Fantasy Preview F 2016
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Fantasy und Science Fiction Preview

Heute lesen, was morgen Wirklichkeit wird

Mittwoch, 01. Juli 2015 von Piper Verlag


Kostenloses Fantasy- und Science Fiction- ebook!

Der Herbst 2015 verspricht schon jetzt ein schöner Lese-Herbst zu werden. Unser Programm ist gespickt mit tollen Autoren und Geschichten und weil wir so begeistert sind, wollen wir dir schon jetzt die Möglichkeit geben, in einige neue Fantasy- und Science Fiction-Bücher hineinzulesen.

Ganz wichtig dabei: Piper goes Science Fiction! Wir verstärken unseren Fokus auf dieses Genre und haben von den insgesamt vier Titeln, die im Herbst dazu bei Piper erscheinen werden, zwei Leseproben in diesem kostenlosen ebook: »Das Schiff« von Andreas Brandhorst entführt euch in die Welt der Muriah und »Der Abgrund jenseits der Träume« von Peter F. Hamilton an den Rand der Zivilisation.

Und auch in der Fantasy haben wir Spannendes für euch: Michael Peinkofer schließt mit »Der Sieg der Könige« seine Erdwelt-Saga ab und mit »Blut aus Silber« von Alex Marshall beginnt ein aufregendes neues Fantasy-Abenteuer um die Kriegerin Zosia.

Fantastisch geht es weiter mit »Age of Iron« von Angus Watson, denn dort werden Legenden nicht geboren, sie werden geschmiedet. In »Zodiac« könnt ihr mit Rho mitfiebern, die versucht, ihr Sonnensystem vor dem Untergang zu bewahren und mit »Die Farbe der Zukunft« wartet der zweite Teil der »Zeitenspringer«-Saga von Meredith McCardle auf euch.

Ihr seht, der Herbst lässt keine Bücherwünsche offen. Also: Gleich kostenlos runterladen und eintauchen in die spannende Welt von Piper Fantasy, Piper Science Fiction und ivi!


Fantasy und Science Fiction ebook – kostenlos

Neuerscheinungen Herbst 2015 vorablesen

Der Herbst 2015 verspricht schon jetzt ein schöner Lese-Herbst zu werden. Unser Programm ist gespickt mit tollen Autoren und Geschichten und weil wir so begeistert sind, wollen wir dir schon jetzt die Möglichkeit geben, in einige neue Fantasy- und Science Fiction-Bücher hineinzulesen. Ganz wichtig dabei: Piper goes Science Fiction! Wir verstärken unseren Fokus auf dieses Genre und haben von den insgesamt vier Titeln, die im Herbst dazu bei Piper erscheinen werden, zwei Leseproben in diesem kostenlosen ebook: »Das Schiff« von Andreas Brandhorst entführt euch in die Welt der Muriah und »Der Abgrund jenseits der Träume« von Peter F. Hamilton an den Rand der Zivilisation. Aber auch in der Fantasy haben wir Spannendes für euch: Michael Peinkofer schließt mit »Der Sieg der Könige« seine Erdwelt-Saga ab und mit »Blut aus Silber« von Alex Marshall beginnt ein aufregendes neues Fantasy-Abenteuer um die Kriegerin Zosia. Fantastisch geht es weiter mit »Age of Iron« von Angus Watson, denn dort werden Legenden nicht geboren, sie werden geschmiedet. In »Zodiac« könnt ihr mit Rho mitfiebern, die versucht, ihr Sonnensystem vor dem Untergang zu bewahren und mit »Die Farbe der Zukunft« wartet der zweite Teil der »Zeitenspringer«-Saga von Meredith McCardle auf euch. Ihr seht, der Herbst lässt keine Bücherwünsche offen. Also: Gleich kostenlos runterladen und eintauchen in die spannende Welt von Piper Fantasy, Piper Science Fiction und ivi!
E-Book
€ 0,00
€ 0,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Blick ins Buch
Sieg der KönigeSieg der KönigeSieg der Könige

Roman

Die Helden der Bestsellerreihe um »Die Könige« ziehen in die finale Schlacht um das Schicksal von Erdwelt: Orks, Elfen, Zwerge und Menschen sehen dem Sieg entgegen - oder ihrer Vernichtung. Denn der Dunkle König ist mächtiger denn je, und sein Kampf um die Krone hat erst begonnen ... Daghan von Ansun und Bertin Zwergenhammer haben das Heer der Fünftausend nach Tirgaslan geführt, um die alte Königsstadt zu erobern. Es gelingt, die Stadt einzunehmen und den Thron zurückzugewinnen. Doch eine Streitmacht von Kaldronen, Orks und Schattendrachen ist auf dem Weg nach Gorta Ruun - und ein Feind, der sich im Körper eines anderen verbirgt, entführt die kleine Prinzessin Alannah. Die Orks Balbok und Rammar nehmen die Verfolgung auf ...

Prolog

 

Er hatte das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen, dessen tiefe Schwärze ihn verschlang.

Tatsächlich vermochte der Zauberer nicht zu sagen, an welchem Ort oder auch nur in welcher Zeit er sich befand. Zu unvorstellbar war, was geschehen war, selbst für ein Wesen wie ihn, das jahrhundertealt war und vieles gesehen und erlebt, das der Finsternis wiederholt die Stirn geboten hatte.

Dies hier war beispiellos.

Im Augenblick höchster Bedrängnis, als sich in den tiefsten Gewölben der Zwergenfestung Gorta Ruun der Schlund der Unterwelt geöffnet hatte und Tausende von Schattenkriegern auszuspucken drohte, hatte er sich selbst geopfert. Einen anderen Ausweg hatte es nicht gegeben, die Invasion zu verhindern.

Die Legion der Schatten!

Lange hatten die Sterblichen gerätselt, hatten herauszufinden versucht, was es mit jenen Kreaturen auf sich hatte, die so unvermittelt in Erdwelt aufgetaucht waren – die Wahrheit jedoch hatte die ärgsten Befürchtungen noch weit übertroffen. Was die Schattenkrieger antrieb, war die Rachsucht uralter Geister, die sich zu ihren Lebzeiten als sterbliche Kreaturen dem Bösen verschrieben hatten und in blutigen Schlachten gefallen waren; was sie auf frevlerische Weise ins Hier und Jetzt zurückkehren ließ, war neue Lebensenergie, die ihnen zugeführt wurde, indem man sie Unschuldigen raubte, gefangenen Menschen und Zwergen, die daraufhin zu Zerrbildern ihrer selbst wurden, zu leeren Hüllen.

Zu Hunderten waren sie in jenen dunklen Schlund in den Tiefen des Stollens Zor getrieben worden, in dem die Geister der Schattenkrieger lauerten, seit Jahrtausenden in der Dunkelheit gefangen und nach neuen Untaten dürstend. Durch das Wirken dunkler Magie war das Tor zu jener Unterwelt weit aufgestoßen worden, und es war nur noch eine Frage von Augenblicken gewesen, bis die ruhelosen Schemen durch die geraubte Lebensenergie zu neuer Kraft gelangen und wieder stoffliche Form gewinnen würden.

Ein Opfer war notwendig geworden, eine andere Möglichkeit hatte es nicht gegeben.

Mit dem Kristallsplitter in den Händen, der seine ermattenden magischen Fähigkeiten um ein Vielfaches verstärkte, hatte sich der Zauberer in den Schlund gestürzt, den Schattenkriegern entgegen. Die Eruption von positiver Energie, von urtümlicher Schaffenskraft, die jedem Elfenkristall und selbst noch dem kleinsten Splitter innewohnte, hatte die Schatten vertrieben und zurückgedrängt in jene finsteren Tiefen, aus denen sie gekommen waren. Und was noch wichtiger war: Sie hatte das Tor verschlossen, das zwischen der Unterwelt und der Dimension der Sterblichen geöffnet worden war, jene frevlerische, den Gesetzen der Natur spottende Verbindung, die es niemals hätte geben dürfen.

Was dann geschehen war, daran hatte der Zauberer keine Erinnerung.

Das letzte Bild vor seinen Augen war der grelle Lichtblitz gewesen, der die Dunkelheit ringsum verzehrte und das Tor zur Unterwelt einstürzen ließ. Dann waren ihm die Sinne geschwunden, und er hatte die Augen geschlossen in der festen Überzeugung, dass dies das Ende seines für menschliche Begriffe unendlich langen Lebens sein würde.

So vieles hatte er miterlebt.

Den Aufstieg des Elfenreichs, den Glanz der Zwergenherrschaft, die Orks auf dem Höhepunkt ihrer Macht; er war dabei gewesen, als das vereinte Heer von Elfen und Zwergen den Unholden am Schwarzpass Einhalt geboten hatte; er hatte Könige kommen und gehen sehen, Reiche aufsteigen und fallen. Er hatte im Zweiten Krieg gekämpft, hatte mit ansehen müssen, wie Menschen und Orks sich miteinander verbündeten, war Zeuge der Schlacht gegen den Dunkelfen geworden; den Zauberorden von Shakara hatte er ebenso überlebt wie das Elfenreich, hatte von fern gewacht und beobachtet, während die Herrschaft über Erdwelt auf die Menschen übergegangen war und die Krone schließlich auf dem Haupt des Abenteurers Corwyn landete; er hatte den Tod ungezählter Freunde und Weggefährten betrauert, ebenso wie den farwyla, den Weggang der Elfen aus der Welt der Menschen.

Ganz allein war er zurückgeblieben. Es war sein Exil, seine Strafe und Chance zugleich – und all diese Zeit, all diese durchlebten und durchwachten Jahrhunderte schienen in diesem letzten Augenblick ihren Sinn und ihre Erfüllung zu finden.

Keine andere Kreatur auf Erden, kein Zwerg, kein Mensch und noch nicht einmal das uralte Schlangenwesen, auf das sie an den Hängen des Schwarzgebirges gestoßen waren, hätte bewerkstelligen können, was ein einziger Weiser, ein ehemaliges Mitglied des Ordens von Shakara, in Verbindung mit einem Elfenkristall vermochte. Die ganze Zeit über war ihm klar gewesen, dass er dieses Opfer würde bringen müssen, diesen letzten Einsatz für die Sterblichen. Und er hatte es gerne getan, hatte die Schuld beglichen, die er einst auf sich genommen hatte.

Doch wie sich zeigte, war es noch nicht vorbei.

Statt im Elysium zu erwachen oder an einem anderen der sieben Orte, an die die unsterbliche Seele zu wandern pflegte, hatte er sich im freien Fall wiedergefunden, schien unentwegt zu stürzen, keinem Ort zugehörig, verloren in der Unendlichkeit zwischen den Welten.

Nur eines konnte er mit Bestimmtheit sagen: Wo auch immer er war und wann auch immer – er war noch am Leben.

Und der alte Zauberer, den die Menschen unter dem Namen Dwethan gekannt hatten, war nicht sicher, ob dies eine Wendung zum Guten war.

 

 

 

Buch I:Gwarsha (Die Belagerung)

 

Kapitel 1

 

Mit einem scharfen Atemzug schreckte Daghan aus dem Schlaf.

Wieder einmal hatte der junge Herzog von Ansun einen Albtraum gehabt, und wieder einmal hatte er von Dwethan gehandelt, dem alten Druiden, dem nicht nur er persönlich, sondern alle freien Völker Erdwelts so unendlich viel zu verdanken hatten.

Dag richtete sich auf seiner Schlafstatt auf und wischte sich über die schweißnasse Stirn. Vier Monde waren seit jenen Ereignissen vergangen, aber es war nicht die Hitze des späten Sommers, die Dag den Schweiß aus den Poren trieb und ihn Nacht für Nacht diese Albträume haben ließ. Es war die Last der Verantwortung, das Wissen um das, was geschehen war. Um ruhiger zu werden, atmete er tief ein und aus, roch den fauligen Odem des Waldes und den Geruch der Pferde im nahen Pferch. Ab und an konnte er eines der Tiere schnauben hören, und hier und dort eine leise Stimme.

Dag beruhigte sich. Seine Gedanken jedoch blieben bei Dwethan, dem alten Fuchs, der das denkbar größte Opfer gebracht hatte – sein eigenes Leben.

Mit Wehmut dachte Dag an die Tage zurück, in denen er sich in einem dunklen Loch verkrochen und ein Dasein als Einsiedler gefristet hatte, um nur ja niemals wieder mit der Welt zu verkehren, die ihm so Böses angetan und ihm das Augenlicht geraubt hatte. Es war Dwethan gewesen, der eines Tages vor dem Eingang der Höhle gestanden und ihn ins Leben zurückgeholt hatte[1]. Und kein anderer als der alte Druide war es auch, der ihm neuen Mut und ein Lebensziel gegeben hatte. Dwethan hatte ihm beigebracht, dass sich der Wert eines Menschen nicht nach seinem Augenlicht ­bemaß; er hatte ihn gelehrt, auf andere Weise zu sehen und ihm klargemacht, dass die Welt ihn dennoch brauchte und er eine Bestimmung erfüllen würde. Und obwohl sich Dag dieser Erkenntnis lange Zeit verschlossen hatte, hatte er inzwischen erkannt, dass Dwethans Worte die Wahrheit waren.

Manches Rätsel hatte der Druide Dag in den vergangenen beiden Jahren enthüllt. Sein größtes Geheimnis jedoch hatte er fast bis zuletzt verborgen, sie alle mittels eines Blendzaubers getäuscht. Denn Dwethan war in Wirklichkeit kein Mensch gewesen, sondern der letzte Vertreter des Elfengeschlechts in Erdwelt.

Im sogenannten farwyla, dem großen Abschied, hatten sich die Elfen vor rund fünfhundert Jahren aus Erdwelt zurückgezogen, um nach neuer spiritueller Kraft und einer Heimat für ihr Volk zu suchen. Wohin sie gegangen waren, wusste niemand, doch seit jener Zeit war kein Elf mehr in Erdwelt gesehen worden. Dwethan jedoch war geblieben, dem Entschluss seiner eigenen Leute zum Trotz, um in all den Jahrhunderten unbemerkt über die Sterblichen zu wachen. Nur sein Name war ein versteckter Hinweis gewesen. Denn in der alten Elfensprache hatte das Wort dwethan jene bezeichnet, die vom Schicksal mit einer besonderen, magisch zu nennenden Fähigkeit bedacht worden waren – die Zauberer.

Für Dag stand fest, dass Dwethan solch ein Zauberer – oder Weiser, wie sie in alter Zeit geheißen hatten – gewesen war. Nur so ließen sich seine besonderen Kräfte erklären, nur so sein ungeheures Wissen um die Rätsel der Vergangenheit. Dag hatte so unglaublich viel von ihm gelernt und dennoch stets das Gefühl gehabt, nur an der Oberfläche seines Wissens zu kratzen – und vielleicht war das auch besser so. Während ihn früher eine schier unstillbare Neugier erfüllt hatte, war Daghan inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass es besser war, manche Dinge nicht zu wissen.

Wissen bedeutete Last, bedeutete Verantwortung … und von beidem hatte Dag mehr als genug.

Seit dem Tag, da sich Dwethan in den dunklen Eingeweiden der Festung Gorta Ruun selbst geopfert hatte, wurde Dag fast jede Nacht von diesen Träumen verfolgt, in denen er den alten Zauberer vor sich sah, kopfüber in einen bodenlosen Abgrund stürzend. Waren es wirklich nur Albträume?

Es war nicht das erste Mal, dass Dag derlei Visionen hatte. Seit er sein Augenlicht verloren hatte, hatte er mehrmals Dinge gesehen, die an anderen Orten und zu anderen Zeiten stattfanden, ohne dass er irgendwelchen Einfluss darauf hatte, was er vor seinem inneren Auge sah. Dwethan war überzeugt davon gewesen, dass es sich dabei um eine spezielle Gabe handle, die das Schicksal Dag zugedacht habe – ihm selbst kam es eher wie ein Fluch vor, zumal er in letzter Zeit auch noch andere, noch schlimmere Visionen hatte.

Erschreckende Bilder drängten sich ihm auf, Eindrücke von einer Zukunft, die sie alle erwarten mochte, von einer Welt, die zerstört war und in Trümmern lag, in der die Angst und das Chaos regierten und in der Kreaturen aus dem Reich der Schatten die letzten Sterblichen versklavten.

Dafür zu sorgen, dass diese Bilder niemals Wirklichkeit wurden, war Daghans oberstes Ziel.

In einem jähen Entschluss schwang er sich von dem aus Strohballen errichteten Lager, das in dem geräumigen, zweckmäßig eingerichteten Zelt für ihn bereitet worden war. Den meisten Kämpfern, die in seinem Heer dienten, stand sehr viel weniger Bequemlichkeit zu Gebote, viele mussten ihr Haupt auf den nackten Boden betten. Und doch hätte Dag gerne mit ihnen getauscht, hätte er dafür nur eine Nacht lang Ruhe gefunden, Schlaf, der frei war von quälenden Bildern.

Es war eine schwüle, mondlose Nacht. Obwohl er keine Kleidung trug, hatte Dag Schweiß auf der Haut. Er griff nach seinem Umhang, legte ihn sich um die Schultern und hüllte sich darin ein. Dann trat er unter dem Vordach des Zeltes hindurch nach draußen, vorbei an den beiden Wächtern, deren alarmierte, wachsame Präsenzen er fühlen konnte.

An einen der Pfosten des Baldachins gelehnt blieb er stehen, sog die feuchte Luft in seine Lungen und lauschte den Geräuschen der Nacht.

Verhaltenes Schnarchen war hier und dort zu hören, das durch die Zeltwände der Unterführer drang, das Scharren von Hufen und gelegentlich ein Schnauben. Ein metal­lischer Klang ließ vermuten, dass irgendwer seine Waffe schärfte – vermutlich jemand, der ebenso wenig Schlaf fand wie Dag. Und ab und an waren leise Stimmen zu hören. Dag konnte die Worte nicht verstehen – sprachen die Krieger über die gefährliche Lage, in der sie sich alle befanden? Über die Schlachten, die ihnen bevorstanden? Oder unterhielten sie sich einfach nur über ihr Zuhause, über ihre Heimat und ihre Familien, die sie womöglich niemals wiedersehen würden?

Der Gedanke ließ Dag schwermütig werden. Er hatte niemals ein großer Heerführer sein, niemals über Leben und Tod so vieler entscheiden wollen. Aber so, wie sich die Dinge entwickelt hatten, konnte er nicht anders. Das Schicksal hatte ihm keine Wahl gelassen, und nun musste er sehen, dass er der ihm übertragenen Verantwortung gerecht wurde – auch wenn er sehr viel lieber an einem ganz anderen Ort gewesen wäre, und am liebsten auch zu einer anderen Zeit.

Er erinnerte sich noch gut daran, als er das erste Mal hier gewesen und die gewaltigen Mauern von Tirgaslan erblickt hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass er eines Tages als Eroberer zurückkehren würde … zumindest als jemand, der sein Heer gegen die Mauern der alten Königsstadt schickte. Über Sieg oder Niederlage würden andere Dinge entscheiden.

Es lag nicht mehr in seiner Hand …

»Aye, findest du auch keinen Schlaf?«

Es war die Stimme von Ferghas, seinem treuen Gefährten, den er zum stellvertretenden Befehlshaber des Heeres ernannt hatte. Anders als Dag stammte Ferghas nicht aus Ansun, sondern gehörte den Clansleuten der Hügellande an, bei denen Dag einst Hilfe gesucht hatte. Mehrfach waren sie dem Tod um Haaresbreite entronnen, hatten viel zusammen durchgemacht – zu viel, um einander noch etwas vorzuspielen.

»Die Geister der Vergangenheit«, gab Dag leise zu, während er weiter so tat, als blickte er hinaus in die Nacht, auf die Zelte des Heerlagers, die sich überall zwischen den Bäumen duckten, auf die Wagen und Pferde – und auf die trutzigen Mauern von Tirgaslan, die sich jenseits davon in den wolkenverhangenen Nachthimmel reckten.

»Mir fehlt der alte Mann ebenfalls«, gab Ferghas unumwunden zu, der offenbar am anderen Stützpfosten des Vorzeltes lehnte. Seinen geräuschvollen, gleichmäßigen Atemzügen nach rauchte er Pfeife. »Irgendwie schien der alte Fuchs immer zu wissen, was zu tun war.«

»Wir wissen es auch«, versicherte Dag. »Nur nicht, ob es uns auch gelingen wird.«

»Aye«, bestätigte Ferghas mit leise grollendem Lachen, »wenn du dich geirrt hast, Herzogsohn, wird die Niederlage so vollkommen sein, dass wir nicht einmal Gelegenheit haben werden, sie zu bedauern.«

»Ich weiß, guter Ferghas. Ich weiß.«

Nachdem sie den Zwergen dabei geholfen hatten, deren alte Feste Gorta Ruun zurückzuerobern und den Einfall der Schattenlegion in die Welt der Sterblichen zu verhindern[2], hatte sich das neu formierte »Heer der Fünftausend« gen Süden gewandt. Neben den Zwergen, die von der Schreckensherrschaft Lord Ansgars und seiner Alchemisten befreit worden waren, setzte sich dieses Heer vor allem aus Menschen zusammen, Angehörigen der Hochland-Clans, die nach Jahren des inneren Zwists und kleinlicher Fehden endlich ihren Streit begraben hatten und nun Seite an Seite kämpften. Und da waren die Nathiri, eine Gruppe von Assassinen, die ihrer Anführerin, der schlangenhaften Nagaya, treu ergeben waren. Obschon vergleichsweise gering an Zahl, waren sie sowohl als Kundschafter als auch als Speerspitze eines jeden Angriffs ein unverzichtbarer Teil von Daghans Heer.

Gorta Ruun zu verlassen und sich gegen Tirgaslan zu wenden, war eine logische Entscheidung gewesen. Der Dunkle König, der im fernen Tirgas Winmar Hof hielt, bediente sich dunkler Kräfte, um die Seelen in grauer Vorzeit gefallener Krieger in die Welt der Sterblichen zurückkehren zu lassen. Den Anfang hatten die Schattendrachen gemacht, grausige, fliegende Kreaturen, die zu Beginn nicht mehr als bloße Schemen gewesen waren. Doch je länger sie in Erdwelt weilten und je mehr die Macht ihres dunklen Gebieters wuchs, desto wirklicher waren sie geworden. Auch einige Schattenkrieger hatten bereits die Grenze der Unterwelt passiert und verbreiteten in Erdwelt Angst und Schrecken, die große Invasion jedoch hatte durch Dwethans selbstloses Opfer verhindert werden können. Allerdings gab sich Dag keinen Illusionen darüber hin, dass der Dunkle König erneut versuchen würde, sein Heer der Finsternis zu entfesseln.

Ziel des Widerstands musste es daher sein, die Zeit bis zum Eintreffen der Schattenlegion möglichst zu nutzen und in den letzten Monden und Jahren verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Tirgaslan, die einstige Königsstadt, die sich von der Küste im Süden bis tief nach Trowna erstreckte, befand sich in der Hand des Feindes, seit der Marionettenkönig Lavan sich gegen den der Finsternis verfallenen Zwergenherrscher Winmar gewandt hatte und diesen in einer gewaltigen Seeschlacht zu vernichten suchte. Die Schlacht war verloren gegangen, weil Winmar die Schattendrachen zu Hilfe rief – seither herrschte ein Statthalter des Königs über die Stadt, und Zwergenkrieger und Orksöldner hielten sie besetzt. Was aus Winmar dem Steinernen geworden war, darüber konnte Dag nur spekulieren – die einen behaupteten, der Dunkle König hätte ihn ermordet und selbst den Thron der Äxte bestiegen, andere meinten, dass Winmar selbst jener Dunkle Herrscher sei, der von seiner fernen Feste aus Erdwelt mit Krieg und Zerstörung überzog.

Dag befürchtete, dass die Wahrheit noch schlimmer und der Dunkle König das war, was aus der Verschmelzung Winmars mit dem uralten Bösen hervorgegangen war, das seit jeher in den Tiefen Erdwelts lauerte – so jedenfalls hatte Dwethan es ihm einst erklärt. Winmar mochte gefährlich gewesen sein, skrupellos in seiner Gier nach Macht und Geltung. Doch niemals hätte er die Kraft oder die Kenntnis besessen, die nötig waren, um die Legion der Schatten aus den Untiefen der Zeit in die Gegenwart zu rufen.

Doch mit dem Gegner hatte sich auch das Ziel des Krieges geändert. Beim Kampf gegen Winmar war es um die Freiheit Erdwelts gegangen, um das Recht der Völker, über sich selbst zu bestimmen. Inzwischen war es ein Kampf um das nackte Überleben geworden …

»Noch zwei Stunden bis zum Morgengrauen«, meinte Ferghas.

Dag nickte.

Zwei Stunden.

Dann begann der Angriff …

»In meiner Truhe«, sagte er leise, »befindet sich ein Schriftstück. Falls ich diesen Tag nicht überlebe, soll es der Königin übergeben werden.«

»Aye«, sagte Ferghas nur. Sie alle hatten Vorbereitungen getroffen, die freien Zwerge unter dem Kommando ihres neuen Königs Bertin Zwergenhammer ebenso wie die Menschen.

Letzte Liebesbezeugungen.

Letzte Gedanken.

Letzte Grüße.

Dags Worte galten seiner geliebten Aryanwen, der rechtmäßigen Königin von Tirgaslan, und ihrer gemeinsamen Tochter Alannah. Beide waren in Gorta Ruun geblieben, zusammen mit den Frauen, Kindern und Alten – und mit zwei Orks, die sich bereit erklärt hatten, das Leben der kleinen Alannah mit dem ihren zu schützen.

Normalerweise hätte Dag auf das Versprechen zweier Unholde einen feuchten Kehricht gegeben, in diesem Fall jedoch verhielt es sich anders. Denn Balbok und Rammar hatten Alannah zwei Jahre lang beschützt und sie an Eltern statt aufgezogen. Zwar merkte man das dem Kind zum Leidwesen seiner Mutter noch immer deutlich an, die Hauptsache jedoch war, dass es überlebt hatte, allen Nachstellungen zum Trotz. Denn der Dunkle König trachtete dem Kind nach dem Leben, das die Blutlinien beider Herrscherhäuser der Menschen in sich vereinte und zudem Elfenblut in seinen Adern hatte. Dwethan hatte stets behauptet, dass dieses Kind die letzte Hoffnung für Erdwelt sei, also waren Alannah und ihre Mutter in Gorta Ruun geblieben. Zwar gab es in diesen Tagen keinen Ort in ganz Erdwelt, der tatsächlich sicher gewesen wäre, doch versprach die Abgeschiedenheit der Zwergenfeste sehr viel größeren Schutz als ein Feldlager vor feindlichen Mauern.

Noch knapp zwei Stunden bis zum Hornsignal.

Zwei Stunden …

Wenn Dag sich konzentrierte, konnte er von jenseits des Heerlagers das Hämmern der Schmiedehämmer hören und das Klopfen der Zimmerleute. Fredegar Helmknecht, der von Winmar eingesetzte Statthalter von Tirgaslan und Oberkommandierende der Garnison, hatte Anweisung gegeben, die Stadtmauern mit allen Mitteln zu sichern und die Verteidigungsanlagen zu verstärken – und ganz sicher hatte er bei seinem dunklen Herrscher auch Verstärkung angefordert.

Es würde also schnell gehen müssen.

Wenn Dag und die Seinen nicht innerhalb kürzester Zeit die feindliche Verteidigung durchbrachen, würde ihr Schicksal besiegelt sein, denn einen langwierigen Kampf vor Tirgaslans Mauern würden sie nicht durchstehen. Und wenn das Heer der Fünftausend vor den Mauern der Königsstadt vernichtet wurde, dann starben mit ihm auch alle Hoffnungen, denn dann gab es nichts mehr, das zwischen den Legionen der Dunkelheit und den letzten freien Kreaturen Erdwelts stand. Dann, dachte Dag bitter, würden auch ihre beiden Orkleibwächter Alannah nicht mehr vor dem Zugriff des Bösen bewahren können …

Der neue Tag, der fern im Osten heraufdämmerte, würde die Entscheidung bringen.

 

[1]  siehe DIE KÖNIGE

[2] nachzulesen in KAMPF DER KÖNIGE


Blick ins Buch
Der Abgrund jenseits der TräumeDer Abgrund jenseits der Träume

Roman

Endlich kehrt Peter F. Hamilton zu seinem beliebtesten Universum zurück. Auf diesen Band, Teil des »Commonwealth«-Zyklus und zugleich idealer Einstieg für Neuleser, haben die Fans seit Jahren gewartet: Was liegt hinter der Leere, der gefährlichsten Anomalie der Galaxis, die niemand zuvor durchquert hat? Die Leere ist ein gewaltiges, machtvolles Gebilde, mysteriöser und gefährlicher als alles im Universum. Als ein selbsternannter Prophet von dort Traumbilder empfängt, die auf eine bevorstehende Katastophe hindeuten, wird Nigel Sheldon beauftragt, zur Leere zu reisen. Er soll alles über den Ursprung der Träume herausfinden und die letzte Grenze überschreiten. Und was er entdeckt, wird über das Schicksal aller Zivilisationen entscheiden ...

BUCH EINS
Siebenundzwanzig Stunden und zweiundvierzig Minuten

 

Laura Brandt kannte die Ausstiegsprozedur aus einer Suspen­sionsröhre in- und auswendig. Diese ähnelte dem Ende des altmodischen Rejuvenations-Prozesses, dem Laura sich unterzogen hatte, bevor biononische Ergänzungen und Advancer-Gene in die menschliche DNA eingefügt worden waren und den Alterungsprozess praktisch ausgelöscht hatten. Zuerst kam die langsame, behagliche Reise zum Erwachen des Bewusstseins, während der Körper behutsam aufgewärmt wurde und Nährlösungen sowie Betäubungsmittel jedes Gefühl von Unbehagen und Orientierungslosigkeit dämpften. War man dann richtig wach und bereit, die Augen aufzuschlagen, erschien es einem, als ­erwachte man aus einem wirklich angenehmen Schlaf, bereit, dem Tag voller Begeisterung und erwartungsvoll entgegenzutreten. Ein reichhaltiges Frühstück mit Pfannkuchen, knusprigen Schinkenstreifen, Ahornsirup und gekühltem Orangensaft – kein Eis bitte, danke ! – gab dann der ganzen Angelegenheit diesen zusätzlichen kleinen Touch, der die Rückkehr zum vollen Bewusstsein zu einer willkommenen Erfahrung machte. Wenn sie das diesmal erlebte, würde sie sich am Ende einer Reise zu ­einem Sternenhaufen außerhalb der Milchstraße befinden, bereit, mit anderen Angehörigen der Brandt-Dynastie ein neues Leben zu beginnen, eine neue Zivilisation zu gründen, und zwar eine, die ganz und gar anders wäre als die des übersättigten und abgestumpften alten Commonwealth, die sie hinter sich gelassen hatten.
Freilich gab es da noch die Notfall-Extraktions-Prozedur, die von der Schiffsbesatzung Tank-Yank genannt wurde …

Jemand schlug auf den roten Notfallknopf außen an ihrer ­Suspensionsröhre. Hochwirksame Revitalisierungsmedikamente wur­den in einen Körper gejagt, der immer noch eiskalt war. ­Hämatologische Nabelschnüre zogen sich aus ihrem Hals und ihren Schenkeln zurück ; die geschockten Muskeln verkrampften sich. Die Blase schickte verzweifelt Überdrucksignale an ihr Gehirn, aber die automatische Notfall-Extraktion hatte den Katheter bereits entfernt. Wirklich großartige Planung, Jungs ! Aber das war längst nicht so schlimm wie die rasenden Kopfschmerzen oder wie sich die Spitze ihres Diaphragmas zusammenzog, als ihr Magen sich vor Übelkeit verkrampfte.
Laura öffnete die Augen, schrecklich buntes Licht stach ihr in den Kopf, gleichzeitig öffnete sie den Mund und übergab sich. Ihre Bauchmuskeln verkrampften sich so heftig, dass ihr Oberkörper sich aus dem Polster hob. Sie stieß sich den Kopf am ­Deckel des Sarkophags, wie die Suspensionsröhre genannt wurde, der sich noch nicht ganz geöffnet hatte.
» So’n Scheiß ! « Zu dem verwirrenden Nebel aus bunten Farben und Formen gesellten sich kräftig rot schimmernde Sterne des Schmerzes. Sie drehte sich auf die Seite und erbrach sich erneut.
» Ganz ruhig «, empfahl ihr eine Stimme.
Hände packten ihre Schultern und stützten sie, während sie würgte. Jemand hielt eine Plastikschüssel hoch, die den größten Teil der widerlichen Flüssigkeit auffing.
» Kommt noch mehr ? «
» Was ? «, krächzte Laura.
» Müssen Sie noch mehr auskotzen ? «
Laura fauchte ihn einfach nur an. Sie fühlte sich zu elend, als dass sie auch nur über eine Antwort hätte nachdenken können. Jede einzelne Zelle ihres Körpers teilte ihr unmissverständlich mit, wie miserabel sie sich fühlte.
» Atmen Sie ein paar Mal tief durch «, riet ihr die Stimme.
» Ach, zum … ! «
Ihr Körper zitterte so heftig, dass es schon mühsam genug war, einfach nur Luft zu holen, auch ohne irgendwelche ­Yogameister-Atemtechniken auszuprobieren. Diese blödsinnige Stimme … !
» Sie machen das großartig. Die Wirkung der Wiederbelebungsmedikamente setzt gleich ein. «
Laura schluckte. Magensäure brannte ekelhaft in ihrer Speiseröhre, aber wenigstens fiel es ihr jetzt etwas leichter zu atmen. So mies hatte sie sich seit Jahrhunderten nicht mehr gefühlt. Kein besonders angenehmer Gedanke, aber zumindest war er kohärent. Warum helfen meine Biononics nicht ? Die winzigen molekularen Maschinen, die jede ihrer Körperzellen anreicherten, sollten eigentlich ihren Körper dabei unterstützen, sich zu stabilisieren. Sie kniff die Augen zusammen, um die bunten Lichter zu fokussieren. Ihr war klar, dass einige davon ihre Exosicht-Icons sein mussten. Aber das alles kostete sie viel zu viel Mühe.
» Tank-Yank ist Scheiße, was ? «
Jetzt endlich erkannte Laura die Stimme. Sie gehörte Andy Granfore, einem Mitglied der medizinischen Abteilung der VERMILLION. Er war ein anständiger Kerl. Sie hatten sich auf ein paar Pre-Flight-Partys getroffen. Bebend stieß sie den Atem aus. » Was ist passiert ? Warum haben Sie mich mit der Notfall-­Extraktion rausgeholt ? «
» Anordnung des Captain. Und wir haben nicht viel Zeit. Sorry. «
Laura gelang es endlich, Andys Gesicht in den Fokus zu bekommen. Sie sah seine vertraute, dicke Nase, die dunklen Tränensäcke unter den hellbraunen Augen und das ergrauende, in alle Richtungen abstehende Haar. Ein solch altes, verlebtes Gesicht war im Commonwealth, wo sich jeder mit kosmetischer Gen-Sequenzialisierung ein makelloses Aussehen zulegte, ein ungewohnter Anblick. Laura fand sowieso, dass die Menschheit heutzutage aussah wie eine Rasse jugendlicher Supermodels – was nicht unbedingt eine Verbesserung bedeutete. Alles unterhalb von Perfektion war entweder ein Modestatement oder ein überzeugtes, individualistisches » Fick dich ! « an die Konformität.
» Ist die VERMILLION beschädigt ? «
» Nein. « Er lächelte sie etwas gezwungen an. » Jedenfalls nicht direkt. Sie hat sich nur verirrt. «
» Verirrt ? « Diese Antwort war möglicherweise noch beun­ruhigender. Wie konnte man sich auf einem Flug zu einem Sternenhaufen mit einem Durchmesser von mehr als 20 000 Lichtjahren verirren ? Etwas von dieser Größe verlor man ja wohl kaum aus den Augen. » Das soll bloß ein Witz sein, oder ? «
» Der Captain wird es Ihnen erklären. Ich bringe Sie zur Brücke. «

Laura befahl ihrem U-Shadow, ihr einen allgemeinen Status­bericht zu geben. Die allgegenwärtigen, halbintelligenten Gebrauchsroutinen in ihren makrozellularen Clustern reagierten sofort und ließen eine Standardanordnung mentaler Icons aufflammen, dünne Linien aus blauem, zartem Licht, die sich über ihr etwas verschwommenes Blickfeld legten. Sie runzelte die Stirn. Wenn sie die Effizienzmodi richtig interpretierte, hatten ihre Biononics eine ernsthafte Macke davongetragen. Der einzige Grund, den sie sich für ein derartiges Ausmaß an Verfall vorstellen konnte, war schlichte Alterung. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie sich fragte, wie lange sie wohl in Suspension gewesen war. Sie warf einen Blick auf die Ziffern auf ihrem Zeit-Display. Was sie sah, verwirrte sie noch mehr.
» Zweitausendzweihunderteinunddreißig Tage ? «
» Was ? « Andy sah sie an.
» Wir sind zweitausendzweihunderteinunddreißig Tage unter­wegs gewesen ? Wo zur Hölle sind wir ? « Eine so lange Reise mit UltraDrive-Geschwindigkeit musste sie fast drei Millionen Lichtjahre von Terra weg und damit sehr, sehr weit außerhalb der Milchstraße gebracht haben.
Sein altes Gesicht schien seinen bestürzten Ausdruck noch zu verstärken. » Es könnte so lange gewesen sein. Wir sind uns über die relative Zeitkompression hier drinnen nicht ganz sicher. «
» Was … ? «
» Lassen Sie … Kommen Sie einfach mit zur Brücke, okay ? Der Captain wird Ihnen eine angemessene Erläuterung geben. Ich bin nicht gerade der Richtige, um das hier zu erklären. Vertrauen Sie mir. «
» Okay. «
Er half ihr, die Beine aus dem Polster zu schwingen. Ihr wurde schwindlig, als sie aufstand, und sie wäre fast zusammengebrochen. Andy war darauf vorbereitet und hielt sie so lange fest, bis sie sich stabilisiert hatte.
Das Suspensionsareal selbst schien intakt zu sein : eine riesige, lange Höhle mit einem metallischen Gerippe, das tausend große, sarkophagähnliche Suspensionsröhren enthielt. Reihen von beruhigend grün blinkenden Monitorlichtern leuchteten an jeder Einheit, jedenfalls soweit sie sehen konnte. Sie nickte zufrieden. » Also gut. Ich mache mich kurz frisch, dann gehen wir. Sind die Waschräume schon aktiviert ? « Aus irgendeinem Grund hatte sie Schwierigkeiten, direkt mit dem Netzwerk des Schiffs zu kommunizieren.
» Dafür haben wir keine Zeit «, beschied Andy ihr. » Zum Transportpod geht es hier lang. «
Es gelang Laura, ihre Gesichtsmuskeln so weit zu kontrol­lieren, um ihm einen pikierten Ausdruck zuwerfen zu können, bevor sie sich über das Deck zum Ende des Raumes führen ließ. Zwei Malmetall-Quad-Türen schälten sich auf. Der Pod dahinter war ein einfacher, runder Raum, um dessen Wand ringsum eine Sitzbank verlief.
» Hier «, sagte Andy, nachdem sie sich auf die Bank hatte sinken lassen. Sie war nach dem kurzen Weg, den sie mehr geschlurft als gegangen war, fast vollkommen erschöpft. Er hielt ihr ein Paket mit Kleidung und ein paar Sporentücher hin.
Sie musterte die Tücher abfällig. » Im Ernst jetzt ? «
» Etwas Besseres kann ich nicht bieten. «
Während er ihr Ziel in die Kontrolltastatur des Pods tippte, reinigte sie sich Gesicht und Hände und streifte dann den ärmel­losen medizinischen Kittel ab. Die meisten Menschen ent­wuchsen dem Schamgefühl vor Nacktheit, wenn sie ihr zweites Jahrhundert erreicht hatten und zu griechischen Göttern resequenziert wurden. Außerdem kümmerte Andy sie sowieso nicht ; er war schließlich Mediziner.
Bestürzt registrierte sie, dass ihre Haut völlig blass geworden war. Ihre zweite größere biononische Wiederherstellung an ihrem neunzigsten Geburtstag hatte einige Sequenzierungen eingeschlossen, mit denen sie die nördlich-mediterrane Herkunft ihrer Mutter betont hatte. Sie hatte ihre Epidermis bis zu einem fast afrikanischen Schwarz verdunkelt. Diese Schattierung hatte sie die ganzen vergangenen dreihundertsechsundzwanzig Jahre beibehalten. Jetzt jedoch sah sie aus wie eine ­altersrissige Porzellanpuppe, deren Oberfläche jeden Augenblick zu bersten drohte. Die Suspension hatte ihre Haut zu einem furchtbaren Dunkelgrau verfärbt ; mit einer Vielzahl von win­zigen Waschfrauenfalten, nur dass ihre Haut so trocken wie Pergament war. Ich muss daran denken, Feuchtigkeitscreme aufzutragen, sagte sie sich. Ihr Haar hatte einen tiefdunklen Ingwerton, dank ihrer ziemlich kindischen Bewunderung für Grissy Gold, den Bluessänger aus Gulam, der sich ein verblüffendes Jahrzehnt lang im ganzen Commonwealth in seinem Erfolg hatte sonnen können … vor zweihundertzweiunddreißig Jahren. Aber die Farbe war gar nicht so schlecht, sagte sie sich, während sie an den hoffnungslos verfilzten Strähnen zupfte ; sie würde ­einige Hektoliter Conditioner brauchen, um sie wieder zum Glänzen zu bringen. Dann warf sie einen Blick auf die polierte Metallwand des Transportpods, die nicht gerade den besten Spiegel abgab. Ihr normalerweise schmales Gesicht war schrecklich aufgedunsen und verbarg fast ihre Wangenknochen. Die smaragdgrünen Augen waren blutunterlaufen, als hätte sie einen elenden Kater, und ihre Tränensäcke waren fast so schlimm wie die von Andy. »Scheiße ! «, stöhnte sie.
Als sie den tristen, einteiligen Schiffsanzug anlegte, bemerkte sie, wie schlaff ihre Haut nach dieser langen Suspension geworden war, vor allem an den Oberschenkeln. O nein, nicht schon wieder ! Sie verzichtete darauf, ihren Hintern zu mustern. Es würde Monate dauern, um wieder in Form zu kommen. Laura schummelte nicht, indem sie ihre Gestalt mithilfe von Biononics modellierte, so wie die meisten anderen. Sie glaubte daran, dass man sich seine Fitness selbst verdienen musste, ein primitiver Stolz auf ihren Körper. Ein Stolz, den sie sich in jenen fünf Jahren angeeignet hatte, in denen sie sich vor der Welt in einem Ashram der Naturalisten-Fraktion in den Austria-Alpen versteckt hatte, nach dem besonders schmerzlichen Ende einer Beziehung.
Während die Medikamente endlich die schlimmsten Nachwirkungen des abrupten Tank-Yank vertrieben, schloss sie den Anzug und lockerte ihre Schultern, als bereitete sie sich auf eine anstrengende Gymnastiksession vor. » Ich kann nur hoffen, dass die ganze Sache wirklich wichtig ist «, knurrte sie, während der Pod langsamer wurde. Es hatte kaum fünf Minuten gedauert, um an der Längsachse der VERMILLION entlangzufahren, vorbei an den zwanzig anderen Suspensionsarealen, die die gesamten mittleren Sektionen des riesigen Raumschiffs ausfüllten. Und ihr U-Shadow konnte immer noch keine Verbindung zum Netzwerk der VERMILLION herstellen.

Die mehrschichtigen Türen des Pods öffneten sich zur Brücke des Raumschiffs. Allerdings hatte dieser Begriff im Zeitalter von homogenisierter Netzwerkarchitektur nur noch symbolische Bedeutung. Der Raum ähnelte mehr der behaglichen Coffee-Lounge eines Franchise-Unternehmens, mit langen Sofas, die zu einem Gesprächskreis arrangiert waren, und riesigen, hochauflösenden Hologramm-Feldern an den Wänden.
Es befanden sich fünfzehn Leute in dem Raum. Die meisten hockten in kleinen Gruppen auf den Sofas zusammen und unterhielten sich angeregt. Sie alle wirkten extrem gestresst. Laura sah einige, die ganz offensichtlich ebenso abrupt aus der Suspension gerissen worden waren wie sie, und erkannte sie augenblicklich ; sie gehörten wie sie selbst zum Wissenschaftlerteam des Raumschiffs.
In diesem Moment registrierte sie eine äußerst merkwürdige Empfindung direkt in ihrem Kopf. Es war fast wie der emo­tionale Kontext eines Gesprächs innerhalb des GaiaFields, nur dass ihre GaiaMotes inaktiv waren. Ihr war das ganze Gaia­Field-Konzept noch nie richtig geheuer gewesen. Es war entwickelt worden, um dem Commonwealth die Fähigkeit zu direkter Kommunikation von Verstand zu Verstand zu verleihen, und fußte auf einer fremdartigen Adaption der Quanten-Verschränkungs-Theorie. Einige Leute liebten die Möglichkeit der intimen Gedankenübertragung, die das ermöglichte, und behaupteten, es sei die ultimative Evolution des Intellekts. Dadurch würde es ­jedem erlaubt, den Gesichtspunkt jedes anderen schätzen zu können. Auf diese Weise, so argumentierten sie, würden sämt­liche Konflikte eliminiert. Laura hielt das für einen Haufen Mist. Für sie war das nichts weiter als das unheimliche Extrem des ­Voyeurismus. Und in höchstem Maße ungesund, um es vorsichtig auszudrücken. Sie selbst verfügte über GaiaMotes, weil sie ein gelegentlich sehr nützliches Kommunikationswerkzeug darstellten und sich – noch seltener – als hilfreich erwiesen hatten, an große Mengen von Informationen zu kommen. Aber alltäg­licher Gebrauch ? Vergesst es ! Sie hielt an den guten, altmodischen und verlässlichen Unisphäre-Links fest.
» Wie ist das passiert ? «, knurrte sie und runzelte die Stirn. Ihr U-Shadow bestätigte ihr, dass ihre GaiaMotes immer noch ­inaktiv waren. Niemand konnte sich direkt mit ihren neuralen Schichten verbinden. Und doch …
Torak, der Chef-Xenobiologe an Bord, grinste sie schief an. » Wenn Sie das schon sonderbar finden, was halten Sie dann davon ? « Ein großer Plastikbecher mit Tee schwebte durch die Luft zu ihm und hinterließ zarte Dampffähnchen. Torak starrte ihn konzentriert an und streckte seine Hand aus. Der Becher segelte in seine Handfläche, und er schloss mit einem selbstgefälligen Grinsen die Finger darum.
Laura warf einen verblüfften Blick an die Decke der Brücke. Ihr praktischer Verstand überflog sofort die Parameter des ­IngravFeld-Projektorsystems. Rein theoretisch wäre es möglich gewesen, das Gravitationsfeld des Schiffs so zu manipulieren, um Objekte auf diese Art und Weise bewegen zu können. Aber es hätte einen absurden Aufwand an Mühe und Technik gebraucht, und das alles nur, um einen Trick vorzuführen. » Was für eine Art von Gravitationsmanipulation ist das ? «
» Gar keine. « Toraks Lippen hatten sich nicht bewegt. Und doch klang seine Stimme ganz deutlich in ihrem Kopf, zudem mit genug emotionalem Druck, um zu bestätigen, dass er mit ihr » redete «.
» Wie haben Sie … ? «
» Ich zeige Ihnen, was wir herausgefunden haben, sobald Sie mich das tun lassen «, unterbrach Torak sie.
Sie nickte ihm zu. Dann blubberte etwas wie eine Erinnerung in ihrem Verstand hoch. Es fühlte sich an wie eine kalte, sprudelnde Flüssigkeit – eine Erinnerung, die nicht von ihr stammte. Sie war einer GaiaField-Emission sehr ähnlich und war dennoch eindeutig keine. Laura konnte sie nicht kontrollieren, konnte die Bilder und Stimmen auf keine Art und Weise regulieren. Das machte ihr Angst.
Dann sickerte Wissen in ihr Hirn, verankerte sich und wurde Instinkt.
» Telepathie ? «, kiekste sie, als sie begriff. Und gleichzeitig spürte sie, wie ihre Gedanken die erstaunte Frage über die gesamte Brücke sendeten. Etliche Angehörige der Mannschaft zuckten unter der Wucht zusammen, mit der sie in ihre eigenen Gedanken drang.
» Im reinsten Sinne des Wortes «, antwortete Torak. » Und ­außerdem auch Telekinese. « Er ließ den Teebecher los, der weiterhin in der Luft schwebte.
Laura starrte ihn in einer Art betäubter Faszination an. Neue Erkenntnisse in ihrem Kopf zeigten ihr, wie sie diese fantastische Fähigkeit verwenden konnte. Sie formte ihre Gedanken, einfach so, und griff nach dem Becher. Irgendwie fühlte sie ihn ; sein Gewicht schien in ihr Bewusstsein einzudringen.
Der Becher tanzte ein wenig durch die Luft und sank zehn Zentimeter tiefer. Laura verstärkte ihren mentalen Griff um das physikalische Objekt, das noch immer mitten in der Luft schwebte. Sie lachte nervös, bevor sie den Becher vorsichtig auf dem Boden absetzte. » Das ist wirklich ernsthafter Scheiß «, murmelte sie.
» Wir alle beherrschen diese extrasensitive Wahrnehmung «, meinte Torak. » Sie sollten Ihre Gedanken vielleicht abschirmen. Denn sie sind … allgemein zugänglich, sozusagen. «
Laura warf ihm einen erschreckten Blick zu und errötete, während sie hastig versuchte, die Methode anzuwenden, ihre Gedanken – intime, schmerzlich private Gedanken – vor den anderen auf der Brücke abzuschirmen. » Also gut, das reicht ! Würde mir jetzt bitte jemand erklären, was verdammt hier vorgeht ? Wie machen wir das ? Und was ist passiert ? «
Captain Cornelius Brandt erhob sich. Er war nicht besonders groß, und die Last der Sorgen schien ihn niederzudrücken. Laura erkannte, wie erschöpft und verängstigt er war ; trotz seiner Bemühungen, seine Gedanken abzuschirmen und ruhig ­erscheinen zu lassen, sickerte die Unruhe aus ihm heraus wie ätherische Pheromone. » Wir glauben, dass wir uns in der Leere befinden. «
» Unmöglich «, erwiderte Laura automatisch. Die Leere war der Kern der Galaxie. Bis zum Jahr 2560, als die ENDEAVOUR, ein Schiff der Navy-Explorationsflotte des Commonwealth, die erste Umrundung der Galaxie beendet hatte, hatten die Astronomen angenommen, es handelte sich dabei um ein ganz gewöhnliches, extrem hochverdichtetes Schwarzes Loch, wie es sich im Kern aller Galaxien findet. Es war extrem masseverdichtet und hatte auch einen Ereignishorizont, wie ein ganz gewöhnliches Schwarzes Loch. Nur war dieses trotzdem anders, denn es war nicht natürlichen Ursprungs.
Wie die Besatzung der ENDEAVOUR bald feststellte, bewachten die Raiel, eine uralte Rasse, die technisch erheblich weiterentwickelter war als das Commonwealth, die Grenzen dieses Schwarzen Lochs seit über einer Million Jahren. Sie hatten der Leere ­sogar den Krieg erklärt. Seit ihre ersten, primitiven Raumschiffe zum ersten Mal auf sie gestoßen waren, hatten sie sie g­enau beobachtet und festgestellt, dass der Ereignishorizont un­natürliche Expansionsphasen durchlief. Es war angesichts von etwas – auf der kosmologischen Skala – so Großem zwar ­unglaublich, aber es schien ein Artefakt zu sein. Dessen Zweck unbekannt blieb. Angesichts der Stärke und Unberechenbarkeit der Expansionsphasen jedoch würde es sich irgendwann ausdehnen und die ­gesamte Galaxie verschlingen, und zwar lange vor der Zeit, in der ein natürliches Schwarzes Loch so etwas ­getan hätte.
Also starteten die Raiel eine Invasion. Tausende und Aber­tausende der größten Kriegsschiffe, die jemals gebaut worden waren, durchstießen die Grenzen der Leere und drangen in sie ein.
Kein einziges Schiff kehrte zurück. Die gesamte Armada hinterließ nicht den geringsten sichtbaren Effekt auf die Leere oder ihre atypische, unerklärliche Expansion. Das geschah, wie gesagt, vor einer Million Jahren. Seitdem bewachten die Raiel die Grenzen.
Wilson Kime, dem Captain der ENDEAVOUR, wurde höflich, aber nachdrücklich befohlen, umzukehren und sich außerhalb der Wall-Sterne aufzuhalten, die einen dichten Ring um die Leere bildeten. Danach luden die Raiel das Commonwealth ein, sich wie schon viele andere Rassen zuvor der Mission anzuschließen, die die Leere ständig bewachten. Diese Mission existierte, seit die Armada der Raiel dort eingedrungen war. In dieser Million Jahre hatten sie nicht das geringste Wissen über das zutage gefördert, was auf der anderen Seite der Grenze dieses Ereignishorizonts lauerte.
» Unwahrscheinlich «, korrigierte Cornelius Laura. » Unmöglich nicht. «
» Also, wie sind wir hineingeraten ? Ich dachte, unser Kurs würde uns um die Wall-Sterne herumführen. «
» Wir haben uns bis auf dreitausend Lichtjahre dem Wall genähert «, erklärte Cornelius. » Dann sind wir hineingefallen. Oder wurden gezogen, geschnappt oder eingesaugt. Wir wissen immer noch nicht genau, wie es passiert ist. Sehr wahrscheinlich hat sich innerhalb des Hyperraums eine Art von Teleportations-Verbindung geöffnet. Es erfordert eine ungeheuer fortschritt­liche Technologie, um so etwas zu erzeugen. Andererseits, da wir plötzlich alle mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sind, ist die Quanten-Hyperfeld-Theorie unser kleinstes Pro­blem. «
Laura starrte ihn ungläubig an. » Aber warum ? «
» Das ist nicht ganz klar. Den einzigen Hinweis lieferte uns ­Tiger Brandt. Kurz bevor wir reingezogen wurden, sagte sie, sie erlebe eine Art von mentalem Kontakt, wie ein Traum, der sie durch das GaiaField erreichte, nur viel schwächer. Irgendetwas hätte uns oder sie wahrgenommen. Und dann, bevor wir uns versahen … waren wir drin. «
» Tiger Brandt ? « Laura kannte Tiger. Sie war mit Rahka Brandt verheiratet, dem Captain der VENTURA. » Moment, wollen Sie damit sagen, dass die VENTURA mit uns zusammen hier drin ist ? «
» Sämtliche sieben Schiffe der Flotte wurden in die Leere gezogen «, erwiderte Cornelius düster.
Laura warf einen Blick auf den Teebecher und ignorierte die unangenehmen Nachwirkungen des Tank-Yank. » Und das hier ist das Innere der Leere ? « Sie konnte es immer noch nicht glauben.
» Ja. Soweit wir es verstehen, handelt es sich um eine Art von Mikrouniversum mit einer höchst unterschiedlichen Quantenstruktur im Vergleich zur Raumzeit außerhalb. Gedanken können auf einem fundamentalen Level mit der Realität interagieren, was der Grund dafür ist, warum wir plötzlich alle diese mentale Macht erlangt haben. «
» Durch die Handlung des Beobachtens beeinflusst der Beobachter die Realität des Beobachteten «, flüsterte sie.
Cornelius hob eine Braue. » Das ist noch drastisch untertrieben. «
» Also dann, wie kommen wir wieder hinaus ? «
» Gute Frage. « Cornelius deutete auf eines der großen holografischen Images hinter ihm. Dieses zeigte ihr den Weltraum mit nur sehr wenigen Sternen und einer Vielzahl von exotischen und wundervoll fragilen Nebula. » Es ist kein Ende in Sicht. Das Innere der Leere scheint eine Art von multidimensionalem Möbiusband zu sein. Hier drin existiert keine Grenze. «
» Wohin fliegen wir dann ? «
Cornelius’ Verstand strahlte eine Welle von Verzweiflung und Hilflosigkeit aus, bei der es Laura kalt überlief. » Der Skylord bringt uns zu einem, wie er behauptet, H-kongruenten Planeten. Unsere Sensoren bestätigen diesen Status. «
» Der was ? «
Cornelius deutete auf ein anderes Holo-Feld. » Skylord. «
Steif drehte Laura sich herum. Das hochauflösende Image hinter ihr stammte von einem Sensor auf dem vorderen Teil des Raumschiffs, wo sich die UltraDrive-Einheit und die Kraftfeldgeneratoren drängten. Das untere Fünftel des Image zeigte die gekrümmte Hülle aus Carbotanium mit seiner dicken Schicht aus schmutziggrauem Thermalschaum. Am oberen Ende des Hologramms schimmerte ein kleiner, blauweißer Halbmond, ähnlich wie bei jeder H-kongruenten Welt im Commonwealth. Nur fehlten auf der Nachtseite sämtliche Lichter von Städten ; und zwischen Hülle und Planet schwebte das sonderbarste Nebulum, das Laura sich hätte vorstellen können. Während sie hinsah, bemerkte sie eine Art soliden Kern in seinem Inneren, mit einer langen ovoiden Form. Es war nicht wirklich fest, das war ihr klar, aber es bestand tatsächlich aus etlichen Lagen einer kristallinen Substanz, die zu einer außergewöhnlichen vielschichtigen Calabi-Yau-Geometrie gekrümmt war. Auf den schimmernden Oberflächen schienen bunte Muster wie Flüssigkeit zu fließen, vielleicht war es aber auch die Struktur selbst, die unstabil war. Sie konnte es nicht erkennen, denn um den Kern herum schwebte eine Art Nebel, der sich ebenfalls in sonderbaren Strömungen bewegte. » Kein Scheiß ! «, stieß sie hervor.
» Es handelt sich offenbar um eine Art Weltraumoriginäres Leben «, erklärte Cornelius. » Drei dieser Nebula sind zu uns ­gekommen, kurz nachdem wir in die Leere gezogen wurden. Sie sind intelligent und können mittels Telepathie mit Ihnen Kontakt aufnehmen, obwohl eine Unterhaltung einem Diskurs mit einem Gelehrten ähnelt. Ihre Denkprozesse entsprechen nicht so ganz den unseren. Aber sie können durch den Weltraum ­fliegen. Oder ihn zumindest irgendwie manipulieren. Sie haben uns angeboten, uns zu Welten innerhalb der Leere zu führen, auf denen wir leben könnten. Die VENTURA, die VANGUARD, die VIOLET und die VALLEY sind zwei Skylords gefolgt, die VERMILLION folgt zusammen mit der VISCOUNT und der VERDANT hier. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir eine bessere Chance haben, einen passenden H-kongruenten Planeten zu finden, wenn wir die Flotte aufteilen. «
» Bei allem Respekt «, antwortete Laura, » warum folgen wir überhaupt einem dieser Wesen zu einem Planeten ? Sollten wir nicht lieber alles in unserer Macht Stehende tun, um einen Weg hier hinaus zu finden ? Wir alle sind doch letztlich nur aus einem einzigen Grund hier an Bord : außerhalb dieser Galaxie eine neue Zivilisation zu gründen. Zugegeben, das Innere der Leere ist äußerst faszinierend, und die Raiel würden zweifellos ihre rechte Arschbacke dafür geben, an unserer Stelle zu sein, aber Sie können diese Entscheidung nicht für uns treffen. «
Cornelius wirkte müde. » Wir versuchen einen H-kongruenten Planeten zu finden, weil die Alternative den Tod bedeutet. Haben Sie Ihren biononischen Funktionen zufällig bereits ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt ? «
» Ja. Sie sind sehr schwach. «
» Dasselbe gilt für selbst das kleinste Teilchen von Technologie hier an Bord. Die Raumzeit hier drin zersetzt unsere Systeme um ein Vielfaches schneller als außerhalb der Leere. Zuerst fiel der UltraDrive aus, wahrscheinlich weil er das komplizierteste System an Bord ist. Aber im letzten Jahr gab es auch Fluktua­tionen in den Masse/Energie-Konvertern, die zunehmend ernster wurden. Ich konnte doch nicht riskieren, sie online zu lassen. Wir benutzen jetzt Fusionsreaktoren für die IngravDrive-Ein­heiten. «
» Was ? « Laura war schockiert. » Sie wollen damit sagen, wir fliegen die ganze Zeit langsamer als das Licht ? «
» 0.9 Lichtgeschwindigkeit, seit wir hier angekommen sind, vor mittlerweile fast sechs Jahren «, bestätigte Cornelius verbittert. » Glücklicherweise funktionieren die Suspensionsröhren problemlos, sonst hätten wir ein richtiges Desaster erlebt. «



Blick ins Buch
Das SchiffDas SchiffDas Schiff

Roman

Gewinner des Kurd-Laßwitz-Preises 2016! Gewinner des Deutschen Science-Fiction-Preises 2016! Der neue Roman des Bestsellerautors von »Das Artefakt« und »Kinder der Ewigkeit«: Seit tausend Jahren schicken die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sind auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Muriah, der einzigen bekannten und längst untergangenen Hochkultur in der Milchstraße. Bei der Suche helfen die Mindtalker, die letzten sterblichen Menschen auf der Erde - nur sie können ihre Gedanken über lichtjahrweite Entfernungen schicken und die Sonden lenken. Doch sie finden nicht nur das technologische Vermächtnis der Muriah, sondern auch einen alten Feind, der seit einer Million Jahren schlief und jetzt wieder erwacht.

An der Ewigkeit kratzen


Seit tausend Jahren schickten die intelligenten Maschinen der Erde lichtschnelle Sonden zu den Sternen. Sie sollten Kolonien gründen, die Saat des Clusters ausbringen, des Maschinenbewusstseins, seine Evolution auf der kosmischen Bühne fortsetzen und nach anderen Formen der ­Intelligenz suchen, nach biologischen Zivilisationen und Überlebenden des » Weltenbrands «, der vor einer Million Jahren mehrere hoch ent­wickelte Völker ausgelöscht hatte. Was sie fanden, waren Ruinen, aus Artefakten bestehende Spuren, hinterlassen von den Muriah, der einzigen bekannten Hochkultur in der Milchstraße, vor dem Weltenbrand untergegangen. Dieser Spur folgten sie von Sonnensystem zu Sonnensystem, auf der Suche nach der » Kaskade «, einem von den Muriah geschaffenen System aus Tunneln durch die Raumzeit, das ihnen einst Reisen durch die ganze Galaxis ermöglicht hatte – die Maschinen der Erde, von den Vorfahren der letzten, unsterblichen Menschen geschaffen, strebten das technologische Erbe der Muriah an. Doch sie entdeckten nur verwüstete Welten oder junge Plane­ten mit noch primitivem Leben.
Ihre Suche blieb nicht unbemerkt. In den gewaltigen Abgründen zwischen den Sternen gab es Augen, die beobachteten, und Ohren, die alles hörten, jedes noch so leise elektromagnetische Flüstern in der Leere des interstellaren Raums. Zeit spielte für diese Augen und Ohren kaum eine Rolle. Über Jahrhunderte hinweg begnügten sie sich damit, die vom Maschinen-Cluster der Erde ausgeschickten Sonden zu beobachten und den Signalen der Sonden zu lauschen. Informationen wurden gesammelt und ausgewertet, führten schließlich zu einer Entscheidung.
In der Dunkelheit zwischen den Sternen erwachte etwas und begann sich zu regen.

 

Sie standen im Observatorium: ein Mensch, alt und gebrechlich, von einem Mobilisator getragen, und ein Avatar, ein Repräsentant der intelligenten Maschinen, die die Erde seit Jahrtausenden regierten. Sterne leuchteten über ihnen an einem täuschend echt aussehenden Himmel; farbliche Markierungen hoben jene Systeme hervor, die bereits von Sonden erreicht worden waren.
» Wir haben über Evolution gesprochen «, sagte Adam. Einige der Sterne dort oben hatte er besucht. Er konnte nicht mehr aus eigener Kraft gehen, aber in fremder Gestalt über ferne Welten wandern. Das war sein Privileg als Sterblicher. » Sind wir Menschen nicht eure Götter? «
» Es gibt keine Götter, Adam «, sagte der Avatar namens Bartho­lo­mäus. » Wir haben nirgends welche gefunden. «
» Aber wir Menschen haben euch geschaffen. «
» Das stimmt. «
» Dennoch spielen wir kaum mehr eine Rolle. Alle wichtigen Entscheidungen werden von euch getroffen. «
» Ist es nicht besser so, Adam? Wir kümmern uns um euch.
Wir beschützen euch. Wir sorgen dafür, dass die Menschen ihr unsterbliches Leben in Ruhe und Frieden führen können. «
» Wir haben euch geschaffen «, sagte Adam noch einmal. » Ihr seid unsere Kinder. «
» Treten die Eltern nicht zurück, wenn die Kinder erwachsen werden und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen? «
» Diese Eltern werden nicht alt und gebrechlich wie ich «, sagte Adam. » Sie leben ewig und begleiten ihre Kinder durch die Jahrtausende. «
» Manchmal wachsen die Kinder über ihre Eltern hinaus, Adam. Ich nehme an, das ist der evolutionäre Aspekt, den du meinst. «
» Ihr entwickelt euch schneller. «
» Viel schneller, Adam. «
» Wir sind statisch. Ich meine, die Unsterblichen sind es, nicht ich. Nicht wir Mindtalker. Wir entwickeln uns, indem wir alt werden und schließlich sterben. «
Bartholomäus schwieg.
» Evolution «, sagte Adam und lauschte dem Klang dieses Wortes. » Biologisches Leben, das Maschinen schafft und von ihnen überflügelt wird. Steckt ein Naturgesetz dahinter? Ist das ­natürliche Evolution? «
» Niemand hat euch Menschen gezwungen, Maschinen zu bauen. Ihr habt es getan, und wir sind das Ergebnis. «

 

 

Ein Sturm

 

1
Die Wolken hingen tief und schwer über dem grauen, auf­gewühlten Ozean. Vom Wind gepeitscht türmten sich die Wellen höher, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen, schmetterten gegen die Klippe und zerstoben an hartem Fels. Böen nahmen die Gischt und warfen sie nach oben, dorthin, wo Adam stand, drei Dutzend Meter weiter oben, sein schwacher Körper gehalten von seinem Mobilisator, der ihn wie ein Exoskelett umhüllte. Er hatte darauf verzichtet, den Schild zu aktivieren; nichts schützte ihn vor Wind und Regen.
» Oh, hier bist du, Adam «, erklang eine Stimme hinter ihm. Es war eine ruhige Stimme, aber sie übertönte mühelos das Donnern der Brandung. » Ich habe dich gesucht. «
» Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch ­immer genau wisst, wo ich bin? «
Der Mobilisator half Adam, den Kopf zu drehen. Ein Mann stand neben der Kapsel, die ihn hierher gebracht hatte. Er sah anders aus als bei ihrer letzten Begegnung, die nur ­wenige Tage zurücklag, aber das war bei den Avataren der Maschinen oft der Fall. Trotzdem erkannte er ihn: Bartholomäus, sein Mentor und Mittler, der Mann, dessen ruhige Weisheit ihn all die Jahre begleitet hatte. Er war mit einem MFV des Clusters gekommen, einem Multifunktionsvehikel, silbern wie er selbst: ein käferartiges Gebilde, das wie ein zum Sprung bereites Insekt neben Adams Kapsel stand.
Dahinter erstreckte sich eine Ebene, die einst – vor der großen Flut, von der ihm Bartholomäus vor einigen Wochen erzählt hatte, oder vielleicht vor Jahren, er wusste es nicht mehr genau – ein Hochplateau gebildet hatte. Bäume duckten sich dort im Wind, und für einen Moment erschien zwischen ­ihnen etwas Unerwartetes: eine Gestalt, die cremefarbene Kleidung trug. Adam blinzelte überrascht und sah genauer hin, doch zwischen den Bäumen gab es nur die dichter werdenden Schatten des Abends.
Bartholomäus kam näher. » Warum benutzt du einen ­Mobilisator und kein Faktotum? «
» Ich wollte das Meer erleben «, sagte Adam und richtete den Blick wieder nach vorn. » Ich wollte es sehen, hören und fühlen. «
» An diesem Ort ist es kalt und nass, und du bist nicht mehr jung «, sagte Bartholomäus. » Du könntest krank werden. «
» Ihr könntet mich heilen. Es wäre nicht das erste Mal. «
» Auch unsere Möglichkeiten sind begrenzt, Adam. Du bist nicht wie die anderen Menschen. Du bist alt. «
Ein hässliches Wort, alt. Adam rang sich ein Lächeln ab und spürte, wie ihm Regen ins Gesicht schlug. » Die anderen sind viel älter als ich, manche von ihnen sogar älter als du. « Neugier erwachte in ihm. » Wie alt bist du, Bartho? «
» Tausend Jahre «, sagte Bartholomäus. Er stand jetzt neben Adam vor dem Rand der Klippe. » Ich habe gesehen, wie die erste Sonde zu den Sternen aufbrach. «
» Na bitte. Einige der Unsterblichen sind viel älter. Manche von ihnen stammen aus der Zeit der großen Flut, als alles auf der Erde überschwemmt wurde. Wie lange ist das her? «
» Fast sechstausend Jahre. «
Unterstützt vom Mobilisator hob Adam die Hand, wischte sich Regen aus den Augen und schaute wieder übers Meer. In der Ferne flackerte ein Blitz, grell und schön, und in seinem Licht rollten Hunderte, Tausende von Wellen heran. Er verglich sie mit den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, Wellen eines geistigen Ozeans, die meisten flach, vom Alter müde. Manchmal versuchte er sie festzuhalten, doch sie entglitten ihm wie Wasser den Fingern, die es zu ergreifen trachteten. Es erstaunte ihn ein bisschen, mit welcher Klarheit er jetzt darüber nachdachte. Vielleicht lag es an Ozean, Wind und Regen, dachte er. Vielleicht hatten sie den Nebel aus seinem Schädel vertrieben.
» Warum kann ich nicht sein wie die anderen? «, fragte er. » Warum musste ich alt werden? Warum muss ich schließlich sterben? «
» Wir haben oft darüber gesprochen, Adam. Ich habe es dir erklärt. «
Hatte er das? In seinem Gedächtnis gab es viele Lücken, von den Jahren geschaffen. Bartholomäus hingegen vergaß nie etwas. Er erinnerte sich an alles, an jede noch so kleine Kleinigkeit seines tausend Jahre langen Lebens. Dort stand er, ein Mann mit silberner Haut, kurzem Haar, großen grauen Augen und einer auffallend langen Nase, kein Mensch, sondern ein Avatar, ein Faktotum der intelligenten Maschinen, des Clusters, der sich auch hier unter Adams Füßen erstreckte, beziehungsweise unter der Klippe und dem aufgewühlten Meer. Der Regen perlte an ihm ab, schien ihn kaum zu berühren.
» Bei manchen Menschen versagt die Behandlung «, sagte Bartholomäus. » Es tut mir leid. Wir arbeiten daran. «
Der Moment der Klarheit dauerte an. » Seit sechstausend Jahren? «
» Das Problem ist kompliziert, selbst für uns. Der Omega-Faktor widersetzt sich unseren Bemühungen, alle Menschen unsterblich zu machen. Noch haben wir keinen Weg gefunden, ihn zu überlisten. Er macht sich in einem von tausend Neugeborenen bemerkbar. Wir können nichts dagegen tun «, betonte Bartholomäus. » Noch nicht. «
» Ich bin einer von tausend «, sagte Adam und beobachtete das Meer.
» Ja. «
» Bin ich wichtig? «
» Du bist sogar sehr wichtig, Adam. Deshalb bin ich hier. Wir haben eine Aufgabe für dich. Eine neue Mission. «
Eine Windbö heulte lauter als die anderen und war kräftig genug, die Krone einer großen Welle bis zum Rand der Klippe emporzutragen. Schaumiges Wasser klatschte gegen Adam, so heftig, dass selbst der Mobilisator Mühe hatte, ihn aufrecht zu halten. Er schmeckte Salz und dachte: Wie viel Kraft in Wind und Wasser steckt. Was ich hier oben fühle, ist nur ein winziger Teil davon. Wie stark müssen die Wogen dort ­unten sein, jede von ihnen mit der Kraft eines ganzen Ozeans im Rücken, und der Sturm, der sie auftürmt.
» Meine letzte Mission liegt nur zwei Tage zurück. « Der Wind nahm seine Worte und trug sie fort. Adam stellte sich vor, wie sie sich mit Regen und Sturm vereinten. Vielleicht lebten sie weiter, auch wenn niemand sie hörte. Gesprochene Worte, die länger lebten als ihre Sprecher, die irgendwann in Regentropfen gefangen auf den Boden fielen oder, sich an Wolken festklammernd, um die Welt zogen. Es war ein selt­samer Gedanke, fand Adam. Vielleicht war es sogar einer der dummen Gedanken, die durch seinen Kopf wanderten, wenn es ihm schlechter ging. Neurodegeneration. So nannten Bartholomäus und die anderen Avatare es manchmal.
» Eine Woche «, sagte der silberne Mann an seiner Seite. » Du bist seit einer Woche wieder bei uns. «
» Tatsächlich? Schon eine Woche? Mir kommt es kürzer vor. «
» Du hast die meiste Zeit geschlafen. Wir haben uns um dich gekümmert und dich behandelt, damit es dir wieder besser geht. « Bis hierher klang die Stimme des silbernen Mannes sanft, aber in den nächsten Worten lag eine gewisse vorwurfsvolle Schärfe. » Andernfalls könntest du jetzt nicht hier sein und Leib und Leben bei etwas riskieren, das keinen Sinn hat. «
Bartholomäus bewegte sich nicht, die Arme blieben an seinen Seiten und die Hände unten, aber plötzlich war ein Schild da, ein dünner Vorhang aus Energie, die Adam vom Sturm trennte, Wind, Regen und Kälte von ihm fernhielt. Das Fauchen der Böen wurde leiser, so leise, dass er das Summen der Servomotoren hörte, als er erneut die Hand hob, sich Nässe von der Stirn wischte und die Finger an den Mund hielt, um das Salz des Meeres zu schmecken.
» Ich bin als Kind am Meer gewesen «, sagte er. » Ich bin mit Wind und Wellen aufgewachsen. Dies ist nicht sinnlos, sondern Teil meines Lebens. « Fast trotzig fügte er hinzu: » Die Jahre sind nicht gnädig mit mir gewesen, aber sie haben mir nicht alle meine Erinnerungen genommen. «
» Bitte entschuldige «, sagte Bartholomäus wieder sanft. » Ich verstehe. Vielleicht kannst du auch mich verstehen. Du bist wichtig, ja. Wir brauchen dich. Es gibt nicht viele wie dich. « Ein weiterer Blitz flackerte, viel näher diesmal, und fast sofort rollte Donner über Meer und Land. » Lass uns ­gehen. Wir sollten nicht riskieren, dass du von einem Blitz getroffen wirst. Es wäre vielleicht zu viel für den Schild. «
Adam wandte sich vom Meer ab, oder vielleicht war es der Mobilisator, der die Zeit für gekommen hielt, zur Kapsel ­zurückzukehren. Sein suchender, neugieriger Blick ging an ihr vorbei zu den vom Wind geschüttelten Bäumen, doch zwischen ihnen blieb alles dunkel.
» Suchst du etwas? «, fragte Bartholomäus und folgte Adams Blick.
» Nein. « Wahrscheinlich hatte er sich die cremefarbene Gestalt nur eingebildet. Adam öffnete die Luke der Kapsel, und der Mobilisator erweiterte den energetischen Schild auf das kleine, zerbrechlich wirkende Fluggerät, das ihn zum Ozean gebracht hatte. Er stieg ein und fühlte sich plötzlich müde, wie nach einem anstrengenden Marsch.
Bartholomäus befand sich bereits im Cluster-Vehikel, das auf einem rubinroten Gravitationskissen über dem regennassen Boden schwebte. » Ich habe eine Verbindung hergestellt und steuere uns beide, Adam. Ich möchte dich nicht noch einmal verlieren. « Er lächelte, und es sah seltsam aus, dieses Lächeln, es schien nicht in das silberfarbene Gesicht zu passen, auch nicht zu den analytisch blickenden grauen Augen. » Bald schicken wir dich wieder hinauf. « Er deutete nach oben. » Zu den Sternen. «
Als ihn die Kapsel durch die Nacht trug, dachte Adam daran, dass Bartholomäus seine ursprüngliche Frage nicht beantwortet hatte. Wie kannst du mich gesucht haben, wenn ihr doch immer genau wisst, wo ich bin? Die Maschinen wussten immer, wo er und die anderen hundertdreißig Mindtalker sich aufhielten, denn sie trugen etwas in sich, das Signale sandte und die ganze Zeit über zu ihnen sprach.
Adam schloss die Augen, schlief ein und träumte von ­einem Jungen, der im Regen über feuchten Sand lief, vorbei an Wellen, die seine flinken Füße zu erreichen versuchten.

 

2
Evelyn, seit zweiundzwanzig Tagen vierhundertneunzehn Jahre alt, stand in Nacht und Regen und fühlte sich dumm wie ein Kind. Der Scrambler schützte sie vor den Ortungs­signalen der Maschinen, konnte sie aber nicht vor einfacher visueller Entdeckung bewahren. Hinter einem Baum, tiefer im Innern des kleinen Waldes, duckte sie sich unter den im Wind rauschenden und knackenden Wipfeln in die Schatten, die rechte Hand so fest um den Scrambler geschlossen, als könnte er sie unsichtbar machen.
Sie hatte sich zu sehr auf das kleine Gerät verlassen, auf ­einen der vielen Tricks, über die die Gruppe verfügte und mit denen sie dem Cluster der Maschinen immer wieder ein Schnippchen schlug. Ein zweiter Scrambler befand sich an Bord der Kapsel, die in einer Senke auf sie wartete, etwa ­einen Kilometer entfernt. Evelyn hatte geglaubt, dass diese Vorsichtsmaßnahme ausreichte, und unter normalen Umständen wäre die Kontaktaufnahme mit dem greisen Mindtalker möglich gewesen. Wer hätte damit rechnen können, dass hier ein Avatar erschien, mit scharfen Maschinensinnen und der unermüdlichen Aufmerksamkeit des Clusters?
Der alte Mann im Mobilisator, der gebrechliche Greis, der doch viel jünger war als sie … Er hatte sie gesehen, für einen Moment nur, als sie unachtsam gewesen war. Aber die ­Augen des Avatars, seine visuellen Sensoren, waren nach vorn gerichtet gewesen. Er konnte sie nicht gesehen haben, und der Scrambler schützte sie auch vor seinen Signalen.
Blitze flackerten und erhellten die Nacht, rissen die Dunkelheit für einen Sekundenbruchteil fort, selbst hier unter den dichten Baumkronen. Evelyn wartete, den Rücken an ­einen Stamm gelehnt, die Beine angezogen, ihre Arme um die Knie geschlungen. Es war kalt, aber eine Zeit lang hätte sie die Kälte selbst nackt ertragen können, ohne das cremefarbene Gewand, das sich nun an sie schmiegte und sie wärmte. Wenn sie den niedrigen Temperaturen nicht zu lange ausgesetzt blieb, gab es nichts zu befürchten. Die Behandlung, die ihr vor dreihundertneunundachtzig Jahren, an ihrem dreißigsten Geburtstag, Unsterblichkeit geschenkt hatte, bewahrte ihren Körper nicht nur vor dem Altern, sondern auch vor Krankheiten.
Eine halbe Stunde verging, ohne dass ein Avatar erschien und sie fragte, was sie an diesem Ort zu suchen hatte. Als Evelyn zum Rand des Waldes zurückkehrte, waren die Kapsel des Mindtalkers und das Multifunktionsvehikel des Avatars verschwunden. Es erleichterte sie, dass die Maschinen sie nicht entdeckt hatten, aber sie war auch enttäuscht. Dies wäre eine gute Gelegenheit gewesen, mit dem Mindtalker zu sprechen und damit zu beginnen, sein Vertrauen zu gewinnen.
Sie machte kehrt und schritt durch den Regen, vorbei an den schwankenden, knarrenden Bäumen, bis sie die Senke erreichte, in der ihre Kapsel ruhte, im dunklen Modus, nur ein Schatten in der Nacht. Die Luke öffnete sich, als Evelyn vor ihr stehen blieb, und zwanzig Sekunden später saß sie im Pilotensessel.
Ein Rückschlag, tröstete sich Evelyn, als sie die Kapsel durch den Sturm steuerte. Mehr nicht. Sie kannte die Datensignatur des Lokalisators, den der Mindtalker in sich trug. Es sollte also ohne großen Aufwand möglich sein, ihn erneut zu finden und eine günstige Gelegenheit abzuwarten.


Die Farbe der Zukunft

Die Zeitenspringer-Saga 2

Wenn man Mitglied einer geheimen Zeitreiseorganisation ist, hat man sicherlich kein ruhiges Leben. Doch seit Annum Guard eine neue Chefin hat, steht Amanda, Codename Iris, nonstop unter Stress. Zum Glück hat sie ihren Freund Abe an ihrer Seite! Doch als plötzlich mehrere Zeitenspringer spurlos verschwinden, macht Iris eine schreckliche Entdeckung: Eine Einheit namens »Blackout« versucht jeden umzubringen, der sich einer korrupten Macht in den Weg stellt, die die Missionen Annum Guards torpediert. Gemeinsam müssen Iris und Abe das dichte Netz aus Lügen und Geheimnissen in Annum Guard entwirren ohne aufzufliegen. Doch je mehr Iris erfährt, desto mehr muss sie sich fragen, wie viel sie riskieren will … Denn wer zu sehr in die Vergangenheit eingreift, gefährdet die Menschheit selbst.

Kapitel 1

 

Ich bin diesen Monat schon dreimal Zeugin geworden, wie mein Vater das Gesetz gebrochen hat, und ich kann definitiv ­sagen, dass es nicht so ist wie im Kino.
Auf der großen Leinwand treffen sich die Bösen immer im Hinterzimmer eines gut besuchten chinesischen Restaurants mit irgendwelchen zwielichtigen Gestalten. Sie sehen sich misstrauisch um, während man ihnen unter dem Tisch einen gepolsterten Umschlag zuschiebt. Aber so funktioniert es im echten Leben nicht. Jedenfalls nicht bei meinem Vater.
Einmal gab es ein Schulterklopfen am Gate C14 des Logan Airports in Boston. Das war im Jahr 1975. Ein anderes Mal ­einen Handschlag im Büro eines Nachwuchs-Kongressabgeordneten aus Illinois in Capitol Hill, Washington, D. C. Das war 1902. Und jetzt das Klirren zweier Bier­krüge bei McSorley’s in der Seventh Street in Manhattan. Es ist 1939.
Ich halte den Kopf gesenkt und werfe einen Blick auf meine goldene Uhr, bevor ich sie wieder an ihrer Kette in die Tasche meiner Weste gleiten lasse. Sie ist Teil des Kostüms. Dann greife ich nach ­einem meiner eigenen Gläser. In dieser Bar hat man nur die Wahl zwischen dunklem Ale und hellem Ale. Ich habe mich für das dunkle entschieden und kurz darauf zwei volle Krüge bekommen. Keine Ahnung, warum sie mir gleich zwei gebracht haben. Ich wollte ja nicht mal einen, aber irgend­etwas musste ich bestellen. Das Glas fühlt sich schon ganz warm an, und ich stelle es wieder ab, unberührt seit einer halben Stunde. Dann lehne ich mich wieder in meine Nische zurück.
Der Wirt legt seinen Lappen weg und nickt zu meinem Krug hin. » Was’n los, Freundchen ? Schmeckt’s nich ? « So wie er das sagt, klingt es kein bisschen freundlich. Kein bisschen nach : » Hey, Kumpel, warum versuchst du dann nicht mal das Helle ? « Hinter dieser einfachen Frage verbirgt sich eher eine Drohung. Ich muss schleunigst hier raus.
Ich setze zu einem Kopfschütteln an, bremse mich aber gerade noch rechtzeitig. Die Klammern, die mein Haar unter dem Hut fixieren, fühlen sich ein bisschen locker an. Das Letzte, was ich jetzt brauchen kann, ist eine Lockenflut, die mir über die Schultern fällt. Damit stünde ich im Zentrum der Aufmerksamkeit – auch der Aufmerksamkeit meines ­Vaters – und ich müsste eine Menge erklären. Schließlich werden noch einunddreißig Jahre vergehen, bis Frauen in ­einer Bar wie dieser hier erlaubt sind.
» Alles bestens «, murmle ich und ahme nur so zum Spaß einen rumänischen Akzent nach. » Keinen Durst. «
An einem Tisch nur ein paar Meter weiter steht mein ­Vater auf und streckt dem Mann ihm gegenüber die Hand hin. Ich weiß zwar nicht, wer der Kerl ist, aber wenn ich von meinen bisherigen Erfahrungen ausgehe, tippe ich mal auf jemanden aus der oberen Führungsebene einer Firma, die Kriegsgerät herstellt. Gewehre, Panzer, Bomben, Flugzeuge. Krieg kann offenbar sehr profitabel sein, wenn man die richtigen Leute dazu bekommt, auf der richtigen gestrichelten Linie zu unterschreiben. Eine Lebensweisheit, die ich meinem durch Abwesenheit glänzenden Vater verdanke.
Der Mann reicht meinem Vater eine Visitenkarte, die er in die Innentasche seines Jacketts steckt. Mist. Das verkompliziert die Lage. Schnell senke ich den Blick wieder auf meinen Krug, als mein Vater an mir vorbeischlendert. Aber soweit ich es beurteilen kann, sieht er mich nicht einmal an. Genau wie in den Jahren 1975 und 1902. Ich frage mich, ob er mich wohl auch ignorieren würde, wenn er in der Gegenwart noch am Leben wäre. Oder ob ihn in diesem Fall irgendein un­­erklärlicher elterlicher Instinkt zu mir ziehen würde. Ich weiß es nicht. Er ist gestorben, als ich noch ein Baby war, und ich habe nie gelernt, wie eine normale Eltern-Kind-­Beziehung funktionieren sollte.
Ich lasse meinem Dad etwas Vorsprung, bevor ich ein paar Münzen aus der Tasche fische und sie auf den Holz­tresen lege. Der Wirt ruckt nur mit dem Kopf, als wollte er sagen : » Gut, dass du endlich Leine ziehst und an einem Freitagabend Platz in der Bar machst. « Ich reagiere nicht darauf.
Stattdessen folge ich meinem Vater auf die Straße. Ich muss an diese Visitenkarte kommen, bevor er wieder in die Gegenwart springt. Na ja, in seine Gegenwart. Er ist im Jahr 1991 zu diesem Einsatz aufgebrochen. Ich erst Jahrzehnte später.
Eine Frau kommt uns entgegen. Sie trägt einen Pullover, der gut zwei Nummern zu klein ist, und einen engen Bleistiftrock, der nur sehr wenig der Phantasie überlässt. Bitte nicht, flehe ich stumm, aber natürlich dreht sich mein Vater nach ihr um, und sein Blick wandert an der Naht ihrer Strümpfe entlang nach oben, während sie davonstolziert.
Du hast eine Ehefrau zu Hause, denke ich. Aber wenigstens verschafft mir das eine Gelegenheit. Ich schnappe mir eine zerknitterte Ausgabe der New York Times, die ganz oben in einem Mülleimer liegt, und beeile mich, meinen Vater einzuholen. Ich falte die Zeitung auseinander und tue so, als würde ich die Schlagzeile lesen :

DEUTSCHLAND UND RUSSLAND UNTERZEICHNEN ­ZEHNJÄHRIGEN NICHTANGRIFFSPAKT

Ich schnaube. Das war ja wohl reine Papierverschwendung. Erst im letzten Moment hebe ich den Kopf und sehe, wie sich mein Vater umdreht. Rasch schaue ich wieder auf die Zeitung hinunter. Mein Dad prallt direkt gegen mich.
» Oh, tut mir leid ! «, sagt er, während ich die Hand in ­seine Jacketttasche schiebe und die Visitenkarte heraushole. Sein Lächeln ist warm und freundlich. Und vollkommen unaufrichtig.
» Mein Fehler «, gebe ich mit rauer Stimme zurück. Dieses Mal ohne rumänischen Akzent. Mein Vater würde ihn bestimmt erkennen, und wir werden ganz sicher nicht » Hey, kommen Sie aus Rumänien ? Die Mutter meiner Frau ist Rumä­nin « spielen. Eines habe ich in den vergangenen Mo­naten während der Beschattung meines Vaters gelernt, nämlich dass er zu der Sorte Mensch gehört, die mit jedem über alles redet. Eine Menge Smalltalk, wie bei einem Politiker.
Ich senke den Kopf und gehe weiter, damit er mich nicht aus der Bar wiedererkennen kann, Akzent hin oder her. Ich biege in die nächste Straße ein und werfe die Zeitung in ­einen anderen Mülleimer. Dann ziehe ich die Karte hervor.

HENRY GRAHAM
VIZEPRÄSIDENT
IBERIA HOLDINGS

Iberia Holdings. Das ist neu. Iberien. Das hat doch irgendwas mit Spanien zu tun. Scheiße, hoffentlich bedeutet das nicht, dass es ein ausländisches Unternehmen ist. Solchen Spuren zu folgen, ist so viel schwieriger. Das wird der Petze nicht gefallen.
Ich wiederhole Namen und Berufsbezeichnung des Mannes ein paarmal im Kopf und linse dann um die Ecke. Mein Vater eilt gerade die Stufen zur U-Bahn-Haltestelle der Eighth Street hinunter. Er will zur Penn Station. Ich folge ihm zum Gleis, halte aber gut sechs Meter Abstand. Rumpelnd fährt die Bahn ein, und ich achte darauf, dass mein ­Vater auch wirklich einsteigt, bevor ich durch eine andere Tür dasselbe Abteil betrete.
Während der Fahrt begafft mein Vater grinsend noch mindestens drei weitere Frauen. Schließlich verwickelt er eine junge Blondine mit schlecht gefärbtem Ansatz in ein Gespräch. Es gefällt mir nicht. Das alles gefällt mir überhaupt nicht.
Als die Bahn an der Penn Station hält, ergreift mein Vater die Hand der Blondine und küsst sie. Er berührt tatsächlich mit den Lippen ihre Haut, was meine eigene kribbeln lässt. Ich rolle die Schultern, einmal, zweimal, als könnte ich dieses Gefühl abschütteln. Aber es bleibt, legt sich um mich wie ein Schal, den ich nicht abnehmen kann. Oder will.
Dann hechte ich aus dem Abteil und sehe meinen Vater ein paar Schritte vor mir. Die Haltestelle ist voller abend­licher Pendler, was die Sache hier so viel einfacher macht. ­Allerdings kommt mir im Grunde alles wie ein Kinderspiel vor, seit ich meinem Vater einmal im fast menschenleeren Logan Airport eine Aktenmappe klauen, den gesamten Inhalt fotokopieren und sie meinem Vater dann wieder unterschieben musste, ohne dass er etwas davon merkte.
Ich gleiche den Rhythmus meiner Schritte seinem an und folge ihm zu den Treppen. Er will zurück nach Boston, um zu projizieren, und genau das habe ich auch vor. Nur werde ich dafür einen anderen Zug nehmen. Vor mir bildet sich eine Menschentraube. Ein Pulk von Pendlern, die sich durch das Drehkreuz schieben und schubsen. Perfekt. Ich positioniere mich rechts von meinem Vater und trete gleichzeitig mit ihm an das Drehkreuz. Er rammt mir den Ellbogen in die Seite, um sich vor mir hindurchzudrängeln – reizend –, und ich stecke rasch die Karte zurück in seine Tasche, bevor ich zurücktrete, um ihn vorzulassen.
Erledigt.
Dieser Einsatz ist verdammt noch mal erledigt.
Ich mache kehrt und kämpfe mich durch das Gedränge der Menschen, die an diesem Freitag Abend dringend nach Hause wollen, dann lasse ich mich auf eine Bank fallen. Ich habe eine Fahrkarte für den Zug um 19 : 15 Uhr, aber ich habe es nicht eilig. Ich weiß, was in der Gegenwart auf mich wartet. Ganz kurz stelle ich mir vor, wie ich » aus Versehen « den Zug verpasse und die Nacht in New York verbringe, doch dann zerplatzt die Vision wie ein überdehnter Luftballon, als mir klar wird, wie viel Papierkram ich dafür zu erledigen hätte.
Außerdem möchte ich Abe sehen. Ich komme mir zwar fast ein bisschen abhängig vor, aber jedes Mal, wenn ich ­einen dieser Einsätze hinter mich gebracht habe, sehne ich mich schrecklich nach ihm. Als hätte mein Hirn endlich erkannt, wie gestört mein altes Leben zu Hause gewesen ist, und als wäre die Stabilität, die Normalität, die ich jetzt endlich kosten darf, schon ein Teil von mir geworden.
Nur noch eine Zugfahrt trennt mich davon. Aber jetzt bin ich am Verhungern. Für eine Brezel würde ich töten. Für irgendetwas mit vielen Kohlehydraten und ohne echten Nährwert. Ich habe keine Ahnung, wann Brezeln Teil des amerikanischen Snackrepertoires geworden sind, aber nach einem kurzen Blick durch die Bahnhofshalle weiß ich, dass 1939 zu früh ist.
Seufzend kaufe ich mir für zehn Cent einen Hotdog und steuere die nächste Bank an. Nach einem Bissen fällt mir wieder ein, warum ich keine Hotdogs esse. Sie riechen nach Schweiß und schmecken nur unwesentlich besser.
Ich stehe auf und werfe das Teil in den nächsten Müll­eimer. Inzwischen müsste mein Vater jede Menge Vorsprung haben. Vermutlich sitzt er schon in seinem Zug.
Es ist bereits nach elf Uhr abends, als ich an der South Station in Boston ankomme. Ich winke ein Taxi heran. Es sieht aus wie ein Filmrequisit. Das Auto ist lang, blasen­förmig und gelb-orange lackiert. Die Kotflügel sind hellrot, und entlang der Türen verläuft eine schwarz-weiß karierte Zierleiste. Als ich mich auf den Rücksitz schiebe, rümpft der Fahrer die Nase, aber ich ignoriere ihn. Pass auf, Kumpel, ich habe gerade fast fünf Stunden im Zug gesessen. Ich weiß, dass ich nach Zigarettenrauch und den Körperausdünstungen vieler fremder Menschen rieche. Ist wirklich nicht nötig, mich auch noch ­daran zu erinnern. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass die Leute in der Vergangenheit einfach überall geraucht haben, ohne sich von solchen Kleinigkeiten wie dem öffent­lichen Verkehrswesen oder der Gesundheit ihrer Mitmenschen stören zu lassen. Nein, die Welt war ein gigantischer Aschen­becher.
» Beacon Street vierunddreißig «, weise ich den Fahrer an und mache es mir bequem. Es ist nur eine kurze Fahrt, und schon stehe ich in der Seitenstraße neben Annum Hall und betrachte die Tür, die zur Gravitationskammer führt, in der ich projizieren kann, ohne mich dabei zu fühlen, als hätte man mich auf die Streckbank geschnallt.
Ich schließe die Tür auf und betrete den winzigen Besenschrank. Dann ziehe ich an der Kette um meinen Hals, bis unter meinem Hemd ein kleiner, runder Anhänger zum Vorschein kommt. Eine Eule ist darauf eingraviert. Ich drücke auf den Knopf ganz oben, woraufhin der Anhänger aufklappt und ein Zifferblatt enthüllt. Das ist meine Annum-Uhr, die es mir ermöglicht, durch die Zeit zu reisen. Wieder drücke ich auf den oberen Knopf, und die Zeiger wandern von ganz allein über das Blatt. Ich springe zurück in die Zukunft.
Mach’s gut, 1939.
Sobald ich die Uhr zugeklappt habe, werde ich nach oben gerissen, wie bei einem umgedrehten Bungeesprung. We­nige Sekunden später lande ich auf beiden Füßen in der Gravitationskammer. Schwer zu glauben, dass ich diese Sprünge einmal anstrengend gefunden habe. Aber wenn man meh­rere Tage auf der Flucht ist und Dutzende Male ohne jedes Hilfsmittel durch die Zeit springt, verändert sich wohl der Blickwinkel.
Ich nehme die Uhrenkette ab und atme tief durch. Von draußen dringt schon das ungeduldige Tap-tap-tap von ­einem Paar abgetragener Gesundheitspumps herein. Zeit, das hier hinter mich zu bringen.
Mit der linken Hand öffne ich die Tür, während ich mit der rechten die Uhr hinausstrecke. Fast augenblicklich nimmt mir eine Frau die Uhr ab. Sie trägt einen pastellgrünen Twinset und hat krauses braunes Haar, das sie zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden hat. Sie platziert die Uhr so behutsam in einem offenen Aluminiumkoffer, als legte sie ein Frühchen in einen Brutkasten. Dann schließt sie den Koffer mit einem Klicken und sperrt ihn ab. Ein Piepsen hallt durch den Gang, als die Frau einen elektronischen Schlüssel abzieht, auf dem eine Zahlenfolge steht (die sich gerade geändert hat und sich auch weiterhin alle dreißig Sekunden ändern wird). Dann steckt sie den Schlüssel in ihre Tasche. Der Koffer lässt sich nur öffnen, wenn sie ihr persönliches Passwort in Verbindung mit der Zahlenfolge auf dem Schlüssel eingibt, den sie niemals aus den Augen lässt. Sie hält eine Tafel hoch, und ich lege pflichtschuldig die Hand darauf, obwohl ich mich schwer zusammenreißen muss, um nicht mit den Augen zu rollen.
Eine elektronische Stimme bestätigt meine Identität : » Obermann, Amanda. Codename : Iris. Annum-Guard-Mitglied Nummer 0022. «
Ja, die Sicherheitsvorkehrungen haben sich hier in letzter Zeit ein wenig verändert.
Ich ziehe die Hand zurück. » Bin ich fertig ? «
Ihre Augen werden schmal. » Das bist du natürlich nicht «, gibt sie zurück, geduldig wie eine Postbeamtin. » Das Memo, das ich am Montag herumgeschickt habe, ist bereits in Kraft getreten. Ich erwarte, dass ihr – ihr alle – sofort nach eurer Rückkehr mit dem Bericht beginnt. «
Ich weise sie nicht darauf hin, dass es Mittwoch und fast Mitternacht ist und ich am Montag um ein Uhr nachmittags zu diesem Einsatz aufgebrochen bin. Ich erkläre ihr nicht, dass ich so hundemüde bin, dass bei jedem Bericht, den ich zu schreiben versuche, ein totales Durch­einander herauskommen wird. Ich sage gar nichts. Stattdessen ­nicke ich knapp und warte darauf, dass sie auf dem Absatz dieser beige­farbenen Pumps kehrtmacht und zurück in ihr Büro marschiert. In das Büro des Leiters von Annum Guard. Das früher einmal Alpha gehört hat, jetzt aber ihres
ist.
Jane Bonner. Sie ist unsere vorläufige Chefin, eingesetzt vom Verteidigungsministerium, bis die Ermittlungen in der Eagle-Industries-Affäre abgeschlossen sind. Es kommt nicht mehr nur darauf an, dass jedes i einen Punkt und jedes t ­einen Strich hat ; Bonner erwartet – nein, verlangt –, dass jedes i einen perfekt kreisrunden Punkt hat, und die t-Striche zieht man besser mit dem Lineal, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich lotrecht sind.
Ich warte eine Weile, damit sie auch wirklich weg ist und ich ihr nicht noch einmal über den Weg laufe. Mein Blick ruht auf dem Fleck abgeplatzter Farbe über der Tür der ­Gravitationskammer. Dort hing einmal eine Goldtafel mit der Inschrift » Verbesserung, nicht Veränderung «. Unser ­früheres Motto. Vor ein paar Monaten wurde die Tafel ab­­gerissen, nachdem endlich alle hatten zugeben müssen, dass es im Grunde unerheblich ist, ob man die Vergangenheit mit einer kleinen Optimierung verbessert oder mit ­etwas Großem grundlegend verändert.
Genug gewartet. Ich trotte die Stufen zum riesigen Foyer hinauf. Den Kronleuchter gibt es noch, aber der Marmortisch mit den Blumen ist verschwunden. Ersetzt wurde er durch zwei Rücken an Rücken stehende Computertische. Monatelang saßen dort rotierende Teams von Institutionen mit diversen Abkürzungen im Namen. FBI, CIA, NSA. Alle wollten uns unter die Lupe nehmen. Sie haben die Tische noch nicht wieder weggeräumt, also frage ich mich, ob sie wohl zurückkommen.
Ich bin versucht, Bonners Bürotür den Stinkefinger zu zeigen, aber ich weiß, dass sie mich wahrscheinlich gerade auf dem Bildschirm einer Überwachungskamera hat. Also lasse ich meine Hände, wo sie hingehören, und steuere stattdessen die Treppe in den dritten Stock an, wo mein Zimmer liegt. Sie kann mir nicht verbieten zu duschen, bevor ich mich an diesen verdammten Bericht setze.
An meiner Tür klebt ein gelbes Post-it.

Komm zu mir, wenn Du zurück bist.

Kein Name, aber ich würde Abes Handschrift überall erkennen. Immerhin ist er mein Freund. Sein Zimmer liegt nur zwei Türen weiter. Ich würde gerne sofort zu ihm gehen, aber erst muss ich aus diesen Klamotten raus und mir die Korruption meines Vaters mit einem Schwamm von der Haut waschen. Fünf Minuten, Abe.
Ich ziehe meinen Schlüssel aus der Tasche und öffne die Tür. Eine Gestalt springt von meinem Bett auf, und ich mache einen Satz rückwärts, gehe leicht in die Knie und bin kampfbereit. Dann erkenne ich, wer es ist. Yellow.
» Hey, hey, Bruce Lee, komm runter, keine Judotricks ­bitte «, ruft sie.
Ich atme tief durch und entspanne mich. » Ich glaube nicht, dass Bruce Lee Judo trainiert hat. «
Yellow legt den Kopf schief. » Weißt du was ? Ich auch nicht. Mist. Das war dann wohl ein Rohrkrepierer. «
» Was machst du in meinem Zimmer, Yellow ? « Ich schließe die Tür hinter mir und lege die Schlüssel auf der Kommode ab.
» Auf dich warten. «
» Es war abgesperrt. «
» Und ich bin jetzt echt beleidigt, weil du glaubst, ich könnte nicht mal ein einfaches Schloss knacken. Wie war’s ? «
Ich werfe meinen Hut quer durch den Raum, sodass er auf einem Haufen schmutziger Wäsche in meinem Schrank landet. Dann ziehe ich die letzten Klammern aus meinen Haaren, und eine zerzauste, dunkelbraune Lockenflut fällt mir über die Schultern. » Ich habe die Information, nach der ich gesucht habe – wenn es das ist, was du meinst. «
Yellow zögert, lässt sich dann aber wieder aufs Bett fallen. » Ist es nicht. «
Seufzend ziehe ich die Weste aus und pfeffere sie beiseite. Sie landet auf dem Hut. Jetzt trage ich nur noch ein weißes Herrenhemd und eine kratzige, braune Hose. » Ich schwöre dir, diese Frau schickt mich absichtlich auf Einsätze, die mit meinem Dad zu tun haben. Es ist, als hätte sie eine persön­liche Fehde mit mir am Laufen. Sie genießt es richtig, den Bogen immer fester zu spannen. «
» Sie ist abscheulich «, stimmt mir Yellow zu.
Ich lache bitter. » Ah ja ? Dich scheint sie ja zu lieben. « Ich ziehe eine bequeme Jogginghose und ein Tanktop aus meinem Schrank und werfe beides neben Yellow aufs Bett.
Sie grinst und streicht sich eine hellblonde Locke von der Schulter. » Was soll ich sagen ? Alle lieben mich. «
Ich kicke mir die Schuhe von den Füßen, streife meine ­Socken ab und lasse sie einfach liegen. Ich muss aus diesen Klamotten raus.
Meine Mutter hat mich mit einem starken Knochenbau gesegnet, die breiten Schultern und die schmale Hüfte habe ich von meinem Vater. Dazu kommt noch die flache Brust. Wenn man all das zusammennimmt, kann man sich vorstellen, dass es mir nicht schwerfällt, mit der richtigen Verkleidung als Mann durchzugehen. Professor Samuels, mein früherer Lehrer in Peel, hat zwar immer betont, dies sei für meine zukünftige Karriere beim FBI ein echtes Plus, aber ich habe mir selbst noch nie so richtig gefallen. Ich neige den Kopf in Richtung Dusche.
Dann knöpfe ich den Kragen ein Stück auf, um Luft an meinen Hals zu lassen. » Hör mal, ich möchte wirklich nicht unfreundlich sein … «
» Als ob dich das jemals gestört hätte. «
» Aber ich bin saumüde, und ich stinke wie ein ganzes Zugabteil aus einer Zeit, als Deos noch nicht zum allgemeinen Hygienestandard gehört haben. Und die Petze will, dass ich heute Nacht noch einen vorläufigen Bericht schreibe. «
Yellow zieht die Nase kraus. » Heute Nacht ? « Sie wirft ­einen Blick auf die Uhr. » Ist ihr klar, dass es schon nach zwölf ist ? «
» Natürlich ist ihr das klar «, rufe ich auf dem Weg zum Badezimmer. » Aber offenbar hat sie es mit diesem Memo vom Montag, das sofort in Kraft treten sollte, ernst gemeint. Ich gehe schnell duschen. Das, worüber du reden wolltest, kann doch bestimmt bis morgen früh warten ? «
Es klopft.
Abe.
Die Tür öffnet sich, Indigo marschiert herein. Er sieht genauso lächerlich gut aus wie Yellow. Ihr Haar ist heller, aber sie haben die gleichen durchdringend blauen Augen. Als ich zum ersten Mal vor Indigo gestanden habe, habe ich mich sofort zu ihm hingezogen gefühlt. So etwas kann man nicht kontrollieren – wie wenn man die Straße entlangläuft und plötzlich kommt einem so ein Typ entgegen, der gut auf ­einen Laufsteg passen würde. Dein Puls geht schneller, deine Wangen werden rot, deine Hände feucht. Das ist eine ganz normale menschliche Reaktion.
Aber als ich Indigo dann richtig kennengelernt habe, war ziemlich schnell klar, dass wir nur Freunde sein würden. Eigent­lich ist er für mich eher so eine Art Bruder. Er ist viel zu anständig – er flucht nicht mal ordentlich –, um mit mir fertigzuwerden.
» Du stinkst ein bisschen «, erklärt Indigo.
» Dann geh, damit ich duschen kann. « Über die Schulter werfe ich Yellow einen Blick zu. » Und nimm deine Schwester gleich mit. «
» Autsch «, sagt Yellow.
Ich schnappe mir das Handtuch von der Stange und werfe es mir über die Schulter. » Ihr wisst doch, dass ich euch beide wirklich sehr gerne mag, aber … «
» Ich bin gerade erst zurückgekommen «, fällt mir Indigo ins Wort. Er sieht Yellow an, die seinen Blick aus großen, erwartungsvollen Augen erwidert. Ich scheine hier etwas nicht mitzubekommen.
Mein Blick wandert zwischen den Geschwistern hin und her. » Was ? Ein heißes Date mit einem der FBI-Analysten ? «
Indigo schüttelt den Kopf und senkt die Stimme zu einem Flüstern. » Ich bin mit meinem Patenonkel essen gewesen. «
Yellow klatscht in die Hände, als hätte ihr gerade jemand gesagt, dass sie einen lebenslangen Vorrat an Wattebäuschen gewonnen hat. Und glaubt mir, diese Frau verbraucht eine Menge Wattebäusche. Die meisten Samstagabende verbringt sie mit einem vollgepackten Schminkbeutel auf dem Schoß, blättert Klatschmagazine durch und schminkt das Make-up der Stars auf dem roten Teppich nach. Dann rubbelt sie sich das Gesicht ab und fängt wieder von vorne an. Dauernd geht sie mir damit auf die Nerven, dass sie mich wie Elizabeth Taylor stylen möchte. Vintage-Look. Aber ich lehne immer ab. Jedes Mal.
Ich seufze. » Hör mal, wenn dein Patenonkel nicht jemand wirklich Wichtiges ist … « Ein spitzbübisches Lächeln erhellt sein Gesicht. » Dein Patenonkel ist jemand wirklich Wich­tiges, stimmt’s ? Warum überrascht mich das jetzt nicht ? «
» Mein Vater und er kennen sich schon ewig «, erklärt In­digo.
» Dein Vater und wer kennen sich schon ewig ? «
» Ted Ireland. Field Director des FBI-Büros in Boston. Super­hohe Sicherheitsfreigabe. Ich habe ihn über unseren Vater ausgefragt. «
Plötzlich fühlt sich meine Brust ganz leicht an, und ich vergesse, wie erschöpft ich bin, wie viel ich noch zu tun habe und wie dringend ich duschen möchte. Ich lasse mich neben Yellow aufs Bett fallen.
» Spuck’s aus «, sage ich.
Vier Monate sind vergangen, seit Alpha, der frühere ­Leiter von Annum Guard, ermordet wurde. Erschossen von meinem ehemaligen Schulleiter – Vaughn – in der Peel Academy, weil ich herausgefunden habe, dass Alpha unter der Hand Annum-Guard-Einsätze an den Meistbietenden verschachert hat und dass Vaughn und ein Unternehmen ­namens Eagle Industries seine besten Kunden waren. Vier Monate, seit Zeta – Yellows und Indigos Vater – von seinem Posten als vorübergehender Leiter von Annum Guard entfernt und durch Jane Bonnet ersetzt worden ist. Und seit zwei Monaten hat keiner von uns mehr etwas von Zeta gehört. Die offizielle Version lautet, dass er sich mit einem Freund mit Regierungsbeziehungen zum Frühstück getroffen hat – und dann einfach verschwunden ist.
Ich beschließe, nicht darauf zu warten, dass Indigo endlich den Mund aufmacht, sondern die Sache abzukürzen. » Weiß die Petze davon ? «
» Willst du mich veralbern ? «, gibt Indigo zurück. » Na­türlich weiß sie es nicht. Ich habe ihr gesagt, dass ich eine ­Runde joggen gehe und erst spät abends wieder da bin. Sie weiß ja, dass ich Crossläufer bin. Ich habe ihr versprochen, ein braver Junge zu sein und keine ungenehmigten Umwege zu machen. Ich glaube nicht, dass sie etwas gemerkt hat. «
» Wie weit bist du denn gelaufen ? «, will Yellow wissen.
» Bis zum Newton Centre. « Yellow klappt den Mund auf, um zu protestieren, aber Indigo fügt schnell hinzu : » Nach Hause habe ich dann ein Taxi genommen und dem Fahrer gesagt, er soll mich in der Arlington Street absetzen. Die letzten paar Blocks bin ich gejoggt, damit ich noch mal überzeugend ins Schwitzen komme. Schau mich nicht so an. «
» Mit deinem schlimmen Knie sollst du nicht bis nach Newton joggen. «
» Beruhig dich, Schwesterchen. Du bist nicht meine ­Mutter. «
Ich hebe beide Arme und strecke jedem der Geschwister eine Handfläche entgegen. » Hört auf, alle beide. Was hat dein Patenonkel erzählt ? Wie heißt er noch mal ? «
Indigo verschränkt die Arme vor der Brust. » Ted. Die Ermittlung unterliegt einer sehr hohen Geheimhaltungsstufe, sogar noch höher als seine Sicherheitsfreigabe. Aber er hat an der FBI-Akademie in Quantico ein paar Strippen gezogen und etwas gefunden. « Er öffnet den Reißverschluss an der Tasche seiner Jogginghose und zieht ein Handy in einer mir wohlvertrauten Hülle heraus : elfenbeinweißer Hintergrund, in der Mitte ein Pinguin mit geschwungenem Schnurrbart, Zylinder und Monokel.
» Dein Handy ? «, fragt Yellow knapp. » Er hat dein Handy gefunden ? «
» Könntet ihr vielleicht ein bisschen Geduld haben ? « In­digo tippt seine PIN ein. » Sie haben in Dads Arbeitszimmer etwas gefunden. Das FBI, meine ich. Es war in einem ver­siegelten Umschlag genau in der Mitte seines Schreibtisches. Sie glauben, dass es eine Art Nachricht oder Warnung ist. Hier, ich habe es fotografiert. « Sein Finger wischt über das Display, dann hält er das Handy hoch, damit wir sehen ­können, was er uns zeigen will.
Mir stockt der Atem.
Es ist ein Foto eines weißen Blatt Papiers mit zwei geraden Falzlinien an den Stellen, wo man es geknickt hat. Darauf ist lediglich ein kleines, handgeschriebenes Symbol zu ­sehen.
Ich erkenne es sofort. XP.

Der Codename, den mir Alpha vor seinem Tod zugeflüstert hat. Der Codename für die Person, die hinter Eagle ­Industries steht. Der Codename, den ich niemandem gegenüber erwähnen darf – auf Befehl der Petze, des Verteidigungsministeriums, sogar der Vizepräsidentin – weil er eine sensible Information darstellt. Und daran habe ich mich gehalten. XP ist immer noch mein kleines Geheimnis, auch ­innerhalb unseres Teams.
» Was zum Teufel ist das ? «, fragt Yellow.
Meine Gedanken rasen. Ist Zeta tot ? Hat ihn XP umbringen lassen, genau wie Alpha ? Nein. Ich weigere mich, daran zu glauben. Trotzdem zittern meine Hände.
» Hat Ted nicht gesagt «, gibt Indigo zurück.
Yellow hebt eine Braue. » Hat er nicht gesagt oder wollte er nicht sagen ? «
» Ich hatte den Eindruck, dass er es nicht sagen wollte, obwohl er versucht hat, es so darzustellen, als wüsste er es nicht. «
» Was bedeutet das ? « Sorge schleicht sich in Yellows ­Miene.
Es bedeutet, dass Zeta in ernsten Schwierigkeiten steckt.
» Ich weiß es nicht «, antwortet Indigo.
Ich schon.
Indigo sieht mich an. » Iris, was glaubst du ? «
» Ich weiß es auch nicht «, lüge ich und fühle mich wie eine ganz schäbige Freundin. Vielleicht sollte ich ihnen ­sagen, was ich weiß. Allerdings ist es ein Staatsverbrechen, sensible Informationen weiterzugeben, und so etwas findet unsere Regierung gar nicht lustig. Wenn man mich über­führen würde, hätte ich mehr zu befürchten als einen ein­fachen Klaps aufs Handgelenk. Oh ja, nämlich ein paar Jahre Hochsicherheitsgefängnis.
Ich beschließe, den Fokus auf etwas anderes zu lenken. » Hast du Ted über Bonner ausgefragt ? «
» Habe ich. Er weiß nichts über Bonner. Absolut nichts. Er hat all seine Kontaktleute in Quantico und beim Sitz der CIA in Langley gefragt, aber niemand hat je von ihr gehört. Es ist, als wäre sie einfach aus dem Nichts aufgetaucht. «
» Das ist seltsam «, sagt Yellow. » Wer bekommt denn aus dem Nichts einen so hohen Posten vom Verteidigungsministerium zugeteilt ? «
» Das ist mehr als seltsam «, stimme ich ihr zu. » Das ist verdächtig. «
Eine Weile sagt niemand von uns ein Wort. Wir alle bemühen uns, irgendeine Erklärung zu finden, warum unsere Chefin keinerlei Aktenspur hinterlassen hat. Und ich ver­suche immer noch, dieses schwere Gefühl im Bauch los­zuwerden, das mir sagt, ich sei die schlimmste Freundin der Welt. Doch dann klopft es noch einmal, und kurz da­rauf schwingt die Tür auf. Ich springe auf, als Abe von mir zu Yellow zu Indigo sieht und dann das Post-it von der Tür zieht.
» Tut mir leid «, sage ich. » Ich bin gerade erst angekommen, und ich stinke. Ich wollte schnell duschen und dann zu dir kommen, aber dann hat mich Yellow zuerst gefunden, dann Indigo, dann … «
» McLean hat angerufen, während du weg warst «, unterbricht mich Abe. » Ich habe das Gespräch für dich angenommen. «
Und plötzlich ist alle Luft im Raum verbraucht. Einfach so.
Yellow steht auf. » Ja, okay, dann lassen wir euch beide mal reden. Wir können uns ja morgen weiter unterhalten. «
Indigo nickt. » Wir sehen uns, New Blue. « Yellow drückt mir die Schulter, und die beiden gehen.


ZodiacZodiac

Roman

Das Sonnensystem Zodiac besteht aus zwölf Planetenkonstellationen, die nach den Tierkreiszeichen benannt sind. Doch wenn die 16-jährige Rho zu den Sternen aufblickt, sieht sie mehr als nur zwölf Welten: Sie sieht die Zukunft. Denn Rho verfügt über die Fähigkeit, die Sterne zu deuten. Aber als sie die Vernichtung ihrer Heimat Krebs voraussagt, glaubt ihr niemand – bis es zu spät ist. Unzählige Menschen sterben. Dann entdeckt Rho ein weiteres Omen in den Sternen, das nichts Gutes verheißt und ganz Zodiac vernichten könnte. Und plötzlich ist Rho die einzige, die den Untergang des Sonnensystems verhindern kann ...

PROLOG


Wenn ich an zu Hause denke, sehe ich Blau. Das aufgewühlte Blau des Meerwassers, das unendliche Blau des Himmels, das strahlende Blau vom Moms Augen. Manchmal frage ich mich, ob ihre Augen wirklich so blau waren oder ob sich in meiner Erinnerung das Blau des Hauses Krebs mit der Farbe ihrer ­Augen vermischt. Ich werde es wohl nie erfahren, da ich keine Bilder von ihr eingepackt habe, als ich auf den Elara gezogen bin, den größten Mond in unserem Sternbild. Ich habe nur die Kette mitgenommen.
Am zehnten Geburtstag meines Bruders – Stanton – hat Dad uns in seinem Wasserläufer mitgenommen, um nach Nar-Muscheln zu tauchen. Anders als unser Schoner, der für lange Strecken gebaut war, war der Läufer klein und wie eine Muschelschale geformt. Er war mit Reihen von Auftriebsbänken, Körben für die Nar-Muscheln, einem holografischen Navigationsschirm und sogar einem Sprungbrett ausgestattet, das vorn wie eine Zunge herausragte. Die Unterseite des Schiffes war mit Millionen von mikroskopisch kleinen, wimpernartigen Beinen bedeckt, die uns über das Krebsmeer
trugen.
Ich habe es immer geliebt, den Kopf über den Rand zu beugen und die winzigen Strudel zu betrachten, die sich manchmal bildeten. Sie wirbelten in verschiedenen Blautönen, als bestünde das Meer aus Farbe und nicht aus Wasser.
Ich war erst sieben, unter dem gesetzlichen Mindestalter für Tiefseetauchen, deshalb bin ich mit Mom oben geblieben, während Dad und Stanton nach Nar-Muscheln suchten. Mom sah an diesem Tag wie eine Sirene aus. Sie saß an der Spitze des Sprungbretts, während wir darauf warteten, dass die Männer mit ihrer Beute nach oben kamen. Mom fielen ihre langen, hellen Locken über den Rücken, und die Sonne schimmerte auf ihrer elfenbeinfarbenen Haut und den großen, runden Augen. Ich lag auf meinem federnden Sitz, ließ mich braten und versuchte, mich zu entspannen. Aber in ihrer Gegen­wart war ich immer hellwach, immer bereit, auf ihre Anweisung hin Tatsachen über Zodiac herunterzubeten.
» Rho. « Mom kam mit einem eleganten Sprung zu mir in die Muschelschale, und ich richtete mich auf. » Ich habe etwas für dich. «
Sie nahm einen Beutel aus ihrer Handtasche. Mom war nicht der Typ, der Geschenke kaufte oder an besondere An­lässe dachte ; dafür war Dad verantwortlich.
» Aber ich habe gar nicht Geburtstag. «
Ein vertrauter, entrückter Ausdruck legte sich über ihre Züge, und ich bedauerte meinen Einwand bereits. In dem Beutel fand ich eine Kette aus einem Dutzend Nar-Muschelperlen, jede in einer anderen Farbe, die in gleichmäßigem Abstand auf eine Schnur aus silbernem Seepferdchenhaar ge­fädelt waren. Jede Perle trug ein anderes Tierkreiszeichen in Moms zierlicher Schönschrift. » Wow «, war alles, was ich sagen konnte, als ich die Kette überstreifte.
Sie ließ ein seltenes Lächeln aufblitzen und setzte sich ­neben mich auf die Bank. Wie immer roch sie nach Seerosen. » Am Anfang «, flüsterte sie, ihr durchdringender Blick ver­loren im Blau des Horizonts, » regierten die ersten Wächter Zodiac gemeinsam. «
Ihre Geschichten beruhigten immer meine Nerven, und ich machte es mir auf meinem Sitz bequem und schloss die Augen, damit ich mich auf den Klang ihrer Stimme konzen­trieren konnte. » Doch jeder der zwölf sah eine andere Stärke als Schlüssel zum Schutz unseres Universums an, sodass es zu Streit und Zerwürfnissen zwischen ihnen kam. Bis eines Tages ein Fremder erschien und versprach, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Der Name des Fremden war Ochus. «
Jedes Krebs-Kind kannte das Märchen von Ochus, aber Moms Version war anders als das Gedicht, das wir in der Schule auswendig lernen mussten. Bei ihr klang es weniger wie ein Mythos, sondern mehr wie eine Geschichtslektion. » Ochus erschien vor jedem Wächter in einer anderen Verkleidung und behauptete, eine mächtige Gabe in seinem Besitz zu haben – eine Geheimwaffe, die das Blatt zugunsten des ­jeweiligen Hauses wenden konnte. Dem philosophischen Wassermann versprach Ochus einen antiken Text, der Antworten auf die tiefsten Fragen Zodiacs enthielt. Den fantasievollen Anführern der Zwillinge versprach er eine magische Maske, die Zauber bewirken konnte, welche das Vorstellungsvermögen des Trägers überstiegen. Steinbock, dem weisesten aller Häuser, versprach er eine Schatztruhe voller Wahrheiten, gesammelt aus Welten, die älter waren als unsere eigene und zu denen man durch Helios Zutritt erhielt. «
Ich öffnete die Augen und sah eine blonde Locke über Moms Stirn wehen. Ich verspürte den Drang, sie ihr aus dem Gesicht zu streichen, aber ich wusste, dass ich das nicht tun sollte. Mom war nicht direkt kalt, nur … zurückhaltend.
» Ochus wies jeden Wächter an, ihn an einem geheimen Ort zu treffen, wo er ihm sein Geschenk überreichen wollte. Bei ihrer Ankunft waren alle zwölf schockiert zu erfahren, dass die anderen ebenfalls hergebeten worden waren. Der Schock wuchs, als jeder Einzelne den Ochus beschrieb, der ihn besucht hatte : Die Krebs-Mutter war einer Meeresschlange begegnet, der Prophet der Fische hatte einen gestaltlosen Geist gesehen, der Schütze-Wächter einen vermummten Wanderer getroffen und so weiter. Da keine zwei denselben Fremden gesehen hatten, misstrauten die Wächter den Berichten der anderen. Während sie stritten, glitt Ochus lautlos davon und nahm die größte Magie Zodiacs mit : das Vertrauen der Häuser zueinander. Alles, was er ihnen daließ, war eine Warnung : » Hütet euch vor meiner Wiederkehr, da alles wird ein Flammenmeer. «
» Er hat uns unser Vertrauen gestohlen, und wir haben es nie zurückerlangt «, rezitierte ich die Moral, die mein Lehrer uns beigebracht hatte. Ich hatte gerade erst vor einer Woche mit der Schule begonnen und wollte Mom noch mehr be­eindrucken, daher fuhr ich fort : » Ochus war die erste Waise Zodiacs. Er hatte kein Haus, zu dem er gehörte, und war eifersüchtig auf die Häuser in unserer Galaxie. Deshalb geben wir auf Krebs aufeinander acht und sorgen dafür, dass jeder ein Heim hat. «
Mom runzelte Stirn. » Meinst du etwa ›Alle gesunden Herzen beginnen mit einem glücklichen Heim‹ ? Rho, du weißt es doch besser. In unseren gemeinsamen Unterrichtsstunden ­haben wir die großen Persönlichkeiten durchgenommen, die aus zerrütteten Familien stammten, wie Galileo Sprock vom Skorpion, der vor Jahrhunderten das erste Hologramm ent­wickelte, oder der berühmte Pazifist Lord Vaz, der verehrte Wächter des Hauses Waage. « Sie wirkte gekränkt. » Wenn du deinen Lehrern erlaubst, dich einer Gehirnwäsche zu unter­ziehen, bist du vielleicht noch nicht bereit für die Schule. «
» Nein – es war nur etwas, was ich gehört habe «, versicherte ich ihr. Mom hatte ständig Angst, dass das Krebs-Schulsystem mir eine Gehirnwäsche verpassen würde. Deshalb hatte sie mich auch nicht mit fünf in der Schule angemeldet, wie die anderen Kinder auf Krebs, sondern beschlossen, mich selbst zu unterrichten.
Ich wartete darauf, dass ihre Miene sich klärte, und störte sie nicht noch einmal. Ich wusste, dass Mom nur auf mich aufpasste, aber ich spielte zu gern mit Kindern in meinem ­Alter, um wieder zu ihrem Privatunterricht zurückzukehren.
» Der Punkt «, fuhr sie fort, » ist der, dass die Wächter un­serer Vorzeit lieber gegeneinander kämpfen wollten, anstatt zuzugeben, dass sie sich vor demselben Monster fürchteten. « Als ich ihr in die Augen schaute, verhärteten sich ihre Züge. » Du wirst in deinem Leben mit Ängsten konfrontiert werden, und man wird versuchen, sie dir zu nehmen. Man wird ver­suchen, dich davon zu überzeugen, dass das, was du fürchtest, nicht real ist, dass es nur in deinem Kopf existiert – aber das darfst du nicht zulassen. «
Ihre nachdenklichen Augen schienen all das Blau, das uns umgab, in sich aufzunehmen, bis sie heller leuchteten als der Himmel selbst. » Vertraue deinen Ängsten, Rho. Der Glaube an sie wird dich beschützen. «
Ihr Blick war so durchdringend, dass ich wegschauen ­musste. Wann immer Mom sich so aufregte, fragte ich mich, ob sie einfach nur eine ihrer seltsamen Phasen hatte – wie ­damals, als sie zwei Tage auf dem Dach unseres Bungalows meditiert hatte und nicht herunterkommen war – oder ob sie etwas in den Sternen gesehen hatte.
Statt ihr wieder in die Augen zu schauen, ließ ich den Blick übers Wasser gleiten. Kleine Bläschen stiegen an die Ober­fläche, und ich verrenkte mir den Hals, um nach Dad und Stanton Ausschau zu halten. Aber keiner von ihnen war zu sehen.
» Lass uns ins Wasser gehen «, schlug Mom plötzlich vor, ihr Ton wieder leicht. Sie sprang auf das Brett und war mit einer einzigen fließenden Bewegung im Wasser. Dad sagte immer, sie sei eine heimliche Meerjungfrau. Ich setzte hastig seine Navigationsbrille auf, um sie unter Wasser zu beobachten, und sah, wie sie anmutig um den Läufer kreiste. Sie schwimmen zu ­sehen war so, als sei man Zuschauer bei einem Ballett.
Gerade als ihr Kopf durch die Oberfläche brach, tauchten auch Dad und Stanton auf. Dad hob sein Netz voller Nar-Muscheln auf das Sprungbrett, und ich zerrte den Fang des Tages ins Boot. Immer noch im Wasser, zogen Dad und mein Bruder ihre Tauchermasken herunter. Mir war, als könnte ich im Augenwinkel wieder Bläschen sehen, die das Wasser aufschäumten.
» Das Ding ist zu eng. « Stanton fummelte an seinem Anzug herum und öffnete ihn, um die Arme zu befreien. Ich duckte mich, als er seine nasse Maske ins Boot warf. Sie landete mit einem Platschen. Ich wollte gerade die Brille ablegen und zu ihnen hineinspringen, als eine schwarze Masse aus dem Wasser brach.
Die Schlange war anderthalb Meter lang und hatte schuppige Haut und rote Augen – aber ich wusste aus Moms Unterricht, dass ihre Macht in ihrem giftigen Biss lag.
» Da ist ein Schlundwurm ! «, schrie ich und zeigte auf die Seeschlange. Stanton kreischte, als sie auf ihn zuschoss und, bevor meine Eltern meinen Bruder erreichen konnten, die Zähne in seiner Schulter versenkte.
Stanton stieß einen Schmerzensschrei aus, und Mom tauchte zu ihm – schneller, als ich je einen Menschen hatte schwimmen sehen. Sie fasste ihn unter dem gesunden Arm und zog ihn zu Dad. Ich konnte nur mit großen Augen zuschauen, zu verängstigt, um irgendwie zu helfen.
Durch die Spezialgläser der Brille sah ich, wie die Schlange uns umkreiste, wie sie darauf wartete, dass das Gift sich ausbreitete und ihr Opfer unbeweglich machte, damit sie es fressen konnte. Ihre rotglühenden Augen können die Dunkelheit des Tiefseegrabens durchdringen, in dem die Schlundwürmer hausen sollen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemals so hoch kämen.
Als Dad Stanton ins Boot hob, blitzten Moms strahlend blaue Augen, und sie schürzte die Lippen. Ich hatte sie noch nie so zornig und wild gesehen.
Dann verschwand sie unter Wasser. » Mom ! «
Verzweifelt drehte ich mich zu Dad um, aber er beugte sich über Stanton und sog das Gift aus der Schulterwunde. Dann fand ich Mom wieder : Sie führte die Schlange von uns weg, aber die Bestie holte auf. Sie würde sie angreifen.
Ich konnte mich nicht bewegen, konnte nicht einmal schreien, nur zuschauen. Mit beiden Händen klammerte ich mich an den Läufer und war mir nicht sicher, ob ich das hef­tige Schlagen meines Herzens noch länger verkraften konnte. Dann hörte Mom auf davonzuschwimmen. Sie wandte sich der Schlange zu.
Etwas Silbernes blitzte in ihrer Hand. Es sah aus wie das Messer, mit dem Dad die Nar-Muscheln öffnete – er nahm es immer mit ins Wasser. Mom musste es ihm vom Gürtel genommen haben, bevor sie abgetaucht war. Als der Schlundwurm vorschnellte, um sie zu beißen, hob Mom die Hand und schlitzte die Schlange in zwei Teile.
Ich schnappte nach Luft.
» Rho ! «, rief Dad. » Wo ist Mom ? «
» Sie … lebt «, antwortete ich atemlos, » und sie kommt ­zurück. « Beim Anblick des bleichen, bewusstlosen Stanton kehrte meine Panik zurück. » Ist er … ? «
» Ich habe das Gift herausgesogen, aber wir müssen ihn zu einem Heiler bringen «, sagte Dad, ließ den Läufer an und steuerte auf Mom zu. Sie zog sich am Sprungbrett hinein und landete leichtfüßig im Boot. Sobald sie drin war, schaltete Dad auf volle Geschwindigkeit.
Mom setzte sich neben Stanton und legte ihm die Hand auf die Stirn. Ich erwartete, dass sie Dad erzählte, wie sie die Schlange in zwei Hälften gespalten hatte, aber sie saß nur schweigend da. Ich konnte nicht fassen, wie mutig sie gewesen war. Sie hat uns gerettet.
» Was in Helios’ Namen hat ein Schlundwurm im seichten Wasser zu suchen ? «, überlegte Dad laut, die Augen glasig und immer noch schwer atmend. Danach sagte er nichts mehr, wurde wieder so still wie immer. Ich half Mom, die Nar-­Muscheln in Muschelkörbe zu sortieren, und als wir fertig ­waren, setzten wir uns zu Stanton.
» Mom, es tut mir leid «, murmelte ich, und die Tränen flossen, bevor ich es verhindern konnte. » Ich wusste nicht, was ich tun sollte … «
» Ist schon gut, Rho «, erwiderte Mom und überraschte mich, als sie die Perlenkette an meinem Hals so zurechtrückte, dass der Krebs in der Mitte lag. » Du bist noch klein, natürlich kommt dir die Welt beängstigend vor. « Dann sah sie mich an – sah in mich hinein –, und alles außerhalb ihres kugelsicheren Blickes verschwamm.
» Halte an deinen Ängsten fest «, flüsterte sie. » Sie sind echt. «

 

 

KAPITEL 1


Zwölf holografische Symbole schweben durch den Flur der Akademie, dringen durch Menschen hindurch wie bunte Gespenster. Die Zeichen stehen für die Häuser unseres Sonnensystems Zodiac, und sie werden zur Schau gestellt, um die Einheit zu fördern. Aber alle haben nur den Vierermond diese Nacht im Kopf und würdigen sie keines Blickes.
» Bist du für heute Abend bereit ? «, fragt meine beste Freundin Nishiko, eine Austauschschülerin vom Schützen. Sie winkt ihrem Schließfach zu, und es springt auf.
» Ja … Für was ich allerdings nicht bereit bin, ist dieser Test «, antworte ich und schaue noch immer zu, wie die zwölf Zeichen durch die Schule schweben. Akolythen sind nicht zur Feier eingeladen, daher veranstalten wir unsere eigene Party auf dem Campus. Und nach Nishis genialer Idee, das Mensapersonal zu bestechen, damit sie unseren neuen Song auf die Mittagsplaylist setzen, ist unsere Band ausgewählt worden, um bei dem Ereignis zu spielen.
Ich tauche die Finger in die Jackentasche, um mich davon zu überzeugen, dass ich meine Drumsticks habe, als Nishi ihr Schließfach zuknallt. » Haben sie dir gesagt, warum du die Prüfung wiederholen musst ? «
» Wahrscheinlich aus demselben Grund wie immer – ich zeige nie meine Arbeit vor. «
» Ich weiß nicht … « Nishi zieht auf typische Schützenart die Stirn kraus, die besagt : Ich bin neugierig auf alles. » Vielleicht wollen sie mehr darüber erfahren, was du beim letzten Mal in den Sternen gesehen hast. «
Ich schüttele den Kopf. » Ich habe es nur gesehen, weil ich für meine Vorhersagen keinen Astralator benutze. Jeder weiß, dass Eingebung nicht sternensicher ist. «
» Nur weil du eine andere Methode hast, bedeutet das nicht, dass du dich irrst. Ich denke, sie wollen mehr über dein Omen hören. « Sie wartet darauf, dass ich mehr darüber erzähle, und als ich es nicht tue, dringt sie heftiger auf mich ein. » Du hast gesagt, es sei schwarz ! Und … es hätte sich gewunden ? «
» Ja, irgendwie «, murmele ich. Nishi weiß, dass ich nicht gern über diese Vision spreche, aber eine Schützin zu bitten, ihre Neugier zu unterdrücken, wäre so, als würde man einen Krebs auffordern, einen Freund in Not im Stich zu lassen. ­Keines von beidem liegt in unserer Natur.
» Hast du es seit der Prüfung noch einmal gesehen ? «, bedrängt sie mich weiter.
Diesmal antworte ich nicht. Die Symbole schweben um die Ecke. Ich kann gerade noch die Fische ausmachen, bevor sie verschwinden.
» Ich sollte los «, stelle ich schließlich fest und schenke ihr ein kleines Lächeln, damit sie weiß, dass ich nicht sauer bin. » Wir sehen uns auf der Bühne. «


Blick ins Buch
Age of Iron Age of Iron

Der Feldzug

König Zadar ist besiegt und Burg Maidun eingenommen – doch schon müssen sich Dug und seine Freunde neuen Herausforderungen stellen. Vor allem Lowa schlägt sich mit allerlei Problemen herum – Feinde von außen, Rivalen von innen und unfähige Spione machen der Kriegerin ihren Karrierestart als neue Königin von Maidun nicht gerade leicht. Und während Dug versucht, sich auf einer kleinen Farm doch endlich mal von den Strapazen seines Söldnerlebens zu erholen, hat Spring alle Hände voll damit zu tun, mit ihren magischen Fähigkeiten zurechtzukommen. Dem verrücktesten Kämpfertrio der Eisenzeit wird es auch in diesem Band sicher nicht langweilig...

Kapitel 1

 

Königin Lowa Flynn von Maidun wusste in dem Augenblick, dass ihr eine Schlacht bevorstand, als sie König Samalur den Harten von Dumnonia das erste Mal sah. Sie war sich ziemlich sicher, dass es zu Kampfhandlungen kommen würde, als sie hörte, dass er sich als der »Harte« bezeichnete. Wenn man mal von Aussehen und Namen absah, war die Tatsache, dass er eine Armee auf ihr Territorium führte, die fünfmal so groß war wie ihre eigene, wohl kaum ein Hinweis auf ein Treffen unter Freunden.

Der Kindkönig blickte von der niedrigen Festungsmauer der verlassenen Wallburg auf sie herab, die er zum vorübergehenden Hauptquartier der Armee Dumnonias gemacht hatte. Er saß auf dem vorderen Rand eines aufwendig gestalteten Holzthrons und wirkte weder hart noch wie ein König. Vielmehr erweckte er den Eindruck eines verwöhnten Kindes, auf das eine Menge andere Leute Zeit und Mühe verwendet hatten, um es majestätisch aussehen zu lassen. Hinter und über seinem Thron fächerte sich eine geradezu lächerliche, muschelförmige Holzverzierung auf, in die auf doppelter Mannshöhe Jagdszenen geätzt und aufgemalt worden waren.

Lowa dachte sich nur, wie viele unglückselige Bauern es gebraucht hatte, dieses riesige, sinnlose Ding den ganzen Weg von Dumnonia hierher zu transportieren.

Die dünnen Beine des Königs, die in einer teuren, schottengemusterten Hose steckten, baumelten vom riesigen Thron herab. Die Stiefel, die sich einen guten Fuß über der Plattform befanden, waren mit polierten Ochsenhörnern bestückt.

Seine knochigen, nur aus Ellbogen bestehenden Arme stachen aus einer schimmernden braunen Otterfellweste hervor. Er war vermutlich nicht viel älter als Spring, besaß eine knollenförmige Nase und tief liegende Augen und ein unerschütterliches, selbstgefälliges Lächeln, das Männer normalerweise erst in wesentlich höherem Alter zustande brachten. (Und Frauen fast nie; Lowa kannte einige Frauen, die das versuchten, aber es wirkte nur selten überzeugend.)

Um seinen Thron standen Wachen, die nicht nur die Eberketten ihres Kriegerstands trugen, sondern auch den knallharten Gesichtsausdruck, den ihr Beruf zwingend vorschrieb. Zwischen ihnen tummelten sich junge und hübsche Diener beiderlei Geschlechts. Die Krieger betrachteten Lowa mit geringem Interesse, die Diener bedachten ihren Herrscher mit unterwürfigem Lächeln, Lowa hingegen mit verächtlichen, zornigen Blicken, mit denen sie sonst einen Exhibitionisten anblickten, der für sein Hobby ein wenig zu alt war.

Lowa seufzte. Sie war erst seit drei Tagen Königin und hasste es schon.

Zu ihrem Treffen mit Samalur hatte sie nur Carden Nancarrow und Atlas Agrippa mitgenommen, um ihm zu zeigen, wie wenig Beachtung sie dieser riesigen Armee auf ihrem Territorium schenkte. Doch jetzt, wo sie Samalur und seine Truppe erblickte, wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. In ihren überheblichen Augen wirkte sie zweifellos schäbig, was ihre Verhandlungsposition schwächte. Von ihrem Pferd aus musste sie zu dem Kindkönig auf seiner Festungsmauer hinaufblicken, was andeutete, dass sie ihm auch körperlich unterlegen war, und das machte es nicht besser. Hätte sie vielleicht eine Art Plattform mitbringen sollen? Ein größeres Pferd nehmen? Sie war sich ziemlich sicher gewesen, dass Diplomatie nicht zu ihren Talenten gehörte, und damit hatte sie recht behalten. Das hier lief gar nicht gut.

»Ich liege nicht im Streit mit dir, Samalur«, versuchte sie es trotzdem. »Ganz im Gegenteil. Es wäre gut für unsere beiden Stämme, wenn wir uns gegen die Römer zusammenschließen.«

»Die Römer?« Seine hohe Stimme troff vor Überheblichkeit. »Weißt du, wo der nächste Römer steckt? In Iberien. Sollen wir uns etwa gegen die Fische im Meer zusammenschließen, bloß weil sie uns viel näher sind?« Samalur kicherte wie ein Teenager (der er nun mal war) und sah sich zu beiden Seiten zu seinem Hofstaat um, der seine Worte mit kriecherischem Lachen quittierte. Seine aus Kriegern bestehende Leibwache lächelte, wie nur Männer und Frauen lächelten, die den Befehl dazu erhalten hatten, sich aber nicht sonderlich begeistern konnten.

Einer aber lachte oder lächelte nicht. Samalurs persönlicher Berater Bruxon, der als Einziger im gesamten Gefolge namentlich vorgestellt worden war, sah mit finsterem Blick auf die Graslandschaft zu seinen Füßen. Er war im selben Alter wie Dug und trug Wollkleidung mit schwarzen Flecken. Sein schwarz gefärbtes Haar hatte er zu einem kurzen Pferdeschwanz nach hinten gebunden, und er war frisch rasiert. Sein ernstes Wesen wirkte im Vergleich zu seiner Umgebung fast schon lächerlich. Vielleicht, weil er seinen eingebildeten Herrscher nicht leiden konnte? Möglicherweise wäre er ja von Nutzen, um den jungen König umzustimmen oder ihn sogar zu entmachten.

»Glaub bloß nicht, Bruxon würde dir helfen, nur weil er ein Gesicht zieht, als ob ihn jemand mit einem Trick dazu gebracht hätte, Pisse zu trinken!« Samalur kicherte. Er hatte ihren Blick bemerkt und ihre Gedanken gelesen. Lowa war beeindruckt, wenn auch widerwillig. »Der sieht immer so aus, aber er ist mir treu ergeben. Es war Bruxons Plan, dass ich meinen Vater töte und an seiner Stelle König werde! Er hat versucht, mich glauben zu lassen, es wäre meine Idee gewesen, aber ich bin zu schlau dafür, nicht, Bruxon?« Der Berater nickte schicksalsergeben. »Daher bin ich auch zu schlau, um diesen Mist zu glauben, den die Druiden über die römische Invasion erzählen. Das tun sie nur, um sich wichtig zu machen. Und deswegen gibt es in meiner Nähe auch keine Druiden. Weißt du, was wirklich witzig ist? Sie schwafeln die ganze Zeit, dass sie die Zukunft voraussehen können, aber keiner von ihnen hat mich kommen sehen.«

Samalurs Truppe brach in schallendes Gelächter aus.

»Man braucht keine Druiden«, fuhr der Junge fort, »man kann selbst mit den Göttern reden. Ich tue es. Aber ich bin ja auch ein Halbgott, das macht es bestimmt leichter … Ich würde dir ja empfehlen, all deine Druiden zu töten, aber du wirst nicht die Zeit dazu haben, weil ich dich töten und mir dein Territorium einverleiben werde. Aber weißt du was? Wenn ich dich und deine Armee vom Schlachtfeld gefegt habe, werde ich dir den Gefallen tun und alle deine Druiden töten.«

Lowa ballte ihre Hände zu Fäusten. »Samalur, vor nicht allzu langer Zeit hätte ich deine Ansichten zu Druiden geteilt, aber ich habe meine Meinung geändert. Ich kenne mindestens eine Druidin, die mit derselben Gewissheit die unbesiegbaren Streitkräfte der Römer unser Land erobern sieht, wie wir einen Regenschauer über einen See auf uns zukommen sehen, in dem Wissen, dass wir gleich nass werden. Ich habe sie Dinge tun sehen, die mich von ihren Kräften überzeugt haben.«

»Nein, tut mir leid, funktioniert nicht. Ich glaube weder dir noch ihr.«

»Samalur, wenn unsere Armeen aufeinandertreffen, dann werden Tausende sterben. Wer immer auch gewinnt, wird erheblich geschwächt, und wir werden einer Invasion leichter zum Opfer fallen. Und damit meine ich nicht nur die Römer, sondern auch die Murkaner und wer immer Lust hat, uns anzugreifen.«

»Dann ergib dich doch einfach. Meine Bedingungen habe ich dir genannt.« Samalur grinste.

Selbst wenn diese Bedingungen vernünftig gewesen wären, hätte Lowa sich niemals diesem kleinen, eingebildeten Scheißer ergeben.

»Du bist uns vielleicht zahlenmäßig überlegen, Samalur, aber wir sind kampferfahrener und besser. Wir werden deiner Armee die Eingeweide herausreißen, wie Wölfe sich an einem frisch erlegten Auerochsen laben.«

»Nimm dir ruhig die Eingeweide. Bleibt ja immer noch eine Menge übrig. Gewinnen werden wir auf jeden Fall.«

»Selbst wenn, so werden doch unsere Leute in Scharen sterben. Dein Volk wird auf mehrere Generationen geschwächt sein.«

»Wofür hat man Armeen, wenn man sie nicht benutzt? Ich habe eine riesige Armee, ich werde sie einsetzen, und niemand kann mich daran hindern. Du schon gar nicht. Du bist ja nicht meine Mutter. Kannst du auch gar nicht sein, ich habe sie nämlich umgebracht.«

Lowa legte eine Hand an ihren Bogen.

»Lowa«, sagte Atlas leise neben ihr, »wir können nicht …«

Sie gebot ihm mit erhobener Hand zu schweigen. »Na gut, Samalur. Ich werde gegen deine Armee antreten, und ich werde dich höchstpersönlich töten. Warte hier, wir werden nach Anbruch der Dämmerung da sein.«

Das Gelächter der Elite Dumnonias ließ Lowa innerlich kochen, als sie ihr Pferd wendete, ihm die eisernen Absätze in die Flanken trieb und davongaloppierte.

»Lowa«, brüllte Atlas, um das Pferdegetrappel zu übertönen. »Wir müssen zurück. Das sind einfach zu viele. Wir müssen uns mit ihnen arrangieren. Es ist noch nicht zu spät …«

»Es ist zu spät. Wenn wir zurück sind, berufst du sofort den Rat ein. Wir müssen eine Schlacht planen.«

 

 

Kapitel 2

 

»Ich kann nicht«, sagte sie, schüttelte den Kopf und sah dann auf. Lowa wirkte wirklich wütend. Spring konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals jemand so wütend angesehen hatte, abgesehen vielleicht von ihrem Vater, König Zadar. So war Lowa doch normalerweise gar nicht. Menschen schienen sich zu verändern, wenn sie Macht besaßen, und es machte sie nicht zu besseren Menschen.

»Spring, was immer du auch mit Dug und mir in der Arena angestellt hast, du wirst dasselbe mit uns beiden noch mal tun und bei so vielen anderen Kriegern Maiduns, wie du nur kannst. Dann werden wir die Armee der Dumnonier in Stücke reißen.«

»Lowa, nein. Ich kann das nicht.« Spring sah auf die Schleuder in ihren Händen herab. Sie war in den Wald gegangen, um Wild zu jagen, zumindest hatte sie das gesagt. Aber eigentlich wollte sie nur allein sein. Die Erkenntnis, dass sie Magie verwenden konnte, hatte sie fasziniert, verwirrt und bestürzt. Dass sie diese Magie nach dem Tod ihres Vaters verloren zu haben schien, hatte sie auch nicht aufmuntern können. Sie hatte gehofft, dass durch den Wald zu spazieren und den Lärm Maiduns hinter sich zu lassen, ihr dabei helfen würde, die Dinge klarer zu sehen. Aber das war bis jetzt nicht eingetroffen. Sie hatte außerdem gehofft, dass sie keine Spur hinterlassen hatte, aber Lowa hatte sie trotzdem gefunden.

»Du wirst es versuchen«, sagte Maiduns neue Königin. »Das ist kein Spiel. Die Dumnonier sind uns zahlenmäßig weit überlegen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie uns alle töten werden, einschließlich Dug. Willst du, dass das passiert? Ich weiß nicht, was für Kräfte du besitzt oder woher sie stammen, aber ich weiß, was du mit ihnen machen kannst. Du musst sie einsetzen, um uns zu helfen.«

Spring wollte sich tief in der Erde vergraben, um dieser Situation zu entkommen. Wenn sie noch ihre Magie besessen hätte, dann hätte sie viele Meilen entfernt auf der anderen Seite des Meers eine Insel entstehen lassen, auf der sie und Dug auf ewig leben konnten und vielleicht noch ein paar andere nette Leute, aber ganz bestimmt niemand, der sich in Schlachten stürzen wollte.

»Kann Drustan nicht helfen?«, fragte sie.

»Er wird tun, was er kann, aber er sagt, dass er im Vergleich zu dir gar nichts kann.«

»Ich will ja helfen, aber ich kann nicht. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, damit du und Dug stark werden konntet, ich habe es einfach getan. Dasselbe ist auch in der Nacht passiert, als ich Chamancas Kleidung genommen habe. Ich wusste, dass ich sie ihr wegnehmen sollte und dass ich das Leder durch meine Berührung stärker machen konnte, damit es dich beschützte, und ich wusste auch, dass ich es in deine Zelle legen sollte. Aber ich weiß nicht, warum ich das wusste. Und ich bin mir sicher, dass ich meine Magie nicht gegen die Dumnonier einsetzen kann, ganz sicher – so sicher ich mir bin, dass ich nicht alles Wasser im Meer trinken kann. Es hat keinen Sinn, es zu versuchen, ich kann es einfach nicht.« Tränen ließen Lowa vor ihren Augen verschwimmen.

»Aber in der Arena …«

»Ich weiß! Es tut mir leid!«

Lowas Mund wurde zu einem dünnen weißen Strich. Einen Augenblick lang hatte Spring Angst, sie würde sie schlagen.

»Also, als du damals deine Magie auf Chamancas Kleidung gewirkt hast – ich nenne das jetzt so in Ermangelung eines besseren Wortes – und damit verhindert hast, dass mich die Klingen des Streitwagens in kleine Stücke schneiden, das war das erste Mal, dass du Magie eingesetzt hast?«

»Ich weiß nicht, ob das Magie war oder was genau das war.«

»War es das erste Mal?«

»O nein. Das ist mir schon häufig passiert. Als ich Dug das erste Mal gesehen habe, da wollte er mich töten, also musste ich dafür sorgen, dass er seine Meinung ändert. Aber davor wollte Ulpius mich umbringen, also musste ich Dug aufwecken, indem ich in seinen Traum gegangen bin und ihn geholt habe. Manchmal weiß ich Dinge einfach. Ich weiß zum Beispiel, dass die Römer kommen, und kurz bevor ich dich getroffen habe, wusste ich, dass Weylin einen Karren brauchte und ich dich und Dug retten könnte, wenn ich einen besorge. Manchmal kann ich Dinge tun, wie damals, als Juniper, die Hündin, mich angriff, da habe ich ihr Herz angehalten, und manchmal kann ich Leute dazu bringen, dass sie Dinge wissen, wie zum Beispiel, als ich den Mädchen beigebracht habe, wie man mit Schleudern umgeht, und dann, wie auf Mearhold, da kann ich Leute dazu bringen, dass sie …«, Spring lief hochrot an, als ihr einfiel, dass Lowa das nicht wissen durfte, »… aus Booten kippen, wie ich das mal bei einem der Jungs gemacht habe …«

»Moment mal.« Lowa nahm Springs Kinn sanft in ihre Hand und sah ihr tief in die Augen. »Du wolltest etwas anderes sagen.« Spring versuchte sich aus dem Griff zu befreien. Lowa packte fester zu.

Sie beugte sich vor und durchbohrte Spring mit ihrem Blick, als ob sie in ihre Seele zu sehen trachtete. »Du hast etwas weggelassen, nicht wahr?«, sagte sie sanft.

»Nein.«

»Nein?«

»Nein.«

»Auf Mearhold. Du hast deine Magie zu etwas benutzt, das du mir nicht erzählst.«

Spring versuchte sich zu befreien, doch Lowas Griff war eisern.

»Nein, habe ich nicht!«, wiederholte sie. Da Lowas starke Finger ihre Lippen zusammendrückten, klang sie wie jemand, dem man für seine Lügen die Zunge gespalten hatte. »Wofür hätte ich sie denn benutzen sollen?«

Sie hatte ihre Magie auf Mearhold genutzt, damit Lowa sich von Dug entliebte. Damals hatte das durchaus einen Sinn ergeben. Sie und Dug waren glücklich gewesen, bevor Lowa aufgetaucht war. Ihre Anwesenheit hatte dazu geführt, dass Dug von einem schrecklichen Tier beinahe zu Tode gebissen worden wäre, mal ganz abgesehen davon, dass Spring selbst vom furchtbaren Oger mit einem Messer angegriffen und von ihm entführt worden war, und wer hatte damals schon gewusst, wie viel Ärger ihnen die blonde Bogenschützin noch eingebracht hätte? Also hatte Spring sich eingemischt, um Dug zu retten, und wenn sie ganz ehrlich mit sich selbst war, auch weil sie Dug für sich allein haben wollte. Doch als sie erkannt hatte, wie sehr ihre Einmischung Dug verunsichert hatte und Lowa auch, da war ihr klar geworden, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie hatte versucht, ihren Zauber, oder was immer das auch sein mochte, wieder aufzuheben, wusste aber nicht, ob sie damit erfolgreich gewesen war. Außerdem konnte sie jetzt ohnehin nichts mehr tun, da sie ihre Magie verloren hatte. Selbst wenn sie sie zurückbekam, so hatte sie doch ihre Lektion gelernt und verstanden, dass es falsch war, mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, und sie würde das nie wieder tun. Sie hätte Lowa also erzählen können, was sie getan hatte, aber dadurch würde sie auch nichts gewinnen, konnte aber verdammt viel verlieren.

Spring richtete ihren Blick auf Lowa und sagte so ernst und entschlossen, wie man es mit zusammengequetschtem Mund konnte: »Ich habe meine Magie auf Mearhold nicht eingesetzt.«

Lowa ließ sie los, aber ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Spring wand sich innerlich und kämpfte gegen den Wunsch an, ihr alles zu erzählen, nur damit diese Augen nicht mehr in ihrem Kopf herumgeisterten.

»Es reicht«, sagte Lowa. »Ich muss eine Schlacht planen.«

»Ich komme zur Schlacht. Ich werde tun, was ich kann, um dir zu helfen. Ich kann gut mit meiner Schleuder umgehen! Aber ich werde meine Magie nicht einsetzen können. Ich werde es versuchen, wirklich, aber ich weiß, dass es nicht funktionieren wird.«

»Tu, was immer du willst.« Lowa ließ sie einfach stehen und ging.

Spring sah ihr hinterher. Sie war in den Wald gegangen, um sich endlich wieder besser zu fühlen, doch jetzt fühlte sie sich so schlecht wie nie zuvor.

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.