Interview Lucas Grimm
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Er sucht die Wahrheit. Sie sucht Rache.

Autor Lucas Grimm legt mit »In den Tod« seinen zweiten Thriller um den Journalisten David Berkoff vor. Diesmal arbeitet Berkoff an einer großen Enthüllungsgeschichte: Die Bundesregierung beteiligt sich an Waffendeals in Syrien.
Im Interview spricht Lucas Grimm darüber, was ihn zu »In den Tod« inspirierte. Lesen Sie außerdem ein Interview zu seinem Debüt-Thriller »Nach dem Schmerz«.

Fragen an Lucas Grimm zu »In den Tod«

Der Journalist David Berkoff aus »Nach dem Schmerz« recherchiert wieder in einer spektakulären Sache. Was ist es dieses Mal?
Berkoff ist immer noch der besessene Journalist, der für eine gute Story bereit wäre, seine Großmutter zu verkaufen – er hat einen Hinweis darauf, dass die Bundesregierung in illegale Waffengeschäfte verwickelt sein könnte und geht dem nach, ohne zu ahnen, zwischen welche Fronten er sich dabei begibt. Denn es gibt in diesem Geschäft mehr Interessengruppen, als er annimmt. 

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?
Neben der (nach wie vor aktuellen) Thematisierung in den Medien waren es zwei Sachbücher, die mein Interesse geweckt haben. »Waffenhandel« von Andrew Feinstein und »Schwarzbuch Waffenhandel« von Jürgen Grässlin. Beide erzählen von komplexen korrupten Strukturen, die dafür sorgen, dass unter anderem deutsche Waffen in die Hände von Terroristen geraten.  

»In den Tod« erzählt, wie sich Waffenhandel auf ein persönliches Schicksal auswirkt… 
Es gibt, wie in all meinen Geschichten, eine starke Frauenfigur. Hier ist es Nadja, deren Stärke aus einer tiefen Verletzung rührt. Sie erleidet ein fürchterliches Trauma, doch statt daran zu zerbrechen und sich zurückzuziehen, nimmt sie allen Mut zusammen und wird zu einer leidenschaftlichen Rächerin. Sie ist eine Heldin, wenn auch eine dunkle. »In den Tod« handelt also auch von der grenzenlosen Liebe einer Schwester, von absoluter Loyalität und dem Willen, ein Ziel bis zu seinem tödlichen Ende zu verfolgen. Nadja steht stellvertretend für das Schicksal der Jesidinnen, die 2014 vom IS verschleppt, vergewaltig und versklavt wurden. Auch heute noch befinden sich tausende Jesidinnen in den Händen des IS. Diese Tragödie spielt eine wichtige Rolle in meinem Roman. Darüber hinaus war das Sachbuch »Ich bin eure Stimme« von Nadia Murad eine wichtige Quelle für »In den Tod«.  Die Honorare aus meinen Lesungen gehen daher komplett an die Menschrechtsorganisation hawar.help g.e.V., die sich insbesondere um die Lage der Jesidinnen kümmert. 
 
Im ersten Band war David Berkoff ja in ein kompliziertes amouröses Abenteuer mit seiner Chefin verstrickt. Wie geht es damit weiter?
Neben dem politischen Thriller wird auch die Liebesgeschichte zwischen Berkoff und Marlene Albers weiter erzählt und auf eine harte Probe gestellt. Darüber hinaus gibt es eine zweite, eher platonische Liebesbeziehung, die davon handelt, wie wir in großer Not zueinander finden. Und körperliche Liebe spielt auch eine Rolle – gleich zu Anfang mit einem Höhepunkt, den der männliche Part so nicht erwartet hat.  

Blick ins Buch
In den TodIn den Tod

Thriller

Der gefeierte Journalist David Berkoff hat den nächsten Scoop an der Angel. Ein exklusives Interview mit Gregori Arkadin, dem skrupellosen König der Waffenhändler. Doch bevor es dazu kommt, wird Arkadin grausam ermordet, Berkoff fast zu Tode geprügelt und die große Enthüllungsgeschichte scheint geplatzt. Bis Arkadins Frau Nadja ihm einen Deal anbietet. Hilft Berkoff ihr, die Mörder ihres Mannes zu finden, gewährt sie ihm Einblicke in Arkadins Geschäfte mit der Bundesregierung und syrischen Terroristen. Berkoff ist einverstanden. Und merkt zu spät, dass Nadja ihn für einen erbarmungslosen Rachefeldzug benutzt. Für David Berkoff steht plötzlich alles auf dem Spiel: seine Integrität, sein Job und am Ende sogar sein Leben.

1

Es ist Freitag, und ich habe endlich genug Wissen und Kraft gesammelt, um meine Schuld zu begleichen. Die flirrende Kugel im Osten färbt die Wipfel der Berge, den Schnee, die Bäume in ein helles Rot. Ich habe Angst, dass sie mich verraten wird. Zwei Spatzen streiten um die Brotkrümel, die ich aus dem Küchenfenster in den Schnee geworfen haben. Dabei sehen sie fortwährend nach oben, wo ein Falke kreist und sich nicht entscheiden kann, welchen der beiden er reißen soll. Ich frage mich, wer ich in diesem Bild bin. Denn über Jahre hinweg war ich weder der Falke noch der Spatz. Über Jahre hinweg bin ich in diesem Bild nicht vorgekommen. Wie auch? Alles, was ich im Leben getan habe, bestand darin, wegzugehen und dich, Anais, im Stich zu lassen. Ich bin so lange durch das gereist, was man gemeinhin Leben nennt und was dir für alle Zeiten verwehrt sein wird. Und du hast angesichts dessen, was an Grausamkeiten geschehen ist, allen Grund, böse auf mich zu sein und enttäuscht. Dennoch bitte ich dich auf den Knien meines Herzens, sei nicht zu hart mit mir. Ich habe verstanden, was du zu mir gesagt hast, als wir in unserem Bett gelegen haben, und du mir vom Engel Pfau erzählt hast. Wer sich vor anderen versteckt, versteckt sich vor sich selbst, hast du gesagt. Und wenn ich nun sehe, wie der Falke herabstößt, mit angelegten Flügeln, den Kopf weit vorgestreckt, wie ein Pfeil, dann weiß ich, wer ich bin. Ich bin weder Falke noch Spatz. Wusstest du, dass es Zikaden gibt, die siebzehn Jahre in der Erde überleben und, wenn sie aufwachen, einen Wald leer fressen? So bin ich. Ich werde den Wald leer fressen. Und dann werde ich die Flügel ausbreiten und schnell zu dir fliegen, meine geliebte Schwester.

 

Gregori und Nadja Arkadin waren mit dem Hubschrauber in das wunderschöne Chalet in den französischen Alpen geflogen, hatten die Koffer im Flur stehen lassen und waren übereinander hergefallen wie ein ausgehungerter Löwe über eine Gazelle, wobei nicht klar war, wer die Rolle des Löwen und wer die der Gazelle einnahm. Doch selbst wenn der Vergleich darauf hindeutet, war es nicht nur animalische Begierde, die sie antrieb. Nein, Gregoris Plan lautete, als Zeichen seiner wiedererweckten Liebe ein Kind zu zeugen. In seinen Augen das Symbol der tiefsten Verbindung zweier Menschen. Aufbruch zu einer stolzen Familie, die irgendwann groß und glücklich sein sollte. Nadjas Plan dagegen war, Gregori umzubringen.

Nadja Arkadina, siebenundzwanzig Jahre alt, Diplom im Fach Biologie an der Universität Heidelberg, Schwerpunkt Evolutionsbiologie. Nebenbei Ballettunterricht bei Eléonore Deckker. Ehrgeizig, klug, egozentrisch. Und Gregori Arkadin, siebenundfünfzig, ehemals Offizier der russischen Armee, inzwischen Geschäftsmann im Bereich illegaler Export von Waffen, mit Vorliebe in Länder, die mit einem Embargo belegt waren.

Als Nadjas Professor bei der Bachelor-Abschlussfeier von ihrer Absicht erfahren hatte, Gregori Arkadin zu heiraten, hatte er sich gewundert. Dann aber sah er seine Theorie bestätigt, der zufolge es zwei Konzepte gibt, nach denen Frauen ihre Zukunft gestalten. Entweder sie verlassen sich auf ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, schlagen sich durch, machen bisweilen auch Karriere, bleiben dann aber einsam und gehen seelisch zugrunde, oder sie angeln sich einen Mann, der diese Arbeit für sie übernimmt im Austausch gegen Sex, eheliche Treue und ein trautes Heim mit Kindern, und gehen ebenfalls seelisch zugrunde. Nadja hatte gelächelt und gesagt, sie würde beide Wege gehen. Den reichen Kerl nehmen und Karriere machen. Und wer daran zugrunde gehe, werde man noch sehen. Warten wir’s ab, antwortete ihr Professor.

Doch dann ließ Gregori seine frischgebackene Ehefrau Nadja einige Male wochenlang allein in der Villa am Stadtrand von St. Petersburg zurück, um seinen Geschäften nachzugehen, über deren Details sie nichts wissen durfte. In den letzten Monaten hatte er sie auch noch betrogen. Wo und mit wem es nur ging. Nun war Nadja keine Frau, die stets die Gesellschaft eines Mannes brauchte, um halbwegs glücklich und zufrieden zu sein. Sie genoss sogar die Zeiten, in denen sie allein in der Villa war und verschont wurde von den Wutanfällen, Omnipotenzfantasien und sadistischen Anwandlungen ihres Mannes. Doch als sie Gregori eines Tages überraschte, wie er im Belmond Grand Hotel mit einer vierzehnjährigen Ballettschülerin im Bett lag, sah sie ihre Chance gekommen. Sie heuerte einen Privatdetektiv an, der die beiden über drei Wochen hinweg verfolgte und inkriminierende Fotos schoss. Mit diesem Beweismaterial in den Händen drohte sie Gregori mit Scheidung und forderte 50 Millionen Dollar Abfindung.

Das schreckte Gregori auf. Nicht so sehr die Summe als vielmehr die Vorstellung, diese einzigartige Frau zu verlieren. Er schwor Nadja, sie von nun an nie wieder zu betrügen. Und als Nadja verlangte, dass er sie als gleichberechtigte Partnerin akzeptierte und sie in seine Geschäfte einweihte, war Gregori einverstanden. Um nun die neue Qualität ihrer Ehe angemessen zu feiern, hatte er einen Monat später den Ausflug in das Chalet vorgeschlagen. Er hatte es in den letzten zwei Jahren auf den abgebrannten Grundmauern eines Bauernhofs errichten lassen. Das Haus lag abseits jeglicher Infrastruktur, die nächste ordentliche Straße war kilometerweit entfernt.

Nachdem der erste hormonelle Schub nicht zu dem erwarteten sexuellen Höhepunkt geführt hatte, nahm Gregori ein paar Handschellen aus der Reisetasche. Nadja war mit der Prozedur, die nun folgen sollte, vertraut. Also wehrte sie sich nicht, damit Gregori weiterhin der Illusion anhängen konnte, sie habe ihm verziehen und würde an seiner Seite den Erfolg des Familienunternehmens steigern wollen. Lächelnd verfolgte sie mit den Blicken einer liebenden, verständnisvollen und duldenden Ehefrau, wie Gregori die stählernen Ringe zuerst um ihr rechtes Handgelenk, dann um das linke Handgelenk legte und sie dann an die hölzernen Pfosten des alten Bauernbettes fesselte.

Das Bett – es stöhnte und quietschte bei jeder Bewegung, wie ein Tier, das sich in Vorahnung des Kommenden beschweren wollte. Als Gregori auch noch Nadjas Beine mit zwei Seidentüchern an die unteren Bettpfosten gefesselt hatte, lag sie in der idealisierten Proportion da, die Leonardo da Vinci im Jahre 1490 in der Zeichnung des vitruvianischen Menschen dargestellt hatte. Gregori sah Nadja zufrieden an.

»Ich könnte mit dir machen, was ich will«, sagte er.

»Ja, das könntest du.«

»Und du könntest dich nicht wehren.«

»Nein, das könnte ich nicht.«

»Macht es dir keine Angst?«

»Warum sollte es mir Angst machen?«

»Immerhin wolltest du dich scheiden lassen und hast gedroht, 50 Millionen Dollar Abfindung zu verlangen. Das hat noch keine Frau vor dir gewagt. Ich hätte also allen Grund, wütend auf dich zu sein.«

»Auch wenn es sich nach einem kitschigen Songtext anhört, aber der beste Beweis der Liebe ist Verzeihen«, sagte Nadja. »Und natürlich Vertrauen. Verzeihen und Vertrauen.«

»Du magst es, wenn du mir ausgeliefert bist«, sagte er.

»Ich bin dir zu jeder Zeit ausgeliefert. Die körperliche Abhängigkeit ist dabei noch die harmloseste Form der Abtretung meines Herzens an dich«, sagte sie.

»Wo hast du das denn wieder her?«

»Ich glaube, es ist von Shakespeare.«

»Du bist unglaublich.«

Sein Blick streifte über ihren Körper.

»Und du bist unglaublich schön.«

Er gab ihr einen Kuss auf den Bauch. Dann stieg er aus dem Bett und schickte sich an, das Schlafzimmer zu verlassen.

»Wo gehst du hin?«, fragte sie.

»Ich habe eine Überraschung für dich.«

»Was für eine Überraschung?«

In der Tür blieb er kurz stehen, lächelte sie an.

»Das wirst du gleich sehen.«

»Sag es mir.«

»Aber dann ist es doch keine Überraschung mehr.«

Er wandte sich ab und verließ das Schlafzimmer.

»Gregori?«

Keine Antwort. Was konnte das für eine Überraschung sein? Wusste er von ihren Plänen? Oder genügten die Handschellen nicht, und er brauchte eines jener Utensilien, mit denen er ab und an seine verkümmerte Libido auf Trab brachte? Ihr blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass er zurückkommen würde. Eine Minute verging.

»Greg!«

Dass sie keine Antwort bekam, beunruhigte sie. Und mehr noch beunruhigte sie, dass nun auch noch die Haustür geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel. Wo ging er hin?

»Gregori?«

Stille. Eine endlose, drohende Stille. Nadja spürte, wie kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn wuchsen. Wieso ließ er sie allein in dem Bett liegen, gefesselt? Wusste er es? Wusste er, dass sie ihn umbringen wollte? Nein, das war unmöglich. Sie hatte es perfekt geplant. Niemandem etwas von ihren Plänen erzählt. War vor zwei Wochen, während er in Genf mit Bankern verhandelt hatte, zum Chalet geflogen und hatte alles vorbereitet.

»Greg!?«

Vielleicht waren die Reise in das Chalet und seine Schwüre, ein besserer Ehemann zu werden, doch nur Camouflage gewesen. Vielleicht war er wütend auf sie und wollte sie nun für die in seinen Augen ungeheuerliche Auflehnung bestrafen. Das war durchaus möglich, denn Nadja hatte in den letzten zwei Jahren ihrer Ehe erfahren, dass Menschen wie Gregori, die sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hatten und mit Skrupellosigkeit und auch etwas Glück die Zeit der Rechtlosigkeit nach dem Fall der Sowjetunion für sich ausnutzen konnten, der Meinung waren, sie seien gottgleich. Sie bauten auf den Trümmern des alten Staates ihre eigenen Reiche auf. Wer sich ihnen in den Weg stellte, musste mit erbarmungsloser Vergeltung rechnen. Ermutigt durch die schützende Hand des Präsidenten, betrogen, raubten und töteten sie. Diese Menschen waren Reptilien. Und Gregori war eines der Schlimmsten. Würde er sie hier sterben lassen? Möglicherweise. Aber nicht jetzt.

Jetzt noch nicht. Nadja atmete aus. Denn nun konnte sie hören, wie ein Schlüssel in das Schloss der Haustür glitt, wie die Tür geöffnet wurde, wie Gregori die Stiefel gegeneinanderschlug und auszog. Er ging in Richtung der offenen Küche. Nadja konnte das leise Klatschen seiner nackten Fußsohlen auf dem Schieferboden hören. Sie war ganz Ohr. Alle anderen Sinne waren auf ein Mindestmaß zurückgefahren. Sehsinn, Geruchssinn, Geschmackssinn, Tastsinn wurden nicht gebraucht. Eine Schublade wurde geöffnet. Besteck klapperte. Was suchte er? Sie strengte sich noch mehr an. Ein Messer? Suchte er ein Messer? Wozu brauchte er ein Messer? Eine Schranktür wurde geöffnet. Geschirr klirrte. Etwas fiel zu Boden, und Gregori fluchte. Die Kühlschranktür ging auf und nach einer Weile wieder zu. Eiswürfel fielen aus dem Spender in ein metallenes Gefäß. Wozu Eiswürfel? Gregori hantierte, fluchte wieder, weil er sich offensichtlich ungeschickt anstellte. Dann konnte sie das Klirren von Gläsern hören. Schlapp, schlapp, schlapp, kamen seine Schritte näher.

Und dann erschien er im Schlafzimmer. Trug ein Tablett mit einer Flasche Champagner, zwei Gläsern, einer Schüssel mit Eiswürfeln, einer weiteren Schüssel mit Erdbeeren und einem kleinen Messer, um den Strunk der Früchte abzuschneiden.

»Überraschung«, sagte er, was ein wenig redundant war, weil sie ja die Überraschung sehen konnte, er brauchte sie nicht auch noch zu verkünden.

Erdbeeren waren gut. Nach dem Sex hatte sie jedes Mal Lust auf etwas Frisches, Fruchtiges, weil es den Geschmack von Sperma am besten verwischte. Dass allerdings auch noch diese eine, spezielle Flasche Champagner auf dem Tablett stand, beunruhigte sie.

»Nachher zeige ich dir den Keller. So etwas hast du noch nicht gesehen. Er ist ein natürlicher Kühlschrank. An der hinteren Seite fließt Wasser aus dem Berg und kühlt den Raum konstant auf vier Grad über null. Siehst du? Die Erdbeeren liegen da seit gestern, seit Mikail sie angeliefert hat, und sie sind frisch und haben diesen besonderen Geschmack von Schiefergestein angenommen.«

Dass Gregori sich als Lagermeister und Geologe präsentierte, war neu. Bisher hatte er sich eher als Gourmand erwiesen, dessen Anforderungen an die Nahrungsaufnahme sich auf Quantität beschränkten. Er nahm die Flasche Champagner vom Tablett, Dom Perignon Luminous Rose Vintage 2003. Geschickt löste er die Zinnkapsel, die den Korken umfasste.

»Das ist die letzte«, sagte er mit einem kaum hörbaren Bedauern in der Stimme.

Nadja wusste, dass es die letzte von ehemals zwölf Flaschen war. Sie bildete den zentralen Teil ihres Plans. Dass Gregori sie nun öffnete, beunruhigte sie aufs Äußerste.

»Wollen wir nicht warten, bis wir Liebe gemacht haben?«, fragte sie.

Der Korken flog gegen die Zimmerdecke, ein feiner Nebel quoll aus der Flasche hervor.

»Ich mag jetzt nicht, Gregori. Bitte.«

»Was hast du denn?«

»Ich will dich ohne Alkohol spüren.«

»Champagner ist kein Alkohol, sagst du doch immer.«

Er schenkte zwei Gläser ein. Die feinen Perlen, die sofort einen Weg an die Luft suchten, verteilten das besondere Aroma des Champagners im ganzen Raum. Er hielt Nadja ein Glas hin.

»Soll ich dich füttern?«

»Nein. Stell das Glas weg, und komm zu Mama. Komm schon. Ich will dich zwischen meinen Beinen. Ich will, dass du mich leckst und fickst.«

»Und wenn ich es nicht mache?«

»Dann werde ich ganz böse.«

»Was wirst du denn machen, wenn du böse bist?«

»Ich werde dir den Hintern versohlen.«

»Du bist gefesselt.«

»Irgendwann wirst du mich wieder losbinden.«

»Und wenn nicht? Wirst du dann ins Bett pissen?«

»Greg, hör auf. Warum musst du immer so ordinär sein? Mach mich los, ich hab keine Lust mehr.«

Er lachte, als hätte er einen besonders guten Witz gemacht. Dann trank er das Glas in einem Zug leer und warf es hinter sich, wo es an einer Natursteinwand zerschellte. Einen kurzen Augenblick lang verzog er das Gesicht.

Aber Nadja wusste es. Sein Zungengrund hatte ihm einen ungewöhnlichen Nachgeschmack signalisiert, der nicht zu dem 2003er Luminous Rose passte. Unter anderen Umständen hätte er auf diese Irritation sofort reagiert, aber nun hatte der Hypothalamus so viel Testosteron ausgeschüttet, dass jedes Misstrauen beiseitegedrängt wurde. Gregori sank auf Nadja herab, befeuchtete seinen Schwanz mit Spucke, drang in sie ein und bewegte sein Becken in rhythmischen Stößen.

»Ist es gut so?«, fragte er.

»Nein, ist es nicht.«

Gregori beschleunigte seine Bewegungen.

»Hör auf, du tust mir weh.«

Er stieß fester zu, härter. Nannte sie seine süße Nutte, seine Hure, die durchgefickt werden müsste. Als er nach wenigen Augenblicken kam, stieß er den Kopf in den Nacken. Aber nicht aus Lust, sondern weil er einen Stich im Herzen spürte. Ein Blutgerinnsel an einer Engstelle des Herzkranzgefäßes hatte eine Durchblutungsstörung verursacht, woraufhin das Organ hektisch zu schlagen begann. Gregori richtete sich auf, kniete zwischen Nadjas weit gespreizten Beinen und fasste sich an die Brust.

»Scheiße.«

»Was ist?«

»Ich kriege … keine Luft …«

»Gregori!«

»Ein Arzt. Ich brauch einen Arzt. Scheiße, ich brauch einen Arzt. Ruf Mikail an. Er muss mit dem Hubschrauber zurückkommen.«

Schweiß lief ihm übers Gesicht. Und während sein Kreislauf langsam kollabierte, erbrach Gregori sich. Nadja würgte angesichts des gelblichen Breis, der bitter und sauer roch, rutschte von Gregori weg, soweit es die Fesseln zuließen.

»Gregori, ich ruf den Hubschrauber. Aber du musst zuerst die Handschellen lösen.«

Gregori sah zu dem kleinen Schlüssel hin, den er auf den Nachttisch rechts neben dem Bett gelegt hatte. Er wollte schon danach greifen, hielt dann aber inne. Direkt neben dem Schlüssel stand die Flasche Dom Perignon. Und Nadjas Glas, in dem feine Kohlensäureperlen nach oben taumelten. Er zögerte.

»Gregori, was ist? Mach die Handschellen los!«

Er hatte getrunken. Nadja nicht. Obwohl sie sonst auf Champagner versessen war. Vor allem vor und während des Sex.

»Gregori. Bitte.«

Mit einem Mal schien er zu verstehen, was mit ihm passierte. Und da fiel auch schon sein Schwanz ängstlich in sich zusammen. Gregori deutete auf die Flasche Dom Perignon.

»Der Champagner.«

»Was ist damit?«

»Was hast du gemacht?«

»Was soll ich gemacht haben?«

Er schlug ihr ins Gesicht.

»Gregori! Bitte, sei vernünftig. Mach mich los. Du brauchst einen Arzt, sofort!«

Er krümmte sich, atmete stoßweise. Sein Kopf wurde puterrot, die Augen traten aus den Höhlen hervor.

»Vielleicht hat Mikail …«

Noch ein Schlag ins Gesicht. Es tat nicht weh, weil er kaum noch Kraft hatte.

»Mikail? Mikail und ich würden füreinander sterben, du verdammtes Miststück. Warum hast du das getan?«

»Beruhige dich, Greg, bitte. Schließ die Handschellen auf, ich rufe einen Arzt, und alles wird gut.«

Ein bitteres, höhnisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.

»Warum?«, krächzte er. »Wir wollten doch …«

Sollte sie es ihm sagen? Warum eigentlich nicht? In wenigen Sekunden würde er ohnehin sterben. Es ihm zu sagen würde ein letzter Triumph sein.

»Du weißt, warum ich das tue. Nicht wegen der Schläge oder weil du ein verkommener Lügner und Betrüger bist. Noch nicht mal wegen deiner perversen Sexfantasien.«

»Wegen Anais?«

Nadja sah ihn unbewegt an.

»Erinnerst du dich an die Schlange, die ich dir im Zoo gezeigt habe? Es war eine Viper. Das Besondere an der Viper ist ihr Gift, es wirkt hämotoxisch und zerstört die Blutzellen durch differente Proteasen. Weißt du, was Proteasen sind? Nein, es ist auch nicht mehr wichtig. Die Folge sind sehr schmerzhafte Blutungen in der Haut, in Nasen- und Mundhöhle und vor allem auch in Darm und Gehirn der Beutetiere. Sie wirken lähmend, weshalb du mich jetzt auch nicht mehr angreifen kannst. Spürst du es?«

Gregori versuchte, die Arme zu bewegen, ließ es aber sofort sein, weil die Muskeln zu sehr schmerzten.

»Das wirklich Besondere an dem Gift«, fuhr Nadja fort, »sind allerdings die Proteine, die die Blutgerinnung unterdrücken und damit zu einer Thrombose führen.«

»Wenn ich …«

Weißer Schaum füllte seinen Mund aus und tropfte von den Lippen herab. Sein Blick brach. Und dennoch schien es, als würde er sich mit letzter Kraft noch einmal aufrichten.

»Wenn ich … hier abkratze, wirst du mit mir abkratzen und dann …«

Er grinste bitter, griff nach dem Handschellenschlüssel, führte ihn zum Mund und verschluckte ihn. Dann fiel er vornüber, landete ungelenk zwischen Nadja und dem Nachttisch.

Als Nadja das sah, schrie sie auf.

 

2

Sie waren alle gekommen. Marlene Albers, seine Ex-Frau Heidi und sogar sein Sohn Jonas, der nach einer kurzen Phase der Entspannung wieder dazu übergegangen war, ihn zu hassen. Und natürlich die Kolleginnen und Kollegen von der Konkurrenz, die gehofft hatten, den Preis zu erhalten oder, wenn nicht das, zumindest den Gewinner schmähen zu können. Sie saßen in den ersten drei Reihen des Kongresssaals im Hotel Pullman Schweizer Hof in Berlin. Einige hatten das gewohnt falsche Lächeln wie Rouge aufgelegt, ein paar andere waren selbstlos und freuten sich, wiederum andere machten keinen Hehl aus ihrer Missbilligung und Verachtung. Ausgerechnet David Berkoff, der mit fragwürdigen Methoden recherchiert hatte und in den Tod mehrerer Menschen verwickelt war, wurde mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet.

Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit, hatte Otto Brenner, der 1972 verstorbene Vorsitzende der IG Metall, gesagt. Nach ihm war der Preis benannt, den David Berkoff nun für die Aufdeckung eines Komplotts um die Rosenholz-Dateien erhielt.

Die Laudatio, die Marlene Albers, Chefredakteurin des Magazins Die Woche hielt, entsprach den Erwartungen. Wer in den ersten beiden Reihen saß, tat aus Respekt so, als würde er interessiert zuhören. Ab der dritten Reihe wurden auf den Smartphones Mails, Artikel und Facebook gecheckt.

»Die Jungen lesen keine Zeitung mehr, und die Alten fragen sich, ob wir sie überhaupt noch sehen. In spätestens fünf Jahren wird die Presselandschaft wie ein Friedhof aussehen. Natürlich werden ein paar von uns überleben, die Großen, die genug Geld mit anderen Geschäften verdienen. Oder die einen Mäzen wie Jeff Bezos haben, der sich die Washington Post hält, wie Könige sich früher Dichter und Komponisten zu ihrer Zerstreuung gehalten haben.«

In diesem Tenor ging es noch eine Viertelstunde weiter. Ein wenig Lamento, dann Kritik an Google, Facebook und Co. und das Hohelied auf den Qualitätsjournalismus. Als Marlene zum Schluss den Journalisten die Heisenberg’sche Unschärferelation zu studieren empfahl, wonach ein beobachtetes Objekt durch die Anwesenheit des Beobachters verändert wird, driftete Berkoff in Gedanken weg. Er dachte daran, dass der Rummel um seinen letzten Scoop langsam verklang, er nicht mehr in Talkshows eingeladen wurde, die Interviewanfragen inzwischen nur noch von Käseblättern kamen und sich daher erste Entzugserscheinungen einstellten. Er war so sehr in diese Gedanken vertieft, dass er nicht hörte, wie Applaus aufbrandete, weil sein Name genannt wurde. Heidi musste ihm erst den Ellbogen in die Seite stoßen, um ihn aus seinen Gedanken zu wecken.

»Los, auf die Bühne«, zischte sie lächelnd. »Und bedanke dich bei all den Kollegen, die den Preis nicht bekommen haben, obwohl sie ihn verdient hätten.«

David erhob sich, umarmte seine Ex-Frau und zwinkerte Jonas zu, der an seinem Smartphone klebte und keine Reaktion zeigte. Dann ging er langsam die Stufen zur Bühne hoch, küsste Marlene auf die Wangen und nahm die Trophäe entgegen. Eine schmucklose Glasscheibe, darauf sein Name, der Name des Stifters und der Hinweis, dass es sich um den 1. Preis handelte. David warf einen kurzen Blick darauf, bevor er ans Mikrofon trat.

Und bedanke dich bei all den Kollegen, die den Preis nicht bekommen haben, obwohl sie ihn verdient hätten.

Heidis Ermahnung echote noch in seinen Ohren. Es wäre ein Zeichen der Höflichkeit gewesen, eine Unterwerfung unter die Regeln einer verabredeten Etikette. Deswegen steckte ein Zettel in der rechten Tasche seines Jacketts, auf dem stand, dass er nicht besser sei als die Kollegen, die den Preis nicht erhielten, dass er sich vor ihnen verneige und dass ihr Engagement für jeden im Saal ein Antrieb sei, als Journalist noch besser, noch gründlicher und noch inspirierter zu arbeiten. Wenn er den Zettel jetzt aus der Tasche nahm, könnte er davon erzählen, dass die Arbeit des Journalisten eine ernste und wichtige Angelegenheit sei, um die Mächtigen, die Rücksichtslosen, die Lügner und Betrüger im Zaum zu halten und sie zu entlarven. Das Hohelied auf die vierte Gewalt im Staat. Eben all das, was man in so einem Moment sagt und was deshalb schon Hunderte Male gesagt wurde. Er sah ins Publikum, sah die erwartungsvollen Gesichter derer, die sich freuten, und derer, die ihn für ein Arschloch hielten. Weit hinten stand ein Mann, den er von Fotos kannte und der nicht in diesen Kreis passte. Er hieß Mikail Gerkin.

Es gab zwei Gründe, warum Gerkin hier sein konnte. Erstens, er würde Berkoff eine Nachricht übergeben, die den Beginn des nächsten Scoops bedeutete. Ein Scoop, der aufsehenerregender war als alles, was er in den letzten Jahren geschrieben hatte. Zweitens, Gerkin würde ihn bis in die Tiefgarage verfolgen und dort mit einem feinen Draht erwürgen. Was soll’s, dachte er, in einer Stunde werde ich es wissen. Jetzt war erst mal seine Rede dran.

»Liebe Freunde, Kollegen, Jury, ich möchte mich an dieser Stelle zuerst bei den beiden Frauen bedanken, die mir in den letzten Monaten das Leben gerettet haben und somit schuld daran sind, dass ich diesen Preis erhalte. Meine Ex-Frau Heidi, die dafür gesorgt hat, dass ich nach einer Überdosis nicht abgekratzt bin, und die mir gesagt hat, dass ich tatsächlich der Vater eines wunderbaren jungen Mannes namens Jonas bin.«

Jonas zeigte ihm den Finger, während er sich weiterhin seinem Smartphone widmete.

»Dann bedanke ich mich natürlich bei Marlene Albers, die mich während meiner Recherchen fallen ließ, um mich zu retten, als ich wieder mal knietief in der Scheiße gestanden habe. Danke, Marlene, für deine Unterstützung, deine Kraft und deine unmoralischen Verbindungen ins Innenministerium.«

Höflicher Applaus.

»Und zuletzt bedanke ich mich bei der Otto-Brenner-Stiftung, die seit Jahren den Kopf einzieht und so tut, als würde sie die Tapferen ermutigen und die Aufrechten mit Preisen bedenken.«

Smartphones verschwanden in Taschen, Mails, SMS, Nachrichten mussten warten. Was hatte Berkoff eben gesagt?

»Dabei vergessen wir alle, wo das eigentliche Problem liegt. Der Journalismus stirbt. Aber nicht, weil die Jugend nicht mehr liest, wie meine Chefin meint, sondern weil sich eine verdammte Eierlosigkeit breitmacht. Weil sich niemand traut, den großen Unternehmen in den Arsch zu treten. Denn sonst kommen unsere Chefs und verweisen darauf, dass wir die Werbegelder brauchen und die heimische Industrie nicht schwächen dürfen und deswegen mit VW, Mercedes, den Banken, der Pharmaindustrie nicht so streng sein sollen. Immerhin gehört uns jetzt Monsanto. Und es gibt die Eierlosigkeit, weil unsere Artikel daran gemessen werden, wo sie im Ranking ganz oben stehen, gleich nach den Katzenvideos und vor den Videos von grässlichen Unfällen. Und weil unsere Chefs sich mehr für die Winterreifen ihrer Porsches interessieren als für die Aufdeckung der üblichen Schweinerein. Und nicht zuletzt, weil für manche von uns sonst die Umschläge mit den Hundertern ausbleiben. Deswegen sind wir harmlos und bequem geworden, sind mit Politikern per Du und verstehen ihre Nöte. Treffen sie in der Sauna und der Businessclass. Freuen uns, wenn wir ganz nahe bei ihnen sein dürfen, und schreiben artige Artikel.«

Verblüffte Gesichter. Verunsichertes Lachen. Die ersten Buhs. Rachitischer Applaus.

»Wir sind keine Lügenpresse, wir sind eine mutlose Presse.«

Marlene schüttelte den Kopf, senkte ihn, als wollte sie in Deckung gehen vor dem, was nun noch kommen würde. In der Jury, die in der ersten Reihe saß, entstand erheblicher Bluthochdruck. Sie hatten es befürchtet, und jetzt wurde es bestätigt. Ja, es war ein Fehler gewesen, David Berkoff den Preis zu geben.

Es ist leicht, sich Feinde unter denen zu machen, gegen die man kämpft. Es ist mutig, sich unter denen, die auf derselben Seite stehen, Feinde zu machen, indem man ihnen widerspricht und sie auf ihre Schwächen und Fehler hinweist, hatte Hunter S. Thompson gesagt. Oder war es Rousseau gewesen? Egal. In den Sturm der Empörung hinein, der sich langsam auch bei denen aufbaute, die ihn eigentlich bewunderten, holte er zum finalen Rundumschlag aus.

»Und deswegen, liebe Freunde, deswegen werde ich die 10.000 Euro Preisgeld an Facebook spenden. Hallo, Mark Zuckerberg! Die Spende ist mit der Auflage verbunden, all das, was du ohnehin machst, noch ein bisschen schneller zu machen, nämlich die fetten, satten, trägen Zeitungsverlage vor dir her zu treiben.«

Als Berkoff diesen Satz grinsend ins Publikum rief, war die Preisverleihung schneller als üblich beendet. Jury und Stifter eilten in einen Nebenraum, wo sie vermutlich überlegten, wie sie David Berkoff den Preis wieder aberkennen könnten.

Berkoff zog sich mit den beiden Frauen und seinem Sohn an die Bar zurück, wo er seinen Auftritt mit einer Magnumflasche Champagner feierte. Marlene nahm die Situation mit fatalistischer Todesverachtung, die zur Grundausstattung einer Chefredakteurin gehört, Heidi wunderte sich nicht, weil sie David nicht anders kannte, und Jonas sah sich darin bestätigt, dass sein Vater ein Kotzbrocken war.

»Die hassen dich alle«, sagte er verächtlich.

»Das will ich doch hoffen.«

»Und darauf bist du stolz?«

Als eine Kollegin auf ihn zustürmte und ihm ihr Glas Rotwein ins Gesicht schüttete und sagte, sie habe noch nie Geld für einen Artikel bekommen, nahm Berkoff es mit einem Lächeln. Heidi und Jonas mussten zurück nach Boston fliegen, was Jonas nur recht war. Er machte noch einmal klar, dass Berkoff sich nicht bei ihm zu melden brauche und schon gar nicht, um eine Tour entlang der amerikanischen Westküste zu machen. Berkoff versprach trotzdem, in den nächsten Ferien nach Boston zu kommen, eine 61er Corvette C1 Convertible zu mieten, und dann würde man sehen. Und dann waren er und Marlene allein.

»War das nötig?«

»Ich hab ein Zimmer gebucht.«

»Das ist nicht die richtige Antwort auf meine Frage.«

»Nein? Ist es nicht so, dass der Held den Ruhm, das Geld und die Frauen kriegt?«

»Welcher Held?«

Der Mann aus der letzten Reihe kam auf Berkoff zu. Er blieb vor ihm stehen und drückte ihm einen Zettel in die Hand. Ein kurzer Blickkontakt, dann verschwand er wieder. Berkoff überflog den Zettel. Marlenes Blick war eine einzige große Frage.

»Wer war das denn?«

»Mikail Gerkin.«

»Mikail Gerkin ist die rechte Hand von …«

»Gregori Arkadin.«

Berkoff reichte ihr das Stück Papier. Marlene las.

»Bist du jetzt völlig verrückt geworden?«

Lucas Grimm ist das Pseudonym eines erfolgreichen Drehbuchautors, der sein Leben jahrelang als Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Entrepreneur gefristet hat. Nach einem Schicksalsschlag ist er mehrere Monate durch Amerika, Indien, Tansania und Israel gereist und hat begonnen zu schreiben. 2017 erschien sein erster Roman »Nach dem Schmerz«

Lucas Grimm über seinen Debüt-Roman, den Thriller »Nach dem Schmerz«

Herr Grimm, in Ihrem deutsch-deutschen Thriller geht es um Daten, für die sich seit der Wendezeit viele Geheimdienste interessiert haben und offensichtlich immer noch interessieren… Eine wahre Begebenheit?
Die Rosenholzdateien gibt es tatsächlich. Sie enthalten unter anderem die Klarnamen von Politikern, Journalisten und Unternehmern, die vor 1989 im Westen für die Stasi spioniert haben. Bis heute wird der vollständige Zugang zu den Akten durch die Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) blockiert.

Die Frage, die der Roman stellt, ist real: Warum werden diese Akten nicht freigegeben? Warum wird eine Forschungsgruppe aufgelöst? Was weiß der Verfassungsschutz über ehemals Westdeutsche, die in den Akten genannt werden? Was weiß der russische Geheimdienst FSB darüber? Wieso hält die CIA Akten von nichtdeutschen Personen aus dem Westen, die für die Stasi spioniert haben, zurück? Welche Rolle spielen bis heute Stasi-Seilschaften? Alles Fragen, die vermuten lassen, dass hier ein Komplott verborgen liegt, und unter Umständen Politiker in Deutschland bis heute erpressbar sind.

Die Cellistin Hannah Gold ist eine bemerkenswerte Protagonistin, ihre Musik spielt eine große Rolle im Roman. Wie ist die Figur entstanden?
Hannah Gold sollte von Anfang an eine Person sein, die an den Folterungen, die sie in der Kindheit erlitten hat, nicht zerbricht. Sie gehört somit zu den besonderen Heldinnen, über die ich schreibe. Das Cello und die Musik, gerade J. S. Bach, sind der emotionale Gegenpool zur Gewalt, die in dem Roman vorkommt.

Meine Recherche hat mich zu Martin Menking und Solène Kermarrec von den Berliner Philharmonikern geführt. Vor allem von Frau Kerrmarec habe ich sehr Persönliches über die Arbeit und die Gedanken einer Cellistin erfahren. Dazu kamen die Biographien von Jaqueline du Pré und der Pianistin Hélène Grimaud, die mir einen Einblick in die verwundete und abgründige Seele einer Musikerin ermöglichten.

Sie sind Autor erfolgreicher Kino und TV-Filme. Was hat Sie dazu bewogen, mit »Nach dem Schmerz« Ihren ersten Thriller zu schreiben? Werden Sie weitermachen?
Fernsehen und Kino sind in einem engen thematischen Korsett gefangen. Dazu kommt die Hoheit der Redaktionen, die eine unsichtbare inhaltliche und formale Zensur vornehmen. Als Drehbuchautor hast du schon von vornherein die Schere im Kopf: Was kann ich erzählen und was nicht.

In der Welt der Literatur gibt es da weit weniger Einschränkungen, ja sogar von Seiten der Verlage eine Neugier auf ungewöhnliche, mutige und universelle Geschichten. Derzeit schreibe ich den zweiten Roman um den Journalisten David Berkoff, der hier mit einer abgründigen Heldin konfrontiert wird, wie man sie in Deutschland noch nicht gelesen hat.

Wird »Nach dem Schmerz« denn verfilmt?
Ja, es gibt schon recht konkrete Pläne. Näheres dazu bald.

Blick ins Buch
Nach dem SchmerzNach dem Schmerz

Thriller

Die gefeierte Cellistin Hannah Gold berührt die Menschen mit ihrer Musik, doch an sie selbst kommt nichts und niemand heran: Seit sie vor 25 Jahren gefoltert wurde, kann Hannah keinen Schmerz mehr empfinden. Die damals Siebenjährige wurde vor den Augen ihres Vaters, einem Staatssekretär im Wirtschaftsministerium der DDR gequält, um geheime Informationen aus ihm herauszupressen. Er schwieg - aber schwieg er mit Absicht, um den Preis ihres Lebens? Hannah hat ihren Vater nie wieder gesehen, bis er eines Abends plötzlich in einem ihrer Konzerte sitzt. Von da an wird sie in einen Strudel aus alten und neuen Machenschaften hineingezogen. Wird verfolgt, angegriffen, gejagt. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für sie, und sie begreift, dass es nur einen Ausweg geben kann: Sie muss hinter das Geheimnis ihres Vaters kommen.

Am Abend des 9. November 1989, als Tausende Berliner enthusiastisch die Grenzübergänge bestürmten und das Zentralkomitee der DDR sich in die Hose schiss und betete, dass der Sozialismus noch irgendwie zu retten sei, an diesem Abend wurde im Keller der russischen Botschaft Walter Golds rechte Hand durch einen Schlag mit einem fünfhundert Gramm schweren Hammer zertrümmert.

Kurz darauf klingelten zwei Mitarbeiter des KGB am Gartentor eines Hauses in der Wandlitzer Bonzensiedlung, in dem Walter Golds Tochter Hannah im ersten Stock in ihrem Zimmer saß und seit Stunden die Cellosuite No. 1 von Johann Sebastian Bach übte. Am kommenden Sonntag sollten bei einem großen Konzert die begabtesten Nachwuchstalente aus der Welt der klassischen Musik gekürt werden, und Hannah gehörte zu den allerbegabtesten.

Wer kann das an der Tür sein, dachte das siebenjährige Mädchen. Ihre Mutter würde nicht klingeln, denn sie lag in der Berliner Charité, wo sie sich von einer schweren Operation erholte. Ihr Vater war bestimmt noch im Ministerium, und ihren Bruder Orest wollte sie nicht wecken, weil er sie dann wieder ausschimpfen würde. Also stellte sie das Cello beiseite und rannte in ihren Hausschuhen die Treppe hinunter in Richtung Haustür. Dort legte sie die Kette vor, genau so, wie ihre Mutter es ihr gepredigt hatte, öffnete die Haustür einen Spaltbreit, sah zwei Männer und hatte augenblicklich Angst. Dunkle Mäntel, die Hüte tief in die Gesichter gezogen, grimmige Mienen. Der eine groß, mit fettigen Haaren und einer Narbe über der Nase, der andere klein, nervös und kahlköpfig. Außerdem fehlte ihm ein Schneidezahn.

»Dein Vater wartet auf dich«, sagte der Zahnlose.

»Beeil dich, wir haben keine Zeit«, drängte der mit der Narbe.

»Wo ist Papa?«

»Im Ministerium, jetzt mach schon.«

»Soll Orest auch mitkommen?«

»Nein.«

Es war nicht ungewöhnlich, dass Hannah und ihr Bruder noch spätabends abgeholt wurden. Ein ums andere Mal hatte ihr Vater sie in den vergangenen Wochen, seit er im Wirtschaftsministerium so fürchterlich viel zu tun hatte und ihre Mutter im Krankenhaus war, von einem Fahrer zu sich bringen lassen, damit sie und Orest ein ordentliches Abendessen bekamen. Aber die beiden Männer vor der Haustür gehörten nicht zu den Chauffeuren, mit denen sie sonst immer fuhren. Sie waren unfreundlich, und in ihren Stimmen lag ein harter Akzent. Während Hannah in der Tür stand, den Türgriff fest in der Hand, den Blick unschlüssig auf die Männer gerichtet, beugte sich der mit der Narbe zu ihr herunter.

»Dein Papa hat gesagt, du sollst dein Cello mitnehmen.«

»Warum?«, fragte Hannah.

»Weil du was vorspielen sollst. Und jetzt beeil dich. Du willst doch nicht, dass dein Papa warten muss, oder?«

Nein, das wollte sie nicht. Obwohl es seltsam war, dass sie Papa im Ministerium etwas vorspielen sollte. Das hatte sie noch nie gemacht. Aber Papa hat bestimmt einen Grund dafür, dachte sie. Also schluckte Hannah ihre Angst herunter, zog den blauen Mantel und die roten Stiefel an, verstaute das Cello in dem schwarzen Kasten, schulterte ihn und lief nach draußen. Auf halbem Weg hielt sie inne, rannte zurück, nahm ihre gelbe Baskenmütze und setzte sie auf. Die Haustür fiel mit dem vertrauten Rumpeln ins Schloss. Auf dem Weg zu dem schwarzen Wagen, mit dem die Männer sie abholten, drehte Hannah sich noch einmal bange herum, als wüsste sie, dass sie das Haus für lange Zeit nicht mehr sehen würde.

 

Teil Eins

1

In der Notaufnahme der Charité war nicht viel los an diesem 3. Oktober 2016, weshalb sich der Oberarzt viel Zeit nahm und David Berkoff einmal quer durch den Fuhrpark der medizinischen Technik schob. Modernstes EKG, Belastungs-EKG, Dopplerultraschall, Blutdruckmessung.

»Der Herzschlag entsteht durch ein elektrisches Signal des Sinusknotens im rechten Vorhof des Herzens. Dieser Sinusknoten ist gewissermaßen der Schrittmacher Ihres Herzens. Das elektrische Signal überträgt sich auf die Muskulatur der beiden Vorhöfe, die wiederum durch Kontraktion das Blut durch die Herzkammern pressen, und das haben die beiden Jungs bei Ihnen eine Zeit lang vergessen«, erklärte Dr. Braun, während auf einem Computer eine Animation des beschriebenen Vorgangs ablief.

David Berkoff nickte ungeduldig. Es interessierte ihn nicht, was in seinem Körper vor sich ging. Alles, was er hören wollte, war, dass er wirklich lebte – und es sich nicht nur einbildete.

»Sie sind Reporter«, sagte der Arzt.

»Ja.«

»Ich habe Sie schon mal im Fernsehen in einer Talkshow gesehen. Ist aber schon eine Weile her.«

»Fünf Jahre.«

»Sie arbeiten für ein Magazin.«

»Die Woche.«

»Was schreiben Sie?«

»Wen interessiert das schon?«

»Vielleicht habe ich etwas von Ihnen gelesen.«

»Und wenn, haben Sie es längst vergessen.«

Obwohl Berkoff sich alle Mühe gab, das Gespräch verhungern zu lassen, wollte der Arzt den halbwegs berühmten Patienten noch nicht von der Leine lassen.

»Weil es so schlecht war?«

»Nein, weil nichts, was ich schreibe, Bedeutung hat.«

»Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Schauen Sie, Herr Berkoff, ich habe vor zehn Jahren gelernt, einen Kehlkopfschnitt zu machen. Ich habe es nie anwenden müssen. Bis vor einer Woche. Ich war bei einem Gartenfest, und ein kleiner Junge hatte eine Wespe verschluckt. Man weiß nie, wozu etwas gut ist.«

»Ich gehe nicht auf Gartenfeste.«

»Haben Sie Preise gekriegt? Pulitzer oder so was in der Art?«

»Preise sind wie Hämorrhoiden. Früher oder später bekommt sie jedes Arschloch.«

Das Gespräch war mühsam gestartet und würde sich in aller Ewigkeit nicht mehr zu einem sinnvollen Gedankenaustausch entwickeln. Jetzt bemerkte das auch der Arzt. Er nahm einen weißen DIN-A-4-Umschlag von seinem Schreibtisch.

»Na, dann. Das sind Ihre Entlassungspapiere. Zeigen Sie sie Ihrem Hausarzt. Und reduzieren Sie Ihren Alkoholkonsum. Einen zweiten Herzstillstand überleben Sie vielleicht nicht.«

David Berkoff nahm den Umschlag entgegen, schüttelte dem Arzt die Hand und verließ die Rettungsstelle. Als er durch die gläserne Eingangstür trat und frische Luft einatmete, war er noch ein wenig wacklig auf den Beinen. Aber das würde sich geben, hatte die Zahnärztin, die ihn im Zug von Warschau nach Berlin reanimiert hatte, gemeint. Er setzte sich auf eine Bank rechts neben dem Eingang. War es unverschämtes Glück gewesen, oder war das Schicksal noch nicht mit ihm fertig und weder Gott noch der Teufel wollten ihn in ihren exklusiven Luxusresorts haben? Jedenfalls hatte im Speisewagen der Polnischen Staatsbahnen AG einen Tisch hinter ihm eine Zahnärztin gesessen, die wusste, was zu tun war, als er über einem Teller Borschtsch zusammenbrach. Sie ließ den Kühlschrank leer räumen, packte kalte Bierflaschen, Wodkaflaschen, tiefgefrorenes Convenience-Food auf ihn drauf, um seine Körpertemperatur herunterzufahren, stülpte ihren roten Mund über seinen und beatmete ihn. Zwischendurch schlug sie immer wieder auf seine Brust, dorthin, wo sein Herz saß, und brach ihm dabei eine Rippe. Aber immerhin erinnerte sich der Muskel in seinem Brustkorb an seine Aufgabe und sein Herz fing wieder an zu schlagen. Als Berkoff nach der Wiederauferstehung von den Toten die Augen öffnete, applaudierten die Kellner und die übrigen Gäste. Berkoff sah die Ärztin erstaunt an. Sie war hübsch, noch keine dreißig und trug keinen Ehering. Mit einem Lächeln, das er sich als eine Art Sesam-öffne-dich für Frauenherzen hätte patentieren lassen können, hielt er ihr seine Visitenkarte hin. David Berkoff, Reporter, Die Woche.

»Sie haben mir das Leben gerettet. Danke.«

»Nichts zu danken. Wenn Sie in Berlin sind, gehen Sie in ein Krankenhaus und lassen ein EKG machen. Nur zur Sicherheit. Und putzen Sie sich das nächste Mal die Zähne, bevor Sie einen Herzstillstand kriegen.«

Sie nickte kurz und verließ den Speisewagen. Den Satz vom Zähneputzen hatten natürlich auch die übrigen Gäste gehört, woraufhin das Wunder der Rettung nicht mehr ganz so romantisch strahlte. Berkoff setzte sich wieder an den Tisch und schrieb weiter. Es war ein Samstagabend. Er hatte zweiundsiebzig Stunden ununterbrochen gearbeitet, ab und an eine halbe Stunde geschlafen, außer billigem Rotwein und schlechtem Speed nichts zu sich genommen. Bis eben auf diesen Teller Borschtsch. Eine rote Suppe, die im Wesentlichen aus einem Fettauge so groß wie ein Bierdeckel bestand. Drei Tage zuvor war Walter Gold, der Mann, der vermutlich als Einziger wusste, wo sich die sieben fehlenden und hochbrisanten Rosenholz-Dateien befanden, in Moskau gesehen worden. Was wollte er dort? Und wieso lebte er, wo er doch 1995 von der russischen Regierung (oder dem, was sich damals Regierung nannte) für tot erklärt worden war? Berkoff hatte den nächsten Flieger in die russische Hauptstadt genommen, um von einem offiziellen Mitarbeiter des Innenministeriums für 3.000 Dollar die Gefangenenliste des Straflagers Krasnokamensk entgegenzunehmen. Krasnokamensk, nahe der Grenze zur Mongolei gelegen, berühmt geworden durch Michail Chodorkowski, der dort von 2005 bis 2006 interniert war. Angeblich war Gold vor siebenundzwanzig Jahren dorthin gebracht worden und dann nach ein paar Monaten verstorben. In den Listen tauchte sein Name jedoch nicht auf. Aber das musste nichts heißen, weil die Listen schlampig geführt waren und Gold ohnehin eine heikle Personalie war. Wenn er aber nicht tot war und wenn er nicht in Krasnokamensk war, wo hatte er sich die ganze Zeit über aufgehalten? Berkoff war von Moskau weiter nach Warschau geflogen, weil es hieß, Gold würde sich in der Villa des russischen Botschafters verstecken. Aber auch das stellte sich als eine tote Spur heraus. Inzwischen war Gold nach Informationen von CNN problemlos am Flughafen Tegel durch die Passkontrolle gekommen und in Berlin untergetaucht. Wieso Berlin? Berkoff wusste es nicht. Noch viel interessanter allerdings war die Frage, ob Walter Gold von den Toten auferstanden war, um die Rosenholz-Dateien aus ihrem Versteck zu holen und endlich zu Geld zu machen. Zu viel Geld. Da alle Flüge von Warschau ausgebucht waren, hatte er den Zug genommen.

Seit zehn Jahren war Berkoff nun schon hinter diesen Dateien her, hatte Ordner voller Material zusammengetragen, hatte mit Hunderten von Zeugen gesprochen, nur die dazu passende Story wollte und wollte nicht fertig werden. Aber jetzt, das spürte er, kam die Sache ins Rollen. Die Hyänen krochen aus ihren Höhlen, um die Beute heimzuholen. Gerade noch rechtzeitig, um ihn wieder ins Geschäft zu bringen. Er griff zum Handy.

»Berkoff. Ich bin Reporter bei der Woche. Kann ich Hannah Gold sprechen? Sagen Sie ihr, sie soll mich zurückrufen. Ich habe Informationen über ihren Vater.«

Vielleicht konnte er über die Tochter herausfinden, ob und wo der Alte sich in Berlin versteckt hielt. Es gab zwar auch noch einen Bruder namens Jakob Orest Gold, aber der befand sich passend zu seinem Namen seit Jahren in einem Sanatorium, in dem die psychiatrischen Ausfälle des besseren Teils der Gesellschaft entsorgt wurden. Berkoff hatte ihn vor zwei Jahren besucht und war von ihm verprügelt worden. Da war Hannah Iphigenie Gold mit Sicherheit der angenehmere Gesprächspartner, obwohl ihr der Ruf vorauseilte, mindestens »schwierig« zu sein. Auch das passte zu ihrem Namen. Wieso geben Leute, nur um ihren bildungsbürgerlichen Horizont zu beweisen, ihren Kindern Namen, für die sie in der Schule verprügelt und später verspottet werden, dachte er. Als er hörte, wie jemand seinen Namen rief, und aufblickte, kam ihm Marlene entgegen. Einen Meter achtzig groß, schwarze Haare, rotes Etuikleid, darüber ein grauer Mantel. Irgendeine Marke, die für einen kleinen Kundenkreis reserviert war. Als ob ein unsichtbarer Finger aus dem Himmel auf sie deuten würde, gab es niemanden, der ihr nicht hinterhersah, wenn sie eine Straße überquerte. Sie baute sich vor Berkoff auf, stützte die Hände in die Hüften.

»Wieso hast du einen Herzstillstand gehabt?«

Der Inhalt ihrer Frage klang nach aufrichtiger Sorge, der Tonfall eindeutig nach erboster Anklage. Berkoff versuchte sich mit Ironie vor dem Verhör zu retten.

»Ich hab so sehr an dich gedacht, dass mein Herz nicht mehr mitgemacht hat.«

»Du bist ein Idiot.«

Er erhob sich von der Bank, sie umarmten sich. Ein kurzer Kuss, dann nahm Marlene ihn an der Hand.

»Ich fahr dich nach Hause.«

»Nicht nach Hause. Lieber ins Hotel.«

Sie sah ihn überrascht an, als könnte sie nicht glauben, dass er das meinte, was mit »Hotel« für gewöhnlich gemeint war.

»Sicher?«

»Sicher.«

»Was ist passiert?«

»Erzähl ich dir während der Fahrt.«

David Berkoff und Marlene Albers waren drei Jahre lang verheiratet gewesen. Es war Berkoffs zweite Ehe. Die erste mit Heidi war nach der Geburt seines Sohnes Jonas in die Brüche gegangen. Wer ihn nach den Gründen fragte, bekam wie üblich die Sorte Antwort, mit der Berkoff nichts von sich verriet: »Moleküle zweier ungleicher Stoffe müssen sich so nahe kommen, dass eine chemische oder physikalische Verbindung stattfinden kann. Das gilt auch für menschliche Feststoffe. Zu Anfang führt sexuelle Begierde das Regiment, die in einer zweiten Phase von intellektueller Neugier abgelöst wird, die wiederum in den Wunsch nach der Sicherheit einer Familie mündet. Wenn Kinder auftreten, lässt die Adhäsion spürbar nach. Zuerst wird der Sex langweilig, weil beide Geschlechter ihre biologische Aufgabe erfüllt haben. Danach erlischt die intellektuelle Neugier. Wenn auch der Wunsch nach der vermeintlichen Sicherheit der Familie nicht mehr ausreicht, um zwei Menschen aneinander zu binden, lässt man sich am besten scheiden, bevor man sich gegenseitig die Köpfe einschlägt.«

Mit Marlene Albers gab es keine Kinder, keinen Wunsch nach materieller Sicherheit, keine eingeschlagenen Köpfe. Dass sie sich trotzdem scheiden ließen, lag an Berkoff. Er kam nicht damit klar, dass sie seine Chefin war. Und wenn sie über die Scheidung hinaus trotzdem aneinander festhielten, lag das einzig und allein an sexueller Begierde. Und die sollte nun in einem Hotel von der Leine gelassen werden.

 

2

Als Hannah Gold durch eine Tür an der Seite der Bühne ins Publikum sah, war es so still, dass sie das Atmen der mehr als fünfhundert Menschen wie eine einzige Welle zu hören glaubte. Ein unruhiges Anschwellen und Abschwellen eines in gespannter Erwartung verharrenden Bienenschwarms. Das Matinee-Konzert im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie war das vorletzte auf ihrer 2016-Tour durch Europa. Es würde ein Erfolg werden wie schon die Konzerte in Rom, Paris, Madrid und den vierundzwanzig weiteren Städten. Die Kritiker hatten sie überall begeistert gefeiert, ihr Spiel, ihre radikale Fusion von Klassik und moderner Unterhaltungsmusik in höchsten Tönen gelobt und dabei nicht vergessen, ihre Attraktivität zu erwähnen, als sei es ein Wunder, dass eine schöne Frau gleichzeitig auch eine gute Musikerin sein konnte.

Kurz bevor sie die Bühne betrat, zog sie den rechten Ärmel ihres langen, schwarzen Kleides über die Handgelenke. Sie wollte nicht, dass man die Narben sah, die sich von dort aus über den gesamten Körper ausbreiteten. Sie sah zu Sam, ihrer Managerin, die auf der Bühne stand und einen Moment wartete, bevor sie den Namen Hannah Gold ins Publikum warf. Gleich danach brach der Schwarm in einen Sturm der Begeisterung aus. Hannah nahm ihr Cello, machte den ersten, den schwierigsten Schritt und ließ sich dann vom Applaus zu dem Stuhl in der Mitte der Bühne tragen. Setzte sich. Nahm das Cello zwischen die Beine. Es war 1743 von Antonio Stradivari gebaut worden und trug den Namen Ruben, weil der berühmte Ruben Petrowitsch es von 1892 bis 1910 gespielt hatte. Danach war es für knapp einhundert Jahre verschwunden gewesen und erst 2008 auf abenteuerliche Weise wieder aufgetaucht.

Fünfhundert Augenpaare waren so erwartungsvoll auf Hannah gerichtet, als sei ihre Darbietung ein Altar, vor dem man niederknien musste. Hannah spannte ein letztes Mal den Bogen. Sie wusste, sie würde mit Bach beginnen, später vielleicht eine Wagner-Melodie aufgreifen, von dort zu Sinatra oder Elvis wechseln, bei den Beatles oder Rage Against the Machine landen. So machte sie es bei jedem Konzert. Nachdem sie das Publikum mit Klassik sediert hatte, schloss sie Musikstücke einfach zu neuen Kompositionen zusammen. Dafür wurde sie von einigen Puristen gehasst, niedergeschrieben und beleidigt. Aber das hinderte sie nicht daran, mit der unfreiwilligen Entschlossenheit, die einen gewissen Wahnsinn auszeichnet, weiterzumachen. Sie spielte nicht kalkuliert, nicht einmal bewusst, sie spielte, weil sie keine andere Möglichkeit hatte, die Dämonen in ihrer Seele zum Schweigen zu bringen. Wenn ihr jemand dabei nicht folgte, bekam derjenige Ärger. Vor Jahren hatte sie einen Mann, der während eines Konzertes deutliche Töne des Missfallens äußerte, an den Haaren aus dem Saal gezogen.

Jetzt schloss sie die Augen und sperrte die Welt aus. Hörte nichts, sah nichts. Rief Johann Sebastian Bach herbei. Bat ihn, seine Cellosuite No. 1 in G-Dur, Prélude & Tanzsätze, spielen zu dürfen. Nicht so, wie er sie geschrieben hatte, sondern so, wie er sie vielleicht heute schreiben würde. Für sie. Und nur für sie. Sie legte den Bogen auf die G-Saite, holte Luft, wartete, bis die Musik in ihrem Bauch zu schwingen begann, noch bevor sie den ersten Ton gespielt hatte. Dann stürmte sie über das Griffbrett des Cellos, schlug, trommelte mit den Fingern der linken Hand, glitt die Saiten rauf und runter. Die blonden Haare flogen, ihr Oberkörper schaukelte vor und zurück, sie zuckte, flüsterte, schüttelte den Kopf, als würde sie sich über einige Noten wundern. Sie lächelte bei einem Arpeggio, stöhnte bei einem Tonsprung, flüsterte und summte. Und dann blutete plötzlich ihr linker Daumen, weil die Umwicklung der G-Saite sich an einer Stelle aufgestellt hatte. Rote Schlieren schwammen auf dem Griffbrett, ein dünnes Rinnsal lief an ihrem Handgelenk herab und verschwand unter dem Ärmel ihres Kleides. Hannah bemerkte es nicht, weil sie sich in diesen Momenten aufgab und von Glück reden konnte, wenn sie nach einem Konzert noch wusste, wer sie war und wo sie war.

Zu Anfang ihrer Karriere war sie von der Kritik belächelt worden, weil sie Jimi Hendrix zu ihrem Vorbild erklärt hatte. So wie er in Woodstock die amerikanische Nationalhymne umgedeutet hatte, wollte sie die Klassiker aus der musealen Gruft der Heiligkeit holen und ihnen neues Leben einprügeln. Ihr Leben. Zu dieser Zeit hatte sie vor halb leeren Gemeindehäusern und in Provinztheatern gespielt. Manchmal hatten sie und Sam sogar durch Hintereingänge vor ein paar aufgebrachten Besuchern fliehen müssen. Im Laufe der Zeit aber wurden die Kritiker müde, langweilten sich an den eigenen Verrissen und vergaßen, sie überhaupt noch zu erwähnen. Erst als der berühmteste von ihnen Hannah einen Tag lang begleiten durfte, sie ihn in einem billigen Hotel vögelte, wo er während des Orgasmus in Tränen ausbrach, beschrieb er in einem hymnischen Artikel Hannahs Spiel als Theophanie. Ein wütender Gott spricht durch Hannah Gold und führt uns, wenn wir bereit sind zu hören, zum innersten Wesen der Kunst, der Erweckung der Seele. In den nächsten Wochen wechselten auch die anderen Kritiker die Seiten. Von da an wurde sie zur Heiligen erklärt, zur Jeanne d’Arc des Cellos, zur Marianne auf den Barrikaden des verknöcherten Musikbetriebes. Hannah nahm die Übertreibung hin, wie sie vorher die Verrisse und Beleidigungen hingenommen hatte: mit Desinteresse und Gleichgültigkeit. Als sie in der Mitte des Préludes ankam, geschah das, was immer bei der No. 1 geschah. Hannah tauchte ein in den Moment vor siebenundzwanzig Jahren, sah einen stummen Film, als wäre es gestern gewesen. Die Fahrt in dem schwarzen Wagen. Die beiden Männer vorne. Ein wulstiger Nacken und fettige Haare, Schuppen wie ein Ausschlag. Sie rauchen. Reden russisch. Hören nicht, wenn sie sagt, dass sie pinkeln muss, weil sie so aufgeregt ist. Sagen, dass sie es einhalten soll, weil sie ja bald am Ziel sind. Sie fahren nicht zum Handelsministerium in der Straße, deren Namen sie sich nicht merken kann. Sie biegen rechts ab statt links. Ein graues Gebäude. Später wird sie herausfinden, dass es die russische Botschaft war. Eingang in der Behrenstraße. Sie erreichen ein großes Tor, das sich automatisch öffnet. Fahren in eine Garage, die unter der Erde liegt. Hinein in eine kalte Dunkelheit, die nur von den Scheinwerfern des Wagens erhellt wird. Lichtbalken, die über andere Autos hinweghüpfen und zuletzt einen Aufzug erfassen. Der Wagen hält an. Die beiden Männer steigen aus. Der Große nimmt das Cello, der Kleinere packt sie an der Hand, zieht sie mit sich. G-Dur mit den berühmten Arpeggien, Abwandlungen und kontrastierenden Einschüben. 4/4-Takt, 42 Takte, Septakkorde und am Ende G-Dur. Ein Zimmer im ersten Stock. Sie soll warten, bis sie abgeholt wird. Neonröhren an der Decke. Ihrem Vater etwas vorspielen. Sie übt noch einmal das Stück, das sie den ganzen Abend geübt hat. Dann wird sie in ein zweites Zimmer geholt. Ein Tisch, mehrere Stühle. Drei Männer. Ihr Vater auf einem der Stühle, gefesselt. Den Kopf auf der Brust, Blut auf dem weißen Hemd. Sie erschrickt. Papa? Was ist mit dir? Keine Antwort. Weiter in dem Prélude. Jetzt der lange bariolageartige Abschnitt. Die chromatische Tonleiter. Über eine Oktave. Setz dich dahin, sagt einer der Männer. Sie kennt ihn, hat ihn schon einmal gesehen, er hat ihren Papa beschützt, als Demonstranten sie im Wagen attackiert hatten. Jetzt greift er in Papas Haare, reißt ihm den Kopf hoch. Ich höre, sagt er. Papa blinzelt ihn an. Sie sieht, dass seine Nase schief steht und ein Auge zugeschwollen ist. Warum haben die ihren Papa geschlagen? Ich höre! Schreit der Mann. Papa schweigt. Zweiter Satz, der erste der fünf Tanzsätze. Allemande, hervorgegangen aus dem mittelalterlichen Reigen. Auch 4/4-Takt, 32 Takte, ebenfalls G-Dur. Sechzehntel. Der Dreiklang G-D-H. Die berühmten Ornamentierungen mit ihren kleinen melodischen Figuren. Schau mal, wer da gekommen ist, sagt der Mann und deutet auf sie. Papa dreht langsam den Kopf, sieht sie erst jetzt, zuckt zusammen. Nicht Hannah, sagt er, lasst meine Tochter in Ruhe. Sie hat nichts damit zu tun. 2. Tanz Courante, 3/4-Takt, 42 Takte. Auch G-Dur. Schneller als Allemande. Zweiteilige Symmetrie, Achtel in großen Intervallsprüngen, Sechzehntel als Tonleiter. Wir lassen sie gehen, wenn du uns den Code gibst, brüllt der Mann. Ich weiß den Code nicht, sagt Papa. Sie fühlt, wie das Pipi an ihren Beinen hinabläuft, in die Strümpfe und die Stiefel einsickert. Du weißt den Code nicht, wiederholt der Mann. Der dritte Tanz, Sarabande, Betonung der ersten und zweiten Zählzeit, danach Punktierung, 3/4-Takt, 16 Takte, wie schon zuvor G-Dur, langsam, getragen. Gebrochene Akkorde und Mehrstimmigkeit, Triller im zweiten Takt. Er kommt langsam auf Hannah zu, nimmt ihr Kinn in die linke Hand und schlägt mit der rechten Faust zu. Oktavsprünge, die rückkoppeln, an die Wände prallen, zurückgeworfen werden wie Hiebe. Menuett 1, 3/4-Takt, 24 Takte, immer noch G-Dur, tänzerisch und bewegt. Gleich danach Menuett 2, 3/4-Takt, 24 Takte, g-Moll, weniger zügig als Menuett 1, fließend. Ein zweiter Faustschlag, der ihren Kieferknochen bricht. Und dann die Gigue, vom französischen giguer, herumtollen. 6/8-Takt, 34 Takte. G-Dur, schnell lebhaft. Blut fließt aus ihrem Mund. Sie stöhnt. Die Trennung von Körper und Seele. Und die Entfernung beträgt siebenundzwanzig Jahre.

Als der letzte Ton im Kammermusiksaal verklungen war, dauerte es eine Weile, bis Hannah die Augen öffnete und sich erinnerte, wo sie war. Sie stand auf, ließ den Applaus wie einen unabwendbaren Sturm über sich ergehen, verbeugte sich höflich und sah ins Publikum. Immer noch verwirrt, aber erleichtert. Irgendwann später, lange nach dem Ende des Konzertes, würde sie lächeln können, das wusste sie. Sie verbeugte sich erneut, und als sie aufsah, stand in der siebten Reihe ein Mann, den sie kannte und von dem sie wusste, dass er dort nicht stehen konnte. Groß, hager, weißhaarig. Er applaudierte nicht, schaute sie an, lächelte. Hannah begann im selben Moment zu frieren, als wäre sie durch eine Eisdecke hindurch in einen See gesprungen. Und nach einem Augenblick der Erstarrung, als ihre Muskeln wieder gehorchten, wandte sie sich ab und floh von der Bühne.

 

3

»Schon wieder? Ich habe ihnen versprochen, dass du Interviews gibst, dass du mit Kritikern sprichst und dass du Zugaben spielst. Und vor allem habe ich ihnen versprochen, dass du nicht einfach so die Bühne verlässt, während die Leute da draußen sich die Hände wund klatschen.«

Sam warf die Garderobentür zu. Sie war außer sich. Zwei Monate hatte sie damit verbracht, den Vertrag für die neue CD auszuhandeln, und dabei den Leuten bei Apple hoch und heilig geschworen, dass Hannah ihre Allüren abgelegt habe.

»Musik ist ein Geschäft, Hannah. Und das weißt du. Es genügt nicht, außergewöhnlich gut zu spielen und Preise zu gewinnen. An der Spitze, dort, wo das Geld verdient wird, gibt es zu wenig Platz.«

»Hast du den Mann im Publikum gesehen?«, fragte Hannah mit zitternder Stimme.

Sam hörte die Frage nicht. Sie war zu sehr in ihren Zorn abgetaucht.

»Also braucht der Künstler neben Talent noch die stählerne Freundlichkeit eines Entertainers und die Fähigkeit seines Agenten, wie zum Beispiel ich es bin, ihn gut zu vermarkten.«

»Hast du den Mann in der siebten Reihe gesehen?«

»Hörst du mir zu, Hannah?«

»Hast du ihn gesehen?«, schrie Hannah.

In Hannahs Augen stand helle Panik geschrieben. Und jetzt bemerkte Sam, dass es sich bei der Flucht von der Bühne nicht um eine Laune gehandelt haben konnte. Siebte Reihe. Die letzte Reihe der männlichen Fans. Die Verehrer, die Hannah im besten Fall Liebesbriefe schrieben und Heiratsanträge machten und im schlimmsten sich selbst als Sexobjekte anboten für jede erdenkliche Art von Perversion. Die meisten dieser Fans kannte Sam. Sie verfolgten Hannah von Konzert zu Konzert und waren polizeilich registriert worden. Bei diesem Konzert waren ein paar Neue dabei gewesen. Und einer von ihnen hatte nicht in die Reihe gepasst. Der Mann war älter, vielleicht siebzig Jahre alt.

»Was ist mit ihm?«

»Er ist es.«

Sam erinnerte sich. Er hatte das ganze Konzert hindurch unbeweglich auf seinem Platz gesessen, hatte Hannah fixiert, als wollte er sie hypnotisieren. Und er hatte nicht applaudiert. Kein einziges Mal. Nur sanft gelächelt. Sam hatte sich das Gesicht merken wollen. Aber dann war Hannah von der Bühne gestürmt und trotz des frenetischen Applauses nicht wiedergekommen, und Sam hatte den Mann vergessen.

»Nicht schon wieder, Hannah. Wer auch immer er ist. Er ist nicht dein Vater. Dein Vater ist seit einundzwanzig Jahren tot.«

Hannah hatte Sam zu Anfang ihrer Zusammenarbeit erzählt, dass sie einen Brief vom russischen Innenministerium erhalten hatte, in dem ihr mit knappen Worten der Tod ihres Vaters am 19. Januar 1995 mitgeteilt worden war. Herr Walter Gold, geboren am 5. März 1933 in Berlin, ist bei einem Betriebsunfall im Straflager JaG 14/10 in Krasnokamensk ums Leben gekommen. Die Leiche kann aus rechtlichen Gründen nicht nach Deutschland überstellt werden. Die Feuerbestattung fand am 21. Januar 1995 statt.

»Er ist es, ich schwöre es dir.«

»Das sagst du jedes Mal, wenn da ein Kerl auftaucht, der älter als siebzig ist und seltsam aussieht.«

»Aber diesmal stimmt es.«

Sam nahm Hannahs linke Hand, sah den tiefen Riss im linken Daumen der Griffhand.

»Und das hier?«

Hannah schaute ihre Hand an, als sei sie ein Fremdkörper oder würde zu jemand anderem gehören.

»Du weißt doch, es tut nicht weh.«

»Ja, das weiß ich. Aber was ist mit dem Abschlusskonzert morgen in Frankfurt? Du kannst so nicht spielen.«

»Wieso nicht? Natürlich kann ich spielen.«

»Wo ist das Desinfektionszeug?«

»Da drüben.«

Hannah deutete auf eine Schublade unterhalb des Schminkspiegels. Sam nahm das Desinfektionsmittel, setzte sich Hannah gegenüber auf einen Stuhl und reinigte die Verletzung.

»Du hast deinen Vater seit siebenundzwanzig Jahren nicht gesehen. Das Bild, das du von ihm hast, hat nichts mit der Realität zu tun. Da draußen hat ein Mann gesessen, der dich an deinen Vater erinnert. Das ist alles.«

»Diesmal ist es anders.«

»Und was ist mit dem Totenschein? Da steht schwarz auf weiß, dass er bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.«

»Vielleicht ist er gefälscht. Oder sie haben ihn mit jemandem verwechselt.«

Sam verband die Wunde und wischte das Blut von Hannahs Arm. Sie sah sie eindringlich an.

»Dann erklärst du mir bitte, wieso er in einem Konzert auftaucht. Wieso hat er dich nicht vorher angerufen? Wieso hat er sich nie gemeldet?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und selbst wenn er noch lebt. Mehr als einundzwanzig Jahre in einem russischen Arbeitslager zerstören einen Menschen. Du würdest ihn nicht mal erkennen, wenn er hier vor dir stehen würde.«

Hannah ließ den Kopf sinken. Ja, Sam hatte recht. Hannah wusste es. Es war unvernünftig zu glauben, dass ihr Vater im Publikum gesessen hatte. Und auch wenn sie noch nicht ganz sicher war, wollte sie nun, dass Sam recht hatte. Einfach, damit sie sich nicht länger mit dem Gedanken auseinandersetzen musste. Sie nickte ihrer Managerin zu.

»Es kann irgendjemand gewesen sein«, sagte sie leise.

»Siehst du.«

Ein hartes Klopfen an der Tür. Sam sprang vom Stuhl auf.

»Das sind die iTunes-Leute. Bist du okay, oder soll ich alleine …?«

»Nein, alles okay.«

»Wirklich?«

Hannah nickte erneut.

Sam ging zur Garderobentür, öffnete sie mit einem energischen Schwung. Ein Mann stand davor, ungefähr siebzig Jahre alt, groß, hager, weißhaarig. Er kam definitiv nicht von Apple. Es war der Mann aus der siebten Reihe.

»Ist Hannah da?«

»Wieso?«

»Kann ich sie sprechen?«

»Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Walter Gold, ich bin ihr Vater.«

Er reichte ihr seine linke Hand, weil die rechte neben seinem Körper baumelte, als wäre sie tot.

 

4

Auch wenn er beruflich mit ihr nur schlecht klarkam seit Marlenes rasantem Aufstieg, war Berkoff fasziniert davon, im Bett die Metamorphose einer intelligenten, kontrollierten Frau in ein egoistisches Raubtier erleben zu können. Marlene war schlank und muskulös. Eine Stunde Jogging jeden Morgen, dreimal die Woche Yoga und jeden Abend Meditation. Unter dem immer noch fest gespannten Zelt ihrer Haut hatte kein Gramm Fett Platz. Kleine Brüste, an deren Unterseite dezente Narben von zwei Operationen erzählten, ein straffer Bauch, lange Beine. Sie besaß die harte, kühle Schönheit von Frauen, die den Weg an die Spitze eines Unternehmens überlebt haben, die in Kriege gezogen sind und mehr Siege errungen als Niederlagen erlitten haben. Nächsten Monat würde sie ihren fünfundfünfzigsten Geburtstag feiern. Still und heimlich, im engsten Kreis, nur von den Menschen umgeben, denen sie vertraute und die sie mochten. Das waren nicht viele. Marlene war wählerisch in Bezug auf das Wenige, was sie an Privatleben hatte. Außerdem fehlte ihr die Mütterlichkeit, die einen großen Freundeskreis ermöglicht hätte. Empathie und das, was unter dem Begriff Liebenswürdigkeit zusammengefasst wird, waren ihr fremd. Deswegen mochte Berkoff sie. Vielleicht liebte er sie sogar. Auf alle Fälle schlief er noch immer mit ihr. Wie auch an diesem Dienstag nach der Redaktionssitzung für die kommende Ausgabe des großen deutschen Nachrichtenmagazins namens Die Woche. Anfangs waren sie noch vorsichtig gewesen, weil Marlene nicht wollte, dass sein Herz noch einmal stehen blieb. Zumindest nicht, solange sie mit ihm im Hotel war. Ihrem Exmann und zukünftigen Ex-Mitarbeiter, wovon Berkoff zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts ahnte. Als es getan war, stand sie rasch auf und ging unter die Dusche, als wollte sie den Kontrollverlust abwaschen. Berkoff blieb im Bett liegen und hörte dem Rauschen des Wassers zu. Er dachte an die Gerüchte, die seit Tagen durch die Flure der Redaktion geisterten. Sinkende Auflage bedeutete sinkende Werbeeinnahmen, bedeutete Verkleinerung der Redaktion, bedeutete Zusammenlegung von Ressorts, bedeutete Entlassungen, bedeutete weniger Qualität, bedeutete weiter sinkende Auflage. Die Belegschaft hatte Angst. Und er? Er war vor einer Woche sechsundvierzig Jahre alt geworden, hatte seinen Geburtstag gemeinsam mit zwei Flaschen Wodka und zwei Gramm Ice gefeiert, weil die beiden keine Ansprüche an Small Talk und sonstige Formen verbaler Wichserei stellten. Als er sich am Morgen danach im Spiegel betrachtet hatte, war er erschrocken. Die Ringe unter den Augen kannte er bereits, aber dass die Schläfen nicht mehr schwarz sondern grau durchsetzt waren, hatte ihn verunsichert. War das schon ein sichtbares Anzeichen für das Ende einer unbesiegbaren Zeit? Seit er 2010 den Bombenanschlag auf das Hotel Babylon Oberoi in Bagdad überlebt hatte, hörte er auf dem rechten Ohr fast nichts mehr. Die schiefen Zähne hatte er vor Jahren richten lassen wollen und es immer wieder rausgezögert. Jetzt passten sie zu den Falten und den geplatzten Äderchen in den müden Augen.

Marlene kam aus der Dusche zurück. Das weiche Lächeln war verschwunden, die zerzausten Haare waren wieder in Form gebracht, sie trug die Perlenohrringe und die Rolex.

»Willst du nicht duschen?«, fragte sie.

»Ich mag es, wenn ich nach dir rieche«, antwortete er, während er beobachtete, wie sie den Slip und den BH anlegte, in das rote Etuikleid schlüpfte.

»Außerdem muss ich den Artikel noch zu Ende schreiben.«

»Nicht nötig«, sagte sie, während sie die High Heels anzog.

»Wieso?«, fragte er verwundert.

»Ich werde dich rausschmeißen.«

Er lachte. Ihn rausschmeißen? Niemals. Immerhin war er David Berkoff. Einer der besten Reporter des Landes. Ein Star. Na gut, ein ehemaliger Star.

»Du kannst mich nicht rausschmeißen. Das ist so, als würde die Kirche Jesus Christus aus der Bibel streichen«, sagte er grinsend. Aber dann sah er in ihren Augen, dass sie es ernst meinte.

»Ich muss dreißig Leute entlassen, David. Du bist einer davon. Wenn du willst, ruf ich Jordan beim Stern an und empfehle dich. Du kannst von mir aus auch dein Empfehlungsschreiben selbst aufsetzen.«

»Wow. Nicht schlecht, Marlene. Super Auftritt. Hast du mal überlegt, beim IS vorzusprechen?«

»Die nehmen keine Frauen in Leitungspositionen.«

Er versuchte zu lachen, um die Verletzung nicht allzu deutlich zu zeigen.

»Und das, nachdem wir gevögelt haben.«

»Wenn ich es dir vorher gesagt hätte, hättest du keinen mehr hochgekriegt.«

»Das heißt, ab jetzt schreiben bei dir nur noch die Wichser, die den Kopf nicht mehr aus den Ärschen der Politiker kriegen.«

»Nein, es schreiben von jetzt an nur noch Wichser, die rechtzeitig liefern und nicht irgendeinen erfundenen Blödsinn zusammenschustern, weil sie drei Wochen lang in ihrer eigenen Kotze gelegen haben. Hast du dir mal angesehen, was im Netz los ist? All diese bescheuerten Blogger, die uns mit zusammengeschusterten Geschichten die Leser wegnehmen, die sind unser Tod. Du kannst als Freier weiter für uns arbeiten. Bring mir gute Stories, und alles ist prima. Ich weiß, wer du bist, David. Du bist da drin ein guter Reporter.«

Sie deutete auf sein Herz.

»Einer von der Sorte, die nicht aufhören können, die an ihrer Neugier zugrunde gehen, erschossen oder von einer Autobombe zerfetzt werden oder zu Tode gefoltert werden, weil sie irgendeinem Mafioso oder Diktator oder sonst einem Schlächter zu nahe kommen. Afghanistan, Bin Laden, Irak, Saddam Hussein, die angeblichen Massenvernichtungswaffen. Großartige Reportagen. Aber das ist alles eine Ewigkeit her. Niemand will mehr mit dir arbeiten, weil du ein abgefucktes Arschloch geworden bist. Du beleidigst Leute, leihst dir Geld, das du nicht zurückgibst. Du bist in permanentem Krieg mit deiner Umgebung. Und am meisten bist du im Krieg mit dir selbst. Vielleicht kannst du wieder der werden, der du einmal warst, aber dann musst du aufhören zu trinken und dir das Gehirn mit Gras aufzuweichen.«

»Du rauchst es doch auch.«

»Ich rauche es, weil ich Krebs habe, nur falls du das vergessen hast.« Sie griff nach ihrem Mantel.

Berkoff unternahm einen letzten Versuch, sie doch noch umzustimmen.

»Was ist mit meiner Reportage über die Rosenholz-Dateien?«

»Das interessiert kein Schwein.«

»Auch nicht, wenn ich dir sage, dass Walter Gold in der Stadt ist.«

»Walter Gold ist seit mehr als zwanzig Jahren tot.«

»Mein Informant ist da anderer Meinung. Und er weiß auch, warum Gold in Berlin ist.«

»Und wer ist dieser Informant?«

Berkoff lächelte sie an. Dachte sie wirklich, er würde ihr den Namen nennen? Jetzt, wo sie ihn gefeuert hatte?

»Okay. Wenn Walter Gold tatsächlich lebt, und wenn das irgendeine Bedeutung für die Rosenholz-Dateien hat, reden wir«, sagte Marlene. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Das Zimmer ist bis achtzehn Uhr gebucht. Und bestell nicht wieder den teuersten Champagner.«

Dann verließ sie das Zimmer.

Berkoff stand auf und ging ins Bad, um zu pinkeln. Sein Blick fiel in den Spiegel.

Du bist Alkoholiker, weil es gut klingt, wenn du sagst, dass ein Alkoholiker niemals aufhört, ein Alkoholiker zu sein, sagte er zu dem Spiegelbild. Es hat diese abgrundtiefe Ehrlichkeit, die die Leute, die keine Alkoholiker sind, mit Ehrfurcht erfüllt. Du rauchst regelmäßig Gras, hin und wieder Ice. Das erzählst du aber nicht, weil dieselben Leute das nicht mögen. Du hast fünf Kilo zu viel auf der Hüfte und du hast seit zehn Minuten keine Festanstellung mehr. Damit gehörst du zur großen Armee der Versager ohne Rentenversicherung. Dabei hast du alles, was es an Preisen für Reporter gibt, zu Hause in einer Kiste liegen. Du warst Anfang zweitausend der bekannteste und gefragteste Kriegsreporter Deutschlands. Du hast Traumhonorare kassiert. Aber all das zählt nicht in einem Business, in dem die Nachrichten des Morgens mittags schon im Schredder landen. Aber du wirst es ihnen zeigen. Eines Tages werden sie dir wieder den Schwanz lutschen, um ein paar Tropfen deines Ruhms zu schmecken.

Zurück im Zimmer bestellte er beim Roomservice eine Flasche Wodka, eine Flasche 2006er Dom Pérignon Rosé, eine Monte Christo und einhundert Gramm Kaviar. 850 Euro. Rechnung aufs Zimmer. Er rief auf seinem Smartphone Sting auf, weil er ein paar sentimentale Streicheleinheiten brauchte, drehte die Anlage auf zehn und trank die zwei Flaschen innerhalb von einer Stunde. Dann schlief er ein. Um halb sechs weckte ihn eine SMS. Kommen Sie ins Café Einstein in der Kurfürstenstraße, wenn Sie Gold sehen wollen. Kein Name, die Rufnummer unterdrückt. Und wer war mit »Gold« gemeint? Hannah oder ihr Vater Walter? Hastig zog er sich an. Als der Roomservice ins Zimmer kam und ihn bat, die Musik leiser zu stellen, weil die Zimmernachbarn sich beschwert hatten, sagte er, sie könnten ihn mal kreuzweise, u

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