Johan Theorin über seine Öland-Krimis
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Mittwoch, 26. März 2014 von Piper Verlag


Johan Theorin über seine Öland-Krimis

Mittsommer auf Öland, Zeit der Festlichkeiten. Doch mit dem Tod des verhassten Patriarchen Edvard Kloss steigen buchstäblich die Gespenster einer dunklen Vergangenheit aus den Gräbern. Jahrzehntealte Schuld und kühle Rache – Johan Theorins stimmungsvolles Sommerfinale seines Öland-Quartetts.

Was fasziniert Sie so an Öland, dass Sie der Insel von  „Öland“ über „Nebelsturm , „Blutstein“ und nun „Inselgrab“ ein ganzes Romanquartett gewidmet haben?

Johan Theorin: Wenn die Insel Öland ein Mensch wäre, hätte sie eine gespaltene Persönlichkeit.  Wir Schweden kennen und lieben Öland als Sommerferienziel mit viel Sonne, Segelbooten und Sandstränden. Mehr als 200 000 Touristen besuchen Öland im Juli und die schwedische Königsfamilie hat ein Sommerhaus an der Westküste.

Aber den Rest des Jahres leben dort sehr wenige Leute. Vor allem im Norden, wo ich lebe, gibt es viele Dörfer, die die meiste Zeit im Jahr menschenleer sind. Dieser Kontrast hat mich immer fasziniert. Und vor allem in „Öland“ und „Nebelsturm“, den Romanen die im Herbst und im Winter spielen, spekuliere ich über die dunklen und unheimlichen Dinge, die in der kalten Jahreszeit in Ölands einsamen Dörfern stattfinden könnten.

 

Recherchieren Sie viel für Ihre Bücher? Wieviel basiert auf der Realität, wieviel ist fiktiv?

Öland ist sehr wirklichkeitsgetreu gezeichnet, die Familie meiner Mutter kommt von der Insel und ich habe dort von klein auf jeden Sommer verbracht. Ich habe dort auch viele Menschen kennengelernt, die den Figuren meiner Bücher ähnlich sind. Diese Erfahrungen machen also einen Teil meiner Recherche aus,  darüber hinaus lese ich aber auch gern Sachbücher und Zeitungen und spreche viel mit Polizisten, Ermittlern und Ärzten, um die Fakten korrekt darzustellen. Einen Roman zu schreiben, ist wie ein fiktives Mosaik aus zahllosen Tatsachen-Steinchen zu schaffen.

 

Wie würden Sie Lesern, die noch nicht das Vergnügen hatten Sie zu lesen, Ihre Bücher beschreiben?

Als eine Art Kombination aus Kriminalroman, skandinavischer Folklore und Geistergeschichte. Es ist weder Horror noch Fantasy, wirklich – das Übernatürliche bleibt meist im Hintergrund und die Entscheidung, ob es  Geister oder Vorahnungen gibt, überlasse ich dem Leser. Ich bin mir selbst nicht sicher!

 

Gibt es Romanfiguren, die eine reale Vorlage haben?

Es gibt da diesen alten Mann, Gerlof, der einmal Kapitän zur See war, aber nun pensioniert ist. Seine Figur basiert auf meinen Großvater, Ellert Gerlofsson, der dreißig Jahre lang auf seinem eigenen Schiff durch die Ostsee fuhr und mir großartige Geschichten erzählte. Aber Ellert starb, als ich noch jung war, und so schreibe ich wohl über ihn, um ihn mir zurückzuholen.

 

Was macht Ihnen Angst?

Alte, dunkle Häuser auf dem Land, und der Gedanke, darin zu schlafen. Ich würde das nie tun – zumindest nicht allein!


Blick ins Buch
InselgrabInselgrab

Kriminalroman

Auf Öland hat die Hauptsaison begonnen, und eigentlich sind die Sommergäste gekommen, um gemeinsam Mittsommer zu feiern. Doch einer von ihnen ist zurückgekehrt, um eine sehr alte Schuld zu begleichen. Einzig Gerlof ahnt, wer der Rückkehrer ist und an wem er sich rächen will. Er ist diesem Mann schon einmal in seiner Jugend begegnet, als sie beide auf dem Friedhof standen und plötzlich Klopflaute aus einem frischen Grab drangen …
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Aus der Dunkelheit glitt das Geisterschiff über das schwarze Wasser des Sundes und wich nichts und niemandem aus.

Der Junge im Schlauchboot würde nicht ungeschoren davonkommen. Sein kleines Boot drohte bei der Kollision zu kentern, aber es gelang ihm in letzter Sekunde, sich an der stählernen Schiffswand festzuhalten und sein Boot zu vertäuen.

Der Schiffskörper erhob sich über ihm. Er war ölverschmiert und rostig, als würde das Schiff seit Jahrzehnten übers Meer fahren. An Deck war keine Menschenseele zu sehen, aber tief im Inneren des Schiffsrumpfes dröhnte ein Motor wie ein großes schlagendes Herz.

Das Schlauchboot hatte ein Leck, und Wasser drang ein, der Junge hatte keine Wahl. Er reckte sich und kletterte über die Reling an Bord.

Leise bewegte er sich über das dunkle Deck, es stank entsetzlich nach altem Fisch.

Vorsichtig schlich er vorwärts, vorbei an einer verschlossenen Luke.

Nur fünf oder sechs Meter weiter sah er den ersten Toten. Ein Matrose in einem fleckigen Overall, er lag auf dem Rücken und starrte in den Nachthimmel.

Hinter ihm tauchten weitere Matrosen schwankend aus der Dunkelheit auf. Sterbend oder schon tot. Lebende Tote. Sie streckten ihm ihre Arme entgegen und flüsterten mit schwacher Stimme in einer fremden Sprache.

Der Junge schrie und versuchte zu fliehen.

So begann der letzte Sommer des 20. Jahrhunderts in dem kleinen Ort Stenvik.

So begann die Geschichte von dem Geist, der die Stadt heimsuchte.

Aber eigentlich begann alles vor siebzig Jahren, auf einem kleinen Friedhof im Inneren der Insel. Mit einem anderen jungen Mann, Gerlof Davidsson, der laute Klopfgeräusche aus einem Sarg hörte.

 

SOMMER 1930

Gerlof Davidsson verließ die schwedische Volksschule im Alter von vierzehn Jahren und heuerte zwei Jahre später als Matrose an Bord eines Schiffes an. In der Zwischenzeit übernahm er Hilfsarbeiten überall auf Öland, wenn er nicht zu Hause auf dem Hof aushalf. Einige der Tätigkeiten waren gut, andere schlimmer. Nur eine nahm ein richtig schlechtes Ende: die Anstellung als Aushilfstotengräber auf dem Friedhof von Marnäs.

Solange er lebte, würde sich Gerlof an seinen letzten Arbeitstag dort erinnern, als der Großbauer Edvard Kloss zweimal begraben werden musste. Auch später, als alter Mann, hatte Gerlof keine Erklärung für die Geschehnisse auf dem Friedhof.

Er hatte immer gerne Spukgeschichten gehört, aber nie an sie geglaubt. Er glaubte auch nicht an die Rache aus dem Jenseits. Außerdem hatte Gerlof Worte wie Gespenster oder Geist immer mit Dunkelheit und Unglück in Verbindung gebracht.

Und nicht mit Sommer und Sonne.

Es war an einem sonnigen Sonntag Mitte Juni, Gerlof hatte das große Fahrrad seines Vaters ausgeliehen und war damit zum Friedhof geradelt. Endlich war er groß genug dafür, im letzten Jahr war er ordentlich gewachsen und hatte seinen hochgewachsenen Vater beinahe eingeholt.

Gerlof senkte den Kopf und trat in die Pedale. Er ließ die kleine Ortschaft am Meer hinter sich und fuhr nach Osten, ins Inselinnere. Entlang des Weges wuchsen Blauer Heinrich und kleine leuchtende Sternblumen. Dahinter erstreckten sich Wacholder- und Haselnussbüsche, und weiter hinten am Horizont waren die Flügel einiger Windmühlen zu sehen. Auf den Wiesen grasten Kühe und blökende Schafe. Zweimal musste er vom Fahrrad springen und die Gatter von Zäunen, die das Vieh zurückhalten sollten, öffnen und wieder schließen.

Es war eine offene und weite Landschaft, fast ohne Baumbestand, und wenn die Schwalben an seinem Fahrrad vorbeisausten und senkrecht in den Himmel stießen, dann wäre Gerlof am liebsten vom Weg abgefahren und hätte sich dem Wind und der Freiheit hingegeben. Aber dann dachte er an die Arbeit, die auf ihn wartete, und seine Ausgelassenheit verschwand.

Edvard Kloss war zweiundsechzig Jahre alt, als er letzte Woche starb, ein robuster Großbauer aus Nordöland. Kloss galt als wohlhabend, er verfügte zwar über kein großes Vermögen, besaß aber viel Land entlang der Küste, südlich von Gerlofs Heimatstadt Stenvik.

Zu früh gegangen, von allen betrauert und vermisst, hatte Gerlof in der Zeitungsannonce gelesen. Edvard Kloss war beim Bau einer Holzscheune ums Leben gekommen. Eine neu errichtete Wand war eingestürzt und hatte ihn unter sich begraben.

Aber wurde er wirklich von allen vermisst und sein Tod betrauert? Es rankten sich einige Gerüchte um den Vorfall, und der Tod von Edvard Kloss war noch nicht endgültig aufgeklärt worden. Am Unfallort hatten sich nur seine beiden jüngeren Brüder Sigfrid und Gilbert befunden, aber die gaben einander gegenseitig die Schuld. Sigfrid behauptete, dass er ein Stück entfernt bei den Holzstapeln gestanden habe, Gilbert aber in der Nähe der Scheune gewesen sei, als der Unfall geschah. Gilbert wiederum beteuerte genau das Gegenteil. Ein Nachbar hatte angegeben, dass er laute Stimmen gehört habe, allerdings fremde und nicht die der Gebrüder Kloss.

Gerlof sah keinen der Brüder, als er an diesem Morgen sein Fahrrad am Friedhof abstellte, und war sehr froh darüber. Er ahnte, dass es eine trostlose und schweigsame Beerdigung werden würde.

Es war erst halb neun, aber die Sonne brannte schon unerbittlich auf die Gräber. Die weiß gekalkte steinerne Kirche, ursprünglich als Wehrkirche mit dicken Mauern errichtet, erhob sich in den blauen Himmel. Vom Kirchturm erklang die dumpfe Totenglocke, und ihre Schläge wehten über die flache Landschaft. Sie läutete für die Toten.

Gerlof öffnete das Holztürchen und lief an den Gräbern vorbei. Zu seiner Linken stand die kleine Totenkapelle.

Daneben kauerte ein Wiedergänger, ein Kindergeist.

Gerlof blinzelte, aber das Kind saß nach wie vor neben der Leichenhalle.

Es war ein Junge, ein paar Jahre jünger als Gerlof. Er war sonderbar blass, als hätte er den Frühling eingesperrt in einem Kellerloch verbracht. Barfüßig hockte er da, den Rücken gegen die Mauer der Kapelle gelehnt. Er trug ein weißes Hemd und helle kurze Hosen. Das einzig Dunkle an ihm war eine große Schramme, die quer über seine Stirn lief.

»Davidsson! Hier drüben!«

Gerlof drehte sich um. Er sah den Totengräber Roland Bengtsson an der Friedhofsmauer stehen und winken.

Gerlof winkte zurück und ging zu ihm. Dabei warf er einen letzten Blick auf den Jungen. Doch, er saß noch immer da. Gerlof kannte ihn nicht und wunderte sich über seine auffällige Blässe, aber er war definitiv kein Gespenst.

Bengtsson wartete mit zwei Spaten in der Hand auf Gerlof. Er war ein großer, knorriger Mann mit sehnigen, braun gebrannten Armen und einem festen Händedruck.

»Guten Morgen, Davidsson«, sagte er fröhlich. »Dann wollen wir mal graben gehen.«

Gerlof sah auf das große rechteckige Grasstück an der Friedhofsmauer, das bereits ausgeschnitten worden war. Das zukünftige Grab von Edvard Kloss.

Darauf steuerte Bengtsson zu, und als sie davorstanden, fragte er mit leiser Stimme: »Will er ein kaltes Bier ... ehe wir anfangen?«

Mit einem Nicken deutete er zur Kirchenmauer, an der ein paar braune Glasflaschen lehnten und warteten. Gerlof wusste, dass Bengtssons Frau eine Guttemplerin war, und er nahm an, dass der Totengräber deshalb bei der Arbeit trank, weil er es zu Hause nicht durfte.

Die Flaschen waren kalt, das Glas beschlagen, und obwohl Gerlof die ganze Strecke schnell geradelt war und Durst hatte, schüttelte er den Kopf.

»Nein danke.«

Er mochte Bier nicht besonders und wollte beim Graben einen klaren Kopf haben.

Bengtsson nahm sich eine Flasche und sah hinüber zur Kapelle. Der blasse Junge war aufgestanden und schien dort zwischen den Gräbern auf etwas oder jemanden zu warten.

Bengtsson hob die Hand. »Aron!«, rief er.

Der Junge sah hoch.

»Komm mal her, Aron. Du kannst mithelfen! Du bekommst fünfundzwanzig Öre, wenn du uns beim Graben hilfst.«

Der Junge nickte.

»Abgemacht«, sagte Bengtsson. »Geh zum Werkzeugschuppen und hol dir einen Spaten.«

Der Junge schlurfte davon.

»Wer ist das?«, fragte Gerlof, als der Kleine außer Hörweite war. »Er ist nicht von hier, oder?«

»Aron Fredh?«, sagte Bengtsson. »Nein, er kommt aus dem Süden, aus Rödtorp ... Aber er ist so etwas wie ein Verwandter.« Bengtsson stellte seine leere Bierflasche hinter einen Grabstein und sah Gerlof mit müdem Blick an. »Er ist ein Verwandter incognitus, wenn Davidsson versteht, was ich meine.«

Gerlof verstand nicht, was er meinte. Weder hatte er jemals von Rödtorp gehört, noch beherrschte er eine Fremdsprache, trotzdem nickte er. Bengtsson selbst hatte nur eine kleine Tochter, das wusste er, war der Junge dann ein Neffe von ihm?

Der blasse Junge kam aus dem Werkzeugschuppen mit einem Spaten in der Hand. Er sagte kein Wort, stellte sich neben sie und begann zu graben. Der Boden war frei von Steinen und sommertrocken.

Gerlof stieß mit seinem Spaten als Erster auf Leichenreste. Es war ein dunkelbrauner menschlicher Knochen, vielleicht ein Oberschenkel. Nach einem Monat als Assistent des Totengräbers hatte er sich an diese Art von Fundstücken gewöhnt. Er nahm den Knochen, legte ihn vorsichtig ins Gras und bedeckte ihn mit einer Schaufel Erde. Dann setzte er seine Arbeit fort. Eine Stunde lang gruben sie sich immer tiefer in die Erde.

Es wurde merklich kühler, die Sonne verschwand. Während Gerlof schaufelte, fiel ihm eine alte Geschichte ein:

Ein Vertreter klingelte an der Tür eines öländischen Hofes. Ein kleiner Junge öffnete.

»Ist dein Vater zu Hause, mein Junge?«

»Nein, mein Herr.«

»Ist er weit weg?«

»Nein, mein Herr. Er ist auf dem Friedhof.«

»Was um alles in der Welt tut er dort?«

»Nichts, glaube ich. Er ist tot ...«

Es war gegen elf Uhr, als Gerlof plötzlich ein Wiehern hörte. Er sah auf und erblickte zwei weiße Pferde, die durch das Friedhofstor trabten, umringt von Fliegenschwärmen. Das Gespann zog einen schwarz lackierten Wagen mit einem Holzkreuz auf dem Dach – einen Leichenwagen. Neben dem Kutscher saß der Pfarrer – Erling Samuelsson. Er hatte die Bestattung auf dem Hof des Toten vorbereitet.

Das Loch war jetzt tief genug, und Bengtsson half den beiden Jungen aus dem Grab. Sie klopften sich die Erde von den Kleidern und gingen zum Leichenwagen. Der stand jetzt neben der Kapelle. Der braune, frisch polierte und aufwendig gestaltete Sarg mit Edvard Kloss darin war auf den Rasen gehoben worden. Die meisten Verwandten, die dem Leichenzug bis zur Kirche gefolgt waren, zerstreuten sich und gingen nach Hause. An der Beerdigung selbst nahmen sie nicht mehr teil.

Gerlof sah, dass die beiden Brüder des Toten neben dem Sarg stehen blieben. Sigfrid und Gilbert sprachen an diesem Tag kein einziges Wort miteinander, stumm und reglos standen sie in ihren schwarzen Anzügen da. Eine dunkle Wolke schien über ihren Köpfen zu schweben.

Aber sie waren gezwungen zusammenzuarbeiten. Denn die Brüder sollten den Sarg – mithilfe von Bengtsson und Gerlof – zum Grab tragen.

»Auf drei«, sagte Bengtsson.

Edvard Kloss hatte gutes Essen und die Freuden des Lebens genossen, die Unterkante des Sarges schnitt scharf in Gerlofs Schulter. Mit kleinen Schritten setzten sie sich in Bewegung, Gerlof spürte, wie der schwere Körper des Toten hin und her rollte. Er wiegte sich von einer Seite auf die andere – oder war das nur Einbildung?

Sie wandten sich von der Kapelle ab und gingen langsam auf das ausgehobene Grab zu. Gerlof sah aus dem Augenwinkel, dass Aron sich hinter einen hohen Grabstein an der Friedhofsmauer gestellt hatte, als würde er sich verstecken.

Aber er war nicht allein. Hinter ihm, auf der anderen Seite der Friedhofsmauer, stand ein Mann um die dreißig und unterhielt sich leise mit Aron. Der Mann trug die einfache Kleidung eines Knechts und wirkte rastlos. Als er einen Schritt zur Seite machte, bemerkte Gerlof, dass er humpelte.

»Davidsson!«, rief Bengtsson. »Pass auf, jetzt!«

Er hatte zwei Holzbalken neben das Grab gelegt. Der Sarg sollte zuerst dort abgestellt werden, bevor er auf ihnen erneut hochgehoben werden und ganz langsam hinunter in das Loch rutschen sollte.

Als der Sarg im Grab stand, nahm der Pfarrer eine Handvoll Erde von dem Haufen, den die Totengräber geschaufelt hatten, und warf sie hinunter auf den Sargdeckel, während er den Toten segnete.

Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Unser Herr Jesus Christus möge dich auferwecken am Jüngsten Tag ...

Der Pfarrer warf drei Hände Erde ins Grab und geleitete damit den Toten zu seiner letzten Ruhestätte. Dann griffen Bengtsson und Gerlof wieder zu ihren Spaten.

Während Gerlof das Grab mit Erde füllte, schielte er aus den Augenwinkeln zu den Brüdern Kloss hinüber. Der ältere, Gilbert, stand reglos da und hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Der jüngere, Sigfrid, lief unruhig an der Mauer auf und ab.

Eine Kelle Erde nach der anderen landete auf dem Sarg. Am Ende würden sie ihre Spaten über Kreuz auf das Grab legen. So verlangte es der Brauch.

Nach der dreißigsten Schaufel machten sie eine kurze Pause. Sie streckten sich und verschnauften. Gerlof legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in den Himmel.

Da hörte er einen Laut in der Stille. Ein schwaches Geräusch nur.

Er lauschte.

Es war ein Klopfen. Dann herrschte wieder Stille, und dann folgten noch drei leise Klopfgeräusche.

Sie schienen aus dem Boden zu kommen.

Gerlof blinzelte und schaute hinunter in das Grab.

Er sah zu Bengtsson. Dessen Blick verriet, dass auch er das Klopfen gehört hatte. Die Brüder Kloss, die etwas abseits standen, waren beide kalkweiß im Gesicht. Auch Aron, der an der Mauer lehnte, hatte seinen Kopf gehoben.

Gerlof war nicht verrückt geworden – alle hatten die Geräusche gehört.

Niemand bewegte sich. Jetzt war nichts mehr zu hören, aber alle schienen den Atem anzuhalten.

Vorsichtig trat Gilbert Kloss an die Kante des Grabes, sein Mund stand offen. Er starrte hinunter auf den Sarg und sagte leise: »Wir müssen ihn wieder hochholen.«

Der Pfarrer strich sich nervös über die Stirn. »Das geht nicht.«

»Doch«, sagte Gilbert.

»Aber ich habe ihn schon gesegnet!«

Kloss schwieg, aber sein Blick duldete keinen Widerspruch. Dann ertönte eine andere Stimme, hinter ihnen. »Holt ihn hoch!«, befahl Sigfrid mit Nachdruck.

Der Pfarrer seufzte und sah zu Bengtsson. »Also gut, dann holen wir ihn wieder hoch ... Ich rufe Doktor Blom.«

Daniel Blom war einer der beiden Gemeindeärzte.

Bengtsson stützte sich auf seinen Spaten, seufzte und sah Gerlof an. »Steigst du mit Aron runter, Gerlof?«

Gerlof sah in das dunkle Grab. Ob er dort hinunterwollte? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber die Vorstellung, dass Edvard Kloss aufgewacht war und drohte, in seinem Sarg zu ersticken? Sie mussten sich beeilen.

Er kletterte ins Grab und stellte sich vorsichtig auf den mit Erde bedeckten Sargdeckel. Er musste an die Geschichte von Jesus und Lazarus denken, die er im Konfirmationsunterricht gelesen hatte.

Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit dem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Machet ihn los , und lasset ihn gehen!

Angestrengt lauschte Gerlof, ob sich das Klopfen wiederholte, aber er konnte nichts vernehmen. Es war nicht angenehm, dort unten zu stehen. Die Luft war eiskalt. Irgendwann würde er ebenfalls in der dunklen Erde liegen, wenn Jesus ihn nicht auch wieder zum Leben erwecken würde.

Plötzlich hörte er ein Kratzen hinter seinem Rücken und drehte sich erschreckt um. Aber es war nur der Junge, der ihm helfen sollte. Aron Fredh aus Rödtorp. Gerlof nickte ihm zu.

»Dann lass uns graben«, sagte er leise.

Aron starrte auf den Sarg und flüsterte etwas. Es war nur ein einziges Wort.

»Was? Was hast du gesagt?«

»Amerika«, wiederholte der Junge. »Ich fahre nach Amerika.«

»Wirklich?« Gerlof sah ihn skeptisch an. »Wie alt bist du denn, Aron?«

»Zwölf.«

»Dann bist du doch viel zu jung.«

»Sven nimmt mich mit. Ich werde Sheriff.«

»Echt?«

»Ich kann gut schießen«, sagte Aron.

Gerlof stellte keine weiteren Fragen. Einen Sven kannte er nicht, aber von Amerika hatte er schon gehört. Das Gelobte Land. Die Zeiten hatten sich zwar geändert: der Schwarze Freitag, die Weltwirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit. Aber die Verlockung war ungebrochen.

Während Gerlof mit den Füßen auf Kloss’ Sarg stand und schaufelte, beschloss er, die Arbeit als Totengräber aufzugeben. Er würde Stenvik und seinen strengen Vater hinter sich lassen und seiner Wege gehen. Nicht nach Amerika, aber zur See. Er würde nach Borgholm fahren und dort auf einem der Holzfrachter anheuern, die zwischen der Insel und dem Festland hin- und herfuhren.

Er wollte einen freien Beruf ausüben. Ein Seemann im Sonnenschein sein.

»Kommt ihr voran?«, rief eine Stimme vom Rand des Grabes.

Das war Bengtsson. Gerlof sah hoch.

»Ja.«

Zusammen mit Aron, dem zukünftigen Sheriff, entfernten sie die Erde vom Sargdeckel.

»Fertig!«

Bengtsson warf ihnen die Seile hinunter. Gerlof zog sie um die Schmalseiten des Sarges und kletterte so schnell es ging nach oben.

Edvard Kloss wurde in seinem Sarg hinaufgezogen und in die kühle Sakristei der Kirche getragen.

»Stellt ihn ab«, sagte der Pfarrer leise.

Mit einem kratzenden Geräusch ließen sie den Sarg auf den Kirchboden gleiten.

Dann herrschte Totenstille. Edvard Kloss war tot.

Und dennoch hatte er gegen den Sargdeckel geklopft.

Zwanzig Minuten später betrat der Gemeindearzt Blom die Kirche, die schwarze Arzttasche in der Hand. Sein Hemd war durchgeschwitzt, sein Gesicht ganz rot von der Hitze, und er verlangte dringend nach einer Erklärung. Laut hallte seine Frage durch das Kirchenschiff: »Was geht hier vor sich?«

Die Männer, die stumm in der Kirche gewartet hatten, sahen einander an.

»Da waren Geräusche«, erklärte der Pfarrer schließlich.

»Geräusche?«

»Ja, Geräusche.« Der Pfarrer deutete mit einem Kopfnicken auf den Sarg. »Klopfgeräusche von dort ... als wir das Grab auffüllen wollten.«

Der Arzt musterte den Sargdeckel, der von Erde verschmutzt und von den Spaten zerkratzt war. »Aha. Dann werde ich mir das wohl mal ansehen müssen.«

Die Brüder Kloss standen wie erstarrt zwischen den Kirchenbänken, als Bengtsson die Sargnägel lockerte und den Deckel hochhob.

Lazarus hatte vier Tage in seinem Grab gelegen, erinnerte sich Gerlof. Herr, er stinkt schon, hatte seine Schwester Martha zu Jesus gesagt, als sie am Grab ihres Bruders standen.

Der Sargdeckel wurde entfernt. Gerlof trat nicht näher heran, konnte aber auch aus der Entfernung den Leichnam von Edvard Kloss sehen, der für seine letzte Ruhe gewaschen und zurechtgemacht worden war. Seine Arme lagen über Kreuz auf seinem mächtigen Bauch, die Augen waren geschlossen, und sein Gesicht von schwarzen Schrammen gezeichnet, die wahrscheinlich von der Stallwand stammten, die ihn erschlagen hatte. Er trug einen schwarzen Anzug aus dickem Stoff.

Wenn man den Toten so gut anzieht, wie man über ihn spricht, dann lächelt er. Das hatte Gerlofs Großmutter immer gesagt.

Aber der Mund von Edvard Kloss war nur ein schmaler Strich. Seine Lippen waren trocken und hart.

Doktor Blom öffnete seine Arzttasche und beugte sich über die Leiche. Gerlof wandte sich ab, hörte aber den Arzt vor sich hinmurmeln. Sein Stethoskop klirrte gegen den Steinfußboden.

»Kein Puls«, stellte der Doktor fest.

Schweigen.

Dann war Gilbert Kloss’ angestrengte Stimme zu hören: »Öffnen Sie eine Ader. Dann können wir sicher sein.«

Da hatte Gerlof genug. Leise trat er aus der Kirche in die Sonne und stellte sich in den Schatten des Kirchturmes.

»Ein Bier, Davidsson?«, fragte ihn Bengtsson. Er hatte zwei Bierflaschen in der Hand.

Dieses Mal nickte Gerlof und nahm dankbar eine davon. Sie war noch immer kalt, er hob sie an den Mund und nahm ein paar große Schlucke. Der Alkohol stieg ihm sofort in den Kopf und entspannte ihn und seine Gedanken. Er sah Bengtsson an.

»Ist das schon mal passiert?«, fragte er leise.

»Was denn?«

»Dass ihr Geräusche gehört habt?«

Der Totengräber schüttelte den Kopf. »Zumindest nicht, seit ich dabei bin.« Er lächelte verkrampft, trank aus seiner Flasche und deutete mit einem Nicken auf die Kirchentür. »Aber Kloss ist ja auch was Besonderes ... Ich hatte immer meine Schwierigkeiten mit den Brüdern. Ein Kloss nimmt sich, was er will. Immer und überall.«

»Aber Edvard Kloss ...«, fing Gerlof an und suchte nach den richtigen Worten. »Er kann doch nicht ...«

»Beruhige dich«, sagte Bengtsson, »das hier hat nichts mit dir zu tun, Davidsson.« Er nahm erneut einen Schluck und fuhr fort: »Früher haben sie den Toten die Hände gefesselt. Dem Leichnam, meine ich, damit sie sich nicht im Sarg bewegen können. Wusste Davidsson das?«

Gerlof schüttelte den Kopf und schwieg.

Nur wenige Minuten später öffnete sich die Kirchentür, und Gerlof und Bengtsson versteckten schnell ihre Bierflaschen. Doktor Blom sah sich um, entdeckte sie und winkte sie zu sich heran.

»Wir sind so weit.«

»Und, ist er ...?«

»Er ist natürlich tot«, entgegnete Blom kurz angebunden. »Kein einziges Lebenszeichen ... Ihr müsst ihn wieder eingraben.«

Und so wurde die Bestattung wiederholt. Erneut wurde der Sarg zum Grab getragen, die Seile wurden daran befestigt, und er wurde in das Erdloch gesenkt. Und dann begannen die Schaufeln ein zweites Mal, das Grab mit Erde zu füllen. Das übernahmen Bengtsson und Gerlof, beide mit zusammengebissenen Zähnen und ein wenig unsicher auf den Beinen von dem Bier. Gerlof sah sich suchend nach dem blassen Jungen um, aber Aron Fredh und der humpelnde Mann waren verschwunden.

Die anderen hatten sich alle um das Grab versammelt. Auch Doktor Blom hatte sich dazugesellt, seine Hand umklammerte fest den Griff seiner Arzttasche.

Die Erde fiel mit einem dumpfen Knall auf den Sarg.

Da hörten sie es wieder: drei kurze Klopfgeräusche aus der Erde. Leise, aber deutlich.

Gerlof erstarrte mit dem Spaten in der Hand, sein Herz raste. Schlagartig war er wieder nüchtern, aber auch seine Angst war wieder da. Er schaute zu Bengtsson auf der anderen Seite des Erdhaufens. Auch der Totengräber war in seiner Bewegung eingefroren.

Sigfrid Kloss stand am weitesten vom Grab entfernt, er wirkte angespannt – aber sein Bruder Gilbert schien wie versteinert. Er starrte wie hypnotisiert auf den Sarg.

Das Klopfen hatte sogar Doktor Blom erstarren lassen. Jetzt musste auch er überzeugt sein, da war sich Gerlof sicher. Aber Blom schüttelte den Kopf.

»Macht das Grab zu«, sagte er leise.

Der Pfarrer schwieg einen Augenblick, bevor er nickte. »Wir können nichts mehr für ihn tun.«

Die Totengräber gehorchten. Gerlof fröstelte, trotz der brennenden Sonne, aber er setzte seine Arbeit fort. Sein Spaten schien schwerer zu sein als zuvor.

Die Erde fiel polternd auf den Sarg. Eine Weile war nur dieses rhythmische, dumpfe Geräusch zu hören. Etwa zwanzig Spatenstiche später war der Sargdeckel unter einer Erdschicht verschwunden.

Im Übrigen blieb es still, es war kein weiteres Geräusch zu vernehmen.

Aber plötzlich hörte Gerlof neben sich ein Seufzen. Das kam von Gilbert Kloss, der zögernd auf das Grab zusteuerte. Sein Seufzer hatte wie ein langes, schweres Ausatmen geklungen. Er blieb am Rand des Grabes stehen und versuchte Luft zu holen, aber es entfuhr ihm nur ein dünner, pfeifender Ton.

»Gilbert?«, sagte Sigfrid.

Aber sein Bruder antwortete nicht, er stand reglos da. Mit offenem Mund.

Dann verstummte auch der pfeifende Ton, und seine Augen erstarben.

Gerlof sah, wie Gilbert Kloss zusammenbrach, und er sah, wie Bengtsson, der Doktor und der Pfarrer ihn anstarrten.

Sein Bruder Sigfrid schrie auf, Gerlof war der Einzige, der zur Hilfe eilte, aber noch einige Schritte entfernt war, als Gilberts Herz zu schlagen aufhörte.

Sein Körper stürzte der Länge nach zu Boden, rollte langsam über die Kante des Grabes und schlug wie ein schwerer Mehlsack mit einem dumpfen Knall auf dem mit Erde bedeckten Sarg auf.

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