringend brauche ich eine Arbeit, damit ich etwas Geld für das Kind auf die Seite legen kann. Damit ich etwas habe, wenn er oder sie auf die Welt kommt, denn im Augenblick habe ich so gut wie nichts. Wenn Sie das Herz haben, mich für die nächsten drei Monate zu nehmen, werde ich für Sie arbeiten wie ein Pferd und Ihnen keinerlei Grund geben, Ihre Entscheidung zu bereuen. Und wenn meine Zeit kommt, vielleicht können Sie dann ja wieder eine Anzeige aufgeben und finden ein anderes junges Mädchen, das so wie ich eine Chance braucht.«

Mrs Hennessy lehnte sich zurück, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, frage ich mich, warum sich meine Mutter für einen Job im Dáil bewarb, denn eigentlich hätte sie am anderen Liffeyufer, im Abbey Theatre, vorsprechen sollen.

»Und Ihre Gesundheit?«, fragte Mrs Hennessy endlich. »Darf ich fragen, wie es ganz allgemein um Ihre Gesundheit steht?«

»Die ist tipptopp«, sagte meine Mutter. »Ich war noch keinen Tag in meinem Leben krank. Nicht mal während der letzten sechs Monate.«

Mrs Hennessy seufzte und ließ den Blick über die Wände schweifen, als könnten ihr die Männer in ihren Goldrahmen bei ihrer Entscheidung helfen. Ein Porträt von W. T. Cosgrave hing über ihrer Schulter, und er schien meine Mutter anzublitzen, als wollte er ihr sagen, dass er sie bis ins Innerste durchschaute – und könnte er sich nur von dieser Leinwand losmachen, würde er sie eigenhändig mit einem Stock auf die Straße hinausjagen.

»Dabei ist der Krieg fast vorbei«, sagte meine Mutter nach einer Weile, was nicht ganz in das Gespräch zu passen schien, das sie gerade führten. »Haben Sie gehört, dass sich Hitler umgebracht hat? Wir haben eine strahlende Zukunft vor uns.«

Mrs Hennessy nickte. »Ich habe es gehört, ja«, sagte sie mit einem Achselzucken. »Gut, dass es ihn erwischt hat – ich hoffe, Gott vergibt mir, dass ich das so sage. Wir alle haben jetzt hoffentlich bessere Zeiten vor uns.«

 

Länger bleiben

»Ihr zwei müsst das entscheiden«, erklärte meine Mutter Seán und Smoot an diesem Abend, als sie zusammen im Brazen Head saßen und sich einen guten Eintopf aus einer Keramikterrine teilten. »Ich kann nächste Woche ausziehen, wenn ich meinen ersten Lohn bekomme, oder ich bleibe in der Wohnung in der Chatham Street, bis das Baby auf der Welt ist, und gebe euch ein Drittel meines Lohns als Mietanteil. Ich würde gern bleiben, weil es gemütlich ist und ihr die einzigen Menschen seid, die ich in Dublin kenne. Aber ihr wart sehr gut zu mir seit meiner Ankunft, und ich will euch nicht überbeanspruchen.«

»Ich habe nichts dagegen«, sagte Seán und lächelte ihr zu. »Ich bin glücklich mit allem, wie es ist. Aber es ist Jacks Wohnung, also liegt die Entscheidung bei ihm.«

Smoot nahm ein Stück Brot aus dem Korb auf dem Tisch und fuhr damit um den Rand seines Tellers, um nichts von dem Eintopf verkommen zu lassen. Er steckte sich das Brot in den Mund, zerkaute es sorgfältig, schluckte und griff nach seinem Bier.

»Wo wir schon so lange mit dir ausgekommen sind, Kitty«, sagte er, »machen ein paar zusätzliche Monate auch nichts mehr.«

 

Der Tearoom

Die Arbeit im Tearoom des Dáil war weit schwieriger, als meine Mutter es sich vorgestellt hatte. Jedes Mädchen musste lernen, wie mit den gewählten Abgeordneten diplomatisch umzugehen war. Den ganzen Tag über kamen sie herein, eingehüllt in Zigarettenqualm und den Geruch ihrer eigenen Körper, wollten Kuchen und Gebäck zu ihrer Tasse Kaffee und zeigten dabei kaum einmal Manieren. Einige flirteten mit den Mädchen, hatten aber sonst nichts mit ihnen im Sinn, andere schon, und sie wurden aggressiv, wenn der Erfolg ausblieb. Es gab Geschichten von Bedienungen, die verführt und gefeuert worden waren, als man ihrer müde wurde. Andere hatten einen unzüchtigen Antrag abgelehnt und waren deswegen hinausgeflogen. Wenn ein Mitglied des Dáil ein Auge auf eines der Mädchen geworfen hatte, schien das klar in eine Richtung zu weisen, nämlich ans Ende der Arbeitslosenschlange. Es gab zu der Zeit nur vier gewählte weibliche Mitglieder des Dáil, und meine Mutter nannte sie die »MayBes« – Mary Reynold aus Sligo-Leitrim und Mary Ryan aus Tipperary, Bridget Redmond aus Waterford und Bridget Rice aus Monaghan, und das waren die Schlimmsten, sagte sie. Sie wollten nicht mit den Bedienungen reden, weil vielleicht ja einer der Männer kam und etwas aufgewärmt haben wollte oder weil er Hilfe brauchte, wenn er einen Knopf an der Manschette verloren hatte.

Mr de Valera kam nicht sehr oft, erzählte sie mir, er trank seinen Tee normalerweise in seinem Büro. Mrs Hennessy selbst brachte ihm sein Tablett, aber manchmal steckte er den Kopf doch durch die Tür, als suchte er nach jemandem, setzte sich zu den Hinterbänklern und versuchte die Stimmung in der Partei einzuschätzen. Er war groß und dürr und sah ein bisschen dümmlich aus, sagte sie, verhielt sich jedoch immer zuvorkommend und rügte einmal sogar einen seiner eigenen Ministerialdirektoren, weil er mit dem Finger nach ihr geschnipst hatte, was ihm ihre ewige Dankbarkeit eintrug.

Die anderen Mädchen waren voller Anteilnahme für meine Mutter, die jetzt siebzehn war, mit einem fiktiven, im Krieg gefallenen Ehemann und einem allzu realen Kind, das kurz davorstand, in diese Welt zu treten. Mit einer Mischung aus Faszination und Mitleid betrachteten die anderen sie.

»Und deine arme Mum ist auch gestorben, wie ich höre?«, fragte Lizzie, eine etwas ältere Kollegin, als sie eines Nachmittags gemeinsam abspülten.

»Ja«, sagte meine Mutter, »ein schrecklicher Unfall.«

»Ich dachte, es sei Krebs gewesen?«

»Oh ja«, antwortete sie. »Ich meine, ein schreckliches Unglück. Dass sie Krebs gekriegt hat.«

»Es heißt, so was liegt in der Familie«, sagte Lizzie, die vermutlich im Mittelpunkt jeder Party stand. »Hast du keine Angst, dass es dich eines Tages auch erwischt?«

»Also daran habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte meine Mutter, hielt inne und überlegte. »Aber jetzt, wo du es so sagst, denke ich an nichts anderes mehr.« Einen Moment lang, erzählte sie mir, habe sie sich tatsächlich gefragt, ob sie wohl in Gefahr sei, Krebs zu bekommen, bis sie sich erinnerte, dass ihre Mutter, meine Großmutter, kerngesund war und mit ihrem Mann und sechs strohköpfigen Söhnen dreihundertsiebzig Kilometer entfernt in Goleen, West Cork, lebte. Da entspannte sie sich wieder.

 

 

Der Große Plan

Mitte August rief Mrs Hennessy sie in ihr Büro und sagte, sie denke, es sei Zeit, dass meine Mutter mit der Arbeit aufhöre.

»Weil ich heute Morgen zu spät war?«, fragte meine Mutter. »Das war das erste Mal, und da stand ein Mann vor meiner Tür, und er sah aus, als wollte er mich umbringen. Ich konnte nicht allein hinaus, während der dort stand, und so bin ich nach oben und habe aus dem Fenster gesehen, und es dauerte zwanzig Minuten, bis er sich wegdrehte und die Grafton Street hinunter verschwand.«

»Nicht, weil Sie zu spät waren«, sagte Mrs Hennessy und schüttelte den Kopf. »Sie sind immer pünktlich, Catherine, im Gegensatz zu einigen anderen hier. Nein, ich denke nur, dass die Zeit gekommen ist. Das ist alles.«

»Aber ich brauche das Geld immer noch«, protestierte sie. »Ich muss an meine Miete denken und das Kind und …«

»Ich weiß, und ich fühle mit Ihnen, aber wenn Sie sich selbst einmal ansähen, Sie platzen aus allen Nähten. Es können nur noch ein paar Tage sein. Regt sich da noch nichts?«

»Nein«, sagte sie. »Noch nicht.«

»Die Sache ist die«, sagte Mrs Hennessy. »Es gab … Um Himmels willen, Catherine, setzen Sie sich doch bitte und nehmen Sie das Gewicht von Ihren Füßen. In Ihrem Zustand sollten Sie nicht mehr stehen. Die Sache ist die, dass es Beschwerden von einigen Mitgliedern des Hauses gegeben hat.«

»Wegen mir?«

»Wegen Ihnen.«

»Aber ich bin doch immer so höflich, nur nicht zu diesem zwielichtigen Kerl aus Donegal, der sich jedes Mal an mich drückt, wenn er vorbeikommt, und mich sein Kissen nennt.«

»Oh, das weiß ich doch alles«, sagte Mrs Hennessy. »Ich habe Sie die letzten drei Monate genau beobachtet. Sie hätten hier eine Lebensstellung, wenn Sie nicht, Sie wissen schon, bald andere Verantwortlichkeiten hätten. Sie haben alles, was ich mir für ein Teemädchen wünsche. Sie sind wie geboren dafür.«

Meine Mutter lächelte und beschloss, das als Kompliment zu verstehen, obwohl sie nicht ganz sicher war, ob es tatsächlich eins war.

»Nein, niemand beschwert sich wegen Ihres Benehmens. Es ist Ihr Zustand. Einige sagen, eine Frau zu sehen, die derartig hochschwanger ist, verdirbt ihnen den Appetit auf ihre Vanilleschnitten.«

»Wollen Sie mich veralbern?«

»Das hat man mir gesagt.«

Meine Mutter lachte und schüttelte den Kopf. »Wer sagt solche Sachen?«, fragte sie. »Können Sie mir die Namen nennen, Mrs Hennessy?«

»Das werde ich nicht, nein.«

»War es eine von den MayBes?«

»Ich sage es Ihnen nicht, Catherine.«

»Aber von welcher Partei?«

»Aus beiden. Ein paar mehr aus der Fianna Fáil, wenn ich ehrlich bin. Aber Sie wissen doch, wie sie sind. Den Blauhemden scheint es nicht so viel zu machen.«

»Ist es der verschrobene kleine Kerl, der sich Minister für …«

»Catherine, ich werde es Ihnen nicht verraten«, sagte Mrs Hennessy noch einmal und hob die Hand. »Tatsache ist, dass Sie nur noch ein paar Tage haben, höchstens eine Woche, und es ist in Ihrem eigenen Interesse, die Füße hochzulegen. Können Sie mir nicht den Gefallen tun und aufhören, ohne mir Schwierigkeiten zu machen? Sie waren wunderbar, wirklich, und …«

»Natürlich«, sagte meine Mutter, die begriff, dass es besser war, nicht weiter herumzubetteln. »Sie waren sehr nett zu mir, Mrs Hennessy. Sie haben mir eine Arbeit gegeben, als ich eine brauchte, und ich weiß, es war nicht gerade die leichteste Entscheidung. Heute bleibe ich noch, und dann gehe ich, und Sie werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.«

Mrs Hennessy seufzte erleichtert und ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken. »Danke«, sagte sie. »Sie sind ein gutes Mädchen, Catherine. Sie werden eine wundervolle Mutter sein, wissen Sie, und wenn Sie je etwas brauchen …«

»Also, es gibt tatsächlich etwas«, antwortete meine Mutter. »Wenn das Baby da ist, könnte ich dann zurückkommen? Was meinen Sie?«

»Wohin zurückkommen? Hier ins Dáil? Oh nein, das wäre nicht möglich. Wer würde sich um das Baby kümmern?«

Meine Mutter sah aus dem Fenster und atmete tief durch. Es war das erste Mal, dass sie laut über ihren Großen Plan sprach. »Seine Mutter wird sich um ihn kümmern«, sagte sie. »Oder um sie. Was immer es wird.«

»Seine Mutter?«, fragte Mrs Hennessy verblüfft. »Aber …«

»Ich werde das Baby nicht behalten, Mrs Hennessy«, sagte meine Mutter. »Es ist alles arrangiert. Nach der Geburt kommt eine kleine bucklige Redemptoristen-Nonne ins Krankenhaus und holt das Baby ab. Ein Paar am Dartmouth Square wird es adoptieren.«

»Großer Herr im Himmel!«, sagte Mrs Hennessy. »Und wann ist das alles entschieden worden, wenn ich fragen darf?«

»Das habe ich an dem Tag beschlossen, als ich herausfand, dass ich schwanger war. Ich bin zu jung, ich habe kein Geld, und es ist unmöglich, dass ich für das Kind aufkomme. Ich bin nicht herzlos, das verspreche ich Ihnen, aber dem Baby wird es besser gehen, wenn es in eine Familie kommt, die ihm ein gutes Zuhause geben kann.«

»Nun«, sagte Mrs Hennessy nachdenklich. »Ich nehme an, solche Dinge geschehen. Sind Sie sicher, dass Sie mit der Entscheidung leben können?«

»Nein, aber ich denke trotzdem, dass es das Beste ist. Das Kind wird so die besseren Aussichten haben. Die Leute haben Geld, Mrs Hennessy. Ich habe nichts.«

»Und Ihr Mann? Hätte er es auch gewollt?«

Meine Mutter konnte sich nicht mehr dazu bringen, die gute Frau anzulügen, und vielleicht konnte man ihr die Scham vom Gesicht ablesen.

»Hätte ich recht mit der Annahme, dass es gar keinen Mr Goggin gab?«, fragte Mrs Hennessy endlich.

»Ja, das hätten Sie«, sagte meine Mutter leise.

»Und der Ehering?«

»Den habe ich selbst gekauft. In einem Laden in der Coppinger Row.«

»Das dachte ich mir schon. Kein Mann könnte jemals etwas so Elegantes aussuchen.«

Meine Mutter hob den Blick mit einem verlegenen Lächeln und war überrascht zu sehen, dass Mrs Hennessy zu weinen begann. Sie zog ein Taschentuch hervor und reichte es ihr über den Tisch.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie, verblüfft von dem unerwarteten Gefühlsausbruch.

»Jaja«, sagte Mrs Hennessy. »Machen Sie sich wegen mir keine Gedanken.«

»Aber Sie weinen.«

»Nur ein wenig.«

»Ist es wegen etwas, das ich gesagt habe?«

Mrs Hennessy hob den Blick und schluckte. »Können wir uns diesen Raum als einen Beichtstuhl vorstellen?«, fragte sie. »Und das, was wir sagen, bleibt in diesen vier Wänden?«

»Natürlich«, sagte meine Mutter. »Sie waren so lieb zu mir. Ich hoffe, Sie wissen, dass ich eine große Zuneigung und einen ebensolchen Respekt für Sie in mir trage.«

»Es ist nett, dass Sie das sagen. Ich habe immer schon angenommen, dass die Geschichte, die Sie mir erzählt haben, nicht ganz stimmt. Ich wollte Ihnen dennoch genau das Mitgefühl zeigen, das man mir nie geschenkt hat, als ich in Ihrer Lage war. Vielleicht überrascht es Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, dass es nie einen Mr Hennessy gab.« Sie streckte die linke Hand aus, und beide betrachteten ihren Ehering. »Den habe ich 1913 für vier Shilling in einem Laden in der Henry Street gekauft«, sagte sie. »Seitdem habe ich ihn nicht mehr abgenommen.«

»Haben Sie auch ein Kind bekommen?«, fragte meine Mutter. »Haben Sie es allein großgezogen?«

»Nicht ganz«, sagte Mrs Hennessy zögernd. »Ich komme aus Westmeath, wussten Sie das, Catherine?«

»Ja, das weiß ich. Sie haben es mir einmal gesagt.«

»Ich war nie wieder dort. Aber ich bin nicht nach Dublin gekommen, um ein Baby auf die Welt zu bringen. Ich habe es zu Hause bekommen. In dem Schlafzimmer, in dem ich bis dahin jeden Tag meines Leben geschlafen hatte und in dem das arme Kind auch gezeugt wurde.«

»Was ist mit ihm?«, fragte meine Mutter. »War es ein Junge?«

»Nein, es war ein Mädchen. Ein kleines Mädchen. So schön war es. Aber es hat nicht lange gelebt. Mum durchtrennte die Nabelschnur, als es aus mir heraus war, und Daddy trug es nach hinten, wo ein Eimer Wasser wartete, in das er es ein, zwei Minuten tauchte, bis es ertrunken war. Dann warf er es in ein Grab, das er ein paar Tage zuvor ausgehoben hatte, schaufelte die Erde darüber, und Schluss. Niemand hat je was davon erfahren. Nicht die Nachbarn, nicht der Priester, nicht die Gardaí.«

»Jesus, Maria und Joseph«, sagte meine Mutter und lehnte sich entsetzt zurück.

»Ich habe mein Kind nicht einmal halten dürfen«, sagte Mrs Hennessy. »Mum hat mich gewaschen, und am selben Tag noch haben sie mich in den Bus gesetzt. Sie sagten, ich dürfte nie wieder zurückkommen.«

»Mich haben sie vorm Altar beschimpft«, sagte meine Mutter endlich. »Der Gemeindepriester hat mich eine Hure genannt.«

»Diese Kerle haben nicht mehr Gefühl als ein Holzlöffel«, sagte Mrs Hennessy. »Ich habe nie eine Grausamkeit erlebt wie die von Priestern. Dieses Land …« Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, und meine Mutter erzählte mir später, es habe ausgesehen, als wollte sie schreien.

»Das ist eine fürchterliche Geschichte«, sagte meine Mutter schließlich. »Ich nehme an, der Vater wollte Sie nicht heiraten?«

Mrs Hennessy lachte bitter. »Das hätte er sowieso nicht gekonnt«, sagte sie. »Er war schon verheiratet.«

»Hat seine Frau davon erfahren?«

Mrs Hennessy sah sie an, und als sie sprach, war ihre Stimme ganz leise und voller Scham und Hass. »Sie wusste genau Bescheid«, sagte sie. »Habe ich nicht gesagt, dass sie die Nabelschnur durchtrennt hat?«

Meine Mutter sagte eine Weile nichts, und als ihr endlich bewusst wurde, was Mrs Hennessy da sagte, hob sie eine Hand an den Mund und hatte Angst, sich übergeben zu müssen.

»Wie ich sagte, solche Sachen passieren«, sagte Mrs Hennessy. »Deine Entscheidung ist gefallen, Catherine? Du wirst dein Kind aufgeben?«

Meine Mutter fand keine Worte, aber sie nickte.

»Dann nimm dir hinterher ein paar Wochen Zeit, um zu dir zu finden, und komm wieder her. Wir werden den Leuten sagen, dass das Baby gestorben ist, und sie werden es bald schon vergessen haben.«

»Werden sie das?«, fragte meine Mutter.

»Die Leute schon«, antwortete sie, beugte sich vor und nahm die Hände meiner Mutter in ihre. »Aber so leid es mir tut, Catherine, du wirst es nie vergessen.«

 

Gewalt

Es wurde bereits dunkel, als meine Mutter an dem Abend nach Hause ging. Sie bog in die Chatham Street und sah verdrossen, wie jemand schwankend aus Clarendon’s Pub kam. Es war derselbe Mann, dessentwegen sie am Morgen zu spät zur Arbeit gekommen war. Er war über die Maßen dick, hatte ein faltiges, vom Alkohol gerötetes Gesicht und sich offenbar seit ein paar Tagen nicht rasiert, was ihn wie einen Landstreicher aussehen ließ.

»Da bist du ja«, sagte er, als sie auf die Tür zuging. Er stank derartig nach Whiskey, dass sie gezwungen war, ein Stück zurückzuweichen. »Lebensgroß und doppelt so hässlich.«

Sie sagte nichts, sondern zog den Schlüssel aus der Tasche und hatte in ihrer Aufregung Schwierigkeiten, ihn richtig ins Schloss zu bekommen.

»Das sind Zimmer da oben, oder?«, fragte der Mann und sah zu den Fenstern hinauf. »Eine ganze Reihe oder nur das eine?«

»Nur das eine«, sagte sie. »Wenn Sie nach einer Bleibe suchen, fürchte ich, dass Sie hier kein Glück haben.«

»Dein Akzent. Du klingst wie aus Cork. Wo kommst du her? Aus Bantry? Drimoleague? Ich kannte mal ein Mädchen aus Drimoleague. Eine nichtswürdige Kreatur, die mit jedem Mann ging, der sie fragte.«

Meine Mutter wandte den Blick ab, versuchte es wieder mit dem Schlüssel und fluchte leise, als er sich im Schloss verhakte und sie ihn nur mit Gewalt wieder freibekam.

»Wenn Sie bitte aus dem Licht gehen könnten«, sagte sie und sah ihn an.

»Nur eine Wohnung«, sagte er, kratzte sich das Kinn und schien zu überlegen. »Du wohnst also mit denen zusammen?«

»Mit wem?«

»Wie soll das denn gehen?«

»Mit wem?«, fragte sie noch einmal.

»Mit den schwulen Kerlen natürlich. Aber was wollen die mit dir? Die haben doch keine Verwendung für ’ne Frau, alle beide nicht.« Er starrte auf ihren Bauch und schüttelte den Kopf. »Ist das von einem von denen? Nein, dazu sind sie nicht fähig. Du weißt wahrscheinlich nicht mal, wer’s war, was? Du dreckige kleine Schlampe.«

Meine Mutter wandte sich wieder dem Schloss zu, und diesmal glitt der Schlüssel problemlos hinein, und die Tür öffnete sich. Aber bevor sie hineingehen konnte, drängte er an ihr vorbei, trat in den Flur und ließ sie auf der Straße hinter sich, unsicher, was sie tun sollte. Erst als er die Treppe hinaufstampfte, kam sie wieder zu sich und wurde wütend.

»Kommen Sie da raus!«, rief sie hinter ihm her. »Das ist eine Privatwohnung, hören Sie? Ich rufe die Gardaí!«

»Ruf, wen immer du rufen willst, verdammt!«, dröhnte er, und sie sah die Straße hinauf und hinunter, doch es war keine Menschenseele zu sehen. Also sammelte sie all ihren Mut und folgte ihm die Treppe hinauf nach oben, wo er erfolglos an der Türklinke riss.

»Mach auf«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf sie, und sie sah den Schmutz unter seinen langen Nägeln. Ein Bauer, dachte sie, und dem Akzent nach kam auch er aus Cork, nicht aus West Cork allerdings, das wäre ihr schneller aufgefallen. »Mach auf, kleines Mädchen, oder ich trete die Tür ein.«

»Mach ich nicht«, sagte sie, »und Sie verschwinden gefälligst oder ich …«

Er kehrte ihr den Rücken zu, winkte sie weg und tat, was er gesagt hatte, hob den rechten Stiefel und versetzte der Tür einen mächtigen Tritt. Sie brach auf und schlug so heftig gegen die Wand, dass ein Topf mit fürchterlichem Lärm vom Regal in die Wanne fiel. Das Wohnzimmer war leer, aber als er hineinstolperte, mit meiner Mutter direkt hinter sich, hörte man ängstliche Stimmen aus dem Schlafzimmer nebenan.

»Komm raus da, Seán MacIntyre!«, brüllte der Mann und wankte betrunken hin und her. »Komm raus da, damit ich Anständigkeit in dich reinprügeln kann. Ich hab dich gewarnt, was passiert, wenn ich euch beide noch mal erwische.«

Er hob einen Stock, den meine Mutter bis dahin nicht gesehen hatte, und schlug damit ein paarmal so fest auf den Tisch, dass der Krach sie zusammenfahren ließ. Ihr Vater hatte genau so einen Stock gehabt, und sie hatte oft gesehen, wie er voller Wut damit auf einen ihrer Brüder losgegangen war. Am Abend, als ihr Geheimnis herausgekommen war, hatte er ihn auch gegen sie erheben wollen, aber glücklicherweise hatte meine Großmutter ihn zurückhalten können.

»Sie sind in der falschen Wohnung!«, rief meine Mutter. »Was für ein Wahnsinn!«

»Komm raus da!«, brüllte der Mann wieder. »Komm raus da, oder ich komm rein und hol dich. Komm schon raus!«

»Gehen Sie«, sagte meine Mutter und zerrte an seinem Ärmel, doch er stieß sie brutal weg, und sie fiel gegen den Sessel. Ein heftiger, schneller Schmerz fuhr ihr wie eine Maus, die nach Deckung suchte, den Rücken hinunter. Der Mann griff nach der Schlafzimmertür, drückte sie weit auf, und da saßen, wie meine Mutter staunend sah, Seán und Smoot nackt, wie der Herrgott sie geschaffen hatte, ans Kopfteil des Bettes gedrückt, die Gesichter von Panik verzerrt.

»Großer Gott«, sagte der Mann und wandte sich angeekelt ab. »Komm da raus, du dreckiger kleiner Bastard.«

»Daddy«, sagte Seán. Er sprang aus dem Bett, und meine Mutter starrte auf seinen nackten Körper, als er lief, um sich mit Hose und Hemd zu bedecken. »Daddy, bitte, lass uns nach unten gehen und …«

Er wollte ins Wohnzimmer, doch noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, packte ihn der Mann, sein eigener Vater, am Genick und rammte seinen Kopf gegen das eine an der Wand befestigte Regal im Zimmer, auf dem ganze drei Bücher standen: eine Bibel, eine Ausgabe des Ulysses und eine Biografie Königin Viktorias. Es gab ein schreckliches Geräusch, und Seán ließ ein Stöhnen hören, das aus den Tiefen seines Körpers heraufzudringen schien. Als er sich umdrehte, war sein Gesicht kreidebleich, und auf seiner Stirn wuchs ein schwarzer Fleck, der einen Moment lang zu pulsieren schien, als wäre er unsicher, was als Nächstes von ihm erwartet würde, dann wurde er rot, und das Blut begann zu fließen. Seáns Beine versagten ihm den Dienst, er brach zusammen, und der Mann packte ihn erneut und zerrte ihn mit einer Hand zur Tür, wo er wieder und wieder auf ihn eintrat, ihn mit dem Knüppel bearbeitete und mit jedem Schlag neue Flüche auf ihn niederschickte.

»Lassen Sie ihn!«, rief meine Mutter und warf sich auf den Mann. Da kam Smoot mit einem Hurlingschläger aus dem Schlafzimmer, auf dem zwei Türme und ein hindurchsegelndes Schiff zu sehen waren, und ging auf ihren Angreifer los. Er hatte sich nichts angezogen, und selbst in der Dramatik der Situation schockierte meine Mutter der Anblick seines behaarten Körpers, der so anders war als Seáns nackte Brust, der Körper meines Vaters oder das, was sie von ihren Brüdern kannte. Dazu die lange, noch glänzende Männlichkeit, die zwischen seinen Beinen schwang, als er auf sie zukam.

Der Mann brüllte, als der Schläger ihn am Rücken traf, sonst zeigte der Angriff keinerlei Wirkung. Er stieß Smoot mit solcher Kraft zurück, dass er rückwärts über das Sofa auf die Schwelle zum Schlafzimmer stürzte, wo sich die beiden, Seán und Jack, wie meine Mutter jetzt begriff, seit ihrer Ankunft aus Cork ein Liebesnest eingerichtet hatten. Sie hatte von solchen Leuten schon gehört. Die Jungs in der Schule hatten ständig über sie gelästert. War es da ein Wunder, fragte sie sich, dass Smoot sie immer hatte loswerden wollen? Es war ihr Nest und sie der Kuckuck darin.

»Jack!«, rief meine Mutter, als Peadar MacIntyre, so hieß der Mann, seinen Sohn ein weiteres Mal beim Kopf packte und mit so barbarischer Gewalt auf seinen Körper eintrat, dass sie die Rippen brechen hörte. »Seán!«, schrie sie, doch als sich der Kopf des Jungen in ihre Richtung drehte, waren seine Augen weit offen, und sie begriff, dass er diese Welt bereits verlassen hatte und in die nächste eingetreten war. Trotzdem wollte sie nicht erlauben, dass er noch schlimmer zugerichtet wurde. Wild entschlossen, den Mann von Seán wegzuziehen, versuchte sie, ihn zu packen, doch er fasste ihren Arm und beförderte sie mit einem schnellen, mächtigen Tritt durch die Tür und die Treppe hinunter. Jede Stufe, erzählte sie mir später, ließ sie glauben, sich auch selbst ein Stück dem Tod anzunähern.

Sie landete unten vor der Treppe, lag einen Moment lang auf dem Rücken, starrte zur Decke hinauf und schnappte nach Luft. Ich in ihrem Bauch protestierte heftig gegen diese Behandlung und beschloss, dass meine Zeit gekommen war. Ich machte mich los und begann meine erste Reise, worauf meine Mutter einen wilden Schrei ausstieß.

Sie kämpfte sich auf die Beine und sah sich um. Jede andere Frau in ihrer Lage hätte die Tür nach draußen aufgestoßen, sich auf die Chatham Street geworfen und um Hilfe gerufen. Nicht so Catherine Goggin. Seán war tot, da war sie sicher, aber Smoot war noch da oben, und sie konnte ihn um sein Leben flehen hören, hörte Schläge, Schmerzensrufe und die Flüche, die Seáns Vater ausstieß, während er auf Jack einprügelte.

Jede Bewegung ließ sie aufschreien, trotzdem schleppte sie sich die erste Stufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis sie die Treppe halb wieder oben war. Sie schrie, während ich mich immer stärker bemerkbar machte, doch da war etwas in ihr, wie sie mir später erzählte, das ihr sagte, ich hätte jetzt neun Monate gewartet, da könnte ich auch noch neun Minuten Geduld haben. Sie setzte ihren Aufstieg fort, kam schweißüberströmt in die Wohnung, Wasser und Blut rannen ihr die Beine hinunter, und der Anblick der Wahnsinnigen, die sie mit zerzaustem Haar, aufgeplatzter Lippe und zerrissenem Kleid aus dem Spiegel gegenüber ansah, versetzte ihr einen Schock. Smoots Schreie aus dem Schlafzimmer wurden schwächer, während die Tritte und Schläge weiter auf ihn einprasselten, und sie stieg über Seáns Leiche, warf einen kurzen Blick in die offenen Augen seines ehedem so schönen Gesichts und musste gegen ihre Tränen ankämpfen.

Ich komme, dachte sie, bewegte sich weiter und sah sich nach einer Waffe um. Da lag Smoots Hurlingschläger auf dem Boden. Bist du bereit für mich?

Ein kräftiger Schlag genügte, Gottes Liebe ward ihr zuteil, und Peadar MacIntyre fiel bewusstlos um. Nicht tot, er sollte noch acht Jahre leben, bis er in einem Pub an einer Fischgräte erstickte, nachdem die Geschworenen ihn für nicht schuldig erklärt hatten, da er sein Verbrechen aufgrund der extremen Provokation begangen habe, die darin bestand, einen geistig gestörten Sohn zu haben. Nur bewusstlos war er, und meine Mutter und ich, wir warfen uns auf Smoots Körper, dessen Gesicht übel zugerichtet war, und der nur unregelmäßig atmete und dem Tod nahe genug war.

»Jack!«, rief sie, bettete seinen Kopf in ihren Schoß und ließ einen markerschütternden Schrei hören, als ihr ganzes Sein ihr befahl zu pressen, mich jetzt hinauszupressen, und mein Kopf zwischen ihren Beinen erschien. »Jack, bleib bei mir. Du darfst nicht sterben, hörst du mich, Jack? Du darfst nicht sterben!«

»Kitty«, sagte Smoot, und das Wort kam nur dumpf aus seinem Mund, zusammen mit ein paar ausgeschlagenen Zähnen.

»Und nenn mich nicht Kitty, verdammt!«, brüllte sie, schrie ein weiteres Mal und presste meinen Körper weiter in den Augustabend hinaus.

»Kitty«, flüsterte er, und seine Augen begannen sich zu schließen, und sie schüttelte ihn, während der Schmerz ihren Körper erschütterte.

»Du musst weiterleben, Jack!«, rief sie. »Du musst weiterleben!«

Dann verlor sie das Bewusstsein, es wurde plötzlich still im Zimmer, bis ich mir eine Minute später die Ruhe und den Frieden zunutze machte und meinen winzigen Körper zusammen mit einer Mischung aus Blut, Plazenta und Schleim auf den dreckigen Teppich der Wohnung oben in der Chatham Street hinauswand, einen Moment lang wartete, meine Gedanken sammelte, zum ersten Mal meine Lunge öffnete und einen so durchdringenden Schrei ausstieß, dass die Männer unten im Pub endlich die Ohren spitzten, die Treppe heraufgerannt kamen und sich dem Grund für all den Aufruhr gegenübersahen, während ich der Welt verkündete, dass ich angekommen, geboren und endlich Teil des Ganzen war.

»Boynes zorniges Weltbild ist die große Stärke von ›Cyril Avery‹. Die bittere Komik, die der Kindheit des Protagonisten innewohnt, die Energie, das Chaos, die Lebendigkeit und das Grauen – all das bildet das Kernstück eines wirklich herausragenden Romans.«


The Guardian


»Die Geschichte der Einsamkeit«

John Boyne wuchs in Dublin auf. Nach Jahren des Schweigens erzählt er nun über sein Leben im streng katholischen Irland und über seine Probleme mit der irischen katholischen Kirche - und wie diese Thematik in seinem Buch »Die Geschichte der Einsamkeit« Einzug fand.

»In meinem Schriftstellerleben wurde ich oft gefragt, warum ich meine Romane nicht in Irland spielen lasse. Auf diese Frage hatte ich eine Standardantwort: dass ich nicht über mein eigenes Land schreiben wollte, solange ich keine Geschichte zu erzählen hatte. Nun, da ich ein Buch geschrieben habe, das den Missbrauch von Macht in der irischen katholischen Kirche zum Thema hat, frage ich mich, ob diese Antwort wirklich komplett ehrlich war. Ich habe die letzten zwei Jahre damit verbracht, mich an Erfahrungen aus meinen Kinder- und Teenagertagen zu erinnern und durch Literatur Momente wiederherzustellen, die damals klein erschienen, von denen ich aber viel später gemerkt habe, dass sie mir großen Schaden zugefügt haben. Deshalb denke ich, dass der wahre Grund dafür, dass ich nie über Irland geschrieben habe, im ersten Satz meines Romans erklärt wird:

Ich habe erst begonnen, mich dafür zu schämen, Ire zu sein,
als ich mich schon tief in den mittleren Jahren meines Lebens befand.

Ich wuchs in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Dublin auf. Im Nachbarhaus zu unserer Rechten wohnte der Gemeindepriester, zur Linken wohnten acht Nonnen. Ich war Ministrant, ging auf eine katholische Schule und wurde jeden Sonntag mit zur Messe genommen. Ich wusste, dass es in Dublin Protestanten – und Methodisten, Juden und Mormonen – gab, aber ich hatte noch nie einen von ihnen gesehen und wäre wahrscheinlich schreiend weggelaufen, wäre mir einer untergekommen. Sie würden schließlich in die Hölle kommen, das war zumindest, was uns die Priester erzählten. Und solange wir unseren Katechismus auswendig lernten und ein gutes, katholisches Leben führten, würde uns das nicht geschehen.

Die Wichtigkeit des kirchlichen Lebens in meiner Gemeinde zu dieser Zeit kann nicht genug betont werden. Eine Familie, die nicht zur Messe ging, riskierte es, sofort aus allen gesellschaftlichen Kreisen ausgeschlossen zu werden. Einen Priester zum Abendessen zu Gast zu haben war ein Traum, und wenn es tatsächlich geschah, wurde wochenlang zuvor geplant und vorbereitet. Heißt es nicht, die Queen denke, die Welt rieche nach frischer Farbe? Nun, Priester dachten das auch. Das ganze Haus musste saniert werden, bevor einer von ihnen zum Tee kam. Trotz des kriecherischen Gehabes, das vonstattenging, war es dennoch selten, einen wahren Gläubigen zu finden. Jeder wusste, welche Priester die kürzesten Messen lasen, und niemand sagte bei der Beichte jemals die Wahrheit. Ich erinnere mich, dass ich dachte, wenn ich sagte, was wirklich in meinem Kopf vor sich ging, würde ich wahrscheinlich exkommuniziert, verhaftet oder beides.

Also tat ich, was alle taten:
Ich erfand Dinge. Normale, anständige Sünden.

Ich war ein stilles, schüchternes und gut erzogenes Kind, doch wenn ich überhaupt je in Schwierigkeiten geriet, hatten sie immer mit Priestern zu tun. Als achtjähriger Ministrant hatte ich so große Angst vor den Konsequenzen davon, bei der falschen Messe aufgetaucht zu sein, dass ich vor dem Altar heulend zusammenbrach und weggetragen werden musste. Das klingt heutzutage lustig, aber ich erinnere mich noch gut an die völlige Panik davor, was mit mir passieren würde. Ich glaube, ich hatte noch nie so große Angst, weder vorher noch jemals seither.

Mit dreizehn hatte ich das Unglück, einen sadistischen Priester zum Lehrer zu haben, der in seinem Ärmel einen hölzernen Stock trug, an dessen Spitze ein Metallgewicht festgeklebt war. Er nannte diesen Stock Excalibur und schlug mich damit einmal so schrecklich, dass ich zwei Wochen nicht in die Schule konnte. Es war offensichtlich, dass es ihm Spaß machte zu sehen, wie ich vor ihm zusammenbrach.
Ein anderer Priester veranstaltete „gerechte Prozesse“, in denen ein Junge – oftmals ich – für ein Vergehen vor die Klasse gestellt wurde, woraufhin seine Klassenkameraden ihm den Prozess machten und ihn unausweichlich für schuldig befanden. Dann wurde ihm vor allen anderen die Hose heruntergezogen und eine Tracht Prügel verpasst.
Es waren jedoch nicht nur die Priester. Weltliche Lehrer, denen die akzeptierten Praktiken ihrer religiösen Arbeitgeber wohlbekannt waren, konnten ebenfalls für unerfreuliche Taten verantwortlich zeichnen.

All dies und mehr geschah zu dieser Zeit,
und wir wehrten uns nie auch nur im geringsten dagegen.

Wir dachten, sie hätten ein Recht zu tun, was sie wollten, weil sie einen Priesterkragen trugen. Und jetzt fragen sie sich, warum meine Generation so wenig Respekt für sie hat.
Als meine Pubertät und mein unabhängiges Denken in Schwung zu kommen begannen, begegnete ich der Kirche mit größerer Ablehnung. Es ist nicht leicht, ein junger, schwuler Teenager zu sein und gesagt zu bekommen, man sei krank, geistig gestört oder brauche Elektroschocktherapie, besonders wenn derjenige, von dem man es hört, einen am Tag zuvor auf dem Weg ins Klassenzimmer begrapscht hat. Ich bezweifle, dass auch nur einer von ihnen verstand, dass die Art, wie sie Liebe predigten und Hass praktizierten, meine Jugend und die Jugend von Leuten wie mir verdarb und zu ungesunden und verstörenden Beziehungen führte, sobald ich sexuell aktiv wurde.
Ich kämpfe in meinem Leben mit Depressionen – häufigen, immer wiederkehrenden und chemisch unterdrückten – und ich führe sie darauf zurück, dass mir meine Priester und Lehrer das Gefühl gaben, wertlos zu sein und mich bei jeder Gelegenheit herabsetzten und demütigten. Was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass ich in allen anderen Lebensbereichen eine äußerst glückliche Kindheit hatte.

Während meiner Jugend reiste Papst Johannes Paul II. in der Luxusklasse durch die Welt und nutzte seine Popularität aus, um Konzepte zu bestärken, die nicht nur veraltet, sondern zerstörerisch und schädlich waren, und badete dabei im Applaus von jungen Leuten, während er gleichzeitig sicherstellte, dass jede einzelne Straftat, die an ihnen begangen wurde, vertuscht wurde. Und dennoch strömten dieses Jahr zehntausende von Menschen auf den Petersplatz, um seine Heiligsprechung zu feiern, ein Verhalten, das kaum zu glauben ist. Wo ist ihr Mitleid?

Wo ist ihre Menschlichkeit?

Je mehr Skandale im Lauf der Jahre ans Licht kamen, desto fester wurde meine Überzeugung, dass es unter ihnen nicht einen einzigen guten Mann gab, und dass es für uns alle besser wäre, sie verschwänden möglichst schnell aus unserem Leben.
Als ich vor fünfzehn Jahren begann, Romane zu veröffentlichen, wusste ich, dass ich darüber nicht schreiben konnte, bis ich erfahren genug war. Und dann erzählte mir eines Tages ein Verwandter, er habe einen jungen Priester gesehen, der vor der Grotte der Kirche von Inchicore niedergeworfen hysterisch weinte, während in der Nähe eine Frau saß – offenbar seine Mutter – und ähnlich verzweifelt war. Warum er dort war, weiß ich nicht, aber ich stellte fest, dass mich das Bild stark berührte. Ich fragte mich, ist er ein Krimineller? Wahrscheinlich. Aber wie hatte er gelitten, als er jung war? Was hatte ihn zu dieser großen inneren Verzweiflung geführt? Und zu meinem Erstaunen verspürte ich etwas, das ich nie erwartet hätte, jemals für einen Priester zu fühlen: Mitleid.

 

Schriftsteller suchen nach den Geschichten,
die noch niemand erzählt hat.

Es wäre sehr einfach, eine Geschichte zu schreiben, die sich um ein Monster dreht, einen unermüdlichen Pädophilen, der sich ohne Reue an Schutzlosen vergeht. Die Herausforderung für mich war es, einen Roman über den anderen Priester zu schreiben, den wahren Priester, den, der sein Leben dem Tun von guten Taten gewidmet hat und sich nun verraten von der Institution sieht, der er alles geopfert hat. Dadurch versuchte ich, Gutes dort zu finden, wo ich mein ganzes Leben lang nur Böses gesehen hatte.

Ich habe viele Priester interviewt, die nicht im Habit aus dem Haus gehen, weil sie befürchten, angespuckt zu werden; und andere, die sich davor fürchten, allein mit einem Kind zu sein, aus Sorge, zu Unrecht angeklagt zu werden. Ihr Schmerz und ihr Mitleid mit Missbrauchsopfern berührten mich und zwangen mich, meine eigenen Vorurteile zu konfrontieren.

Wir dachten, sie hätten ein Recht zu tun, was sie wollten, weil sie einen Priesterkragen trugen. Und jetzt fragen sie sich, warum meine Generation so wenig Respekt für sie hat.
Als meine Pubertät und mein unabhängiges Denken in Schwung zu kommen begannen, begegnete ich der Kirche mit größerer Ablehnung. Es ist nicht leicht, ein junger, schwuler Teenager zu sein und gesagt zu bekommen, man sei krank, geistig gestört oder brauche Elektroschocktherapie, besonders wenn derjenige, von dem man es hört, einen am Tag zuvor auf dem Weg ins Klassenzimmer begrapscht hat. Ich bezweifle, dass auch nur einer von ihnen verstand, dass die Art, wie sie Liebe predigten und Hass praktizierten, meine Jugend und die Jugend von Leuten wie mir verdarb und zu ungesunden und verstörenden Beziehungen führte, sobald ich sexuell aktiv wurde.
Ich kämpfe in meinem Leben mit Depressionen – häufigen, immer wiederkehrenden und chemisch unterdrückten – und ich führe sie darauf zurück, dass mir meine Priester und Lehrer das Gefühl gaben, wertlos zu sein und mich bei jeder Gelegenheit herabsetzten und demütigten. Was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass ich in allen anderen Lebensbereichen eine äußerst glückliche Kindheit hatte.

Als ich diesen Roman schrieb, hoffte ich, dass diejenigen, die die Kirche blind gegen alle Kritiker verteidigen, die Untaten erkennen würden, die diese Institution begangen hat, während diejenigen, die sie unablässig verurteilen, akzeptieren könnten, dass es viele anständige Menschen gibt, die in ihr ein gutes Leben gelebt haben.

Es ist eine Geschichte, die die meisten irischen Schriftsteller ignoriert haben, aber sie ist weder als Verteidigung der Kirche geschrieben – am Ende muss der Leser bedenken, inwieweit der Erzähler an den Ereignissen mitschuldig ist, die sich vor ihm abspielen – noch ist sie ein offener Angriff. Es ist einfach nur ein Roman, der die Leser auffordert, das Thema aus einer weiteren Perspektive zu betrachten und die Leben all jener neu zu bewerten, die gelitten haben, sowohl im Innern als auch außerhalb einer der tragenden Säulen der irischen Gesellschaft.«

John Boyne in THE IRISH TIMES. Den Originalartikel finden Sie hier ›

Blick ins Buch
Die Geschichte der EinsamkeitDie Geschichte der Einsamkeit

Roman

Odran Yates kommt 1972 an das renommierte Dubliner »Clonliffe Seminary«, um Priester zu werden. Er kann es kaum erwarten, endlich Gutes zu tun. Vierzig Jahre später ist sein Vertrauen in die katholische Kirche jedoch zutiefst erschüttert. Bestützt muss er dabei zusehen, wie alte Freunde vor Gericht stehen und ehemalige Würdenträger ins Gefängnis kommen. Erst als bei einem Familientreffen alte Wunden aufgerissen werden, sieht er sich gezwungen, die Ereignisse in seinem Leben in einem anderen Licht zu betrachten und sich einzugestehen, dass er über all die Jahre nicht sehen wollte, was direkt vor seinen Augen geschah.
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Erstes Kapitel

2001

 

Erst spät in meinem Leben begann ich mich dafür zu schämen, dass ich Ire bin.

Vielleicht sollte ich mit dem Abend beginnen, an dem ich meine Schwester zum Essen besuchte und sie sich nicht daran erinnern konnte, mich eingeladen zu haben. An jenem Abend bemerkte ich zum ersten Mal, dass etwas mit ihr nicht stimmte.

Gegen Mittag war George W. Bush in Washington für seine erste Amtszeit als Präsident vereidigt worden, und als ich in der Grange Road im Süden von Dublin ankam, saß Hannah vor dem Fernseher und schaute sich einen Bericht über die Zeremonie an.

Mein letzter Besuch lag ein knappes Jahr zurück. Es war mir etwas unangenehm, dass ich, nachdem ich in den Monaten nach Kristians Tod häufiger bei ihr vorbeigeschaut hatte, in alte Gewohnheiten zurückgefallen war und nur selten anrief und mich noch seltener mit ihr zum Mittagessen im Bewley’s Café in der Grafton Street verabredete. Das Bewley’s erinnerte uns beide an unsere Kindheit, denn dorthin hatte Mam uns immer mitgenommen, wenn wir in der Adventszeit in die Innenstadt fuhren, um das Weihnachtsschaufenster von Switzer’s zu bewundern. Im Bewley’s hatten wir auch zu Mittag gegessen – Würstchen mit Bohnen und Pommes –, nachdem der Schneider des Clerys bei uns Maß genommen hatte, erst für meinen Kommunionsanzug und ein paar Jahre später für Hannahs Kommunionskleid. Wir hatten dort wunderbare Nachmittage verbracht, hatten Buttercremetorte gegessen und Fanta getrunken. Vor der Kirche von Dundrum stiegen wir in den Bus 48A, der uns in die Innenstadt brachte. Hannah und ich rannten hoch aufs Oberdeck, setzten uns ganz nach vorn und umklammerten die Eisenstange, während der Bus durch Milltown und Ranelagh fuhr, über die Charlemont Bridge und bis zum alten Metropole-Kino hinter der Tara Street Station, wo wir uns Meuterei auf der Bounty mit Marlon Brando und Trevor Howard angeschaut hatten. Allerdings hatten wir den Film nur bis zur Hälfte gesehen, denn als die Tahitianerinnen mit ihren entblößten Brüsten, die lediglich von Blumengirlanden bedeckt waren, in Kanus auf das Schiff zuruderten, auf dem sich eine Horde lüsterner Matrosen befand, zerrte Mam uns aus dem Saal. Noch am selben Abend schrieb sie einen Brief an die Evening Press und forderte, der Film solle aus den Kinos verbannt werden. »Ist dies ein katholisches Land oder nicht?«, empörte sie sich.

In den fünfunddreißig Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte sich das Bewley’s Café nicht großartig verändert, und ich ging immer noch gern hin. Ich bin ein nostalgischer Mensch, was nicht immer gut ist. Kindheitserinnerungen werden wach, sobald mein Blick auf die Sitzbänke mit den hohen Rückenlehnen fällt, in denen nach wie vor Menschen aller Couleur Platz nehmen: Rentner mit schlohweißem Haar, echte Gentlemen, glatt rasiert und nach Old Spice duftend, lesen in feinen Anzügen den Wirtschaftsteil der Irish Times, obwohl das rein gar nichts mehr mit ihrem Leben zu tun hat. Hausfrauen genießen ihren Vormittagskaffee und sind froh, einen Moment für sich zu haben, während sie der wunderbaren Stimme von Méav lauschen, die aus den Lautsprechern dringt. Studenten des Trinity College essen Wurstsandwiches, trinken Unmengen von Kaffee, lachen laut und stoßen sich gegenseitig an, weil sie jung sind und die Gesellschaft genießen. Ein paar arme Schlucker erkaufen sich mit einer Tasse Tee ein oder zwei Stunden Wärme. Es ist ein großes Glück für Dublin, dass das Bewley’s jedem seine Türen öffnet, und hin und wieder nutzten Hannah und ich diese Gastfreundschaft – ein Mann mittleren Alters und seine verwitwete Schwester, beide gepflegt gekleidet, die sich leise unterhielten und immer noch gern Buttercremetorte aßen, deren Magen aber keine Fanta mehr vertrug.

Hannah hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen und mich zum Abendessen eingeladen, und ich hatte sofort zugesagt. Nach ihrem Anruf hatte ich mich gefragt, ob sie sich vielleicht einsam fühlte. Ihr ältester Sohn, mein Neffe Aidan, arbeitete in London auf dem Bau und kam fast nie nach Hause. Ich wusste, dass er sogar noch seltener anrief als ich. Allerdings war er in jenen Jahren auch kein besonders umgänglicher Mensch. Als Kind war er fröhlich und offenherzig gewesen und hatte gern den Alleinunterhalter gespielt, aber eines Tages hatte er sich schlagartig verändert und war zu einem zornigen, verschlossenen Jungen geworden, der Hannah und Kristian das Leben schwer machte. Als er heranwuchs, wurde die Wut, die ihn von innen vergiftete, nicht weniger – im Gegenteil, sie wurde immer größer und zerstörte alles, was mit ihr in Berührung kam. Aidan war groß und breitschultrig und hatte die helle Haut und das blonde Haar seines norwegischen Vaters geerbt. Die Frauen lagen ihm zu Füßen. Leider hatte er auch ein schier unstillbares Verlangen nach ihnen. So hatte er ein Mädchen geschwängert, als die beiden nicht einmal alt genug zum Autofahren waren, und eine Zeit lang gab es deswegen großen Ärger. Nach einem furchtbaren Streit zwischen Kristian und dem Vater des Mädchens, bei dem sogar die Polizei anrücken musste, beschlossen sie, das Kind zur Adoption freizugeben.

Bei mir hatte sich Aidan schon lange nicht mehr gemeldet. Wenn wir uns begegneten, lag Verachtung in seinem Blick. Einmal, als er nicht mehr ganz nüchtern war, baute er sich auf einer Familienfeier vor mir auf und stützte eine Hand an der Wand ab, sodass ich zwischen seinem Arm und seinem Oberkörper gefangen war. Er roch so sehr nach Zigaretten und Alkohol, dass ich den Kopf abwandte, woraufhin er süffisant bemerkte: »Ich hätte da mal eine Frage. Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass dein Leben für die Katz ist? Wünschst du dir nie, du könntest die Zeit zurückdrehen und noch mal von vorn beginnen? Alles anders machen? Willst du nicht manchmal ein normales Leben führen?« Ich schüttelte den Kopf und antwortete, dass ich sehr zufrieden mit meinem Leben sei und dass ich zu meiner Entscheidung stünde, obwohl ich sie in sehr jungen Jahren getroffen hätte. Ich stünde zu meiner Entscheidung, wiederholte ich, und auch wenn er sie sinnlos finde, verleihe sie meinem Leben Klarheit und ein Ziel, Dinge, die ihm offenbar fehlten. »Damit könntest du recht haben, Odran«, sagte er, trat einen Schritt zurück und gab mich frei. »Aber ich könnte so nicht leben. Lieber würde ich mir eine Kugel in den Kopf jagen.«

Nein, Aidan hätte meine Entscheidungen niemals treffen können, und heute bin ich dafür dankbar. Er ist einfach nicht so arglos und konfliktscheu wie ich. Schon als Junge hatte er mehr Mut, als ich jemals haben werde. Jetzt lebte er in London mit einer Frau zusammen, die einige Jahre älter war als er und schon zwei Kinder hatte, was ich merkwürdig fand, schließlich hatte er ein paar Jahre zuvor nichts von seinem eigenen Kind wissen wollen.

In Hannahs Haus wohnte jetzt nur noch ihr jüngerer Sohn Jonas, ein stiller Junge, mit dem man kein richtiges Gespräch führen konnte, weil er immer auf seine Schuhe starrte oder die Finger bewegte wie ein rastloser Klavierspieler. Wenn man ihn ansah, errötete er, und meist verkroch er sich zum Lesen in sein Zimmer, aber wenn ich ihn nach seinem Lieblingsschriftsteller fragte, gab er mir nur widerwillig Auskunft oder nannte aus Trotz einen Namen, den ich noch nie gehört hatte – meist einen Ausländer, einen Japaner, Italiener oder Portugiesen. Auf der Beerdigung seines Vaters hatte ich die Stimmung auflockern wollen und ihn gefragt, ob er hinter seiner verschlossenen Tür wirklich lese oder nicht etwas ganz anderes treibe. Ich hatte mir nichts dabei gedacht – es sollte ein Scherz sein –, aber als ich die Worte aussprach, hörte ich selbst, wie anzüglich sie klangen. Ich glaube, es waren noch drei oder vier andere Leute dabei, und der Junge wurde knallrot und verschluckte sich an seiner 7Up. Ich wollte ihm sagen, wie leid es mir tue und dass ich ihn nicht in Verlegenheit hätte bringen wollen, aber das hätte alles nur noch schlimmer gemacht, und so ließ ich die Sache auf sich beruhen und wandte mich rasch ab. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir uns von dieser Szene nie mehr erholt haben, denn er muss gedacht haben, dass ich ihn absichtlich bloßstellen wollte, obwohl mir nun wirklich nichts ferner lag.

Jonas war zu der Zeit, von der ich erzähle, sechzehn Jahre alt und stand kurz vor der Mittleren Reife. Die Prüfung würde ihm keine Schwierigkeiten bereiten, denn er war von klein auf sehr klug gewesen und hatte lange vor anderen Kindern seines Alters sprechen und lesen gelernt. Kristian sagte gern, dass Jonas mit seinem Verstand Arzt, Anwalt, Premierminister von Norwegen oder Präsident von Irland werden könne, aber immer wenn ich ihn das sagen hörte, dachte ich, nein, das ist nicht der Weg dieses Jungen. Ich wusste nicht, was sein Weg war, aber dieser war es nicht.

Manchmal dachte ich, dass Jonas ein hoffnungsloser Fall war. Er erzählte nie von Gleichaltrigen, hatte keine Freundin und nahm kein Mädchen mit auf den Weihnachtsball der Schule. Er ging nicht einmal hin. Er war in keinem Verein und trieb keinen Sport. Jonas ging zur Schule und kam wieder nach Hause. Am Sonntagnachmittag setzte er sich allein ins Kino und sah sich irgendeinen ausländischen Film an. Er half seiner Mutter im Haushalt. Ich fragte mich, ob er vielleicht einsam war. In seinem Alter hatte ich mich jedenfalls oft allein gefühlt.

So lebten also nur noch Hannah und Jonas in dem Haus. Der Ehemann und Vater war tot und der Sohn und Bruder ausgezogen, und auch wenn ich nicht viel vom Familienleben verstand, eins wusste ich: Eine Frau Mitte vierzig und ein unsicherer Jugendlicher hatten sich vermutlich nicht viel zu sagen. Vielleicht herrschte in ihrem Haus oft Schweigen, und deshalb hatte Hannah zum Hörer gegriffen, ihren Bruder angerufen und ihn zum Abendessen eingeladen. Wir bekommen dich so selten zu Gesicht, Odran!

An jenem Abend fuhr ich in meinem neuen Auto zu ihr. Besser gesagt, in dem Gebrauchtwagen, den ich soeben erstanden hatte, einem Ford Fiesta Baujahr 1992. Ich hatte ihn erst seit einer Woche und war äußerst angetan von seiner Wendigkeit. Ein richtiger kleiner Flitzer. Ich parkte auf der Straße vor Hannahs Haus und stieg aus. Dann öffnete ich das Gartentor, das schief in den Angeln hing, und strich mit dem Finger über die abgeblätterte schwarze Farbe. Darum müsste sich Jonas bei Gelegenheit mal kümmern, dachte ich, schließlich war er nun, da Kristian verstorben und Aidan ausgezogen war, der Mann im Haus, auch wenn er noch ein halbes Kind war. Der Garten wirkte hingegen gepflegt. Die Pflanzen hatten den Winter gut überstanden, und ein frisch geharktes Beet sah aus, als warteten unzählige Blumenzwiebeln nur darauf, aus der Erde hervorzubrechen und in die Höhe zu schießen, sobald es Frühling wurde – was für meinen Geschmack nicht schnell genug passieren konnte, denn ich liebe die Sonne, auch wenn ich wenig Erfahrung mit ihr habe, denn ich habe mein ganzes Leben in Irland verbracht.

Wann hat Hannah denn ihren grünen Daumen entdeckt?, fragte ich mich, während ich durch den Vorgarten ging. Das ist ja ganz was Neues.

Ich klingelte an der Tür, trat ein paar Schritte zurück und sah zum Fenster im ersten Stock hoch. Dort brannte Licht, und ich sah einen Schatten. Jonas musste den Motor gehört und einen Blick nach draußen geworfen haben, während ich den Vorgarten durchquerte. Ich hoffte, dass ihm der Fiesta aufgefallen war. Man konnte es mir doch nicht etwa verübeln, dass ich von meinem Neffen ein wenig bewundert werden wollte? Kurz kam mir der Gedanke, dass ich mich mehr um den Jungen kümmern sollte, schließlich war sein Vater tot und sein großer Bruder aus dem Haus, und er brauchte vielleicht einen Mann in seinem Leben.

Die Tür wurde geöffnet, und Hannah spähte durch den Spalt. Wie sie so dastand und mich leicht nach vorn gebeugt anstarrte, erinnerte sie mich an unsere verstorbene Großmutter. Sie schien sich zu fragen, warum um Himmels willen jemand um diese Uhrzeit bei ihr vor der Tür stand. In ihrem Gesicht sah ich die Frau, die sie in fünfzehn Jahren sein würde.

»Ach, du bist es«, sagte sie und nickte zufrieden, als sie mich erkannte. »Von den Toten auferstanden.«

»Du übertreibst«, sagte ich grinsend und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie roch nach einer dieser Cremes, die Frauen in ihrem Alter benutzen. Ich nehme diesen Geruch jedes Mal wahr, wenn Frauen auf mich zugeeilt kommen, um mir die Hand zu schütteln und mich zu fragen, wie es mir geht, ob ich in den nächsten Tagen nicht mal zum Abendessen vorbeikommen wolle und wie sich ihre Söhne so machten, sie bereiteten mir doch hoffentlich keine Schwierigkeiten? Ich habe keine Ahnung, wie diese Cremes heißen. Vermutlich ist Creme nicht einmal das richtige Wort. In der Fernsehwerbung heißt das sicher anders. Lotion oder so. Aber woher soll ich das wissen? Meine Unwissenheit über Frauen würde genug Bücher füllen, um damit die antike Bibliothek von Alexandria neu zu bestücken.

»Schön, dich zu sehen, Hannah.«

Ich trat in den Flur, zog meinen Mantel aus und hängte ihn auf einen freien Haken neben ihren alten dunkelblauen Mantel von Primark und eine braue Wildlederjacke, die Jonas gehören musste. Ich sah die Treppe hinauf und konnte es plötzlich kaum erwarten, ihm zu begegnen.

»Komm rein, komm rein«, sagte Hannah und ging voraus ins Wohnzimmer, in dem es gemütlich warm war. Im Kamin loderte ein Feuer, und ich bekam Lust, den ganzen Abend mit Hannah und Jonas vor dem Fernseher zu sitzen. Anne Doyle würde berichten, was unser Premierminister Bertie Ahern so trieb, und darüber spekulieren, ob Jon Bruton ihn bei den nächsten Wahlen schlagen und was der arme Al Gore nach seiner Niederlage tun würde.

Auf dem Fernseher stand ein gerahmtes Foto von Cathal. Auf dem Bild lachte er aus vollem Hals, als hätte er das ganze Leben noch vor sich, der arme kleine Kerl. Ich hatte das Foto noch nie gesehen und starrte es an. Cathal trug Shorts, hatte strubbeliges Haar und grinste, dass es mir das Herz brach. Im Hintergrund war ein Strand zu sehen. Mir wurde schwindelig. Cathal war nur einmal in seinem Leben an einem Strand gewesen. Warum hatte Hannah das Bild aufgestellt? Warum wollte sie an jene furchtbare Woche erinnert werden? Und wo hatte sie das Bild überhaupt her?

»War viel los auf den Straßen?«, fragte sie mich von der Tür her, und ich fuhr herum und starrte sie einen Moment lang verwirrt an.

»Nein, gar nicht«, sagte ich dann. »Ich habe übrigens ein neues Auto. Es fährt sich sehr gut.«

»Ein neues Auto? Nicht schlecht! Ist so was denn erlaubt?«

»Es ist ja nicht fabrikneu.« Ich musste wirklich aufhören, das Auto als neu zu bezeichnen. »Es ist gebraucht, aber für mich ist es neu.«

»Na, dann wird es ja wohl erlaubt sein.«

»Natürlich.« Ich lachte unsicher, weil ich nicht genau wusste, was sie damit meinte. »Ich muss ja schließlich irgendwie von A nach B kommen.«

»Sicher. Wie spät ist es eigentlich?« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und sah mich an. »Setz dich doch. Du machst mich ganz nervös, wenn du so rumstehst.«

Ich setzte mich, und da schlug sie die Hand vor den Mund und starrte mich an.

»Du meine Güte. Ich hatte dich zum Abendessen eingeladen.«

»Ja, klar.« In diesem Moment fiel mir auf, dass es in der Wohnung eher nach einer schon verspeisten Mahlzeit roch als nach kochenden Töpfen. »Hattest du das vergessen?«

Sie wandte sich ab und kniff verwirrt die Augen zusammen, sodass ich ihr Gesicht kaum wiedererkannte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Natürlich nicht. Es ist nur … Na gut, um ehrlich zu sein, hatte ich es vergessen. Ich dachte … Hatten wir nicht Donnerstag gesagt?«

»Nein«, entgegnete ich, denn ich war mir sicher, dass sie mich für den Samstag eingeladen hatte. »Aber vielleicht habe ich es mir ja falsch gemerkt«, fügte ich hinzu, weil ich nicht wollte, dass sie sich Vorwürfe machte.

»Nein, du hast es dir nicht falsch gemerkt.« Sie schüttelte den Kopf und wirkte verärgerter, als es der Situation angemessen war. »Ich weiß in letzter Zeit wirklich nicht, wo mir der Kopf steht, Odran. Ich bin furchtbar zerstreut. Mir passieren ständig irgendwelche Fehler. Mrs Byrne hat mich schon verwarnt und gesagt, ich müsse mich zusammenreißen. Aber sie hat auch Haare auf den Zähnen. Ihr kann man es einfach nicht recht machen. Ach, Odran, es tut mir leid. Jonas und ich haben schon vor einer halben Stunde zu Abend gegessen. Ich hatte es mir gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht. Kann ich dir ein Sandwich mit Bratwürstchen machen?«

Ich nickte und bedankte mich. Als mir einfiel, wie sehr mein Magen auf dem Weg hierher geknurrt hatte, fügte ich hinzu, dass ich auch zwei Sandwiches nehmen würde, wenn es nicht zu viel Mühe bedeute. Sie sagte, es mache ihr überhaupt nichts aus, schließlich habe sie ihren beiden Jungs da oben jahrelang Würste gebraten.

»Deinen beiden Jungs da oben?«, fragte ich. War der Schatten am Fenster vielleicht doch nicht Jonas gewesen, sondern sein Bruder? »Ist Aidan hier?«

»Aidan?«, fragte sie verwundert und drehte sich mit der Pfanne in der Hand zu mir um. »Nein, er arbeitet in London auf dem Bau. Das weißt du doch!«

»Aber du hast von deinen beiden Jungs gesprochen.«

»Ich meinte Jonas.«

Ich ließ sie in Ruhe und starrte auf den Fernseher.

»Hast du dir heute Nachmittag die Vereidigung des Präsidenten angeschaut?«, rief ich in die Küche hinüber. »Machen die Amis nicht furchtbar viel Aufhebens um die Sache?«

»Ja, das ist schon verrückt«, antwortete sie. Ich hörte das Öl spritzen, als sie die Würstchen in die Pfanne legte. »Ich habe den Nachmittag vor dem Fernseher verbracht. Wie findest du ihn? Glaubst du, er wird seine Sache gut machen?«

»Er ist noch keinen Tag im Amt, und schon hassen ihn alle.« Auch ich hatte mir die Berichterstattung angeschaut und mich darüber gewundert, wie viele Leute in Washington gegen Bush auf die Straße gegangen waren. Man warf ihm vor, er habe die Wahl gar nicht gewonnen, aber selbst wenn das stimmte, war das Ergebnis so knapp, dass Al Gore wohl kaum eine größere Legitimität als Präsident gehabt hätte.

»Weißt du, wen ich toll fand?«, fragte Hannah so verträumt, als wäre sie wieder ein junges Mädchen.

»Wen denn?«

»Ronald Reagan. Erinnerst du dich noch an seine Filme? Manchmal laufen sie samstags auf BBC2. Vor ein paar Wochen habe ich einen gesehen, in dem Ronald Reagan einen Gleisarbeiter spielt. Er hat einen Unfall, und als er wieder aufwacht, hat man ihm beide Beine amputiert. ›Wo ist der Rest von mir?‹, schrie er. ›Wo ist der Rest von mir?‹«

»Ah, ja«, sagte ich, obwohl ich mir noch nie einen Film mit Ronald Reagan angesehen hatte. Ich wunderte mich immer, wenn Leute ihn als Schauspieler bezeichneten. Seine Frau soll im Übrigen ein richtiger Drachen gewesen sein.

»Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, er habe alles im Griff«, sagte Hannah. »Das mag ich bei einem Mann. Kristian war auch so.«

»Da hast du recht«, pflichtete ich ihr bei.

»Wusstest du, dass er in Mrs Thatcher verliebt war?

»Kristian?«, fragte ich stirnrunzelnd. Das konnte ich mir nicht vorstellen.

»Nein, nicht Kristian«, sagte sie gereizt. »Ronald Reagan. Ich habe gehört, dass die beiden ineinander verliebt waren.«

»Ich weiß nicht, ich habe da so meine Zweifel«, sagte ich achselzuckend. »Man nannte sie ja nicht umsonst die Eiserne Lady.«

»Jedenfalls bin ich froh, dass ich Clinton, diesen schmierigen Kerl, nicht mehr sehen muss«, rief sie zu mir herüber.

Ich nickte. Auch ich hatte die Nase voll von Bill Clinton. Seine Politik war nicht schlecht gewesen, aber er hatte alles Vertrauen verspielt. Am Ende hatte er nur noch seine Haut retten wollen. Ich konnte seinen erhobenen Zeigefinger und sein unbewegtes Gesicht, mit dem er alles abstritt, nicht mehr sehen. Er hatte uns nach Strich und Faden belogen.

»Er hat sich tatsächlich von dieser Frau einen blasen lassen«, fuhr Hannah fort, und ich fuhr herum und starrte sie fassungslos an. Solch ein Wort hatte sie in meiner Gegenwart noch nie verwendet, und ich überlegte, ob ich mich verhört hatte, aber ich wollte nicht nachfragen. Sie wendete die Würstchen in der Pfanne und summte vor sich hin. »Was magst du lieber, Ketchup oder braune Soße?«, rief sie mir zu.

»Ketchup.«

»Ketchup ist alle.«

»Dann eben braune Soße. Ich habe seit Ewigkeiten keine braune Soße mehr gegessen. Weißt du noch, wie Dad sie zu allem gegessen hat? Sogar zu Lachs?«

»Lachs?«, fragte sie und brachte mir einen Teller mit zwei köstlich aussehenden Bratwurstsandwiches. »Bei uns gab es früher keinen Lachs.«

»Hin und wieder schon.«

»Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern.« Sie setzte sich in den zweiten Sessel und sah mich an. »Wie schmeckt dir die Wurst?«

»Sehr gut.«

»Ich hätte dir ein richtiges Abendessen kochen sollen.«

»Nein, nein. Die Würstchen reichen mir völlig.«

»Ich weiß in letzter Zeit wirklich nicht, wo mir der Kopf steht.«

»Das macht doch nichts, Hannah.« Ich hätte gern das Thema gewechselt. »Was habt ihr beiden denn zu Abend gegessen?«

»Hühnchen«, antwortete sie. »Mit Kartoffelpüree. Das mag Kristian lieber als Salzkartoffeln.«

»Jonas«, sagte ich.

»Was ist mit Jonas?«

»Du hast Kristian gesagt.«

Sie machte ein verwirrtes Gesicht und schüttelte verständnislos den Kopf. Ich setzte zu einer Erklärung an, aber in dem Moment ging im ersten Stock eine Tür auf, und auf der Treppe erklangen Schritte. Gleich darauf kam Jonas ins Wohnzimmer und begrüßte mich mit einem Nicken und einem schüchternen, aber liebenswürdigen Lächeln. Sein Haar war länger als beim letzten Mal, und ich fragte mich, warum er es sich nicht schneiden ließ. Der Junge hatte ein hübsches Gesicht. Hätte ich seine Wangenknochen gehabt, dann hätte ich sie der Welt zeigen wollen.

»Hallo, Onkel Odran. Wie geht’s?«, fragte er.

»Gut, danke. Bist du schon wieder gewachsen, Jonas?«

»Er schießt immer weiter in die Höhe«, sagte Hannah.

»Vielleicht ein kleines Stück«, murmelte Jonas.

»Und was ist mit deinem Haar?«, fragte ich und bemühte mich um einen freundlichen Ton. »Ist das jetzt die neueste Mode?«

»Er muss dringend zum Friseur«, sagte Hannah und drehte sich zu ihm um. »Nicht wahr, Sohnemann? Wann gehst du zum Friseur?«

»Sobald du mir drei Pfund fünfzig gibst. Ich bin völlig pleite.«

»Da kann ich dir leider nicht helfen.« Hannah wandte sich wieder ab. »Das Geld reicht auch so vorne und hinten nicht. Weißt du was, Odran? Mrs Byrne hat mich verwarnt. Eigentlich könnte mir das ja egal sein, aber ich arbeite schon acht Jahre länger als sie in der Bank.«

»Ja, das hast du mir schon erzählt.« Ich schluckte den letzten Bissen des ersten Sandwichs hinunter und nahm das zweite in die Hand. »Willst du dich nicht setzen, Jonas?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich wollte mir nur was zu trinken holen«, sagte er und ging in die Küche.

»Und wie läuft’s in der Schule?«, fragte ich.

»Gut.« Er öffnete den Kühlschrank, blickte hinein und machte ein enttäuschtes Gesicht. Offenbar fand er nicht, auf was er gehofft hatte.

»Er steckt seine Nase ständig in irgendein Buch«, sagte Hannah. »Der Junge hat was im Kopf.«

»Und weißt du schon, was du mal werden willst, Jonas?«, fragte ich.

Er murmelte irgendwas Unverständliches. Es klang irgendwie neunmalklug.

»Jonas ist so schlau, dass ihm alle Türen offen stehen«, sagte Hannah und starrte auf George W. Bush, der seine Antrittsrede hielt.

»Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, was ich mal werden will«, sagte Jonas, kam zurück ins Wohnzimmer und fixierte den Fernseher. »Ich würde gern Englisch studieren, aber das bereitet einen nicht gerade auf einen Beruf vor.«

»In meine Fußstapfen willst du also nicht treten?«, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf und lachte, aber es klang nicht unfreundlich. Dann errötete er leicht. »Eher nicht, Onkel Odran. Tut mir leid.«

»Es gibt schlechtere Berufe«, sagte Hannah. »Hat dein Onkel nicht was aus einem Leben gemacht?«

»Schon«, sagte Jonas. »Ich wollte nicht …«

»Das war doch nur ein Scherz«, unterbrach ich ihn. Ich wollte nicht, dass er das Gefühl hatte, sich entschuldigen zu müssen. »Du bist doch erst sechzehn. Heutzutage würde es sich wohl jeder Sechzehnjährige, der meinen Beruf wählt, mit seinen Freunden verscherzen.«

»Das ist nicht der Grund«, sagte er und sah mich an.

»Wusstest du, dass Jonas in der Zeitung war?«, fragte Hannah.

»Mam«, sagte Jonas und wich zurück in Richtung Flur.

»Wirklich?« Ich löste den Blick vom Fernseher.

»Er hat einen Artikel veröffentlicht«, erklärte sie. »In der Sunday Tribune.«

»Einen Artikel?«, fragte ich stirnrunzelnd. »Was denn für einen Artikel?«

»Es war kein Artikel«, sagte Jonas und lief knallrot an. »Es war eine Kurzgeschichte. Nichts Besonderes.«

»Nichts Besonderes? Was redest du denn da?«, sagte Hannah, setzte sich aufrecht hin und warf ihm einen strafenden Blick zu. »Wann war einer von uns schon mal in der Zeitung?«

»Eine Kurzgeschichte?«, fragte ich nach, stellte meinen Teller ab und drehte mich zu ihm um. »Du schreibst?«

Er nickte und starrte zu Boden.

»Wann denn?«

»Vor ein paar Wochen.«

»Warum hast du mich nicht angerufen? Ich hätte sie gern gelesen. Trotzdem bravo, mein Junge! Ich bin stolz auf dich! Du schreibst also? Willst du vielleicht mal Schriftsteller werden?«

Er zuckte mit den Schultern und wirkte ebenso peinlich berührt wie auf der Beerdigung seines Vaters im Vorjahr, als ich die geschmacklose Bemerkung mit der geschlossenen Tür gemacht hatte. Ich wandte mich wieder dem Fernseher zu, um ihn nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen. »Ich wünsche dir jedenfalls viel Glück«, sagte ich. »Das ist ein hehres Ziel.«

Nachdem er aus dem Zimmer getappt war, schüttelte ich lachend den Kopf. Ich sah zu Hannah hinüber, die mittlerweile in die Programmzeitschrift vertieft war. »Will er wirklich Schriftsteller werden?«

»Wer von Brow Head bis Banba’s Crown laufen will, ist lange unterwegs«, antwortete sie, und ich verstand nicht ganz, was sie damit sagen wollte. Sie legte die Zeitschrift beiseite und musterte mich, als wäre ich ein Fremder.

»Was ist eigentlich aus Mr Flynn geworden?«, fragte sie unvermittelt.

»Aus wem?« Der Name Flynn sagte mir beim besten Willen nichts.

Sie winkte ab, erhob sich und ging in die Küche. Ich blieb perplex im Wohnzimmer zurück.

»Ich koche mir einen Tee. Möchtest du auch einen?«

»Ja, gern.«

Als sie ein paar Minuten später ins Wohnzimmer zurückkam, brachte sie zwei Tassen Kaffee mit, aber ich verkniff mir eine Bemerkung. Ich glaubte, sie wäre so zerstreut, weil sie etwas auf dem Herzen hätte.

»Ist alles in Ordnung, Hannah?«, fragte ich. »Du scheinst ein wenig neben der Spur zu sein. Bedrückt dich irgendwas?«

Sie dachte kurz nach. »Ich wollte es eigentlich gar nicht erwähnen«, sagte sie dann und beugte sich verschwörerisch vor. »Aber jetzt, wo du es ansprichst … Du musst es aber für dich behalten. Kristian geht es nicht gut. Er hat in letzter Zeit häufig starke Kopfschmerzen, aber er weigert sich, zum Arzt zu gehen. Rede du doch mal mit ihm. Auf mich will er nicht hören.«

Ich starrte sie an. Was konnte sie damit meinen? »Kristian?«, brachte ich schließlich hervor. »Kristian ist tot.«

Sie sah mich an, als hätte ich sie ins Gesicht geschlagen. »Denkst du, das weiß ich nicht? Ich habe ihn doch selbst zu Grabe getragen. Warum sagst du so was?«

Ich war verwirrt. Hatte ich mich vielleicht verhört? Ich schüttelte den Kopf, ließ die Sache auf sich beruhen und trank stattdessen meinen Kaffee aus. Um neun Uhr kamen die Nachrichten. Ich hörte mir die Meldungen des Tages an und sah zu, wie Bill und Hillary einen Hubschrauber bestiegen und sich winkend von der Nation verabschiedeten. Dann sagte ich, dass ich mich allmählich auf den Weg machen müsse.

»Komm bald wieder«, sagte Hannah. Sie machte jedoch keine Anstalten, aufzustehen oder mich zur Tür zu bringen. »Bei deinem nächsten Besuch koche ich dir dann auch das versprochene Abendessen.«

Ich nickte, ging hinaus in den Flur und zog die Wohnzimmertür hinter mir zu. Als ich an der Haustür stand und meinen Mantel anzog, hörte ich wieder, wie im ersten Stock eine Tür geöffnet wurde. Im nächsten Moment stand Jonas barfuß oben an der Treppe und sah zu mir herunter.

»Gehst du schon, Onkel Odran?«

»Ja. Wir beide sollten uns öfter mal unterhalten, Jonas.«

Er nickte, kam langsam die Treppe herunter und hielt mir eine zusammengefaltete Zeitungsseite hin. »Für dich, wenn du willst«, sagte er und starrte zu Boden. »Meine Kurzgeschichte aus der Tribune.«

»Vielen Dank.« Ich war gerührt. »Ich werde sie heute Abend lesen und sie dir beim nächsten Mal zurückgeben.«

»Nicht nötig«, antwortete er. »Ich habe zehn Zeitungen gekauft.«

Ich lächelte und schob die zusammengefaltete Seite in meine Hosentasche. »Wenn du mir Bescheid gesagt hättest, dann hätte ich mir selbst eine Ausgabe gekauft.«

Er wippte auf den Zehen hin und her und warf einen Blick zur Wohnzimmertür. »Ist alles in Ordnung, Jonas?«, fragte ich.

»Ja.«

»Du siehst aus, als würde dich irgendwas beschäftigen.«

Er schnaubte und starrte zu Boden. »Ich wollte dich mal was fragen«, murmelte er.

»Nur zu.«

»Es geht um Mam.«

»Was ist mit ihr?«

Er schluckte und sah mir endlich in die Augen. »Glaubst du, dass es ihr gut geht?«

»Deiner Mam?«

»Ja.«

»Sie wirkt etwas müde.« Ich legte eine Hand auf die Türklinke. »Vielleicht muss sie sich nur mal richtig ausschlafen. Wir könnten wohl alle etwas Schlaf gebrauchen.«

»Warte«, sagte er und legte eine Hand auf den Türrahmen, um mich zurückzuhalten. »Sie erzählt viele Sachen doppelt und vergisst alles Mögliche. Neulich hat sie vergessen, dass Dad tot ist.«

»Das kommt vor, wenn man älter wird.« Ich öffnete die Tür, bevor er mich daran hindern konnte. »Irgendwann trifft es uns alle. Auch dir wird das passieren, aber bis dahin ist es noch eine Weile hin, also mach dir keine Sorgen. Oh, es ist ganz schön kalt geworden.« Ich trat nach draußen. »Mach schnell die Tür zu, bevor du dich erkältest.«

»Onkel Odran …«

Ich ließ ihn nicht ausreden, sondern wandte mich ab und ging auf das Gartentor zu. Er sah mir nach und schloss dann die Haustür. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, den Jungen einfach so stehen zu lassen, aber ich wollte nur noch nach Hause. Als ich auf meinen Ford Fiesta zuging, klopfte jemand von innen gegen das Wohnzimmerfenster. Ich drehte mich um und sah Hannah hinter der Scheibe stehen. Sie hatte die Vorhänge aufgezogen und rief mir etwas zu.

»Was?«, fragte ich und legte eine Hand ans Ohr. Sie winkte mir zu.

»Wo ist der Rest von mir?«, rief sie lachend. Dann wandte sie sich ab und zog die Vorhänge zu.

Ich wusste, dass mit Hannah irgendwas nicht in Ordnung war, aber aus purem Egoismus beschloss ich, das Problem zu ignorieren. Ich würde sie in einer Woche anrufen, nahm ich mir vor, sie ins Bewley’s Café in der Grafton Street ausführen, sie zum Mittagessen einladen und ihr einen Nachtisch und einen dieser neumodischen Kaffees mit Schaum spendieren. Ich würde mir in Zukunft mehr Mühe geben und öfter nach ihr sehen.

Ich würde ein besserer Bruder sein, als ich es bisher gewesen war.

 

Auf dem Nachhauseweg beschloss ich, einen Abstecher nach Inchicore zu machen – das war zwar ein Umweg, aber ich wollte die Kirche besuchen, in deren Garten sich eine Nachbildung der Grotte von Lourdes befindet. In Lourdes selbst war ich nie gewesen. Ich halte nicht viel von Wallfahrtsorten wie Lourdes, Fatima, Medjugorje oder Knock, die angeblichen Erscheinungen sind doch nichts als die Hirngespinste von Kindern oder Betrunkenen. Aber Inchicore war kein Wallfahrtsort, sondern nur eine Kirche mit einer Lourdesgrotte und einer Marienstatue. Ich kam manchmal spätabends her, um innere Einkehr zu halten.

Die Straßen waren leer, und so dauerte die Fahrt nicht lang. Ich stellte den Wagen ab und ging durch das offene Tor. Ein fleckiger Vollmond stand hoch am Himmel und beschien das Gelände. Als ich auf die Grotte zuging, hörte ich plötzlich lautes Stöhnen und Wimmern. Ich blieb stehen und versuchte, das Geräusch zu identifizieren. Wenn ein junges Paar hier irgendwelche schmutzigen Dinge trieb, wollte ich lieber nichts davon wissen. Ich wollte gerade kehrtmachen und zu meinem Auto zurückgehen, als mir dämmerte, dass es sich nicht um leidenschaftliches Stöhnen handelte, sondern um unkontrollierbares Weinen und Wehklagen.

Ich ging zögernd weiter, und als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich einen Menschen bäuchlings und mit ausgestreckten Armen vor der Grotte liegen. Er sah aus wie gekreuzigt. Im ersten Moment dachte ich, der Mann wäre Opfer eines Mordanschlags geworden. Jemand hatte diesen armen Kerl vor der Grotte von Inchicore umgebracht. Doch dann bewegte er sich, hievte sich auf die Knie, und ich sah, dass er nicht verletzt war, sondern betete. Der Mann trug ein langärmliges schwarzes Priestergewand, der Wind blähte den Stoff an seinen Knöcheln. Immer noch kniend erhob er die Hände zum Himmel, ballte sie zu Fäusten und versetzte sich schluchzend Schläge gegen den Kopf. Er schlug so fest zu, dass ich schon eingreifen wollte, auch wenn die Gefahr bestand, dass er sich in seiner Verzweiflung oder seinem Wahn auf mich stürzte. Er drehte sich leicht, und im Mondlicht sah ich sein Gesicht im Profil. Der Mann war noch jung – etwa zehn Jahre jünger als ich damals, also Anfang dreißig. Er hatte dichtes schwarzes Haar und eine breite, gebogene Nase. In diesem Moment sank er mit einem Schrei zu Boden. Nun lag er wieder in der Position da, in der ich ihn vorgefunden hatte, und obwohl er sich ein wenig beruhigt hatte, stöhnte und schluchzte er immer noch erbärmlich. Mein Blick wanderte ein Stück nach links, und ich sah, dass er nicht allein war. Mich überlief ein Schauer.

In einer Ecke der Grotte saß eine ältere Frau, die ich auf Mitte sechzig schätzte. Sie wiegte sich vor und zurück, Tränen liefen ihr über die Wangen, und ihre Züge waren schmerzverzerrt. Mondlicht fiel auf ihr Gesicht, und ich sah, dass sie große Ähnlichkeit mit dem jungen Priester hatte. Die Adlernase hatte er eindeutig von ihr. Sie musste seine Mutter sein.

Der junge Mann, der nun wieder bäuchlings auf dem Boden lag, schien die Welt anzuflehen, ihn von seinem Leid zu erlösen, und seine weinende Mutter sah aus, als hoffte sie inständig, Gott möge sie auf der Stelle zu sich holen.

Der Anblick der beiden erschütterte mich sehr. Vielleicht hätte ich hingehen und seelischen Beistand leisten sollen, aber ich wandte mich ab und ging hastig davon. Ich empfand eine unbestimmte Bedrohung, ein Grauen, mit dem ich nicht umgehen konnte.

Wenn ich jetzt, mehr als zehn Jahre später, an jenen Abend zurückdenke, entsinne ich mich dieser beiden Ereignisse, als wäre es gestern gewesen. George W. Bush ist längst im Ruhestand, aber ich weiß noch genau, wie Hannah in ihrem Sessel saß und mir erzählte, dass ihr toter Ehemann schlimme Kopfschmerzen habe, und ich erinnere mich, wie Mutter und Sohn in der Grotte von Inchicore gemeinsam weinten. Auf dem Weg nach Hause, wo mich mein leeres Bett erwartete, ahnte ich mit einem Mal, dass es die Welt, die mir vertraut war und an die ich mein Leben lang geglaubt hatte, bald nicht mehr geben würde. Die alte Welt lag im Sterben, und die neue war noch nicht geboren.

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Kommentare

1. irischer katholizismus - eine black box?
reinhard fink am 14.12.2015

der anspruchsvolle roman schildert eine zeit rapiden umbruchs in irland. Nachdem Boyne nun mitgeteilt hat, dass seine auseinandersetzung mit dem irischen katholizismus ihre wurzeln in seiner eigenen biographie hat, versteht man den roman noch viel besser. Ich finde es gut, dass neben den eigentlichen tätergestalten der protagonist als einer, der immer wegschaute, so genau dargestellt wird. Denn vermutlich war es immer nur eine minderheit von priestern, welche sich offensiv sexuell an kindern vergriff. Aber die große mehrheit hat weggeschaut, sie haben die bequemlichkeit des täglichen lebens vorgezogen, in der routinemäßig alle dinge an ihrem platz standen, und sie keinen grund sahen, genauer hinzuschauen. Es brauchte erst eine äußerst heftige erschütterung, bevor aufgemerkt wurde, und Boyne bringt diese erschütterung sehr gut rüber. Ich finde, dass Boyne die figur des unbewußten opportunisten, der keine karriereabsichten damit verbindet, recht genau zeichnet. Die anderen, die karrieregeilen opportunisten, kommen ja im roman auch ausgiebig vor, sie steigen auf in der hierarchie. Letzlich handelte es sich um ein totalitäres system, an dem fast alle mitgewirkt haben, auch die kirchenglieder. Ich fand den roman spannend, weil er die charaktere so genau zeichnet, und schließlich gab es eine rapide gesellschaftliche entwicklung in Irland in wenigen jahren, die Boyne darstellt, von der fast kritiklosen akzeptanz der kirchenherrschaft bis zum genauen gegenteil nach den skandalen.

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