Fantasy Preview H 2015
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Fantasy Preview - kostenloses Leseheft

Heute lesen, was morgen Wirklichkeit wird

Freitag, 17. April 2015 von Piper Verlag


Das Gratis - eBook von Piper Fantasy und Ivi für das Programm Frühjahr 2015

Das Frühjahr kündigt sich bei uns schon mit vielen tollen Fantasy-Büchern an. Und damit die Wartezeit bis dahin nicht zu lange wird, kannst du mit unserem kostenlosen Lesebuch schon mal in unser neues Frühjahrsprogramm reinlesen.

Es geht fulminant los mit »Der Triumph der Zwerge«, dem lang ersehnten fünften Band der »Zwerge«-Reihe von Markus Heitz.

Weiter geht es mit »Das Rad der Zeit 10« von Robert Jordan und »Donner«, dem dritten Band der Chroniken von Hara, vom russischen Fantasy-Star Alexey Pehov.

Michael G. Mannings High-Fantasy-Trilogie »Dunkle Götter« findet ihre spannende Fortsetzung im zweiten Band »Der Bund«, in dem Mordecai nach dem Sieg über Lord Devon das Erbe seiner Ahnen antritt.

In der »Partials«-Reihe von Dan Wells erwartet euch das große Finale »Ruinen«.

Mit »Naris - Die Legenden von Mond und Sonne«von Lucy Hounsom haben wir den Auftakt zu einer neuen fesselnden Fantasy-Reihe für euch.

Lance Rubins Debüt »Bin mal kurz tot« sprüht vor Hochspannung und aberwitzigem Humor und in»Die achte Wächterin« von Meredeith McCardle könnt ihr euch zusammen mit der coolen Amanda auf Zeitreise begeben.

 

Ihr seht, wir haben wieder viele Bücherschätze für euch im Programm. Also: Gleich kostenlos runterladen und eintauchen in die spannende Piper-Fantasy-Welt!

Fantasy Preview Frühjahr 2015

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Blick ins Buch
Der Triumph der ZwergeDer Triumph der ZwergeDer Triumph der Zwerge

Roman

Der Krieg um das Geborgene Land scheint vorüber. Frieden kehrt ein und die Völker festigen ihre Freundschaft, um geeint jeder Gefahr zu trotzen. Doch die Elben schmieden in ihren alten Reichen einen bedrohlichen Bund. Und im Grauen Gebirge wird ein Menschenkind aus dem Jenseitigen Land gefunden, das die Sprache der Albae spricht. Auf wundersame Weise gewinnt das Mädchen die Gunst vieler Bewohner des Geborgenen Landes, während die Zwerge dem Neuankömmling misstrauisch gegenüberstehen. Als ein übermächtiger Feind im Gebirge gesichtet wird, stellt sich heraus, dass das Mädchen ein Geheimnis hat, das die Zukunft des Volkes der Zwerge verändern wird. Wird eine letzte Schlacht geschlagen werden müssen? Und handelt es sich bei dem zurückgekehrten Tungdil tatsächlich um den legendären Helden der Axtschwinger? ... Der heiß ersehnte neue Band der Bestsellerserie um »Die Zwerge«.

PROLOG

 

 

Das Geborgene Land, Elbenreich Ti Lesinteïl (einstiges Albaereich Dsôn Bhará), 6492. Sonnenzyklus, Frühsommer

 

Raikan von Auenwald zügelte sein Pferd, als der kaum noch wahrnehmbare Rand des Kraters erschien, in dem das Albaereich der verhassten Drillinge gelegen hatte. Die vierköpfige Begleiterschar des Thronanwärters von Tabaîn schloss auf, fächerte rechts und links von ihm auseinander, bevor sie anhielt. Noch in den Sätteln ließen die drei Männer und zwei Frauen, die sichtlich teure Kleidung und leichte, helle Mäntel trugen, die ungläubigen Blicke schweifen. Mit einer solchen Veränderung hatte keiner von ihnen gerechnet.

»Ich hätte jede Wette verloren.« Der hochgewachsene, dunkelhaarige Raikan gehörte einem alten Adelsgeschlecht an und galt als kommender Regent, sofern sein älterer Bruder Natenian wie versprochen aus Krankheitsgründen seine Ansprüche zurückzog. Daher lag es an ihm, die Unterredung mit den Elben zu führen, die sich nach der Befreiung von den Albae an diesem Ort niedergelassen hatten.

»Ich auch«, gab sein Freund Tenkil von Hoge verblüfft zu und legte eine Hand als Blendschutz waagrecht gegen die Stirn; mit dem Daumen strich er einige schwarze Strähnen zur Seite. Er war der Kräftigste der Truppe, die Muskeln verlangten nach vielen Ringen, um das Kettenhemd in seiner Größe zu flechten. Der Krieger hatte sich nicht von der Rüstung abbringen lassen, obwohl es sich um einen friedlichen Besuch bei Nachbarn handelte. Er schleppte auch die meisten Waffen an seinem Wehrgehänge. »Wie gelang das?«

Lilia, Ketrin und Irtan indes schwiegen, sie waren noch zu sehr mit Staunen beschäftigt.

Raikan dachte an die vergangenen Umläufe von Herbst, Winter und Frühjahr, die Heldentaten, Sterben und Siege bargen.

Welle um Welle an Kriegern war ausgerückt, um die Dsôn Aklán und die letzten Schwarzaugen im Norden des Geborgenen Landes zu vernichten. Letztlich gelang es den tapferen Streitern – unter unglaublichen Verlusten.

Danach hatte man begonnen, die Behausungen der Albae einzureißen, den Palastberg abzutragen und das Loch aufzufüllen; der Elb Ilahín und seine Gemahlin Fiëa hatten die Arbeiten überwacht.

Einen Zyklus nach dem Ende von Lot-Ionan, den Albae, des Drachen Lohasbrand und seiner Orks sowie des Kordrion kehrte im Geborgenen Land allmählich Ruhe ein. Die Throne der Menschenreiche waren besetzt, der Willkür sowohl der Einzelnen als auch der Massen wurden Riegel vorgeschoben. Recht und Ordnung hielten Einzug.

Das Königreich Tabaîn befand sich nach Raikans Empfinden auf einem guten Weg. Ein paar Fürsten und Emporkömmlinge wollten noch in die Schranken gewiesen werden, um der Kornkammer im Nordwesten des Geborgenen Landes zur inneren Beständigkeit zu verhelfen.

Mitten in den Vorbereitungen zum Kronverzicht hatte die Brüder die Einladung des Elbenpaares Ilahín und Fiëa erreicht, nach Ti Lesinteïl zu kommen.

An den Hof.

Raikan hatte nicht gewusst, dass die wenigen Elben bereits einen König gewählt hatten oder dass ihre Anzahl so rasch gestiegen war, um einen Hof zu bilden. »Reiten wir hin und bestaunen das Wunder aus der Nähe.«

Die kleine Schar lenkte ihre Pferde auf die leicht abschüssige, breite Straße.

Die einstige Tiefe des Kraters, in denen die Hauptstadt der Nord-Albae gestanden hatte, war allenfalls zu erahnen, sofern man die alten Erzählungen kannte. Die Elben hatten es geschafft, durch Aufschüttung eine meilenweite, kreisrunde Senke daraus werden zu lassen. Doch für Raikan war der dichte, üppige Wald, der sich darin erhob, das wahre Wunder.

Die Wipfel bildeten ein stattgrünes, wogendes Blättermeer, in das er und seine Begleiter eintauchten und zwischen den mehr als hundert Schritt hohen Bäumen versanken wie auf den Grund eines Meeres.

Raikan erfreute sich an dem flirrenden Lichtspiel, den vielen Farbtönen von Laub, Rinde und frischen Knospen. Der Geruch in der Luft erinnerte an Honig, an ausgefallene Gewürze und Weihrauch. Er belebte und betörte seine Sinne.

»Ich habe noch nie Bäume gesehen, die solche Blüten hervorbringen«, sagte Tenkil und klang argwöhnisch. »Oder so schnell wachsen.«

»Ich kann daran nichts Schlechtes finden, da sie das Grauen unter der lebendigen Natur verschwinden lassen.« In Raikan stellte sich ein gutes Gefühl ein, eine übergroße Zuversicht, aus der Zusammenkunft am elbischen Hof etwas Herausragendes für Tabaîn zu erreichen.

Insgeheim war er einem Pakt mit dem Elbenreich oder gar allen dreien nicht abgeneigt. Es würde Tabaîn einen Vorteil gegenüber Gauragar und Idoslân bringen.

Zwar begann eine neue Ära im Geborgenen Land, aber Raikan traute Königin Mallenia nicht. Bei aller Kampfkraft und Entschlossenheit, die sie an den Umlauf legte, störte ihn eine Sache gewaltig: ihr Verhalten, wenn es um das Zusammenleben ging. Was kann man von einer Herrscherin erwarten, die sich einem Schauspieler hingibt, der zugleich eine offene Liebschaft mit einer Maga hat?

Raikan rechnete nicht mit einem Angriff durch Mallenia, aber er hielt sie für launisch und vorschnell. Hätte er die Elben auf seiner Seite, würde das Eindruck machen, auch beim eigenen Volk. Er wollte Sicherheit für sein Land, mehr nicht.

Die Abordnung aus Tabaîn folgte der gewundenen Straße, die sich zwischen den mächtigen Stämmen dahinschlängelte.

Der lichtdurchflutete Wald umgab sie von allen Seiten. Moos und Farne wuchsen auf dem Boden, dichtes Unterholz fehlte, sodass Raikan gelegentlich Wild entdeckte, das den Reitern nachschaute. Es wusste, dass es nichts vor den Menschen zu befürchten hatte.

»Sieh nach rechts«, meldete Tenkil. »Scheint, als wären die Elben nicht ganz so gründlich gewesen.«

Raikan drehte den Kopf und erkannte die Überreste eines imposanten Standbildes aus Knochen, das unverkennbar albischen Ursprungs war.

Es wirkte wie ein gewaltiger Kriegeroberkörper, der sich aus dem Boden stemmte, um sich auf seine Feinde zu werfen. Ranken hatten sich um das schaurige Gebeinkunstwerk geschlungen und sich straff gespannt.

»Es wird nicht lange dauern, und die Gewächse zerreißen es«, schätzte Raikan und fühlte einen Schauer über den Rücken rinnen. Die Albae werden getilgt. Sie und alles, was sie erschufen.

Die fünf Reiter gelangten auf einen großen Platz, in dessen Mitte sich ein kolossaler Baum erhob, der mit seinen Ästen und Zweigen einen natürlichen Schirm über der Siedlung aufspannte. Raikan vermochte sich nicht auszumalen, wie tief die Wurzeln reichen mussten, um das Gewicht zu halten.

In lichten Schatten des Baumes erhoben sich geschätzt vier Dutzend Häuser, gänzlich aus Stein errichtet, die nach kleinen Festungen aussahen und doch genügend verspielte Elemente in sich bargen, um nicht wie verloren gegangene Bauklötze eines Riesen umherzustehen. Die behauenen Quader waren in Grüntönen sowie mit geschwungenen Ornamenten bemalt und von Pflanzen bewachsen. Sie fügten sich perfekt in die Umgebung ein.

Tenkil schien sich bereits Gedanken zu machen. »Wer die Siedlung einnehmen will, müsste sich von Haus zu Haus kämpfen.«

Raikan verübelte dem Krieger die Bemerkung nicht. Er hatte lange Zeit gegen die Feinde von Tabaîn gefochten; daher beurteilte er jeden Ort nach taktischen Maßstäben, bevor er ihn mit friedlichen Augen betrachten konnte.

Elbinnen und Elben gingen auf den befestigen Straßen umher, man warf den Neuankömmlingen freundliche Blicke zu. Raikan zählte mindestens vierzig Bewohner, die durch die Siedlung liefen. Er gab das Zeichen zum Anhalten. »Ich hörte etwas von einer Handvoll Elben, die ins Geborgene Land kamen.«

»Das sind mehr.« Tenkil atmete laut aus. »Viel mehr.«

»Aber unbewaffnet.« Raikan lächelte seinem Freund zu. »Man will uns nichts Böses.«

In der Mitte der kleinen Siedlung stand ein hundert mal hundert Schritt großes Haus, dessen geschwungenes Dach sich gut fünfzig Schritte über ihnen befand. Vier Balustraden zogen sich im Abstand zehn Schritt außen entlang.

Es war überwiegend aus Holz errichtet, die Balken kunstvoll mit Schnitzereien versehen, und zahllose weiße Lampions mit roten Runen pendelten leicht. Zwei riesige schwarze Banner hingen von ganz oben bis auf den Boden herab, die weißen Ornamente leuchteten beinahe. Sie rahmten im unteren Teil ein massives doppelflügeliges Bronzetor ein, auf dem sich noch mehr Runen befanden.

»Die Elben sind die schnellsten Baumeister, die ich jemals sah«, bekannte Tenkil, ohne es lobend zu meinen. In seinen Worten schwang sein Unglaube mit, es sei mit rechten Dingen zugegangen.

Nun reicht es mit seiner Unkerei. Raikan wollte etwas Rügendes erwidern, als der Eingang aufschwang und ein Elb in weiten, dunkelgrünen Gewändern heraustrat. Auf seinen Händen balancierte er ein Tablett mit einer Wasserkaraffe und fünf Kelchen. Seine kurzen schwarzen Haare hatte er streng nach hinten gelegt, was die leicht spitz zulaufenden Ohren betonte; am Gürtel um seine schmale Hüfte trug er einen unterarmlangen Dolch.

Er näherte sich der Gruppe getragenen Schrittes.

Raikan empfand es nicht als angemessen, den Trunk aus dem Sattel heraus anzunehmen, also stieg er ab; Tenkil, Lilia, Ketrin sowie Irtan taten es ihm nach.

Ein leichter Wind zog durch das Waldmeer und ließ zahlreiche Glöckchen erklingen, die unsichtbar in den Ästen hingen. Es machte den Moment feierlich.

Der Elb deutete eine Verbeugung an, reckte das Tablett anbietend. »Willkommen, ihr Menschen aus Tabaîn. Mein Herr ist erfreut, dass ihr seine Einladung annahmt.«

»Wir haben zu danken.« Raikan und seine Truppe nahmen je einen Kelch.

Bereits der erste Schluck war köstlich: Das Wasser schmeckte rein und erfrischte mehr als alles, was der angehende König jemals zuvor getrunken hatte. Das leichte Aroma konnte er nicht zuordnen, doch es hinterließ in der Kehle eine angenehme Kühle.

Nachdem sie den Trunk zu sich genommen und die Kelche abgestellt hatten, wandte sich der Elb mit einem Lächeln um. »Folgt mir, bitte. Mein Herr erwartet euch.«

Raikan blieb auf doppelter Armlänge Abstand zu ihm und setzte sich in Bewegung. »Ketrin, du wartest bei den Pferden.«

Die blonde Frau nickte und fasste die Zügel in ihrer Hand zu einem dicken Strang zusammen.

Tenkil nickte andeutend in die Höhe. »Wächter. Neun Bogenschützen, wenn ich es richtig sehe. Sie stehen im Schatten der zweiten Balustrade.«

Alles andere hätte Raikan verwundert. »Nehmen wir einfach an, sie stünden zu unserem Schutz dort.«

Damit wurden es noch mehr Elben, die in Ti Lesinteïl lebten. Woher kamen sie?

Tenkil stieß ein raues Lachen aus. »Wie die verborgenen Späher im Wald, die auf uns zielten, als wir sie passierten?«

Raikan schwieg. Er hatte die elbischen Soldaten nicht bemerkt. Seinem Freund gelang es mit den Bemerkungen, die gute Stimmung mit Makeln zu versehen.

Sie gelangten durch das Doppeltor in eine große, schmucklose Halle, in der es durchdringend nach Weihrauch und Blüten roch. An den Wänden waren aufgemalte Schriftzeichen zu erkennen, ebenso stilisierte Landschaften mit Vögeln. Die Farben schimmerten mitunter, als wäre flüssiges Metall dünn über die Darstellungen aufgetragen worden.

Der hintere Teil der Halle war durch ein Podest und Schilfmatten erhöht, und dort saß ein beeindruckender, braunhaariger Elb auf seinen angewinkelten Unterschenkeln, was nicht bequem aussah. Sein raffiniert geschnittenes Gewand bestand aus weißem Stoff mit eingewobenen Gold- und Silberfäden. Sonnenstrahlen fielen aus drei verschiedenen Richtungen durch Öffnungen in der Decke; die Reflexionen machten den Elb zu einer Lichtgestalt. Die ringverzierten Hände lagen geöffnet auf den Oberschenkeln, die Augen waren auf die Besucher gerichtet.

Bislang hatte Raikan nur die Bekanntschaft von Ilahín und seiner Gemahlin Fiëa gemacht, und insgeheim hatte er damit gerechnet, Ilahín auf einem prunkvollen Thron vorzufinden. Die Schlichtheit der Umgebung überraschte ihn ebenso wie der fremde König.

Ihr Führer deutete eine Verbeugung an und sagte etwas auf Elbisch.

»Nutzen wir die Sprache der Menschen«, fiel ihm der Herrscher ins Wort, zum einen mit dem bekannten schmeichelnden Singsang, zum anderen mit einem ungewöhnlich harten Zungenschlag. »Es ist unhöflich. Raikan könnte annehmen, wir hätten etwas vor ihm zu verheimlichen.« Der Elb vollführte eine einladende, elegante Geste mit der Rechten, in der etwas Befehlendes lag.

Raikan nickte und setzte sich in Bewegung, da packte ihn Tenkil am Arm.

»Ich knie nicht«, raunte er; die Beschaffenheit des Raumes verstärkte seine Worte, sodass es alle Anwesenden hörten.

»Der Herrscher der Elben kniet nicht minder.«

»Er kann tun, was er möchte, aber ich beuge meine Knie allerhöchstens nach meinem letzten Atemzug. Ich habe lange genug gefochten, um vor keinem mehr …«

Es reicht! Raikan blickte ihm tadelnd ins Gesicht. »Dann warte bei den Pferden.«

Tenkils Lippen öffneten sich einen Spalt, doch er war klug genug, die Worte nicht auszusprechen. So wandte er sich auf den Fersen um und verließ die Halle.

Er war zu lange Krieger. Raikan sowie seine verbliebenen zwei Begleiter Lilia und Irtan begaben sich auf das Podest und setzen sich auf dieselbe Weise auf die Unterschenkel, in großem Abstand vor den Herrscher, den eine Aura von Macht und Selbstsicherheit umgab. Alleine der Blick aus den wachen, graugrünen Augen barg Überlegenheit.

Für die Kunst der Diplomatie war in den vergangenen Zyklen wenig Zeit gewesen, und so schwebte der junge Tabaîner auf einer Wolke der Unsicherheit; zudem war nicht überliefert, wie man sich einem elbischen Herrscher gegenüber verhielt. Ich warte ab.

Mit einem lauten metallischen Klang, der an einen Gong erinnerte, schlug das bronzene Tor zu. Es hallte nach, dann drängten sich die Töne der leisen Glöckchen durch das verebbende Echo.

Lange Zeit geschah nichts, man saß sich gegenüber, wartete ab.

Raikan musste bald ein Gähnen unterdrücken. Er fand die Stimmung im Raum dank Weihrauch und den harmonisch gestimmten Glöckchen zunehmend entspannend, obwohl das Sitzen von Herzschlag zu Herzschlag unbequemer wurde. Aber seine Aufregung legte sich.

Darauf schien der Gastgeber gewartet zu haben.

»Ich bin Ataimînas, Regent über Ti Lesinteïl und Naishïon der Elben. Wie ich sehe, sandte mir Tabaîn seinen kommenden Herrscher.« Er legte eine Hand auf Herzhöhe gegen die Brust. »Ich fühle mich geehrt.«

»Die Ehre ist ganz meinerseits.« Raikan fühlte sich geschmeichelt, zugleich bemerkte er, dass seine Füße und Unterschenkel kribbelten. Es würde nicht lange dauern, und die Gliedmaßen wären dank der ungewohnten Haltung eingeschlafen. »Ihr habt hier ein Wunder vollbracht.«

Ataimînas lächelte dankend. »Maga Coïra und unsere bescheidenen Zauberkünste wirkten zusammen, damit der Schrecken begraben und vergessen wird.« Er breitete die Arme aus. »Reden wir über die Zukunft, junger König. Alles andere darf uns nicht mehr interessieren.«

Raikan stimmte zu. »Wie kann Euch Tabaîn beistehen?«

»Mit Korn.« Ataimînas legte die Hände in den Schoß, die Ringe und Steine daran funkelten. »Die Elbenreiche formieren sich neu, und da bleibt wenig Gelegenheit, Felder zu bestellen und sich dem Bauerntum hinzugeben. Die nächsten zehn Zyklen beabsichtigen wir, unseren Getreidebedarf durch das fruchtbare Tabaîn zu decken. Ich hörte, dass Eure Felder nach wie vor reiche Ähren tragen.«

Es geht gut los. Das bringt mich einem Bündnis näher. Raikan lächelte ungewollt. »Die paar Sack Roggen werden wir entbehren können.«

»Ich rede von sämtlichen Elbenreichen: Ti Âlandur, die Ti Singàlai, das Ihr Goldene Ebene nennt, und Ti Lesinteïl. Alles in allem rechnen wir mit einem Bedarf von elfhundert Zehntnern.«

Raikan hörte Lilia neben sich vor Überraschung durchatmen.

»Wie viele Münder sind zu stopfen, Regent Ataimînas?«

Der Elb schien erstaunt über die Frage. »Ich dachte, Vraccas’ Kinder hätten euch über unseren Zuzug umfassend berichtet? Wir machen kein Geheimnis daraus.«

»Die Zwerge senden regelmäßig Botschaften an den Rat der Könige, doch das letzte Treffen liegt einen halben Zyklus zurück«, erklärte Raikan seine Unwissenheit. »Es gab viel zu tun.«

»Ich verstehe. Dann werdet Ihr lesen, dass wir aus Süden, Westen und Osten gezogen kamen, nachdem uns das Zeichen der Schöpferin erreichte, die Bedrohungen für unser Volk seien zu Ende.« Ataimînas wies zum Tor. »Dies ist nur eine Siedlung von vielen, König Raikan. Wir erstehen auf, und wir werden uns nicht von den Menschen und Zwergen abgrenzen, wie es unsere Vorgänger taten.« Der Elb richtete seinen Oberkörper auf, sein Gewand leuchtete in den Sonnenstrahlen. »Ich kenne den Ruf, den die Elben im Geborgenen Land haben, und ich fürchte: Sie hatten ihn zu Recht. Dies wird in weniger als einer Menschengeneration behoben sein.« Er zeigte auf Raikan. »Handelsbeziehungen mit Tabaîn bilden den Anfang. Wenn Ihr es möget.«

Natürlich! Raikan hielt sich mit lauten Zusagen jedoch zurück. »Ihr habt noch immer nicht gesagt, wie viele Elben zureisten.«

»Bis zum heutigen Umlauf werden es um die zehntausend sein.« Ataimînas sah die Überraschung auf den Gesichtern seiner Besucher und quittierte es mit seinem freundlichen Auflachen. »Ihr müsstet Euch sehen, junger König. Wir sind keine Eroberer. Wir kehren lediglich zurück an den Ort, an dem unsere Schöpferin uns formte. Und damit benötigen wir auch mehr Getreide.«

Die Aussicht auf dieses Geschäft und das Bündnis war verlockend. Raikan sollte jubilieren. Das Unwohlsein über diese gewaltige Menge Elben im Geborgenen Land ließ sich jedoch nicht ausblenden. Es war, als hätte Tenkil vor seinem Hinausgehen sein Misstrauen als unsichtbaren Hauch in der Halle gelassen. Das ärgerte Raikan.

»Wir stellen Euch weiteres Saatgut zur Verfügung, das Tabaîn für uns auf eigenen Feldern anbauen wird«, redete Ataimînas weiter. »Es ist Weizen von besonderer Qualität, und Ihr werdet die Flächen bewachen lassen, König Raikan. Dafür bezahle ich Euch weiteres Gold.« Er lächelte gönnerhaft. »Ich mache Euch reich.«

Anschließend legte er dar, wie hoch das Entgelt dafür sein sollte; auch den Preis für einen Zehntner Korn gab er vor.

Raikan widersprach nicht und handelte nicht. Das zu erwartende Gold lag weit über dem, was man verlangen konnte.

»Ich freue mich, den Elbenreichen helfen zu können«, erwiderte er stattdessen. Mit einem solchen Handel konnte er seine Bitte um ein Bündnis im Anschluss leichter vorbringen.

»Vergeuden wir keine Zeit.« Auf Ataimînas’ Wink hin öffnete sich eine in der Täfelung verborgene Seitentür, und zwei Elben kamen herein.

Sie trugen Pergament und Feder mit sich, der Vertrag über Lieferung und Anbau war bereits vorgefertigt. In beiderseitigem Einvernehmen wurden die Papiere um Menge und Goldbetrag ergänzt, sodann gegengezeichnet.

Raikan wusste, dass er damit einen Vorgriff auf die Königskrone seines Landes tätigte, doch die Gelegenheit durfte er sich nicht entgehen lassen. Es geht um Tabaîn.

»Ich bedanke mich vielmals«, sagte er zum Elb und bekam die unterschriebene Abmachung gereicht. »Darf ich die Gelegenheit nutzen, um …«

»Dann ist dieses Geschäft erledigt.« Ataimînas sah erfreut aus. »Reden wir über ein weiteres: Land.«

Nun war der junge König überrascht. »Ich verstehe nicht. Wolltet Ihr die Ackerflächen für Eure eigene Getreidesorte …«

»Dieses Elbenreich, auf dem Ihr und Eure Freunde sich befinden, wird mit den anderen beiden zusammengefügt. Wir kaufen die Erde, die dazwischenliegt.« Ataimînas langte hinter sich und nahm eine Karte, rollte sie aus. Die neuen Grenzverläufe waren bereits eingezeichnet. »Von Tabaîn hätten wir gerne das Stück, das im Norden von Âlandur liegt, bis hinauf zum Gebirgsbeginn. Dieses Gebiet liegt nicht zwischen unseren Landen, doch es würde den perfekten Abschluss bilden.«

Raikan hörte heraus, dass der Elb nicht mit Widerstand gegen die Pläne rechnete. Das muss unweigerlich zu Schwierigkeiten führen. Auf einen Schlag wurde das Elbenreich zu einem ungeeigneten Bündnispartner, der anstelle von Sicherheit eine Auseinandersetzung prophezeite. Für Raikan sah es aus, als habe er den Weg umsonst gemacht. »Ich nehme an, Ihr werdet noch vor dem Königsrat sprechen? Euer Anliegen betrifft in erster Linie Königin Mallenia.«

»So ist es. Allerdings befürchte ich Widerstand aus nichtigen Gründen. Sie ist als Doppelherrscherin gleichzeitig mit dem König von Urgon verbandelt, somit könnten drei Stimmen gegen mich sprechen.« Ataimînas musterte Raikan. »In Euch möchte ich einen Fürsprecher.«

Nun verstand der junge Mann, warum das Getreide so großzügig bezahlt wurde. »Ich muss mit meinem Bruder darüber sprechen«, suchte Raikan nach einem Ausweg, der sehr brüchig klang. »Es ist eine Entscheidung von größerer Tragweite als Getreidelieferung und -anbau.« Tenkils Unkerei scheint sich zu bewahrheiten. Der nächste Krieg lauerte, nur einen Zyklus nach der Befreiung.

Der Elb lächelte weiterhin unverbindlich, goldene und silberne Reflexionen huschten über das schöne Antlitz. »Tut das, Raikan von Auenwald. Ihr werdet ihn überzeugen können. Wer hätte nicht gerne den Naishïon zum Freund?«

Raikan erinnerte sich, dass Ataimînas den Begriff eingangs erwähnt hatte. »Verzeiht mir meine Unwissenheit, doch die letzten zweihundertfünfzig Zyklen vergingen, ohne dass man Elben sah oder gar sprach. Dieser Titel bedeutet …?«

»Übersetzen ließe es sich in Eure Sprache mit unumschränkter Herrscher.« Der Elb blieb vollkommen freundlich. »Meines Volkes. Nicht des Geborgenen Landes«, fügte er nach einer Weile mit verschmitztem Lächeln hinzu. »Um Missverständnissen vorzubeugen.«

»Natürlich.« Raikan war sehr froh, Tenkil bei den Pferden gelassen zu haben. Sein Krieger hätte sich sofort auf einen Disput eingelassen. Auf dem Nachhauseritt gibt es viel zu überlegen. Das Bündnis muss wohlbedacht sein.

»Habt Ihr von dem Kind gehört, das sie im Grauen Gebirge fanden?«, sagte Raikan, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

»Ihr meint das Mädchen?« Ataimînas wirkte sofort verschlossener, er reckte sich und lehnte sich leicht zurück. »Wenn Ihr mich fragt: Belogar Streithammer hätte es erschlagen sollen. Der Zwerg und ich denken das Gleiche. Ich fürchte wie er, dass sich das Kind nicht als Segen für unser aller Heimat erweisen wird.«

Das muss er mir näher erklären. Raikan setzte zu einer weiteren Frage an – da erklangen von draußen ein lauter Schrei und das Sirren von Pfeilen, gefolgt von weiteren Schreien und dem Wiehern von aufgeregten, verängstigten Pferden.

Tabaîns baldiger König sprang auf, neben ihm erhoben sich Lilia und Irtan – doch sanken sie ebenso wie er nach dem ersten Versuch auf die Schilfmatten zurück. Sie hatten wegen der vorangegangenen abgeschnürten Blutzufuhr kein Gefühl in den Beinen, von den Knien abwärts schienen sie gelähmt. Hilflos lagen sie im Saal und waren leichte Opfer.

»Tenkil!« Raikan blickte zum verschlossenen Tor, dann zum Elbenherrscher.

Aber Ataimînas saß nicht mehr an seinem Platz.


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Kapitel 1


»Da platzt doch die Kröte!«, stöhnte Luk unter der Kapuze hervor. »Nicht schon wieder!«

»Nicht schon wieder was?«, fragte Ga-nor, der sich das zu einem Zopf zusammengebundene Haar auswrang.

»Nicht schon wieder Regen! Falls du es noch nicht bemerkt hast: Das geht jetzt schon zwei verfluchte Wochen so.«

Ga-nor murmelte nur etwas, das Luk nicht verstand.

»Ist dir dieses Wetter wirklich einerlei?«, hakte er nach.

»Solange mich der Regen nicht umbringt, ja.«

Darauf folgten ein gewaltiger Nieser und weitere Nörgelei vonseiten Luks. In letzter Zeit lag er Ga-nor unaufhörlich damit in den Ohren, wie sehr ihm die ewige Reiterei zuwider sei, noch dazu bei diesem miserablen Herbstwetter.

»Ich hab dir schon hundertmal gesagt, wir sollten uns irgendwo verkriechen, wo wir ein Dach überm Kopf haben. Mir erzählt doch niemand, dass es hier nirgends eine Schenke gibt. Da könnten wir wenigstens im Trockenen sitzen. Und bekämen was Gutes zu essen, heißen Shaf …«, schwärmte er – und sein Magen fing erbärmlich an zu knurren. »Die Hauptsache wär aber, nach diesem ständigen Regen endlich mal durchzutrocknen. Sieh dir bloß mal mein Pferd an. Ja, genau, mein Pferd. Meinst du nicht auch, es verwandelt sich allmählich in Wasser? Hör auf zu lachen. Falls ich nicht demnächst in dieser Saukälte verrecke, wachsen mir bestimmt Kiemen, du wirst schon sehen.«

»Wir dürfen unsere Zeit nicht in einer Schenke vertrödeln«, entgegnete Ga-nor, der sich jetzt ebenfalls die Kapuze über das nasse Haar zog. »Glaub mir, mich entzückt dieses Wetter auch nicht. Aber wir müssen weiter. Der erste Herbstmonat neigt sich bereits dem Ende zu, und wenn der dritte erst einmal vorbei ist, sind die Pässe durch die Katuger Berge zugeschneit. Dann kommen wir da nicht mehr durch, sondern müssen bis zum Frühjahr hier unten im Süden bleiben. In Gesellschaft der Herren Nekromanten. Würde dir das vielleicht gefallen?«

Für den wortkargen Nordländer war dies eine außergewöhnlich lange Rede. Luk nieste erneut und schnäuzte sich geräuschvoll. »Ich habe es schon einmal gesagt, doch ich wiederhole es gern«, brummte er schließlich. »Wir kommen nie im Leben über die Treppe des Gehenkten. Die Nabatorer mögen vielleicht unfähig sein – blind sind sie nicht. Der Pass ist zu schmal, als dass wir uns da unbemerkt rüberstehlen könnten.«

»Dann mach halt einen anderen Vorschlag«, verlangte Ga-nor gelassen.

Und beendete damit die Auseinandersetzung. Im Grunde wusste Luk selbst, dass es nur diese eine Möglichkeit für sie gab, nach Norden vorzustoßen: die Treppe des Gehenkten. Der zweite Pass, bei Burg Donnerhauer, lag zu weit westlich. Der Weg dorthin würde sie noch mehr Zeit kosten, obendrein führte er durch die Bluttäler, was die Sache zusätzlich erschweren würde, denn vor Gash-shaku und Altz dürfte es inzwischen von Nabatorern nur so wimmeln.

»Wenn du nicht durch die Berge willst, bliebe uns nur, uns irgendwo zu verkriechen und abzuwarten«, hielt Ga-nor fest.

»Alles, nur das nicht! Da würden uns mit Sicherheit irgendwann Untote oder Ascheseelen aufspüren. Nein, die ganze Zeit in irgendeinem Versteck zu hocken und in Erwartung dieser ehrenwerten Gäste mit den Zähnen zu klappern, das ist nichts für mich«, wehrte Luk ab. »Wie weit ist es denn eigentlich noch bis zur Treppe des Gehenkten?«

Ga-nor richtete sich in den Steigbügeln auf, sah sich aufmerksam um und zuckte die Achseln. Das war die Antwort, die er in letzter Zeit auf alle Fragen Luks am häufigsten gab.

»Aber wir reiten in die richtige Richtung?«

»Ja.«

Luk seufzte. Mitunter brachten ihn die einsilbigen Äußerungen seines Freundes schier um den Verstand. War es denn zu viel verlangt, sich ein wenig miteinander zu unterhalten? Statt immer nur mit sich selbst?

Die Gegend, durch die sie ritten, trug auch nicht gerade zu ihrer Aufmunterung bei: spärlicher Wald, wenige gelbe Blätter an den Zweigen, meist aber kahle Bäume, ein grauer Himmel, eine blasse Sonne, die sich kaum durch die Wolken brach, ganz zu schweigen vom Regen, der alle Tümpel übertreten ließ.

»Vor zwei Tagen hast du auch schon behauptet, wir würden uns in die richtige Richtung bewegen«, knurrte Luk. »Aber die westlichen Ausläufer der Blinden Berge sind immer noch nicht in Sicht.«

Ga-nor jedoch hielt mal wieder nur Schweigen für ihn bereit.

»Da platzt doch die Kröte!«, brauste Luk auf. »Ich ertrag das nicht länger.«

»Sprichst du von deiner ewigen Nörgelei?«

»Nein! Ich spreche davon, dass mir diese Ödnis zum Hals raushängt! Erinnerst du dich eigentlich noch, wann wir das letzte Mal etwas Anständiges zu essen bekommen haben? Ich nämlich nicht. Und mein Magen erst recht nicht. Die ganze Zeit über stopfen wir nur irgendwelchen Mist in uns hinein. Pass auf, es dauert nicht mehr lange, dann futtern wir Ratten.«

»Schon geschehen.«

»Bitte?!«, fragte Luk verständnislos zurück.

»Gestern Abend standen Ratten auf unserem Speiseplan«, erklärte Ga-nor seelenruhig. »Genauer gesagt, Zieselmäuse.«

Luk sah Ga-nor entsetzt an, begriff, dass dieser keineswegs gescherzt hatte, und sagte mit brechender Stimme: »Ich glaub, ich muss gleich kotzen.«

»Stell dich nicht so an. Schließlich hast du gestern ordentlich zugelangt.«

»Da wusste ich ja auch nicht, dass wir Rattenfl…«

In dieser Sekunde riss Ga-nor jedoch die Hand hoch und gebot Luk zu schweigen. Dieser griff sofort nach dem Streitflegel. Die Stille, die sich herabsenkte, wurde nur vom Regen, der auf ihre Kapuzen prasselte, und vom Schnauben ihrer unruhigen Pferde durchbrochen. Die Straße verschwand weitgehend hinter einem Regenvorhang, sodass sie eine Sicht von weniger als hundert Yard hatten.

Eine Minute verstrich. Noch eine.

»Runter von der Straße!«, befahl Ga-nor. »Sofort!«

Das taten sie zwar, doch es änderte nicht viel. Der Wald war viel zu spärlich, als dass sie beide und die Tiere sich dort hätten verstecken können, die schmalen Espen boten kaum Deckung, die wenigen Sträucher verbargen die Spuren der Tiere nicht.

Luk knüpfte sogleich einen Lederbeutel vom Sattel, der die Armbrust gegen den Regen schützte, entnahm die Waffe, untersuchte die Sehne, spannte sie, holte einen Bolzen aus einem zweiten Beutel und setzte ihn ein. Fünf Minuten bangen Wartens vergingen, ehe Ga-nor schließlich sagte: »Ich habe mich getäuscht.«

»Meloth sei gepriesen«, stieß Luk aus. Da er Ga-nors Instinkten blind vertraute, entlud er die Armbrust wieder und steckte sie rasch in den Lederbeutel, um sie nicht länger als nötig der Feuchtigkeit auszusetzen.

Wortlos führten sie die Pferde auf die Straße zurück und saßen wieder auf.

»Du hast dich also getäuscht?«, fragte Luk, wenn auch nicht in vorwurfsvollem Ton, denn auch er vertrat die Ansicht, dass sie gar nicht vorsichtig genug sein konnten. Sobald Ga-nor auch nur den geringsten Verdacht schöpfte, suchten sie deshalb stets Deckung. Zweimal waren sie den Nabatorern auf diese Weise bereits entkommen. In den letzten Tagen jedoch stellten sich Ga-nors Warnungen häufig als falscher Alarm heraus.

»Ich habe ein Wiehern gehört«, brachte Ga-nor zögernd heraus.

»Glaubst du etwa, in dieser Ödnis streift außer uns noch jemand herum?«

»Das nennst du Ödnis? Ich schwöre dir bei Ug, dass ganz in der Nähe ein Dorf ist.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Riechst du den Rauch nicht?«

Luk sog die Luft tief in sich ein, doch der Geruch der nassen Pferde überlagerte alles andere.

»Vielleicht hast du also gar kein Wiehern, sondern Geräusche aus dem Dorf gehört?«, schlug Luk vor.

»Red keinen Unsinn! Bis zu dem ist es noch eine Viertelleague.«

Ga-nor streifte die Kapuze zurück und lauschte zum wiederholten Mal an diesem Tag in den kalten Regen hinein. In letzter Zeit schlief er kaum noch. Wenn das so weiterging, würden ihm schon bald gravierende Fehler unterlaufen – die ihn in die eisigen Hallen Ugs brächten.

»Vielleicht sollten wir doch zusehen, dass du zu deinem heißen Shaf kommst«, sagte er schließlich. »Und ich zu etwas Stroh zum Schlafen. Wir müssen beide frische Kräfte sammeln.«

»Das ist die erste gute Nachricht seit einer Woche!«, meinte Luk strahlend. »Außerdem dürfte es bald Frost geben, da könnten wir gut etwas Wärmeres als unsere Umhänge gebrauchen. Vielleicht können wir im Dorf ja ein paar Sachen kaufen …«

Ga-nor verzog das Gesicht. Sie hatten nur wenig Geld. Und für einen Kupferling und etwas Silber würde ihnen sicher niemand Winterkleidung überlassen.

Die Pferde liefen nun schneller, als spürten auch sie, dass sie bald ausspannen durften.

Doch kurze Zeit später zügelte Ga-nor abrupt sein Tier, sprang aus dem Sattel und untersuchte aufmerksam den Boden.

»Ist da was?«, fragte Luk ungeduldig.

»Spuren. Von Pferden.«

»Bist du sicher?« Luk vermochte sich einfach nicht vorzustellen, wie irgendjemand diesem Schlamm eine brauchbare Spur entnehmen wollte.

»Hier ist vor gut einer Stunde jemand langgeritten.«

»Bestimmt Bauern«, brachte Luk heraus, der auf gar keinen Fall von der Aussicht auf heißen Shaf Abschied nehmen wollte.

»Bauern gehen zu Fuß. Und wenn sie ein Tier haben, dann nur eine alte Mähre, die ihren wackeligen Karren zieht.« Ga-nor sprang wieder in den Sattel und wendete sein Pferd. »Hier sind aber viele Tiere langgekommen. Wir reiten wieder in den Wald. Schlagen wir uns durch ihn zu den Blinden Bergen. Wenn alles gut geht, müssten wir sie in ein paar Tagen erreichen.«

Nur vereitelte da Hufgetrappel ihren Plan.

Aus der Richtung, aus der auch sie gekommen waren, näherten sich über die Straße Pferde. Um sie herum erstreckten sich nur Felder, die der Regen in die reinste Sumpflandschaft verwandelt hatte. Ihre Tiere würden darin keine zwanzig Yard weit kommen. In der Zeit wären die Verfolger längst heran. Und wenn es unter ihnen Armbrustschützen gäbe, würde die Sache übel enden.

Deshalb traf Ga-nor die einzig mögliche Entscheidung: Mit Ugs Namen auf den Lippen sprengte er die Straße hinunter. Luk zögerte nur eine Sekunde, ehe er ihm folgte.

Links und rechts von ihnen flog Schlamm auf, sodass Tiere wie Reiter schon bald mit Dreck bespritzt waren. Der Regen schlug ihnen in die Augen. Ihre Finger krallten sich derart um die Zügel, dass sie binnen Kurzem ertaubten. Luk schmiegte sich gegen die streng riechende Mähne seines Pferdes und versuchte, nicht hinter Ga-nor zurückzubleiben. Dieser Ritt erinnerte ihn an die missglückte Flucht aus Alsgara, an jenen Tag, als Rowan die Stadt mit seinen Katapulten angegriffen hatte.

Irgendwann verengte sich die Straße, zog sich auch nicht länger schnurgerade hin, sondern wand sich in ein Tal hinein, das zwischen zwei kleineren Hügeln mit Lehmhängen lag. Selbst bei Sonnenschein wäre es nicht gerade einfach gewesen, diese Anhöhen zu erklimmen, bei dem Regen aber konnte erst recht keine Rede davon sein. Verzweifelt preschten sie weiter und hielten nach einer Stelle Ausschau, an der sie die Straße verlassen konnten.

Der Regen nahm immer stärker zu, ja, er ging allmählich sogar in Schneeregen über. Die Tiere, durch den Ritt erhitzt, schüttelten unzufrieden die Köpfe. Sie waren bereits müde und fingen an zu straucheln.

Endlich sahen sie weit vor sich über den kahlen Wipfeln einzelner Espen graublauen Rauch und einen Glockenturm.

»Ins Dorf!«, schrie Ga-nor.

»Was, wenn da Feinde lauern?«

»Schlimmer kann’s jetzt auch nicht mehr kommen! Siehst du den Wald hinterm Dorf? Wenn wir den erreichen, sind wir in Sicherheit.«

Während sie die Straße hinunterjagten, betete Luk inständig zu Meloth, dass die Pferde sie nicht im Stich ließen. Schon erreichten sie den kleinen Friedhof, auf dem Birken wuchsen und der eine windschiefe hölzerne Einfriedung hatte. Dahinter stand ein moosbewachsener Kahler Stein – und ein grober, klotziger Galgen, an dem einige Leichen hingen. Luk sah ihn in dem Augenblick, als ein Bolzen durch den Regen schoss und in den Hals von Ga-nors Pferd einschlug.

Ga-nor gelang es, geschickt über die Schulter abzurollen. Er landete neben dem Galgen. Luk, der in solchen Situationen eine schnelle Auffassungsgabe zeigte, zügelte sein Pferd, sprang aus dem Sattel, stolperte, fiel, rollte ebenfalls ab – und entkam damit einem weiteren Bolzen. Wie eine Schlange kriechend, arbeitete er sich zu Ga-nor vor.

»Da platzt doch die Kröte!«, knurrte er.

»Halt den Kopf unten!«

Sie lagen unter einem kümmerlichen Strauch am Straßenrand.

»Nabatorer!«, flüsterte Luk. »Und jede Menge Tote.«

Die Leichen am Galgen, bereits blau angelaufen und von den Aasgeiern benagt, schwankten sanft hin und her. Der Kleidung nach zu urteilen, handelte es sich um Bauern.

Im Unterschied zu Luk, der ein Gebet murmelte, achtete Ga-nor nicht auf die Toten, sondern suchte fieberhaft nach einem Versteck. Bis zum Friedhof würden sie es nicht schaffen, das waren hundert Yard über offenes Gelände. Da wäre ein Wunder nötig, um ihn zu erreichen, ohne sich einen Bolzen in den Rücken einzufangen. Das Dorf schied auch aus – denn hinter den Heuballen am Straßenrand lauerten ebenjene Schützen, die sie beschossen.

Obwohl Luk eine nur kaum merkliche Bewegung machte, pfiff sofort der nächste Bolzen durch die Luft, der ihn beinahe am Kopf getroffen hätte. Er stieß einen Fluch aus, presste sich noch stärker in den Schlamm und schielte zu Ga-nor hinüber, der sein Schultergehänge abgeknüpft hatte, um die Scheide mit dem Schwert an sich zu nehmen und die Klinge blankzuziehen. Luk folgte seinem Beispiel und bewaffnete sich sowohl mit dem schmalen Dolch wie auch mit dem Krummmesser.

»Was ist, mein Freund?«, fragte er Ga-nor. »Zeigen wir es diesen Nabatorern?«

»Das sind keine Nabatorer.«

Mittlerweile waren ihre Verfolger in Sichtweite gekommen, auch sie auf völlig erschöpften Pferden. Es waren Soldaten, manche in Kettenhemd, andere in Rüstung. An der Spitze ritt der Bannerträger. In dem durchweichten Lappen, der an der Fahnenstange klebte, ließ sich nur noch mit Mühe die Standarte des Imperiums erkennen.

»Da platzt doch die Kröte, das sind ja unsere Leute!«, schrie Luk aufgeregt und wollte schon aufstehen, doch Ga-nor drückte ihn zu Boden.

»Bleib liegen!«, zischte er. Er behielt die heranrückende Einheit fest im Blick. Auch das Schwert lag nach wie vor griffbereit neben ihm, ja, er hatte sogar die Beine angezogen, damit er notfalls aufspringen konnte.

»Aber das sind doch unsere …«, murmelte Luk noch einmal.

»Dann mach denen mal klar, dass wir keine Feinde sind«, brummte Ga-nor.

In diesem Augenblick entdeckten die Verfolger sie, und fünf Mann scherten aus, um auf die beiden zuzuhalten. Die Übrigen preschten, ohne die Geschwindigkeit zu zügeln, weiter auf das Dorf zu. Dennoch entging Ga-nor nicht, wie erschöpft die Soldaten waren und dass sich viele von ihnen aufgrund von Verletzungen kaum noch im Sattel halten konnten.

Den fünf Männern, die sich ihnen näherten, ritten zwei Soldaten in Rüstung voran, auf deren stählernen Harnischen springende Leoparden eingraviert waren.

Einer der beiden war noch jung. Das dunkelblonde Haar zeigte ein mattes Silber an den Schläfen, was darauf deutete, dass in seinen Adern das Blut der Imperatorfamilie floss. Die blauen Augen unter den geraden Augenbrauen blickten aufmerksam und müde. Das feine, edle Gesicht wurde durch eine gebrochene Nase entstellt, die noch nicht wieder verheilt war. Die eingefallenen Wangen wurden von Bartstoppeln bedeckt. Über der rechten Braue prangte eine kleine, notdürftig vernähte Wunde.

Der zweite Mann schien ein echter Gigant zu sein; er hatte den Helm noch auf.

Die drei Soldaten hinter ihnen trugen einfache Rüstungen: Jacken mit aufgesetzten stählernen Platten sowie Kettenhemden mit Kapuzen. Zwei von ihnen hielten die Armbrust im Anschlag.

»Wer seid ihr?«, fragte der Gigant. Die Stimme hinter dem heruntergelassenen Visier klang dumpf und dröhnend, wie eine Tempelglocke.

»Wir sind Freunde«, antwortete Luk.

Beide standen nun vorsichtig auf.

»Werft die Waffen weg«, verlangte der junge Mann.

Ga-nor kam dem Befehl rasch nach, Luk grummelte etwas, folgte dann aber dem Beispiel seines Gefährten. Der Dolch und das Messer flogen auf den Boden. Aber selbst jetzt senkten die zwei Reiter die Armbrüste nicht.

»Führt sie ab«, befahl der Gigant. Daraufhin jagte er mit dem jungen Mann in Richtung Dorf davon.

»Was soll das heißen?!«, empörte sich Luk, als ihm die Hände gefesselt wurden. »Wir sind doch Freunde!«

»Das klären wir später«, erwiderte einer der beiden Armbrustschützen in bedrohlichem Ton. »Steht still. Das gilt vor allem für dich, Rotschopf. Ich kenne euer Volk.«

»Da platzt doch die Kröte, wir sind keine Feinde!«, versuchte es Luk ein letztes Mal.

»Halt jetzt endlich den Mund, sonst werd ich dir mal zeigen, was eine Kröte ist, du elender Kerl!«, zischte der andere Armbrustschütze. Nun endlich begriff Luk, wie dieser Streit enden würde, und schwieg.

»Du kannst unseren Kommandeuren erzählen, wer du bist. Falls sie dir zuhören«, erklärte der Erste, während er die Schnüre um Ga-nors Hände so fest anzog, dass dieser mit den Zähnen knirschte.

Von den drei Reitern eskortiert, mussten die beiden durch den Schlamm stapfen. An einem Gemüsegarten kauerten zwei weitere Armbrustschützen unter ihren Umhängen verborgen, um die Straße im Auge zu behalten.

»Ihr seid flink«, bemerkte einer von ihnen. »Und so sauber!«

»Wenn hier Dreckschweine anwesend sind, dann seid ihr das!«, knurrte Luk, doch zum Glück hörte ihn niemand.

Im Dorf wimmelte es von Soldaten, von den eigentlichen Bewohnern war dagegen nichts zu sehen. Entweder versteckten sie sich oder hatten längst das Weite gesucht.

»He! Mann!«, rief einer ihrer Bewacher. »Wohin sollen die beiden?«

»Zu Mylord Rando.«

»Und wo finde ich den? Oder soll ich etwa in jedem Hof nach ihm suchen?«

»Er ist im Tempel.«

»Klar, jetzt muss er beten«, brummte Luk, wofür er sich einen leichten Stoß in den Rücken einfing.

Durch das kleine Dorf führte nur eine einzige dreckige Straße, die von zwei Dutzend unansehnlichen Häusern gesäumt wurde. Die Gemüsegärten schützten niedrige Zäune, am Brunnen gab es einen länglichen Schwingbaum. Dann entdeckten sie noch eine einstöckige Schenke, deren Schild schon völlig verblichen war, den Tempel mit breiter Vortreppe und hölzernem Glockenturm, der so brüchig wirkte, dass er bei der nächsten Bö einzustürzen drohte, sowie hinter den Bauernhäusern eine Wassermühle.

Jemand verlangte über die ganze Straße hinweg nach einem Hurensohn von Medikus. Rechts unter einem Strohdach, das vom Regen durchnässt war, lagen drei Tote. Der in ein Kettenhemd gewandete Priester des Meloth murmelte ein Gebet und segnete sie.

Jemand führte die Pferde zum Schutz vor dem Regen in eines der Häuser. Am Dorfrand wurden mit verzweifelter Hast Beile geschwungen, immer wieder waren scharfe Befehle zu hören. Auf dem Glockenturm hatten sich bereits einige Bogenschützen eingerichtet. Luk war sich sicher, dass sie selbst bei diesem miesen Wetter die Umgebung gut einsehen konnten. Nachdem er den Blick hatte schweifen lassen, kam er zu dem Schluss, dass sich im Dorf etwa fünfzig Soldaten aufhielten.

Die Tür zum Tempel stand sperrangelweit offen. In seinem Innern war es schummrig, ihn schmückten lediglich ungeschickt gemalte Darstellungen des Meloth.

»Wir können uns das auf gar keinen Fall erlauben, Rando!«, tönte jemand mit tiefem Bass. Die Stimme gehörte jenem Giganten, den Luk und Ga-nor bereits kennengelernt hatten. Jetzt hatte der Mann seinen Helm abgenommen und sein grobes, kantiges Gesicht mit der fleischigen Nase und dem breiten Kinn voller Bartstoppeln entblößt. »Eine solche Verzögerung wäre unser Tod!«

»Nein, weiterzureiten wäre Wahnsinn«, widersprach Rando, ebenjener junge Mann, der den Giganten vorhin begleitet hatte. »Die Pferde sind müde. Und die Männer auch. Wir brauchen mindestens einen Tag Ruhe.«

»Aber die Nabatorer sind uns auf den Fersen.«

Außer diesen beiden waren noch fünf weitere Männer anwesend, zwei in Rüstungen mit dem Leoparden-Emblem, die Übrigen in Kettenhemden, schweinsledernen Jacken und verdreckten Hosen. Sie alle blickten finster und ausgelaugt drein und vermochten sich kaum noch auf den Beinen zu halten.

»Ich glaube, fürs Erste haben wir sie abgehängt«, bemerkte nun einer von ihnen.

»Da täuschst du dich, Glum«, widersprach ihm ein schwarzbärtiger Mann mit einem Falchion am Gürtel, allem Anschein nach ein gebürtiger Morassier. »Sie werden uns nachsetzen, denn wir sind eine zu große Gefahr in ihrem Rücken. Dennoch hat Mylord Rando recht. Noch eine Stunde, und sowohl die Pferde als auch die Männer sterben vor Erschöpfung.«

»Das tun sie bereits«, verbesserte ihn ein blonder Mann, der gerade den Tempel betrat. »Ich habe die Verwundeten in einem der Häuser unterbringen lassen. Der Medikus ist bei ihnen.«

»Ich danke dir, Kallen. Woder, ich habe Befehl erteilt, die Straße zu versperren und das Dorf zu sichern«, setzte Mylord Rando den Giganten in Kenntnis.

»Du bist der Kommandeur«, entgegnete Woder. Dann drehte er sich dem Eingang des Tempels zu, an dem Ga-nor und Luk warteten. »Also, wenn ihr jetzt noch mal erklären würdet, wer ihr seid.«

»Luk, Soldat im Eisturm in der Burg der Sechs Türme.«

Daraufhin stieß Kallen einen erstaunten Pfiff aus und kniff die Augen zusammen.

»Ga-nor aus dem Irbisklan. Fährtenleser in der Burg der Sechs Türme.«

»Wir haben gehört, niemand habe den Sturm auf die Burg überlebt«, sagte der Morassier.

»Und wir haben gehört, vom Himmel fliegen Kröten«, knurrte Luk. »Wir konnten jedenfalls entkommen.«

»Bei Altz wurde uns versichert, in den Bergen seien alle gestorben«, mischte sich nun ein hagerer, fast schon skelettöser Mann mit einer schmalen Nase und großen Segelohren ein, der bis jetzt geschwiegen hatte. Seine Kleidung wies ihn als Glimmenden aus.

»Lassen wir das Spekulieren, Jurgon. Wir haben andere Möglichkeiten, das zu klären«, sagte Rando, um sich dann an Glum zu wenden. »Crayg soll herkommen.« Daraufhin eilte Glum zum Ausgang, während Rando fortfuhr: »Gut, nehmen wir einmal an, ich glaube euch. Aber selbst in dem Fall seid ihr lange unterwegs gewesen. Fast vier Monate. Offenbar hattet ihr keine große Eile, euch wieder der Armee anzuschließen. Zum Beispiel am Linaer Moorpfad, wo es die ganze Zeit über Kämpfe gab. Oder an der Treppe des Gehenkten.«

»Wir sind keine Deserteure«, blaffte Luk ihn an.

»Darüber entscheiden wir!«, brüllte Woder.

»Von der Burg der Sechs Türme aus haben wir uns durch den Wald nach Alsgara geschlagen«, gab Ga-nor Auskunft. »Zu den Schreitenden.«

»Wozu das denn?!«, fuhr ihn der Glimmende Jurgon an, und der Adamsapfel in seinem schmalen Hals hüpfte unter der durchscheinenden, pergamentenen Haut.

»Weil uns die Schreitende aus der Burg der Sechs Türme darum gebeten hatte. Das heißt, sie hat mich darum gebeten … bevor sie gestorben ist«, erklärte Luk. Die Schnüre schnitten ihm erbarmungslos in die Handgelenke, die kalte, nasse Kleidung klebte an seinem Körper, und die ganze Situation kam ihm unglaublich ungerecht vor.

»Und?«, wollte Jurgon wissen. »Seid ihr im Turm gewesen?«

»Ja.«

»Mit wem habt ihr gesprochen?«

»Mit der Herrin Irla.«

Jurgon nickte Rando kaum merklich zu.

»Gut. Und dann habt ihr die Stadt verlassen?«

»Ja. Wir wollten zur Treppe des Gehenkten«, antwortete Ga-nor. »Und von dort aus weiter nach Norden.«

»Wie sieht es in Alsgara aus?«, fragte einer der Männer.

»Wir haben die Stadt vor fast einem Monat verlassen. Seitdem haben wir selbst nichts mehr gehört. Wir haben uns durch die Wälder gekämpft, weil die Straßen voller Nabatorer waren.«

»Auch euch haben wir zunächst für Nabatorer gehalten«, sagte Luk. »Deshalb sind wir so schnell wie möglich abgehauen. Nachdem Alsgara belagert worden ist, machen wir nichts anderes, als uns vor dem Aussatz aus Nabator und Sdiss zu verstecken.«

»Die Stadt wird belagert?«, fragte der Morassier erstaunt. Auf die Übrigen hatte diese Mitteilung die gleiche Wirkung.

»Mhm, seit dem letzten Sommermonat«, murmelte Luk. »Wusstet ihr das etwa nicht?«

»Sämtliche Nachrichten erreichen uns nur mit ungeheurer Verspätung«, erklärte Jurgon.

In dieser Sekunde kam Glum mit einem Bogenschützen zurück. Der musterte die beiden Gefangenen genauestens und antwortete auf die unausgesprochene Frage Randos, indem er den Kopf schüttelte. »Die sehe ich zum ersten Mal, Kommandeur.«

»Und?«, fragte Woder. »Was ist mit euch? Kennt ihr diesen Mann?«

»Nein«, antwortete Luk, obwohl er eine Fangfrage vermutete. Ga-nor zuckte nur die Achseln.

»Crayg hat in der Burg der Sechs Türme Dienst getan.«

»Vor wie vielen Jahren?«

»Vor fünfzehn«, antwortete der Mann verlegen.

»Vor fünfzehn Jahren kannte ich noch nicht mal das Wort Buchsbaumberge«, fuhr Luk ihn an. »Sucht euch jemand andern, den ihr über dem Löffel barbieren könnt!«

Daraufhin erntete er nur finstere Blicke.

»Wie heißt die Statue des ersten Hauptmanns?«, wollte Crayg weiter wissen.

»Langer Esel«, antwortete Luk in herausforderndem Ton. »Weiter?«

»Wie viele Tore gibt es in der Gartenmauer?«

»Sechs. Das zweite von links ist bereits seit neun Jahren vermauert.«

»Was ist auf der Kuppel des Feuerturms dargestellt?«

»Nichts – denn die Kuppel ist nie fertig gebaut worden.«

»Scheint alles zu stimmen«, wandte sich Crayg wieder den anderen Männern zu.

»Scheint!«, spie Woder aus. »Auf dein scheint können wir verzichten. Bist du dir sicher, dass sie in der Burg gedient haben?«

»Scheint so … äh … ja. Wer noch nie in der Burg gewesen ist, hätte diese Fragen nicht beantworten können.«

»Gut. Du kannst gehen.«

»Und was sollen wir jetzt mit denen machen?«, fragte der Morassier.

Schweigen hing in der Luft.

»Sperrt sie ein«, entschied Rando schließlich. »Und stellt ihnen eine Wache vor die Tür.«


Der Bund

Dunkle Götter 2

Magie ist eine Gabe und eine Bürde zugleich. Ihr Erbe birgt schillernde Macht und dunkelsten Wahnsinn. Dies muss auch der junge Mordecai erfahren, der sich plötzlich im Zentrum der Geschicke des Reiches befindet. Ein Reich, das droht, der Finsternis anheimzufallen. Könige wie Götter möchten ihn gerne auf ihrer Seite wissen, doch Mordecai merkt schnell, dass er niemandem trauen kann. Nicht einmal seinen Freunden. Und auch nicht sich selbst ... Düsterer, gewaltiger, komplexer: Michael G. Manning setzt nicht nur sich selbst neue Maßstäbe – es gelingt ihm, dem Genre der traditionellen Fantasy neue Magie einzuhauchen!

1


Leise schlich ich durch die Dunkelheit, bis ich die richtige Tür erreicht hatte. In der ganzen Umgebung gab es keinerlei Licht, und ich hatte auch keine Lichtquelle mitgebracht. Für dieses Vorhaben wollte ich lieber den Magierblick einsetzen. Sichtbares Licht hätte die Gefahr nur vergrößert. Also griff ich mit meinem Geist hinüber und erforschte den Raum hinter der Tür. Meine Aufgabe wäre leichter gewesen, wenn sich dort niemand aufgehalten hätte, doch ich spürte sofort ein Wesen, von dem eine gefährliche Aura ausging. Mir brach der Schweiß aus, als ich über meine Möglichkeiten nachdachte. Noch einmal überprüfte ich meinen Schild und vergewisserte mich, dass mir der Spruch vollständigen Schutz gewährte. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, das Schwert zu ziehen, doch das war bei diesem Gegner sinnlos.

Vorsichtig streckte ich die Hand zum Türgriff aus und prüfte, ob abgesperrt war. Das war natürlich nicht der Fall … denn das Wesen in diesem Raum erwartete mich bereits. Die Jägerin verschließt den Käfig erst, wenn die Beute gefangen ist. Langsam öffnete ich die Tür und hoffte, drinnen sei es dunkel. Im Gegensatz zu mir brauchte mein Gegner nämlich das Licht, um etwas zu erkennen. Möglicherweise war dies mein einziger Vorteil.

Der Raum war hell erleuchtet. Verdammt!

»Hallo, meine Süße, ich hatte gar nicht erwartet, dass du so spät noch auf bist. Du hast doch nicht etwa auf mich gewartet?« Ich sprach betont fröhlich und wusste sofort, dass sie nicht darauf hereinfiel.

»Wo, zum Teufel, hast du dich herumgetrieben?«, schimpfte Penny. Dabei hatte sie diesen müden, unwirschen Gesichtsausdruck, den manche Menschen bekommen, wenn sie die halbe Nacht wach gelegen haben. Ich bewertete dies als ein schlechtes Vorzeichen.

Bislang hatte mir noch nie jemand bescheinigt, ich sei im Umgang mit Frauen besonders gewitzt. Also versuchte ich es lieber mit Ehrlichkeit. »Ich bin heimlich losgezogen«, gab ich zu. Das klang, laut ausgesprochen, sogar noch schlimmer als gedacht.

Penny riss der Geduldsfaden. »Hättest du das wirklich getan, könnte ich es vielleicht sogar noch verstehen.« Ihr Blick wanderte nach oben zu einer Stelle über meiner Stirn. »Übrigens, du hast einen Zweig in den Haaren.«

»Ich bin aber tatsächlich losgezogen!«, beharrte ich. »Du musst wissen, es gibt da so ein Mädchen … sie lässt mir einfach keine Ruhe. Also bin ich nach draußen geschlichen …« Das war ein mehr als fadenscheiniger Versuch, sie zum Lachen zu bringen. Sie lachte … nicht.

»Hör doch auf! Sicherlich gibt es ein paar Mädchen, die dir schöne Augen machen, aber du hast nicht einmal genug Verstand im Kopf, um sie zu erkennen. Und komm mir nicht mit deinen dummen Ausreden. Du bist im Haus des Müllers gewesen, nicht wahr?« Offensichtlich hatte sie zu viel Zeit mit Rose Hightower verbracht. Diese Frau übte einen schrecklichen Einfluss aus. Der Haushalt, den sie meinte, hatte in der vergangenen Nacht ein Kind verloren. Es war der dritte verschwundene Einwohner binnen einer Woche, und so langsam gerieten die Leute in Panik.

Die Erste war eine junge Frau namens Sadie Tanner gewesen. Dabei hatten sich die meisten Leute noch nicht viel gedacht. Es gab Gerüchte, sie sei mit einem Burschen aus einem Nachbardorf durchgebrannt. Etwas besorgter reagierten die Menschen allerdings, als zwei Tage später ein kleiner Junge verschwand. Manche behaupteten, er sei aus seinem Bett heraus verschleppt worden, doch ich nahm an, dass er in der Nacht auf dem Weg zum Abtritt verschwunden war. Wie auch immer, jetzt war er fort. Die Letzte war Rebecca, die Müllerstochter. Sie war erst dreizehn, und nun glaubte niemand mehr an einen Zufall.

»Um ganz ehrlich zu sein«, leitete ich meine Lüge ein, »ich bin nicht direkt zum Müllerhaus gegangen, aber ich bin zufällig dort vorbeigekommen.«

»Ziemlich nahe sogar, würde ich vermuten. An deinen Stiefeln klebt Schlamm.« Missbilligend starrte sie das Schuhwerk an. Tatsächlich, auf dem Lehmboden hatte ich eine Spur hinterlassen. Ich werde wohl nie verstehen, warum sie sich darüber empörte, dass ich Erde hereinschleppte – auf unseren Lehmboden. Im Augenblick lebten wir nämlich in einer baufälligen Hütte in der Nähe der Ruinen von Burg Cameron. Ah, das war das luxuriöse Leben eines wahren Aristokraten!

»Nun, ich bin tatsächlich am Fluss spazieren gegangen …« Den Versuch, mein Tun vor ihr zu verheimlichen, hatte ich längst aufgegeben, aber Penny liebte hin und wieder ein scharfes Verhör.

»Du hast ja sogar am Hinterteil Dreck!« Sie stand jetzt dicht vor mir und schien besorgt. »Warum musstest du dich überhaupt hinausschleichen?«

»Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.«

»Und wenn ich aufwache und dich nicht im Bett finde, nachdem drei andere Leute verschwunden sind, und dann warte ich bis fast zur Morgendämmerung und hoffe inbrünstig, dass du zurückkommst … das soll mir keine Sorgen machen?« Anscheinend nahm sie es doch ganz gut auf.

»Hm … aus diesem Blickwinkel hatte ich es noch gar nicht betrachtet. Ich hatte es mir so gedacht, dass du nicht wach wirst, und wenn ich am Morgen einfach wieder da wäre, hättest du dir überhaupt keine Sorgen machen müssen.« Als ich am Vortag den Entschluss gefasst hatte, war er mir ganz und gar vernünftig vorgekommen. Am Abend hatte ich bis nach neun Uhr gewartet und war dann aus dem Bett geschlüpft, sobald ich Pennys vertrautes Schnarchen gehört hatte. Den größten Teil der Nacht war ich durch die Wälder in der Nähe des Dorfs gewandert oder hatte vor dem Müllerhaus auf der Bank gesessen. Daher stammte auch der Dreck an meinen Hosen.

Penny umarmte mich und schmiegte den Kopf an meine Brust. Sie war zwar aufgebracht, aber doch nicht so sehr, dass sie alle möglichen Gerätschaften nach mir geworfen hätte, wie ich es zunächst befürchtet hatte. »Ich wäre doch mitgekommen, wenn du etwas gesagt hättest.«

Aber gewiss würde ich meine Verlobte zu einer nächtlichen Jagd auf den schwarzen Mann einladen, der Leute verschleppte … sobald Schweine fliegen konnten. »Hör mal, Penny, ich weiß doch, dass du mich begleitet hättest, aber ich kann dich auf keinen Fall in so etwas hineinziehen. Ich wüsste gar nicht, was ich tun sollte, wenn dir dabei etwas zustößt.«

»Dreh es doch mal um und betrachte es aus meiner Warte«, antwortete sie. Danach verlief das Gespräch eher unergiebig, bis wir es schließlich aufgaben und zu Bett gingen. Trotz meines klugen Plans hatte sie so wenig geschlafen wie ich, weshalb wir am nächsten Morgen erst spät aufstanden.

Wie man unschwer erraten kann, war das Leben des vornehmen Grafen Cameron nicht ganz das märchenhafte Dasein, das ich erwartet hatte. Genau genommen sah es sogar immer mehr nach einem großen Haufen Arbeit aus. Nach dem vorzeitigen Tod meines Großvaters war das Anwesen verfallen. Ein Brand hatte die alte Burg zerstört; dem Vernehmen nach war mein Vater dafür verantwortlich gewesen. Mein Onkel, der Herzog von Lancaster, hatte weiter die Pacht eingetrieben und sich bemüht, alles halbwegs am Laufen zu halten, aber keine Notwendigkeit gesehen, die Burg selbst wieder instand zu setzen.

Der Besitz der Camerons bestand nun vor allem aus einem kleinen Dorf, für das selbst diese Bezeichnung schon beinahe eine Übertreibung gewesen wäre. Eigentlich war es nur die Ansammlung einiger Gebäude. Die meisten Bauern reisten nach Lancaster, um ihre Waren dort feilzubieten und zu handeln. Penny und ich waren hierher umgezogen, kurz nachdem ich meinen Titel erhalten hatte, und nun hausten wir im vornehmsten Gebäude, das sich hatte finden lassen. Glücklicherweise hatte der gute Herzog im Verlauf der letzten sechzehn Jahre die Pacht und die Steuern eingetrieben. Abzüglich seines Anteils bedeutete dies, dass mir nun etwas mehr als neunhundert Goldmark zur Verfügung standen. Zuerst war mir dies wie ein unermessliches Vermögen erschienen, zumal ich bereits zweihundert Goldmark von dem verstorbenen Devon Tremont gewonnen hatte. Wie naiv ich doch gewesen war! Natürlich bedeutete dies eine große Geldsumme, aber der Unterhalt einer Burg kostete eben auch eine Menge Geld. Ich wäre schon damit zufrieden gewesen, unsere Hütte gegen eine traditionelle Behausung aus Balken, Flechtwerk und Lehm auf einem Fundament aus Feldstein einzutauschen. Ein Steinboden und massive Wände, was will man mehr? Aber zu meinem Entsetzen hatte Penny bei Rose Hightower Unterricht genommen und gelernt, dass dies keinesfalls ausreichen werde.

Andererseits gab es auch eine Reihe angenehmer Entwicklungen. Meine Eltern waren nach Washbrook umgezogen. So hieß unser Dorf. Sie widerstanden meinen Versuchen, ihnen Geld zu schenken, waren aber mehr als bereit, beim Wiederaufbau der Burg Cameron mitzuhelfen. Allein die Tatsache, dass es nun einen fähigen Schmied in der Gegend gab, brachte die Wirtschaft schon in Gang. Außerdem hatte ich eine Reihe Steinmetze und Zimmerleute eingestellt und gab mir Mühe, nicht allzu oft an die Kosten zu denken, die damit verbunden waren.

Auch Pennys Vater war nach Washbrook umgezogen. Ich hatte viel Zeit damit verbracht, meine neuen Fähigkeiten zu erforschen und seinen verletzten Rücken zu heilen, daher konnte er jetzt wieder arbeiten. Außerdem hatte der Lohn, den ich den verschiedenen Arbeitern in Washbrook zahlte, offenbar einen Funken entfacht.

Im Laufe der letzten sechzehn Jahre schienen die im Ort erhobenen Steuern einfach versickert zu sein, und es war nichts zurückgekommen, das die Wirtschaft angeregt hätte. Jetzt war ich hierher gezogen und gab den größten Teil des Geldes, das sie in all den Jahren bezahlt hatten, für den Wiederaufbau aus – und die Menschen schöpften neue Hoffnung. Wenigstens hatten sie dies getan, bis die ersten Einwohner verschwanden.

Als ihr Lehnsherr war ich dafür verantwortlich, sie zu beschützen. Normalerweise bedeutete das, ihnen in Kriegszeiten Zuflucht in der Burg zu gewähren und Wächter einzuteilen, die die Straße bewachten und im Namen des Königs für Frieden sorgten. Die Burg war noch lange nicht fertig und derzeit unbewohnbar. Wachen? Ha! Ich konnte mir kaum die Arbeiter leisten, die schon jetzt in meinen Diensten standen.

Das soll nicht heißen, dass ich bankrott war. In einer gut versteckten Kiste hatte ich immer noch eine beträchtliche Summe gelagert, sogar mehr als die Hälfte dessen, was ich ursprünglich erhalten hatte. Doch meine Berechnungen hatten mir bereits gezeigt, was die Restaurierung insgesamt kosten würde, und ich musste am Ende sehr sparsam sein, damit mir nicht das Geld ausging.

Da ich gerade dabei bin: Die besagte Kiste war stabil und das Werk eines guten Handwerkers. Mein Vater Royce Eldridge hatte sie selbst hergestellt. Es war keine mit Eisen beschlagene Kiste, sondern buchstäblich eine Eisenkiste. Das ist kein Witz, er hatte das ganze Ding tatsächlich aus Eisen geschmiedet. Außerdem hatte ich magische Schutzsprüche studiert, und mein Versuch, den Kasten noch widerstandsfähiger zu machen, war auch geglückt. Ich bedauerte jeden, der mich zu bestehlen versuchte. Beladen wog das gute Stück mehr als sechshundert Pfund. Es aufzubrechen hätte eine ganze Gruppe von Männern mit gutem Werkzeug und reichlich Zeit erfordert. Mit Schutzsprüchen verstärktes Eisen ist erstaunlich widerstandsfähig. Und falls tatsächlich jemand den Kasten aufbekommen hätte, wären alle Menschen in einem weiten Umkreis für längere Zeit in den Schlaf gesunken. Manchmal ist es durchaus von Vorteil, ein Magier zu sein.

Wie schon gesagt, ich musste mich persönlich um den Schutz der Einwohner kümmern, da ich weder über Wächter noch einen Bergfried verfügte. Zudem war mir völlig unklar, wer oder was hinter den Entführungen stecken mochte. Andererseits war ich ziemlich sicher, mit den Übeltätern fertig zu werden, wenn ich sie erst einmal ausfindig gemacht hatte. Im Verlauf des letzten Jahres hatten meine Kräfte zugenommen. Jeden Tag verbrachte ich mehrere Stunden mit dem Studium der Bücher, die ich entdeckt hatte, und die restliche Zeit übte ich die Anwendung meines Wissens.

Man mag sich fragen, wie ich das alles schaffen konnte, da ich doch auch die Burg wiederaufbauen und mich außerdem um zahlreiche andere Dinge kümmern musste, um so viele Belange, deretwegen ich mich ins Zeug zu legen hatte … der Mordecai, der ich ein Jahr zuvor noch gewesen war, hätte sich womöglich verzettelt, aber die Dinge lagen nun ein wenig anders. Jedes Mal, wenn ich den Arbeitern bei irgendeiner Tätigkeit half, entdeckte ich einen neuen Weg, wie die Magie von Nutzen sein konnte.

Da waren beispielsweise die Zimmerleute, die einen großen Teil ihrer Zeit darauf verwandten, Löcher für Dübel zu bohren. Mit einem gewöhnlichen Handbohrer brauchte man dafür recht lange. Nachdem ich ihnen weniger als eine Stunde geholfen hatte, versuchte ich, Devons Spruch auf das Bohren der Löcher anzuwenden. Es war ebenjener Spruch, mit dem er bei unserem Kampf in der Burg von Lancaster meinen Schild durchbohrt hatte. Es gelang ausgezeichnet, und bald bohrte ich die Löcher so schnell, wie ein heißes Messer Butter schneidet.

Das erregte die Aufmerksamkeit eines Gesellen, der mich prompt fragte, ob ich nicht auch für ihn etwas tun könnte. Es dauerte nicht lange, bis ich all ihre Werkzeuge verzaubern musste. Das Problem war nur, dass der Zauber nicht lange hielt, daher war ich wieder darauf angewiesen, die Bücher zu konsultieren. Etwas zusätzliche Forschung war nötig, bis ich lernte, Schutzsprüche zu wirken. Schutzsprüche erforderten einen niedergeschriebenen Zauber, bei dem man natürlich die lycianische Sprache verwendete. Das Ergebnis hielt viel länger, als eine nur mit Worten gewirkte Magie das vermag, aber auch diese Sprüche verschlissen nach einer Weile. Manchmal ist es freilich durchaus von Vorteil, wenn man sich alles selbst beibringt. Ich wusste nicht, dass die Kunst der Verzauberung schon mehrere Jahrhunderte vorher verloren gegangen war.

Teufel auch, ich hatte nicht einmal gewusst, was eine Verzauberung überhaupt war, obwohl ich doch genau dies versuchte. Die Verzauberungen waren den Schutzsprüchen sehr ähnlich, erforderten aber mehr Anstrengung und hielten ewig. Jedes Kind hatte schon einmal von magischen Schwertern, sagenhaften Kelchen, unzerstörbaren Rüstungen und so weiter gehört. Das Problem war nur, dass schon seit langer Zeit niemand mehr wusste, wie man so etwas herstellte.

Da ich ein blutiger Anfänger war und keine Erfahrungen hatte, was die möglichen Gefahren solcher Experimente betraf, probierte ich es einfach aus. Meine ersten Versuche waren recht einfach. Ich belegte einige Dinge mit einem Spruch und ließ die Magie so stark werden, wie es mir nur möglich war. Eines der Küchenmesser, die ich damals behandelte, ist heute noch recht scharf, doch nach ein paar Wochen konnte ich spüren, dass die Magie allmählich nachließ.

Meine nächste Idee bestand darin, einen zweiten Spruch zu wirken, der die Energie aus der Umgebung bezog, etwa aus dem Sonnenlicht oder der Wärme. Das gelang sogar noch besser, aber auch der Spruch, der die Energie abzog, verlor im Laufe der Zeit an Kraft. Sobald er ausgelaugt war, versagte selbst der ursprüngliche Spruch, der auf die Zufuhr angewiesen war. Der Spruch, der Wärme verbrauchte, hatte den schönen Nebeneffekt, alles in der Nähe zu kühlen. Beizeiten wollte ich eine große Lagerkiste für Lebensmittel bauen, die … aber ich schweife ab.

Wie sich schließlich herausstellte, war die Lösung verblüffend einfach. Die Sprüche mussten kreisförmig gewirkt werden, sodass Beginn und Ende miteinander verknüpft waren. Wenn man dies auf die richtige Weise tat, wurde die eingebrachte Magie unendlich lange festgehalten. Einmal beging ich einen schweren Fehler. Sobald ich begriffen hatte, wie man die Magie in einem Kreis aus Symbolen hielt, versuchte ich, die Energie mit einem Spruch aus der Wärme zu beziehen. Diese Kombination war jedoch eine schlechte Idee. Nach einem Tag hatte der Gegenstand mehr Energie gespeichert, als der Zauber halten konnte, und das Ganze explodierte mit mächtigem Getöse. Glücklicherweise wurde das fragliche Objekt, ein kleines Schälmesser, zu diesem Zeitpunkt nicht benutzt. Es läuft mir jetzt noch kalt über den Rücken, wenn ich mir vorstelle, was dabei hätte geschehen können.

Wie auch immer, ich habe jetzt wohl ausführlich genug erklärt, dass ich im Laufe des vergangenen Jahres eine Menge gelernt hatte. Jede neue Idee brachte außerdem neue Verfahren und noch mehr neue Ideen mit sich. Das Werkzeug der Zimmerleute war besser denn je, und außerdem verbrachte ich viel Zeit in der neuen Schmiede meines Vaters. Er war eine unerschöpfliche Quelle von Ideen für Verbesserungsmöglichkeiten, und bald hatten auch die Steinmetze besseres Werkzeug, um den Stein zu zerteilen und zuzuhauen.

Natürlich war ich in der vergangenen Nacht nicht unbewaffnet ausgezogen. Ich hatte das Schwert mitgenommen, das mein Vater für mich geschmiedet hatte – und das obendrein verzaubert war. Außerdem war es so verdammt scharf, dass ich regelrecht Angst davor bekam. Mühelos konnte es dickes Holz und sogar Metall zerschneiden. Dorian hatte mich in seinem Gebrauch unterwiesen, und dank der Übung und meiner eigenen magischen Schutzvorkehrungen war ich recht sicher, dass ich von Banditen oder nächtlichen Entführern nicht viel zu befürchten hatte.

Den größten Teil der Nacht über verhielt ich mich sehr still. Ich schlief nicht, auch wenn ich einige Male in Versuchung geriet. Vielmehr harrte ich so leise aus, wie es ein Jäger eben tat, der auf die Beute wartete. Im Dunkeln waren meine Augen weitgehend nutzlos, aber das Gehör wurde sehr scharf, und ich hatte ja auch noch meine anderen Sinne. Mit dem Bewusstsein tastete ich mich so weit hinaus, wie es mir nur möglich war, und achtete auf ungewöhnliche Eindrücke. Ich konnte die Tiere spüren, die in ihrem Bau schliefen, und bemerkte nächtliche Jäger wie Eulen, die in der Dunkelheit nach Beute suchten. Die Bäume wiegten sich leise im Wind und beruhigten meinen wachsamen Geist, und das Plätschern des Flusses, der langsam an der Mühle vorbeiströmte, war Balsam in meinen Ohren.

Ich fand nichts heraus. Ob das bedeutete, dass die Schurken in einer anderen Nacht auf eine Gelegenheit lauerten, oder ob sie ahnten, dass ich aufpasste, konnte ich nicht wissen.

Der Mittag kam zu früh und war viel zu hell. Überraschenderweise lag Penny immer noch schlafend neben mir, und ich bekam schon Schuldgefühle, weil sie meinetwegen so viel Schlaf versäumt hatte. Sie trug ein Nachthemd aus weichem Leinen, was mich störte, obwohl es im Grunde nur eine geringfügige Barriere darstellte. Da hatte ich eine brillante Idee: Vielleicht konnte ich meine Verfehlungen der letzten Nacht wiedergutmachen.

Sie schlug die Augen auf, als meine Hand über ihr Hinterteil fuhr. »Was tust du da?«, fragte sie.

Das war eine verdammt dumme Frage, aber ich hatte im Laufe des vergangenen Jahres eine Menge über Gespräche mit Frauen gelernt. »Na ja, als ich aufwachte, kam es mir wie ein Traum vor, weil eine so schöne Frau neben mir lag. Aber jetzt sagen mir meine Sinne, dass du wirklich sein musst.« Ich fuhr mit der Hand ihren Rücken hinauf.

»So leicht wirst du mich aber nicht rumkriegen.« Damit stand sie auf und begann sich anzukleiden. Sie tat mir allerdings den Gefallen, mich dabei zusehen zu lassen … diese Frau war ein Teufel.

»Ich verstehe immer noch nicht, was das soll … in ein paar Monaten heiraten wir doch ohnehin, und es ist ja nicht so, als hätten wir noch nie … du weißt schon.« Nach den Ereignissen vor einem Jahr hatte Penny hinsichtlich unserer körperlichen Beziehung eine neue Regel eingeführt, die vor allem darin bestand, dass es diese Beziehung nicht gab.

»Mordecai Eldridge!«, rief sie. Wenn sie mir Vorhaltungen machte, nannte mich Penny oft bei meinem alten Namen. »Glaubst du, ich will auf meiner Hochzeit in einem Kleid erscheinen, das einer trächtigen Stute passen würde?«

»Ich sagte doch schon, ich könnte höchstwahrscheinlich verhindern, dass etwas passiert, wenn du mich nur …«

»Wage es ja nicht! Ich will nicht, dass du … dass du damit experimentierst. Wenn ich nun unfruchtbar werde?«

»Nein, nein, so etwas würde ich dir doch nicht antun. Es wäre rein mechanisch, eine Art Schild, damit ich …«

»Auch daran fummelst du mir nicht herum! Ich mag dein Werkzeug, wie es ist, und ich trau dir zu, dass du doch noch etwas durcheinanderbringst. Schließlich will ich irgendwann wirklich Kinder haben.«

Offenbar hatten wir, was meine Magie anging, ein Vertrauensproblem.

»Na gut, na gut, ich kann warten«, antwortete ich. In dieser Hinsicht war ich zwar keineswegs sicher, aber das war ein alter Streit. Es schien mir nicht nötig, das alles noch einmal aufzuwärmen. Ich musste einfach abwarten und sie in einem passenden Augenblick erwischen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. »Ich gehe heute Nacht wieder raus«, fügte ich hinzu, weil es mir besser schien, dies gleich von vornherein zu klären.

»Ich weiß«, antwortete sie ganz unbefangen, was bei mir eine Alarmglocke in Gang setzte.

»Ich verstehe ja, wie du dich fühlst, aber ich bin für die Leute verantwortlich und kann nicht einfach herumsitzen und gar nichts tun«, rechtfertigte ich mich.

»Du hast völlig recht.«

»Ich werde alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und mich so gut bewaffnen, dass ich kaum in Gefahr geraten kann«, fuhr ich fort.

»Ich bin sicher, dass du alles tun wirst, was erforderlich ist.«

Misstrauisch beäugte ich sie. »Irgendetwas sagt mir, dass deine Worte und deine Absichten nicht im Einklang sind.«

»Unfug«, widersprach sie. »Mir ist klar, dass ich dich nicht hier halten kann, solange nachts etwas Finsteres umgeht.« Sie gab sich große Mühe, mit tiefer, unheilschwangerer Stimme zu sprechen.

»Ja … also, na schön.« So ungewöhnlich es auch war, es fühlte sich gut an, hin und wieder mal in einem Streit die Oberhand zu behalten. Nachdem wir uns angekleidet hatten, trennten sich unsere Wege. Sie hatte sich in der letzten Zeit oft mit dem Architekten unterhalten und den Bau der Küche und der Wohnquartiere beaufsichtigt. Am Nachmittag half ich meinem Vater. Er arbeitete schon seit einer ganzen Weile an einem stabilen Fallgatter für das Torhaus.

Der Tag verging wie im Fluge, und am Abend bereitete ich mich gemächlich auf meinen nächtlichen Ausflug vor. Eine richtige Rüstung besaß ich zwar nicht, aber dank meiner magischen Schilde brauchte ich auch keine. So zog ich die Jagdkluft aus dunklem Leder an und gürtete das Schwert darüber. Außerdem nahm ich einen Stab mit.

Über diesen Stab sollte ich noch etwas erzählen. Nachdem ich das Geheimnis gelüftet hatte, wie man Gegenstände dauerhaft verzaubert, kam ich auf die Idee, etwas nachzubilden, das ich in Vestrius’ Tagebuch entdeckt hatte. Niemand wusste, wie die Stäbe der Magier vor langer Zeit beschaffen waren, und auch die Kunst der Verzauberung war verloren gegangen. Trotzdem ließ mich diese Idee nicht mehr los, und ich beschloss, etwas zu erschaffen, das den Beschreibungen in Vestrius’ Tagebuch zumindest ähnelte.

Angeblich hatten unsere Vorgänger die Stäbe benutzt, um ihre Kräfte zu bündeln und auf diese Weise eine größere Wirkung zu erzielen. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie sie das getan hatten, aber ich führte einige eigene Experimente durch. Zunächst verzauberte ich die Spitze des Stabes, damit sie jeden Spruch, den ich dort einbrachte, beliebig lange halten konnte. So entstand eine Art wandlungsfähige Verzauberung. Ich konnte die Spitze entfachen und musste mir keine Gedanken mehr darüber machen, den Spruch zu erhalten. Möglicherweise konnte ich damit auch andere Dinge tun, aber mehr war mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingefallen. Zweitens hatte ich den ganzen Stab mit einer Art Hülse aus Schutzsprüchen und Runen umgeben. Wenn ich meine Kraft an diesem präparierten Stab entlanglaufen ließ, war es möglich, die Energie über größere Entfernungen auszusenden oder auf kurze Entfernung viel stärker zu bündeln.

Um ehrlich zu sein, bisher war beides noch gar nicht nötig geworden, aber ich hatte eine ungute Vorahnung, dass sich diese Vorrichtung früher oder später als nützlich erweisen würde. Außerdem sah es ziemlich schick aus. »Liebste, ich werde jetzt ausziehen, das Dorf zu retten«, rief ich zu unserem Schlafzimmer hinüber und hoffte, ihr damit ein Lachen zu entlocken.

»Schön, und sei vorsichtig!«, rief sie äußerst gelassen zurück. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, herüberzukommen und sich mit einem Kuss zu verabschieden. Offenbar hatte sie sich mit der Situation abgefunden. Ich trat nach draußen, sah mich um und überlegte mir, in welche Richtung ich zuerst gehen wollte. Gleich darauf tauchte Penny auf, die offenbar hinten um das Haus herumgegangen war.

Sie trug ein weiches Gambeson und ein langes Kettenhemd. Außerdem war sie mit einem Bogen und einem leichten Schwert bewaffnet. »Äh, Penny, was tust du denn da?«, fragte ich sie.

»Ich gehe auf die Jagd nach Bösewichtern«, antwortete sie gelassen.

»Du wirst aber nicht mitkommen«, erwiderte ich energisch. Ab und zu muss ein Mann ja mal seinen Standpunkt deutlich machen.

»Schön. Geh du nur dort entlang, und ich wende mich nach Süden.« Das Lächeln, das sie jetzt aufsetzte, konnte man nur diabolisch nennen.

Ich formulierte meinen Einwand etwas anders. »Nein, ich meine, du bleibst hier.«

»Nö«, antwortete sie.

Da meine Argumente offenbar nicht genügend Überzeugungskraft besaßen, war ein direkteres Vorgehen notwendig. »Shibal«, sagte ich. Das war ein Spruch, der sie in einen tiefen Schlaf versetzen sollte.

Penny hob das Amulett, das ich ihr ein paar Monate vorher gefertigt hatte. »Hast du das vergessen?« Ich hatte es ihr geschenkt, damit sie vor magischen Angriffen sicher war, nachdem sie einige üble Erfahrungen gemacht hatte. Leider wirkte der Schutz auch gegen meine eigenen Sprüche.

»Verdammt, du kannst doch nicht allein da rausgehen!«

»Na gut, du darfst mich begleiten, aber mach bitte keinen Lärm. Ich will sie nicht zu früh warnen.« Sie tat so, als sei ihr das alles herzlich gleichgültig.

»Das ist nicht deine Aufgabe, Penny«, wandte ich störrisch ein.

»Hast du eine Ahnung! Du bist vielleicht der verdammte Graf, aber ich werde deine Frau sein. Wenn du verantwortlich bist, dann stecke ich mindestens genauso tief drin wie du. Entweder du gehst jetzt allein los, oder wir gehen zusammen. Wie hättest du es gern?« Sie war nicht umzustimmen. Wenn sie so energisch auftrat, konnte sie wirklich wunderschön sein, aber das verriet ihr hoffentlich niemand. Sie war auch so schon schwer genug zu nehmen.

Schließlich ließ ich sie mitkommen. Eine andere Möglichkeit gab es ja nicht, wenn man einmal davon absah, sie zu fesseln, was ich mir einen Augenblick lang tatsächlich überlegte. Wir verließen das Dorf in nördlicher Richtung, da alle Vermissten auf dieser Seite gelebt hatten, und liefen zu einem schönen stillen Plätzchen im Wald. Sobald wir zwischen den Bäumen waren, wurde die Dunkelheit fast undurchdringlich. Weder Mond noch Sterne ließen sich blicken.

»Uff!« Penny war über eine Wurzel gestolpert und wäre beinahe hingefallen. Ich unterdrückte mein Lachen. Natürlich hätte ich Licht machen können, aber ich hatte die wundervolle Ausrede, dass wir unsere Beute nicht zu früh warnen durften. Im Dunkeln verschaffte mir der Magierblick einen großen Vorteil.

»Hör auf damit«, sagte sie.

»Was meinst du?«

»Du lachst mich aus. Ich weiß das ganz genau«, antwortete sie.

»Ich frage mich nur, wie du etwas sehen und mit deinem Bogen Pfeile abschießen willst, wenn es nötig wird.« Tatsächlich war es so dunkel, dass man nicht einmal Schatten erkennen konnte. Sie antwortete nicht, also ließ ich das Thema fallen, und wir gingen weiter. Bald hatten wir meine Lieblingsstelle erreicht.

Der Ort hatte nichts Besonderes an sich, es war hier nicht einmal besonders bequem, aber von dieser Stelle aus konnte ich, wenn ich meine Sinne hinausgreifen ließ, den größten Teil des Gebiets abdecken, in dem Menschen verschwunden waren. Rücken an Rücken setzten wir uns hin, und ich entspannte mich. Zwar war es anstrengend, ein so großes Gebiet zu erkunden, aber die Schwierigkeit bestand vor allem darin, mich nicht anzuspannen. Ich musste ganz ruhig werden und meinen Geist erweitern, um die gesamte Umgebung abzutasten.

Die erste Stunde war die schlimmste. Danach hörten wir auf, an unser Alltagsleben zu denken, und es wurde leichter. Ich war mir nicht ganz sicher, aber ich dachte sogar, Penny sei eingeschlafen. Sie hatte ja sonst nichts zu tun, und es bestand auch nicht die Gefahr, dass sich jemand anschlich. Ich konnte in einer halben Meile Entfernung noch eine Maus aufspüren.

Zäh verging eine weitere Stunde, und ich fragte mich schon, ob diese Nacht so ereignislos verlaufen würde wie die letzte. Meine Gedanken streiften ziellos umher, doch mein Geist blieb wachsam. Wenn sich etwas bewegt hätte, dann hätte ich es gespürt, aber ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, wonach ich suchte … das sollte ich erst später herausfinden. Penny schnarchte inzwischen, was vermutlich die Geräusche überdeckte, die entstanden, als es sich anschlich. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich etwas gehört hätte, wenn Penny leise gewesen wäre. Es bewegte sich fast lautlos.

Der erste Hinweis, dass nicht alles so war, wie es sein sollte, war ein Zweig, der keine drei Schritte hinter mir brach. Das Geräusch wäre an sich nicht sehr überraschend gewesen, allerdings wusste ich, dass sich dort nichts befand, überhaupt nichts. Kein Tier und nichts Lebendiges. Schlagartig war ich hellwach, und dann spürte ich es. Es war eine ungeheure Leere, als hätte jemand hinter mir ein Loch in die Luft geschnitten, in dem nichts existieren konnte.

Sofort sprang ich auf und fuhr herum. Die Dunkelheit wirkte so umfassend, dass meine Augen nutzlos waren, doch mit meinem Magiersinn konnte ich die leere Stelle spüren. Ich griff nach dem Schwert, wurde aber von einer Hand aufgehalten, die mich am Arm packte. Sie durchdrang meinen Schild, als sei er gar nicht vorhanden, und als sie mich berührte, veränderte sich die ganze Welt. Alles verschwand … mein Augenlicht war verloren, und ich spürte nichts mehr außer einer großen Leere, die mich aufsog. Dieses Nichts sog auch das Licht auf, das in mir brannte, und zerstörte nichts weniger als das Licht der ganzen Welt. Hätte es noch einige Augenblicke länger gedauert, ich wäre verloren gewesen.

Auf einmal stieß mich etwas zur Seite, und der Kontakt wurde unterbrochen. Die gewohnte Welt war schlagartig wieder da. Penny rang mit etwas, das völlig schwarz und auch mit meinen besonderen Sinnen nicht richtig zu erfassen war. Jedenfalls raubte es ihr die Energie. Ihre Lebenskraft schwand zusehends dahin und verging wie eine Kerze, die in einem starken Luftzug flackerte.


Ruinen

Partials 3

Das große Finale der »Partials«-Reihe von Bestsellerautor Dan Wells: Die Zeit läuft ab und die Welt steht am Rand des letzten Krieges. Er wird das Schicksal beider Gattungen, der Menschen und der Partials, besiegeln. Während beide Seiten aufrüsten, um den vernichtenden Schlag zu führen, hat Kira Walker endlich ein Heilmittel für die Partials gefunden. In ihrem verzweifelten Bemühen, den Untergang zu verhindern, muss Kira bereit sein, alles zu opfern – selbst wenn es ihr eigenes Leben ist ...

ERSTER TEIL

 

 

Kapitel 1

 

» Dies ist eine Botschaft für alle Einwohner von Long Island. «
Bei der ersten Durchsage hatte niemand die Stimme ­erkannt. Allerdings wurde der Text unablässig, Tag für Tag und Woche um Woche, auf sämtlichen verfügbaren ­Frequenzen wiederholt, damit es alle Bewohner der Insel hörten. Die verschreckten Flüchtlinge, die in Gruppen oder allein in der Wildnis hockten, kannten den Wortlaut bald auswendig. Erbarmungslos plärrte die Drohung aus den Funkgeräten und brannte sich ihnen unauslöschlich ins ­Gehirn und in die Erinnerungen ein. Nach einigen Wochen suchte sie die Stimme sogar in ihren Träumen heim, bis nicht einmal mehr der Schlaf Erholung von der gelassenen, nüchternen Drohung bot.
» Wir wollten keine Invasion durchführen, doch die Umstände zwangen uns dazu. «
Schließlich erfuhren sie, dass die Sprecherin eine Wissenschaftlerin namens McKenna Morgan war und dass sich das Wir in der Botschaft auf die Partials bezog – unbesieg­bare Supersoldaten, in Laboratorien erschaffen und in Bruttanks gezüchtet, um einen Krieg zu führen, den die Menschen aus eigener Kraft nicht gewinnen konnten. Sie kämpften und siegten, doch als sie in die Vereinigten Staaten zurückkehrten und sahen, dass sie heimatlos und ver­loren waren, wandten sie sich gegen ihre Schöpfer und ­zogen abermals in den Krieg. Dies war der Partialkrieg, der das Ende der Welt heraufbeschwor.
Allerdings war der Krieg, in dem die Welt unterging, nicht der letzte Krieg, den es auf der Erde geben sollte. Zwölf Jahre später standen Partials und Menschen kurz vor der Ausrottung, und beide Gruppen waren bereit, die jeweils andere zu vernichten, um selbst zu überleben.
» Wir suchen ein Mädchen namens Kira Walker. Sie ist sechzehn Jahre alt, einen Meter achtundsiebzig groß und wiegt etwa sechzig Kilogramm. Sie ist indianischer Abstammung und hat helle Haut und pechschwarzes Haar. Mög­licherweise hat sie es abgeschnitten oder gefärbt, um ihre Identität zu verschleiern. «
Nur wenige Bewohner der Insel kannten Kira Walker persönlich, doch jeder wusste, wer sie war : eine Sanitäterin, die im Krankenhaus ausgebildet worden war und nach ­einem Mittel gegen die RM-Seuche gesucht hatte. Dabei ­hatte sie dem Wunderkind Arwen Sato das Leben gerettet. Die Kleine war seit zwölf Jahren das erste menschliche Kind, das mehr als drei Tage überlebt hatte. Kira war berüchtigt, weil sie während der Suche nach dem Heilmittel zwei willkürliche Angriffe auf die Partialarmee durchgeführt und dadurch vermutlich das Ungeheuer geweckt hatte, das nach dem Partialkrieg in Schlaf gefallen war. Sie hatte die Welt sowohl gerettet als auch zum Untergang verdammt. Bei der ersten Ausstrahlung der Botschaft hatten die Menschen noch nicht gewusst, ob sie Kira Walker lieben oder hassen sollten. Mit jedem neuen Einwohner, der starb, ­sollte sich das Bild verändern.
» Bringen Sie uns dieses Mädchen, und die Besetzung ist sofort beendet. Wenn Sie das Mädchen weiterhin ver­stecken, richten wir jeden Tag einen von Ihnen hin. Diese Botschaft wird nacheinander auf allen Frequenzen aus­gestrahlt und wiederholt, bis Sie unsere Anweisungen be­folgen. Danke. «
Am ersten Tag hatten die Partials einen alten Mann ge­tötet, der in den Zeiten, als es noch Schulkinder gegeben hatte, Lehrer gewesen war. John Dianatkah hatte fünf Bienenstöcke betrieben, um für die Schüler Honigbonbons her­zustellen. Die Soldaten hatten ihn mitten in East Meadow, der größten Siedlung auf Long Island, durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. Zum Zeichen dafür, dass sie es ernst meinten, hatten sie ihn danach auf der Straße liegen gelassen. Niemand hatte Kira verraten, weil die Menschen damals noch stolz und unbeugsam gewesen waren. Die Partials sollten mit den Säbeln rasseln, so viel sie wollten, die Menschen gaben nicht klein bei. Doch die Botschaft spielte unablässig ab, und am nächsten Tag töteten die Besatzer ein gerade siebzehn Jahre altes Mädchen, am Tag darauf eine alte Dame und danach einen Mann in mittleren Jahren.
» Bitte zwingen Sie uns nicht, dies länger als nötig zu tun. «
Eine Woche verging, sieben Menschen starben. Zwei Wochen, und vierzehn Einwohner waren umgebracht worden. In der Zwischenzeit führten die Partials keine Angriffe auf die Menschen mehr durch und trieben sie nicht in Arbeitslagern zusammen, sondern sperrten sie einfach in East ­Meadow ein und nahmen jeden fest, der fliehen wollte. Wer einen Partial angriff, wurde ausgepeitscht oder geschlagen, und wer allzu großen Ärger machte, diente am folgenden Tag als Opfer. Wenn ein Mensch spurlos verschwand, machten getuschelte Gerüchte die Runde : Vielleicht war er entkommen. Vielleicht hatte Dr. Morgan ihn in ihr blutfleckiges Labor verschleppt. Oder der Betreffende kniete am folgenden Tag vor einem Partial, während in der ganzen Stadt die Botschaft aus den Lautsprechern plärrte, und bekam eine Kugel in den Kopf. Jeden Tag gab es eine neue Hinrichtung. Jede Stunde wurde die Botschaft wiederholt, immer wieder, unerbittlich.
» Wir suchen ein Mädchen namens Kira Walker. «
Dennoch verriet sie niemand – aber schließlich nicht mehr deshalb, weil die Menschen so stolz waren, sondern weil niemand Kiras Aufenthaltsort kannte. Einige behaupteten, sie habe die Insel verlassen, andere meinten, sie verstecke sich im Wald. Natürlich würden wir Kira ausliefern, wenn wir ihrer habhaft würden, aber sie ist nicht auffindbar, verstehen Sie das denn nicht ? Können Sie das nicht begreifen ? Können Sie nicht aufhören, uns zu töten ? Es sind doch kaum noch Menschen am Leben. Gibt es denn keinen anderen Weg ? Wir wollen Ihnen ja helfen, aber wir können es einfach nicht.
» Sechzehn Jahre alt … einen Meter achtundsiebzig groß … pechschwarzes Haar. «
Nach einem Monat hatten die Menschen genauso große Angst voreinander wie vor den Partials. Die Hexenjagd vergiftete die Gemeinschaft der Flüchtlinge … Du siehst aus wie Kira, vielleicht akzeptieren sie dich, vielleicht reicht das. Junge Mädchen, Frauen mit schwarzem Haar, alle, die auch nur entfernt indianisch wirkten oder den Eindruck erweckten, sie hätten etwas zu verbergen. Woher soll ich wissen, ob du nicht Kira bist ? Und wie sollen es die Partials wissen ? Vielleicht stellen sie das Töten ein, und sei es nur für eine Weile. Und wie ­sollen wir wissen, ob du sie nicht versteckst ? Ich will dich ja nicht hinhängen, aber wir sterben. Ich will dir nicht wehtun, aber sie zwingen uns dazu.
» Wenn Sie das Mädchen weiterhin verstecken, richten wir jeden Tag einen von Ihnen hin. «
Die Partials waren von Natur aus stärker als die Menschen. Sie bewegten sich schneller, waren widerstandsfähiger und in jeder Hinsicht überlegen. Sobald sie aus den Bruttanks geholt wurden, begann die militärische Aus­bildung. Die Partials kämpften wie Löwen, bis sie zwanzig wurden und das genetisch eingebaute Verfallsdatum sie umbrachte. Sie wollten Kira Walker fassen, weil Dr. Morgan den Menschen eine Information voraushatte : Kira war eine Partial. Ein Modell, das vorher nie in Erscheinung getreten war und von dessen Existenz keiner wusste. Nach Morgans Ansicht konnte Kiras DNA dazu beitragen, das Verfalls­datum aufzuheben. Doch selbst wenn die Menschen Bescheid gewusst hätten, wäre es ihnen gleichgültig gewesen. Sie wollten einfach nur überleben. Einige Widerstandskämpfer schlugen sich in der Wildnis durch, nutzten ihre Ortskenntnis und kämpften auf verlorenem Posten gegen die endgültige Auslöschung. Den fünfhunderttausend Partials standen fünfunddreißigtausend Menschen gegenüber, und zum Zahlenverhältnis von mehr als zehn zu eins kam die Tatsache hinzu, dass die Partials erheblich bessere Kämpfer waren. Wenn sie beschlossen, die Menschen zu ­töten, dann entkamen ihnen die Menschen auf keinen Fall.
Dann fanden die Widerstandskämpfer in einem untergegangenen Zerstörer der Kriegsmarine einen Atomsprengkopf.
» Wir wollten keine Invasion durchführen, doch die Umstände haben uns dazu gezwungen«, hieß es in der Botschaft.
Die Widerstandskämpfer sagten sich das Gleiche, als sie die Bombe ins Heimatland der Partials schmuggelten.

 


Kapitel 2


Senator Owen Tovar atmete gedehnt aus. » Woher wusste Delarosa, dass eins der versenkten Schiffe eine Atombombe an Bord hatte ? « Er warf Haru Sato, dem Soldaten, der ihm die Neuigkeiten übermittelt hatte, einen Blick zu und wandte sich an Mr. Mkele, den Geheimdienstchef der Insel. » Genauer gesagt – wie kommt es, dass Sie es nicht wussten ? «
» Die versenkte Flotte war mir bekannt «, erwiderte Mkele. » Hingegen hatte ich keine Ahnung, dass sie eine Atom­bombe transportierte. « Haru hatte Mkele immer als fähigen und selbstbewussten Mann betrachtet – furchtbar, wenn er und Haru unterschiedlicher Meinung waren, und äußerst zielstrebig, solange sie die gleichen Ziele verfolgten. Nun wirkte der Geheimdienstler niedergeschlagen und über­fordert. Mkele derart ratlos zu sehen, war in gewisser Weise sogar noch verstörender als die Schrecken, die dieser Situation vorausgegangen waren.
» Ein Mitglied von Delarosas Widerstandsgruppe wusste davon «, erklärte Haru. » Ich kann nicht sagen, wer. Nur so viel, dass es wohl ein alter Marineoffizier war. «
» Und das hat er all die Jahre für sich behalten ? «, fragte Tovar. » Wollte er irgendjemanden damit überraschen ? «
Senator Hobb trommelte mit den Fingern auf den Tisch. » Wahrscheinlich hegte er die begründete Befürchtung, man könne die Bombe bergen und einsetzen, falls er jemandem davon erzählte. Offenbar wird nun genau das passieren. «
» Delarosa behauptet, die Partials überrennen uns «, meinte Haru. Die vier Männer saßen tief unter dem ehemaligen JFK Airport in einem Tunnel. Die Anlage war zerstört und zerbombt, doch dank der weiten freien Flächen konnten anrückende Partials früh entdeckt werden. Dies war der letzte Rückzugsort des verzweifelten Senats. » Nicht nur jetzt – sie würden bis in alle Ewigkeit damit fortfahren. Sie denkt, die Menschen könnten ihre Welt nie wieder aufbauen, solange sich die Partials dort draußen herumtreiben. Damit hat sie recht, so schrecklich es auch ist. Das heißt aber noch längst nicht, dass alles besser wird, wenn wir eine Atombombe zünden. Ich hätte sie nur zu gern aufgehalten, doch sie verfügt über ein ganzes Heer an Guerillakämpfern, und die meisten Soldaten meiner Einheit haben sich ihr angeschlossen. « Er schüttelte den Kopf. Haru war mit seinen gerade dreiundzwanzig Jahren der jüngste der vier Männer. Schon lange hatte er sich nicht mehr so klein und hilflos gefühlt – genau genommen seit dem Zusammenbruch nicht mehr. Der Untergang und das Chaos waren schon schlimm genug, aber die Tatsache, dass er das alles bereits kannte, machte ihm noch viel mehr zu schaffen. Vor zwölf Jahren war die Welt schon einmal untergegangen, und nun wiederholte sich die Geschichte. Damals war er noch ein Kind gewesen, und plötzlich fühlte er sich abermals wie ein Kind : verloren, verwirrt und von dem verzweifelten Wunsch beseelt, irgend­jemand möge einschreiten und alles zum Besseren wenden. Dieses Gefühl mochte er überhaupt nicht, und er verachtete sich sogar selbst, weil es überhaupt in ihm aufgekommen war. Immerhin war er selbst Vater – der erste Vater seit zwölf Jahren, der ein lebendes, gesundes, atmendes Kind hatte. Die Kleine und ihre Mutter saßen zusammen mit ihm in der Patsche. Um ihretwillen musste er sich zusammen­reißen.
» Mir gefiel Delarosa besser, als sie noch im Gefängnis saß «, erklärte Hobb. » Das haben wir davon, dass wir einer Terroristin vertraut haben. « Er warf Tovar einen raschen Blick zu. » Anwesende natürlich ausgenommen. «
» Nein, Sie haben ganz recht «, erwiderte Tovar. » Wir ­haben viel zu oft Fanatikern vertraut, und das ist für uns selten gut ausgegangen. Ich war ein ziemlich gerissener Terrorist – jedenfalls klug genug, um mich als Freiheitskämpfer zu verkaufen und eine führende Position zu übernehmen. Aber ich bin ein schrecklicher Senator. Wir mögen es, wenn sich die Menschen erheben und kämpfen, ganz besonders, wenn wir mit ihnen übereinstimmen, aber es ist der nächste Schritt, auf den es wirklich ankommt. Was geschieht, wenn die Kämpfe vorüber sind ? « Er lächelte traurig. » Ich habe Sie alle enttäuscht. «
» Die Invasion der Partials war nicht Ihre Schuld «, widersprach Mkele.
» Die letzten Reste der Menschheit werden sich freuen, das zu hören «, erwiderte Tovar. » Es sei denn, die Invasion der Partials erweist sich als wundervolles Geschenk. In diesem Fall würde ich alle Belobigungen für mich beanspruchen. «
» Aber nur, wenn Hobb Ihnen nicht zuvorkommt «, warf Haru ein.
Senator Hobb stotterte etwas Unzusammenhängendes, um sich zu verteidigen, und Mkele warf Haru einen miss­billigenden Blick zu. » Wir haben Wichtigeres zu tun, als Sticheleien auszutauschen. «
» Selbst wenn sie wahr sind «, sagte Tovar. Daraufhin starrten Mkele und Hobb ihn an, doch Tovar zuckte nur mit den Achseln. » Was denn ? Bin ich etwa als Einziger bereit, persönliches Versagen einzugestehen ? «
» Auf unserer Insel läuft eine abgeurteilte Kriegsverbrecherin mit einer Atombombe herum «, erklärte Hobb. » Ganz zu schweigen von der Armee von Supersoldaten, die uns abschlachten wie Vieh. Könnten wir uns vielleicht darauf statt auf persönliche Angriffe konzentrieren ? «
» Sie wird die Bombe nicht auf der Insel einsetzen «, gab Haru zu bedenken. » Nicht einmal Delarosa ist derart blutrünstig. Sie will nicht um jeden Preis Partials töten, sondern vor allem die Menschen retten. Natürlich bringt sie Partials um, aber nicht auf Kosten der wenigen Menschen, die noch übrig sind. «
» Das ist ein guter Einwand «, räumte Mkele ein. » Aber eine Atombombe ist eine sehr ungenaue Waffe. Woher wissen wir, dass sie klug damit umgeht ? Im günstigsten Fall schafft sie die Bombe aufs Festland und zündet sie irgendwo nördlich der Partials, damit sie der strahlende Fallout tötet. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie die Basis der Par­tials in die Luft jagt, worauf der Fallout anschließend uns umbringt. «
» Das könnte der einzige Plan sein, der überhaupt gelingen kann «, überlegte Hobb. » Soweit wir wissen, sterben die Partials nicht einmal an Strahlenvergiftung. «
» Wie weit ist White Plains entfernt ? «, fragte Tovar. » Hat jemand eine Landkarte ? «
» Aber klar. « Mkele legte die Aktentasche auf den Tisch, und die Schlösser öffneten sich mit leisem Klicken. » Die Reise von hier nach White Plains dauert eine gewisse Zeit, weil der Long Island Sound umgangen werden muss. « Er entfaltete eine Karte und breitete sie auf dem Tisch aus. » Selbst wenn Delarosa den Sund mit dem Boot überquert, braucht sie eine ganze Weile, um das Ziel zu erreichen. Wobei sie allerdings höchstwahrscheinlich erwischt wird. ­Sofern sie sehr vorsichtig ist und heimlich vorgeht, dauert die Reise vielleicht sogar mehrere Monate. Betrachtet man lediglich die Luftlinie, scheint es nicht sonderlich weit zu sein. Von White Plains bis East Meadow sind es … « Er betrachtete die Karte und maß die Entfernung mit einem abgegriffenen Plastiklineal. » Ungefähr sechzig Kilometer. « Er hob den Kopf. » Wissen wir, welche Atomwaffe sie besitzt ? Wie stark ist die Ladung ? «
» Sie sagte, die Bombe stamme aus einem Schiff namens The Sullivans «, berichtete Haru. » Ich weiß nicht, warum der Name die Pluralform hat. «
» Das war ein Zerstörer «, ergänzte Tovar. » Arleigh-Burke-Klasse. Das Schiff war schon vor zwölf Jahren recht alt, aber sehr zuverlässig. Die Navy setzte diesen Typ lange ein. Die The Sullivans ist nach fünf Brüdern benannt, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam in einer Schlacht gefallen sind. «
» Ich dachte, Sie wussten nichts von der Atombombe «, meinte Hobb.
» Das trifft auch zu «, erwiderte Tovar. » Aber Sie reden hier mit einem ehemaligen Marinesoldaten. Das Schiff, dessen Beschreibung ich nicht kenne, muss erst noch gebaut werden. «
» Dann klären Sie uns doch mal über die Daten dieses Schiffs auf ! «, drängte ihn Mkele. » Trägt ein Zerstörer dieser Bauart Atomraketen, oder hatte er eine Bombe geladen, die von einem Selbstmordkommando direkt an Bord gezündet werden sollte ? «
» Die Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse sind mit Tomahawks ausgerüstet «, erklärte Tovar. » Das sind Marschflugkörper mit Zweihundert- bis Dreihundertkilotonnenbomben. Die Waffen sind für Langstreckenangriffe gedacht, aber die Partials hatten eine starke Raketenabwehr und konnten sie abschießen, bevor sie einschlugen. Ich vermute, diese Bombe ist unmittelbar vor der Küste von Long Island gelandet, weil man sie dicht heranbringen und direkt am feindlichen Stützpunkt zünden wollte. Damit hätten sie die Flotte, den größten Teil von New York sowie New Jersey und Connecticut geopfert, aber die Partials wären auf jeden Fall vernichtet worden. «
Haru schnitt eine Grimasse und staunte wieder einmal darüber, wie verzweifelt die damalige Regierung gewesen war, um so etwas in Erwägung zu ziehen. Allerdings sah ihre eigene Situation derzeit auch nicht viel besser aus. Kurz vor dem Weltuntergang und wenn bereits klar war, wohin die Reise ging, war eine Atomexplosion ein kleiner Preis. Zwar kämen alle Menschen in Reichweite um, und die ganze Gegend bliebe für Jahrzehnte unbewohnbar, aber auch die Partials wären verschwunden. Das wäre es vielleicht sogar wert gewesen. Aber nun, da sich die letzten Vertreter der Menschheit nur sechzig Kilometer entfernt aufhielten …
» Wie sieht der Zerstörungsradius aus ? «, fragte Haru. » Ist anschließend die ganze Insel tot ? «
» Nicht unbedingt «, sagte Tovar. » Aber wenn es irgend-
wie möglich ist, wollen wir dann nicht hier sein. Bei dieser Ladung ist der Feuerball sofort nach der Zündung etwa zwei Kilometer groß. In diesem Bereich herrschen bis zu zweihundert Millionen Grad. Im Umkreis von etwa zehn Kilo­metern wird die Druckwelle alles zerstören. In diesem Bereich geht alles sofort in Flammen auf, und der jäh ausbrechende Brand saugt genügend Luft an, um einen Hurrikan mit Lufttemperaturen zu erzeugen, bei denen Wasser verkocht. Alle Lebewesen in einem Umkreis von … von zehn Kilometern sterben binnen weniger Minuten. Zehn bis fünfzehn Kilometer weiter entfernt sterben immer noch so viele Lebewesen, dass man den Unterschied kaum bemerkt. Die primären Auswirkungen würden wir hier auf der Insel nicht spüren. Der Boden bebt, und wer in die Richtung der Explosion blickt, wird erblinden, aber das dürfte auch schon das Schlimmste sein. Theoretisch jedenfalls. Dann aber geht die radioaktive Asche nieder, und wir bekommen alle Leukämie und sterben qualvoll und langsam. «
» Wie groß ist die Wolke ? «, fragte Haru.
» Eine radioaktive Staubwolke breitet sich nicht so schnell aus wie eine Druckwelle «, erklärte Mkele. » Die ­Wolke verteilt Feststoffe, deren Niederschlag vom Wetter abhängt. In dieser Gegend weht der Wind meistens nach Nordosten, daher wird die Aschewolke größtenteils in diese Richtung ziehen, doch wir bekommen auf jeden Fall am Rand noch etwas Fallout mit – Turbulenzen am Rand der Strömung und Mitbringsel der Winde, die beim Brand entstehen. «
» Alles, was weniger als zweihundertfünfzig Kilometer in Windrichtung entfernt ist, stirbt binnen zwei Wochen «, ergänzte Tovar. » Wir müssen einfach hoffen, dass sich der Wind nicht dreht. «
» Aber die Partials werden dabei auf jeden Fall umkommen «, meinte Hobb.
» Ja, auf dem Festland wird es keine Überlebenden geben «, bestätigte Mkele. » Da wir der Explosion sehr nahe sind, werden wir allerdings – selbst unter idealen Bedingungen – viele Menschen verlieren. «
» Richtig, aber die Partials sind dann vernichtet «, wiederholte Hobb. » Delarosas Plan wird funktionieren. «
» Ich glaube, Sie begreifen nicht, welche Auswirkungen … «, setzte Haru an, doch Hobb fiel ihm ins Wort.
» Sie begreifen es anscheinend auch nicht «, fauchte Hobb. » Welche Möglichkeiten stehen uns denn überhaupt noch ­offen, wenn wir es nüchtern betrachten ? Glauben Sie, wir können Delarosa aufhalten ? Seit Wochen sucht die ganze Partialarmee vergeblich nach der Frau. Wir können nicht einmal diesen Stützpunkt verlassen, ohne beschossen zu werden. Deshalb bin ich ziemlich sicher, dass auch wir sie nicht finden werden. Möglicherweise könnten wir ihre Truppen entdecken, weil wir wissen, wie wir es anstellen müssen. Aber das Team, das den Sprengkopf befördert, kann vermutlich sowieso nicht mehr zurückgerufen werden. Die Bombe wird explodieren, ob es uns gefällt oder nicht, und darauf müssen wir uns vorbereiten. «
» Die Partials werden sie schnappen «, widersprach Mkele. » Einen Atomsprengkopf kann man nicht so leicht transportieren. Sie dürfte Schwierigkeiten haben, sich damit zu verstecken. «
» Und wenn sie erwischt wird, jagt sie ihn womöglich auf der Stelle in die Luft «, wandte Hobb ein. » Solange sie mehr als dreißig Kilometer von East Meadow entfernt ist, kann unseren Einwohnern nichts passieren, und der Wind weht den Fallout immer noch nach Norden in Richtung White Plains. «
» Sofern sie überhaupt dreißig Kilometer weit kommt «, gab Haru zu bedenken.
Tovar zog die Augenbrauen hoch. » Sind wir bereit, für eine Reihe von Ungewissheiten das Überleben der Menschheit aufs Spiel zu setzen ? «
» Was riskieren wir schon ? «, meinte Hobb. » Wir schicken jemanden los, der sie aufhalten soll, und die anderen verlassen die Insel. Erst wenn wir die Hände in den Schoß ­legen, wird es gefährlich. «
» Hobb hat mit seiner Aussage nicht übertrieben, dass es schwierig ist, sich dort draußen zu bewegen «, meinte Mkele. » Haru kann es, weil er dazu ausgebildet ist und die Insel kennt. Aber wie wollen Sie eine Massenevakuierung durchführen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen ? «
» Wir nehmen es nach der Explosion in Angriff «, schlug Hobb vor. » Wir informieren die Menschen und bereiten sie darauf vor. Sobald die Bombe explodiert ist und die Besatzungstruppen abgelenkt sind, erheben wir uns, töten möglichst viele Partials und fliehen nach Süden. «
» Ihr Plan besteht also darin, eine überlegene Armee auszuschalten und dann vor dem Wind davonzulaufen «, fasste Tovar zusammen. » Es freut mich, dass es so einfach ist. «
» Wir müssen vorher evakuieren «, sagte Haru. » Am besten sofort, um nach Möglichkeit auch der Peripherie des Fallout zu entgehen. «
» Wir haben schon geklärt, dass dies nicht möglich ist «, widersprach Hobb. » So viele Menschen können wir nicht transportieren, ohne die Aufmerksamkeit der Partials zu erregen, die uns natürlich sofort daran hindern würden. « Er wandte sich an die anderen. » Könnte mir mal jemand erklären, warum der Junge überhaupt hier ist ? «
» Er hat sich als wertvoll erwiesen «, sagte Mkele. » Wir müssen jede nur mögliche Hilfe in Anspruch nehmen. «
» Aus diesem Grund sind übrigens auch Sie selbst hier «, warf Tovar ein.
» Meine Frau und mein Kind leben in East Meadow «, drängte Haru. » Sie wissen, wer die beiden sind – jeder lebende Mensch kennt die Namen. Daher wissen Sie auch, dass wir keine Zeit verschwenden dürfen. Arwen ist das einzige Kind auf der Welt, und sie wird früher oder später Aufmerksamkeit erregen. Soweit wir informiert sind, befinden sich beide bereits im Gewahrsam der Partials und könnten jederzeit seziert und untersucht werden. «
» Das Kind dürfen wir keinesfalls verlieren. « Haru sah, dass der Mann große Angst hatte. » Arwen repräsentiert unsere Zukunft. Wenn sie bei der Explosion oder beim anschließenden Fallout stirbt … «
» Deshalb müssen wir sofort mit der Evakuierung be­ginnen «, fiel Haru ihm ins Wort. » Noch bevor Delarosa die Bombe zündet. Es muss doch einen Weg geben. «
» Hobb wollte die Explosion als Ablenkung nutzen «, sagte Mkele. » Vielleicht können wir für eine andere Ablenkung sorgen. «
» Wären wir zu einer Ablenkung fähig, um die Partials zu überwinden, dann hätten wir sie längst vorgenommen «, widersprach Hobb. » Die Atombombe ist die einzig wirk­same Waffe, die wir haben. «
Mkele schüttelte den Kopf. » Wir müssen sie ja nicht besiegen, sondern nur ihre Aufmerksamkeit ablenken. Delarosas Guerillakämpfer tun das mehr oder weniger jetzt schon. Wenn wir nun alle losziehen … «
» Dann sterben wir «, wandte Tovar ein. » Wie Hobb schon sagte – gäbe es eine Möglichkeit, die uns selbst nicht gefährden würde, hätten wir sie längst ergriffen. «
» Dann gefährden wir uns eben «, sagte Mkele.
Die anderen Männer schwiegen.
» Die Situation ist sowieso schon bedrohlich und lebensgefährlich «, fuhr Mkele fort. » Wir reden über eine Atombombenexplosion in sechzig Kilometern Entfernung von der letzten Gruppe menschlicher Bewohner auf dem Pla­neten. Selbst im günstigsten Fall, wenn wir nämlich davon aus­gehen, dass Delarosa gefunden und rechtzeitig von ­ihrem Vorhaben abgebracht wird, sind wir einer Besatzungs­truppe nicht menschlicher Wesen ausgeliefert, die uns wie Tiere einpferchen. Bei einem offenen Angriff auf die Partials stirbt jeder Soldat, den wir noch haben, darüber dürfen wir uns keine Illusionen machen. Wenn es aber eine Fluchtmöglichkeit für die restlichen Menschen gibt, dann sollten wir zumindest überlegen, ob es die Sache nicht wert ist. «
Haru dachte an seine Familie : an seine Frau Madison und seine kleine Tochter. Die Vorstellung, Arwen ohne ­Vater aufwachsen zu lassen, war schrecklich, doch Mkele hatte recht. Wenn die Alternative die völlige Ausrottung war, dann wurden viele Schrecken auf einmal tragbar. » Wir sterben sowieso «, sagte er. » Auf diese Weise könnten wir mit unserem Tod wenigstens noch etwas bewegen. «
» Melden Sie sich nicht zu früh als Freiwilliger ! «, gab ­Tovar zu bedenken. » Der Plan muss zwei Teile haben : Eine Gruppe sorgt für die Ablenkung, die andere führt die Einwohner so weit nach Süden, wie es überhaupt menschenmöglich ist, und das meine ich nicht ironisch. «
» Also laufen wir weg. « Mkeles Stimme klang belegt. » Wir entfernen uns von der einzigen Quelle des Heilmittels. ­Haben Sie das alle schon vergessen ? «
Wieder herrschte Schweigen im Raum. Haru war wie betäubt. Gleichgültig, wie weit sie wegliefen, sie litten immer noch an der RM-Seuche. Arwen hatte allein deshalb überlebt, weil Kira im Pheromonsystem der Partials ein Heil­mittel gefunden hatte, das die Menschen bisher allerdings nicht im Labor hatten replizieren können. Sie mussten in einer anderen medizinischen Einrichtung noch einmal von vorn beginnen. Es konnte Jahre dauern, überhaupt ein passendes Labor zu finden und in Betrieb zu nehmen. Es gab keinerlei Garantie, dass ihre Forschungen jemals von Erfolg gekrönt wären. Wenn die Partials starben, ging das Heil­mittel höchstwahrscheinlich zusammen mit ihnen unter.
Haru sah den Männern an, dass sie über das gleiche unlösbare Problem nachdachten. Mit trockener Kehle und schwacher Stimme brach er das Schweigen. » Der günstigste Fall verwandelt sich nach und nach in den schlimmsten. «
» Die Partials sind unser größter Feind, aber sie sind auch die einzige Hoffnung für unsere Zukunft «, sagte Mkele. Er legte die Fingerspitzen zusammen und presste die Hände an die Stirn, bevor er fortfuhr. » Vielleicht sollten wir einige von ihnen mitnehmen. «
» Sie sagen das, als wäre das kinderleicht «, meinte Haru.
» Was wollen Sie denn tun ? Partials in Käfige einsperren und ihnen die Pheromone entziehen, sobald Sie sie brauchen ? Finden Sie das nicht verwerflich ? «
» Es ist meine Aufgabe, die Menschen zu beschützen «, erwiderte Mkele. » Wenn es auf die Frage hinausläuft, ob wir überleben oder sterben, ja, dann bin ich bereit, die Partials in Käfigen zu halten. «
Tovar machte eine grimmige Miene. » Ich vergesse immer wieder, dass Sie unter Delarosa den gleichen Job hatten. «
» Delarosa hat versucht, die Menschheit zu retten «, antwortete Mkele. » Als einziges Verbrechen ist ihr vorzuwerfen, dass sie dabei zu weit gehen wollte. Wir haben beschlossen, ihr auf diesem Weg nicht zu folgen, aber nun betrachten Sie unsere Lage ! Wir verstecken uns im Keller, lassen Delarosa unsere Kämpfe ausfechten und spielen ernsthaft mit dem Gedanken, sie eine Atombombe zünden zu lassen. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem wir moralisch urteilen und entscheiden können. Entweder retten wir die Menschheit, oder wir lassen es sein. «
» Ja «, entgegnete Tovar, » aber danach sollten wir es immer noch wert sein, gerettet zu werden. «
» Entweder wir retten die Menschheit, oder wir lassen es sein «, wiederholte Mkele mit größerem Nachdruck. Nach­einander, bei Hobb beginnend, musterte er die anderen Männer. Der amoralische Senator nickte beinahe sofort. Dann wandte Mkele sich an Haru, der kurz zurückstarrte und schließlich ebenfalls nickte. Wenn die Alternative die Ausrottung ist, dann sind auf einmal viele Schrecken tragbar.
» Die Sache gefällt mir nicht, ist aber immer noch besser, als wenn alle sterben «, sagte Haru. » Für einen anderen Versuch haben wir keine Zeit mehr. «
Mkele wandte sich an Tovar, der ergeben beide Hände hob. » Wissen Sie, wie lange ich gegen eine solche Art von faschistischer Politik gekämpft habe ? «
» Ich weiß es «, antwortete Mkele ruhig.
» Ich habe einen Bürgerkrieg begonnen «, fuhr Tovar fort. » Ich habe mein eigenes Volk bombardiert, weil ich die Freiheit für wichtiger hielt als das Überleben. Es nutzt aber nichts, wenn wir uns retten und dabei die Menschlichkeit verlieren. «
» Wenn wir überleben, können wir uns verändern «, sagte Mkele. » Sogar eine Nation, die auf Sklaverei aufbaut, kann sich verändern, sofern wir nicht alle sterben. «
» Das ist falsch «, beharrte Tovar.
» Ich habe nie behauptet, es sei richtig «, räumte Mkele ein. » Jede Entscheidung, die wir treffen könnten, ist falsch. Dies ist das kleinste von neunundneunzig anderen Übeln. «
» Ich sorge für die Ablenkung «, sagte Tovar. » Ich gebe mein Leben, damit ihr anderen fliehen könnt, und ich will mich so teuer wie möglich verkaufen. Teufel auch, ich bin als Senator sowieso nicht so gut wie als Terrorist ! « Er starrte alle herausfordernd an. » Aber geben Sie den Glauben an das Gute nicht völlig auf ! Irgendwo dort draußen gibt es einen Weg, das alles zu überstehen. « Er öffnete den Mund, um noch etwas hinzuzufügen, schüttelte schließlich aber nur den Kopf und wandte sich zum Gehen. » Ich hoffe nur, wir finden diesen Weg auch rechtzeitig. «
Tovars Hand war nur noch Zentimeter vom Türknauf entfernt, als die Tür plötzlich in den Scharnieren erbebte, weil von draußen jemand kräftig anklopfte.
» Senator ! « Es war eine junge Stimme, die nach Harus Vermutung einem Soldaten gehörte. Tovar sah sich neu­gierig nach den anderen um, bevor er öffnete.
» Senator Tovar «, sagte der Soldat so aufgeregt, dass sich seine Stimme schier überschlug. » Die Botschaft hat auf­gehört. «
Tovar runzelte die Stirn. » Die Botschaft hat … aufgehört ? «
» Die Sendung der Partials «, erklärte der Soldat. » Sie haben die Sendung eingestellt. Alle Kanäle sind frei. «
Mkele stand auf. » Sind Sie sicher ? «
» Wir haben alle Frequenzen überprüft «, bekräftigte der Soldat.
» Sie haben sie gefunden. « Die Mischung aus Erleichterung und Entsetzen lähmte Haru. Er kannte Kira seit Jahren, und ihm wurde übel bei der Vorstellung, dass sie sich in den Händen der Partials befand. Kira hätte allerdings ­sofort dagegengehalten, dass ein einziges Mädchen ein ­guter Preis für die vielen Menschen sei, die die Partials auf der Suche nach ihr töten würden. Er hatte sie gehasst, weil sie sich nicht freiwillig gestellt hatte, und sich schließlich eingeredet, sie sei entweder tot oder von der Insel geflohen. Sonst hätte sie sich seiner Meinung nach doch längst gemeldet. Niemand konnte stumm zusehen, wie Menschen hingerichtet wurden. Wenn sie tatsächlich gefasst wurde, muss ich annehmen, dass sie die ganze Zeit in der Nähe war … Der Gedanke machte ihn wütend.
» Wir haben keine Gewissheit, dass sie das Mädchen gefunden haben «, sagte Mkele. » Möglicherweise sind nur die Sender vorübergehend ausgefallen. «
» Oder sie haben es einfach aufgegeben «, meinte Hobb.
» Überwachen Sie weiter die Frequenzen ! «, wies Tovar den Soldaten an. » Geben Sie mir sofort Bescheid, wenn Sie etwas herausfinden ! Ich komme so bald wie möglich zu Ihnen. « Der Soldat nickte und rannte los. Tovar schloss die Tür und sperrte ab, damit ihre Unterhaltung geheim blieb. Bisher wusste niemand sonst von der Atombombe, und nach Harus Meinung war das sinnvoll und sollte so bleiben. » Inwieweit beeinflusst dies unsere Pläne ? «, fragte Tovar und betrach­tete die anwesenden Männer. » Hat es überhaupt einen Einfluss ? Die Atombombe ist noch immer unterwegs, und Delarosa will ihren Plan zweifellos weiter ausführen. Auch ohne tägliche Hinrichtungen ist es nur eine Frage der Zeit, und dies ist nach wie vor der schwerste Schlag, den wir ihnen versetzen können. «
» Wenn sich die Partials zurückziehen, ist die Atom­bombe sogar eine noch attraktivere Möglichkeit «, sagte Mkele. » Denn dann erwischen wir bei der Explosion eine größere Anzahl von ihnen. «
» Und außerdem Kira «, warf Haru ein und wusste nicht recht, wie er sich damit fühlen sollte.
Tovar lächelte traurig. » Vor zwanzig Minuten haben wir um eine Rechtfertigung für den Angriff gerungen, und nun ertragen wir es nicht, den Plan aufzugeben. «
» Delarosa wird ihren Plan umsetzen, und wir sollten mit dem unseren fortfahren «, bekräftigte Hobb.
» Ich glaube, dann ist es Zeit, den überwältigend starken Feind nachhaltig zu ärgern. « Tovar salutierte ungelenk. Wie durch Zauberhand kam der ehemalige Marinesoldat in dem erfahrenen alten Mann zum Vorschein. » Es war mir ein Vergnügen, gemeinsam mit Ihnen zu dienen. «
Mkele erwiderte den militärischen Gruß und wandte sich an Hobb und Haru. » Sie leiten die Evakuierung. «
» Damit meint er mich «, sagte Hobb.
» Er meint uns beide «, entgegnete Haru. » Nur weil Sie Sena­tor sind, haben Sie nicht das Kommando. «
» Ich bin doppelt so alt wie Sie. «
» Wenn Ihnen kein besserer Grund einfällt, sollten Sie eindeutig nicht das Kommando haben. « Haru stand auf. » Können Sie schießen ? «
» Ich habe seit der Gründung von East Meadow mit dem Gewehr trainiert «, erklärte Hobb beleidigt.
» Dann packen Sie Ihre Sachen ! «, verlangte Haru. » Wir brechen in einer Stunde auf. « Gedankenverloren verließ er den Raum. Vielleicht hatten die Partials tatsächlich Kira gefunden – aber wo ? Und warum nach so langer Zeit ?
Und was würden sie als Nächstes tun, nachdem sie Kira gefasst hatten ?


NarisDie Legenden von Mond und Sonne

Die Legenden von Mond und Sonne

Stürme peitschen über das Land. Alte Kräfte, derer sich niemand mehr erinnert, werden plötzlich wieder gewirkt. Und tief in den Ruinen einer versunkenen Festung regt sich Widerstand gegen die Herrschaft eines Ordens, den man längst ins Reich der Legenden verbannt hatte. Dass die verborgenen Fähigkeiten der jungen Kyndra Vale der Schlüssel zur Zerstörung und gleichzeitig zur Rettung einer ganzen Welt sein könnten, ahnt derweil noch niemand ... In den unterirdischen Hallen der legendären Festung Naris muss Kyndra Verrat und Wahnsinn bekämpfen, um sich letztlich ihrem Schicksal zu stellen.

Kapitel 1

 

Als Kyndra am Tag der Zeremonie erwachte, hatte sie in einem kurzen, noch im Traum verhafteten Moment das Gefühl, er würde auch ihr letzter sein.

Keuchend setzte sie sich auf. Unter ihrem Hemd raste ihr Herz, und sie presste sich eine schweißnasse Handfläche an die Brust. Jetzt konnte sie sich nicht mehr an den Traum erinnern; nur noch an das unbestimmte Gefühl einer Bedrohung, das sie zur Flucht trieb.

Ich laufe nicht davon.

Kyndra rieb sich den Schlaf aus den Augen. So wie sich ihr Blut abkühlte, so tat es auch der Schweiß auf ihrer Haut, und sie zog die Wolldecke wieder hoch. Diese Zeremonie ist mein Erbe, rief sie sich ins Gedächtnis. Sie stellte den Beginn ihres Erwachsenenlebens dar. Kyndra hatte die Jahre bis zu diesem Morgen gezählt und die wachsende Vorfreude ausgekostet.

Doch eine Stunde später, als sie sich von ihrem Gang durch Brenwyms schlammige Straßen heimwärts wandte, wurde Kyndra klar, dass die Gänsehaut auf ihren Armen nicht nur von der Kälte herrührte. Mit jedem Atemzug kam die Zeremonie näher – ihr Schicksal. Sie blickte nach oben. Am Himmel standen schmutzig weiße Wolken, und der Regen ließ ihr das Haar am Kopf kleben und dämpfte ihre Stimmung. Sie wollte die Miene ihrer Mutter nicht sehen, die Stolz, aber auch Anspannung zeigen würde, und ihre Stimme nicht hören, deren betrübter Unterton deutlich zum Ausdruck brachte, dass sie ihr Kind verlieren würde. Heute würde Kyndra zur Frau werden, und das Dorf würde sie sinnvoll einsetzen.

Wenn wir nicht vorher ertrinken. Sie verzog das Gesicht. Die Frühlingsblüte hatte nur Wolken gebracht, und zwei verregnete Wochen später fielen die Blütenblätter und legten sich wie Schnee über eine überschwemmte Gemeinde. Mit einem sehnsüchtigen Seufzen dachte Kyndra daran, wie schön es wäre, trocken zu sein. Ihr Hemd klebte ihr an der Haut, und ihre wollenen Hosen hafteten fürchterlich schwer an ihren Beinen. Der Rest ihrer Kleidung hing zu Hause an einem Sparren auf dem Dachboden und war nur unwesentlich trockener. Verstimmt wurde ihr klar, dass sie zur Zeremonie ein Kleid tragen musste. Sogar bei diesem Regen.

Kyndra strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und rümpfte die Nase. Das Dorf roch nach vermodertem Pflanzenmaterial und Menschen, die viel zu dicht beieinander lebten. Brenwym war für die Familien, die durch Überschwemmungen aus ihren Häusern in den tiefer gelegenen Tälern vertrieben worden waren, der einzige leicht zu erreichende Zufluchtsort. Und jetzt waren natürlich auch alle anderen Bewohner der Täler zum diesjährigen Erbfest gekommen.

Kyndra hielt plötzlich inne. Der Weg, den sie nach Hause gewählt hatte, führte sie über den Hauptplatz, der sich über Nacht in einen See verwandelt hatte. Seine Oberfläche spiegelte den regenschwangeren Himmel wider, und an seinen Rändern häufte sich Müll vor den Häusern und Läden. Kyndra erlaubte sich ein lustloses Seufzen, ehe sie die Achseln zuckte und hineinwatete. Nach kurzer Zeit drang das kalte Wasser an ihre Zehen, und Kyndra biss die Zähne zusammen. Bis zur Zeremonie heute Nachmittag würden ihre Stiefel unmöglich trocknen, und aus denen ihrer Mutter war sie herausgewachsen. Vielleicht war es doch kein guter Einfall gewesen, einen Spaziergang zu machen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie erschauerte und erhaschte in einem Fenster einen Blick auf ihr Spiegelbild. In dem billigen Glas wirkte ihr Gesicht verzerrt: ein blasses, missmutiges Oval.

Mit klappernden Zähnen beschleunigte Kyndra ihre Schritte. Nach der Kälte würde es in der Schenke ihrer Mutter behaglich sein, obwohl darin immer der Geruch nach abgestandenem Alkohol hing. Der Wind frischte auf, sodass sie die Fensterläden des Nomos klappern hörte, bevor sie sie sah. Durch Risse in den Läden fiel das Licht des Feuers auf die Straße. Sie kämpfte sich an der Seite des Gebäudes entlang zur Hintertür vor.

» … wünschte, du würdest dir mehr Mühe geben, Jarand. Manchmal glaube ich, dir ist es gleich.« Kyndras Mutter Reena drehte sich um, um einen Sack nach draußen zu werfen, und sah, dass Kyndra tropfend auf der Schwelle stand. »Was machst du?«, keuchte sie. Jarand blinzelte Kyndra über die Schulter ihrer Mutter hinweg zu.

»Bin spazieren gegangen.«

»Ich dachte, du wärst …« Der Sack rutschte Reena aus der Hand, aber sie schien es nicht zu bemerken.

»Mutter?«

Reena starrte sie ein paar Augenblicke lang an, dann schluckte sie und schüttelte den Kopf. »Schon gut«, sagte sie. »Ich … ich dachte nur, du wärst oben und würdest dich umziehen.«

Kyndra runzelte die Stirn. »Was ist los?«

Aber Reena ging wieder hinein und holte rasch ein Handtuch. »Stiefel aus.« Sie warf Kyndra das zerlumpte Tuch zu. »Du musst meine tragen.«

Kyndra schüttelte den Kopf. »Die passen mir nicht.«

»Ich lasse mir nicht den Schlamm überall hintragen.« Reenas Stimme verhärtete sich, und ein Teil des Bluts, das ihr aus dem Gesicht gewichen war, kehrte zurück. »Die Leute zahlen gutes Geld, um sich hier aufzuhalten.«

Irritiert rieb sich Kyndra mit dem Handtuch den Kopf ab. »Geht es immer nur ums Geld? Sogar heute?«

Reena strich sich eine Locke, die roter war als Kyndras Haar, zurück unter ihr Kopftuch. »Du willst doch essen, oder?«

Kyndra gab keine Antwort, brach aber das verlegene Schweigen, indem sie ihre Stiefel auf die Matte fallen ließ. Aus dem Hausflur schlug ihr eine Woge aus Hitze und Rauch entgegen, und sie kämpfte gegen die Tür an. Der Wind fegte durch die Gasse und zerrte an ihr.

»Die Familien aus den Caradan-Anhöhen haben eine Woche für den Weg hierher gebraucht«, sagte Reena, während sie Kyndra bei ihrem Kampf mit der Tür zusah.

»Wirklich?«, fragte Kyndra desinteressiert. Sie verriegelte die Tür und lehnte sich dagegen. Jarand war verschwunden. So machte er es immer, wenn Reena schlechte Laune hatte und schimpfte. Kyndra war es egal. Ihre nassen Kleider scheuerten auf der Haut, und sie wollte nur nach oben flüchten. »Warum machst du dir so viel Gedanken darüber, die Gäste zu beeindrucken?«, fragte sie. »Die kommen sowieso nicht wieder.«

Die Miene ihrer Mutter verdüsterte sich. »Du wirst sehr bald eine Frau dieses Orts werden, Kyndra. Welche Zukunft dir auch gezeigt werden wird, du wirst sie in Brenwym finden.« Reena unterbrach sich. »Hier ist dein Zuhause.«

Sie hatte recht. Brenwym war ihr Zuhause. Kyndra hatte die Täler noch nie verlassen. Und wahrscheinlich werde ich das auch nie, dachte sie niedergeschlagen.

»Geh dich waschen.« Reena seufzte. »Ich habe es geschafft, einen Teil deiner Unterwäsche zu trocknen. Sie liegt auf dem Bett. Ich fand immer, dass dir dieses blaue Kleid gut steht«, setzte sie mit einem Blick auf Kyndras in Hosen steckende Beine hinzu.

Das blaue Kleid war fertig und wartete. Kyndra starrte es missmutig an. Mit langsamen Bewegungen füllte sie eine Waschschüssel, schälte sich aus ihrer feuchten Kleidung und schrubbte sich sauber. Das Wasser war kalt und wurde schnell braun. Sie zitterte. Hier oben hämmerte der Regen geradezu auf das Dach; ein unaufhörliches Prasseln, das die Dachsparren zu zerbrechen drohte. Sie teilte sich die Kammer mit Reena und Jarand, dem Mann ihrer Mutter. Eine dünne Trennwand unterteilte den Raum.

Sobald sie trocken war, schlängelte sich Kyndra zögernd in das Kleid. Die engen Ärmel hinderten sie daran, die Arme zu heben, und zwei Mal stolperte sie auf der Suche nach den Stiefeln ihrer Mutter über den Rock. Sie zerrte heftig daran, hörte jedoch auf, als ihr einfiel, dass Reena dafür bezahlt hatte. Als sie endlich fertig war, waren ihre Wangen rot angelaufen, und Kyndra ließ sich aufs Bett fallen und legte die Handrücken an die Wangen.

Was ihre Mutter wohl während ihrer eigenen Zeremonie gesehen hatte? Etwas, das mit einer Schenke zu tun hatte, vermutete Kyndra, sonst wäre Reena nicht die Wirtin des Nomos geworden. Jarand war ein Außenseiter und stammte aus Dremaryn im Süden, daher zählte er nicht. Er war nur Wirt geworden, weil er Reena geheiratet hatte.

Kyndra ließ zu, dass ihre Füße sie zu einem kleinen Spiegel in einer Ecke trugen. »Alles wird gut«, sagte sie sich. Ein unsicheres Gesicht, umrahmt von dunkelrotem, zerzaustem Haar, das knapp über ihren Schultern endete, erwiderte ihren Blick.

Sie nahm einen Kamm und klopfte damit gegen ihre Handfläche. Das Erbe bildete den Mittelpunkt des Lebens im Tal. Die ersten Überlebenden der acreanischen Kriege, die sich hier angesiedelt hatten, hatten das Relikt mitgebracht; ein Artefakt, das den wahren Namen eines Menschen und seine Berufung enthüllte. Seitdem hatte das Erbfest jedes Jahr stattgefunden. Seit fünfhundert Jahren sahen junge Leute in das Relikt und erblickten darin ihre Zukunft.

Kyndra zerrte den Kamm durch ihr Haar und drehte dann die feuchten Strähnen zu einem Knoten zusammen. Sie hatte diesen Tag ebenso herbeigesehnt wie ihre Freunde, doch jetzt fürchtete sie ihn. Die ganze Last dieser Jahrhunderte drückte sie nieder: Tausende Leben, die so geführt worden waren, wie das Relikt es vorschrieb. Die Leute erzählten, es habe die Macht, einem in die Seele zu blicken. Es zeige das wahre Wesen eines Menschen. Die Berufung nicht anzunehmen, die es einem aufgab, war nicht nur noch nie dagewesen, sondern darüber hinaus auch eine Sünde.

Was, wenn es mir eine Zukunft vorgibt, die ich nicht will?

Rasch wandte sich Kyndra von ihrem Spiegelbild ab, riss die Tür auf und lief nach unten. Angst klebte an ihr wie ihr eigener Schatten.

Der Gastraum war voller Menschen und Pfeifenrauch. Die Wände waren dunkel gestrichen, sodass die Flecken, die sich in einer Schenke im Lauf der Jahre ansammeln, nicht zu erkennen waren. Zwischen den Tischen drängten sich Gäste und hielten müßig Ausschau nach einem freien Platz. Das Schreckgespenst des Regens hing über allen, und Kyndra konnte ein höhnisches Grinsen nicht unterdrücken, als sie an das Geschimpfe ihrer Mutter wegen des Bodens dachte. Die sonst makellos sauberen Bodendielen waren mit Schlamm beschmiert.

Schmerzhaft bohrte sich ein Finger in Kyndras Rippen. Sie zuckte zusammen und sah nach unten. Eine Frau saß da und musterte sie mit schiefem Blick, die Lippen zu einem hämischen Lächeln verzogen. »Na, Mädchen, dann ist also dein Tag gekommen«, sagte Ashley Gigg. »Aber ob Knospe oder Blüte, für mich wirst du immer ein kleines Gör bleiben.«

Unterdrücktes Gelächter begleitete ihre Bemerkung, und Kyndras Gesicht wurde heiß. Ashley ist zu allen grob, rief sie sich ins Gedächtnis. Außerdem hast du das Wiesel, das dir der fahrenden Kesselflicker gab, durch ihr Schlafzimmerfenster bugsiert. Wahrscheinlich hat sie das nicht vergessen. Kyndra presste die Lippen zusammen. Sie hatte diesen Streich nicht allein zu verschulden, schließlich war ihr bester Freund Jhren ihr williger Spießgeselle gewesen.

»Hör nicht auf sie, Kyndra.« Hanna beugte sich über ihre Bank. Sie war mollig und blond und besaß etwas zu große Zähne. »Wir wissen, wie sehr du dich auf diesen Tag gefreut hast. Havan und ich sind extra gekommen, um bei Jhrens Erbe dabei zu sein.« Ihre Wangen mit den Grübchen glühten in der Hitze rosig.

Kyndra grinste und bedankte sich halblaut. Jhrens Onkel und Tante waren Kaufleute, und Kyndra war schon manchen Abend lange aufgeblieben und hatte ihren Geschichten über die Welt außerhalb von Brenwym gelauscht. Diese Abende im Kerzenlicht schienen jetzt so weit weg zu sein. Sie nickte Havan zu und drückte sich an ihnen vorbei. Sie hatte es eilig, sich zu entfernen.

Durch die Menge drängte sie sich zu einem Fenster, dessen Läden nicht vorgelegt waren, und wischte ein Stück der beschlagenen Scheibe mit dem Ärmel frei. Es regnete immer noch, und die Straßen waren zu braunen Flüssen angeschwollen. Müßig zeichnete sie ein Muster auf die Scheibe; einen Stern mit nur drei Spitzen.

»Blau steht dir gut.«

Sie fuhr zusammen und hörte Jhren leise lachen. Er stand so dicht hinter ihr, dass sie seinen Atem auf der nackten Haut im Nacken spürte.

Kyndra wirbelte herum und schlug ihm leicht auf den Arm. »Nein. Und schleich dich nicht so an mich ran.«

»Autsch«, protestierte Jhren. »In Ordnung, ich nehme es zurück«, sagte er, als er ihre finstere Miene bemerkte. »Du siehst in Blau abscheulich aus.«

»Schon besser.«

Jhrens strahlendes Lächeln verblasste ein wenig. »Es ist trotzdem ein schönes Kleid, Kyndra. Du solltest es öfter tragen.«

»Und was hältst du von meinem Kleid?«

Colta war neben Jhren aufgetaucht. Sie hatte die Arme verschränkt und die Lippen geschürzt. Sie sah so hübsch aus wie immer. Ein rotes Band hielt ihr lockiges Haar zurück und ließ es irgendwie gleichzeitig über ihre Schultern fallen. Ihr Haar war dunkel, genau wie ihre Augen.

Gehorsam drehte Jhren sich um und musterte sie. Kyndra sah zu, wie sein Blick über Coltas Ausschnitt glitt, und spürte einen Anflug von Verdruss, obwohl sie sich Mühe gab, sich nicht zu ärgern. Coltas Kleid schmiegte sich an ihre Formen und fiel dann in schönen Falten zu Boden. Unter seinem Saum schauten hübsche geflochtene Sandalen hervor.

Colta verzog die Lippen zu einem leisen Lächeln. »Ich habe letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen«, erklärte sie den beiden lachend. »Ich bin einfach zu aufgeregt.«

Falls das stimmte, sah man es Colta nicht an. In ihrem Gesicht lagen keine Schatten wie nach einer schlaflosen Nacht, vielmehr wirkte es frisch und hell. Ein zarter Duft umschwebte sie. Rose, dachte Kyndra.

»Wie gefällt dir denn mein Kleid, Kyndra?«, fragte Colta. »Gerda hat es extra für den heutigen Tag genäht. Die Schuhe auch.« Sie musterte Kyndras Kleid ein wenig abfällig. »Du hättest sie bitten sollen, auch deins zu machen.«

»Ich weiß, was Gerda dafür verlangt«, sagte Kyndra. »Warum soll ich so viel für etwas bezahlen, das ich nur einmal trage?«

»Sie ist die beste Schneiderin im Ort.« Abwehrend strich sie über ihr Kleid. »Sie kann verlangen, was sie will.« Ohne Kyndra weiter zu beachten, wandte sie sich an Jhren. »Eigentlich wollte ich einen tieferen Ausschnitt. Aber du weißt ja, wie Gerda ist.« Sie verdrehte die Augen und lächelte, wobei Grübchen auf ihren Wangen erschienen. »Sie hat so altmodische Vorstellungen.«

»Solltest du nicht besser Stiefel anziehen?«, fragte Kyndra etwas schroffer, als sie vorgehabt hatte. »Es regnet. Du wirst dir die Sandalen ruinieren.«

»Ich weiß, dass es regnet, Kyndra«, fauchte Colta. »Aber wir sind ab heute alle erwachsen, und ich habe vor, auch so auszusehen.«

»Erwachsen zu sein bedeutet mehr, als nur so auszusehen«, sagte Kyndra, bevor sie sich bremsen konnte. Sie versuchte, die Hände in die Taschen zu stecken, doch dann fiel ihr auf, dass ihr Kleid keine hatte.

Colta warf ihr einen mitleidigen Blick zu, der Kyndra mit den Zähnen knirschen ließ. »Hättest du dir auch ein Kleid nähen lassen, dann bräuchtest du nicht neidisch zu sein«, zwitscherte sie und wandte sich Jhren zu. »Bis nachher. Ich habe noch jede Menge zu tun.« Colta klimperte mit den Wimpern und rauschte davon.

»Achte gar nicht auf sie«, sagte Jhren. »Wahrscheinlich ist sie aufgeregt.«

»So hat sie auch ausgesehen.«

»Was soll das denn jetzt heißen?«

Kyndra machte eine wegwerfende Handbewegung. »Vergiss es. Ich bin nicht in der Stimmung zu streiten.«

»Ich auch nicht.« Jhren grinste ihr zu, und Kyndra spürte, wie ihre düstere Miene verschwand.

Sie standen nebeneinander am Fenster. Mit jedem neuen Gast kam ein kalter Luftschwall herein, der Jhrens blonde Fransen hochblies. »Voll heute«, bemerkte Kyndra.

Jhren warf ihr einen Blick zu. »Was glaubst du, wie viele Menschen im Dorf sind?«

»Keine Ahnung. Nicht alle sind wegen der Zeremonie gekommen.«

»Du meinst die Überschwemmung in den niederen Tälern.«

Kyndra nickte. »Hier ist nicht genug Platz. Irgendwann müssen sie alle nach Hause gehen.«

»Komisch«, meinte Jhren. »Tante Hanna hat gesagt, das Wetter sei nur in der Gegend um Brenwym so schlecht.«

»Was glaubst du, warum das so ist?« Kyndra sah zu, wie die Spitzen ihres Sterns an der Scheibe hinunterliefen wie Tränen. »Ich kann mich an keinen so nassen Frühling erinnern.«

Irgendwo in der Schenke läutete leise eine Glocke. »Ist es schon so spät?«, keuchte Jhren und sprang vom Fenster weg. »Ich soll zum Mittagessen zu Hause sein. Mutter hat zu meinen Ehren ein Schwein gebraten.« Er grinste. »Dann bis nachher auf dem Anger.« Seine Miene wurde ernst. »Ich kann es kaum glauben, Kyn. Es ist soweit.«

Kyndra versuchte, das Flattern in ihrem Magen zu unterdrücken. »Ich weiß.« Sie sah zu, wie ihr Freund die Tür öffnete und sich den Mantel als völlig unzureichenden Regenschutz über den Kopf hielt. Jhren zwinkerte ihr einmal zu und war verschwunden.

Sie fragte sich, wie Jhren in dieser Situation essen konnte. Unauffällig ging sie zu ihrem Platz am Fenster. Hinter einem Vorhang verborgen, ließ sie sich auf dem langen Kissen nieder, das über die ganze Breite der Fensterbank reichte. Hier saß sie an dunklen Winternachmittagen, wenn Jarand so beschäftigt war, dass er sich keine Arbeiten für sie ausdachte. Dann las sie stundenlang. In ihren Lieblingsgeschichten ging es um Acre – eine verlorene Welt voller Wirker und Magie, Drachenreiter und hoch aufragender Städte, in denen so viele Menschen lebten, dass man sie nicht zählen konnte.

Acre: Geschichten der Verlorenen Welt beinhaltete wirklich das, was der Titel verhieß: Geschichten. Aber zwischen zwei Buchseiten hatte Kyndra ein Stück Pergament gefunden, schlecht erhalten und fast unleserlich. Darauf stand ein Alphabet, und unter jedem Buchstaben hatte jemand sorgfältig dessen Entsprechung in der auf Mariar verbreitetsten Sprache eingetragen. Der Fund gab Kyndra die Hoffnung zurück, dass Acre irgendwann einmal wirklich existiert hatte.

Kyndra spähte um den Vorhang herum. Ihre Mutter schien ihr Fehlen nicht bemerkt zu haben. Wahrscheinlich hatte sie zu viel zu tun. Kyndra stopfte sich ein Kissen hinter den Kopf und lehnte sich zurück. Der Festakt würde erst in zwei Stunden beginnen, und vielleicht konnte sie ein paar Minuten Ruhe nachholen, die ihr die Träume von heute Morgen gestohlen hatten. Seufzend schloss sie die Augen und achtete kaum noch auf den Lärm der Schenke.

 

… Zu ihren Füßen breitet sich ein brennendes Tal aus; blutige, leblose Erde. An einem Ende flammt ein Licht, als falle Mittagssonne auf Glas. Sie fliegt durch die Luft und spürt trockenen Fahrtwind auf den Wangen. Im Inneren des Lichts nimmt etwas Gestalt an: ein Bauwerk, so hoch wie ein Berg. Der Schein, den sie mit dem von Sonne auf Glas verglichen hat, ist genau das: so feines Glas, dass sie sich fragt, warum der Wind es nicht zerspringen lässt. Kristalltürme erheben sich schwindelerregend gen Himmel. Und dann sieht sie den Mann. Hinter ihm zerfällt das prächtige Bauwerk, stürzt in sich zusammen, und alles Licht ist fort. Das Gesicht des Mannes unter seiner weißen Kapuze ist grobknochig und streng. Seine Augen sind so schwarz wie Krähenfedern. Er öffnet den Mund, und seine Lippen bilden ein Wort: Kyndra …

 

 

»Kyndra, wach auf!«

Verschlafen schlug Kyndra die Augen auf und bemühte sich, wach zu werden. Doch sie war noch in dem bedrückenden Traum gefangen.

»Kyndra!«

Ihr wurde klar, dass ihr die Augen wieder zugefallen waren. Sie kämpfte gegen den Schlaf an und versuchte, sie offen zu halten.

»Was ist los?«, fragte Jarand, der den Vorhang zurückgeschlagen hatte. Sein Blick wirkte besorgt. »Du siehst furchtbar aus.«

»So fühle ich mich auch«, stöhnte Kyndra. Sie hob eine Hand an die Stirn, um das Pochen in ihrem Kopf zu lindern. Da war etwas, das sie nicht vergessen durfte, aber der Traum schob sich immer wieder davor. Allein bei dem Gedanken daran wurden ihre Lider schwer.

»Kyndra!«

Sie blickte Jarand finster an, während sie sich immer noch die Stirn massierte. »Hör auf, mich anzuschreien, Jarand. Was ist?«

Jarand starrte sie mit offenem Mund an. »Was ist bloß los mit dir? Du hättest schon vor einer halben Stunde auf dem Anger sein sollen.«

Kyndra starrte ihn lange an. »Die Zeremonie!«, rief sie dann und sprang auf.

»Ganz ruhig«, sagte Jarand. Er hob das Kissen auf, dass Kyndra in ihrer Hast auf den Boden geworfen hatte. »Sie haben noch nicht angefangen. Reena dachte, du wärest schon gegangen, aber dann habe ich oben deinen Mantel gesehen.«

»Danke, Jarand.« Kyndra nahm ihm den Mantel ab und rannte zur Tür. Der Gastraum war jetzt praktisch leer. Wie hatte sie das nur vergessen können?

»Viel Glück!«

Kyndra winkte ihm zu und stürzte nach draußen. Es erwies sich als unmöglich, die Ärmel des Kleids im Mantel unterzubringen. Sie klemmte ihn unter den Arm, raffte ihren Rock, sprang über Pfützen und Schlaglöcher und rannte zum Anger, so schnell sie konnte. Als sie dort ankam, war sie außer Atem, und ihre Knöchel waren schlammbespritzt.

Es sah aus, als wären sämtliche Bewohner der Täler gekommen. Kyndra schob sich durch die Menge und rannte – unauffällig, wie sie hoffte – zu der Gruppe in der Mitte. Wundersamerweise hatte es zu regnen aufgehört, obwohl große, schlammige Pfützen die Fläche in einen Sumpf verwandelt hatten. Der Boden war so feucht, dass Wasser an ihren zu engen Stiefelspitzen hochkroch.

»Was hat dich aufgehalten?«

Jhren tauchte neben ihr auf. Er trug seine guten Sachen. »Hab verschlafen«, erklärte Kyndra knapp und ignorierte das verblüffte Auflachen ihres Freundes. Sie warf einen raschen Blick in die Runde. Die Familien der jungen Leute, die heute ihr Erbe antreten würden, umstanden ihre Söhne und Töchter im Halbkreis. Wahrscheinlich, überlegte Kyndra, waren auch ein paar neugierige Zuschauer gekommen, die einem hiesigen Brauch beiwohnen wollten. Alle Blicke richteten sich auf ein spitzes Zelt in der Mitte des Angers. Davor stand der Hüter des Relikts und sprach, die Hände mittig vor seiner Robe verschränkt.

»… Wir empfangen diese jungen Menschen zur Feier ihres Erbes, das uns von unserem kostbarsten Artefakt geschenkt wird, einem Wunder der Alten Welt. So erweisen wir dem Relikt die Ehre!«

Unter den Zuschauern kam Jubel auf, begleitet von Beifall und dem matschigen Stampfen von Kinderfüßen im Schlamm. Der Hüter raffte seine feuchten Roben und verschwand im Zelt. »Wir erweisen dem Relikt, das unsere Wege erhellt, die Ehre. Wir sind dankbar für seine Führung«, murmelten die anderen jungen Leute. Kyndra öffnete den Mund, um die Worte mit ihnen zu sprechen, doch ihre Kehle war merkwürdig trocken. Kein Ton kam heraus.

Ein stämmiger Mann, der praktischer gekleidet war als der Hüter, stellte die jungen Leute in alphabetischer Reihenfolge auf. Dann trat er zurück und zog das Pergament, das er in der Hand trug, zu Rate. »Jane Abthal«, rief er aus.

Ein nervöses Mädchen, das Kyndra nicht kannte, schlurfte zum Zelt. Der Mann begrüßte sie feierlich. Mit einem letzten Blick über die Schulter huschte sie hinein.

Nur ein paar Minuten später verließ sie das Zelt wieder. Sie war blass, lächelte aber und winkte in die Menge, die ihr zujubelte. Das Mädchen stellte sich zu einer Gruppe, von der Kyndra annahm, dass es sich um ihre Familie handelte. Sie wirkte erleichtert.

Auf diese Weise ging das Erbfest weiter. Während die Schlange langsam auf das Zelt zurückte, fragte sich Kyndra, warum sie das Gebet nicht mitgesprochen hatte. Vielleicht war Reena ja nicht so pflichtbewusst wie andere Eltern gewesen, wenn es darum ging, ihr die Bedeutung des Relikts verständlich zu machen, aber trotzdem war sie hier aufgewachsen. Mit dem vertrauensvollen Blick eines Kindes hatte sie aus der Sicherheit der Menge heraus vergangene Zeremonien beobachtet. Als Jarand sie die Buchstaben gelehrt hatte, hatte sie das leise gemurmelte Gebet auf Papier geschrieben. Warum war sie dann – an dem Tag, an dem es am meisten darauf ankam – nicht in der Lage gewesen, es zu sprechen?

Kyndra versuchte sich abzulenken, indem sie sich nach Jhren umsah, aber die dicht gedrängten jungen Leute versperrten ihr den Blick. Sie sah über die Schulter und entdeckte Colta ein paar Plätze hinter sich. Als sie bemerkte, dass Kyndra sie anschaute, winkte das Mädchen, doch während die Zeremonie weiter voranschritt, fiel Kyndra auf, dass sie auf ihrer Unterlippe kaute und ihre Hände zitterten.

»Jhren Farr.«

Als Jhren aufgerufen wurde, zuckte Kyndra zusammen, schaute blinzelnd zum Zelt und sah gerade noch, wie der blonde Junge strahlend lächelte. Ungeduldig wartete sie auf Jhrens Rückkehr und drehte dabei an einem Mantelknopf.

Der Knopf riss in ihrer Hand ab, und Kyndra steckte ihn hastig in eine Tasche. Die Menge wurde lauter. Sie hob den Kopf und sah ihren Freund aus dem Zelt treten.

»Ich bin Huran!«

Jhren schrie seinen wahren Namen heraus, und seine Augen strahlten stärker denn je. Aus der Menge stiegen Freudenrufe empor.

Kyndra sah Hanna und Havan ganz vorn stehen. Sie streckten die Arme aus und drückten ihrem Neffen die Hand. Jhrens und Kyndras Blicke trafen sich, und Kyndra stellte fest, dass sie die triumphierende Miene ihres Freundes nicht ertragen konnte. Warum erschien ihr das alles so verkehrt? Hatte sie es sich nicht ebenso sehr gewünscht wie Jhren?

Allein und beunruhigt fügte Kyndra sich ins Warten. In ihrem Kopf kämpften die Zeremonie und der Traum um die Oberhand. Ihre Angst könnte das Relikt beeinflussen. Träume waren seltsame Phänomene, sagte Jarand immer, die einem für gewöhnlich nur sagten, was man bereits wusste. Ob ihre Mutter darauf bestehen würde, dass sie ihre Berufung annahm? Sie sah sich in der Menge nach ihr um. Reenas rotes Haar hob sie aus der grauen Masse der Mäntel hervor, aber ihr Gesicht war blass. Sie sah so besorgt aus, wie Kyndra sich fühlte. Dann sah sie ihre Tochter an, die in der jetzt zusammengeschrumpften Gruppe der jungen Menschen stand. Sie lächelte, und Kyndra bemühte sich, zurückzulächeln.

»Eram Tyler.«

Kyndra fand sich vorne in der Schlange wieder und wischte sich die feuchten Hände an ihrem Mantel ab. Nur noch neun andere. Sie behielt den Zelteingang im Auge, in dem der letzte der Jungen soeben verschwunden war. Als er einige Minuten später ziemlich gezwungen lächelnd wieder heraustrat, versuchte Kyndra, ihren rasenden Herzschlag zu bändigen.

»Kyndra Vale.«

Sie holte tief Luft und ging auf das Zelt zu. Dabei spürte sie die Blicke, die sich auf ihren Rücken richteten. Als sie den Eingang erreichte, sah sie noch einmal über die Schulter. Die Gesichter in der Menge verschmolzen miteinander, bis sie nur noch eine verschwommene Masse waren. Ein seltsames Prickeln durchlief sie, und sie sah genauer hin. Ein Gesicht stach hervor: Es war das einzige in der ganzen Menschenmenge, dessen Züge sie deutlich erkennen konnten. Ihr stockte der Atem. Dunkle, beinahe pupillenlose Augen fingen ihren Blick auf und schienen im Schatten einer weißen Kapuze zu glühen. Wie hypnotisiert sah Kyndra hinein. Sie konnte ihre Glieder nicht bewegen. Der Mann aus ihrem Traum lächelte, oder verzog vielmehr verblüfft die Lippen. Er nickte einmal, dann war er von einem Moment auf den anderen verschwunden.

»Mädchen?«

Der Helfer des Hüters hatte sie angesprochen. Die Menge sah sie neugierig an.

Kyndra riss den Blick los und stolperte in das Zelt. Ich muss mir das eingebildet haben, dachte sie und musterte wie betäubt ihre Umgebung. Die Zeltwände strebten aufwärts, wo sie sich in einer spitzen Kuppel trafen, und wurden an den Ecken durch Stangen gestützt. Der Hüter stand hinter einem kleinen Tisch, auf dem sich nur ein Gegenstand befand. Kyndra betrachtete das Relikt.

Es war eine Schale – flach und breit, wie die Gerüchte erzählten, aber nicht so prächtig wie in den Berichten anderer. Kyndra kam das mit Wasser gefüllte Gefäß ganz alltäglich vor.

»Komm, komm.« Der Hüter wies auf den Schemel vor dem Relikt, und Kyndra setzte sich. Ihre Handflächen waren schweißnass, aber ihre Fingerspitzen fühlten sich kalt an.

»Wie ich zu Beginn der Zeremonie schon sagte, bin ich Iljin, der gegenwärtige Hüter des Relikts. Bestimmt hast du von mir gehört …?«

Kyndra nickte langsam, ihr Hals noch immer so trocken, dass sie nicht sprechen konnte.

»Wenn das Relikt dich näherkommen spürt, verändert es sein Aussehen«, erklärte der Hüter. »Da ich so lange Zeit in seiner Nähe verbracht habe, kann ich diese Veränderung wahrnehmen.« Er strahlte selbstzufrieden. »Das Relikt befindet sich seit fünfunddreißig Jahren in meiner Obhut, und ich verfüge über große Erfahrung bei seinem Einsatz. Du musst deine Hände rechts und links an die Schale legen. Lass nicht los, bis ich es dir sage. Ich werde das Rätsel des Wassers deuten.«

Der Hüter sah von der grauen Schale in Kyndras Augen. »Vielleicht ist es ein gutes Omen, dass ich das Relikt noch nie in dieser Gestalt gesehen habe.«

Kyndra runzelte die Stirn. War das wahr? Die stumpfgraue Schale sah in ihren Augen so düster aus wie der bleierne Himmel draußen, und in ihr stieg eine so mächtige düstere Vorahnung auf, dass sie sie lieber nicht berühren wollte. Erschrocken wich sie zurück.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, versicherte der Hüter ihr. »Dir wird kein Leid geschehen.« Er legte die wettergegerbten Hände zusammen.

Ihr blieb nichts anderes übrig. Kyndra streckte die Hände aus und legte sie um das Relikt.

Es fühlte sich unwirklich an und eiskalt. Ohne es zu wollen, hob sie es vom Tisch. Ein Summen schwoll in ihren Ohren an; leise zuerst, dann mit jeder Sekunde lauter. Sollte das so sein? Sie sah, dass der Hüter die Stirn runzelte. Die Schale wirkte dunkel und wurde so unerträglich kalt, dass sie einen leisen Schmerzenslaut ausstieß, doch als sie versuchte, sie abzusetzen, konnte sie die Hände nicht davon lösen. Das Wasser in ihrem Inneren zischte, und für einen Moment sah sie, wie sich tausend Lichtpunkte in den Tiefen spiegelten. Dann gefror es zu dampfenden Eiskristallen.

»Nein!« Der Hüter stürzte herbei, aber es war zu spät. Mit einem scharfen Knacken zersprang das ehrwürdige Relikt. Eissplitter prallten von den Zeltwänden ab.

Die Einzelteile fielen Kyndra aus den brennenden Händen. Sie war mit eisigen Fragmenten übersät und starrte reglos darauf. Nachdem das Summen verklungen war, zog sich das Schweigen scheinbar endlos in die Länge. Der Alte stieß ein Wimmern aus. In seinen Augen standen ungeweinte Tränen.

»Was hast du getan?«, heulte er auf. »Was hast du getan?«


Blick ins Buch
Bin mal kurz totBin mal kurz tot • Tot war ich gesternBin mal kurz tot

Roman

Wie alle anderen auch kennt der 17-jährige Denton seinen genauen Todestag. In der Zeit davor, der Todeswoche, tun die Menschen traditionell alles, was sie schon immer tun wollten. Am Tag vor seinem Tod erwacht Denton aber im Bett eines Mädchens, das definitiv nicht seine Freundin ist, die ihn irgendwie letzte Nacht verlassen haben muss. Das kann er kurz vor seiner Beerdigungszeremonie am Nachmittag eigentlich nicht gebrauchen. Auf welche Weise Denton den Tod finden wird, das weiß er noch nicht. Ein mysteriöser Fleck auf seiner Haut gibt jedoch einen ersten Hinweis. Doch dann taucht ein merkwürdiger Fremder auf seiner Beerdigung auf und erzählt allerhand Dinge, die Dentons bevorstehendes Ableben in ein ganz neues Licht rücken. Etwas stimmt hier nicht. Doch kann er noch herausfinden, was?

Kapitel 1

Ich glaube nicht, dass das mein Bett ist.
Genau kann ich es nicht sagen, weil ich quälende Kopfschmerzen habe, aber etwas an diesem Bett fühlt sich nicht nach mir an. Es wirkt so aufgeplustert.
Das ist enttäuschend. Vorher hatte ich eine sehr klare Vorstellung davon gehabt, wie der Tag meiner Beerdigungszeremonie anfangen sollte, und dazu gehörte auch, in meinem ­eigenen Bett aufzuwachen. Ich hätte gegähnt und mich wie eine gut ausgeruhte Comicfigur gestreckt, während von unten der Duft von gebratenem Speck heraufgezogen wäre. » Hier gibt’s jede Menge Bacon «, würde meine Stiefmutter hinauf­rufen.
Stattdessen taste ich mir über den Schädel, um mich zu ­vergewissern, dass keine Dolche drinstecken, während ich der Stimme einer Frau lausche, die nicht meine Stiefmutter ist und Worte spricht, die nichts mit Speck zu tun haben. » Noch nichts «, sagt sie irgendwo draußen vor dem Zimmer. » Ja, verlass dich auf mich. Ich weiß, dass das wichtig ist. «
Au. Da drückt was Hartes in meinen Rücken. Möglicherweise mein treuer alter Freund Blue Bronto. Vielleicht ist das also doch mein Bett !
Nope.
Es ist ein pinkfarbener Koala.
Ich habe nie einen pinkfarbenen Koala besessen.
» Na ja, ich tue, was ich kann «, sagt die Frau auf dem Korridor.
Natürlich. Das ist Paolos Mom. Ich bin bei Paolo.
Halbherzig versuche ich mich aufzusetzen, und während sich der Raum langsam um mich herum dreht, sehe ich mich um. Mein Blick fällt auf ein Poster der National Sarcasm So­ciety. » Als würden wir Ihre Hilfe brauchen « steht unter dem Logo.
Das ist nicht Paolos Zimmer.
Es ist ein Zimmer, das ich vorher schätzungsweise nur drei­mal betreten habe, das Zimmer von Paolos nicht viel älterer Schwester Veronica. Also: Ich bin gerade eben, am Tag meiner Zeremonie, im Bett der Schwester meines besten Freundes aufgewacht. Das war ganz bestimmt nicht Teil meines Plans.
» Denton … bist du wach ? «, fragt Paolos Mom direkt vor der Tür.
Ich lasse mich wieder zurückfallen und ziehe mir die Decke über den Kopf. Scheint ihr nichts auszumachen, dass ich im Zimmer ihrer Tochter bin, trotzdem ziehe ich es vor, mich zu verstecken.
» Nein, er ist immer noch mehr oder weniger bewusstlos «, sagt sie im Weggehen.
Ich schüttele die Decke ab und stelle fest, dass ein Pflaster auf meinem rechten Zeigefinger klebt. Keine Ahnung warum. Ich muss mir den Finger verletzt haben.
Wenigstens mein kritisches Denkvermögen läuft auf Hochtouren.
Zeit, sich aufzuraffen. Ich drehe mich auf den Bauch, mein Gesicht drückt sich tief in das Kissen und bekommt eine volle Ladung Mädchengeruch ab. Der Geruch – eine geheimnisvolle Mischung aus Seife, Pfirsich und … Minze ? – bahnt sich seinen Weg durch meine Nasengänge und schlägt donnernd in meinem Gehirn auf.
Moment mal.
Veronicas Gesicht taucht vor meinem geistigen Auge auf und spricht in Kussdistanz zu mir. » Es ist nur, weil du mir leidtust. «
Und da erinnere ich mich. Ich habe letzte Nacht mit der Schwester meines besten Freundes im Bett der Schwester meines besten Freundes rumgemacht. Das ist äußerst bemerkenswert.
Aber Sekunde mal. Ich habe eine Freundin. Und das ist nicht Veronica.
Ich lüfte die Decke und schaue an mir herunter. Mein ­kariertes Hemd ist aufgeknöpft. Aber glücklicherweise trage ich immer noch Jeans. Doch Hose hin oder her, ich habe meine Freundin Taryn betrogen. Die ich wirklich gernhabe. Ihr Gesicht blitzt in meinem Hirn auf.
» Du bist wirklich cool und toll und lustig, aber ich glaube nicht, dass ich das kann. «
Halt.
Hat mich meine Freundin gestern Abend verlassen ? Ich schlage die Hände vor das Gesicht und schüttle den Kopf in der Hoffnung, ich könnte so vielleicht die Kopfschmerzen loswerden und meine Gedanken in eine logische Abfolge zwingen.
Und wie sie das hat.
Ich habe mit Veronica rumgemacht und bin von Taryn verlassen worden. Alles seit gestern Abend. Und hoffentlich nicht in dieser Reihenfolge.
Meine Kopfschmerzen pulsieren und mein Mund fühlt sich sandig an.
» Sei nicht albern «, höre ich Paolos Mom in scharfem Ton sagen. » Er wird es vermasseln. « Ihre eindring­liche Stimme ernüchtert mich. Aber nur für einen flüchtigen Moment.
Zeit, zu verschwinden. Ich rolle mich auf die andere Seite des Bettes. Ein Geruch von faulendem Obst kollidiert mit meiner Nase, und ich übergebe mich. Direkt auf Veronicas Kissen.
Oh, Mann. Durch die Tränen, die mir das Erbrechen in die Augen getrieben hat, sehe ich eine fast leere Flasche Pfirsichschnaps auf dem Teppich neben dem Bett liegen. Igitt.
Ein beängstigendes Brummen ertönt unter der Decke, und ich trete ruckartig in Aktion, zappele wild mit den Beinen und schiebe mich hastig die dünnen Metallstäbe von Veronicas Kopfende hinauf. Ungefähr zwei Sekunden später wird mir klar, dass das Brummen von meinem Telefon kommt, nicht von irgendeinem feindseligen Käfer.
Ich bin cool, ein echter Kerl.
» Hey schon wach ? «, steht in Paolos SMS.
» Ja. Bist du in deinem Zimmer ? «, antworte ich und frage mich, ob er mir von der anderen Seite des Korridors aus geschrieben hat. Während ich auf seine Antwort warte, werfe ich das vollgekotzte Kissen auf den Boden, wo es in einer kleinen Ansiedlung aus Taschen und Kisten landet, Abfallprodukten aus Veronicas erstem Jahr am College. Sie ist erst vor ein paar Tagen nach Hause gekommen.
» Hah nein wir haben heute Schule bro «, schreibt Paolo. » Haha okay du natürlich nicht. «
Genau. Ich natürlich nicht.
Weil meine Beerdigungszeremonie für zwei Uhr nachmittags angesetzt ist.
Zum ersten Mal, seit ich die Augen aufgeschlagen habe, denke ich nicht darüber nach, was ich in diesem Zimmer ­mache, was letzte Nacht passiert ist oder wann die Bauarbeiter in meinem Kopf mal Pause machen.
Stattdessen denke ich: Morgen ist der Tag, an dem ich sterben werde.

 

 

Kapitel 2


Ich will kein Drama daraus machen. Na ja, irgendwie doch, weil das lustig ist und die Leute in Verlegenheit bringt. Das ­gefällt mir schon, aber so dramatisch ist es wirklich nicht.
Seit ich geboren wurde, wissen die Leute, dass morgen der Tag meines Ablebens sein wird. So, wie jeder andere auf der Welt auch weiß, an welchem Tag er stirbt. Das ist der Verdienst einer Gruppe von Doktoren, Wissenschaftlern, Statistikern und Astrologen – angeführt von Herman Mortensky, dem in jedem nur denkbaren Lehrbuch aufgeführten Nobelpreisträger. Diese Leute haben auf dem Gebiet der Astro­ThanatoGenetik, kurz ATG, wahre Pionierleistungen vollbracht.
Ob es trotzdem noch bizarr und beängstigend ist, dass morgen mein Todestag sein wird ? Und wie ! Aber muss ich des­wegen so theatralisch klingen wie der Typ, der den nächsten Blockbuster aus dem Off ankündigt ? Eher nicht. Was nicht heißt, dass die Leute kein Mitleid mit mir haben dürfen, sofern sie denn wollen. In der Oberstufe an der MHS hat es insgesamt nur drei Leute gegeben, deren Todestag noch in die Highschoolzeit gefallen ist. Die beiden anderen sind Ashley Miller, die gleich im ersten Jahr an irgend so einer komischen Hirnsache gestorben ist, und dann Paolo, mein bester Freund, dessen Todestag sechsundzwanzig Tage nach meinem anbricht. Köstlicher Zufall, was ? Beste Freunde, die mit nicht mal einem Monat Abstand jung sterben ! So würde ich wohl auch denken, wüsste ich nicht, dass unsere dicht beisammenliegenden Todesdaten ein entscheidender Faktor dafür waren, dass wir uns überhaupt erst angefreundet hatten.
Während der ersten Woche im Kindergarten hatte ich mich in die Bücherecke verkrochen und eine Geschichte über einen Bären gelesen, der einen Geburtstagskuchen für den Mond backt, als mir plötzlich dieser etwas pummelige, immer gut gelaunte kleine Kerl über meine Schulter sah. (Schätze, ich war damals selbst ein kleiner Kerl, aber ihr versteht schon, was ich meine.) Erst war ich sauer und habe ihm gesagt, er soll mich in Ruhe lesen lassen, aber dann meinte er: » Der Bär kann doch dem Mond auch einen Kuchen für seinen Todestag machen. « Das kam mir auf vielen Ebenen komisch vor, und es waren die weisesten, einfühlsamsten Worte, die ich bis dahin gehört hatte. [(Rückblickend finde ich es nicht mehr ganz so spektakulär, aber für ein Kindergartenkind war es echt mörderisch.) Das Wortspiel könnte beabsichtigt sein.]
Wir haben uns kaputtgelacht, und dann haben wir ange­fangen, über unsere Todesdaten zu sprechen. » Meine Mom hat gesagt, du gehörst zu den Frühen «, erzählte mir Paolo. Ein Früher ist jemand, der vor seinem einundzwanzigsten ­Geburtstag stirbt. » Ja «, antwortete ich und musterte den Teppich. » Ich auch ! «, offenbarte mir Paolo. Ich war begeistert. Bisher war mir noch kein anderer Früher begegnet.
Und so lachten wir über die gleichen Dinge und waren beide auf dem Weg zu einem Tod, der uns ereilen sollte, noch ehe wir die Schulzeit hinter uns gebracht hätten. Wenn das keine solide Basis für eine Freundschaft ist, dann weiß ich auch nicht.
Mein Telefon summt schon wieder, aber diesmal schrecke ich nur für ein paar Millisekunden zurück.
» Alle reden über deine Beerdigungszeremonie «, schreibt Paolo. » Da wird die Hölle los sein Junge ! Hoffentlich gehts dir gut. Haha Mann du warst ja so FERTIG gestern Abend. Bin stolz auf dich .«
Also kann ich jetzt zweifelsfrei sagen, dass diese schreck­lichen Kopfschmerzen, der trockene Mund und das allgemeine Unwohlsein von einem Kater stammen. Meinem allerersten Kater. Na, wie aufregend. Und gerade noch rechtzeitig.
Letzte Woche hatte ich schulfrei. Natürlich hätte ich die Schule auch schon viel früher verlassen können, aber dann hätte ich nur allein oder mit meinen Eltern zu Hause rumgehangen, wenn die grade nicht bei der Arbeit waren. Nein, danke ! Während der letzten paar Tage hat wenigstens Paolo mit mir blaugemacht, einerseits weil er ein guter Freund ist, und andererseits in Erwartung seines eigenen irdischen Abgangs. (Jetzt fällt mir wieder ein, dass er gesagt hat, er wolle heute zur Schule gehen, um » gute Stimmung« für meine ­Zeremonie zu verbreiten.)
Die meisten Leute verbringen ihre Todeswoche mit den Dingen, die sie am liebsten tun. Bei Menschen meines Alters artet das oft in einen irren, unbekümmerten Partymarathon im Spring-Break-Stil aus. Nicht, dass ich was dagegen hätte, aber das ist nicht mein Stil, und Saufen hat mich nie son­derlich gereizt. Nur Paolos enorme Überzeugungsfähigkeit (» Willst du gar nicht wissen, wie sich das anfühlt ? «) hat mich am Ende dazu gebracht, unseren ursprünglichen Plan, uns ein paar Filme im Kino reinzuziehen (eine unserer Lieblings­beschäftigungen, der wir in meiner Todeswoche bereits nachgegangen sind), fallen zu lassen, um stattdessen bei Paolo rumzugammeln und mich mit dem nun verschwundenen Pfirsichschnaps zu vergnügen. (Und, wie es scheint, auch mit der nun verschwundenen Veronica.)
Ich weiß nicht, ob ich es als ermutigend empfinden soll, dass der größte Teil meiner Highschool bei meiner Beerdigungszeremonie erscheinen wird, oder ob es mich eher nervös macht oder was auch immer. Wenn wir brutal ehrlich sind, dann interessieren sich die meisten Leute vermutlich nur deswegen für die Zeremonie, weil sie sich freuen, dass sie um die achte Stunde herumkommen und der Schule frühzeitig den Rücken kehren können.
Und dann ist da noch diese ganze Veronica-Taryn-Geschichte. Wenn das der berühmte » Filmriss « sein soll, von dem die anderen Kids dauernd reden, dann bin ich wirklich kein Fan davon, denn ich fände es hilfreich zu wissen, mit wem ich rumgemacht und von wem ich mich getrennt und was ich sonst noch so Tolles oder Fürchterliches erlebt habe, wenn ich zu meiner Zeremonie gehe.
Also, was genau war letzte Nacht passiert ? Paolos Mom hatte mir früher am Abend gesagt, sie würde mich nach Hause bringen, damit ich die letzte Nacht, die mir bliebe, in meinem eigenen Bett verbringen kann. Ich hatte mir vorgenommen, den Tag meiner Beerdigungszeremonie – also heute – mit einem Morgenlauf anzufangen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Das fällt schon mal flach. Ganz zu schweigen davon, dass meine Stiefmutter wahrscheinlich die Wände hochgeht, weil ich beschlossen hatte, nicht unter ihrem Dach zu nächtigen.
» Okay, Dent … bist du inzwischen wach ? «, fragt Paolos Mom gerade vor der Tür.
» Morgen «, sage ich. » Ich, äh, bin in einer Minute da. «
» Oh ! « Jetzt erst wird mir klar, dass sie mit der Tür zu Paolos Zimmer geredet hat, das direkt gegenüberliegt. Und zwar so lange, bis ich ihr aus Veronicas Zimmer geantwortet habe. Mein Fehler.
» Entschuldige, ich wusste nicht, dass du in Vs Zimmer bist ! «, fährt sie fort und hört sich dabei so quietschfidel und freundlich an wie eh und je. Ich habe keine Ahnung, warum sie sich bei mir dafür entschuldigt, dass ich im Bett ihrer ­Tochter liege. Bis mir der Gedanke kommt, dass mein morgiges Ableben manche Leute dazu anspornen könnte, mich heute gut zu behandeln.
» Kein Problem ! Will nur, äh … « Ich starre Veronicas halb­ ironischen Schlumpfkissenbezug an. Etwas von meinem Erbrochenen klebt in Papa Schlumpfs Bart. » … das Bett machen und so. «
» Hört sich gut an. Ich habe Paracetamol da, falls du was brauchst. «
» Okay, toll. Danke, Cynthia. «
Ich hinke aus dem Bett, schleppe mich ins Bad, schaue in den Spiegel, mag überhaupt nicht, was ich sehe, spritze mir Wasser ins Gesicht und versuche, noch ein bisschen ins Klo zu kotzen, schnappe mir Klopapier, feuchte es an und bemühe mich, Veronicas Kissen sauber zu kriegen – mit mäßigem Erfolg –, beschließe dann, stattdessen einfach den Bezug abzunehmen, werfe selbigen in den Schrank, lege das blanke Kissen zurück ins Bett, mache besagtes Bett und empfinde so etwas wie einen Triumph, als die Decke ganz bis über das Kissen reicht und es aussieht, als wäre ich nie da gewesen.
Während ich mein Werk begutachte, fällt mir ein Zettel auf Veronicas Nachttisch auf. » Bin zur Arbeit «, steht da in Veronicas herzig femininer und verrückter Handschrift. » Hat Spaß gemacht. Irgendwie. Mach bitte mein Bett. Wir sehen uns bei deiner Zeremonie. «
Die Nachricht entlockt mir ein Lächeln. Das sind die nettesten Worte, die Veronica je an mich gerichtet hat. Andererseits habe ich schon immer vermutet, dass unsere aggressiven Neckereien nur eine echte Zuneigung überdecken. Aber ich irre mich häufig. Die netten Worte und das Rummachen könnten auch schlicht aus Mitleid geboren worden sein.
Und warum auch nicht. Selbst ich bemitleide mich schließlich. Ich habe so viel Zeit meines Lebens mit dem Versuch verbracht, einer dieser Typen zu sein, die auf alles, was passiert, total entspannt und cool reagieren, die mit allem klarkommen, vor allem mit dem eigenen Tod. Ich war stolz darauf, den Leuten mit meiner reifen Haltung und gelassenen Akzeptanz im Hinblick auf meine Lage zu imponieren. (» Wow, du hast so eine tolle Einstellung dazu, das ist wirklich beeindruckend. «) Nach den vielen Stunden der Todesberatung hatte ich sogar angenommen, meine Akzeptanz würde, je näher mein Tod rückte, nur noch größer werden, und ich könnte mich bereitwillig meinem Schicksal ergeben. Aber in diesem Moment, wenige Stunden vor meiner eigenen Beerdigungszeremonie und mit Veronicas Nachricht in der Hand, fühle ich mich bei alldem gar nicht mehr so entspannt und cool. Allerlei Gefühle verbünden sich mit dem immer noch sehr lebendigen Kater und überfordern meinen Kreislauf. Ich übergebe mich auf Veronicas Decke.


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