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Johan Theorin über seine Öland-Krimis

Mittsommer auf Öland, Zeit der Festlichkeiten. Doch mit dem Tod des verhassten Patriarchen Edvard Kloss steigen buchstäblich die Gespenster einer dunklen Vergangenheit aus den Gräbern. Jahrzehntealte Schuld und kühle Rache – Johan Theorins stimmungsvolles Sommerfinale seines Öland-Quartetts.

Mittwoch, 26. März 2014 von Piper Verlag


Was fasziniert Sie so an Öland, dass Sie der Insel von  „Öland“ über „Nebelsturm , „Blutstein“ und nun „Inselgrab“ ein ganzes Romanquartett gewidmet haben?

Johan Theorin: Wenn die Insel Öland ein Mensch wäre, hätte sie eine gespaltene Persönlichkeit.  Wir Schweden kennen und lieben Öland als Sommerferienziel mit viel Sonne, Segelbooten und Sandstränden. Mehr als 200 000 Touristen besuchen Öland im Juli und die schwedische Königsfamilie hat ein Sommerhaus an der Westküste.

Aber den Rest des Jahres leben dort sehr wenige Leute. Vor allem im Norden, wo ich lebe, gibt es viele Dörfer, die die meiste Zeit im Jahr menschenleer sind. Dieser Kontrast hat mich immer fasziniert. Und vor allem in „Öland“ und „Nebelsturm“, den Romanen die im Herbst und im Winter spielen, spekuliere ich über die dunklen und unheimlichen Dinge, die in der kalten Jahreszeit in Ölands einsamen Dörfern stattfinden könnten.

 

Recherchieren Sie viel für Ihre Bücher? Wieviel basiert auf der Realität, wieviel ist fiktiv?

Öland ist sehr wirklichkeitsgetreu gezeichnet, die Familie meiner Mutter kommt von der Insel und ich habe dort von klein auf jeden Sommer verbracht. Ich habe dort auch viele Menschen kennengelernt, die den Figuren meiner Bücher ähnlich sind. Diese Erfahrungen machen also einen Teil meiner Recherche aus,  darüber hinaus lese ich aber auch gern Sachbücher und Zeitungen und spreche viel mit Polizisten, Ermittlern und Ärzten, um die Fakten korrekt darzustellen. Einen Roman zu schreiben, ist wie ein fiktives Mosaik aus zahllosen Tatsachen-Steinchen zu schaffen.

 

Wie würden Sie Lesern, die noch nicht das Vergnügen hatten Sie zu lesen, Ihre Bücher beschreiben?

Als eine Art Kombination aus Kriminalroman, skandinavischer Folklore und Geistergeschichte. Es ist weder Horror noch Fantasy, wirklich – das Übernatürliche bleibt meist im Hintergrund und die Entscheidung, ob es  Geister oder Vorahnungen gibt, überlasse ich dem Leser. Ich bin mir selbst nicht sicher!

 

Gibt es Romanfiguren, die eine reale Vorlage haben?

Es gibt da diesen alten Mann, Gerlof, der einmal Kapitän zur See war, aber nun pensioniert ist. Seine Figur basiert auf meinen Großvater, Ellert Gerlofsson, der dreißig Jahre lang auf seinem eigenen Schiff durch die Ostsee fuhr und mir großartige Geschichten erzählte. Aber Ellert starb, als ich noch jung war, und so schreibe ich wohl über ihn, um ihn mir zurückzuholen.

 

Was macht Ihnen Angst?

Alte, dunkle Häuser auf dem Land, und der Gedanke, darin zu schlafen. Ich würde das nie tun – zumindest nicht allein!


Über Johan Theorin

Biografie

Johan Theorin, geboren 1963 in Göteborg, gelang schon mit seinem ersten Kriminalroman „Öland“, ausgezeichnet als bestes Krimidebüt des Jahres, ein großer internationaler Erfolg. Als Herbst-Teil seines geplanten Jahreszeiten-Quartetts wurde es in vierzehn Sprachen übersetzt.

„Nebelsturm“, dessen Filmoption bereits verkauft ist, spielt im rauen öländischen Winter. Das Buch erhielt in Schweden den Preis für den Besten Kriminalroman des Jahres und wurde mit dem Dagger Award für den besten internationalen Kriminalroman prämiert. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch „So bitterkalt“.

Johan Theorin ist ein leiser Mensch. Er kann lange Strecken zurücklegen, ohne aufzugeben: 15 Jahre hat er geschrieben, immer wieder Absagen von Verlagen erhalten und weitergeschrieben. Er trennte sich von seiner Frau, zog seine Tochter allein groß und schlug sich als Journalist mehr oder minder erfolgreich durchs Leben, als unerwartet der große Erfolg an seine Tür klopfte. „Öland“, das erste Werk seines geplanten Quartetts über die Insel seiner Kindheit, ist inzwischen in 13 Sprachen übersetzt worden und wurde ebenso wie „Nebelsturm“ mit dem Dagger-Award ausgezeichnet, dem „Oscar“ der Kriminalliteratur. „Blutstein“, der bisher letzte und dritte Teil, ist auf dem besten Wege, ähnlich erfolgreich zu werden. Theorin ist ein Langstreckenläufer, einer, der kein Gramm zu viel mit sich rumträgt. Mehrmals in der Woche geht er laufen, auch wenn es bitterkalt ist in Göteborg, dem Zuhause des Autors.

„Es bringt nichts, auf die Inspiration zu warten“, sagt der studierte Journalist, „du musst dich hinsetzen und einfach schreiben.“ Wir treffen uns in seiner Schreibklause, einem winzigen Zimmer inmitten der Altstadt von Göteborg. Ein paar hundert Euro zahlt er für den ca. 10 Quadratmeter großen Raum, die anderen Zimmer in der Kreativ-WG sind alle größer, dafür hat er einen alten Kachelofen und einen Blick auf die Altstadt. Theorin legt keinen Wert auf Statussymbole. „Wo ich schreibe, ist mir eigentlich egal, die Geschichten sind in meinem Kopf. Wenn ich nach Öland will, dann schließe ich die Augen und bin da“, erzählt der Schwede. „Und es ist gut, ein wenig Abstand zu haben, sonst ist es wie im Wald, jede Idee ist ein Baum, aber nirgends ist ein Weg zu erkennen.“ Vor Ort in Öland hätte Theorin einfach zu viele Impressionen. Fünfmal die Woche, immer von 10 bis 18 Uhr, kommt er in seine Klause und schreibt. Wenn es gut läuft, bis zu fünf Seiten am Tag, wenn es schlecht läuft, auch mal nur zwei.

Theorin serviert in der Gemeinschaftsküche schwedisches Essen: Elchfrikadelle mit Kartoffeln, nicht selbst gekocht, aber typisch schwedisch. Wir reden über Filme, seine große Leidenschaft. Er hat sogar einen Kurs für kreatives Drehbuchschreiben besucht, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Auf seinem Schreibtisch liegt eine schwarze Kladde neben seinem Laptop, jede Seite randvoll mit handgeschriebenen Notizen. Hier steht alles drin: das Ende des letzten Teils seiner Öland-Romane, die Charaktere, alles was ihm gerade einfällt. „Manchmal wache ich nachts auf, dann ist da was, das ich sofort aufschreiben muss. Deshalb liegt eine Kladde immer neben meinem Bett!“ Er hat keinen Internetanschluss, nichts, was ihn vom Schreiben ablenken könnte. „Warum schreibst du über Verbrechen“, frage ich Theorin. „Eigentlich schreibe ich gar keine Kriminalromane, das Verbrechen ist nur ein Erzählstrang. Ich schreibe über menschliche Beziehungen“, antwortet er. „Warum gibt es in deinen Öland-Romanen keinen Kommissar?“ – „Ich habe dafür Gerloff, der immer wieder auftaucht. Er ist ein eher stiller Beobachter als eine Hauptrolle. Ich möchte mich durch eine zu starke Figur nicht einschränken. Darum habe ich auch alle Orte auf Öland umbenannt. Ich kann so freier erzählen.“ „Weißt du bereits am Anfang, wie sich deine Charaktere entwickeln?“ - „Nein, das wäre langweilig. Sie entwickeln sich und ich mich mit ihnen. Die Charaktere müssen mit der Geschichte wachsen. Gerloff beispielsweise ist an meinen Großvater angelehnt. Er war wie viele in meiner Familie Fischer und erzählte gern Geschichten. An die meisten, die mir mein Großvater erzählt hat, kann ich mich sehr gut erinnern. Einige davon sind sicherlich in meine Romane mit eingeflossen. Mein Vater, den ich lange gepflegt habe, starb, während ich ›Blutstein‹ schrieb, meine Mutter an Krebs während der Arbeit an ›Nebelsturm‹. Einem tödlich verunglückten Freund ist die Figur des Jens in ›Öland‹ nachempfunden.“

Während Theorin das erzählt, schaut er aus dem Fenster. Es schneit in Göteborg. Das Thermometer zeigt minus fünf Grad an. Theorin träumt für einen kurzen Moment – es ist seine kreative Quelle. „Ich bin ein Tagträumer. Das hilft mir beim Schreiben meiner Geschichten.“ Johan Theorin ist inzwischen ein berühmter Schriftsteller. Ein Status, der ihm noch fremd ist. „Als ich einmal eine Lesung gehalten habe, hier in Schweden, bekam ich einen Brief von einer Frau. Sie schrieb, sie habe sich nicht in den Buchladen getraut, weil darin eine prominente Person gewesen sei. Sie meinte mich.“ Dabei schaut er einen ungläubig, fast hilflos an. Theorin ist nicht nur ein erfolgreicher Tagträumer, sondern auch ein sehr unaufgeregter, nahbarer Mensch. Vielleicht liegt das daran, dass er wie so viele in seiner Familie ein Fischer ist. Theorin nutzt nur ein anderes Netz – es ist ein Netz aus Geschichten, das statt Fischen immer mehr Leser fängt.

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