Interview mit Jörg Steinleitner
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Jörg Steinleitner im Interview

Ein Mordsspaß!

Dienstag, 21. April 2015 von Piper Verlag


Anne Loop ermittelt wieder am Tegernsee

Jörg Steinleitners Anne-Loop-Krimis spielen im Tegernseer Tal. Nach »Tegernseer Seilschaften«, »Aufgedirndlt«, »Räuberdatschi« und »Hirschkuss« legt er nun mit »Maibock« den fünften Band vor. Im aktuellen »Trendguide Tegernseer Tal« gibt er nun ein kurzes Interview zu seinem neuesten Werk.

Herr Steinleitner, in Ihrem aktuellen Roman »Maibock« schwimmt die Leiche eines Bankers im Nadelstreifenanzug geistergleich hinter einem Tegernsee-Schiff her. Wie kommt man denn auf sowas?

Durch die Familie: Einer meiner Vorfahren war Kapitän einer Tegernsee-Schiffs. Und dass ein Banker auch mal nass wird, kommt nicht nur am Tegernsee vor. Ob dieser Todesfall aber wirklich mit Geld zu tun hat – oder nicht doch mit dem dreisten Maibaum-Diebstahl der Wallberger Trachtler – das verrate ich jetzt nicht.

Sie stellen in Ihrem amüsanten Krimi eine Verbindung zwischen Trachtenvereinen und der Mafia her.

Genau, denn beides sind ehrenwerte Gesellschaften mit ehernen, teils geheimen Regeln. Es ist gut für die Sicherheit im Tegernseer Tal, dass meine Bad Wiesseer Polizistin Anne Loop der hiesigen Trachtenmafia endlich mal auf den Zahl fühlt.

Neben Ihrer schriftstellerischen Arbeit sind Sie auch Rechtsanwalt. Beeinflusst das Ihr Schreiben?

Natürlich. Einem Anwalt offenbaren sich die finsteren Seiten der menschlichen Seele wesentlich schonungsloser.

Für jedes Ihrer Bücher entwerfen Sie eigens ein kriminalistisches Hörspiel-Kabarett mit Musik ...

Und das macht riesig Spaß. Gemeinsam mit der Schauspielerin Victoria Mayer spiele ich Szenen aus dem Buch. Mein Musiker Helmut Sinz komponiert dazu Musik und unterlegt unsere Lesung mit Geräuschen, die er mit teilweise selbst gebauten Instrumenten fabriziert. Im neuen Maibock-Programm spielen wir u.a. ein Wilderer-Lied und Victoria singt als Cowgirl einen Countrysong. Unsere Live-Auftritte sind ein Mordsspaß.

Das THEO Magazin über Jörg Steinleitner

Der Schriftsteller Jörg Steinleitner hat sich gesucht und gefunden und ist angekommen: Bei den Katholiken und ihren Bräuchen in einem 300-Seelen-Dorf an der Zugspitze

Mit freundlicher Genehmigung von www.theo-magazin.de

SCHREIBKUNST
Das größte Unglück im Leben eines Schriftstellers ist der ausbleibende Erfolg, es gibt nur ein Unglück, das noch größer ist: ein zu früher Erfolg. Jörg Steinleitner (43) hat Glück gehabt, sein Durchbruch gelang erst, als er schon einige Jahre geübt hatte und sich neben seiner journalistischen Arbeit auf ein spezielles Genre besann: In seinen vor allem in Bayern beliebten Alpenkrimis verbeißt die alleinerziehende Kriminalkommissarin Anne Loop sich in schwierige Fälle vor grandioser Kulisse.
Nach »Tegernseer Seilschaften« (2010), »Aufgedirndelt« (2012), »Räuberdatschi« (2013) ist die Polizistin auch im aktuellen Krimi »Hirschkuss« ziemlich unterwegs. Mysteriöse Todesfälle bringen sie um den Schlaf, aber nicht um den Verstand.
Steinleitners Prosa ist leichte Kost, gewürzt mit sprachlichem Können, keinesfalls ist sie trivial: In seinen Texten spielt er gekonnt mit Klischees, die er selbst nicht ganz ernst nimmt. Das kommt besonders gut an in den kabarettartigen Lesungen, die er gemeinsam mit der Schauspielerin Victoria Mayer und dem Musiker Helmut Sinz inszeniert. Steinleitner liest, Mayer spielt die resolute Anne Loop, und Sinz lässt dazu ein Alphorn oder auch mal ein Akkordeon erklingen.
»Ich mache Komödie, will in erster Linie unterhalten, dann suche ich mir als Zweites ein gesellschaftspolitisches Hintergrundthema und lasse es vor einem kleinen bayerischen Welttheater spielen, etwas überzeichnet vielleicht.« So spricht der Autor.
Wie seine schreibenden Kollegen Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach ist auch Jörg Steinleitner Jurist, überhaupt fällt auf, dass unter Dichtern und Schriftstellern die Juristerei sehr prominent auftritt. Von Goethe ist es bekannt, aber wer weiß schon, dass auch Balzac, Grillparzer, Theodor Storm, Gottfried Keller, Jules Verne und Christian Morgenstern Recht studiert hatten? Der Schriftsteller und Richter Herbert Rosendorfer fand in den Achtzigerjahren folgende Antwort auf dieses Phänomen: »Die Jurisprudenz ist diejenige Wissenschaft, deren Gegenstand mit dem Gesetz das Wort, und zwar das lebendige Wort ist. Außer dem Schriftsteller weiß der Jurist am besten, wie wichtig ein Komma sein kann, das, falsch gesetzt, ein Gedicht verunstalten oder eine Gesetzesbestimmung unklar machen kann. Zudem kann die Jurisprudenz eine Eleganz des Denkens hervorbringen, die sie vor allen Wissenschaften auszeichnet und jene anziehen wird, die dabei sind, in Gedanken eine erfundene Welt zu erschaffen, also zu dichten, zu schreiben«.
Diese Erkenntnis wäre Jörg Steinleitner womöglich zu überkandidelt, dazu ist er zu bodenständig, seine ersten jugendlich motivierten Höhenflüge und Phantastereien hat er im Übrigen lange hinter sich. Sein erstes Buch mit dem etwas sperrigen Namen »205.293 Zeichen« entstand 1998, zusammen mit Matthias Edlinger, es landete, ganz dem Geist der Zeit entsprechend, im Bereich der Popliteratur und damit beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.
»Da haben wir was Zeitgenössisches geschrieben, das war eher so ’ne Schnapsidee, so kam ich zum Schreiben und dachte natürlich: Jetzt beginnt die ganz große Schriftstellerkarriere.«

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, das hat ein anderer Schriftsteller gedichtet, dessen frühes berufliches Leben dem des Jörg Steinleitner gar nicht so unähnlich war: Erich Kästner arbeitete in seinen frühen Jahren ebenfalls als Journalist, widmete sich zudem lustvoll dem literarischen Kabarett.
Es kam also erstens anders: »Lange Jahre schrieb ich dann bei kleinen Verlagen,« resümiert Jörg Steinleitner. Er ließ sich als Anwalt in München nieder, schrieb den Krimi Der Fall August Stiller, der sich tatsächlich zugetragen und an dessen Aufklärung er selbst mitgearbeitet hatte.
Inzwischen ist er beruflich beim Piper-Verlag und privat mit Frau und drei Kindern in einem Dorf am Riegsee gelandet, einem Zwergenort mit 300 Einwohnern. Hier fand Steinleitner vor fünf Jahren sein »Bullerbü in Bayern, mit Wiesen, die direkt zum See führen und unverbaubarem Blick auf die Zugspitze.« In einem an das 150 Jahre alten Bauernhaus angrenzenden Gebäude hat er sich eine Schreibstube mit Ofen und Billy-Regalen behaglich eingerichtet – auf dem Schreibtisch wartet die Recherchegrundlage für seine Alpen-Krimis auf ihren Einsatz: das Rechtsmedizinlexikon.
»Da sind schreckliche Bilder drin«, Jörg Steinleitner wendet sich angewidert ab.
Das Landleben ist Jörg Steinleitner nicht fremd, er stammt aus dem Westallgäu, sein Vater war Lehrer; als der Junge vier war, ging die Familie für fünf Jahre nach Paris. Bei der Heimkehr war das Allgäu plötzlich ein anderes geworden – jedenfalls für einen Jungen, der nach Identität sucht: »Ich begann mich zurückzuziehen, las viel, wollte sein wie Kafka.« Er entscheid sich für ein Deutschstudium auf Lehramt, nach dem ersten Examen befielen ihn Zweifel, er bewarb sich um einen Studienplatz für Jura, bekam ihn in Augsburg. In Kaufbeuren, wo damals seine Freundin lebte, jobbte er als Radiomoderator, als Tennistrainer und als Bauarbeiter. Nebenher schrieb er skurrile Kurzgeschichten und Reiseerzählungen. »Ich hatte in meinem Leben zwei Wünsche: der eine, möglichst frei und unabhängig zu arbeiten, der andere, möglichst viel von der Welt zu sehen«.
Draußen fällt schwerer Sommerregen auf das Bullerbü-Land, die Zugspitze hat sich in dichten Nebel verkrochen, Jörg Steinleitner sagt:
»Ich habe schon seit drei oder vier Jahren kein Mandat mehr angenommen, ich war eh ein Feld,Waldund Wiesenanwalt. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt mit Schreiben oder der Arbeit an meinen Hörspiel-Lesungen«.
Auch wenn der feuilletonistische Trommelwirbel bislang ausblieb, der Autor ist zufrieden mit dem Erreichten. Neben seinen Büchern macht er Interviews mit Literaten für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und schreibt eine Kolumne bei buchszene.de. Die Leute im Dorf haben ihn und seine Familie aufgenommen, und das ist keine Selbstverständlichkeit auf dem Land: »Bauern, Holzfäller, Jäger, die ihren Beruf mit Ehrlichkeit ausüben. Ich bin froh, hier gelandet zu sein, unter normalen Menschen.«

Hier ist der Sonntag noch Sonntag: man geht in die Kirche, vielleicht danach ins Wirtshaus, aber auf jeden Fall ist es der Tag der Familie.
Hier hat die Zeit selbst unter der Woche keine Eile, für einen Plausch am Gartenzaun unterbricht hier jeder im Dorf seine Arbeit, er sei der Einzige, sagt Steinleitner, der dabei schon mal hektisch auf die Uhr schaue.
Vieles, was Jörg Steinleitner schreibt, ist inspiriert von den Menschen um ihn herum, besonders trifft das zu auf ein Kochbuch, das er 2012 veröffentlichte und auf das er zurecht stolz ist: Heimat auf dem Teller versammelt schöne Bilder und ebensolche Texte zwischen den Buchdeckeln und wird den in der Region erzeugten Lebensmitteln in ihrem ureigenen Sinn gerecht. Zwölf Kapitel Sehnsuchtsthemen: Uralte Nutztierrassen tauchen auf aus dem Nebel des Vergessens, glückliche Schweine, vom Jäger erlegtes Wild, ein gerechter Fleischer, der mal Schäfer war, ein Schmied, der noch schmieden kann, und dazwischen Rezepte von Traditionsgerichten. »Da war ich mit Menschen unterwegs, von denen ich etwas lernen konnte«, sagt Jörg Steinleitner.
Der Autor, so scheint es, ist wie viel Schriftsteller auf der Suche nach dem Ursprünglichen, dem Wahrhaftigen, aber nicht jeder wird darüber gleich selbst zum Imker. Steinleitner schon.

Es war vor fünf Jahren, als er aus dem Münchener Glockenbachviertel hierherkam und feststellen musste, dass das Landleben den Menschen vollständig verändert: »Die Menschen hier sind ruhiger, zufriedener. Ich übe das gerade, es ist eine innere Entscheidung. Frühmorgens hat man das unglaubliche Zugspitzpanorama vor sich, da muss man ganz schön stark sein, um das auszuhalten.« Anfangs habe er Schwierigkeiten gehabt mit dem ›Nur-Natur‹, schließlich sei er ein Menschengucker.
»Aber wann man keine Menschen sieht, guckt man irgendwann in sich hinein, und da kann man ganz schön erschrecken.«
Ein Normaler unter Normalen, oder doch nicht so ganz? Der Kramladen im Dorf jedenfalls verkauft seine Bücher, und das gibt ihm einen Platz in der Dorfgemeinschaft, die Menschen kommen zu ihm, um sein Buch signieren zu lassen oder um seinen Fotokopierer zu nutzen. Im Dorf hilft jeder jedem, und wem die Menschen nicht helfen können, dem hilft Gott: Zweimal jährlich zieht das ganze Dorf betend los; ein Gelübde verlangt, dass die Prozessionen nach Eglfing oder nach nach Murnau zieht, und das seit 200 Jahren.

»Das ist gelebter Glaube, der Gemeinschaft stiftet, und der wird so auch unseren Kindern vermittelt,« sagt Steinleitner. Seinen Freunden, die nach Tibet reisen, um dort den Buddhismus zu finden rät er: »Kommt hierher, am Donnerstag machen wir den Bittgang vor einer majestätischen Kulisse. Dann braucht ihr nicht so weit zu fahren.«
Jörg Steinleitner bekennt sich zum Katholizismus, liebt die »schönen, alten Traditionen« und ist überzeugt, »dass in unserer Kultur und Religion alles vorhanden ist. Man muss bloß die Augen aufmachen.« Letztes Jahr hat er nach 18-jähriger Beziehung seine Freundin, eine Künstlerin, geheiratet – in der Kapelle oben auf dem Hügel: Freunde aus aller Welt kamen zu Besuch, vor allem aber das ganze Dorf: Dass drei Kinder an der Hochzeit der Eltern teilnahmen, hat nicht einmal den Pfarrer gestört, ein junger Mann aus dem Allgäu, der nicht fassen kann, wie viel Glauben er hier in Oberbayern noch vorfindet.

Morgens in der Frühe, bevor er anfängt zu schreiben, bestaunt Jörg Steinleitner das Gebirge hinter dem See. Und weil er Kommödien schreibt und weil nichts schwieriger ist, als die Lustigkeit herbeizuzwingen, muss er sich richtig anstrengen, um seine schrägen, abseitigen Geschichten aufs Papier zu bringen. In der Zukunft will Jörg Steinleitner noch vielseitiger werden, mehr Zeit fürs Schreiben gewinnen, und die Begründung ist ganz einfach: »Weil mir das Schreiben so viel Spaß macht«.

Liebe, Loop und Lederhose

Schriftsteller Jörg Steinleitner über seinen Roman »Tegernseer Seilschaften«, in dem eine junge Polizistin zwischen Finanzkrise und Milchkampf versucht herauszufinden, warum ein Bauer und ein Millionär am idyllischen Tegernsee den Tod fanden.

Herr Steinleitner, in Ihrem Krimi »Tegernseer Seilschaften« konfrontieren Sie uns mit zwei Leichen - einem erhängten Bauern und einem Milliardär in einem mit Milch gefüllten Schwimmbad. Muss man am Tegernsee jetzt um sein Leben fürchten?

Jörg Steinleitner: Ja klar - vor allem gilt dies aber natürlich für Landwirte und Milliardäre.

Was hat es denn mit dem Milchbad auf sich?

J.S.: Na ja, genau genommen ist es ein Blutmilchbad. Ich möchte jetzt nicht zuviel verraten, aber dass da ein Milliardär, dessen Weste nicht ganz rein ist, in einem am idyllischen Tegernsee hergestellten Naturprodukt ums Leben kommt, ist natürlich schon auch eine Warnung an alle Bonzen und Finanzhaie.
Gerade jetzt, wo die Bauern um etwas mehr Geld für ihre Milch kämpfen und viele Anleger sich von den Banken verprellt fühlen.

Ist "Tegernseer Seilschaften"also ein Politthriller?

J.S.: Nein, das nicht. Aber meine Tegernseer Stammtischbrüder haben schon auch etwas Robin-Hood-haftes. Ich mag Menschen, die etwas tun für die Gerechtigkeit, auch wenn diese drei Helden sich dann am Ende als doch nicht sogemeinnützig herausstellen, wie es anfangs den Anschein hat.

Aber insgesamt kommen die Tegernseer in Ihrem Krimi ganz gut weg.

J.S.: Wissen Sie, mir gefällt dieses Bauernschlaue, das viele Tegernseer-und überhaupt Alpenbewohner noch haben. Mit solchen Urinstinkten kann doch kein Städter aufwarten. Außerdem gefällt mir das zunächst Zurückhaltende, Misstrauische des Tegernseers, das oftmals gepaart ist mit einer sympathischehrlichen polternden Art.
Der Tegernseer ist, auch wenn er krumme Dingerdreht, eine Respektsperson, was natürlich auch an dieser Landschaft liegt, in derer leben darf. Solch eine Naturschönheit hinterlässt in der Seele selbstverständlich ihre Spuren.

Was bedeutet Ihnen die Region?

J.S.: Es ist quasi die Wiege meiner Familie. Meine Urgroßmutter ist in Tegernseegeboren, mein Großvater, wegen des frühen Tods meines Vaters meine wichtigste männliche Bezugsperson, kam in Holzkirchen auf die Welt. Obwohl er später ins Allgäu gezogen ist, hing er sehr an seiner Heimat und hat immer einen oberbayerischen Einschlag in seiner Sprache behalten.
Das sind meine persönlichen Bezüge. Aber natürlich liebe ich das Tegernseer Tal auch wegen seiner Landschaft. Die ist einzigartig.Es ist kein Zufall, dass Schriftsteller wie Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer sich hier niederließen- letzterer ist übrigens wie ich auch im Allgäu geboren, und dann am Tegernsee gelandet. Ihre neue Ermittlerin Anne Loop ist eine Frau.

Warum haben Sie nicht einen Kommissar in den Mittelpunkt gestellt?

J.S.: Weil mich Frauen einfach mehr interessieren als Männer. Dies jetzt nicht nur aus erotischen Gründen(lacht), sondern auch, weil ich finde, dass Frauen Probleme meist auf etwas geschmeidigere Art lösen. Wichtig war mir auch, dass meine Polizistin nicht so eine kauzigealte Schnepfe oder sonst irgendwie unglaubwürdige Person ist. Es gibt ja viele Krimis, in denen die Biographie des Ermittlers totalan den Haaren herbeigezogen ist.
Mich nervt es, wenn einer ein einfacher Kommissar sein soll, sich aber für Oper interessiert, Sushi-Experte ist und mit einer Millionärin zusammenlebt. Das glaubt doch kein Mensch! Meine Anne Loop ist Polizistin, sie ist sportlich, hat einen Freund, der an einer Doktorarbeit schreibt und eine Tochter, die in den Kindergarten geht.

Das einzige Besondere an ihr ist, dass sie super aussieht. Wie Angelina Jolie.

J.S.: Ja.

Und so verliebt sich auch gleich ihr neuer Tegernseer Arbeitskollege Sepp Kastner in sie.

J.S.: Genau, und leidet, weil Anne Loop ist ja eigentlich in festen Händen und an sich auch nicht seine Kragenweite. Aber der Sepp bleibt dran und tritt dabei von einem Fettnäpfchen ins nächste. Unglaublich, wie schweres ist, eine schöne Frau von sich zu überzeugen. Das merkt auch der Sepp.

Schafft er es am Ende?

J.S.: Das werde ich jetzt verraten!

Für Anne Loop sind die Ermittlungen in den zwei Todesfällen nicht nur schwierig,weil sie neu am Tegernsee ist und noch nicht so genau weiß, wie "der Tegernseer" tickt, sondern auch, weil sie sich als alleinerziehende Mutter immer wieder um ihre Tochter kümmern muss...

J.S.: Da geht es Anne Loop wie vielen anderen Frauen, die Arbeit und Kindererziehung allein hinbekommen müssen und dabei oft an ihre Grenzen stoßen. Dass solche Frauen Unglaubliches leisten,weiß ich, weil ich selbst drei Kinder habe. Diese muss ich zwar nicht allein erziehen, aber zu zweit ist das schon anstrengend genug.

Anne Loops Tochter wünscht sich ein Dirndl. Haben Ihre zwei Töchter auch eines?

J.S.: Aber logisch. Nur ich habe noch keine Lederhose. Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert. Ein gestandenes Mannsbild braucht zweifelloseine Lederhose.


Herr Steinleitner, vielen Dank für das Gespräch.

Täter und Tatort bei Jörg Steinleitner

Bitte charakterisieren Sie Ihre Täter in „Räuberdatschi“ kurz für uns.

JS: Im Mittelpunkt von „Räuberdatschi“ steht ein Banküberfall in einer kleinen Gemeinde an einem Alpensee. Die Täter sind jung, hervorragend ausgebildet, entstammender internationalen Aktivistenszene und haben null Ahnung davon, wie man erfolgreich eine Bank ausraubt. 

Deswegen ist der ganze Überfall auch keine „gmahde Wiesn“, also keine gemähte Wiese, wie man bei uns in Bayern sagt,sondern ein ziemliches Räuberchaos.

Was inspiriert Sie zu den Verbrechen in ihren Krimis um Kommissarin Anne Loop?

JS: Meistens ist es erst einmal nur ein Thema, das mich bewegt: Bei „Tegernseer Seilschaften“ habe ich mich darüber geärgert, dass so viele Menschen von Finanzberatern übers Ohr gehauen wurden. Bei „Aufgedirndlt“ ging es mir um die mitunter groteske Angst vor dem Fremden in Person des Scheichs von Ada Bhai. 

Anlass für die „Räuberdatschi“-Geschichte war mein Groll über die Schuldenkrise, die zeigt, dass unser Wirtschaftssystem so aufgebaut ist, dass Großbanken, Konzerne und Spekulanten, sich auf Kosten der Bürger bereichern. Bei alldem muss aber gesagt werden, dass ich Humorkrimis schreibe und diese globalen Themen lediglich die Kulisse für die Arbeit der Ermittler bilden.

Trotz globaler Themen: Was hat Bayern an Tatorten zu bieten?

JS: Eine ganze Menge. Bei uns in Bayern stehen spannende Tatorte einfach so in der Landschaft herum – Berge, Seen, Banken, da muss man nicht lange suchen.

Gilt das auch für die Täter in ihren Krimis?

JS: Ja, auch als Täter ist der Bayer an sich ein sehr dankbarer Typ: Er ist sehr geschickt. Er kann praktisch mit allem morden, was er findet. Manch einer sogar mit Worten.

Eine Frage an den Juristen Steinleitner: Gibt es den perfekten Mord?

JS: Kaum ein Mord bleibt unaufgeklärt. Das ist ein Verbrechen, das sich rein gar nicht lohnt. Besser ist es, man geht in die Politik oder Wirtschaft. Da lässt sich mit wenig Skrupeln noch viel erreichen.

Reizwäsche im Bergwald - Jörg Steinleitner im Interview in der Landlust

Jörg Steinleitner über das Mörderische an Bayern, einen tödlichen Wellnessurlaub und Erotikspielzeug.
Mit herzlichem Dank an die »Landlust« und »Bücherlust«.


Herr Steinleitner, in Ihren humoristischen Kriminalromanenfeiern Sie Bayern und seine Menschen. Was ist so besondersan Bayern?

Wir hatten schon Ministerpräsidenten, die fanden, dass manmit zwei Maß Bier noch gut Auto fahren kann. Wir zuzeln die Weißwurst und bei wichtigen Feierlichkeiten springen wir solange auf Bierbänken herum, bis sie durchkrachen – das habeich just am Wochenende wieder auf einer Hochzeit erlebt. Ichwürde sagen, unsere Lebensfreude ist einzigartig und bisweilenmörderisch.

Apropos: In Ihrem Anne-Loop-Roman Hirschkuss verschwindeteine Bankerin aus dem Wellnessurlaub im Alpental.

Ja, ja, so etwas passiert ständig bei uns. Da bin ich hautnah ander Realität: Nach wie vor wird in unseren Wäldern gewildert.Aber ob es im Fall der Bankerin ein Wilderer war, kann ich jetztnatürlich nicht verraten. Es könnte auch dieser DüsseldorferHolzhai gewesen sein, der den Bergwald abholzen will und deraußerdem ein erotisches Geheimnis hat.

Was für ein erotisches Geheimnis?

(Steinleitner flüstert) Er versteckt in seinem Haus – es ist derehemalige Kanzler-Bungalow – eine sehr seltsame Spielzeugsammlung.Ich sage nur: Barbiepuppen und Reizwäsche …

Wie kommen Sie auf solche Einfälle?

Ich rede mit meinen Nachbarn. Eine der Mordmethoden, die in Hirschkuss vorkommen, haben mir drei Holzfäller bei der Brotzeitverraten. Ich hatte sie zu Recherchezwecken in den Hochwaldbegleitet. Zum Glück bin ich lebendig zurückgekehrt.

Der Hund Ihres Jägers heißt „Seehofer“ – wie der bayerische Ministerpräsident.
Das ist natürlich reiner Zufall.

»Weißwurst-Alarm am Alpensee« - Ein Kurzkrimi von Jörg Steinleitner

Für alle Fans von Anne Loop hat Autor Jörg Steinleitner einen Kurzkrimi geschrieben, indem er selbst mitspielt.

Weißwurst-Alarm am Alpensee

Als ich das Klirren von Glas hörte, dachte ich zunächst, es sei ein Traum. Aber dann polterten mehrere Personen die Holztreppe unseres alten Bauernhauses hinauf. Zuvor hatten die Eindringlinge die Scheibe aus dem Holzrahmen der Eingangstür geschlagen. Sekunden später blendete mir eine grelle Taschenlampe ins Gesicht, das Schlafzimmerlicht ging an. Eine der drei Uniformierten, die nun vor mir standen, war eine Frau. Sie zielte mit einer Pistole auf mich. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich fühlte mich schutzlos. Ausgerechnet heute trug ich den Pyjama mit dem albernen Ernie-und-Bert-Aufdruck. Für einen Moment dachte ich, die Frau könnte Angelina Jolie sein, aber das war ja nicht möglich: Ich war hier in meinem Hof am Alpensee, und Angelina Jolie vermutlich bei Brad Pitt in Hollywood. Ich warf einen Blick auf den Wecker: fünf Uhr. Draußen, vom Seeufer her, war das Geschnatter wilder Gänse zu hören.
„Hände hoch, aufstehen!“, rief nun der blonde Polizist. Auch er kam mir bekannt vor.
„Jetzt ist aber gut“, erwiderte ich. „Was soll das Theater?“
„Verdächtiger setzt sich zur Wehr“, sagte der bärtige Beamte in breitem Bayerisch. Er war größer als die beiden anderen und kritzelte mit seinen wurstigen Fingern etwas in ein Notizbuch.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Sofort rief die Polizistin: „Halt! Nicht bewegen!“ Und schon machte der Blonde drei Schritte, packte meinen rechten Arm, verdrehte ihn und in der Folge meinen Oberkörper so geschickt, dass ich Sekunden später auf dem Bauch lag, mein Gesicht in das Kopfkissen gedrückt, auf dem ich eben noch geschlafen hatte. Ich hörte es knacken, das war die Schulter. „So, Burschi“, presste mein Peiniger hervor, „jetzt wollen wir doch einmal sehen.“
„Sind Sie allein?“, fragte die schöne Polizistin.
„Ja, meine Frau ist mit den Kindern bei der Oma.“
„Notiere, Verdächtiger lügt“, sagte der Bärtige mit tiefer Stimme: „Behauptet Frau zu haben, ist aber nicht verheiratet.“ Ehe ich erklären konnte, dass ich zwar nicht verheiratet sei, aber eine Lebensgefährtin hätte, die ich der Einfachheit halber als meine Frau bezeichnete, weil sie die Mutter meiner Kinder war, intensivierte der Blonde seinen Polizeigriff. Ich ächzte.
In der Zwischenzeit hatte die Polizistin ein Foto herausgezogen und mit meinem Aussehen abgeglichen: „Er ist es.“ Sie nickte ihren beiden Kollegen zu. „Jetzt müssen wir nur noch das Geld finden.“
Mir wurde heiß. Was ging hier vor? Waren die verrückt geworden? Der Blonde riss mich hoch und schob mich aus dem Zimmer, dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort drückte er mich auf meinen Stuhl an meinem Tisch und die Frau stellte sich vor: „Guten Tag, Herr Steinleitner, mein Name ist Anne Loop, Polizeihauptmeisterin. Das sind …“
„Ich weiß“, sagte ich resigniert, „Kurt Nonnenmacher und Sepp Kastner.“
„Sie kennen uns?“ Die Frage klang tatsächlich erstaunt.
„Wollen Sie mich verarschen?“, fragte ich. Schließlich hatte ich die drei erfunden!
„Beleidigt Vollzugsbeamte“, konstatierte Nonnenmacher und schrieb es natürlich gleich auf.
Dann trat ein weiterer Mann die Küche. Der Spurensicherer. In seiner rechten Hand hielt er ein silberfarbenes Gewebeklebeband. „Duct Tape“, sagte er. „Es ist identisch mit dem Band, mit dem der Bankchef geknebelt worden ist.
„Wo waren Sie gestern, also Samstagvormittag, Herr Steinleitner?“
„In der Bank“, sagte ich. Anne Loop nickte ihren Kollegen zu: „Immerhin versucht er nicht, uns irgendein schwachsinniges Alibi vorzugaukeln.“
„Sie wissen schon, dass Banken am Samstag geschlossen haben?“, klugscheißerte der Bärtige.
„Das, was wir da in der Bank gemacht haben, hätte unter der Woche den Geschäftsbetrieb gestört, wir haben nämlich …“
„Delinquent zeigt keinerlei Unrechtsbewusstsein“, bellte Nonnenmacher. Sein Stift machte ein Kratzgeräusch. Der Spurensicherer hatte kurz die Küche verlassen, betrat jetzt aber schon wieder den Raum, mit einer Pistole: „Tatwaffe gesichert, unter Biedermeierkommode an Haustür.“
„Das ist eine Spielzeugpistole!“ Meine Stimme überschlug sich. „Die gehört meinen Kindern!“
„Herr Steinleitner“, sagte Anne Loop mit einem mütterlichen Tonfall, den ich unverschämt fand, „Ihre Kinder sollten Sie jetzt nicht auch noch in die Sache hineinziehen. Ich bin selbst Mutter …“
„Ich kann das alles erklären“, setzte ich an, doch der saublöde Spurensicherer hielt schon wieder etwas hoch: „Eine Occupy-Maske. Vermutlich genau die, die man auf den Überwachungsvideos der Bank sehen kann! Also für mich ist die Sache eindeutig.“
Die drei Polizisten nickten. Waren die eigentlich komplett bescheuert?
„Also, Herr Steinleitner“, ergriff Anne Loop nun das Wort. „Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Sie brauchen sich nicht selbst zu belasten und Sie haben das Recht auf einen Anwalt …“
„Ich bin doch selbst Anwalt!“, rief ich hilflos. „Was bilden Sie sich eigentlich ein, bei mir in aller Herrgottsfrühe einzubrechen und hier einen auf Weißwurst-Alarm zu machen …“
„Jetzt einmal halblang, mein lieber Herr Gesangsverein. Du weißt doch ganz genau, warum wir hier sind“, herrschte Nonnenmacher mich an. Und schon stand wieder der idiotische Spurensicherer in seinem Ganzkörperkondom in der Küche. Dieses Mal hielt er in einer triumphierenden Weise, die mich ankotzte, ein Buch in den Händen. „Vabanque – Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte“, rief er. „Das ist die Gebrauchsanweisung für Banküberfälle schlechthin. Und das ist nicht alles! Unser lieber Herr Steinleitner hat eine ganze Bibliothek an Fachliteratur: ‚Bankraub und Sicherungstechnik‘, ‚Bankraub aus Sicht der Täter‘, ‚Phänomenologie des Bankraubs‘ … Sogar Doktorarbeiten zur Erfolgsstatistik von Bankrauben hat der feine Herr!“
Ich schüttelte den Kopf. War ich verrückt geworden? Waren die verrückt?
„Sie leugnen?“, entfuhr es Kastner. „Verstrickt sich in Widersprüche: Gibt zu, zu Tatzeit an Tatort gewesen zu sein, leugnet aber Beschäftigung mit Bankraubthematik. Steinleitner, Sie reden sich um Kopf und Kragen!“
„Sie lassen mich ja gar nicht reden“, stöhnte ich. „Ich habe doch nur mit meinem Freund, dem Christian …“
„Sehr gut, sehr gut“, freute sich Kastner jetzt vollkommen lächerlich. „Nennt Komplizen – und wie heißt dieser Christian mit Nachnamen?“
„Ach, ich sage jetzt gar nichts mehr.“
„Verweigert Aussage“, brummelte Nonnenmacher. „Aber das kann uns jetzt auch wurscht sein, die Beweise sind erdrückend, oder?“ Er suchte Anne Loops Blick. „Ich denke, wir können den Haftbefehl beantragen.“
Als wäre ich ein anderer, hörte ich mich loslachen. Doch sofort riss ich mich zusammen: „Wie kommen Sie denn auf mich? Ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.“
„Herr Steinleitner, Sie als Anwalt sollten wissen, dass Sie uns nichts vormachen können.“ Anne Loop sah mich ernst an. „Natürlich haben wir eine ganze Menge Daten über sie. Sie sind seit Ihrer Jugend polizeibekannt.“ Sie zögerte. „Und da war es natürlich ungeschickt von Ihnen, dass Sie, bevor Sie einen Banküberfall planten, ausgerechnet in der Pressestelle der Kripo anriefen.“
Kastner ergänzte: „Natürlich hat uns der Kollege Waldinger gleich informiert, dass da einer angerufen hat und wissen wollte, ob sich ein Banküberfall in Bayern lohnt. Wie viel da im Schnitt erbeutet wird und so.“
„Aber das wollte ich doch alles nur theoretisch wissen“, brachte ich hervor, „praktisch interessiert mich das überhaupt nicht. Das war Recherche …“
„Herr Steinleitner …“, schaltete sich Anne Loop wieder mit diesem mütterlichen Tonfall ein.
„Wir wirken in unserer bayerischen Art vielleicht manchmal etwas hölzern, mitunter sogar lustig …“, sagte Kastner.
Ich unterbrach ihn wütend: „Mein lieber Kastner“, schrie ich, „ohne mich gäbe es Sie gar nicht!“
„Das müssen Sie unbedingt notieren, das ist für den Psychologen wichtig“, forderte Anne Loop Nonnenmacher hastig auf, und diktierte: „Täter halluziniert, überschätzt sich maßlos selbst, hat Allmachtsphantasien.“
Nonnenmacher nickte: „Täter hält sich für Sepp Kastners Vater.“ Völlig blöde lachte er in seinen Bart und meinte dann: „Wobei, vielleicht sollten wir das Psychologische lieber unter den Tisch fallen lassen, weil das könnte sich strafmildernd auswirken.“
Ich schluckte. Damals, als ich den ersten Band der Krimiserie um die alleinerziehende Polizistin Anne Loop schrieb, hatte ich mir eingebildet, das könnte lustig sein: ein bärbeißiger Urbayer mit Magenproblemen, eine Hollywoodschönheit aus dem Rheinland und ein nervöser Hektiker, der in sie verliebt ist, lösen Kriminalfälle. Jetzt gerade ärgerte ich mich, diese Idiotentruppe erfunden zu haben. Aber nicht lange, denn da stand schon wieder der Spurensicherer im Raum. Dieses Mal mit meinem Laptop.
„So“, sagte er in einem Tonfall, dass ich ihm am liebsten einen Magenschwinger verpasst hätte, „dann hätten wir das auch. Auf dem Computer sind Fotos der Bank. Außerdem Infos über ihre Geschichte. Wir haben auch die Anfragen, die er in der letzten Zeit in Suchmaschinen eingegeben hat, gecheckt: Er hat sich wirklich akribisch mit dem Tatobjekt auseinandergesetzt.“
„Ja, das habe ich“, sagte ich trotzig. „Das gehört zu meinem Beruf.“
„Ein schöner Beruf!“ Nonnenmacher gab mir mit seinen Wurstfingerpranken einen groben Schubs.
„Herr Steinleitner, Sie sind doch ein intelligenter Mensch“, wandte sich nun Anne Loop eindringlich an mich. „Bankräuber ist doch nun wirklich kein Beruf. Und warum denn auch? Ich meine, Sie sind Anwalt, Sie haben Kinder, Familie …“ Sie blickte sich um. „Sie haben doch alles, was Sie zum Leben brauchen?“ Sie zögerte. „Oder verbergen sich da dunkle Wünsche in den Tiefen Ihrer Seele, Obsessionen, die Sie sich mit dieser Tat zu erfüllen gedachten?“ Ich starrte sie entgeistert an.
„Haben Sie vielleicht ein geheimes Gschpusi? Gehen‘S in den Puff? Spielen Sie?“, fragte jetzt Nonnenmacher mit einer öligen Freundlichkeit, die mir widerwärtig war.
„Nehmen Sie Drogen?“, setzte Kastner die Inquisition fort. „Kokain, Amphetamin, Crystal Meth?“
„Wissen Sie“, sagte Anne Loop, „wir haben alles, was wir brauchen, um Sie für Jahre hinter Gitter zu bringen. Auf den Mitschnitten der Überwachungskameras kann man Sie wirklich gut erkennen. Warum haben Sie eigentlich die Occupy-Maske immer wieder ausgezogen? Ungeschickter kann man es wirklich nicht angehen!“ Sie dachte kurz nach, ich bewunderte ihre vollen Lippen. „Und – was war Ihr Motiv?“
„Ich wollte halt ein gutes Buch schreiben, über einen Banküberfall“, stammelte ich. „Über einen Banküberfall von zwei jungen Leuten – einen Franzosen und eine Ostfriesin, beide jung, ein Liebespaar, die kämpfen für eine bessere Welt … sowas halt.“
„So ein Schmarren“, mümmelte Nonnenmacher und Kastner fügte an: „Steinleitner, Sie verstricken sich in Widersprüche – erstens sind Sie mit Ihren einundvierzig Jahren nicht mehr so ganz jung und zweitens kein Franzos‘. Drittens war Ihr Komplize keine hübsche Frau, sondern ein Mann! Und schließlich ging es Ihnen ja wohl überhaupts nicht um eine bessere Welt, sondern nur um Geld.“ Er überlegte kurz. „Apropos: Wo ist das eigentlich?“ Diese Frage irritierte mich nun mehr als alles, was zuvor geschehen war. Welches Geld meinten die?
Eine halbe Stunde später saß ich in der Zelle der Polizeiinspektion am Milliardärssee und ordnete die Fakten: Ja, ich war an besagtem Samstag in der Bank gewesen. Aber nicht, um sie auszurauben, sondern um einen Kurzfilm zu meinem neuen Roman zu drehen. Anscheinend hatten direkt nach den Dreharbeiten echte Verbrecher die Bank überfallen. Und Nonnenmacher, Kastner und Anne Loop, diese nichtsnutzigen Polizisten, die ich selbst erfunden habe, behaupteten nun, ich hätte eine Million Euro erbeutet. Schön wär’s, kann ich da nur sagen. Aber eines schwöre ich: Sobald ich Schreibwerkzeug in der Zelle habe, schreibe ich den nächsten Anne-Loop-Band. Einen eiskalten Thriller – in dem Sepp Kastner und Kurt Nonnenmacher nach Preußen versetzt werden. Und Anne Loop wird eine Tofu-Weißwurst essen müssen. Oh ja, das wird sie.

Blick ins Buch
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Ein Fall für Anne Loop

Eine Bootsfahrt über den Alpensee – romantischer könnten sich Fiorella und Thorsten Franke ihre Flitterwochen kaum vorstellen. Doch beim Blick über die Reling trauen sie ihren Augen kaum: Ein lebloser Körper schwimmt geistergleich hinter dem Schiff her! Sieht so die weiß-blaue Urlaubsidylle aus? Für Anne Loop, die zuständige Polizistin, stellen sich noch ganz andere Fragen: Wer ist der Tote im Nadelstreifenanzug? Und besteht ein Zusammenhang mit dem hinterfotzigen Maibaum-Diebstahl, der die Seegemeinden gerade in Aufruhr versetzt?
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O'Zapft is

Dass eine Leiche in einem Nadelstreifenanzug hinter dem Linienboot eines bayerischen Bergsees hergezogen wird, ist kein Ding der Unmöglichkeit. Jedoch ist ein derartiger Vorgang aus mathematischer Sicht höchst unwahrscheinlich.
Unwahrscheinlicher sogar noch als jene schon fast märchenhaft anmutende Vorstellung, dass einmal eine Bayerin Bundeskanzlerin werden könnte.
Wahrscheinlicher aber, als dass eines Tages beim Starkbieranstich am Münchner Nockherberg alkoholfreies Starkbier ausgeschenkt werden wird. Eine derartige Katastrophe werden wir auch in tausend Jahren – also dann, wenn man aufgrund der sich anbahnenden chinesischen Dominanz auf der Welt Schweinsbraten mit Stäbchen wird essen müssen – nicht erleben.
Man kann daher festhalten, dass die statistische Wahrscheinlichkeit von Nadelstreifenleichen hinter Linienbooten auf bayerischen Bergseen in etwa zwischen jener des bayerischen Bundeskanzlertums und jener des alkoholfreien Starkbiers liegt. Dies könnte nun Wellnessgefühle in Ihrem Astralkörper auslösen. Aber halt – entspannen Sie sich nicht zu früh! Es ist gerade das Frivole am Freistaat Bayern, dass hier Dinge geschehen, die anderswo undenkbar wären (zum Beispiel auch, dass man ein Lebensmittel namens Leberkäs herstellt, das alles enthält, nur keine Leber und keinen Käse).
Es gibt für Sie daher überhaupt keinen Grund, sich Wellnessgefühlen hinzugeben: Die so schreckliche wie aus statistischer Sicht unwahrscheinliche Geschichte, um die es nun geht, ist Verbrechen für Verbrechen nämlich tatsächlich genau so passiert; und deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich Sie Ihnen mit der Präzision einer bayerischen Bierzapfanlage einschenke – pardon: erzähle. O’zapft is!


Eins
Mittwoch

Alles fing damit an, dass die frisch vermählte Fiorella Franke ihrem Mann Thorsten ein »Ich liebe dich, Thorsti« ins Ohr hauchte. Viele Menschen, insbesondere bayerische Männer, würden, spräche man sie als »Thorsti« an, unweigerlich die Nase rümpfen und sich für einen Selbstverteidigungskurs bei der Volkshochschule anmelden – aber gut: Dieser »Thorsti« Franke stammte aus Leipzig, und in dieser prachtvollemanzipierten Stadt, in der Richard Wagner das Licht der Welt erblickte und Johann Sebastian Bach das Zeitliche segnete, ist es wohl üblich, sich einander direkt nach der Hochzeit solcherlei Zärtlichkeiten zuzuflüstern. Zumal, wenn sie von temperamentvollen und tollkühn blondierten Florentinerinnen in die ostdeutsche Ohrmuschel geatmet werden. Thorsten Franke entfuhr auf das Liebeshauchen seiner Gattin hin ein leises, freudiges Kichern. Die bayerische Sommersonne aber schien trotz dieser anrührenden Leipziger Zärtlichkeit unverdrossen weiter, und zwar mit einer Energie, die gefühlt mittels Solartechnik mehrere Atomkraftwerke zu ersetzen in der Lage gewesen wäre. Hinter den beiden Turteltauben lag die Bootsanlegestelle der östlichen Seegemeinde T., vor ihnen die Große Rundfahrt über den See, welche als Nächstes in der südlichen Seegemeinde R. Station machen würde.
[Man entschuldige mir die Verschleierung der Tatortnamen; aber es handelt sich hier um den staubtrockenen Bericht zu einem wahren und dazu noch hochkomplexen Kriminalfall, in den mindestens zwei mafiaähnliche Organisationen – in Bayern nennt man sie »Trachtenvereine« – verwickelt sind. Die Verschleierung dient meinem und Ihrem Schutz, denn durch Ihr Weiterlesen machen Sie sich natürlich unweigerlich zu Komplizen, stehen mithin einbeinig im Gefängnis. Überlegen Sie es sich also gut, denn: Ein bayerischer Knast ist kein Whirlpool!]
Thorsten Franke wollte seiner vollbusigen italienischen Eroberung just eine Zärtlichkeit erwidern, da kreischte die Sechsundzwanzigjährige schrill auf. Sofort riss der Gatte – übrigens gewandet in ein klassisches, rotweiß kariertes Tischdeckenhemd, welches man drei Tage nach der Hochzeit in einem jener sogenannten Trachtenläden, die es an dem See zuhauf gab, erstanden hatte – den Kopf herum. Natürlich wacht ein frisch verheirateter Mann über das Glück seiner Braut wie der Bock über seine Rehe. Und man darf hier nichts beschönigen: Fiorella Frankes Schrei klang nach Angst, Gefahr und Tod. Nun lassen sich Leipziger in aller Regel von wenig, wenn nicht sogar von gar nichts umhauen. Doch was Thorsten Franke in diesem entscheidenden Moment erblickte, ließ auch ihm sofort das Blut in den Adern stocken: Mit einem Abstand von etwa vier Metern trieb hinter dem Linienboot, das wenige Minuten zuvor zur Großen Rundfahrt abgelegt hatte, ein menschlicher Körper. Dieser schwamm mit den Füßen voraus hinter dem Schiff her. Was war da los?
Als Thorsten Franke die Augen zusammenkniff, um genauer zu sehen, erkannte er, dass der leblose Körper von einem Strick gezogen wurde, welcher am Schiff befestigt sein musste. Der Anblick des Nadelstreifenanzugmannes hatte etwas Geisterhaftes und war genau das Gegenteil von dem, was man sich erhofft, wenn man nach der Vermählung seine Flitterwochen in einem bayerischen Naturparadies genießen will. Eine schöne Frau aus der Stadt Michelangelos möchte eine Woche nach ihrer Hochzeit keine Leiche im Wasser entdecken, nicht einmal, wenn sie einen Leipziger geheiratet hat. Als frisch verheiratete Frau träumt man von enthusiastischen Küssen in blühenden Bergwiesen, von händchenhaltenden Wanderungen vorbei an einsamen Almen, und von Begegnungen mit ehrlichen Landmenschen, die das Herz am rechten Fleck tragen und deren Gesichter graue Alm-Öhi-Bärte zieren, die bis zum Knie hängen.
Und jetzt das!
Sofort nachdem Fiorella Franke – geborene Bocca di Leone, was zu Deutsch »Löwenmäulchen« heißt, für den vorliegenden Fall aber höchstwahrscheinlich keinerlei Bedeutung hat – den Schrei ausgestoßen hatte, fiel die kleingewachsene Toskanerin in Ohnmacht, und Thorsten Franke begann, verliebt wie er war, mit einer intensiven Mund-zu-Mund-Beatmung. Doch auch die Mitpassagiere, welche sich zeitgleich im hinteren Teil des Boots aufgehalten hatten, blieben nicht untätig. Aufgescheuchten Hühnern gleich eilten sie herbei – neben den eher unauffälligen Einheimischen waren dies insbesondere ein Pärchen aus Massachusetts, eine Witwe aus Altötting mit ihrer pubertierenden Tochter, ein schwäbischer Fensterunternehmer namens Achleitner, vier Damen mit aufgepumpten Lippen, ein Tennistrainer aus Bochum mit Kondomen in der linken Tasche seiner weißen Tennishose und ein russischer Oligarch. Da Thorsten Franke bei seiner Mund-zu-Mund-Beatmung keinen Wechsel der Beatmungsperson akzeptierte, wandte sich die Aufmerksamkeit sogleich wieder der Ursache der Ohnmacht zu: dem leblosen Körper im Nadelstreifenanzug!
»Anhalte! Anhalte! Da isch einer über Bord gange«, rief sogleich der Schwabe Achleitner, der schon seit Monaten Stammgast am See war. Angeblich zwecks Burnout-Prophylaxe, tatsächlich aber war er auf Frauenjagd. Sein Ruf wurde von den anderen Mitreisenden aufgegriffen, und so dauerte es höchstens eine gute Minute, bis Kapitän Tom Strobl das Linienboot gestoppt hatte und nach achtern kam, um die Katastrophe zu begutachten.
»Ja, sauber«, brummte der Schiffer mit der den Bewohnern jenes paradiesischen Bergtals angeborenen, für alle Auswärtigen unerklärlichen Grantigkeit.
»Den müsset Se rausziehe«, forderte der Schwabe Achleitner gschaftelhuberisch, »vielleicht läbt är noch«, und riss den Kapitän ungeduldig am Hemd. Mit dem Satz »Was hier an Bord passiert, entscheide immer noch ich, du Gelbfüßler« und einer ruckartigen Bewegung seines muskulösen Oberkörpers befreite sich Tom Strobl von der schwäbischen Zecke. Der dicke Fensterunternehmer strauchelte, fiel und landete direkt neben dem Schoß des äußerst engagiert zu Werke gehenden Ersthelfers Thorsten Franke. Doch sofort war Achleitner wieder im Besitz seiner Orientierung und konstatierte trocken und mit Blick auf den schönen italienischen Kopf, an dem sich Frankes Lippen festgesaugt hatten: »Des isch jetzt fei koi Mund-zu-Mund-Beatmung mehr, sondern regelrechtes Geknutsche.«
»Wir sind frisch verheiratet, Sie Schwabe!«, lautete zutreffend die einzig mögliche Antwort, und sie verließ derart testosteronangereichert den Mund dieses »Thorsti«, dass der Fensterunternehmer sogleich verstummte. Brünftige Böcke und brünftige Männer sind in etwa gleich gefährlich.
Zum Glück für die junge Ehe verfehlte die Erste Hilfe ihre Wirkung nicht: Schon nach Minuten flüsterte Fiorella Franke mit zauberhaftem italienischem Akzent: »Thorsti, du küsst wie ein junger Gott.« Dabei lächelte sie ihren Retter verträumt an.
»Wir fahren jetzt weiter zum nächsten Halt und ziehen den dann raus. Da ist eh nichts mehr zu retten«, brummte Tom Strobl. Der Satz war mehr eine Handlungsanweisung an sich selbst als eine Unterrichtung der Passagiere. Er ging mit dem breiten Gang des Bergschiffers zurück zur Brücke, ließ das Linienboot wieder anfahren, und wenige Minuten später legte es beim Strandbad der Gemeinde R. an. Bereits auf der Fahrt dorthin hatte Strobl die in der westlichen Seegemeinde B. ansässige Polizeidienststelle verständigt. Deren Ermittlerteam, bestehend aus dem bärtigen Inspektionschef Kurt Nonnenmacher, dem jungen und in Frauendingen unerfahrenen Sepp Kastner und der für bayerische Verhältnisse viel zu schnell denkenden und handelnden Rheinländerin Anne Loop, hatte sich auch sofort auf den Weg gemacht – nachdem Kurt Nonnenmacher die obligatorische Dose Reis ausgelöffelt hatte, welche ihm seine fürsorgliche Gattin Helga jeden Morgen mitgab, um den nervösen Magen in Schach zu halten. Anne, deren Äußeres viele im Tal an eine gewisse Hollywood-Schauspielerin und Superfrau-Adoptivmutti erinnerte, hätte ihren Chef gerne zu höherem Tempo angestachelt, aber Kurt Nonnenmacher hatte nur geraunzt, dass der Strobl gesagt habe, dass die Leiche ohnehin tot sei und seine, also Nonnenmachers Magenproblematik in diesem Fall definitiv Vorrang genieße, auch wegen der Krankenkasse.
Als die Polizisten die Anlegestelle erreichten, war an der beliebtesten Uferpromenade des Millionärssees noch nicht viel los. Lediglich ein Sanitätsfahrzeug und ein gutes Dutzend staunender Schaulustiger standen am Anlegesteg. Mit großen, wenig filigranen Schritten pflügte sich Kurt Nonnenmacher einen Weg durch die aus Flipflop-Teenagern, Pradataschen-Tanten, Bequemschuh-Graujacken und Goldkettchen-Society-Ladys bestehende Herde. Anne und Sepp Kastner folgten ihm mit ernstem Blick und angehaltenem Atem, denn es stand eine mörderische Parfümmixtur in der Luft.
Der Mann im Nadelstreifenanzug ruhte bereits auf den Planken, der Sanitäter schüttelte mit den Worten »Der ist tot wie eine Weißwurscht um Mitternacht« den Kopf, und Nonnenmachers Blick fiel auf einen gut fünfzigjährigen, kurzhaarigen Mann mit Fotoapparat im Anschlag, in dessen linkem Mundwinkel ein Zigarillo qualmte. Nonnenmachers Gesichtszüge verfinsterten sich zu einem Ausdruck, aus dem die reine Mordlust sprach.
»Warum bist jetzt du bittschön vor uns da, Schellinski? Wie kann das sein? Ich hab dir schon hundertmal gesagt, dass der Polizeifunk nicht abgehört wird, zefix!«
»Zufall, Kurt, reiner Zufall, ehrlich«, fränkelte der Mann. Es handelte sich um den Reporter der ansässigen Lokalzeitung. »Ich wollt grad a baar Bassanten fragen, was die von denen neuen Uferstegen halten, da denk ich mir: Was siech ich denn da? Des ist doch a Leich! Und dazu noch im Nadelstreifenanzug! Da denk ich weiter und denk mir: Des ist doch a Mordsschtory für die Zeidung! Bloß deshalb bin ich da, Kurt …«
»Ja, ja … wer’s glaubt, wird selig«, schrie Nonnenmacher wütend. »Diesen Schmarren, von wegen dass du bloß zufällig hier vorbeigekommen bist, glaubt dir doch kein Mensch. Du hast den Polizeifunk abgehört, Brief und Siegel. Und jetzt schleich dich, Schellinski, oder ich lass dich wegen Störung polizeilicher Ermittlungen gemäß Paragraph hundertvierundsechzig StPO festnehmen!«
»Etzad geh, Kurt, ich du den Bolizeifungg wirklich net abhören, und desweideren mach ich doch bloß mein’ Job!«, jammerte der Lokalzeitungsreporter mit heiserer Stimme. Um seinen Kopf hatte sich eine Rauchwolke gebildet.
Nonnenmacher schüttelte den Schädel und murmelte zornig: »Polizei bieselt im Dunkeln« – das war nämlich die Schlagzeile gewesen, mit der Schellinger seinen Bericht über den letzten großen Fall im Tal garniert hatte; darüber hatte er ein Foto des im Wald urinierenden Polizeichefs gesetzt. Diese Hirschkuss-Geschichte war schon über ein Jahr her, aber noch immer sprachen die Leute Nonnenmacher auf seinen beeindruckenden medialen Auftritt als brunzender Ermittler an. Es war zum Evangelischwerden!
Während der Auseinandersetzung des Inspektionschefs mit dem freien Journalisten hatten sich Anne Loop und Sepp Kastner neben dem leblosen Körper niedergekniet. Die Sanitäter hatten sämtliche Wiederbelebungsversuche eingestellt, und der Linienbootskapitän Tom Strobl kämpfte mit den Tränen.
»Was ist passiert?«, fragte Anne den um Fassung ringenden Mann.
»Scheißdreck, der hing hinten am Boot!« Strobl schnäuzte in ein Papiertaschentuch. »Aber jetzt seh ich’s erst: Das ist der Gerry!«
»Gerry? Kennen Sie auch seinen Nachnamen?«, erkundigte sich Anne vorsichtig.
»Ja klar, der Adamo Gerry, also eigentlich Gerold Adamo. Mitglied in unserm Trachtenverein ›Die Wallberger‹.«
»Und wie kam Herr Adamo dahin, also ich meine, wie kann es sein, dass er da hinten am Schiff hängt?« Anne sah den Kapitän aufmerksam an. Er hatte blaue Augen und mochte Mitte dreißig sein.
»Keine Ahnung, der hing halt da. Am Strick, am Schiff … Ich hab den bloß rausgezogen und abgeschnitten. Der Strick hängt noch hinten dran. Ich hab damit nix zum tun.«
Anne warf einen Blick auf den Rest des Seils, das am rechten Fußgelenk des Toten festgebunden war. Es war ein normaler Strick, wie er von Bauern verwendet wurde, um Kälber vom Stall in den Viehanhänger zu führen.
Nun schob sich der russische Oligarch, der mit an Bord gewesen war, nach vorn. Sein Haar war ebenso schwarz wie sein Rollkragenpullover. Am Handgelenk erblickte Anne eine riesige Uhr eines Genfer Herstellers. Das war eines der Erkennungszeichen der Reichen und oft auch Schönen. Kastner wollte sich dem imposanten Mann schon in den Weg stellen, da ergriff jener das Wort: »Errr«, der Oligarch deutete auf Kapitän Tom Strobl, »hätte frrrüher müssen halten an. Errr nicht hat gehalten an, er gefahren weiter. Mann war da lange in Wasser, Captain hätte müssen retten.«
»Sie Russland?«, erkundigte sich Kastner. Er kannte den Akzent, weil der herrliche Bergsee in den vergangenen Jahren immer mehr zum Anziehungspunkt für russische Urlauber geworden war. Was Kastner auch logisch erschien: Warum sollte nicht auch der steppengewohnte Russe, der seinen Durst das ganze Jahr über mit Desinfektionsmittel – genannt Wodka – löschen musste, einmal eine Sehnsucht nach grünen Wiesen und einem vernünftigen Bier verspüren?
»Da«, antwortete der Fremde. Kastner wusste, dass das »Ja« heißen sollte und konnte gerade noch dem Impuls widerstehen, den Millionär zu verbessern. Der Mann wiederholte seine Anschuldigung gegen Strobl, und Anne und Kastner wandten sich wieder dem Kapitän zu.
Der spürte die Blicke und stammelte etwas hilflos: »Der war schon tot. Garantiert. Der hat keinen Zucker mehr gemacht, der Gerry. Wenn ich den früher rausgezogen hätt, dann wär er jetzt trotzdem tot.«

 

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