Interview mit Richard Phillips
Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Mittwoch, 09. April 2014 von


Interview mit Richard Phillips

Richard, erst mal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Kannst du uns ein wenig über dich und deinen Werdegang zum Schriftsteller erzählen?

Ich wurde in Roswell, Neumexiko, geboren und verbrachte in der Nähe dieses Ortes meine Kindheit und Jugend. 1975 erhielt ich an der winzigen Highschool von Capitan, Neumexiko, mein Abschlussdiplom — als einer von gerade einmal zwölf Absolventen in diesem Jahrgang. Es folgte eine Ausbildung zum Army Ranger an der Militärakademie in West Point.

1982 kam ich im Rahmen des Militärdienstes nach Würzburg. Meine Frau und meine Tochter, die den Umzug mitmachten, wohnten damals im nahen Rottendorf. Während meiner Armeezeit waren wir außerdem in Mannheim, Bitburg und Hanau stationiert. Kein Wunder also, dass Deutschland und den Deutschen bis heute meine besondere Liebe gilt.

1989 erwarb ich an der Naval Post Graduate School den Master in Atomphysik und verbrachte die nächsten drei Jahre bis zum Ende meiner Dienstpflicht mit militärischen Forschungsprojekten am Lawrence Livermore National Laboratory. Seit dieser Zeit arbeite ich für eine Reihe privater Unternehmen, die im Auftrag des Militärs Robot-Systemsteuerungen und Simulationssoftware entwickeln.

Ich war schon immer ein begeisterter Leser und spielte bereits in den 1990ern mit dem Gedanken, selbst einen Fantasy- oder Science-Fiction-Roman zu schreiben. Allerdings kam mir erst während eines Hawaii-Urlaubs im Jahr 2004 die Idee zu meiner Trilogie „The Rho Agenda“ und ich begann mit den Arbeiten am ersten Band Das Zweite Schiff.

Zunächst veröffentlichte ich die beiden ersten Bände meiner „Rho-Agenda“-Trilogie im Selbstverlag, und das kam so:

Als ich Das Zweite Schiff vollendet hatte, stieß ich erst mal auf die typischen Hindernisse, die sich vor jedem freien Autor auftürmen. Wenn du keinen der bekannteren Verlage an der Hand hast, bringst du dein Werk — außer in ein paar lokalen Buchhandlungen — kaum unter die Leute. An einen bekannten Verlag wiederum kommst du nur durch einen Agenten, der gute Beziehungen und Kontakte unterhält. Wenn du aber versuchst, einen Agenten zu finden, verschwindet dein Manuskript garantiert unter einem riesigen Berg unverlangter Einsendungen. Vielleicht hast du ja Glück. Ein einflussreicher Agent liest dein Werk und findet es auch noch toll. Aber höchstwahrscheinlich schaffst du es nie an der Hürde des elektronischen Papierkorbs vorbei.

Nachdem ich mir den Kopf an dieser Mauer eingerannt hatte, beschloss ich, die beiden Bände Das Zweite Schiff und Immun auf eigene Faust für den Amazon Kindle zu veröffentlichen. Anfangs setzte ich nur ein paar Exemplare im Monat ab, aber allmählich gingen die Verkaufszahlen in die Höhe, wohl vor allem dank des besonderen Kategorisierungssystems, das es Lesern ermöglicht, auch Werke neuer Autoren zu finden. Meine Bücher schafften es in einigen Science-Fiction-Unterkategorien bis in die Top-100-Listen, insbesondere in den Bereichen Techno-Thriller und High-Tech-Sci-Fi. Dort entdeckten immer mehr Leute die Romane, die in der Folge auf den jeweiligen Bestsellerlisten immer höher kletterten.

Sobald Das Zweite Schiff und Immun die Top Ten der Sci-Fi-Subkategorien erreicht hatten, tauchten sie auch in den Top-100-Listen der größeren Kategorien und schließlich in den Top 100 der Gesamtkategorie Science Fiction auf. Der Leserzustrom hielt an, und im Januar 2011 fand ich mich auf Amazon.com tatsächlich als Bestseller Nummer 1 und 2 in der Kategorie Science Fiction und Fantasy.

Als ich im Februar 2011 das fertige Manuskript meines dritten „Rho-Agenda“-Bands in Händen hielt, war eine schwierige Entscheidung zu treffen. Sollte ich den bisher so erfolgreichen Weg fortsetzen oder doch noch einmal versuchen, einen Agenten zu finden? Fest stand, dass mit einem derartigen Wechsel Kosten und Nachteile verbunden waren: Ich hätte keine Kontrolle mehr über den Zeitpunkt der Veröffentlichung, ich müsste mich mit einem geringeren Autorenhonorar zufriedengeben und davon noch einen Anteil an meinen Agenten abführen. Auf der Plus-Seite bot die traditionelle Variante weit größere Absatzmöglichkeiten, Lektorate und Redaktionen auf höchstem Niveau und eine internationale Marketingplattform. Nach längerem Abwägen wählte ich den traditionellen Weg, der mir die Chance eröffnete, meine Romane international zu vermarkten. Ich schloss einen Vertrag mit der bekannten Literaturagentur Janklow & Nesbit, die mittlerweile großes Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir bekundete.

Dann begann das Wartespiel. Mein Agent bot die Trilogie einer Reihe von Verlagshäusern an und einigte sich schließlich im Prinzip mit 47 North. Es verging erneut eine ganze Weile, bis die Anwälte auch das Kleingedruckte des Kontrakts ausgehandelt hatten. Im März 2012 schließlich kam der krönende Abschluss. Ich unterzeichnete den Vertrag, der 47 North das Recht einräumte, die ge­samte „Rho-Agenda“-Trilogie sowohl in den USA wie auch international im Druck-, eBook- und Hörbuch-Format zu verbreiten.

Es ist mir eine besondere Freude, dass meine „Rho-Agenda“-Trilogie nun in deutscher Übersetzung im Piper Verlag erscheint. Es war eine lange Reise, die mich letzten Endes zurück in das Land führte, in das ich mich in den frühen 1980er Jahren verliebt hatte.

Wovon handelt der Roman Das Zweite Schiff?

Das Zweite Schiff ist wie gesagt der erste Band der „Rho-Agenda“-Trilogie. Die Romane handeln von zwei Sternenschiffen, die bei einem Gefecht über dem amerikanischen Südwesten abgestürzt waren, sowie den unterschiedlichen Ansichten und Zielen der verfeindeten Außerirdischen, die in den beiden schwer beschädigten Schiffen fortleben.

Die Protagonisten der Geschichte sind drei außerordentlich ahnungslose Highschool-Studenten, die zufällig auf das titelgebende Zweite Schiff stoßen und sich von ihrer Neugier dazu verleiten lassen, sein Inneres auf eigene Faust zu erforschen. Damit setzen sie — ähnlich wie Kinder, die eine geladene Pistole finden — eine Kette gefährlicher Ereignisse in Gang, die ihr bis dahin sorgloses Leben zerstören. Paradoxerweise begeht mein Bösewicht Dr. Donald Stephenson den gleichen Fehler: Unter dem Deckmantel des von der US-Regierung geförderten Rho-Projekts untersucht er die fremden Technologien, die das Potenzial haben, das Ökosystem unseres Planeten so zu verändern, dass er die Aufmerksamkeit einer Rasse weckt, gegen die wir Menschen nicht bestehen können.

Deine Trilogie ist eine Mischung aus Entwicklungsroman, Science Fiction, Mystery und Thriller. War das von Anfang an so geplant, oder hat sich das erst im Lauf der Arbeit entwickelt? Anders gefragt: Wie gehst du beim Schreiben deiner Romane vor?

Als ich mit der Arbeit an der „Rho-Agenda“-Trilogie begann, wollte ich eine moderne Science-Fiction-Story erzählen, die verdeutlicht, welche verborgenen Gefahren in all den bahnbrechenden neuen Technologien lauern. Und das Ganze sollte in mehrfacher Hinsicht ein Entwicklungsroman werden. Zum einen handelt die Geschichte vom Erwachsenwerden meiner drei jugendlichen Protagonisten, die im Verlauf der Geschichte aus ihrer vertrauten Welt gerissen werden und sich in einer Situation wiederfinden, in der nichts mehr so ist, wie es war — ähnlich übrigens wie Soldaten, die sich, völlig unvorbereitet, in höllischen Kriegen weit weg von daheim bewähren müssen. Zum anderen schildert die Story die Entwicklung unserer jungen Rasse, die das Augenmerk sehr viel älterer und gefährlicherer Zivilisationen auf sich lenkt. Die Mystery- und Thriller-Aspekte haben sich während des Schreibens mehr oder weniger von selbst ergeben.

Bevor ich zu schreiben beginne, skizziere ich grundsätzlich den Erzählstrang mit Hauptplot und mehreren Subplots. Aber sobald es ans Ausschmücken geht, werfe ich schon mal einen Blick hinter verborgene Türen und in unbekannte Seitengassen. Diese kurzen Streifzüge in fremdes Terrain führen oft zu überraschenden Nebenschauplätzen mit ihren eigenen Helden und Schurken. So wurde das Spezialagenten-Team der NSA, Jack „The Ripper“ Gregory und Janet Price, die in Kapitel 30 von Das Zweite Schiff ihren ersten Auftritt hatten, zu einem festen Bestandteil der Handlung — und kamen so gut an, dass ich den Auftrag erhielt, sie als Protagonisten von drei eigenen Romanen zu verwenden, die meiner Trilogie vorangestellt werden sollen.

»The Rho Agenda« ist in den USA ein absoluter Bestseller und erhält überall begeisterte Kritiken. Weshalb kommen Romane, die von Außerirdischen handeln, nie aus der Mode?

Vor ein paar Jahren durfte ich drei Tage lang an einem „Story“-Seminar des großartigen Robert McKee teilnehmen. Während einer Diskussionsrunde erklärte eine meiner Mitstudentinnen, sie lasse sich von der Schönheit der Natur zu ihren Storys inspirieren. Der Kommentar Robert McKees hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben: „Lassen Sie sich eines gesagt sein: Die Natur ist ein herzloses Teufelsweib.“

Da jede Story im Wesentlichen einen Konflikt beschreibt, bietet es sich an, mit der Natur zu beginnen.

Die Geschichte unseres Planeten ist im übertragenen Sinn reich an Invasionen von außen. Krankheiten werden im Allgemeinen von fremden Mikroorganismen verursacht, die einen Wirtskörper überfallen. Wenn bestimmte Pflanzen von einem Ökosystem in ein anderes gelangen, verdrängen sie häufig die einheimischen Arten und übernehmen deren Lebensraum. Das Gleiche gilt für Insekten oder andere Tiere, die sich in Gegenden ausbreiten, in denen sie keine natürlichen Feinde haben. Die Invasoren richten in den eroberten Gebieten verheerende Schäden an. Sie kümmern sich nicht im Geringsten um das Wohl der Arten oder Rassen, die sie beiseite schieben. Das alles ist schlicht die Manifestation dessen, was wir als „Überleben des Stärkeren“ kennen und das für mich die Frage aufwirft: Können wir von einer weit höher entwickelten außerirdischen Rasse ein anderes Verhalten erwarten?

Aus diesem Grund gebe ich sowohl meiner früheren Mitstudentin als auch dem großen Robert McKee recht: Die grausamen Gesetze der Natur könnten weit über unseren kleinen Planeten hinaus reichen — und das wiederum finde ich einen echt fesselnden Gedanken.

Glaubst du selbst an UFOs und Außerirdische?

Ich weiß nicht, ob jemals UFOs die Erde besucht haben, obwohl das sicherlich einige Rätsel dieser Welt erklären würde. Da auf unserem Planeten intelligentes Leben existiert, steht zu erwarten, dass dies in unserer Galaxis und dem noch größeren Universum keine einmalige Erscheinung ist. Und angesichts der Unmengen von Sternen und Planeten liegt die Vermutung nahe, dass viele der Fremdwelten-Zivilisationen weit höher entwickelt sind als unsere Rasse.

Gibt es bereits Pläne, die Bücher zu verfilmen oder als TV-Serie herauszubringen?

Wir führen Verhandlungen, aber noch ist nichts entschieden. Ich würde mich freuen, „The Rho Agenda“ in einer Film- oder Fernsehfassung zu sehen, aber nur dann, wenn der Stoff wirklich gekonnt umgesetzt wird.

Was ist dein nächstes Projekt?

Im Moment arbeite ich an den drei Einzelromanen, die in der Zeit vor der „Rho-Agenda“-Trilogie angesiedelt sind und in deren Mittelpunkt der Spezialagent Jack „The Ripper“ Gregory steht. Das Manuskript des ersten Romans Once Dead, der übrigens in Deutschland spielt, ist bereits fertig, am zweiten Band Nine-Tenths of the Law schreibe ich gerade mit vollem Einsatz. Damit die Leser keine langen Wartezeiten zwischen dem Erscheinen der einzelnen Werke in Kauf nehmen müssen, ist geplant, die drei Romane gemeinsam Ende 2014 zu veröffentlichen.

Wie können deine Leser Kontakt mit dir aufnehmen?

Da ist zum einen meine Website http://www.SecondShip.com. Dann gibt es einen Blog unter http://rhoagenda.me, auf dem ich gelegentlich Leseproben und Updates poste. Darüber hinaus können Fans meine Twitter-Einträge auf @RhoAgenda mitverfolgen. Und wer immer mir eine E-Mail schicken möchte, erreicht mich unter der Adresse richard.phillips(at)secondship.net. Ich versuche jede Mail zu beantworten, sofern es sich zeitlich ermöglichen lässt.

Herzlichen Dank, Richard, dass du dir so viel Zeit für uns genommen hast.

Das habe ich wirklich gern gemacht. Ich freue mich schon auf das Erscheinen der deutschen „Rho-Agenda“-Ausgabe.


Das zweite Schiff

Rho Agenda 1

Im Jahr 1947 landete ein Raumschiff im US-Bundesstaat New Mexico – und verschwand sofort hinter den unüberwindlichen Mauern eines Geheimlabors. Seit diesem Tag hat das amerikanische Militär die außerirdische Technik erforscht, um sie für eigene Zwecke zu nutzen. Das sogenannte Rho-Projekt drang nie an die Öffentlichkeit. Nun, über sechzig Jahre später, glaubt die Regierung, alles über das fremde Schiff zu wissen. Doch dies ist ein fataler Irrtum. Denn es gibt ein zweites Schiff, das über Jahrzehnte in einem abgelegenen Canyon verschollen war. Und als drei Studenten es zufällig entdecken, stoßen sie auf ein Geheimnis, das alles infrage stellt, woran die Menschheit je geglaubt hat ...
E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Prolog

 

Obwohl man so tief unter dem Groom Lake die Richtung unmöglich genau abschätzen konnte, wusste Donald Stephenson, dass der Tunnel mit dem Schienenstrang in der Mitte nach Südwesten verlief. Ein elektrischer Triebwagen hatte ihn bis zu dem mächtigen Stahltor an seinem Ende gebracht, durch das vor vielen Jahren eine ganz andere Fracht gerollt war. Doppelschlitze an der Unterkante des Tores fügten sich passgenau über die Schienen, die im Innern verschwanden.

Don stellte den Kragen seiner Armeejacke hoch und zog die Kordel fest, ehe er sich auf den kleineren Personendurchgang rechts zubewegte. Er hielt kurz davor an, um seinen Dienstausweis durch den Kartenleser zu ziehen. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Zischen, da sich der Luftdruck anglich.

Ein plötzlicher Schauder zwang ihn, einen Blick über die Schulter zu werfen. Der Tunnel erstreckte sich lang und leer hinter ihm, bis er eine leichte Linkskurve machte und verschwand. Nur das schwache Summen der hoch in der Decke festgeschraubten Glühbirnen begleitete Don noch.

Er zuckte die Achseln, um das unheimliche Kribbeln im Nacken zu vertreiben, als würde er gerade sein Grab betreten. Himmel, war er heute Abend nervös!

Alles Gute zum Erntedankfest, dachte Don.

Er war allein in der gigantischen Kaverne, wie so oft um diese Nachtzeit und wie fast immer an den hohen Feiertagen. Auch wenn er selbst das nicht verstehen konnte, hatte das Ding offenbar den Reiz des Neuen verloren für den Rest der Forschergruppe, die sich seit mehreren Jahrzehnten an seiner Hülle zu schaffen machte, ohne je den entscheidenden Durchbruch zu erzielen und seine inneren Geheimnisse zu enträtseln.

Es nahm einen Großteil im Zentrum der Höhle ein, umschlossen vom Gitterwerk eines Aluminiumgerüsts, das mit Laufplanken und Arbeitsbühnen für die Wissenschaftler und Hilfskräfte sowie Halterungen für die elektronischen Geräte ausgestattet war, die an seiner Außenhaut klebten wie Muscheln am Rumpf eines alten Walfängers.

Selbst jetzt, all die Jahre nach jenem Tag Ende März 1948, als einige Bewohner von Aztec in New Mexico die Spuren eines abgestürzten UFOs entdeckt hatten, konnten nur einige Dutzend Leute zweifelsfrei bestätigen, dass die Einheimischen recht gehabt hatten. Ironischerweise hatte der im Jahr zuvor durch den Roswell-Zwischenfall ausgelöste Medienrummel die Vertuschung der Situation bei Aztec vereinfacht. Bis endlich ein Reporter in der Gegend von Farmington auftauchte, um der Angelegenheit nachzugehen, hatte man so viele falsche und widersprüchliche Gerüchte gestreut, dass dem Bericht der Ortsansässigen wenig Glauben geschenkt wurde.

Während Don quer durch die Kaverne auf das Gerüst zuging, musterte er das Schiff mit prüfenden Blicken. Es war in jeder Hinsicht erstaunlich. Das ursprüngliche Forschungsteam hatte zunächst vermutet, dass ein technischer Defekt zu seinem Absturz geführt hatte, aber diese Annahme war schon bald von einer anderen, sehr beunruhigenden Schlussfolgerung verdrängt worden.

Erstens hatte das Schiff nach dem Absturz versucht, sich durch eine Art elektro-optisches Interferenzmuster zu tarnen. Seine glatte Zigarrenform verschwamm mit der Umgebung und hob sich erst dann gegen den Hintergrund ab, wenn man direkt neben dem Rumpf stand. Zumindest dieser Teil der Bordsysteme funktionierte noch.

Zweitens, und das war weitaus gravierender, löste die Art der Beschädigung eine tiefe Beunruhigung aus. Obwohl der Rumpf keine Löcher oder Risse aufwies, war er an vielen Stellen verbeult und eingedrückt. Und Tests hatten ergeben, dass diese Schrammen auf keinen Fall auf den Zusammenprall mit der Erdoberfläche zurückzuführen waren.

Alles deutete bislang darauf hin, dass die Schäden, wer oder was auch immer sie verursacht hatte, zum Absturz des Raumschiffs geführt hatten.

Viele Jahre waren vergangen, seit man das Schiff hierher gebracht hatte, und trotz einer Vielzahl an hochenergetischen Experimenten, von denen einige den Rumpf auf Temperaturen wie im Sonneninnern erhitzt hatten, war es nie gelungen, die Hülle zu durchdringen. Diamantbohrer, Schneidbrenner, Elektroschweißgeräte, Laserstrahlen und zuletzt der Beschuss mit hochenergetischen Teilchen hatten dem fremden Material nicht das Geringste anhaben können. Diese Drachenhaut blieb kühl, ganz gleich, welchen Typ und welche Mengen an Energie das Forscherteam gegen das Monster richtete.

Obwohl nichts davon in den offiziellen Berichten Erwähnung fand, waren die meisten Wissenschaftler der Ansicht, dass nur eine dem Raumschiffstandard ebenbürtige Technologie die Schäden angerichtet haben konnte, was zwangsläufig eine Art Alien-Waffe implizierte. Don teilte die Meinung seiner Kollegen, und er dankte Gott, dass die unbekannten Angreifer des Schiffs die Erde nicht interessant genug für einen längeren Aufenthalt gefunden hatten.

Der Forschergruppe war es nicht geglückt, auch nur einen Metallspan von der Hülle zu lösen, geschweige denn ins Schiffsinnere vorzudringen. So viel zur »Genialität« der Leute, die das Programm leiteten. Aber nun sollte Don seine Chance bekommen. Das Glück hatte ihn schon immer begünstigt, und in den letzten beiden Wochen war es mehr denn je auf seiner Seite gestanden. Man hatte ihm genehmigt, ein selbst entwickeltes Experiment an der Außenhaut des fremden Raumschiffs durchzuführen. Von seinem Glück mal abgesehen, schrieb er seinen Erfolg auch und vor allem der Tatsache zu, dass er wie ein Tier geschuftet hatte, seit er vor drei Jahren sein Master-Studium abgeschlossen und eine Stelle bei diesem streng geheimen Programm erhalten hatte. Glücklicherweise waren all die zermürbenden Stunden, die er über seinen Büchern gesessen hatte, nicht umsonst gewesen.

Auf der Gegenseite des Schiffsrumpfs hatte Don einen Ringwulst angebracht, dessen Elektromagneten so viel Energie erzeugten, dass sie Elektronen auf Fast-Lichtgeschwindigkeit beschleunigten. An der Stelle, die das Team für den Schiffseingang hielt, ragte aus dem Torus ein langer Metallkegel. Er endete in einem Satz von Röhren, die Tscherenkow-Strahlung und damit eine Stoßwelle erzeugen sollten.

Was genau ihn auf diese Idee gebracht hatte, wusste Don nicht mehr so recht. Vermutlich eine Stelle in den unter Verschluss gehaltenen Augenzeugenberichten, die ihn stutzig gemacht hatte, diese Sache mit dem schwachblauen Schimmer, der angeblich von dem Schiff ausgegangen war, als es über den Himmel von New Mexico jagte.

Das Ganze klang wie eine Beschreibung der Tscherenkow-Strahlung. Dieses prächtige blaue Leuchten entstand immer dann, wenn ein Objekt, das mit Fast-Lichtgeschwindigkeit durch ein Vakuum raste, beim Eintauchen in ein Medium wie Luft oder Wasser abgebremst wurde.

Seiner Ansicht nach ergab jedoch eine Tscherenkow-Strahlung hier keinen Sinn, da die Augenzeugen die Geschwindigkeit des UFOs auf höchstens Mach 2 geschätzt hatten. Wenn Tscherenkow-Strahlung dennoch vorhanden war, musste sie also von irgendwelchen Steuer- oder Antriebsmechanismen des Raumschiffs herrühren. Und wenn diese Systeme den blauen Schein erzeugt hatten, dann zeigten sie vielleicht auch eine messbare Reaktion auf die richtige Kombination von Tscherenkow-Wellen.

Don war sich im Klaren darüber, dass er die Erlaubnis zur Durchführung seiner eigenen Experimente an diesem freien Erntedank-Wochenende nur erhalten hatte, weil das Forscherteam in all den Jahren keinerlei Fortschritte erzielt hatte. Und so liefen seine Versuche seit letzter Nacht rund um die Uhr.

Als er am Terminal Platz nahm, über dem Tausende von Leuchtdioden flimmerten, fiel sein Blick auf eine blinkende Error-Notiz. Er beugte sich vor.

»Was zum Henker …?«

Mehrere Geräte seines Versuchsaufbaus zeigten fehlerhafte Werte an oder waren total offline. Außerdem kam eine Error-Meldung von den Instrumenten, die für die exakte Ausrichtung der Tscherenkow-Spiegel sorgten.

Don fluchte leise vor sich hin, als er die Daten auf dem Computerausdruck überprüfte, der als langer Streifen aus dem Printer quoll und sich auf dem Boden verteilte. Die Störung war um 18 Uhr 53 aufgetreten.

»Verdammt!«

Das gesamte System war vom Netz gegangen, kurz nachdem er den Raum verlassen hatte, um eine Kleinigkeit zu essen. Mehr als zwei kostbare Stunden waren verloren, nicht mit eingerechnet die Zeit, die er benötigen würde, um die Ursache der Störung zu finden und zu beseitigen.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Defekt nicht an der Rechnersteuerung, sondern an den Geräten selbst lag, ging Don mit raschen Schritten um das Gerüst herum und auf die Stelle zu, wo die Teilchensonde seinem Versuchsaufbau hoch oben an der Schiffsflanke einen steten Strom von Elektronen zuführte.

Am Heck des zigarrenförmigen Raumschiffs verfing sich Don mit einem Fuß in dem Kabelgewirr und wäre gestürzt, wenn er nicht im letzten Moment das Gerüst umklammert hätte. Er richtete sich auf und starrte fassungslos nach oben. Die Kabel seiner Geräte baumelten lose herab, die Halterungen waren verbogen, die Tscherenkow-Spiegel aus ihren Verankerungen gerissen und zu Boden gefallen. Aber den Zustand seiner Instrumente registrierte er kaum.

Stattdessen starrte er die breite Rampe an, die aus der Schiffsflanke geklappt war und auf ihrem Weg in die Tiefe das Gerüst unter sich begraben hatte. Ein schwacher Schimmer drang aus der Öffnung.

Don presste die Knie zusammen, als er merkte, dass seine Beine nachgaben und das Hyperventilieren ihm das Bewusstsein zu rauben drohte. Keuchend umklammerte er das eingestürzte Gerüst und warf einen Blick auf die Instrumente entlang der Wand, welche die Luft- und Strahlungswerte überwachten. Alles normal. Sollte er hier und heute sterben, dann ganz sicher nicht durch irgendeine Banalität.

Er wusste, dass er jetzt eigentlich das rote Telefon nehmen und den diensthabenden Offizier am Hauptstützpunkt anrufen müsste, damit der unverzüglich sämtliche an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler und Militärs verständigte. Wenn er das unterließ, riskierte er, dass man ihn aus dem Team warf und seine Einstufung als Geheimnisträger rückgängig machte.

Schweiß lief ihm über die Stirn und brannte in seinen Augen, als er die Blicke über die Rampe bis zum Eingang des Raumschiffs wandern ließ. Ein Gedanke nahm Gestalt in seinem Innern an – ein gefährlicher Gedanke.

Warum sollte er den Anruf absetzen, bevor er nicht wenigstens die Schräge erklommen und einen Blick ins Innere geworfen hatte? Schließlich war der Durchbruch seinem Experiment zu verdanken, oder?

Wenn er jetzt ans Telefon ging, bekam er höchstwahrscheinlich nie mehr die Gelegenheit, dieses Schiff von innen zu sehen. Dieselben Schwachköpfe, die sich seit Jahrzehnten hilflos die Schädel gekratzt hatten, würden aus ihren Löchern hervorkriechen und das Ding hermetisch abriegeln. Niemand außer den ranghöchsten Forschern und Geheimdiensttypen bekäme die Erlaubnis, sich dem Schiff zu nähern.

Don dachte nicht im Traum daran, das geschehen zu lassen, zumindest nicht, bis er sich selbst im Innern des UFOs umgesehen hatte. Mit hämmernden Schläfen erklomm er die Rampe, hielt oben kurz an, um einmal tief Luft zu holen, und trat dann über die Schwelle.

Ein einzelnes Oszilloskop in den Instrumenten-Racks an der rückwärtigen Wand der Kaverne verzeichnete einen kurzen Anstieg des elektronischen Datenflusses, doch gleich darauf normalisierten sich die Messwerte wieder.

Fünf Meilen entfernt, in einer kleinen Wachstube dicht neben Hangar One, schrieb der Offizier vom Dienst, ein Major der Air Force namens Stuart Greeley, den nächsten Eintrag in sein Berichtsbuch.

24. November 1987, 21 Uhr 15: Groom Lake, Area 51, Nevada. Keine besonderen Vorkommnisse.

 

 

 

Kapitel 1

 

Der Magenta-Schimmer der Archenhöhle tauchte die zaundürre Gestalt in ein so reines Licht, dass es von seinen fettigen blonden Rastalocken zu tropfen schien.

Perry Symons hatte die Stimme des Herrn zum ersten Mal im Juli des Jahres 1998 vernommen, als das Fischmesser die Kehle seiner schönen Vanessa aufschlitzte. All das Blut, das aus der Wunde quoll und sich heiß und glitschig über seine Arme und Hände ergoss, sodass es ihn große Mühe gekostet hatte, sie an den Haaren zu fassen und zugleich das Messer zu halten, während sie unter ihm zusammensackte.

Vanessa war das Opfer gewesen, das ihn würdig gemacht hatte, unter die Augen des Herrn zu treten. Perry hatte Ihm die Liebe seines Lebens dargebracht, seine süße Vanessa, auf dass Gott den neuen Erzengel Gabriel erkannte, der Seine Kinder durch die nächste Apokalypse führen würde.

Und während Vanessas Blut im Rückraum seines grünen VW-Busses wie ein Tränenstrom in einen Fünf-Gallonen-Eimer floss, hatte Gott im Geiste zu ihm gesprochen.

»Harre aus, und du wirst ein Zeichen erhalten, wenn das Ende aller Tage naht!«

Im Bottomless Lakes State Park, ganz in der Nähe von Roswell in New Mexico, hatte Perry seine süße Vanessa zu einem Ruderboot getragen und war weit auf den See hinausgepaddelt, ehe er den in eine Plastikplane gehüllten und mit Ketten gefesselten Leichnam seitlich über Bord kippte. Obwohl er die Tote gründlich ausgeblutet hatte, schaukelte sie noch eine Weile an der Oberfläche, bis sie, umperlt von kleinen roten Blasen, in den salzigen Tiefen versank.

Wieder ein Zeichen. Trotz des endgültigen Abschieds, den er dem Herrn zuliebe von ihr genommen hatte, wollte ihn die geliebte Vanessa nicht verlassen und kämpfte noch darum, in seiner Nähe zu bleiben, während das Gewicht der Ketten sie unweigerlich in die ewige Schwärze zog.

Nach der Rückkehr in sein Apartment an der South Main Street hatte Perry seinen gesamten Besitz veräußert und sich eine Überlebensausrüstung besorgt. Dann war er nach Norden gezogen, in den Bandelier-Naturpark bei Los Alamos, in dessen Canyons einst die Vorläufer der Pueblo-Indianer ihre Felsendörfer errichtet hatten.

Perry war überzeugt davon, dass Gott im Jahr 2000 das verheißene Zeichen senden würde, aber keine der Katastrophen, auf die er so sehnlich wartete, traf ein. Als auch nach der Jahrtausendwende nichts geschah, erfasste ihn eine tiefe Depression. Perry begann an seinem eigenen Verstand zu zweifeln. Hatte er seine Seelengefährtin umsonst geopfert? Er suchte Zuflucht bei Heroin, Kokain und Crystal Meth, versumpfte mehr und mehr und wanderte ziellos durch das zerklüftete Land, mehr als einmal versucht, durch einen Sprung von den Klippen Erlösung zu finden.

Gott hatte ihm Leiden auferlegt, die an die Prüfungen Hiobs erinnerten, und ihn in einen ungepflegten Penner verwandelt, der kaum noch Ähnlichkeit mit dem stolzen Glaubenskrieger von früher hatte. Dann, eines Tages im Herbst des Jahres 2002, begegnete er Schreiender Adler. Und Schreiender Adler führte ihn in die alten Bräuche seiner Vorväter ein und zeigte ihm die wundersamen Wege, die nur im Dampf einer Schwitzhütte sichtbar wurden.

Es geschah in einem jener Traumzustände, die man mithilfe des Peyote-Kaktus zu erreichen vermochte: Er wankte aus der Schwitzhütte, tastete sich an den steilen Canyon-Wänden entlang und stieß zum ersten Mal auf den verborgenen Eingang der Archenhöhle, in der ihn das lang ersehnte Zeichen des Herrn erwartete.

Die Erinnerungen verblassten, als er sich in der Kaverne umschaute, die er mittlerweile so gründlich erforscht hatte. Gottes Arche befand sich im hinteren Teil der Höhle, die sie in die Felswand des Canyons gefräst hatte, als sie vor vielen Jahren aus dem Himmel gestürzt war.

An der Unterseite des glatten, sich nach innen verjüngenden Ringwulsts fand er die Stelle, wo die Waffe Satans ein Loch durch den Rumpf gestanzt hatte. Er zog sich mühelos hoch und ins Innere, wie er es unzählige Male in der Vergangenheit getan hatte. Am untersten Deck vorbei schwang er sich durch das glatte Bohrloch gleich in die zweite Ebene hinauf.

Das tiefrote, alles durchdringende Licht umfloss eine Arbeitsplatte aus Metall, die aus der Wand herausgeformt zu sein schien und sich so glatt wie Seide anfühlte. Und da lagen sie, die vier metallisch glänzenden Stirnreife, die an Heiligenscheine erinnerten. Allerdings gab es auf der ganzen Erde kein so leichtes, elastisches Metall, das obendrein in allen Farben des Regenbogens schillerte. Wie immer fühlte er sich nur von dem vierten Heiligenschein angezogen.

Perry hob ihn auf und ließ ihn langsam durch die Finger gleiten, versunken in Erinnerungen an das erste Mal, da er den geschmeidigen Reif über die Schläfen gestreift hatte.

Schmerz. Noch jetzt zuckten bei dem Gedanken an das weiße Feuer, das in seinem Kopf gelodert hatte, Ausläufer der Qual durch seine Glieder. Ihm war, als müssten aus seinen Fingerspitzen Funken sprühen und diese Welt in Brand setzen. Nach seiner Taufe in diesem Fluss der Pein war er nicht mehr Perry Symons, sondern der Vierte Reiter der Apokalypse, schnell und stark wie Gott selbst, dazu schlauer und gerissener als jeder gewöhnliche Sterbliche.

Aber es waren weder die erlittenen Qualen noch die neu erlangten Kräfte und Fähigkeiten, die ihn zum Eremiten werden ließen, sondern seine Traumvisionen. Die Arche Gottes war nicht allein auf die Erde gekommen. Ein Feind hatte sie verfolgt … Satans Streitwagen. In seinen Visionen hatte er die Gegner am Nachthimmel kämpfen und dann in einem gewaltigen Feuerregen auf die Erde stürzen sehen, beide beschädigt, aber nicht völlig zerstört. Seitdem warteten sie im Verborgenen und scharten neue Krieger um sich. Armageddons Jünger.

All die Jahre hatte Perry nun geduldig ausgeharrt, all die Jahre hatte er auf das endgültige Zeichen gewartet, auf ein Signal, dass die Arche Gottes die anderen drei Reiter versammeln würde, auf ein Signal, dass die drei ungenutzten Heiligenscheine zum Leben erwachen und ihre einzigartige Aufgabe in der nahenden Apokalypse erfüllen würden. Nun hatte die Arche entschieden, dass es an der Zeit war, Perrys Mitstreiter einzuberufen.

Als Perry den Stirnreif überstreifte und die göttlichen Visionen auf ihn einströmten, umspielte ein dünnes Lächeln seine Lippen. Das lange Warten war fast vorbei.

Kommentare

1. ONCE DEAD
Patrick am 24.07.2015

Super Bücher! Bin bei Band zwei und freu mich auf das dritte Buch jetzt schon. Wann wird es den " once dead" in deutscher Fassung geben?

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.