Interview mit Ben Peek
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Mittwoch, 09. April 2014 von


Interview mit Ben Peek

Ben, erst mal vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Kannst du uns ein wenig über dich und deinen Werdegang zum Schriftsteller erzählen?

Hey, kein Problem, das mache ich doch gern. 

Ich lebe mit meiner Partnerin, der Fotografin Nikilyn Nevins, in Australien, genauer gesagt in Sydney. Wir haben eine Katze und jede Menge Bücher. Da sich die Katze jeglicher Ordnung widersetzt, versuchen wir wenigstens unseren Bücherregalen ab und zu eine, wenn auch ungewöhnliche, Neuordnung zu verpassen. Zurzeit richten wir die Bücher nach dem Geburtsdatum der Autoren aus, was gelegentlich dazu führt, dass ich die entsprechenden Leute per E-Mail mit der höflichen, aber ein wenig aufdringlichen Frage nach ihrem Geburtstag belästigen muss. 

Schriftsteller wurde ich wohl aufgrund meiner absoluten Unfähigkeit, es für längere Zeit in einem anderen Job auszuhalten. Ich war mal Filmvorführer, dachte eine Weile daran, die akademische Laufbahn einzuschlagen (ich besitze einen Doktortitel), und habe sporadisch als Lehrer gearbeitet. Aber das waren alles Dinge, die ich neben dem Schreiben machte. Meine erste Liebe galt immer der Literatur, und sie war stets ein Teil von mir, egal, wo ich mich gerade befand. 

Ein Freund sagte mir kürzlich, ich hätte nicht gerade den einfachsten Weg zum Schriftsteller gewählt, und das stimmt schon, denn es gab viele Höhen und Tiefen. Vor ein paar Jahren war ich nahe daran, alles hinzuschmeißen, aber ich schaffte es immer wieder, zu meiner großen Liebe zurückzufinden und mich an ihr festzuhalten. Machen wir es kurz. Man kann letztlich noch so schöne Reden über Talent, Erfahrung, Kunst oder sonst was in Bezug auf die Schriftstellerei und den Werdegang eines Schriftstellers schwingen — wenn diese Liebe fehlt, dann hat man schon verloren.

Der erste Band deiner Trilogie Immolation erscheint in Kürze unter dem Titel Verflucht („Ära der Götter“ Band 1) in Deutschland. Wovon handelt der Roman?

Verflucht ist in einer Welt ohne Götter angesiedelt. Nur ihre Leichen liegen noch überall auf dem Planeten verstreut. 

Jahrtausende zuvor hatten sie sich eine verheerende Schlacht ge-liefert, die schreckliche Folgen für alle Sterblichen hatte. Einmal zerschellte dabei die Sonne, und die Welt blieb eine Woche lang in Dunkel getaucht, was zu Hungersnöten und Tod führte. Und ein anderes Mal stürzte ein riesenhafter Gott sterbend ins Meer, sodass sein Blut das Wasser vergiftete und schwarz färbte. 

Die Sterblichen aber lebten weiter und passten sich an. Die Leichen der Götter wurden zu einem Teil der Landschaft, und die Menschen kamen irgendwie auch ohne höchste Wesen zurecht. Es gab allerdings Männer und Frauen, die sich als Götter ausgaben, solche, die daran glaubten, sich eines Tages in Götter zu verwandeln, und diejenigen, die Angst davor hatten, die Götter könnten zurückkehren. 

Der wichtigste Schauplatz von Verflucht, dem ersten Band der „Ära der Götter“-Trilogie, ist die Stadt Mireea, die auf den Bergen von Ger errichtet wurde. Diese Berge sind nichts anderes als ein gigantisches Hügelgrab über dem Leichnam des Gottes Ger, der einst über die Elemente herrschte. Mireea entstand, als das Goldfieber Scharen von Glücksrittern in die Gegend trieb, und entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer der blühendsten Handelsstädte des Planeten. Nun jedoch wird sie von einer Invasion aus Leera bedroht, einer Nation unter der Führung von Priestern, die erneut einen Gottesstaat errichten wollen. Natürlich wehrt sich Lady Wagan, die Herrscherin von Mireea, mit allen Mitteln gegen diese Übernahme. Sie hat Söldner angeheuert, die Bewohner der Stadt bewaffnet und ihren Kämpfern die Vollmacht erteilt, alles Nötige in die Wege zu leiten. Und das ist, wie der Leser bald erkennen wird, ein echtes Problem für die Leeraner. 

Die Schicksale dreier Personen verflechten sich in Verflucht („Ära der Götter“) zu einem Erzählstrang. Die junge Ayae erlernt das Handwerk einer Kartografin. Zaifyr ist ein Fremder, der allein in die Stadt kommt und gegen seinen Willen in die politischen Machtkämpfe hineingezogen wird. Und Bueralan steht an der Spitze einer Gruppe von Saboteuren, die angeheuert wurden, um den Vormarsch des Leeraner-Heeres, wenn möglich, zu verlangsamen. 

Verflucht („Ära der Götter“) ist dein erster „klassischer“ Fantasy-Roman. Wie bist du nach all den anderen Projekten, die du gemacht hast, zum Fantasy-Genre gekommen?

Ich bin mit Fantasy aufgewachsen und dem Genre gilt in mancher Hinsicht meine erste und ursprüngliche Leidenschaft. Das aller¬erste Buch, das ich von meinem eigenen Geld kaufte, war der Auftakt der Chronik der Drachenlanze von Margaret Weis und Tracey Hickman. Ich besitze das zerfledderte Paperback-Exemplar immer noch. Mein äl-tester Freund (wir kennen uns seit der ersten Klasse) erstand den zweiten Band der Serie, weshalb ich jahrelang nur den ersten und den dritten Band hatte. Irgendwann schenkte er mir seinen zweiten Band, und auch den hüte ich bis heute. 

Mit Anfang zwanzig entfernte ich mich dann von der klassischen Fantasy. Das passierte ganz einfach, ohne besonderen Grund. Ich entdeckte andere Autoren, andere Genres, und auch die Sachen, die ich selbst schrieb, tendierten in andere Richtungen. Ich befasste mich beispielsweise mit politischen Fragen und experimentellen Arbeiten, wie Black Sheep und Twentysix Lies / One Truth zeigen. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, ich hätte die Fantasy völlig links liegen lassen. Lange Zeit versuchte ich mich an einer Reihe von Kurzgeschichten in der Manier von Fritz Leibers Fafhrd und der Graue Mausling, deren Helden Allandros und Balor hießen. Ich verkaufte vielleicht ein halbes Dutzend, und wenn man bedenkt, wie viel Zeit ich investierte, war der Gewinn eher marginal. Ich fürchte, dass bestenfalls eine Handvoll Leute die Sachen wirklich lasen. 

Aber mein erstes klassisches Fantasy-Werk war tatsächlich Verflucht („Ära der Götter“). Davor schrieb ich Beneath the Red Sun, einen Roman, dem ich im Grunde viel verdanke, weil er mich um ein Haar dazu gebracht hätte, die Schriftstellerei ganz aufzugeben. Ich hatte ihn noch in der Zeit vor der Weltwirtschaftskrise verfasst und auch einen Verlag gefunden, der Interesse zeigte. Aber dann wurde das Manuskript irgendwie nie gelesen und ich verließ meine Literaturagentur, da die Zusammenarbeit nicht so recht klappte. Etwa zur gleichen Zeit machte sich die Weltwirtschaftskrise bemerkbar. Alles geriet ins Stocken und es dauerte eine Weile, bis ich einen anderen interessierten Verlag gefunden hatte und ein neues Angebot bekam. Doch auch diesmal scheiterte die Sache, noch bevor der Vertrag unterzeichnet war. Zu dieser Zeit hatte ich keine Agentur, fand aber kurz darauf wieder eine Agentin. Als die Zusammenarbeit jedoch nicht recht Früchte trug, reagierte sie nach einer Weile weder auf meine E-Mails noch auf meine Anrufe. Schließlich kündigte sie den Vertrag mit ein paar höflichen, nichtssagenden Textbausteinen und ich stand sozusagen auf der Straße.

Es war, salopp gesagt, eine echte Scheißzeit und ich sah mich ge-zwungen, einen Schritt zurück zu tun und allen Ernstes zu überlegen, ob und wie es nun weitergehen sollte. 

Damals kamen mir all die Bücher in den Sinn, die ich als Kind ge-lesen und geliebt hatte und die mich bewogen hatten, Schriftsteller zu werden. Ich begann, nach diesem Fantasy-Roman zu suchen, den ich mit sechzehn geschrieben hatte, aber das Laufwerk, auf dem ich ihn gespeichert hatte, gab es längst nicht mehr und der Papierausdruck war ebenfalls verschwunden. Mein Dasein als Schriftsteller geriet total ins Wanken, es schien mir nicht gut zu tun. Ich verkroch mich immer mehr und zermarterte mir den Kopf, was ich eigentlich wollte. Etwa um diese Zeit heiratete eine Freundin von mir oben in Darwin und ich flog hin, um an der Feier teilzunehmen. Darwin ist eine kleine Stadt mit vielen Vororten, in der man ewig braucht, um an sein Ziel zu kommen, aber das ist okay, denn die Tropenhitze, die hier herrscht, macht ohnehin ziemlich träge. Eines Tages, als ich mit meiner Bekannten wegen irgendwelcher Hochzeitsvorbereitungen durch die Gegend fuhr und meinen Wachträumen nachhing, zogen an meinem geistigen Auge unsterbliche Götter vorbei, die sich in jahrhundertelangen Fehden wilde Schlachten lieferten. Und ich dachte an meine Bücher und beschloss, dem Schreiben eine letzte Chance zu geben. 

Als ich nach Sydney zurückkehrte, fand ich die Idee immer noch gut. Ein Fantasy-Roman, der all die Geschichten aufgriff, die ich als Kind geliebt hatte, und all die Themen hinzufügte, die ich als Erwachsener lieben gelernt hatte ... Und am Ende hatte ich einen neuen Agenten, ein neues Verlagsangebot, schrieb Fantasy und war als Autor so glücklich wie nie zuvor. 

Du hattest bestimmt mit einer einfacheren Antwort gerechnet, nicht wahr?

Wie gehst du beim Schreiben deiner Romane vor? Steht die gesamte Serie im Entwurf bereits fest, oder lässt du dir Spielraum für neue Entwicklungen hinsichtlich Plot und Figuren?

Ich weiß in etwa, wie die Geschichte endet. Ich kenne die Schluss-Szene des Buches, aber die Gesichter in dieser Szene ändern sich von Zeit zu Zeit. 

Mit festen Plänen habe ich es nicht so. Ich skizziere die Grundzüge und lasse dann der Entwicklung des Plots freien Lauf. Das hat vor allem damit zu tun, dass ich meine Texte ständig umforme. Ich kann eine Szene fünf- bis sechsmal ändern und zu guter Letzt den ganzen Roman neu schreiben. Das ist am Anfang besonders schlimm und lässt erst gegen Ende nach, wenn alle Weichen bereits gestellt sind. Aber ja, ich verbessere viel und höre erst auf damit, wenn ich es regelrecht nicht mehr sehen kann.
Was mein Tagespensum betrifft, so korrigiere ich meist vormittags die Sachen vom Vortag — immer vorausgesetzt, dass ich unterrichtsfrei habe. Am Nachmittag mache ich dann mit dem neuen Text weiter. Wenn ich pro Tag etwa tausend Wörter schaffe, bin ich einigermaßen zufrieden mit mir.  

Wie steht es um die Fantasy- und SF-Fangemeinde in Australien? Ist sie ebenso groß wie in Europa oder den USA? Hast du Kontakt zu anderen Fantasy-Autoren?

Australien ist in Wahrheit ziemlich klein. Jonathan Strahan beschrieb es einmal als einen Anruf lang und einen Anruf breit, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. 

Ich kenne zwar den einen oder anderen Autor, aber die meiste Zeit lebe ich eher zurückgezogen. Eine Ausnahme ist Rjurik Davidson, zu dem ich seit Jahren Kontakt pflege. 

Gibt es bereits Pläne, die Bücher zu verfilmen oder als TV-Serie herauszubringen?

Nein. 
Ich meine, wenn es dazu kommen sollte, warum nicht, aber darum ging es mir nie. Wenn es mein Wunsch gewesen wäre, aus dem Stoff einen Film oder eine TV-Serie zu machen, hätte ich gleich ein Drehbuch geschrieben.
 
Was ist dein nächstes Projekt?

Nun, derzeit schreibe ich den zweiten und anschließend wohl den dritten Band der „Ära der Götter“-Trilogie. Danach, so hoffe ich, wird es irgendwie mit Fantasy-Büchern weitergehen. Die Welt, die ich erschaffen habe, ist riesig, und ich habe noch jede Menge cooler Ideen, aber jetzt müssen wir erst mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt. 

Daneben habe ich jedoch noch einige andere Projekte in Arbeit. Meine Partnerin und ich arbeiten gerade an einem Roman über Sydney, einer Mischung aus Photographie und Prosa, und dann be-schäftigt mich noch meine Kurzgeschichtensammlung Dead Ameri-cans. Der fünfzigste Jahrestag der Ermordung John F. Kennedys hat bei uns eine Bücherschwemme zu diesem Thema ausgelöst, und das Ganze könnte mich reizen — hat aber ebenfalls keine Priorität. 

Jetzt gilt es erst mal, diese Serie zu vollenden und zu hoffen, dass sie begeisterte Leser findet. Immer schön eines nach dem anderen. 

Wie können deine Leser Kontakt zu dir aufnehmen?

Ich habe einen Blog, einen Facebook- und einen Twitter-Account. Jeder kann vorbeischauen und Hallo sagen. Alles wird gut, Leute.

Herzlichen Dank, Ben, dass du dir so viel Zeit für uns genommen hast.

Gern geschehen. 
 


Verflucht

Ära der Götter 1

Fünfzehntausend Jahre nach der verheerendsten Schlacht, die die Welt je gesehen hat: Der Krieg der Götter ist vorüber, doch ihre Körper haben die Zeiten überdauert. Sie liegen verstreut über dem Antlitz der Welt in einem ewig währenden Todeskampf. Zugleich erwachen manche Menschen mit seltsamen, magischen Fähigkeiten, die der Kraft der sterbenden Götter entsprungen sind. Unter ihnen die junge Kartographin Ayae, die durch Feuer nicht verletzt werden kann. Dies macht sie zum Ziel einer grausamen Armee, die in ihr Heimatland einfällt. Gemeinsam mit dem unsterblichen Zaifyr muss Ayae erfahren, dass das Erbe der Alten gefährlicher ist, als sie alle ahnten. Und dass die Ära der Götter möglicherweise noch lange nicht vorüber ist ...
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Prolog

Gers Rücken: ein langer Steinwall, von Menschenhand errichtet, der sich ohne eine einzige Lücke quer durch die Berge von Mireea zog, über die Gipfel und durch die Täler, der Wirbelsäule des toten Gottes Ger folgend. Dieser Gott, den man einst unter dem Namen »Wächter der Elemente« gekannt hatte, lag nun unter dem Gebirge. Ein Gigant war er gewesen, der mit dem Kopf bis über die Wolken reichte, und er hatte bis in die letzten Jahrzehnte seines langen Lebens hinein seinen Platz nicht verlassen. In seinen dunklen, narbigen Händen hatte er lange Stachelketten mit Halsbändern gehalten. Die Halsbänder waren zerbrochen, als er fiel, und als die Ketten seinen Händen entglitten, hatten sie das Land entzweigerissen und die Spalte entstehen lassen, in der sein gewaltiger Körper später liegen sollte. Noch Jahrhunderte danach konnte man im Rascheln der Blätter in seiner Nähe, in den Stürmen über ihm, im Rauschen der Flüsse und im Knistern der Feuer, die von Blitzen entfacht wurden, seine Stimme vernehmen. Das ging noch lange so, auch nachdem ihm die Berge mit ihren mineralreichen Ausscheidungen ein Grabmal geschaffen hatten, das seinen verwüsteten Leichnam verbarg, doch die Stimme war längst verstummt, als der letzte Stein des Rückens gesetzt ward. Seither waren elftausend Jahre vergangen, und in dieser Zeit hatten nur die Wurzeln uralter Bäume die Form des Rückens verändert – indem sie Steine anhoben oder die Erde darunter aushöhlten – doch nichts hatte die Linie durchbrochen. Der Wall stand immer noch, uralt, von Wind und Wetter gezeichnet, und seine Errichtung war ebenso Stoff für Mythen und Legenden wie der Gott, der darunterlag. Grün war der Stein, wo Schimmel und Moos ihn bedeckten, und ausgebleicht vom Sonnenlicht, wo die dicke alte Schicht abgefallen war.
Ausgebleicht von Seis geborstenem Sonnenpalast, verbesserte sich Ciron, ein junger Soldat, und schaute durch die Zweige nach oben. Die zweite der drei Sonnen ging auf, während die erste unterging. Die Mittagssonne steigt auf, die Morgensonne geht unter, doch beide sind sie nur Reste von Seis Haus, die auf ewig die Gebeine des Gottes des Lichts umkreisen. Cirons Pferd schritt unter einem dicken, tief hängenden Ast hindurch, und er beugte sich zur Seite. Sei war der erste Gott, der einen anderen tötete, doch der andere war nicht Ger gewesen, sondern Linae, die Göttin der Fruchtbarkeit. Mit dieser Tat hatte der Krieg der Götter begonnen, doch auch nach so vielen Generationen wusste niemand, warum Sei das getan hatte. In der Schule hatte der Lehrer – ein junger Mann mit schmalen, dicken Augengläsern, um die Ciron ihn beneidet hatte – behauptet, es sei ein Streit unter Liebenden gewesen. Warum sollten die Götter so anders sein als wir, hatte er gefragt, und die Schüler hatten ihm zu Cirons Entsetzen beigepflichtet. Er hatte schon im Alter von fünfzehn Jahren gewusst, dass derart grobe Vereinfachungen zwangsläufig fehlerhaft waren, gründeten sie doch im Wunsch des Einzelnen, sich im Göttlichen zu erkennen. Er hatte sich viel mit den Göttern beschäftigt, hatte Stunde um Stunde in Yeflams öffentlichen Bibliotheken gesessen und gelesen, deshalb wusste er, dass die Götter nicht so waren wie sie. Sie waren niemals Menschen gewesen, und die Gründe für ihren Krieg waren deshalb so schwer zu verstehen, weil ihre Lebenserfahrungen so grundlegend anders waren als die entsprechenden Vorstellungen der Menschheit.
»Junge, du träumst ja schon wieder.«
»Tut mir leid.«
Er näselte ein wenig, und man hörte seiner jugendlichen Stimme die Anspannung an. Der ältere Mann, der vor ihm ritt, stieß einen Seufzer aus. »Entschuldige dich nicht, pass einfach besser auf«, sagte Ira. »Die Spur führt zu den überfluteten Schächten.«
»Das heißt, sie führt ins Leere?«
»Sei nicht so naseweis, Junge.« Der andere spuckte einen Schwall Tabaksaft nach links auf den Boden. »Was, glaubst du, passiert, wenn am Ende die Gotteskrieger stehen?
Nichts.
Ciron wusste genau, dass niemand dastehen würde, und Ira wusste es auch, aber der junge Soldat wurde dafür bezahlt, sich das nicht anmerken zu lassen. Der Gedanke machte ihn wütend, aber er war noch nicht lange genug in der Garde von Mireea, um seiner Wut freien Lauf lassen zu dürfen, schon gar nicht gegenüber Ira, der so weit über ihm stand. Außerdem hatte Ciron seit seiner Ankunft das Gefühl, unter einem Makel zu leiden, weil er auf einem ungewöhnlichen Weg nach Mireea gekommen war, in den großen Stadtstaat, der hinter einem Teil von Gers Rücken entstanden war. Die anderen Rekruten waren in der Stadt ausgehoben worden, er dagegen hatte sich eine Woche nach seinem sechzehnten Geburtstag mit einem Brief in der Hand hier eingefunden. Er kam aus den Schwimmenden Städten von Yeflam, und eine Woche zuvor hatte ihm sein Vater erklärt, er habe seinem ältesten Sohn einen Platz in der Garde von Mireea gekauft. Ciron hatte das zunächst für einen Scherz gehalten. Der Vater würde ihn doch wohl nicht in eine Stadt schicken, wo nur mit Angst über die Götter gesprochen wurde, während es doch sein Traum war, an den Hohen Schulen in Yeflam bei den Hütern der Enklave zu studieren und ein Gelehrter zu werden. Aber nein, Ciron musste sich der demütigenden Erkenntnis stellen, dass sein Vater keineswegs den Wunsch hatte, ihn dorthin zu schicken. Er brachte den politischen Mut nicht auf, vor seinen Standesgenossen einzugestehen, dass sein Sohn kein Soldat und kein Gelehrter war. Deshalb hatte er das Gleiche getan wie andere vor ihm und ihn in die mireeanische Garde eingekauft.
»Denk daran«, hatte ihn sein Vater, der kaum lesen und schreiben konnte, am Tag nach seinem Geburtstag ermahnt, »wir schicken dich als Botschafter nach Mireea. Du bist unsere Hoffnung und unsere Zukunft. Alles, was du tust, strahlt auf uns zurück.«
Zum ersten Mal in seinem Leben war er beinahe einer Meinung mit seinem Vater gewesen. Er wollte ihm schon ins Gesicht schleudern, was da umgekehrt auf ihn zurückstrahle, doch seine Mutter hatte neben dem kleinen Mann gestanden, und angesichts ihres flehentlichen Blicks waren ihm die bitteren Worte im Hals stecken geblieben.
Die väterlichen Entscheidungen hatten sogar noch schlimmere Folgen gehabt, als Ciron ursprünglich gedacht hatte. Als er sich auf den Weg zu Gers Rücken machte, hatten sich die Übergriffe von leeranischer Seite gegen Mireea zu einem regelrechten Krieg ausgewachsen, und damit war es mit dem sicheren, bequemen Posten, den er sich erhofft hatte, schon in der ersten Woche vorbei. Man hatte ihm ein Schwert gegeben, das ihm zu schwer war, und einen Harnisch, der ihn an den Schultern drückte. Und in dem Rang, den ihm sein Vater gekauft hatte, stand er nur eine Stufe über einem Knappen. Noch bevor die erste Woche zu Ende war, erlebte er seinen ersten Kampf, bei dem ihm mittendrin und hinterher schlecht wurde. Nur seinen Kameraden hatte er es zu verdanken, dass er am Leben geblieben war. Um das Maß vollzumachen, war seine Einheit auf dem Rückweg nach Mireea auf eine Söldnertruppe namens Stahl gestoßen. Sie war als Ersatz für die Gruppe Mirin angeworben worden, die nach einem Streit, über den er nie Genaueres erfahren hatte, die Stadt verlassen hatte. Stahl hatte Krieger in seinen Reihen, die ebenso jung waren wie er, Jungen und Mädchen, die bereits altgediente Soldaten waren, aufgehende Sterne in einem Kitschroman, in dem er den kleinen Jungen spielte, der gerettet werden musste.
Iras Pferd geriet ins Rutschen, Steine spritzten auf, aber der Soldat war ein guter Reiter und behielt das Tier mit seinem kräftigen Körper unter Kontrolle. Ciron, der als Reiter noch etwas unfähiger war denn als Schwertkämpfer, überließ es seiner Stute, das kurze Steilstück zu bewältigen, und tätschelte ihr mit dankbarem Gemurmel den Hals als sie, ohne zu stolpern unten ankamen. Die braun-weiß gefleckte Stute war schon älter, ein zuverlässiges Kinderpferd. Ciron hatte einen Seufzer ausgestoßen, als der Feldwebel sie für ihn aus dem Stall führte, aber der große Mann hatte seine Reaktion vorhergesehen und sagte nur: »Sie kennt sich in den Bergen so gut aus wie jeder von den Männern und Frauen, mit denen du zusammen sein wirst. Solltest du dich verirren, bringt sie dich hierher zurück. Sobald du das Land hier oben etwas besser kennst und etwas sicherer im Sattel sitzt, bekommst du ein anderes Tier, doch bis dahin wacht sie über dein Leben.« Inzwischen war Ciron sehr zufrieden mit dieser Wahl. Er hatte sich schon zweimal verirrt, und das Pferd hatte ihn wieder zu seiner Einheit zurückgeführt. Nach dem zweiten Mal hatte Korporal Jennis gedroht, ihn an Iras Sattel zu binden, wenn das noch einmal passierte, und er war unter ihrem zornigen Blick rot geworden und hatte kein Wort herausgebracht.
»Junge?«, fragte Ira. »Hörst du mir noch zu?«
»Ja.«
»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
Ciron tötete mit einem Schlag gegen den Hals eine Mücke und wischte den Blutfleck weg. Er konnte sich an keine Frage erinnern, doch wenn er das sagte, käme das einem Eingeständnis gleich, dass er schon wieder geträumt hatte … »Tut mir leid, ich habe nichts gehört.« Er wollte noch etwas hinzufügen, hielt aber inne und wiederholte achselzuckend: »Tut mir leid.«
»Du sollst dich nicht andauernd entschuldigen.« Diesmal spuckte Ira nach rechts. »Ich habe dich gefragt, ob du schon einmal in Leera warst.«
»Nein.«
»In der Regenzeit ist das Reisen dort beschwerlich, aber die ist bald vorüber.« Über den beiden lichtete sich der grüne dschungelartige Wald. »Seit sie dem Ende zugeht, kommen die Todeskrieger immer öfter hier herauf. Was wir hinter uns haben, ist nichts im Vergleich zu dem, was vor uns liegt.«
Für Ciron war es schwer vorstellbar, dass es noch schlimmer kommen könnte. Schon nach drei Tagen – sie hatten die Hälfte der Woche noch vor sich – war seine Einheit während einer Streife auf ein ausgebranntes Dorf gestoßen. Die Morgensonne hatte als einsamer Punkt hoch am Himmel gestanden. Sie waren den Rauchschwaden gefolgt und hatten rings um eine riesige Kochstelle die Überreste von siebenundzwanzig Männern und Frauen gefunden. Eine Frau steckte über der Feuergrube an einem Spieß. Ciron war von dem Anblick und dem Geruch schlecht geworden, und obwohl er so etwas schon einmal erlebt hatte, schämte er sich nicht – denn er hatte noch jetzt die angewiderten Gesichter seiner Kameraden vor Augen und wusste, dass auch sie kurz davor gestanden hatten, sich zu übergeben. Seinem schwachen Magen hatte er zu verdanken, dass er aus dem Dorf geschickt wurde: der Korporal hatte ihm befohlen, mit Ira einer zwei Stunden alten Spur zu folgen, einer Spur, von der alle wussten, dass sie im Nichts enden würde.
Das Rauschen eines Wasserfalls drang zu ihnen, und Ira ließ sein Pferd am Rand des Dschungels langsamer werden. Als Ciron sich an seine Seite setzte, sah auch er die Lichtung, die der andere inspizierte. Das grüne Licht wurde von der grellweißen Mittagssonne abgelöst, und für einen Moment wirkte die Welt verwaschen und ausgebleicht. Im Zentrum des Platzes lag eine Platte aus morschem Holz über einem alten Tunnelschacht, aber die Spuren umgingen diese Stelle und führten weiter bis an den Rand. Dort fiel das Gelände zum Wasserfall hin, der später zum Fluss wurde, steil ab. Nachdem er vorsichtshalber eine ganze Weile gewartet hatte, glitt Ira aus dem Sattel und betrat, eine Hand am Schwert, die Lichtung.
Ciron folgte ihm und blieb vor der Abdeckung stehen. »Du glaubst doch nicht, dass sie in den Tunnel hinabgestiegen sind?«
»Er steht unter Wasser, Junge.«
»Aber …«
»Sieh nach, wenn du willst.«
Vorsichtig griff er nach der Platte. Sie knackte unter seinen Fingern, aber sie ließ sich wegziehen, und dann spiegelte sich das Sonnenlicht im trüben Wasser.
Die Tunnel waren Bergwerksschächte, die man einst in die Tiefe getrieben hatte, um Gold zu gewinnen, jenes Gold, dem Mireea seine Entstehung und seinen ersten Reichtum verdankte. Jetzt waren sie leer, aber als es dort noch Gold gab, hatten die Minen ebenso viele Menschen getötet wie reich gemacht; jetzt kamen Menschen – zumeist Kinder – nur noch zu Tode, wenn sie in die aufgelassenen und überfluteten Löcher stürzten. Die Leute glaubten immer noch, dass im Berg Gold zu finden sei – und Ciron wusste, dass dem auch so war, man musste nur wissen, wo man zu suchen hatte. In der zweiten Woche seiner Dienstzeit bei der Garde von Mireea hatte er gehört, dass der Hauptmann des Rückens Taucher in die überfluteten Tunnel schicken wollte, und hatte sich darum beworben, zu dieser Gruppe versetzt zu werden, um sich selbst auf die Suche zu machen. Aber der Feldwebel hatte nur den Kopf geschüttelt. Die meisten Tunnel endeten an Einsturzstellen und Schutthaufen, sagte er, und man könnte eher auf Todeskrieger stoßen als auf Gold. Aber er hatte auch Cirons Absicht missverstanden. Einige von den Schächten mündeten nämlich in den alten Städten unterhalb Mireeas, den Höhlenstädten, die in den Jahren nach Gers Fall zu Ehren des Gottes gebaut worden waren. Jetzt waren es dunkle Löcher, wo Gespenster ihr Unwesen trieben, eingekesselt von Stolleneinbrüchen, die ihre Erbauer kurz vor ihrem Ende selbst ausgelöst hatten. Aber es ging das Gerücht, wenn man weit genug vordränge, könnte man sogar Gers Leichnam finden.
Ira kehrte dem Tunneleingang mit den rissigen Wänden den Rücken und ging bis zum Rand der Lichtung. »Nein, die Spuren führen bis an die Kante, dann hören sie auf. Sieht so aus, als wären sie hinuntergesprungen.«
Ciron trat zaghaft näher und schaute über die schroffe Felswand zum Wasserfall hinab. »Sind sie aber nicht«, sagte er. »Diese Abriebspuren zeigen, wo sie nach links abgebogen sind.«
»Richtig.« Der andere schien zufrieden. »Und wie viele sind es?«
»Zwei?«
»Höchstenfalls drei. Aber nicht die fünfzehn, die wir verfolgen.«
»Dann sind wir nicht weiter als vorher.«
»Nein«, sagte Ira. »Nun komm, der Korporal will sicher, dass wir zurück sind, bevor die Nachmittagssonne aufgeht.«
Ciron empfand keine Genugtuung, weil er recht gehabt hatte. In der Schule war es wichtig – ja sogar notwendig gewesen, sein Können unter Beweis zu stellen. Er hatte ausgezeichnete Noten gebraucht, um seinem Vater zu zeigen, dass er sich zu einer Gelehrtenlaufbahn berufen fühlte, und um dessen Widerstand gegenüber der Enklave und dem dortigen Lehrbetrieb zu brechen. Dem Vater waren die Männer und Frauen, aus denen Yeflams Verwaltung bestand, ein Gräuel. »Verfluchte«, hatte er einmal gesagt, als Ciron noch jünger war. »So sollten sie von Amts wegen genannt werden. Sie sind nicht die Hüter des Göttlichen. Sie sind verflucht. Sie sind die zerbrochene Sonne und der Schwarze Ozean, die Bürde, die alle gewöhnlichen Menschen zu tragen haben.«
Mit den Jahren konnte Ciron Gegenbeispiele anführen und Argumente vorbringen, aber sein jüngeres Ich hatte schweigend am Tisch gesessen und auf seinen Teller gestarrt. »Ich weiß, du hältst mich für dumm«, hatte sein Vater gesagt. Das Schweigen der Familie angesichts seines schrecklichen Zorns war allen vertraut. »Aber wenn du älter bist und die Schwimmenden Städte verlässt, wirst du mit Hexen und Hexern reden, und sie werden dir eine ganz andere Geschichte über die Götter erzählen. Du wirst hören, dass sie nicht tot sind wie du oder ich, sondern tot und lebendig zugleich, dass sie seit mehr als fünfzehntausend Jahren im Sterben liegen und ihr Blut in die Erde fließt, ins Wasser und in die Luft, sodass wir es tagtäglich einatmen und trinken und darin waten. Auf diese Weise bekommen die Verfluchten ihre Gaben – deshalb stellen sie eine solche Gefahr für uns dar. Außerhalb Yeflams ist das den Menschen vollkommen klar.«
Während des Rittes zurück ins Dorf schwiegen Ciron und Ira. Der eine war froh, dass ihm der andere keine Fragen gestellt hatte. Doch bald bemerkte der jüngere Soldat, dass sich das Schweigen ausgebreitet hatte, dass es nun auch die Luft erfasst hatte und das Surren der Insekten, die Geräusche der Tiere, der Atem des Berges verstummt waren. Die Blätter an den Bäumen bewegten sich nicht, nicht eins fiel herab, und im grünlichen Licht traten die dunklen Flecken, die der Angstschweiß auf Cirons Wams hinterließ, deutlich hervor.
Erst als die Schritte der Pferde zögerlicher wurden, hielt Ira endlich an.
Der Soldat verharrte im grünlichen Schatten, fuhr sich mit dicken Fingern durch das Haar und streifte die Feuchtigkeit ab. Bedächtig stieg er aus dem Sattel. »Binde die Pferde hier an.«
»Bist du …« Ciron stockte und räusperte sich. »Bist du sicher?«
Der andere fasste sein Pferd am Halfter. »Jetzt ist nicht die Zeit, den Schwächling zu spielen, Junge. Alles, was auf diesem Berg lebt, sagt uns, dass unsere Freunde in Schwierigkeiten sind.«
Sie waren nicht seine Freunde. Er hatte keine Freunde. Dennoch schwang Ciron das Bein über den Sattel und setzte vorsichtig seine neuen Stiefel auf den Boden. Vor ihm schnallte sich Ira sein Kurzschwert um die Hüften, und auch Ciron befestigte nun umständlich das Langschwert, das ihm der Feldwebel an seinem ersten Tag gegeben hatte, an seinem Gurt. Dann nahm er seinen Bogen in die Hand. Er wusste, dass er mit beiden Waffen ein Stümper war, und jetzt war diese Schwäche ebenso präsent wie bei seinem ersten Kampf. Die Erinnerung wurde noch deutlicher, als Ira lautlos vor ihm durch die Bäume schlich, ohne auf Zweige oder trockenes Laub zu treten. Ciron bemühte sich verzweifelt, es ihm nachzutun, doch er imitierte Iras geschmeidige Schritte so stockend, dass er kaum weniger Lärm machte, als wenn er ganz normal gegangen wäre.
Weiter vorne wurde das Unterholz dichter, doch obwohl er Äste beiseiteschob und sich den steinigen Abhang hinaufmühte, wuchs die Stille noch weiter. Wenn er einen Zweig abknickte, war es weithin zu hören. Wenn er einen Schritt machte, musste jede Wache aufhorchen. Aber nichts regte sich. Als Ciron an einer dicken schwarzen Wurzel vorbeikam, die aus dem Boden ragte, entdeckte er eine braune Schlange, die so dick und hässlich war, als hätte man sie direkt aus der Erde gezogen. Sie lag ganz still, nicht einmal die Zunge schnellte hin und her, und sie beobachtete ihn. Ein Tier, das berüchtigt war für seinen schnellen, tödlichen Angriff, wollte jetzt – es war unglaublich – offenbar möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen.
Als sie den Anstieg hinter sich hatten, kam das Dorf in Sicht, und weiter hinten erhob sich das grünfleckige Mauerwerk von Gers Rücken. Das Dorf war erst halb fertig, Gebäude und Zelte standen bunt durcheinander. Man hatte ihm, wie Ciron gehört hatte, inoffiziell den Namen Jand’s gegeben, nach einem der aufgefundenen Toten. Der Überfall sei nur erfolgt, weil die Bevölkerung so klein gewesen sei, hatte der Korporal gesagt, nachdem sie den Leichnam der Frau aus dem Feuer geholt hatten. Dass die Streife erst jetzt und nicht eine Woche früher gekommen war, sei einfach Pech gewesen. Der Hauptmann des Rückens hatte vorgehabt, in alle Dörfer im Umkreis von Mireea Patrouillen zu schicken, als sich die Überfälle häuften, doch dann war ein Sturm aufgekommen, und die Soldaten hatten eine Woche länger als geplant in Mireea festgesessen.
Während Ciron nun zum zweiten Mal an diesem Tag über das Dorf blickte, stellte er zunächst keine Veränderung fest. Der Geruch nach Rauch, nach gebratenem Fleisch und nach Erbrochenem … die Männer, Frauen und Kinder, die überall auf dem Boden verstreut lagen.
Doch die waren mehr geworden.
Ira trat neben ihm aus dem Dschungel und marschierte auf das Dorf zu. Diesmal waren die Tritte seiner Stiefel auf den Ästen und im Schlamm deutlich zu hören. Er hatte sein Schwert gezückt und hielt es fest in der Hand. Ciron war nicht darauf gefasst und hastete hinter ihm her. Er wollte auf keinen Fall allein zurückzubleiben. Seine Phantasie zeigte ihm die schrecklichsten Szenen, sein Magen fing schon wieder an, gegen das zu rebellieren, was er gesehen und nicht gesehen hatte, und alle Bilder fügten sich langsam zu einem grauenvollen Verdacht zusammen. Seite an Seite mit Ira näherte er sich den Leichen. Die reglose Gestalt des Korporals war immer deutlicher zu erkennen. Sie lag mit dem Oberkörper in ihrem eigenen Blut, aber es hatte schon lange aufgehört zu fließen.
Zwischen ihnen fuhr ein Pfeil in den Boden.
Die beiden machten einen Satz. Ciron spritzte der Schlamm ins Gesicht, und der Griff seines Schwerts bohrte sich in seinen Unterleib. Er ließ den Bogen fallen und rieb sich hektisch den Schmutz aus den Augen. Dann hörte er Ira aufschreien und sah undeutlich, wie sein Kamerad davonhumpeln wollte. Ein Metallpfeil ragte aus seiner linken Wade. Ciron war starr vor Entsetzen. Ira ließ sein Schwert fallen, hob es wieder auf und wollte es hochreißen. In diesem Augenblick trafen ihn zwei Pfeile in Rücken und Schulter und warfen ihn zu Boden.
Ciron zerrte an seinem Schwert und wollte ihm zu Hilfe eilen, aber seine Beine gehorchten ihm nicht, und er stolperte. Er schaute an sich hinab, aber da war kein Pfeil. Er konnte auch keine Verletzung entdecken, konnte nicht … und dann erschienen zwischen den Bäumen – genau den Bäumen, die er eben erst passiert hatte – Männer und Frauen in Lederharnischen, so mager und bleich, als wären ihnen die Muskeln abgeschmolzen. Todeskrieger. Ciron kam auf die Beine und wollte ohne Rücksicht auf den stechenden Schmerz losrennen, so schnell und so weit, wie er nur konnte, doch schon traf ihn ein harter Stoß in den Unterleib, und er wurde aufgespießt wie ein Stück Obst. Das schwere Schwert flog ihm aus den Händen, und er sah ihm schockiert nach. Wo es landete, stand ein dunkelhaariger Mann. Er hatte soeben seine Armbrust gespannt und hob sie zum Schuss.
Cirons letzter Gedanke war, dass er seinen Vater hasste.

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