Interview mit Jörg Steinleitner
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Jörg Steinleitner im Interview

über seinen neuen Krimi »Blutige Beichte«

Donnerstag, 17. Mai 2018 von Piper Verlag


Ein Politikermord, eine Vergewaltigung und ein Einbruch. Und stets derselbe genetische Fingerabdruck am Tatort. Passt das zusammen?

Jörg Steinleitner arbeitete für seinen neuen Kriminalroman »Blutige Beichte« eng mit dem LKA Bayern zusammen und verwebt darin wahre Kriminalfälle. Im Interview spricht er über diese Fälle und erklärt, weshalb er den Polizeipräsidenten selbst ermitteln lässt.

Buchtrailer zu »Blutige Beichte«
Blick ins Buch
Blutige BeichteBlutige Beichte

Der LKA-Präsident ermittelt

Ein heißer Abend im Sommer. In einer Blutlache auf der Münchner Schillerstraße liegt eine Leiche. Gleich daneben die Tatwaffe: ein Dönermesser. LKA-Präsident Karl Zimmerschied ist beunruhigt – bei dem Toten handelt es um einen Vertrauten des Ministerpräsidenten! Kurz darauf kommt es zu weiteren Verbrechen, stets mit derselben DNA-Spur am Tatort. Doch die Taten passen nicht zusammen. Als im Beichtstuhl von Zimmerschieds Heimatdorf auch noch drei Handgranaten und ein Maschinengewehr auftauchen, wird dem LKA-Chef klar, dass dieser Fall gefährlich weite Kreise zieht ...

EINS | Dönermesser

Er blutete aus dem Hals wie ein frisch geschlachtetes Kalb. Dem Mann, dessen lebloser Körper auf dem Pflaster der Münchner Schillerstraße lag, war nicht mehr zu helfen. Der Mörder hatte ihn von hinten aufgeschlitzt. Mit erbarmungsloser Präzision hatte er die Klinge oberhalb des Kehlkopfs in die Haut getrieben, hatte eine Vene und eine Schlagader durchtrennt und die Luftröhre zerstört. Binnen Sekunden hatte sich eine mehr als quadratmetergroße Blutlache um den Kopf und Oberkörper des Toten gebildet. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Überraschung wider. Der Landtagsabgeordnete Roland Mai hatte mit seinem Tod nicht gerechnet. Nicht an diesem so späten wie sommerheißen Montagabend und nicht auf diese Weise.

Der Politiker war fünfundvierzig Jahre alt und galt als Vertrauter, wenn nicht sogar als Freund des Ministerpräsidenten; sofern man im Rahmen politischer Seilschaften überhaupt von Freundschaften sprechen konnte. Hatte der Mord also einen politischen Hintergrund? Darüber ließ sich zu diesem Zeitpunkt lediglich spekulieren. Eines aber war sicher: Dieser Tod würde zum Politikum werden.

Das Dönermesser, das dem Täter vermutlich zur Ausführung des Verbrechens gedient hatte, lag etwa zwei Meter weiter auf dem Gehsteig. Es wies eine abgerundete Spitze und einen schwarzen hölzernen Griff auf. Wie es schien, hatte der Mörder am Tatort sonst keine sichtbare Spur hinterlassen.

Roland Mais Ringen mit dem Tod war lebensverachtend kurz gewesen. Mit dem Unterbrechen des Blutdurchflusses in der Halsschlagader war sein Gehirn vom Sauerstoffnachschub abgekoppelt worden. Vermutlich hatte er innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verloren. Sein Herz hatte womöglich noch eine kurze Weile weitergeschlagen und mit geradezu lächerlicher Zuversicht Unmengen Blut durch die zerschnittene Schlagader ins Freie gepumpt. Es war seltsam: Je größer die Lache wurde, umso mehr erinnerte ihre Form an jene des nordamerikanischen Kontinents. Doch dort, wo auf der Weltkarte Mexiko in Guatemala überging, verloren sich die Ausläufer der roten Flüssigkeit in den Ritzen der sanierungsbedürftigen Gehwegplatten.

Hätte Karl Zimmerschied, seit einem halben Jahr Präsident des Bayerischen Landeskriminalamts, die Ausformung der Blutpfütze mit eigenen Augen gesehen, hätte er sie vielleicht als schlechtes Omen begriffen. Aber der Polizeipräsident war nicht am Tatort. Auch wenn es sich bei dem Mord an einem Politiker um ein spektakuläres Verbrechen handelte, war der Platz, an dem sich ein LKA-Präsident für gewöhnlich aufzuhalten hatte, ein Schreib- oder Besprechungstisch. Zimmerschied ahnte noch nichts davon, aber dies würde sich bereits in unmittelbarer Zukunft ändern.

Karl Zimmerschied war ein beliebter Präsident. Sogar Innenminister Alfred Werner, mit dem Zimmerschied alle paar Tage telefonierte, mochte ihn; er schätzte Zimmerschieds Loyalität, vor allem aber, dass er nicht ins Scheinwerferlicht strebte. Und auch bei seinen Mitarbeitern genoss er im Großen und Ganzen Beliebtheit. Zwar machte Zimmerschied klare Ansagen, jedoch stets in leisem Ton. Er führte mit Sinn für Gerechtigkeit und ohne je ins Kumpelhafte abzudriften. Er legte Wert auf ein vernünftiges Miteinander. Umso überraschter war der LKA-Präsident über den Zettel, der am Morgen nach der Bluttat, von der er noch nichts ahnte, an der Windschutzscheibe seines Dienstfahrzeugs klemmte.

 

ZWEI | Chanel N° 5

Zunächst hielt Karl Zimmerschied den Zettel unter dem Scheibenwischer auf der Fahrerseite für Werbung. Er hatte ihn bereits zusammengeknüllt, da kam ihm die Sache doch etwas komisch vor: Seine Garage war nachts geschlossen! Wie sollte da ein Reklameblatt an die Windschutzscheibe geraten? Das war gestern noch nicht da gewesen. Oder doch? Wer hier eine Werbung an Zimmerschieds Autoscheibe hängen wollte, musste die – zugegebenermaßen leichtsinnigerweise – unversperrte Tür öffnen und in fremdes Besitztum eindringen. Das war Hausfriedensbruch, das war unverfroren, das musste man sich auf dem Grundstück eines der mächtigsten Polizisten des Landes erst einmal trauen!

Oder war der Zettel vielleicht doch gestern bereits in München an sein Auto geheftet worden? Und er, Zimmerschied, hatte ihn nur nicht bemerkt, weil er in Gedanken woanders gewesen war? Er zog die Stirn so sehr in Falten, dass auch der Ansatz seiner schwarzen, lediglich dezent angegrauten Haare in Bewegung geriet. Nein, er war sich sicher, dass der Zettel am Vorabend noch nicht da gewesen war. Also hob er den Scheibenwischer seines sportlichen schwarzen BMW und zupfte mit seinen kräftigen Fingern – ein genetisches Vermächtnis vieler früherer Zimmerschieds, die allesamt Arbeiter, Bauern, Handwerker gewesen waren – das bereits zusammengeknüllte Papier, Format A5, wieder auseinander und las:

Fühl dich nicht zu sicher.

Was sollte das? Der Präsident kratzte sich am Bart; er trug ein Gewächs, das Hipster als »Henriquatre« bezeichneten. Zimmerschied nannte ihn »Rund-um-den-Mund-Bart«.

Fühl dich nicht zu sicher.

So ein Depp, dachte sich Zimmerschied, schüttelte den Kopf, zerknüllte den Ausdruck und warf ihn in die Kiste mit dem zum Anfeuern des Holzofens dienenden Altpapier. Nein, er hatte momentan wirklich andere Probleme, als über dämliche Zettel mit dämlichen Sprüchen zu räsonieren. Vermutlich hatte ihm ein Zeuge Jehovas oder irgendein anderer Glaubenskasper das alberne Blatt ans Auto geklemmt. Vermutlich handelte es sich um nichts weiter als ein Bibelzitat.

Schon waren Zimmerschieds Gedanken wieder ganz woanders. Ob er es wollte oder nicht, ihm kam der Anruf von gestern in den Sinn. Die Anruferin, die mysteriöserweise im Besitz seiner Bürodurchwahl war, hatte sich als Kate McMunny, stellvertretende Sicherheitsberaterin des US-Präsidenten, vorgestellt. Er hatte das Ganze für einen Scherz gehalten, vielleicht von einem Radiosender. Aber was, wenn das die echte Sicherheitsberaterin des echten amerikanischen Präsidenten gewesen war? McMunny hatte ihn mit der Organisation von dessen Staatsbesuch in Deutschland beauftragt und um strikte Geheimhaltung gebeten – nicht einmal der amerikanische Geheimdienst dürfe Bescheid wissen, und hundertfünfzigtausend Dollar hatte sie ihm für den Job geboten! Ihm als Beamtem und zusätzlich zu seinem Gehalt! Das war ein Batzen Geld. Allerdings war der Job auch so riskant wie brisant. Zimmerschied konnte das beurteilen: Das Sicherheitskonzept für den Staatsbesuch des letzten US-Präsidenten, damals auf Schloss Elmau, hatte auch er entwickelt. Aber was die Amerikaner jetzt wollten, ging weit darüber hinaus: Der neue US-Präsident verlangte, dass Zimmerschied nicht nur für seine Sicherheit sorgte, sondern sich zusätzlich noch einen Event ausdachte, der »greater« war als das berühmte Weißwurstessen in den bayerischen Bergen, dessen Fotos um die Welt gegangen waren. Was bildete sich der Kerl ein? Und dann die Sicherheitsbedenken: Diesen unberechenbaren Menschen zu schützen war genau genommen unmöglich. Seit seinem Amtsantritt hatte er sich mit seiner hemdsärmeligen Art zahllose Feinde gemacht. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Gegner des President of the United States of America, den viele schlicht »POTUS« nannten, reichten von militanten Feministinnen bis hin zu Leuten aus seinen eigenen Geheimdiensten. Da war bei einem Staatsbesuch auch in Deutschland mit einigem zu rechnen. Zwar war von der amerikanischen Regierung noch kein konkreter Termin bekannt gemacht worden, aber irgendwann absolvierte jeder neue POTUS einmal seinen Antrittsbesuch. Und für diesen Fall hatten bereits einige Gruppierungen De- monstrationen angekündigt. Zwar war hier von Gewalt noch keine Rede. Aber wer sagte denn, dass sich in der Masse der besonnenen Protestierer nicht auch der eine oder andere radikale Irrläufer verbarg, der versuchte, ein Attentat auf den umstrittenen Amerikaner für seine Zwecke zu nutzen? Schon ein beliebter US-Präsident war ein wunderbares Anschlagsziel, dieser Selfmade-Rüpel spielte allerdings, was sein Provokationspotenzial anging, in einer ganz eigenen Liga. Die geheimdienstlichen Erkenntnisse – Zimmerschied stand routinemäßig mit den zentralen Stellen in Austausch – deuteten auf Anschlagspläne aus allen möglichen Sektoren der Gesellschaft hin: Islamisten, Antifaschisten, Frauenrechtlerinnen, Schwule, Exil-Mexikaner, Araber, Exil-Amerikaner, Israelis, Palästinenser, Russen, Chinesen. Alles war vorstellbar. Hoffentlich kam der US-Präsident nicht nach Deutschland. Und hoffentlich war dieser Anruf ein Scherzanruf gewesen. Wenn nicht, hatte er sich womöglich äußerst undiplomatisch verhalten. Als Zimmerschied nämlich der Betrag von hundertfünfzigtausend Dollar zu Ohren gekommen war, hatte er aufgelegt. Natürlich konnte der Anruf mit diesem verrückten Wunsch nur ein Witz gewesen sein. Andererseits waren hundertfünfzigtausend ein Betrag, der auch ihn, den fünfundfünfzigjährigen Polizisten am Höhepunkt seiner Karriere, durchaus beeindruckte. Er hatte viel erlebt während seiner beruflichen Laufbahn, in die er eher unspektakulär als Verkehrspolizist gestartet war. Ampeldienst und so. Und jetzt gab es über ihm praktisch niemanden mehr, sah man einmal ab vom Innenminister, dem Ministerpräsidenten und dem lieben Gott. Es war sauerstoffarm und einsam in den präsidialen Höhen, in denen er sich neuerdings bewegte. Man hatte wenig Freunde, dafür aber viele Neider und Feinde. Man musste auf der Hut sein.

Doch dieses Auf-der-Hut-Sein war leichter gesagt als getan, wenn einem die Frau davongelaufen war: Roswitha Zimmerschied war vor drei Monaten von ihrer Bali-Reise nicht zurückgekehrt. Angeblich hatte sie sich in einen Alt-Hippie verliebt. Über Mittelsmänner in Indonesien – ein Polizeipräsident verfügte hier über andere Möglichkeiten als der durchschnittliche Ehemann – hatte Zimmerschied herausgefunden, dass seine Roswitha auf der Paradiesinsel ein bayerisches Oben-ohne- Café eröffnet hatte. Sah man einmal davon ab, dass sich Zimmerschied fragte, ob dies einer angemessenen Betätigung für die Gattin eines der ranghöchsten Polizisten der Bundesrepublik Deutschland entsprach, war diese Tatsache in zweierlei Hinsicht problematisch für ihn: Zum einen fehlte ihm seine Frau als Stütze im alltäglichen Kampf gegen das Verbrechen; immerhin blickte man auf eine jahrzehntelange glückliche Ehe zurück, und Roswitha war ihm stets eine Hilfe gewesen. Zum anderen fehlte sie ihm als Arbeitskraft auf dem Bauernhof, auf dem die Zimmerschieds bis vor Kurzem noch gemeinsam gelebt hatten und den der LKA-Präsident nun allein bewohnte. Zimmerschied betrieb das rund vierzig Kilometer südlich von München im beschaulichen Holzleute gelegene Gehöft im Nebenerwerb. Seit er Präsident war, vermehrten sich die beruflichen Verantwortungen jedoch auf rücksichtslose Weise. Zim-merschied war durchaus bereit, sich der Hektik, die das Amt mit sich brachte, bis zu einem bestimmten Grad auszusetzen, aber Huftieren wie Alice und Emma – so hießen seine Lieblingskühe – war es vollkommen egal, ob irgendwo ein Irrer mit einer Axt durch einen Zug rannte und Menschen tötete oder im Münchner Olympia-Einkaufszentrum um sich schoss; die Kühe wollten trotzdem versorgt sein. »Frau Rötli«, sagte Zimmerschied immer wieder zu seiner Sekretärin im Präsidentenbüro, »nicht vergessen: Ich bin nicht der Innenminister, sondern nur der Polizeipräsident. Ich mag das nicht, wenn Sie mir meine Termine so eng takten.«

Die gebürtige Schweizerin Elisabeth Rötli, die bis vor einem Jahr noch Sekretärin des seinerzeitigen Innenministers Hans Steinbeck gewesen war, pflegte hierauf zu erwidern: »Aber Herr Präsident, Sie sind doch ein Mann in den besten Jahren.« Rötli war sechzig Jahre alt, wobei sie wesentlich jünger wirkte. Und sie hatte Charme. Stets erschien sie im Kostüm zum Dienst. Ihre Lieblingsfarbe war ein abgetöntes Weiß, ihr Par- füm Chanel N°5. Sie rauchte nicht, sie trank nicht, außer ein Glas Prosecco beim monatlichen Kaffeekränzchen mit den anderen Damen des Frauenchors der Münchner Polizei.

»Aber ich bin kein Politiker«, antwortete Zimmerschied hierauf üblicherweise. »Bei mir kommt es auf die Qualität der Arbeit an und nicht darauf, wie oft mein Gesicht in der Zeitung oder im Fernsehen zu sehen ist.«

Herr Steinleitner, in Ihrem Krimi »Blutige Beichte« jagt der LKA-Chef und Polizeipräsident Karl Zimmerschied eine Phantomin, die mordend, einbrechend und vergewaltigend durch München zieht. Eines ihrer Opfer ist ein Landtagsabgeordneter, der mit einem Dönermesser auf offener Straße ermordet wird. Ein anderes Opfer ist eine Studentin, die vergewaltigt wird. Wie sind Sie auf diesen Plot gekommen?
Durch einen wahren Fall. Mein Buch ist ja in enger Zusammenarbeit mit dem echten Polizeipräsidenten und LKA-Chef Robert Heimberger entstanden. Bei meinen Recherchen bin ich dann auch auf den ›Wattestäbchenfall‹ gestoßen, der die Kripo deutschlandweit und über Jahre beschäftigt hat. Es handelte sich um eine Tatserie, deren Verbrechen von der Deliktsart überhaupt nicht zusammenpassten. Aber jedes Mal fand sich am Tatort dieselbe DNA-Spur. Dieser reale ›Wattestäbchenfall‹ hat mich so fasziniert, dass ich gesagt habe, daraus muss man einen Kriminalroman stricken.

Im echten ›Wattestäbchenfall‹ stellte sich heraus, dass die einzelnen Taten der Serie gar nicht von ein- und derselben Täterin begangen worden waren, sondern dass immer nur die DNA der Mitarbeiterin einer Firma für die Herstellung von Wattestäbchen an den Beweismitteln haften geblieben war. Dass also im Produktionsprozess ein Fehler passiert war. Wie ist das in »Blutige Beichte«?
Das kann ich Ihnen nicht verraten. Nur so viel: Bei mir ist die Lösung für das Rätsel, vor dem die Ermittler stehen, ein bisschen komplizierter. Aber Karl Zimmerschied findet die Lösung irgendwann – natürlich auch dank seines durchaus eigenwilligen Stils und der Mithilfe seiner DNA-Expertin Dr. Isabelle Augustin.

Ihr Krimi spielt vor allem in München. Allerdings lebt Polizeipräsident Karl Zimmerschied privat auf deinem Bauernhof auf dem Land. Und da steht eines Tages sein Freund, der Pfarrer vor der Tür und händigt ihm Handgranaten und ein Maschinengewehr aus, die ihm jemand in in einer IKEA-Tasche in den Beichtstuhl gestellt haben soll. Ehrlich gesagt, hört sich das ein klein wenig unglaubwürdig und konstruiert an.
Ha, von wegen! Vor einigen Jahren wurden die Sprengstoffexperten des Bayerischen Landeskriminalamts tatsächlich mal damit beauftragt, die Herkunft von Handgranaten und anderen Kriegswaffen, die in einem Beichtstuhl abgeladen worden waren, aufzuklären. Es kommt in der Realität immer wieder vor, dass irgendwo Kriegswaffen unbekannter Herkunft auftauchen. In »Blutige Beichte« führen diese Waffen Karl Zimmerschied zu einer ziemlich erschreckenden Tat.

Das Besondere an Ihrer Hauptperson ist, dass es sich nicht um einen normalen Kommissar handelt, sondern um ein ziemlich hohes Tier im Polizeidienst.
Ja, Karl Zimmerschied ist Polizeipräsident und damit einer der höchsten Polizisten Bayerns bzw. Deutschlands.

Wie kamen Sie auf die Idee, so jemanden zu Ermittler zu machen?
Durch den echten Polizeipräsidenten und LKA-Chef Robert Heimberger. Ich habe vor einigen Jahren eine Lesung im Schießkeller des Landeskriminalamts gemacht. Da habe ich eine Szene aus meinem Anne-Loop-Krimi »Aufgedirndlt« vorgelesen, in der ich mich über den Polizeipräsidenten von Oberbayern lustig mache. Nach der Lesung kam ein groß gewachsener Mann zu mir und sagte, dass ihm die Lesung gut gefallen habe, besonders die Szene, in der ich mich über den Polizeipräsidenten von Oberbayern lustig machte. Der Mann machte eine Pause. Dann sagte er: »Bis vor einem halben Jahr war ich nämlich der Polizeipräsident von Oberbayern. Jetzt leite ich das LKA.« Ich dachte dann, dass man mich gleich festnimmt. Dem war aber nicht so. Die Leute vom LKA haben sehr viel Humor.

Das überrascht, wo im LKA doch ziemlich krasse Fälle landen.
Das hat mich auch gewundert. Aber es ist wirklich so: Sowohl die Polizisten als auch die Wissenschaftler, die im LKA arbeiten, haben alle eine sehr menschliche und viele auch eine sehr humorvolle Seite. Die LKA-Vizepräsidentin Petra Sandles hat mir mal gesagt, dass man ohne Humor die schlimmen Eindrücke, die diese Arbeit mit sich bringt, wohl nicht so gut verarbeiten könnte. »Sie glauben ja nicht, in welche Abgründe des Menschenlebens wir von der Kriminalpolizei Einblick bekommen«, hat sie damals gesagt. Da ist man vermutlich froh, wenn es auch mal was zu lachen gibt.

»Überraschende Wendungen, wohldosierter Humor und das Wichtigste für einen Kriminalroman: sehr spannend!«


Robert Heimberger, Polizeipräsident über »Blutige Beichte«

Ist Ihr Krimi nun eher ernst oder eher witzig?
Ich hoffe beides. Die Fälle, die ich mir ausgedacht habe, sind ernst und eng mit der Realität verknüpft. Auch meine Charaktere sind von der Realität inspiriert. So gibt es beispielsweise einen blinden Ermittler. Auf die Idee bin ich gekommen, weil ich im LKA einen jungen Mitarbeiter kennengelernt habe, der blind ist. Andererseits gibt es in »Blutige Beichte« auch eine humoristische Ebene, bei der ich mit Mitteln der Satire und Übertreibung arbeite.

Zum Beispiel steht in »Blutige Beichte« der Besuch des amerikanischen Präsidenten an.
Ja, und Karl Zimmerschied muss das Sicherheitskonzept für ihn entwickeln – und sich außerdem einen Event ausdenken, der ›greater‹ ist als Obamas Weißwurstfrühstück damals auf Schloss Elmau. Die Passagen mit dem US-Präsidenten musste ich allerdings gar nicht so viel überzeichnen, weil ja schon das echte Vorbild in seinem Verhalten so vollkommen überzogen ist, dass man das gar nicht erfinden könnte.

Ein bisschen Liebe gibt es in »Blutige Beichte« auch.
Das stimmt. Und Eifersucht. Weil seine Frau sich nach Bali abgesetzt hat, verguckt sich der Polizeipräsident in eine wesentlich jüngere Mitarbeiterin: Dr. Isabelle Augustin ist die neue Leiterin des DNA-Labors im LKA und sie gefällt Karl Zimmerschied sehr gut. Vor allem, wenn sie ihre Blumensandalen trägt. Aber natürlich kann ein Polizeipräsident keine Affäre mit einer Mitarbeiterin anfangen.

Kann er nicht?
Na ja, da wollen wir jetzt nicht zu viel verraten. Karl Zimmerschied und Dr. Augustin finden einander jedenfalls attraktiv und trinken eines Nachts im Präsidentenbüro des LKA den Lieblingsdrink von Zimmerschied. Er mixt einen El Presidente. Das ist ein Rum haltiger Cocktail, den es wirklich gibt.

Zimmerschied mixt Drinks, er ist ein ehemaliger Boxer, und er führt neben seinem Job als LKA-Chef noch einen kleinen Bauernhof mit Hühnern, Schweinen und Kühen. Er ist ein Typ, der durchaus auf Frauen wirken könnte …
… klar könnte zwischen ihm und Dr. Augustin was laufen. Aber es darf halt nicht. Von Amts wegen. Aber was heißt das schon, wenn man so ein bisschen verknallt ist!

Das Hörbuch zu »Blutige Beichte« hat Hans Jürgen Stockerl gelesen. Kennen Sie den Schauspieler persönlich?
Ja, das ist ein toller Mensch, wir saßen eben erst nach der Blutige-Beichte-Premiere im Münchner Volkstheater zusammen, und ich bin sehr dankbar, dass er meinem Text seine Stimme leiht. Hans Jürgen Stockerl hat ja schon in vielen bekannten Serien mitgespielt, u.a. in »München 7«, »Café Meineid«  oder »Soko 5113« . Er passt mit seinem warmen Timbre und seiner Fähigkeit, gerade auch die süddeutsche Tonlage perfekt zu treffen, hervorragend zu meinem Kriminalroman. Das ist ein Glücksfall.

Wird es einen zweiten Band mit Karl Zimmerschied geben?
Logisch. Ich habe gerade heute die Seite 224 vom Rohmanuskript geschrieben. Alles deutete darauf hin, dass es der LKA-Chef auch in seinem zweiten Fall mit einem rätselhaften Gegenspieler zu tun bekommt. Und auch hier gibt es wieder die Verbindung zu einem wahren Fall.

Das Interview führte Bernhard Berkmann und erschien auf buchszene.de.

»Lockerer Stil, spannende Handlung, saftige Figuren und große Detailgenauigkeit – den neuesten Knaller von Jörg Steinleitner habe ich mit viel Freude verschlungen. Ein cooles Lesevergnügen!«


Jörg Maurer über »Blutige Beichte«

Jörg Steinleitner, geboren 1971 im Allgäu, studierte Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien. 2002 ließ er sich nach Stationen in Peking und Paris als Anwalt in München nieder. Er veröffentlichte mehrere Bücher – neben den bei Piper erschienenen Anne-Loop-Krimis auch das kulinarische Erlebnisbuch »Heimat auf dem Teller«, für das er eine Auszeichnung erhielt. Für das Online-Literatur- und Kulturmagazin Buchszene schreibt er die Kolumne »Steinleitners Woche«. Seine Lesungen inszeniert er als kriminalistisches Hörspiel-Kabarett. 2013 gründete der Autor den Stiftungsverein für Leben und Kultur e.V., mit dem er existenzielle und kulturelle Projekte fördert. Steinleitner teilt sein Leben am oberbayerischen Riegsee mit einer Frau, drei Kindern und ebenso vielen Wachteln.

Jörg Steinleitners Regionalkrimis um seine Ermittlerin Anne Loop
Anne Loop ermittelt wieder am Tegernsee

Jörg Steinleitners Anne-Loop-Krimis spielen im Tegernseer Tal. Nach »Tegernseer Seilschaften«, »Aufgedirndlt«, »Räuberdatschi« und »Hirschkuss« legt er mit »Maibock« den fünften Band vor. Im aktuellen »Trendguide Tegernseer Tal« gibt er ein Interview zu seinem Werk.

Herr Steinleitner, in Ihrem aktuellen Roman »Maibock« schwimmt die Leiche eines Bankers im Nadelstreifenanzug geistergleich hinter einem Tegernsee-Schiff her. Wie kommt man denn auf sowas?
Durch die Familie: Einer meiner Vorfahren war Kapitän einer Tegernsee-Schiffs. Und dass ein Banker auch mal nass wird, kommt nicht nur am Tegernsee vor. Ob dieser Todesfall aber wirklich mit Geld zu tun hat – oder nicht doch mit dem dreisten Maibaum-Diebstahl der Wallberger Trachtler – das verrate ich jetzt nicht.

Sie stellen in Ihrem amüsanten Krimi eine Verbindung zwischen Trachtenvereinen und der Mafia her.
Genau, denn beides sind ehrenwerte Gesellschaften mit ehernen, teils geheimen Regeln. Es ist gut für die Sicherheit im Tegernseer Tal, dass meine Bad Wiesseer Polizistin Anne Loop der hiesigen Trachtenmafia endlich mal auf den Zahl fühlt.

Neben Ihrer schriftstellerischen Arbeit sind Sie auch Rechtsanwalt. Beeinflusst das Ihr Schreiben?
Natürlich. Einem Anwalt offenbaren sich die finsteren Seiten der menschlichen Seele wesentlich schonungsloser.

Für jedes Ihrer Bücher entwerfen Sie eigens ein kriminalistisches Hörspiel-Kabarett mit Musik ...
Und das macht riesig Spaß. Gemeinsam mit der Schauspielerin Victoria Mayer spiele ich Szenen aus dem Buch. Mein Musiker Helmut Sinz komponiert dazu Musik und unterlegt unsere Lesung mit Geräuschen, die er mit teilweise selbst gebauten Instrumenten fabriziert. Im neuen Maibock-Programm spielen wir u.a. ein Wilderer-Lied und Victoria singt als Cowgirl einen Countrysong. Unsere Live-Auftritte sind ein Mordsspaß.

Liebe, Loop und Lederhose

Schriftsteller Jörg Steinleitner über seinen Roman »Tegernseer Seilschaften«, in dem eine junge Polizistin zwischen Finanzkrise und Milchkampf versucht herauszufinden, warum ein Bauer und ein Millionär am idyllischen Tegernsee den Tod fanden.
 

Herr Steinleitner, in Ihrem Krimi »Tegernseer Seilschaften« konfrontieren Sie uns mit zwei Leichen - einem erhängten Bauern und einem Milliardär in einem mit Milch gefüllten Schwimmbad. Muss man am Tegernsee jetzt um sein Leben fürchten?
Jörg Steinleitner: Ja klar - vor allem gilt dies aber natürlich für Landwirte und Milliardäre.

Was hat es denn mit dem Milchbad auf sich?
J.S.: Na ja, genau genommen ist es ein Blutmilchbad. Ich möchte jetzt nicht zuviel verraten, aber dass da ein Milliardär, dessen Weste nicht ganz rein ist, in einem am idyllischen Tegernsee hergestellten Naturprodukt ums Leben kommt, ist natürlich schon auch eine Warnung an alle Bonzen und Finanzhaie.
Gerade jetzt, wo die Bauern um etwas mehr Geld für ihre Milch kämpfen und viele Anleger sich von den Banken verprellt fühlen.

Ist »Tegernseer Seilschaften« also ein Politthriller?
J.S.: Nein, das nicht. Aber meine Tegernseer Stammtischbrüder haben schon auch etwas Robin-Hood-haftes. Ich mag Menschen, die etwas tun für die Gerechtigkeit, auch wenn diese drei Helden sich dann am Ende als doch nicht sogemeinnützig herausstellen, wie es anfangs den Anschein hat.

Aber insgesamt kommen die Tegernseer in Ihrem Krimi ganz gut weg.
J.S.: Wissen Sie, mir gefällt dieses Bauernschlaue, das viele Tegernseer-und überhaupt Alpenbewohner noch haben. Mit solchen Urinstinkten kann doch kein Städter aufwarten. Außerdem gefällt mir das zunächst Zurückhaltende, Misstrauische des Tegernseers, das oftmals gepaart ist mit einer sympathischehrlichen polternden Art.
Der Tegernseer ist, auch wenn er krumme Dingerdreht, eine Respektsperson, was natürlich auch an dieser Landschaft liegt, in derer leben darf. Solch eine Naturschönheit hinterlässt in der Seele selbstverständlich ihre Spuren.

Was bedeutet Ihnen die Region?
J.S.: Es ist quasi die Wiege meiner Familie. Meine Urgroßmutter ist in Tegernseegeboren, mein Großvater, wegen des frühen Tods meines Vaters meine wichtigste männliche Bezugsperson, kam in Holzkirchen auf die Welt. Obwohl er später ins Allgäu gezogen ist, hing er sehr an seiner Heimat und hat immer einen oberbayerischen Einschlag in seiner Sprache behalten.
Das sind meine persönlichen Bezüge. Aber natürlich liebe ich das Tegernseer Tal auch wegen seiner Landschaft. Die ist einzigartig. Es ist kein Zufall, dass Schriftsteller wie Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer sich hier niederließen - letzterer ist übrigens wie ich auch im Allgäu geboren, und dann am Tegernsee gelandet.

Ihre neue Ermittlerin Anne Loop ist eine Frau. Warum haben Sie nicht einen Kommissar in den Mittelpunkt gestellt?
J.S.: Weil mich Frauen einfach mehr interessieren als Männer. Dies jetzt nicht nur aus erotischen Gründen(lacht), sondern auch, weil ich finde, dass Frauen Probleme meist auf etwas geschmeidigere Art lösen. Wichtig war mir auch, dass meine Polizistin nicht so eine kauzigealte Schnepfe oder sonst irgendwie unglaubwürdige Person ist. Es gibt ja viele Krimis, in denen die Biographie des Ermittlers totalan den Haaren herbeigezogen ist.
Mich nervt es, wenn einer ein einfacher Kommissar sein soll, sich aber für Oper interessiert, Sushi-Experte ist und mit einer Millionärin zusammenlebt. Das glaubt doch kein Mensch! Meine Anne Loop ist Polizistin, sie ist sportlich, hat einen Freund, der an einer Doktorarbeit schreibt und eine Tochter, die in den Kindergarten geht.

Das einzige Besondere an ihr ist, dass sie super aussieht. Wie Angelina Jolie.
J.S.: Ja.

Und so verliebt sich auch gleich ihr neuer Tegernseer Arbeitskollege Sepp Kastner in sie.
J.S.: Genau, und leidet, weil Anne Loop ist ja eigentlich in festen Händen und an sich auch nicht seine Kragenweite. Aber der Sepp bleibt dran und tritt dabei von einem Fettnäpfchen ins nächste. Unglaublich, wie schweres ist, eine schöne Frau von sich zu überzeugen. Das merkt auch der Sepp.

Schafft er es am Ende?
J.S.: Das werde ich jetzt verraten!

Für Anne Loop sind die Ermittlungen in den zwei Todesfällen nicht nur schwierig,weil sie neu am Tegernsee ist und noch nicht so genau weiß, wie "der Tegernseer" tickt, sondern auch, weil sie sich als alleinerziehende Mutter immer wieder um ihre Tochter kümmern muss...
J.S.: Da geht es Anne Loop wie vielen anderen Frauen, die Arbeit und Kindererziehung allein hinbekommen müssen und dabei oft an ihre Grenzen stoßen. Dass solche Frauen Unglaubliches leisten,weiß ich, weil ich selbst drei Kinder habe. Diese muss ich zwar nicht allein erziehen, aber zu zweit ist das schon anstrengend genug.

Anne Loops Tochter wünscht sich ein Dirndl. Haben Ihre zwei Töchter auch eines?
J.S.: Aber logisch. Nur ich habe noch keine Lederhose. Aber ich hoffe, dass sich das bald ändert. Ein gestandenes Mannsbild braucht zweifelloseine Lederhose.

Herr Steinleitner, vielen Dank für das Gespräch.

Täter und Tatort bei Jörg Steinleitner

Bitte charakterisieren Sie Ihre Täter in »Räuberdatschi« kurz für uns.
JS: Im Mittelpunkt von „Räuberdatschi“ steht ein Banküberfall in einer kleinen Gemeinde an einem Alpensee. Die Täter sind jung, hervorragend ausgebildet, entstammender internationalen Aktivistenszene und haben null Ahnung davon, wie man erfolgreich eine Bank ausraubt. 
Deswegen ist der ganze Überfall auch keine ›gmahde Wiesn‹, also keine gemähte Wiese, wie man bei uns in Bayern sagt,sondern ein ziemliches Räuberchaos.

Was inspiriert Sie zu den Verbrechen in ihren Krimis um Kommissarin Anne Loop?
JS: Meistens ist es erst einmal nur ein Thema, das mich bewegt: Bei »Tegernseer Seilschaften« habe ich mich darüber geärgert, dass so viele Menschen von Finanzberatern übers Ohr gehauen wurden. Bei »Aufgedirndlt« ging es mir um die mitunter groteske Angst vor dem Fremden in Person des Scheichs von Ada Bhai. 
Anlass für die »Räuberdatschi«-Geschichte war mein Groll über die Schuldenkrise, die zeigt, dass unser Wirtschaftssystem so aufgebaut ist, dass Großbanken, Konzerne und Spekulanten, sich auf Kosten der Bürger bereichern. Bei alldem muss aber gesagt werden, dass ich Humorkrimis schreibe und diese globalen Themen lediglich die Kulisse für die Arbeit der Ermittler bilden.

Trotz globaler Themen: Was hat Bayern an Tatorten zu bieten?
JS: Eine ganze Menge. Bei uns in Bayern stehen spannende Tatorte einfach so in der Landschaft herum – Berge, Seen, Banken, da muss man nicht lange suchen.

Gilt das auch für die Täter in ihren Krimis?
JS: Ja, auch als Täter ist der Bayer an sich ein sehr dankbarer Typ: Er ist sehr geschickt. Er kann praktisch mit allem morden, was er findet. Manch einer sogar mit Worten.

Eine Frage an den Juristen Steinleitner: Gibt es den perfekten Mord?
JS: Kaum ein Mord bleibt unaufgeklärt. Das ist ein Verbrechen, das sich rein gar nicht lohnt. Besser ist es, man geht in die Politik oder Wirtschaft. Da lässt sich mit wenig Skrupeln noch viel erreichen.

Das THEO Magazin über Jörg Steinleitner

Der Schriftsteller Jörg Steinleitner hat sich gesucht und gefunden und ist angekommen: Bei den Katholiken und ihren Bräuchen in einem 300-Seelen-Dorf an der Zugspitze

 

SCHREIBKUNST
Das größte Unglück im Leben eines Schriftstellers ist der ausbleibende Erfolg, es gibt nur ein Unglück, das noch größer ist: ein zu früher Erfolg. Jörg Steinleitner (43) hat Glück gehabt, sein Durchbruch gelang erst, als er schon einige Jahre geübt hatte und sich neben seiner journalistischen Arbeit auf ein spezielles Genre besann: In seinen vor allem in Bayern beliebten Alpenkrimis verbeißt die alleinerziehende Kriminalkommissarin Anne Loop sich in schwierige Fälle vor grandioser Kulisse.
Nach »Tegernseer Seilschaften« (2010), »Aufgedirndelt« (2012), »Räuberdatschi« (2013) ist die Polizistin auch im aktuellen Krimi »Hirschkuss« ziemlich unterwegs. Mysteriöse Todesfälle bringen sie um den Schlaf, aber nicht um den Verstand.
Steinleitners Prosa ist leichte Kost, gewürzt mit sprachlichem Können, keinesfalls ist sie trivial: In seinen Texten spielt er gekonnt mit Klischees, die er selbst nicht ganz ernst nimmt. Das kommt besonders gut an in den kabarettartigen Lesungen, die er gemeinsam mit der Schauspielerin Victoria Mayer und dem Musiker Helmut Sinz inszeniert. Steinleitner liest, Mayer spielt die resolute Anne Loop, und Sinz lässt dazu ein Alphorn oder auch mal ein Akkordeon erklingen.
»Ich mache Komödie, will in erster Linie unterhalten, dann suche ich mir als Zweites ein gesellschaftspolitisches Hintergrundthema und lasse es vor einem kleinen bayerischen Welttheater spielen, etwas überzeichnet vielleicht.« So spricht der Autor.
Wie seine schreibenden Kollegen Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach ist auch Jörg Steinleitner Jurist, überhaupt fällt auf, dass unter Dichtern und Schriftstellern die Juristerei sehr prominent auftritt. Von Goethe ist es bekannt, aber wer weiß schon, dass auch Balzac, Grillparzer, Theodor Storm, Gottfried Keller, Jules Verne und Christian Morgenstern Recht studiert hatten? Der Schriftsteller und Richter Herbert Rosendorfer fand in den Achtzigerjahren folgende Antwort auf dieses Phänomen: »Die Jurisprudenz ist diejenige Wissenschaft, deren Gegenstand mit dem Gesetz das Wort, und zwar das lebendige Wort ist. Außer dem Schriftsteller weiß der Jurist am besten, wie wichtig ein Komma sein kann, das, falsch gesetzt, ein Gedicht verunstalten oder eine Gesetzesbestimmung unklar machen kann. Zudem kann die Jurisprudenz eine Eleganz des Denkens hervorbringen, die sie vor allen Wissenschaften auszeichnet und jene anziehen wird, die dabei sind, in Gedanken eine erfundene Welt zu erschaffen, also zu dichten, zu schreiben«.
Diese Erkenntnis wäre Jörg Steinleitner womöglich zu überkandidelt, dazu ist er zu bodenständig, seine ersten jugendlich motivierten Höhenflüge und Phantastereien hat er im Übrigen lange hinter sich. Sein erstes Buch mit dem etwas sperrigen Namen »205.293 Zeichen« entstand 1998, zusammen mit Matthias Edlinger, es landete, ganz dem Geist der Zeit entsprechend, im Bereich der Popliteratur und damit beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.
»Da haben wir was Zeitgenössisches geschrieben, das war eher so ’ne Schnapsidee, so kam ich zum Schreiben und dachte natürlich: Jetzt beginnt die ganz große Schriftstellerkarriere.«

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt, das hat ein anderer Schriftsteller gedichtet, dessen frühes berufliches Leben dem des Jörg Steinleitner gar nicht so unähnlich war: Erich Kästner arbeitete in seinen frühen Jahren ebenfalls als Journalist, widmete sich zudem lustvoll dem literarischen Kabarett.
Es kam also erstens anders: »Lange Jahre schrieb ich dann bei kleinen Verlagen,« resümiert Jörg Steinleitner. Er ließ sich als Anwalt in München nieder, schrieb den Krimi Der Fall August Stiller, der sich tatsächlich zugetragen und an dessen Aufklärung er selbst mitgearbeitet hatte.
Inzwischen ist er beruflich beim Piper-Verlag und privat mit Frau und drei Kindern in einem Dorf am Riegsee gelandet, einem Zwergenort mit 300 Einwohnern. Hier fand Steinleitner vor fünf Jahren sein »Bullerbü in Bayern, mit Wiesen, die direkt zum See führen und unverbaubarem Blick auf die Zugspitze.« In einem an das 150 Jahre alten Bauernhaus angrenzenden Gebäude hat er sich eine Schreibstube mit Ofen und Billy-Regalen behaglich eingerichtet – auf dem Schreibtisch wartet die Recherchegrundlage für seine Alpen-Krimis auf ihren Einsatz: das Rechtsmedizinlexikon.
»Da sind schreckliche Bilder drin«, Jörg Steinleitner wendet sich angewidert ab.
Das Landleben ist Jörg Steinleitner nicht fremd, er stammt aus dem Westallgäu, sein Vater war Lehrer; als der Junge vier war, ging die Familie für fünf Jahre nach Paris. Bei der Heimkehr war das Allgäu plötzlich ein anderes geworden – jedenfalls für einen Jungen, der nach Identität sucht: »Ich begann mich zurückzuziehen, las viel, wollte sein wie Kafka.« Er entscheid sich für ein Deutschstudium auf Lehramt, nach dem ersten Examen befielen ihn Zweifel, er bewarb sich um einen Studienplatz für Jura, bekam ihn in Augsburg. In Kaufbeuren, wo damals seine Freundin lebte, jobbte er als Radiomoderator, als Tennistrainer und als Bauarbeiter. Nebenher schrieb er skurrile Kurzgeschichten und Reiseerzählungen. »Ich hatte in meinem Leben zwei Wünsche: der eine, möglichst frei und unabhängig zu arbeiten, der andere, möglichst viel von der Welt zu sehen«.
Draußen fällt schwerer Sommerregen auf das Bullerbü-Land, die Zugspitze hat sich in dichten Nebel verkrochen, Jörg Steinleitner sagt:
»Ich habe schon seit drei oder vier Jahren kein Mandat mehr angenommen, ich war eh ein Feld,Waldund Wiesenanwalt. Die meiste Zeit verbringe ich jetzt mit Schreiben oder der Arbeit an meinen Hörspiel-Lesungen«.
Auch wenn der feuilletonistische Trommelwirbel bislang ausblieb, der Autor ist zufrieden mit dem Erreichten. Neben seinen Büchern macht er Interviews mit Literaten für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und schreibt eine Kolumne bei buchszene.de. Die Leute im Dorf haben ihn und seine Familie aufgenommen, und das ist keine Selbstverständlichkeit auf dem Land: »Bauern, Holzfäller, Jäger, die ihren Beruf mit Ehrlichkeit ausüben. Ich bin froh, hier gelandet zu sein, unter normalen Menschen.«

Hier ist der Sonntag noch Sonntag: man geht in die Kirche, vielleicht danach ins Wirtshaus, aber auf jeden Fall ist es der Tag der Familie.
Hier hat die Zeit selbst unter der Woche keine Eile, für einen Plausch am Gartenzaun unterbricht hier jeder im Dorf seine Arbeit, er sei der Einzige, sagt Steinleitner, der dabei schon mal hektisch auf die Uhr schaue.
Vieles, was Jörg Steinleitner schreibt, ist inspiriert von den Menschen um ihn herum, besonders trifft das zu auf ein Kochbuch, das er 2012 veröffentlichte und auf das er zurecht stolz ist: Heimat auf dem Teller versammelt schöne Bilder und ebensolche Texte zwischen den Buchdeckeln und wird den in der Region erzeugten Lebensmitteln in ihrem ureigenen Sinn gerecht. Zwölf Kapitel Sehnsuchtsthemen: Uralte Nutztierrassen tauchen auf aus dem Nebel des Vergessens, glückliche Schweine, vom Jäger erlegtes Wild, ein gerechter Fleischer, der mal Schäfer war, ein Schmied, der noch schmieden kann, und dazwischen Rezepte von Traditionsgerichten. »Da war ich mit Menschen unterwegs, von denen ich etwas lernen konnte«, sagt Jörg Steinleitner.
Der Autor, so scheint es, ist wie viel Schriftsteller auf der Suche nach dem Ursprünglichen, dem Wahrhaftigen, aber nicht jeder wird darüber gleich selbst zum Imker. Steinleitner schon.

Es war vor fünf Jahren, als er aus dem Münchener Glockenbachviertel hierherkam und feststellen musste, dass das Landleben den Menschen vollständig verändert: »Die Menschen hier sind ruhiger, zufriedener. Ich übe das gerade, es ist eine innere Entscheidung. Frühmorgens hat man das unglaubliche Zugspitzpanorama vor sich, da muss man ganz schön stark sein, um das auszuhalten.« Anfangs habe er Schwierigkeiten gehabt mit dem ›Nur-Natur‹, schließlich sei er ein Menschengucker.
»Aber wann man keine Menschen sieht, guckt man irgendwann in sich hinein, und da kann man ganz schön erschrecken.«
Ein Normaler unter Normalen, oder doch nicht so ganz? Der Kramladen im Dorf jedenfalls verkauft seine Bücher, und das gibt ihm einen Platz in der Dorfgemeinschaft, die Menschen kommen zu ihm, um sein Buch signieren zu lassen oder um seinen Fotokopierer zu nutzen. Im Dorf hilft jeder jedem, und wem die Menschen nicht helfen können, dem hilft Gott: Zweimal jährlich zieht das ganze Dorf betend los; ein Gelübde verlangt, dass die Prozessionen nach Eglfing oder nach nach Murnau zieht, und das seit 200 Jahren.

»Das ist gelebter Glaube, der Gemeinschaft stiftet, und der wird so auch unseren Kindern vermittelt,« sagt Steinleitner. Seinen Freunden, die nach Tibet reisen, um dort den Buddhismus zu finden rät er: »Kommt hierher, am Donnerstag machen wir den Bittgang vor einer majestätischen Kulisse. Dann braucht ihr nicht so weit zu fahren.«
Jörg Steinleitner bekennt sich zum Katholizismus, liebt die »schönen, alten Traditionen« und ist überzeugt, »dass in unserer Kultur und Religion alles vorhanden ist. Man muss bloß die Augen aufmachen.« Letztes Jahr hat er nach 18-jähriger Beziehung seine Freundin, eine Künstlerin, geheiratet – in der Kapelle oben auf dem Hügel: Freunde aus aller Welt kamen zu Besuch, vor allem aber das ganze Dorf: Dass drei Kinder an der Hochzeit der Eltern teilnahmen, hat nicht einmal den Pfarrer gestört, ein junger Mann aus dem Allgäu, der nicht fassen kann, wie viel Glauben er hier in Oberbayern noch vorfindet.

Morgens in der Frühe, bevor er anfängt zu schreiben, bestaunt Jörg Steinleitner das Gebirge hinter dem See. Und weil er Kommödien schreibt und weil nichts schwieriger ist, als die Lustigkeit herbeizuzwingen, muss er sich richtig anstrengen, um seine schrägen, abseitigen Geschichten aufs Papier zu bringen. In der Zukunft will Jörg Steinleitner noch vielseitiger werden, mehr Zeit fürs Schreiben gewinnen, und die Begründung ist ganz einfach: »Weil mir das Schreiben so viel Spaß macht«.

Mit freundlicher Genehmigung von www.theo-magazin.de

Reizwäsche im Bergwald - Jörg Steinleitner im Interview in der »Landlust«

Jörg Steinleitner über das Mörderische an Bayern, einen tödlichen Wellnessurlaub und Erotikspielzeug.


Herr Steinleitner, in Ihren humoristischen Kriminalromanenfeiern Sie Bayern und seine Menschen. Was ist so besondersan Bayern?
Wir hatten schon Ministerpräsidenten, die fanden, dass manmit zwei Maß Bier noch gut Auto fahren kann. Wir zuzeln die Weißwurst und bei wichtigen Feierlichkeiten springen wir solange auf Bierbänken herum, bis sie durchkrachen – das habeich just am Wochenende wieder auf einer Hochzeit erlebt. Ichwürde sagen, unsere Lebensfreude ist einzigartig und bisweilenmörderisch.

Apropos: In Ihrem Anne-Loop-Roman Hirschkuss verschwindeteine Bankerin aus dem Wellnessurlaub im Alpental.
Ja, ja, so etwas passiert ständig bei uns. Da bin ich hautnah ander Realität: Nach wie vor wird in unseren Wäldern gewildert.Aber ob es im Fall der Bankerin ein Wilderer war, kann ich jetztnatürlich nicht verraten. Es könnte auch dieser DüsseldorferHolzhai gewesen sein, der den Bergwald abholzen will und deraußerdem ein erotisches Geheimnis hat.

Was für ein erotisches Geheimnis?
(Steinleitner flüstert) Er versteckt in seinem Haus – es ist derehemalige Kanzler-Bungalow – eine sehr seltsame Spielzeugsammlung.Ich sage nur: Barbiepuppen und Reizwäsche …

Wie kommen Sie auf solche Einfälle?
Ich rede mit meinen Nachbarn. Eine der Mordmethoden, die in Hirschkuss vorkommen, haben mir drei Holzfäller bei der Brotzeitverraten. Ich hatte sie zu Recherchezwecken in den Hochwaldbegleitet. Zum Glück bin ich lebendig zurückgekehrt.

Der Hund Ihres Jägers heißt »Seehofer« – wie der bayerische Ministerpräsident.
Das ist natürlich reiner Zufall.
 

Mit herzlichem Dank an die »Landlust« und »Bücherlust«.

»Weißwurst-Alarm am Alpensee«

Ein Kurzkrimi von Jörg Steinleitner

Für alle Fans von Anne Loop hat Autor Jörg Steinleitner einen Kurzkrimi geschrieben, indem er selbst mitspielt.


Weißwurst-Alarm am Alpensee

Als ich das Klirren von Glas hörte, dachte ich zunächst, es sei ein Traum. Aber dann polterten mehrere Personen die Holztreppe unseres alten Bauernhauses hinauf. Zuvor hatten die Eindringlinge die Scheibe aus dem Holzrahmen der Eingangstür geschlagen. Sekunden später blendete mir eine grelle Taschenlampe ins Gesicht, das Schlafzimmerlicht ging an. Eine der drei Uniformierten, die nun vor mir standen, war eine Frau. Sie zielte mit einer Pistole auf mich. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ich fühlte mich schutzlos. Ausgerechnet heute trug ich den Pyjama mit dem albernen Ernie-und-Bert-Aufdruck. Für einen Moment dachte ich, die Frau könnte Angelina Jolie sein, aber das war ja nicht möglich: Ich war hier in meinem Hof am Alpensee, und Angelina Jolie vermutlich bei Brad Pitt in Hollywood. Ich warf einen Blick auf den Wecker: fünf Uhr. Draußen, vom Seeufer her, war das Geschnatter wilder Gänse zu hören.
„Hände hoch, aufstehen!“, rief nun der blonde Polizist. Auch er kam mir bekannt vor.
„Jetzt ist aber gut“, erwiderte ich. „Was soll das Theater?“
„Verdächtiger setzt sich zur Wehr“, sagte der bärtige Beamte in breitem Bayerisch. Er war größer als die beiden anderen und kritzelte mit seinen wurstigen Fingern etwas in ein Notizbuch.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Sofort rief die Polizistin: „Halt! Nicht bewegen!“ Und schon machte der Blonde drei Schritte, packte meinen rechten Arm, verdrehte ihn und in der Folge meinen Oberkörper so geschickt, dass ich Sekunden später auf dem Bauch lag, mein Gesicht in das Kopfkissen gedrückt, auf dem ich eben noch geschlafen hatte. Ich hörte es knacken, das war die Schulter. „So, Burschi“, presste mein Peiniger hervor, „jetzt wollen wir doch einmal sehen.“
„Sind Sie allein?“, fragte die schöne Polizistin.
„Ja, meine Frau ist mit den Kindern bei der Oma.“
„Notiere, Verdächtiger lügt“, sagte der Bärtige mit tiefer Stimme: „Behauptet Frau zu haben, ist aber nicht verheiratet.“ Ehe ich erklären konnte, dass ich zwar nicht verheiratet sei, aber eine Lebensgefährtin hätte, die ich der Einfachheit halber als meine Frau bezeichnete, weil sie die Mutter meiner Kinder war, intensivierte der Blonde seinen Polizeigriff. Ich ächzte.
In der Zwischenzeit hatte die Polizistin ein Foto herausgezogen und mit meinem Aussehen abgeglichen: „Er ist es.“ Sie nickte ihren beiden Kollegen zu. „Jetzt müssen wir nur noch das Geld finden.“
Mir wurde heiß. Was ging hier vor? Waren die verrückt geworden? Der Blonde riss mich hoch und schob mich aus dem Zimmer, dann die Treppe hinunter in die Küche. Dort drückte er mich auf meinen Stuhl an meinem Tisch und die Frau stellte sich vor: „Guten Tag, Herr Steinleitner, mein Name ist Anne Loop, Polizeihauptmeisterin. Das sind …“
„Ich weiß“, sagte ich resigniert, „Kurt Nonnenmacher und Sepp Kastner.“
„Sie kennen uns?“ Die Frage klang tatsächlich erstaunt.
„Wollen Sie mich verarschen?“, fragte ich. Schließlich hatte ich die drei erfunden!
„Beleidigt Vollzugsbeamte“, konstatierte Nonnenmacher und schrieb es natürlich gleich auf.
Dann trat ein weiterer Mann die Küche. Der Spurensicherer. In seiner rechten Hand hielt er ein silberfarbenes Gewebeklebeband. „Duct Tape“, sagte er. „Es ist identisch mit dem Band, mit dem der Bankchef geknebelt worden ist.
„Wo waren Sie gestern, also Samstagvormittag, Herr Steinleitner?“
„In der Bank“, sagte ich. Anne Loop nickte ihren Kollegen zu: „Immerhin versucht er nicht, uns irgendein schwachsinniges Alibi vorzugaukeln.“
„Sie wissen schon, dass Banken am Samstag geschlossen haben?“, klugscheißerte der Bärtige.
„Das, was wir da in der Bank gemacht haben, hätte unter der Woche den Geschäftsbetrieb gestört, wir haben nämlich …“
„Delinquent zeigt keinerlei Unrechtsbewusstsein“, bellte Nonnenmacher. Sein Stift machte ein Kratzgeräusch. Der Spurensicherer hatte kurz die Küche verlassen, betrat jetzt aber schon wieder den Raum, mit einer Pistole: „Tatwaffe gesichert, unter Biedermeierkommode an Haustür.“
„Das ist eine Spielzeugpistole!“ Meine Stimme überschlug sich. „Die gehört meinen Kindern!“
„Herr Steinleitner“, sagte Anne Loop mit einem mütterlichen Tonfall, den ich unverschämt fand, „Ihre Kinder sollten Sie jetzt nicht auch noch in die Sache hineinziehen. Ich bin selbst Mutter …“
„Ich kann das alles erklären“, setzte ich an, doch der saublöde Spurensicherer hielt schon wieder etwas hoch: „Eine Occupy-Maske. Vermutlich genau die, die man auf den Überwachungsvideos der Bank sehen kann! Also für mich ist die Sache eindeutig.“
Die drei Polizisten nickten. Waren die eigentlich komplett bescheuert?
„Also, Herr Steinleitner“, ergriff Anne Loop nun das Wort. „Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Sie brauchen sich nicht selbst zu belasten und Sie haben das Recht auf einen Anwalt …“
„Ich bin doch selbst Anwalt!“, rief ich hilflos. „Was bilden Sie sich eigentlich ein, bei mir in aller Herrgottsfrühe einzubrechen und hier einen auf Weißwurst-Alarm zu machen …“
„Jetzt einmal halblang, mein lieber Herr Gesangsverein. Du weißt doch ganz genau, warum wir hier sind“, herrschte Nonnenmacher mich an. Und schon stand wieder der idiotische Spurensicherer in seinem Ganzkörperkondom in der Küche. Dieses Mal hielt er in einer triumphierenden Weise, die mich ankotzte, ein Buch in den Händen. „Vabanque – Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte“, rief er. „Das ist die Gebrauchsanweisung für Banküberfälle schlechthin. Und das ist nicht alles! Unser lieber Herr Steinleitner hat eine ganze Bibliothek an Fachliteratur: ‚Bankraub und Sicherungstechnik‘, ‚Bankraub aus Sicht der Täter‘, ‚Phänomenologie des Bankraubs‘ … Sogar Doktorarbeiten zur Erfolgsstatistik von Bankrauben hat der feine Herr!“
Ich schüttelte den Kopf. War ich verrückt geworden? Waren die verrückt?
„Sie leugnen?“, entfuhr es Kastner. „Verstrickt sich in Widersprüche: Gibt zu, zu Tatzeit an Tatort gewesen zu sein, leugnet aber Beschäftigung mit Bankraubthematik. Steinleitner, Sie reden sich um Kopf und Kragen!“
„Sie lassen mich ja gar nicht reden“, stöhnte ich. „Ich habe doch nur mit meinem Freund, dem Christian …“
„Sehr gut, sehr gut“, freute sich Kastner jetzt vollkommen lächerlich. „Nennt Komplizen – und wie heißt dieser Christian mit Nachnamen?“
„Ach, ich sage jetzt gar nichts mehr.“
„Verweigert Aussage“, brummelte Nonnenmacher. „Aber das kann uns jetzt auch wurscht sein, die Beweise sind erdrückend, oder?“ Er suchte Anne Loops Blick. „Ich denke, wir können den Haftbefehl beantragen.“
Als wäre ich ein anderer, hörte ich mich loslachen. Doch sofort riss ich mich zusammen: „Wie kommen Sie denn auf mich? Ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.“
„Herr Steinleitner, Sie als Anwalt sollten wissen, dass Sie uns nichts vormachen können.“ Anne Loop sah mich ernst an. „Natürlich haben wir eine ganze Menge Daten über sie. Sie sind seit Ihrer Jugend polizeibekannt.“ Sie zögerte. „Und da war es natürlich ungeschickt von Ihnen, dass Sie, bevor Sie einen Banküberfall planten, ausgerechnet in der Pressestelle der Kripo anriefen.“
Kastner ergänzte: „Natürlich hat uns der Kollege Waldinger gleich informiert, dass da einer angerufen hat und wissen wollte, ob sich ein Banküberfall in Bayern lohnt. Wie viel da im Schnitt erbeutet wird und so.“
„Aber das wollte ich doch alles nur theoretisch wissen“, brachte ich hervor, „praktisch interessiert mich das überhaupt nicht. Das war Recherche …“
„Herr Steinleitner …“, schaltete sich Anne Loop wieder mit diesem mütterlichen Tonfall ein.
„Wir wirken in unserer bayerischen Art vielleicht manchmal etwas hölzern, mitunter sogar lustig …“, sagte Kastner.
Ich unterbrach ihn wütend: „Mein lieber Kastner“, schrie ich, „ohne mich gäbe es Sie gar nicht!“
„Das müssen Sie unbedingt notieren, das ist für den Psychologen wichtig“, forderte Anne Loop Nonnenmacher hastig auf, und diktierte: „Täter halluziniert, überschätzt sich maßlos selbst, hat Allmachtsphantasien.“
Nonnenmacher nickte: „Täter hält sich für Sepp Kastners Vater.“ Völlig blöde lachte er in seinen Bart und meinte dann: „Wobei, vielleicht sollten wir das Psychologische lieber unter den Tisch fallen lassen, weil das könnte sich strafmildernd auswirken.“
Ich schluckte. Damals, als ich den ersten Band der Krimiserie um die alleinerziehende Polizistin Anne Loop schrieb, hatte ich mir eingebildet, das könnte lustig sein: ein bärbeißiger Urbayer mit Magenproblemen, eine Hollywoodschönheit aus dem Rheinland und ein nervöser Hektiker, der in sie verliebt ist, lösen Kriminalfälle. Jetzt gerade ärgerte ich mich, diese Idiotentruppe erfunden zu haben. Aber nicht lange, denn da stand schon wieder der Spurensicherer im Raum. Dieses Mal mit meinem Laptop.
„So“, sagte er in einem Tonfall, dass ich ihm am liebsten einen Magenschwinger verpasst hätte, „dann hätten wir das auch. Auf dem Computer sind Fotos der Bank. Außerdem Infos über ihre Geschichte. Wir haben auch die Anfragen, die er in der letzten Zeit in Suchmaschinen eingegeben hat, gecheckt: Er hat sich wirklich akribisch mit dem Tatobjekt auseinandergesetzt.“
„Ja, das habe ich“, sagte ich trotzig. „Das gehört zu meinem Beruf.“
„Ein schöner Beruf!“ Nonnenmacher gab mir mit seinen Wurstfingerpranken einen groben Schubs.
„Herr Steinleitner, Sie sind doch ein intelligenter Mensch“, wandte sich nun Anne Loop eindringlich an mich. „Bankräuber ist doch nun wirklich kein Beruf. Und warum denn auch? Ich meine, Sie sind Anwalt, Sie haben Kinder, Familie …“ Sie blickte sich um. „Sie haben doch alles, was Sie zum Leben brauchen?“ Sie zögerte. „Oder verbergen sich da dunkle Wünsche in den Tiefen Ihrer Seele, Obsessionen, die Sie sich mit dieser Tat zu erfüllen gedachten?“ Ich starrte sie entgeistert an.
„Haben Sie vielleicht ein geheimes Gschpusi? Gehen‘S in den Puff? Spielen Sie?“, fragte jetzt Nonnenmacher mit einer öligen Freundlichkeit, die mir widerwärtig war.
„Nehmen Sie Drogen?“, setzte Kastner die Inquisition fort. „Kokain, Amphetamin, Crystal Meth?“
„Wissen Sie“, sagte Anne Loop, „wir haben alles, was wir brauchen, um Sie für Jahre hinter Gitter zu bringen. Auf den Mitschnitten der Überwachungskameras kann man Sie wirklich gut erkennen. Warum haben Sie eigentlich die Occupy-Maske immer wieder ausgezogen? Ungeschickter kann man es wirklich nicht angehen!“ Sie dachte kurz nach, ich bewunderte ihre vollen Lippen. „Und – was war Ihr Motiv?“
„Ich wollte halt ein gutes Buch schreiben, über einen Banküberfall“, stammelte ich. „Über einen Banküberfall von zwei jungen Leuten – einen Franzosen und eine Ostfriesin, beide jung, ein Liebespaar, die kämpfen für eine bessere Welt … sowas halt.“
„So ein Schmarren“, mümmelte Nonnenmacher und Kastner fügte an: „Steinleitner, Sie verstricken sich in Widersprüche – erstens sind Sie mit Ihren einundvierzig Jahren nicht mehr so ganz jung und zweitens kein Franzos‘. Drittens war Ihr Komplize keine hübsche Frau, sondern ein Mann! Und schließlich ging es Ihnen ja wohl überhaupts nicht um eine bessere Welt, sondern nur um Geld.“ Er überlegte kurz. „Apropos: Wo ist das eigentlich?“ Diese Frage irritierte mich nun mehr als alles, was zuvor geschehen war. Welches Geld meinten die?
Eine halbe Stunde später saß ich in der Zelle der Polizeiinspektion am Milliardärssee und ordnete die Fakten: Ja, ich war an besagtem Samstag in der Bank gewesen. Aber nicht, um sie auszurauben, sondern um einen Kurzfilm zu meinem neuen Roman zu drehen. Anscheinend hatten direkt nach den Dreharbeiten echte Verbrecher die Bank überfallen. Und Nonnenmacher, Kastner und Anne Loop, diese nichtsnutzigen Polizisten, die ich selbst erfunden habe, behaupteten nun, ich hätte eine Million Euro erbeutet. Schön wär’s, kann ich da nur sagen. Aber eines schwöre ich: Sobald ich Schreibwerkzeug in der Zelle habe, schreibe ich den nächsten Anne-Loop-Band. Einen eiskalten Thriller – in dem Sepp Kastner und Kurt Nonnenmacher nach Preußen versetzt werden. Und Anne Loop wird eine Tofu-Weißwurst essen müssen. Oh ja, das wird sie.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.