Flanagan im Interview
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Richard Flanagan im Interview

»Ich glaube an Gut und Böse«

Freitag, 28. August 2015 von Piper Verlag


RICHARD FLANAGAN IM GESPRÄCH

Richard Flanagans mit dem Booker Prize gekrönter Roman erzählt von der Liebe eines Mannes in Zeiten des Krieges, von seiner Suche nach der Wahrheit und der Erkenntnis all dessen, was er verloren hat - »zweifellos das beste Buch des Jahres, und es bezeugt eindrucksvoll, dass Flanagan einer unserer größten Schriftsteller ist.« John Burnside

Ramona Koval: Richard Flanagan, in Ihrem Buch geht es um eine Reihe von Themen wie etwa Krieg, Opfer oder Mut, doch es beginnt mit einer Liebesgeschichte.



Richard Flanagan: Meine Eltern haben immer die Geschichte eines lettischen Mannes erzählt, der in meiner Geburtsstadt Longford in Tasmanien gelebt hat. Er war während des Krieges nach Australien imigriert. Als der Krieg jedoch zu Ende war, ist er in sein Dorf in Lettland zurückgekehrt, das vollkommen zerstört war. Auch seine Frau, so hat man ihm erzählt, war nicht mehr am Leben. Alle sagten, sie sei tot, er suchte dennoch nach ihr. Er durchkämmte zwei Jahre lang diese apokalyptische Schreckenslandschaft, die Europa damals nach dem Krieg war. Schließlich musste er akzeptieren, dass sie nicht mehr lebte. Er kam zurück nach Australien. Einige Jahre später heiratete er hier und bekam mit seiner Frau Kinder. 1957 fuhr er nach Sydney. Dort sah er plötzlich auf der Straße seine lettische Frau, die mit zwei Kindern an der Hand auf ihn zukam. Er hatte nur wenige Augenblicke Zeit, um eine der wegweisendsten Entscheidungen in seinem Leben zu treffen: Sollte er sich zu erkennen geben, stehen bleiben und sie ansprechen und damit ihrer beider Leben eine unwiderruflich neue Wendung geben, oder sollte er einfach an ihr vorübergehen und sie ignorieren? Er musste seine frühere und seine gegenwärtige Liebe zu ihr abwägen, sich gleichzeitig über die Bedeutung der Situation klar werden. Ich fand diese Geschichte sehr ergreifend, weil sie aus so unterschiedlichen Blickwinkeln von der Liebe erzählt. Um dieses Bild, um diese Geschichte herum habe ich mein ganzes Buch aufgebaut. Ein Mann sieht eine Frau, die er tot gewähnt hatte, auf sich zukommen, an jeder Hand ein Kind. Und er merkt plötzlich, dass sein ganzes Leben genau auf diesen Moment zugesteuert ist.

 


RK: Diese Szene hätte sich mit ihren Schlüsselmotiven auch in vielen anderen Ihrer Bücher zutragen können – der Mann, der Schurke, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Warum gerade in diesem Roman?



RF: Ich wusste schon vor zwölf Jahren, dass ich eine Liebesgeschichte aus genau diesen Zutaten schreiben wollte. Ich wusste, es würde um Kriegsgefangene gehen, oder Kriegsgefangenschaft als zentrales Thema behandeln, also reiste ich nach Sydney und verbrachte ein paar Tage mit Tom Uren, der im selben Lager untergebracht gewesen war wie mein Vater. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Grundstimmung des Romans bereits im Kopf. Was mir jedoch fehlte, waren die Einzelheiten, die ich über ein Jahrzehnt lang versucht habe, stimmig zu kombinieren. Dabei sind nicht nur Entwürfe entstanden, sondern fünf unterschiedliche Romane. Ich habe jeden einzelnen dieser Romane fertiggestellt und dann verworfen, weil ich merkte, dass sie nicht funktionierten, doch ich musste sie alle schreiben, um letztendlich dieses Buch zu schreiben, das viele Elemente seiner Vorgänger in sich vereint – einschließlich eines Haiku-Romans.

 


RK: Sie sind aufgewachsen mit Geschichten Ihres Vaters, der für die Thailand-Burma-
Eisenbahn, die »Todeseisenbahn«, arbeiten musste. Was für Geschichten hat er erzählt? Ihr Buch ist dem Gefangenen mit der Gefangenennummer 335 gewidmet?



RF: Gefangener san byaku san ju go, das war Nummer 335, die Gefangenennummer meines Vaters in den Gefangenenlagern, wie er uns als Kindern schon erzählt hat. Wir sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass er Kriegsgefangener gewesen ist, aber er hat uns seine Vergangenheit nicht aufgedrängt; wir haben sie sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Er hat diese Geschichten mit einer Art Erstaunen erzählt. Es handelte sich um freundliche, manchmal auch lustige Geschichten, die alle etwas zutiefst Humanes hatten und voller Pathos und Liebe waren. Einmal sagte er, daran erinnere ich mich, dass er großes Glück gehabt hatte, im Arbeitslager gelandet zu sein, denn dort mussten sie zwar selbst Leid erleben, jedoch nicht – wie viele andere, die in den Krieg ziehen – Leid über andere bringen. Er war der Ansicht, dass die Gefangenschaft es ihnen ermöglichte, das Beste, nicht das Schlechteste, in sich zu entdecken. Walt Whitman sagt: I contain multitudes. Ich glaube, so ging es meinem Vater, er bemerkte, dass es mehr als nur ein Ich gibt, dass er über ungeahnte Reserven verfügte, und das war eine unglaubliche Erfahrung.

 


RK: Sie haben im Rahmen Ihrer Recherche einige Menschen besucht, die in dem Lager für die Japaner als Aufseher arbeiten mussten.



RF: Ich empfinde eine große Wertschätzung für die japanische Literatur, und ich wollte die Situation aus der japanischen Perspektive sehen, herausfinden, warum sie handelten, wie sie handelten. Als ich fast mit dem Buch fertig war, reiste ich nach Japan und traf dort einige Männer, die als Lageraufseher die Gefangenen beim Bau der Todeseisenbahn überwacht hatten. Einer von ihnen war im Lager meines Vaters eine Art Iwan der Schreckliche gewesen, die Australier nannten ihn »die Eidechse«. Doch erst wenige Minuten, bevor ich diesen Mann irgendwo am Stadtrand von Tokio bei einem Taxiunternehmen treffen sollte, wurde mir klar, dass es sich bei ihm um die Eidechse handelte. Nach dem Krieg war er für seine Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt worden, die Strafe wurde jedoch in lebenslange Haft umgewandelt, und 1956 ließ man ihn im Rahmen einer Amnestie frei. Der Mensch, den ich traf, war ein höflicher, gutmütiger und großzügiger alter Mann. Ich erkannte, dass sich das Böse, wie auch immer es aussehen mag, nicht mit uns im selben Raum befand. Ich sprach mit ihm über seine Kindheit, darüber, wie er mit fünfzehn Jahren dazu gezwungen wurde, als Aufseher im Lager zu arbeiten, wie er die Ausbildung hasste, die unglaublich gewaltsam war. Er erzählte mir, dass es ihn anwiderte, wie die Australier pfiffen, sangen und glücklich schienen.


RK: Weil er unglücklich war?

RF: Das hat er so nicht gesagt. Er hatte das Gefühl, dass sein Schicksal ihm keinen Ausweg bot und dass er niemals Vergebung finden würde. Diese Menschen werden von den Koreanern verachtet, die sie als Verräter ansehen, und von den Japanern ebenso, für die sie als Koreaner gelten. Diese Menschen waren tagtäglich von extremer Gewalt umgeben, und sie gaben diese Gewalt an die Gefangenen weiter.

 


RK: Doch die Eidechse war für Ihren Vater und seine Freunde schlimmer als alle anderen.



RF: Er war ein Monster. Aber ich war nicht da, um ihn anzuklagen oder zu richten. Ich war da, um seine Geschichte zu hören, um zu hören. In Japan entstand zwischen dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis hin zum Zweiten Weltkrieg eine Art perverser Todeskult, der die gesamte Gesellschaft umfasste. Dieser Todeskult bedeutete zum Beispiel, dass ein japanischer Kommandant sich gezwungen fühlte sich umzubringen, wenn er es nicht schaffte, einen bestimmten Streckenabschnitt unter seiner Verantwortung fristgerecht fertigzustellen. Die Leben der Australier waren wertlos, doch ebenso die der Koreaner und die der Kommandanten. Ich finde es nach wie vor schwer vorstellbar, dass beim Bau dieser Strecke mehr Menschen starben, als der Roman Wörter enthält.

 


RK: Sie haben den Ort besucht, wo die Thailand-Burma-Eisenbahn gebaut wurde. Ist außer Dschungel noch etwas anderes zu sehen?



RF: Wir konnten das Lager meines Vaters ausfindig machen und fanden von dort aus den Weg zur Bahnstrecke. Wir haben herausgefunden, wo die Cholerastation war und welcher Flusslauf die Cholera ins Lager brachte. Ich wollte dort nicht aus Sensationshunger hin oder weil ich eine katharsische Erfahrung erwartete, sondern weil ich selbst spüren wollte, wie es sich anfühlt, sich bei dieser Luftfeuchtigkeit vorwärtszubewegen, die Hand um dornigen Bambus zu schließen, die Kalksteinklippen und den allgegenwärtigen Schlamm zu sehen, und weil ich mir vorstellen wollte, wie es wäre, barfuß hier entlangzustapfen. Ich schleppte Steine, nur um zu spüren, wie sich das in der Hitze anfühlt.


RK: Mir ist aufgefallen, dass sich manche Begriffe oft wiederholen, wie etwa das Wort Tod. Es zieht sich wie ein Rhythmus, fast wie ein Gedicht durch das ganze Buch.
RF: Ja, es gibt da diese eine Stelle, an der der Text mit den Wörtern tot und Tod wie durch dumpfe Trommelschläge vorangetrieben wird. Ein bisschen wie der Monolog der Molly Bloom rückwärts ... doch auch die kraftvolle Lyrik Paul Celans hat mich sehr beeindruckt, wie er es schafft, in einem grauenerweckenden Gedicht über seine Erfahrung des Holocaust sprachliche Rhythmen zu erzeugen.


RK: Die Wiederholung von »dein goldenes Haar, Margarete, dein aschenes Haar, Sulamith« in der »Todesfuge«.



RF: Diese Zeilen werden immer wieder wiederholt, mit nur leichten Variationen, und langsam öffnet sich dieses Universum des Grauens vor dem Leser, der mit Hilfe dieses rhythmischen Trommelschlags des Schreckens in das Gedicht hineingezogen wird. Dort erwartet ihn der eigene Untergang und die Vernichtung von allem, was er liebt.


RK: Sie stellen Ihrem Roman auch eine Passage aus einem Gedicht von Paul Celan an seine Mutter voran.



RF: Celan hat einige der großartigsten Gedichte in deutscher Sprache verfasst, über die schrecklichsten Gräueltaten, die Deutsche je verübt haben. Ich wollte über das schreckliche Grauen schreiben, das von Japan ausging, doch dabei alles würdigen, was an ihrer Kultur großartig und erhaben ist, und dies gilt insbesondere für die
japanische Literatur. Deshalb nannte ich das Buch »Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland« – diesen Titel trägt eines der berühmtesten Bücher in der japanischen Literatur, ein Haibun des großen Haiku-Dichters Matsuo Bashõ.

 


RK: Und auch die Eisenbahnstrecke ist natürlich ein schmaler Pfad.



RF: Und viele bekannte Haikus haben in abgeänderter Form Einzug in den Roman gehalten. Leser, die in der japanischen Literatur zu Hause sind, werden genau sehen, was da passiert ist.

 


RK: Ihr Vater ist im Jahr der Fertigstellung Ihres Romans gestorben. Wie stand er zu diesem Buch? Es heißt, er hat sich Sorgen gemacht, als Sie nach Japan gefahren sind?



RF: Bei meiner Rückkehr konnte ich ihm sagen, dass ich einige der Aufseher getroffen hatte, dass ich die Todeseisenbahn gesehen hatte und das Sklavenlager im Süden von Hiroshima, in dem er gefangen gehalten wurde, dass ich die Eidechse gesprochen hatte. Dass all diese Menschen Bedauern und Scham fühlten. Dass ich eine Ehrlichkeit in ihren Bekenntnissen spürte, obwohl sie nicht alle die volle Wahrheit sagten und es sicherlich nicht möglich ist, als Täter mit sich selbst ins Reine über das Geschehene zu kommen. Mein Vater sagte plötzlich, er müsse jetzt gehen. Das war sehr untypisch für ihn. Und später, noch am selben Tag, hatte er jede Erinnerung an die Kriegsgefangenschaft verloren. Sonst war alles unverändert, sein Verstand war in jeder anderen Beziehung unverändert scharf. Er wusste, dass es diese Erfahrung gab, doch er konnte sich nicht mehr erinnern. Es wirkte auf mich wie eine Befreiung.

 


RK: Was ist das für Sie für ein Gefühl, als Sohn und Schriftsteller?



RF: Es ist schwer, darüber zu sprechen. Im Grunde ist das ein Buch über die Liebe, geschrieben im Schatten des Sterbens meines Vaters. Den letzten Entwurf stellte ich am Tag seines Todes fertig. In unserem letzten Gespräch fragte er mich, wie es dem Buch geht, und ich sagte, es ist fertig. Natürlich gibt es keinen Zusammenhang zwischen diesen zwei Ereignissen, und doch ist es eine sehr merkwürdige Erfahrung.

 


RK: Wie kamen Sie emotional damit zurecht, dieses Buch über Ihren Vater zu schreiben und als Richard Flanagan zu leben?



RF: Ich möchte betonen, dass dieses Buch eine Bestätigung der Schönheit des Lebens ist. Und auch wenn es sich mit schrecklichen Dingen beschäftigt, hoffe ich, dass seine Grundstimmung eine positive ist. Das zentrale Thema ist, dass der Mensch selbst unter den widrigsten Umständen fähig ist, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. Ich habe eine Hütte auf einer kleinen Insel namens Bruny Island. Gute fünf Monate war ich allein dort, mitten in der Wildnis an der Küste, selten kam Besuch, im Grunde war ich immer allein. Ich habe das Buch von vorne bis hinten noch mal neu geschrieben. Ich stand um fünf auf, habe um sechs angefangen zu arbeiten und habe geschrieben, bis ich um neun oder zehn ins Bett gegangen bin. Alle meine Energien mussten in dieses Buch fließen. Balzac sagte einmal, er habe nur eine Stunde am Tag übrig für das Leben, der Rest der Zeit war für seine Bücher reserviert, und ich hatte nicht einmal diese eine Stunde übrig, das Buch hat alles beansprucht.

 


RK: Die Hauptfigur ähnelt Weary Dunlop oder ist zumindest jemand, der denselben Beruf hat wie Weary Dunlop, oder?



RF: Weary Dunlop war einer von vielen Ärzten dort. Seltsamerweise waren die Ärzte die Anführer in den Lagern, und die Männer verehrten sie. Weary Dunlop ist nur der bekannteste von ihnen, doch es gab einige und alle haben Ähnliches vollbracht wie Weary Dunlop. Die Figur, nach der ich gesucht habe, war jemand, der sich selbst nie als Anführer gesehen hat, sich jedoch plötzlich in einer solchen Rolle wiederfindet. Und obwohl er sich manche dieser außergewöhnlichen Taten gar nicht zutraut, obwohl er sich manchmal vorkommt wie ein Scharlatan, vollbringt er diese Taten letztendlich doch, weil die Männer es von ihm erwarten. In der australischen Kultur gibt es das Konzept der Mateship, das ist eine sehr komplexe Form der Freundschaft und Loyalität. Ich denke, es handelt sich dabei um eine sehr komplexe Form des menschlichen Überlebens, und das gilt ganz besonders für die extrem starken Abhängigkeits- und Loyalitätsbeziehungen innerhalb der einzelnen Gruppen von Kriegsgefangenen.

 


RK: Sie haben vorhin den Begriff des Bösen verwendet, als wir über das Gespräch mit dem Lageraufseher redeten: Ich erkannte, dass sich das Böse, wie auch immer es aussehen mag, nicht mit uns im selben Raum befand. Gibt es das Böse per se, oder handeln Menschen aufgrund von Umständen böse, weil die Kultur des Kolonialismus darauf basiert?



RF: Ja, ich glaube an die Existenz des Bösen. Ich glaube an Gut und Böse, und ich glaube, dass der Mensch und die Geschichte des Menschen sich infolge dieser widersinnigen, irrationalen Kräfte weiterentwickeln. Wir versuchen, diese Kräfte zu leugnen und im Zaum zu halten, doch sie liegen jeder Veränderung zugrunde, und jeder Einzelne von uns trägt beides, das Gute und das Böse, in sich. Es ist immer falsch, sich auf den Moment der Gewalt zu konzentrieren und zu glauben, dass darin die ganze Wahrheit steckt. Es ist wichtig zu verstehen, was ihm zugrunde liegt, und was im Falle Japans zugrunde liegt, ist, soweit ich das mit meinem sehr beschränkten Wissen um japanische Geschichte beurteilen kann, ein halbes Jahrhundert, in dem eine Kultur langsam vergiftet wurde – von Militarismus, Nationalismus, Rassenwahn und einem gefährlichen religiösen Aspekt, der über den Zen-Buddhismus Eingang in die Psyche der Menschen hielt. Wir kennen das ganz ähnlich vom Christentum im Europa des 20. Jahrhunderts. Die ganze Bösartigkeit, die ganze Schlechtigkeit lässt sich auf den Einfluss der Menschen zurückführen, die diese Ideen in die Gesellschaft trugen und so eine ehrwürdige Kultur langsam, aber sicher durch eine Mischung aus Verführung, Machtgehabe und Zwang so weit brachten, diese menschenverachtenden Ideale zu übernehmen. Keine Kultur ist vor dieser Entwicklung gefeit, und wenn es so kommt, werden wir alle zu Handlangern des Bösen. Wenn es so weit gekommen ist, dass eine Viertelmillion Sklavenarbeiter gezwungen wird, eine Eisenbahn durch die Wildnis zu schlagen, ist es zu spät für den Humanitätsgedanken. Die Aufseher sind über diesen Punkt längst hinaus. Dennoch müssen wir versuchen zu verstehen, was die Ursachen sind. Ich bin kein Historiker, und mein Roman ist keine geschichtswissenschaftliche Untersuchung, aber, so hoffe ich zumindest, ein Buch, das sich mit dem Wesen des Menschen beschäftigt.

 


Das Gespräch ist in voller Länge auf der Website des australischen Magazins The Monthly zu sehen. (http://www.themonthly.com.au)
Übersetzt von Hanna Klimesch


Blick ins Buch
Der schmale Pfad durchs HinterlandDer schmale Pfad durchs Hinterland

Roman

Preisgekrönt entfachte Richard Flanagans Roman weltweit einhellige Begeisterung: Sein Held ist Dorrigo Evans, ein begabter Chirurg, dem eine glänzende Zukunft bevorsteht. Als der Zweite Weltkrieg auch Australien erreicht, meldet er sich zum Militär. Doch der Krieg macht keine Unterschiede, und während Dorrigo in einem japanischen Gefangenenlager mit seinen Männern gegen Hunger, Cholera und die Grausamkeit des Lagerleiters kämpft, quält ihn die Erinnerung an die Liebe zu der Frau seines Onkels. Bis er einen Brief erhält, der seinem Leben eine endgültige Wendung gibt.
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1

Warum ist am Anfang immer das Licht? Dorrigo Evans’ erste Erinnerungen handelten von Sonnenstrahlen, die einen Kirchensaal durchfluten, einen hölzernen Kirchensaal, in dem er mit seiner Mutter und seiner Großmutter sitzt. Er wankt in gleißend helles Licht, hinein in das übersinnliche Willkommen und wieder hinaus, in die Arme der Frauen. Der Frauen, die ihn lieben. Als wage er sich auf See und kehre an den Strand zurück, wieder und wieder.
Gesegnet seist du, sagt seine Mutter, während sie ihn umarmt und wieder loslässt. Gesegnet seist du, Junge.
Das musste 1915 oder 1916 gewesen sein. Er war damals ein oder zwei Jahre alt. Die Schatten kamen erst später hinzu, in Gestalt eines Unterarmes, dessen schwarzer Umriss sich im trüben Licht der Petroleumlampe hob. Jackie Maguire saß in der kleinen, dunklen Küche der Evans’ und weinte. Damals weinte niemand, außer Babys. Jackie war ein alter Mann, vierzig vielleicht oder noch älter, und er versuchte, sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem pockennarbigen Gesicht zu wischen. Oder mit den Fingern?
Unveränderlich war in Dorrigo Evans’ Erinnerung nur dieses Weinen. Es klang, als würde etwas zerbrechen. Der schleppende Rhythmus ließ Dorrigo an ein Kaninchen denken, das seine Hinterläufe auf den Boden schlägt, wenn es in der Schlinge erstickt. Es war das einzige vergleichbare Geräusch, das er je gehört hatte. Er war neun, er war ins Haus gelaufen, um seiner Mutter die Blutblase an seinem Daumen zu zeigen, und er hatte keine Vergleichsmöglichkeiten. Nur ein Mal hatte er einen Mann weinen sehen, eine wunderliche Szene war das gewesen, als sein Bruder Tom nach dem Ersten Weltkrieg aus Frankreich zurückgekehrt war. Er war aus dem Zug gestiegen, hatte seinen Seesack in den warmen Staub neben den Bahngleisen fallen lassen und war unvermittelt in Tränen ausgebrochen.
Beim Anblick seines Bruders hatte Dorrigo Evans sich gefragt, was einen gestandenen Mann zum Weinen bringen könn­­te. Später dann hatten Tränen einfach als die Bestätigung von Gefühlen gegolten, und Gefühle waren der einzige Kompass im Leben. Gefühle waren in Mode und Emotionen ein Theater, die Leute traten als Schauspieler auf und wussten nicht mehr, wer sie abseits der Bühne waren. Dorrigo sollte lange genug leben, um all diese Veränderungen zu sehen. Und er konnte sich an eine Zeit erinnern, als man sich schämte zu weinen. Als man sich vor der Schwäche fürchtete, die sich durch Tränen offenbarte. Vor den Problemen, die man dann unweigerlich bekommen würde. Dorrigo sollte lange genug leben, um zu sehen, wie Menschen gelobt wurden für Taten, die wenig löblich waren, allein, weil die Wahrheit eine Katastrophe gewesen wäre für ihre Gefühle.
Am Abend von Toms Heimkehr verbrannten sie den Kaiser in einem Freudenfeuer. Tom sprach nicht über den Krieg, die Deutschen, das Gas, die Panzer und die Schützengräben, von denen sie gehört hatten. Er sprach gar nicht. Die Gefühle eines Mannes stimmen nicht immer mit dem Leben überein. Manchmal stimmen sie mit gar nichts überein. Tom starrte einfach nur in die Flammen.

 

2

Ein glücklicher Mann hat keine Vergangenheit, ein unglück­licher Mann hat nichts anderes. Im hohen Alter wusste Dorrigo Evans nicht mehr, ob er den Satz gelesen oder selbst ersonnen hatte. Ersonnen, verwechselt, in kleine Teilchen zerbrochen. Unermüdlich in kleine Teilchen zerbrochen. Stein zu Kies zu Staub zu Schlamm zu Stein, so geht es in der Welt, pflegte seine Mutter zu antworten, wenn er Gründe oder Erklärungen verlangte, warum die Welt so war oder so. Die Welt, sagte sie. Sie existiert einfach so, Junge. Er hatte beim Spielen versucht, eine Festung zu bauen und einen Stein von unter einem Findling auszugraben, als ein zweiter, größerer Stein auf seinen Daumen fiel und sich unter dem Nagel eine pochende Blutblase bildete.
Seine Mutter setzte Dorrigo auf den Küchentisch, wo das Lampenlicht am hellsten war, wich Jackie Maguires seltsamen Blicken aus und hielt den Daumen ihres Sohnes ins Licht. Durch Dorrigos Schluchzer hindurch sagte Jackie Maguire dies und das. Seine Frau war eine Woche zuvor mit dem jüngsten Kind in den Zug nach Launceston gestiegen und nicht zurückgekommen.
Dorrigos Mutter griff zum Fleischmesser. An der Klinge klebte erstarrtes Hammelfett. Sie hielt die Messerspitze in die glühenden Herdkohlen, ein Rauchkringel stieg auf und erfüllte die Küche mit dem Geruch von verbranntem Hammelfleisch. Sie zog das Messer heraus, und die glutrote Spitze war von leuchtend weißem Staub bedeckt, ein Anblick, den Dorrigo gleichermaßen faszinierend wie entsetzlich fand.
Nicht bewegen, sagte sie und hielt seine Hand so fest, dass er erschrak.
Jackie Maguire erzählte, wie er mit dem Postzug nach Launceston gefahren war, um sie zu suchen, doch er hatte sie nirgends finden können. Vor Dorrigo Evans’ Augen berührte die glühende Messerspitze den Daumennagel, er fing zu qualmen an, als seine Mutter ein Loch in die Nagelhaut brannte. Dorrigo hörte Jackie Maguire sagen –
Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, Mrs Evans.
Dem Qualm folgte ein kleiner dunkler Blutschwall aus Dorrigos Daumen, und dann waren der Schmerz und die Angst vor dem glutroten Fleischmesser verschwunden.
Los, sagte seine Mutter und schob ihn vom Küchentisch. Los jetzt, Junge.
Verschluckt!, sagte Jackie Maguire.
In jenen Tagen war die Welt noch weit und die Insel Tasmanien die ganze Welt. Und von ihren vielen abgelegenen und vergessenen Außenposten waren nur wenige noch vergessener und abgelegener als Cleveland, das Dorf von etwa vierzig Seelen, in dem Dorrigo Evans lebte. Die ehemalige Sträflingskolonie und Postkutschenstation, erst in schlechte Zeiten und dann in Vergessenheit geraten, bestand nun als Rangierbahnhof fort; eine Handvoll baufälliger Gebäude im georgianischen Stil und ein paar vereinzelte Holzhäuser mit Verandagesicht, deren Bewohner seit einem Jahrhundert in Verbannung und Verfall lebten.
Die Kulisse bildete ein Wald aus gekrümmten Eukalyptusbäumen und Silberakazien, die sich in der flimmernden Hitze wiegten. Die Sommer waren heiß und hart und die Winter einfach nur hart. Elektrischer Strom und Radioempfang ließen auf sich warten, zwar lebten sie in den 1920ern, doch hätten es genauso gut die 1880er oder 1850er sein können. Viele Jahre später beschrieb Tom, der kaum zu Allegorien neigte, jedoch von seinem, wie Dorrigo meinte, bevorstehenden Tod und den damit einhergehenden Altersängsten geprägt war, jene Zeit als den langen Herbst einer sterbenden Welt.
Ihr Vater war Eisenbahnarbeiter, und die Familie bewohnte ein holzverkleidetes Häuschen, das der Eisenbahngesellschaft gehörte und direkt an den Bahngleisen stand. Im Sommer, wenn das Wasser knapp wurde, holten sie es eimerweise aus dem Stelzentank, der die Dampflokomotiven versorgte. Sie schliefen unter den Fellen der Possums, die ihnen in die Falle gegangen waren, und ernährten sich hauptsächlich von selbst gefangenen Kaninchen, selbst geschossenen Wallabys, selbst angebauten Kartoffeln und selbst gebackenem Brot. Ihr Vater, der die Depression der 1890er überlebt und gesehen hatte, wie Männer auf den Straßen von Launceston verhungert waren, konnte sein Glück nicht fassen, in diesem Arbeiterparadies gelandet zu sein. Lediglich in seinen weniger heiteren Momenten pflegte er noch zu sagen: »Man lebt wie ein Hund, und man stirbt wie ein Hund.«
Dorrigo Evans kannte Jackie Maguire, weil er seine Ferien manchmal bei Tom verbrachte. Um zu Tom zu gelangen, fuhr er hinten auf Joe Pikes Pferdewagen mit, von Cleveland bis zur Abzweigung im Fingal Valley. Während das alte Zugpferd, Joe Pike nannte es Gracie, friedlich dahintrottete, lehnte Dorrigo sich zurück und träumte davon, sich zwischen die Äste der wild gekrümmten Eukalyptusbäume zu schmiegen, die zitternd am weiten, blauen Himmel vorüberzogen. Er roch feuchte Borke und trockenes Laub und hörte die glucksenden Schwärme der grün-roten Moschusloris hoch oben. Er lauschte dem Gesang von Zaunkönigen und Honigfressern und dem Peitschenknallruf der Joe Wittys, durchsetzt von Gracies Hufgeklapper und dem Knarren und Klirren der Ledergurte, Holzachsen und Eisenketten des Pferdewagens. Ein Universum aus Sinneseindrücken, das in seinen Träumen wiederauferstand.
Auf dem alten Kutschenpfad passierten sie die Postherberge, aus dem Geschäft gedrängt von der Eisenbahn und mittlerweile zu einer Ruine verfallen, in der mehrere verarmte Familien hausten, auch die von Jackie Maguire. Alle paar Tage kündete eine Staubwolke das Herannahen eines Automobils an, dann sprangen die Kinder aus dem Busch und jagten die lärmende Wolke, bis ihre Lungen brannten und ihre Beine sich anfühlten wie Blei.
An der Abzweigung im Fingal Valley ließ Dorrigo Evans sich vom Pferdewagen rutschen, winkte Joe und Gracie zum Abschied und machte sich auf den langen Marsch nach Llewellyn, einen Ort, der sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, dass er noch kleiner war als Cleveland. Hinter Llewellyn lief er in nordöstlicher Richtung über die Koppeln, orientierte sich an den schneebedeckten Gipfeln des Ben-Lomond-Massivs und schlug sich durch den Busch bis zur Schneelandschaft hinter dem Ben durch, wo Tom als Fallensteller auf Possumjagd ging. Er arbeitete jeweils zwei Wochen am Stück und hatte dann eine Woche frei. Am frühen Nachmittag erreichte Dorrigo Toms Zuhause, eine Höhle, die unterhalb eines Gebirgskamms am Ende eines Canyons lag. Die Höhle war nur wenig kleiner als ihr Küchenanbau zu Hause, selbst an der höchsten Stelle konnte Tom nur mit gebeugtem Kopf aufrecht stehen. Wie ein Ei verjüngte die Höhle sich zu den Enden hin, und der Eingang wurde von einem Felsvorsprung überragt, was bedeutete, dass das Feuer die ganze Nacht hindurch brennen und die Höhle wärmen konnte.
Manchmal ließ Tom, inzwischen war er Anfang zwanzig, Jackie Maguire für sich arbeiten. Tom hatte eine gute Stimme und sang abends gern das eine oder andere Lied. Danach las Dorrigo Jackie Maguire, der nicht lesen konnte, und Tom, der es angeblich konnte, im Schein des Feuers aus alten Ausgaben des Bulletins und aus Smith’s Weekly vor, die den Bibliotheksbestand der beiden Possumjäger bildeten. Besonders gern hörten die Männer Aunty Roses Ratgeberkolumne und die Buschballaden, die sie clever fanden und manchmal sogar sehr clever. Irgendwann fing Dorrigo an, ihnen auswendig gelernte Gedichte aus The English Parnassus vorzutragen, einem Buch aus seiner Schule. Ihr Lieblingsgedicht war Tennysons »Ulysses«.
Dann hielt Jackie Maguire sein lächelndes, pockennarbiges Gesicht, das glänzte wie ein frisch gestürzter Plumpudding, in den Feuerschein und rief: Ach, unsere Vorfahren! Die haben die Wörter noch fester zusammengeknüpft, als ein Fallstrick ein Kaninchen würgt!
Dorrigo verriet Tom nicht, was er eine Woche vor Mrs Jackie Maguires Verschwinden beobachtet hatte: Toms Hand unter ihrem Rock, während sie, eine kleine, doch unübersehbare
und aparte Frau, am Hühnerschuppen hinter der Post­herber­­­ge lehnte. Tom vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Dorrigo wusste, sein Bruder küsste sie.
Viele Jahre noch dachte Dorrigo an Mrs Jackie Maguire, deren richtigen Namen er nie erfuhr, deren richtiger Name so war wie das Essen, von dem er im Kriegsgefangenenlager täglich träumte – ob nun wirklich existent oder nicht, es drängte sich in seinen Schädel, es verschwand, sobald er danach greifen wollte. Nach einer Weile dachte er weniger an sie, und noch eine Weile später gar nicht mehr.


3
Als Einziger in seiner Familie bestand Dorrigo nach der Dorfschule die Eignungsprüfung, und so erhielt er im Alter von zwölf Jahren ein Stipendium und durfte die Launceston High School besuchen. Er war groß für sein Alter. In der Mittagspause des ersten Schultages fand er sich auf dem sogenannten oberen Feld wieder, einer staubigen Fläche mit abgestorbenem Gras, Baumrinde und Blättern, die zu einer Seite von hohen Eukalyptusbäumen begrenzt wurde. Er beobachtete die großen Jungen aus der dritten und vierten Klasse, Jungen mit Koteletten, Jungen mit Muskeln wie erwachsene Männer, die sich in zwei ungeordneten Reihen aufstellten, sich anrempelten und schubsten wie bei einem Stammestanz. Dann begann die Magie des Kick-to-Kick. Einer trat den Football über das Feld zu den Jungen der anderen Reihe hinüber, die sich auf den Ball stürzten oder, kam er hoch herein, in die Luft sprangen, um ihn zu fangen. Wie brutal der Kampf um die Beute auch sein mochte – wer immer sie ergatterte, war plötzlich unantastbar. Ihm gebührten der Sieg und das Privileg, den Football zur anderen Reihe hinüberschießen zu dürfen, wo sich der Vorgang wiederholte.
So ging es die ganze Mittagspause hindurch. Die älteren Jungen dominierten das Spiel zwangsläufig, sie holten die meisten Punkte und traten den Ball am häufigsten. Einige jüngere schafften wenige Punkte und Tritte, viele nur einen oder keinen.
Dorrigo schaute die ganze erste Pause zu. Ein anderer Neuzugang erklärte ihm, man müsse mindestens in der zweiten Klasse sein, um beim Kick-to-Kick mitspielen zu dürfen – die Großen waren zu stark und zu schnell, sie dachten sich nichts dabei, den anderen ihre Ellenbogen gegen die Schläfen zu rammen, die Faust ins Gesicht, das Knie in den Rücken. Dorrigo bemerkte ein paar kleinere Spieler, die in geringem Abstand hinter der eigentlichen Meute lauerten, um jene Bälle abzustauben, die zu hoch getreten wurden und über das Gedränge hinwegsegelten.
Am zweiten Tag gesellte er sich zu den Kleineren dazu. Und am dritten, er hatte sich bis dicht an den Rand der Meute herangewagt, sah er über die vielen Schultern einen zitternden Volley aus großer Höhe auf sich zukommen. Eine Sekunde lang hing der Football vor der Sonne, und da begriff Dorrigo, dass dieser Ball von ihm gepflückt werden wollte. Er roch die Pissameisen im Eukalyptus und spürte die flackernden Schatten der Äste über sich hinweggleiten, als er in die Meute hineinrannte. Die Zeit verlangsamte sich, und er fand im Gedränge der größten, stärksten Jungen gerade so viel Platz, wie er brauchte. Er begriff, dass der Ball, der dort oben vor der Sonne hing, ihm gehörte, er brauchte nichts weiter zu tun, als aufzusteigen. Sein Blick war starr auf den Ball gerichtet, er spürte, dass er es in diesem Tempo nicht schaffen würde, und so setzte er zum Sprung an; seine Füße fanden den Rücken eines Jungen und seine Knie die Schultern eines anderen, und so stieg er über alle anderen hinweg ins blendende Sonnenlicht auf. Auf dem Höhepunkt der Schlacht reckte er den Arm weit über den Kopf, spürte den Ball in seiner Hand und wusste, nun konnte er sich wieder aus der Sonne herausfallen lassen.
Er presste sich den Football an die Brust und landete auf dem Rücken, mit solcher Wucht, dass es ihm den Atem verschlug. Unter bellendem Keuchen kam er auf die Beine, richtete sich im Licht auf, den ovalen Ball in seinen Händen und bereit, in eine neue, größere Welt einzutreten.
Während er rückwärtstaumelte, hielt die Meute respektvollen Abstand.
Wie zum Teufel heißt du?, fragte ein älterer Junge.
Dorrigo Evans.
Das war sensationell, Dorrigo. Du bist dran.
Der Duft der Eukalyptusborke, das unverfroren fahle Licht der tasmanischen Mittagsstunde, so gleißend hell, dass er die Augen zukneifen musste; die warme Sonne auf der gespannten Haut, die schwarzen, kurzen Schatten der anderen, das Gefühl, auf einer Schwelle zu stehen, frohlockend in ein neues Universum hinüberzugleiten, während das alte bekannt und greifbar blieb und noch nicht ganz verloren ging – all dessen wurde er sich bewusst. Der heiße Staub, der Schweiß seiner Mitspieler, das Gelächter, das unbekannte, reine Glück, in Gesellschaft von anderen zu sein.
Dein Kick!, hörte er jemanden rufen. Tritt das Ei, bevor es klingelt und alles vorbei ist!
Und in den abgelegensten Winkeln seines Wesens wusste Dorrigo Evans, dass sein ganzes bisheriges Leben eine Reise zu diesem Moment gewesen war, als er in die Sonne flog, und von nun an würde die Reise ihn von hier fortführen. Nichts würde ihm je wieder so real erscheinen, nie wieder würde das Leben so bedeutungsvoll sein.

4
Du bist ein cleverer Schlingel, was?, sagte Amy. Sie lag auf dem Hotelbett neben ihm, achtzehn Jahre nachdem er Jackie Maguire am Küchentisch der Mutter hatte weinen sehen, und sie drehte seine kurz geschnittenen Locken mit dem Finger auf, während er »Ulysses« für sie rezitierte. Das Zimmer lag im dritten Stock eines heruntergekommenen Hotels und ging auf eine weite Veranda hinaus, die ihnen, indem sie jede Sicht auf die Straße unten und den Strand gegenüber versperrte, die Illusion vermittelte, auf dem Indischen Ozean zu treiben. Pausenlos krachten und schäumten die Wellen unter ihnen.
Es ist eine Finte, sagte Dorrigo. Wie wenn man jemandem eine Münze aus dem Ohr zieht.
Nein, das stimmt nicht.
Nein, sagte Dorrigo. Es stimmt nicht.
Was ist es dann?
Dorrigo war unschlüssig.
Und die Griechen, die Trojaner … was soll das? Wo ist der Unterschied?
Die Trojaner waren eine Familie. Sie sind die Verlierer.
Und die Griechen?
Die Griechen?
Nein, die Spieler der Port Adelaide Magpies. Natürlich die Griechen. Wofür stehen sie?
Für die Gewalt. Aber die Griechen sind für uns die Helden. Sie gewinnen.
Warum?
Er wusste es nicht genau.
Zunächst einmal hatten sie dieses Pferd, sagte er. Das Trojanische Pferd, ein Geschenk der Götter, in dem sich der Tod der Menschen verbarg, das eine im anderen.
Warum verabscheuen wir sie nicht dafür, diese Griechen?
Das wusste er nicht genau. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger konnte er sagen, warum eigentlich Troja dem Untergang geweiht war. Er ahnte, dass die Götter und das Schicksal einfach nur eine andere Bezeichnung für die Zeit waren, aber das auszusprechen wäre töricht gewesen, hätte es doch bedeutet, dass gegen die Götter niemand bestehen konnte. Doch bereits im Alter von siebenundzwanzig, fast achtundzwanzig Jahren war er so etwas wie ein Fatalist, wenn es um sein Schicksal ging (nicht unbedingt um das der anderen). Als hätte man das Leben einander zeigen, aber niemals erklären können, und als wären Worte – alle Worte, die nichts direkt benannten – für ihn das Wahrhaftigste gewesen.
Er schaute über Amys nackten Körper hinweg, über die sichelförmige Einbuchtung zwischen Brustkorb und Hüftknochen, über die winzigen Härchen darauf, und sah durch die verwitterten Balkontüren mit der abgeplatzten weißen Farbe. Draußen zeichnete das Mondlicht einen schmalen Pfad auf das Meer, der vor seinem Blick zu fliehen schien und in ausgebreiteten Wolken endete.
Denn meine Bestimmung ist es,
hinter den Sonnenuntergang zu segeln und das Bad
aller Sterne des Westens, bis zu meinem Tod.
Warum liebst du die Wörter so?, hörte er Amy sagen.
Seine Mutter starb an Tuberkulose, als er neunzehn war. Er war nicht dabei. Er war nicht einmal in Tasmanien, sondern auf dem Kontinent, denn er hatte ein Stipendium bekommen und studierte Medizin an der Universität von Melbourne. In Wahrheit trennte ihn noch weit mehr als ein Meer von seiner Mutter. Am Ormond College hatte er Studenten aus bedeutenden Familien kennengelernt, die sich großer Taten rühmten und eines Stammbaumes, der weit über die Entdeckung Australiens hinaus bis ins noble England reichte. Über Generationen war die Geschichte ihrer Ahnen beurkundet, welche politischen Ämter sie bekleidet und welche Unternehmen sie besessen, welche Eheschließungen die Dynastie gestärkt hatten, welche Herrenhäuser und Schaffarmen ihnen gehört hatten. Erst im hohen Alter wurde Dorrigo klar, dass vieles davon reine Fiktion gewesen war, gewagter als alles, was Trollope je versucht hatte.
Einerseits fand er diese Leute phänomenal öde, andererseits faszinierend. Nie zuvor waren ihm so selbstsichere Menschen begegnet. Juden und Katholiken waren minderwertig und Iren hässlich, Chinesen und Aborigines durften nicht einmal als menschlich gelten. Das sagten sie nicht, das wussten sie. Ihre skurrilen Gewohnheiten verwunderten ihn. Ihre Häuser aus Stein. Das Gewicht ihres Tafelbestecks. Ihr Unwissen über das Leben der anderen. Ihre Blindheit für die Schönheit der Natur. Er liebte seine Familie, aber stolz war er nicht. Die größte Leistung seiner Familie war es gewesen, dass sie überlebt hatte. Er sollte ein ganzes Leben brauchen, um anzuerkennen, wie groß diese Leistung war. Damals jedoch – im Vergleich zu den Würden, dem Wohlstand, dem Besitz und Ruhm, mit dem er sich zum ersten Mal im Leben konfrontiert sah – erschien ihm das reine Überleben wie ein Versagen. Und anstatt sich zu schämen, hielt er sich von seiner Familie fern, bis zum Tod seiner Mutter. Bei der Beerdigung hatte er nicht geweint.
Komm schon, Dorry, sagte Amy. Warum? Sie strich ihm mit dem Finger über den Oberschenkel.
Später fürchtete er sich vor beengten Räumen, Menschenmengen, Straßenbahnen, Zügen und Tanzveranstaltungen, vor allem, was ihn einwärtsdrängte und ihm das Licht abschnitt. Er bekam Atemnot. Im Traum hörte er sie rufen.
Junge, rief sie, komm her, Junge.
Doch er kam nicht. Er fiel beinahe durch die Prüfungen. Er las »Ulysses« und las es dann noch einmal. Er spielte wieder Football, immer auf der Suche nach dem Licht, nach der Welt, die er in der hölzernen Kirche kurz erahnt hatte, er stieg höher und höher der Sonne entgegen, bis er Captain war, bis er Arzt war, bis er Chirurg war, bis er dort im Hotelbett neben Amy lag und der Mond über dem Tal ihres Unterleibs aufging. Er las »Ulysses«, und dann las er es noch einmal.
Der lange Tag flieht. Langsam steigt der Mond, die Tiefe
Rings klagt mit vielen Stimmen. Kommt, ihr meine Freunde!
’s ist nicht zu spät, eine neure Welt zu suchen.
Er suchte das Licht, das am Anfang war.
Er las »Ulysses«, wieder und wieder.
Er sah Amy an.
Worte waren das erste Schöne auf der Welt, dem ich begegnet bin, sagte Dorrigo Evans.

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