Jane Lythell über die zwei weiblichen Hauptfiguren aus »Denn du gehörst mir«
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Montag, 24. November 2014 von


Absolute Gegensätze: Jane Lythell über die zwei weiblichen Hauptfiguren aus »Denn du gehörst mir«

Die Autorin spricht über die Gegensätzlichkeit ihrer beiden Hauptfiguren Heja und Kathy, deren Weiterentwicklung während des Schreibprozesses sowie ihre persönliche Vorliebe zu bösen Charakteren

Ich war mit meiner Tochter im Urlaub in Portugal – nach einigen schwierigen Wochen in der Arbeit. Eine Kollegin hatte mich auf eine Art und Weise behandelt, die mir schwer zugesetzt und mich traurig gemacht hat, und ich brauchte dringend eine Auszeit in der Sonne. Nach ein paar Tagen begann ich mich zu entspannen und als ich im Hotelpool schwimmen war, tauchte plötzlich eine Szene vollkommen ausgestaltet in meinem Kopf auf. Darin sprach eine Frau mit enormer Boshaftigkeit über eine andere Frau, die ein perfektes Leben zu führen schien. Ich bin sofort aus dem Pool gestiegen, habe mein Notizbuch geholt und die Szene aufgeschrieben, die dann der Anfang von »Denn du gehörst mir« wurde.
Der Roman handelt also von zwei Frauen, die Arbeitskolleginnen sind. Heja empfindet eine tiefe Feindseligkeit gegenüber Kathy, kann das aber gut verbergen. Kathy ist mit ihrem Baby, ihrem Mann und ihrer Beförderung zu beschäftigt, um sich einer Bedrohung durch ihre Kollegin bewusst zu sein. Ich musste herausfinden, warum diese Frau so feindselig war. Was könnte der Grund für solch einen Hass sein? Vielleicht könnte eine schwere psychische Störung der Auslöser sein?
»Denn du gehörst mir« wird abwechselnd aus der Perspektive der beiden Frauen erzählt. Sie mussten sehr unterschiedlich sein und auch ihre Erzählstimmen mussten sich klar voneinander unterscheiden. Kathy hat einen netten, bodenständigen Vater aus England und eine lebhafte katholische Mutter aus Portugal, das heißt sie hat einen Einfluss aus dem warmen Süden. Heja kommt aus Finnland. Sie ist wunderschön, schlau und kühl und war eine bekannte Nachrichtensprecherin in Finnland. Mir gefiel dieser geographische Kontrast zwischen Norden und Süden, der die Ungleichheit dieser beiden Frauen hervorhebt.
Kathy kann ihre Emotionen nicht verbergen. Ich stelle das anhand ihres Körpers dar, der häufig Flüssigkeiten verliert: Ihre Brüste verlieren Milch, ihre Hose ist durch ihre Menstruation blutbefleckt, sie schwitzt viel und weint oft, wenn sie gestresst ist. Sie liebt Essen, Kochen, Sex und Wärme von ihren Freunden und Liebhabern. Sie ist klug, leidet aber unter Selbstzweifeln, sowohl was ihr Aussehen betrifft als auch ihre Fähigkeit, den neuen Job als Redakteurin einer Zeitschrift gut zu meistern. Sie war in einen Mann verliebt, der zu viel getrunken hat, und das hat sie verletzt.
Heja hat gute Gründe für ihre Wut. Sie versteckt ihren Verdruss zwar, doch er beeinflusst all ihre Gedanken und Handlungen. Trotzdem hat sie sich immer unter Kontrolle. Sie würde niemals Schweiß- oder Blutflecken haben oder weinen.  Ihren Kontrollzwang sieht man an der Art und Weise, wie sie ihr Haar trägt, wie sie sich in makellosem weißem und hellblauem Leinen kleidet und an ihrem geschmackvollen, minimalistisch eingerichteten Loft mit Blick über die Themse. Ich gebe zu, ich habe eine Vorliebe für böse Charaktere. Ich habe die böse Fee Malefiz aus Walt Disney’s »Dornröschen« immer bewundert, wie clever, mächtig und boshaft sie war.
Trotz aller Unterschiede haben Heja und Kathy ein paar Dinge gemeinsam. Zum einen sind beide Einzelkinder. Kathy hat eine enge Beziehung zu ihrer Mutter, auch wenn ihre Mutter dazu neigt, sie zu bevormunden. Heja hat nie eine echte Verbindung zu ihrer Mutter aufgebaut. Sie hat sich immer nach ihrer Zuneigung und Anerkennung gesehnt, aber sie weiß jetzt, dass sich dieser Wunsch nie erfüllen wird und nennt ihre Mutter beim Vornamen. Sie hat dagegen eine tiefe Bindung zu ihrem Vater. Beide Mütter haben die Entwicklung ihrer Töchter stark beeinflusst. 
Die andere Gemeinsamkeit der beiden Frauen zeigt sich, je weiter sich die Geschichte entwickelt, das werde ich aber hier nicht verraten.
Es hat mir viel Spaß gemacht, diese beiden Figuren zu erfinden, zu beschreiben, wo sie leben, welche Kleidung sie tragen und welche Essgewohnheiten sie haben. Sie sind während des Schreibprozesses gewachsen und haben sich weiterentwickelt. Es hat mich vor allem gereizt zu sehen, ob ich es schaffe, Sympathie für eine Frau zu erzeugen, die versucht eine andere Frau zu vernichten.

Jane Lythell


Blick ins Buch
Denn du gehörst mir

Roman

Kathy hat gerade einen gesunden Jungen bekommen und lebt glücklich verheiratet in London. Ihr Job als Redaktionsleiterin ist anstrengend, aber erfüllend. Ein Leben wie im Bilderbuch. Wenn da nicht ihre Kollegin Heja wäre, die mehr über Kathy weiß, als es zunächst den Anschein hat. Schritt für Schritt, und von Kathy völlig unbemerkt, beginnt sie, sich in deren Leben zu schleichen. Und je tiefer sich Heja in Kathys intimste Ängste gräbt, desto klarer wird, worauf sie es eigentlich abgesehen hat ...
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HEJA

April
Kathy glaubt, das große Los gezogen zu haben : Job, Kind, Freunde und ihn. Doch was ihr fehlt, ist meine Willenskraft. Bei ihr bleibt alles an der Oberfläche. Tiefgang ? Nicht vorhanden. Sie weiß nichts über ihre dunkle Seite oder die der anderen, sondern geht immer vom Guten im Menschen aus.
Als ich erfuhr, dass sie zur Chefredakteurin befördert worden war, rief ich sie zu Hause an und wollte mich mit ihr verabreden. Ich sagte, ich müsse mit ihr über meine berufliche Zukunft sprechen. Anfangs war sie mit einem Treffen einverstanden, überlegte es sich aber in letzter Minute anders.
» Lass uns zusammen zum Mittagessen gehen, sobald ich wieder in der Redaktion bin. Okay, Heja ? Ich möchte die letzten Tage wirklich gern zu Hause verbringen. «
Seit ich ihr beim Vorstellungsgespräch erklärt habe, dass man meinen Namen Hay-Ja ausspricht, benutzt sie ihn in fast jedem Satz, was mich nervt. Ich habe erwidert, es sei sehr dringend, und wir sollten uns so bald wie möglich sehen. Man habe mir Angebote gemacht. Und wenn ihr mein Beitrag zur Zeitschrift etwas wert sei …
Sie kämpfte mit sich. Sie kann schlecht Nein sagen. Doch dann fing das Baby an zu greinen und bestätigte sie in ihrem Entschluss.
» Tut mir echt leid, Heja, aber warten wir mit dem Treffen, bis ich zurück bin. Ich muss jetzt Schluss ma-chen. Bis bald und danke für deinen Anruf. «
An ihrem ersten Arbeitstag trug sie eine orangefarbene Seidenbluse und einen schmal geschnittenen grauen Rock mit teuren zweifarbigen Schuhen : schwarz und hellbraun. Der Rock saß am Bauch ein wenig knapp, und sie hatte volle Brüste. Offenbar ist sie den Schwangerschaftsspeck noch nicht ganz los. Kathy hat dichtes, gewelltes dunkles Haar und dicke dunkle Augenbrauen. Sofort war sie vom ganzen Team umringt, also von Laura, Karen, Tim und Stephanie. Alle beteuerten, wie sehr sie sich über ihre Rückkehr freuten und wie gut sie aussehe. Dabei ist sie keine Schönheit. Sie ist nicht einmal wirklich hübsch. Sie hat eine reine, strahlende Haut, und auch ihre mandel-förmigen haselnussbraunen Augen sind nicht übel. Doch ihr Gesicht ist zu ausdrucksstark und scheint Antworten einzufordern. Es ist anstrengend, sie anzusehen.
Den ersten Vormittag verbrachte sie mit Philip Parr, dem Herausgeber unserer Zeitung, in seinem großen verglasten Büro. Am Nachmittag berief sie dann eine Redaktionssitzung ein. Mit Aisha, ihrer Assistentin, sind wir insgesamt zu sechst. Sie hat uns erklärt, wie sie die Zeitschrift auf Vordermann bringen will. Dann beugte sie sich vor und fragte uns alle nach unserer Meinung. Sie ist nämlich eine große Anhängerin der These, dass Vorgesetzte mit ihren Untergebenen kommunizieren und sie loben müssen. Alle haben etwas gesagt. Ich nicht. Sie hat mich auch nicht beiseitegenommen, um sich mit mir zum Mittagessen zu verabreden.
An ihrem zweiten Tag blieb sie an meinem Schreibtisch stehen.
» Nun zu unserem Mittagessen. Passt es dir am Freitag, Heja ? «, fragte sie, die Freundlichkeit in Person.
Ich antwortete, am Mittwoch sei es für mich günstiger. Doch da sie am Mittwoch nicht konnte, habe ich zugestimmt. Schließlich habe ich keine anderen Angebote. Und ich beabsichtige auch nicht, die Zeit-schrift zu verlassen. Denn nur so kann ich sie jeden Tag sehen.

 


KATHY

April
Heute beim Mittagessen saß ich am Tisch Heja gegenüber und verschlang einen riesigen Berg soßetriefender Spaghetti vongole, wenn auch mit leicht schlechtem Gewissen, weil so viel Knoblauch drin war. Ich liebe Knoblauch, wusste aber, dass ich ihn heute Abend mit der Muttermilch wieder ausscheiden würde. Heja bestellte gegrillte Seebrasse mit Fenchel, ein Gericht, das man verspeisen kann, ohne alles mit Spaghettis0ße zu bespritzen. Was auch ein Glück war, da sie eine hellblaue Leinenbluse und eine auf Figur geschnittene beige Jacke trug und so makellos elegant war wie immer. Ihr Haar hatte sie aus der Stirn gekämmt und zu einem französischen Zopf zurück-gebunden. Dadurch wirkte sie ziemlich unnahbar. Sie hat wunderhübsche Wangenknochen und feines aschblondes Haar. An ihrer Stelle würde ich es mit einem jungenhaften Kurzhaarschnitt versuchen. Sie könnte sich das leisten.
Wir plauderten beiläufig über die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift. Mir war klar, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, denn schließlich hatte sie um diese Verabredung gebeten, ja, mich regelrecht bedrängt. Allerdings machte sie einen ziemlich geistesabwesenden Eindruck, denn während ich mit ihr sprach, starrte sie meist einen Punkt oberhalb meiner rechten Schulter an, so als interessiere es sie eigentlich nicht, was ich zu sagen hatte. Ich fand das ein wenig merkwürdig. Als mein Kaffee serviert wurde, dachte ich, gut, nun wird sie nichts Wichtiges mehr mehr aufs Tapet bringen. Vielleicht wollte sie sich nach den langen Monaten einfach nur mit mir unterhalten. Sie trank grünen Tee. Mir ist aufgefallen, dass sie sehr ge-sundheitsbewusst ist. Zum Tee schluckte sie zwei Kapseln Nachtkerzenöl.
Dann setzte sie aus heiterem Himmel zu einem Vortrag an und schlug mir vor, sie zu meiner Stellvertreterin zu machen. Dabei klang sie so gestelzt wie immer, stets in perfektem Englisch, allerdings ein bisschen zu perfekt, was verrät, dass es nicht ihre Muttersprache ist.
» Während du weg warst, habe ich Artikel für alle Rubriken geschrieben «, sagte sie.
Inzwischen hatte ich meinerseits Schwierigkeiten, mich auf Heja zu konzentrieren.
Am Nachbartisch saß ein Paar, das sich einen wirklich hässlichen Streit lieferte. Der Mann hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte erbost auf seinen mit Himbeersoße verschmierten Dessertteller. Die Frau war aufgebracht. Die Röte überzog ihren Hals bis zum Gesicht hinauf, und sie zerknüllte ihre Serviette. Ich sah, dass sich ein Kellner dem Tisch näherte und zögernd innehielt. Vermutlich war er Szenen wie diese gewöhnt. Zu viele unglückliche Paare. Inzwischen war Heja am Ende ihrer Ausführungen angelangt.
» Im Grunde genommen habe ich als stellvertretende Chefredakteurin gearbeitet, während du im Mutterschutz warst, und ich hätte gern mehr Verantwortung. «
» Das hast du ganz toll gemacht, Heja, und ich bin dir wirklich dankbar für alles. Aber wir sind ein kleines Team. Die Zeitschrift braucht keine stellvertretende Chefredakteurin. Philip wäre niemals einverstanden. «
Warum nur hatte ich Philip, unseren großen Boss, ins Spiel gebracht ? Hätte ich Hejas Bitte nicht einfach freundlich, aber mit Nachdruck ablehnen können ? Sie war noch nicht lange genug bei unserer Zeitschrift, um für eine Beförderung infrage zu kommen.
Mittlerweile war das unglückliche Paar mit dem Bezahlen der Rechnung beschäftigt. Er warf mit verächtlicher Miene die Kreditkarte auf den Tisch und wandte den Blick ab, während sie demonstrativ Scheine und Münzen abzählte, bis sie exakt die Hälfte des Betrags zusammenhatte. Ihre Miene war angespannt und hasserfüllt.
Heja beugte sich zu mir vor. Inzwischen knisterte sie vor aufgestauter Energie. » Du bist zeitlich doch jetzt so eingespannt. Da dachte ich, du könntest Entlastung ge-brauchen. «
Ich hatte Mühe, sie nicht anzuherrschen. » Kein Prob-lem. Wir sind ein eingespieltes Team, und jeder weiß, was er zu tun hat. «
Trotzdem klopfte mir das Herz bis zum Hals, als ich um die Rechnung bat.
Den restlichen Nachmittag war mir leicht übel und flat-terig zumute, vermutlich wegen Hejas Bemerkung. Was tat ich da eigentlich in meinem verglasten Büro, wo sich die Arbeit auf dem Schreibtisch stapelte ? Spielte ich die Chefredakteurin nur ? Warum hatte ich die Beförderung überhaupt angenommen ? Ich wollte doch viel lieber nach Hause zu Billy, um ihn zärtlich an mich zu drücken. Als der Tag sich weiter hinschleppte, hatte ich das Gefühl, als sei die Nabelschnur nie durchtrennt worden, und sein süß duftendes Köpfchen und sein kräftig saugender Mund zogen mich magisch an. Ich stillte ihn noch immer jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam. Ich holte ein Foto von ihm aus meiner Handtasche, und als ich sein niedliches Gesichtchen betrachtete, spannten und prickelten meine Brüste plötzlich. Ich legte das Foto beiseite und griff zum Produktionsplan.
Karen, die Produktionsleiterin, kam herein und setzte sich an den Konferenztisch. Als ich auf sie zutrat, stellte ich fest, dass sie mich zweifelnd musterte.
Im nächsten Moment erschien Aisha, meine Assistentin. » Hast du dich irgendwie bekleckert ? «, fragte sie.
Ich sah an mir hinunter. Vorn auf meiner Bluse prangten zwei nasse Kreise. Milch war ausgetreten.

 


HEJA

April
Ich fahre ein dunkelgrünes Cabrio mit hellgrauen Ledersitzen – mein ganzer Stolz. Es zählt zu dem Luxus, den ich mir gönne. Sie hat die Redaktion vor mir verlassen. Auf dem Weg zum Auto habe ich ihr Verhalten beim Mittagessen Revue passieren lassen. Wie sie die Nudeln in sich hineinschaufelte, hatte etwas Gewöhnliches an sich. Sie isst zu gern. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie in einigen Jahren zu einem Dickerchen. Außerdem lässt ihre Konzentration zu wünschen übrig. Früher war sie aufmerksamer.
Die Autotür ist zwar schwer, aber ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, weshalb sie aufgleitet, damit ich elegant auf meinen Sitz rutschen kann. Ich verriegle die Türen und schalte den CD-Spieler ein. Zurzeit höre ich mich durch sämtliche Aufnahmen der vier Klavierkonzerte von Rachmaninov, weil ich noch immer die perfekte Interpretation suche. Beim dritten ist es Martha Argerichs fulminantes Konzert 1982 in Berlin. Sie hat das Dunkle und die wilde Ekstase von Rachmaninov treffend herausgearbeitet.
Ich fahre über die Waterloo Bridge nach Hause. Ich mag es, wenn sich nachts die Lichter der Gebäude im Wasser spiegeln. Ich bewundere den einschüchternden Klotz von Lasduns National Theatre. Die Briten haben in Sachen Architektur einfach zu wenig Mut und deshalb an seiner großartigen Leistung herumkritisiert. Sie irren sich. Sein Gebäude wird die Nörgler überleben. Architektur ist das Wichtigste auf der Welt. Wir verbringen unser ganzes Leben in Gebäuden. Wir werden darin geboren. Wir wachsen in ihnen auf. Wir lieben uns darin. Wir arbeiten und denken in ihnen. Und in den meisten Fällen sterben wir dort. Gebäude bleiben auch nach unserem Tod bestehen. Sie können zwar krank werden, genau wie wir, aller-dings nur wenn der Architekt unfähig, faul oder geldgierig war. Großartigen Gebäuden ist ein langes und würdevolles Leben bestimmt.
Heute Abend kommt Robert, mein Lover. Der Sex mit ihm ist toll und hilft mir beim Einschlafen. Ich lasse ihn nie bei mir übernachten. Inzwischen hat er sich mit meiner Marotte abgefunden und tut mir den Gefallen. Robert steht total auf Sex. Ich glaube, es macht ihn sogar an, dass er zu mir kommt, Sex hat und dann gehen muss. Er duscht danach nie, sondern zieht sich einfach an und verschwindet. Er sagt, er mag es, meinen Geruch an sich zu haben, wenn er wieder zu Hause ist.
Er ist Amerikaner und hat gerade seine Ausbildung zum Psychoanalytiker abgeschlossen. Allerdings kann ich mir eine Behandlung bei ihm nicht vorstellen. Dazu ist er viel zu aufrichtig. Für ihn ist es wichtig, gemocht zu werden. Ich glaube nicht, dass er den Grad von Distanz erreichen kann, der einen guten Psychoanalytiker auszeichnet. Er ist erst spät auf die Psychoanalyse gestoßen. Seiner Ansicht nach ist das in diesem Beruf jedoch von Vorteil. Man werde mit zunehmendem Alter immer besser und könne auch noch mit achtzig praktizieren. Er hat ja keine Ahnung, wie er mir mit dieser Bemerkung wehgetan hat. Er hat Aknenarben im Gesicht und wulstige Lippen. Wenn ich ihn ansehe, bin ich von seinen großen dunkelbraunen Augen fasziniert. Sie sind ernst und haben dichte Wimpern wie die eines Kindes. Ständig versucht er, mich auszuhorchen. Allerdings so, dass ich es nicht merken soll. Er stellt mir nur selten eine direkte Frage.
Stattdessen sagt er : » Als ich gerade den Tod meines Vaters erwähnte, hast du so ein trauriges Gesicht gemacht. « Dann erwartet er, dass ich das Schweigen fülle, das zwischen uns in der Luft liegt. Er möchte, dass ich ihm etwas offenbare, doch ich schweige. Am Anfang un-serer Beziehung hat meine Zurückhaltung an seinen Nerven gezerrt, und er erkundigte sich, ob ich je eine Analyse gemacht hätte.
» Nein. Wie kommst du denn darauf ? «
» Weil du auf eine bestimmte Art zuhörst und weil ich immer den Eindruck habe, dass du das Gesagte interpretierst. «
» Das tun wir doch alle. Wir filtern das Gehörte, rich-tig ? «
» Menschen, die alles interpretieren, als sei das Leben ein Code, der geknackt werden muss, haben gewöhnlich eine lange Analyse hinter sich. «
» Ich habe nie eine Analyse gemacht «, wiederholte ich.
Das war gelogen. Als meine Depressionen unerträglich wurden, habe ich mich an den angesehenen Psychoanalytiker Arvo Talvela gewandt. Es gab eine zweijährige Warteliste, und niemand kam an ihn heran. Also habe ich ihm einfach geschrieben und ihm meine Lage geschildert. Er war bereit, mich sofort zu empfangen. Offenbar hat es Vorteile, prominent zu sein. Er schrieb zurück, ich solle ihn in seiner Praxis im Zentrum von Helsinki aufsuchen. Meine anfängliche Reaktion auf ihn war vehemente Ablehnung. Bei unserer ersten Begegnung öffnete er die Tür und bat mich mit einer höflichen Geste herein. Sein Gesichtsausdruck war eindringlich und klug. Graue Augen musterten mein Gesicht.
» Bitte setzen Sie sich, Heja ! «
Ich sah mich im Raum um : die hohen, eleganten Fenster, die Bücherregale vom Boden bis zur Decke, der teure Teppich und die Couch mit einem Sessel am Kopfende.
» Ich muss mich also nicht auf die Couch legen ? «, fragte ich herausfordernd.
» Ich lasse die Menschen selbst entscheiden, wann sie bereit sind, sich hinzulegen «, erwiderte er.
» Das werde ich nie sein ! «, fauchte ich ihn an.
Inzwischen stand ich in der Mitte des Raums und bemerkte die makellos geschwungene Vase auf seinem polierten Schreibtisch. Er folgte meinem Blick und wusste sofort, dass ich die Vase nehmen und zu Boden schleudern wollte, damit sie in tausend Scherben zerbrach. Ich war voller Wut. Monatelang bekämpften wir einander, und mit der Zeit verliebte ich mich in ihn. Es war keine Übertragung, es war Liebe.
Karfreitag. Robert hat Karten für die Matthäuspassion von Bach in der St. George’s Church am Hanover Square besorgt. Er holte mich zu Hause ab, und wir fuhren mit dem Auto zur Kirche, wo wir uns in die Schlange stellten. Typische englische Mittelschicht. Die Leute sahen alle aus wie Beamte, Bibliothekarinnen und Anwälte. Wir gehörten zu den Jüngsten. Als sich die Türen öffneten, lotste Robert uns zu guten Plätzen in einer Loge auf der Empore.
Jede Sitzreihe hatte sechs Plätze. Sie wirkten nicht sehr bequem, und ich wusste, dass das Konzert über drei Stunden dauern würde. Die Musiker stimmten ihre Instrumente, und dann wurde es plötzlich still, als ein älterer weißhaariger Geistlicher langsam auf die Kanzel zusteuerte. Der Dirigent folgte ihm.
Der Geistliche stieg auf die Kanzel und forderte uns auf, bitte unsere Mobiltelefone abzuschalten und auch nicht zu klatschen, da es sich gleichzeitig um einen Gottesdienst und ein Konzert handelte. Als er sich in der Kanzel niederließ, wurde er von den hohen geschnitzten Seitenwänden beinahe überragt. Er trug ein üppig besticktes Ornat, Gold auf Schwarz, und wurde vom Gewicht seiner Gewänder gleichsam zu Boden gedrückt. Die Sonne schien durch die hohen Bogenfenster aus klarem Glas zu beiden Seiten ins Kircheninnere. Ich genoss den Anblick der Schatten auf den Scheiben, die sich bis hinauf zu den steinernen Bögen erstreckten. Der Künstler, der den Jesus sang, war ausgezeichnet und hatte eine bemerkenswerte Stimme. Den Sopran fand ich etwas schrill.
Nach zwei Stunden gab es eine Pause, und ich war froh, aufstehen zu können. Wir gingen zu Roberts Auto, wo er Räucherlachssandwiches, eine kleine Flasche Champagner und zwei Gläser zutage förderte. Er entkorkte die Flasche und schenkte mir ein Glas ein.
» Du denkst wirklich an alles «, sagte ich. » Danke. Glaubst du eigentlich daran ? «
» Woran ? «
» An die Auferstehung, die Erlösung der Seelen, das Leben nach dem Tod. «
Er biss in ein Sandwich. » Nein, ich sehe die Religion eher als ein Regulativ gegen die menschliche Eitelkeit. «
» Eitelkeit ? «
» Wir können nicht alles verstehen, und die absolute Gewissheit unserer Sterblichkeit verhindert, dass wir uns zu Herren über das Universum aufschwingen. «
» Meinst du, der Tod als großer Gleichmacher … «
» Als großer Demütig-Macher. «
» Ich kann darin keinen Trost finden. «
» Hast du schon einen geliebten Menschen durch den Tod verloren ? «, fragte er. Seine Stimme klang zwar sanft, doch seine Auge funkelten neugierig.
» Nur meine Großtante, vor vielen Jahren. «
» Wart ihr euch sehr nahe ? «
» Tanya war ein ganz besonderer Mensch. Sie war eine begnadete Sängerin. Und ich habe sie geliebt. «
Er nickte und wartete auf weitere Einzelheiten. Ich blickte aus dem Autofenster.
» Sie hat immer ein bestimmtes Lied gesungen, für das sie berühmt war, und sagte, ich hätte auch eine gute Stimme. Sie wollte mir auch Lieder beibringen. Sie hatte immer viel Geduld mit mir. «
» Also ist sie ziemlich jung gestorben ? «
» Ja, zu jung. «
Die zweite Hälfte des Konzerts dauerte länger als erwartet, da der Geistliche erst seine Karfreitagspredigt hielt, bevor die Musik wieder begann. Ich fragte mich, warum Robert dieses Werk gefiel und warum er heute hatte herkommen wollen. Ich war seit meiner Kindheit daran gewöhnt, lange Konzerte zu überstehen. Tanya hatte einmal wunderschön in diesem Oratorium mitgesungen. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass Robert so viel Freude daran fände. Schließlich erklang der Schlusschor der Passion.
Und rufen dir im Grabe zu :
Ruhe sanfte, sanfte ruh.
Der Geistliche forderte alle auf, sich zu erheben und ein Kirchenlied anzustimmen, und dann war es vorbei. Als wir die Kirche verließen, hakte ich mich bei Robert un-ter. Er schien sich über diese Geste zu freuen, und wir stiegen die Steinstufen hinunter und hinaus in den kühlen frühen Abend.

 

KATHY

Mai
Inzwischen bin ich seit drei Wochen wieder in der Redaktion, und alles erweist sich als viel schwieriger als gedacht. Die Müdigkeit dringt mir bis ins Mark, und die Welt scheint in eine weiche, kuschelige Schicht gehüllt zu sein, die mich ausschließt und die ich nur mit größter Mühe durchdringe. Ich habe einen Artikel über eine Karrierefrau in New York gelesen, die zwei Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder am Schreibtisch saß, ihre Mitarbeiter auf Trab hielt und ihre Zielvorgaben erfüllte. Wie konnte sie das nur schaffen ?, habe ich mich gefragt.
Warum also habe ich mich zur Chefredakteurin befördern lassen ? Weil es sich bei unserem Blatt um Großbritanniens angesehenste Architekturzeitschrift handelt und weil Philip mich zu Hause anrief und sagte, die Stelle gehöre mir, wenn ich sie haben wolle. Sicher hatte er dabei die Kathy von früher vor Augen. Allerdings war dieser Posten schon immer mein Ziel gewesen, und es hätte mir leidgetan, wenn ich die Gelegenheit nicht beim Schopf gepackt hätte. Ich habe nicht bedacht, wie anstrengend es ist, Vollzeit zu arbeiten, wenn man ein Neugeborenes zu Hause hat.
Irgendwie habe ich den Tag in der Redaktion über-standen. Am Abend, als Billy schlief und ich fast über Suppe und Salat einnickte, meinte Markus : » Geh ins Bett, du siehst total erledigt aus. Ich räume ab. «
Ich streckte mich in unserem großen Bett aus, unglaublich dankbar für die Aussicht, endlich abschalten zu können. Ich hatte etwa fünfeinhalb Stunden geschlafen, wahrscheinlich die längste Zeit, die ich es in den letzten Monaten ungestört geschafft habe, als ich aus unerklärlichen Gründen aufwachte. Markus hatte mir den Rücken zugekehrt und schlief tief und fest. Ich strich mit der Hand über seinen Bauch, der wundervoll weich und behaart und darunter hart ist. Er bewegte sich und schlief weiter. Ich warf einen Blick auf die Digitaluhr : 02 :57. Dann stand ich auf, um nach Billy zu sehen. Am letzten Wochenende haben wir ihn in sein eigenes Zimmer umgesiedelt, und mir ist immer noch nicht ganz wohl dabei. Aber es ist ein wunderschönes Zimmer, eins der hellsten in der ganzen Wohnung.
Unsere Wohnung befindet sich in einer Stadtvilla aus den Dreißigerjahren in der Baker Street. Sie ist altmodisch geschnitten, mit einem langen Flur in der Mitte und Zimmern, die in merkwürdigen Winkeln angelegt sind. Trotz der hohen Decken ist die Wohnung ziemlich dunkel, manche mögen sie sogar als düster bezeichnen. Jedenfalls wird sie niemals die Forderung der modernen Architektur nach lichtdurchfluteten Räumen erfüllen. Meine Tante Jennie, die Schwester meines Vaters, hat zwanzig Jahre lang hier gewohnt, und als sie nach Corn-wall zog, um sich zur Ruhe zu setzen, hat sie mir den Mietvertrag und den Großteil der Möbel überschrieben. Damit hat sie mir sehr geholfen. Man könnte sogar sagen, dass sie mein Leben wieder in Ordnung gebracht hat. Ich brauchte dringend eine Wohnung. Es war kurz nach Eddies und meiner letzten gescheiterten Versöhnung, als er wieder einmal versucht hatte, mit dem Trinken aufzuhören. Das Ende war wie immer ein Fiasko, und ich musste endlich weg von ihm. Ich liebe diese Wohnung trotz ihrer Schwächen, weil sie für mich Geborgenheit und Beständigkeit ausstrahlt. Durch diese dicken Mauern dringt kein Geräusch von der Straße herauf.
Billy lag mit ausgestreckten Ärmchen auf dem Rücken und schlief selig. Er hat so unbeschreiblich niedliche weiche Pausbäckchen. Am liebsten hätte ich ihn hochgehoben und abgeküsst. Als er geboren wurde, erfüllte mich eine heilende Liebe, und ich empfand die Gewissheit, dass mich doch noch ein schönes Leben erwartete. Als mir die Hebamme mein Kind in die Arme legte, waren alle meine Ängste, ich könnte mit einem Baby überfordert sein, plötzlich wie weggeblasen.
Ich habe Markus bei einem Architekturkongress in Newcastle kennengelernt. Wir waren derselben Arbeitsgruppe zugeteilt, in der es um Gentrifizierung ging. Markus hatte eine sehr klar und deutlich formulierte Auffassung zu dem Thema, und es war offensichtlich, dass er den Leiter unserer Gruppe nicht mochte, einen bekannten Architekten, der für die Gentrifizierung von Londons East End verantwortlich war. Der Mann hatte mit diesem Projekt ein Vermögen verdient, und bald debattierten er und Markus hitzig über die gesellschaftliche Verantwortung des Architekten. Laut Markus hat ein Architekt die Pflicht, unsere Städte für die Mehrheit der Menschen lebenswerter zu gestalten – nicht nur für die Reichen. Es sei ein Fehler, Gettos für Reiche und Arme zu bauen, statt die Wohnviertel zu durchmischen. Markus stand eindeutig kurz davor, die Debatte zu gewinnen und sich in der Gruppe durchzusetzen. Dann aber forderte mich der Vor-sitzende auf, die Zusammenfassung zu referieren, da er gesehen hatte, wie ich mir während der Diskussion eifrig Notizen machte. Wir gingen alle hinaus, um uns einen Kaffee zu holen. Nur Markus blieb sitzen und fing an zu schreiben. Eine Viertelstunde später kam er zu mir und überreichte mir ein Blatt Papier, auf dem alle seine Argumente perfekt und in logischer Reihenfolge aufgelistet waren.
» Für Ihr Referat «, sagte er und sprach mich zum ersten Mal persönlich an.
Er hatte eine körperliche Ausstrahlung, der ich mich einfach nicht entziehen konnte, ein ebenmäßiges, breites Gesicht, große eisblaue Augen und eine lange, schmale Nase. Ich glaube, seine Aufzeichnungen waren ein Test, den ich offenbar bestand, da er mich nach der Tagung wieder ansprach. » Darf ich Sie anrufen, wenn ich wieder in London bin ? «, fragte er.
Unser erstes Date fand im The Widow’s Son Pub in Bow im Osten von London statt. Es war ein großes, belebtes und einladendes Lokal in der Nähe seiner Wohnung. Wir saßen in einer Ecke am Fenster, und Markus wies auf den Tresen.
» Schau mal ! «, sagte er. » Siehst du die vielen Brötchen dort oben ? «
Ich blickte auf, und an dem Deckenbalken über dem Tresen hing eine Sammlung Hefebrötchen in verschiedenen Phasen des Alters und Zerfalls. Einige waren groß und glänzend, andere schwarz und verschrumpelt. Es mussten über hundert Stück sein.
» Jedes Jahr wird ein weiteres Brötchen dazugehängt «, erklärte er.
» Eine seltsame Sitte. «
» Das ist eine Tradition. Die erste Inhaberin dieses Pubs war eine arme Witwe, die einen einzigen Sohn hatte. Der war Seemann und wurde zu Ostern zu Hause erwartet, weshalb sie ihm ein Hefebrötchen aufhob. Aber er kam nicht. Sie wartete und wartete, aber er kehrte nie von seiner Überfahrt zurück. Da sie sich nicht damit abfinden konnte, dass er ertrunken war, buk sie jedes Jahr ihre Brötchen und legte ein Stück für ihn beiseite. Und so wurde die Sammlung immer größer. Sie dachte, dass er eines Tages nach Hause käme, wenn sie nur weiter die Brötchen für ihn bereithielt. «
» Eine rührende Geschichte. «
» Das ist sie auch. Nach ihrem Tod hat man die Bröt-chen am Deckenbalken gefunden und die Tradition aufrechterhalten. An jedem Karfreitag kommt ein Seemann in den Pub und hängt ein Hefebrötchen dazu. «
» Fangen die nicht irgendwann an zu müffeln ? Die müssen doch nach einer Weile alt werden und schim-meln. «
» Seltsamerweise nicht «, erwiderte er. » Die Gewürzmischung sorgt dafür, dass sie zwar braun werden, sich aber nicht zersetzen. «
Unser zweites Date bestand aus einer Besichtigungstour seiner Lieblingsgebäude im East End. Er hatte eine Schwäche für Industriebauten mit klarer Funktion : La-gerhäuser, Druckereien, Getreidesilos. Die meisten davon standen am Fluss, waren in teure Apartments mit Flusspanorama verwandelt worden und wurden nun von Bankern bewohnt. Er bewunderte den viktorianischen Backstein, die Originalfliesen und die kunstvollen Kamine und zeigte mir alles.
Nachdem wir drei Stunden spazieren gegangen waren und uns unterhalten hatten, landeten wir wieder in einem Pub. Ich fand es so anziehend, dass seine Begeisterung für diese Gebäude wirklich von Herzen kam. Und außerdem fand ich, dass er in seiner schwarzen Lederjacke und den Jeans sehr sexy aussah. Wir saßen nebeneinander auf einer Bank im Pub, und unsere Oberschenkel berührten sich. Sie kennen ja den Moment, wenn man zum ersten Mal Körperkontakt mit einem Menschen hat, der einem gefällt – schüchtern, verlegen, unbeholfen, glücklich. Der Abend verging wie im Flug.
Offenbar verbrachte Markus viel Zeit allein. Er arbeitete in seiner kahlen, spartanisch möblierten Wohnung oder unternahm Spaziergänge entlang des Kanals, an dem er wohnte. Da er in Helsinki aufgewachsen war, hatte er nicht viele Freunde in London, und ich glaube, dass ich ein wenig Wärme und Farbe in sein Leben brachte. Nach dem chaotischen Auf und Ab während meiner Jahre mit Eddie vermittelte er mir endlich Geborgenheit, und bald waren wir ein Paar.
Ein halbes Jahr nach unserer ersten Begegnung in Newcastle stellte ich fest, dass ich schwanger war. Es war absolut ungeplant, und ich fiel aus allen Wolken. Markus nahm die Nachricht ebenso entsetzt auf wie ich und war sogar so erschrocken, dass ich einen zweiten Schwangerschaftstest in meiner Wohnung veranstaltete. An jenem Samstagmorgen erschien er unrasiert und sah aus, als hätte er eine schreckliche Nacht hinter sich. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte ich aus der Apotheke einen komplizierteren Schwangerschaftstest besorgt. Ich baute die Gerätschaften im Bad auf und kochte Kaffee, während wir auf das Ergebnis warteten. Zehn Minuten später rief ich ihn und zeigte ihm den verräterischen roten Kreis unten im Teströhrchen. Im Bad ist es immer recht kühl. War das der Grund, warum er beim Anblick des Testergebnisses erschauderte ?
» Was jetzt ? «, fragte er schließlich.
» Wir müssen uns Zeit lassen und darüber nachdenken. Es ist für uns beide ein ziemlicher Schock. «
» Aber du musst doch wissen, was du willst, Kathy. «
» Nun, wahrscheinlich bin ich erleichtert, dass ich schwanger werden kann. Und auch verängstigt, weil ich es bin. Und du ? «
» Total verwirrt. Mit so etwas habe ich nicht gerech-net. «
Wir kehrten zurück in die Küche und setzten uns an den Tisch. Ich hatte ein leicht schlechtes Gewissen.
» Möchtest du noch Kaffee ? «
» Ja bitte. «
Meine Küche ist ein gemütlicher Raum. Am liebsten wäre ich den ganzen Tag an dem so oft geschrubbten und zerkratzten Küchentisch meiner Tante sitzen geblieben. Ich stand auf und spülte das Espressokännchen aus. Plötzlich stand Markus dicht hinter mir.
» Ich kümmere mich darum «, sagte er.
» Herrje, du brauchst mich doch noch nicht zu ver-wöhnen ! «
» Ich wollte nur, dass er ein wenig stärker wird als der letzte. «
Mit angewiderter Miene betrachtete er das Päckchen Kaffeemehl aus dem Supermarkt, löffelte eine ziemliche Menge ins Sieb und drückte sie fest.
» Also hast du beschlossen, das Baby zu kriegen ? «, fragte er leise.
» Wie kommst du darauf ? «, gab ich zurück.
» Wegen deiner Bemerkung mit dem Verwöhntwerden … «
» Oh. «

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