Exklusiver Kurzkrimi »Briefe an Adelheid« von Sabine Kornbichler
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Mittwoch, 19. November 2014 von


Exklusiver Kurzkrimi »Briefe an Adelheid« von Sabine Kornbichler

Dieser Kurzkrimi liefert einen packenden Vorgeschmack auf Sabine Kornbichlers Krimi »Das Verstummen der Krähe«


Briefe an Adelheid
Ihr war keine Zeit mehr geblieben, um den Brief an Adelheid zu beenden. Zweieinhalb Seiten weit war Margot Wiesel mit ihrem Bericht über die jüngsten Ereignisse gekommen. Am Dienstag habe sie ein Schreiben der Führerscheinbehörde erhalten. Man wolle ihr die Fahrerlaubnis entziehen, da sie beim Zurücksetzen in eine Parklücke ein Verkehrsschild touchiert habe. Zugegeben - eines, das auf ein absolutes Halteverbot verwies, aber letztlich nur ein Schild. Es hätte viel schlimmer kommen können. Hatten die denn keine Phantasie auf dem Amt? Konnten die sich nicht vorstellen, welche Aufregung das für sie bedeutete? In solchen Situationen muss ich einmal mehr an Dich denken, Adelheid, hatte sie geschrieben. Deine Nerven sind so viel besser als meine. Ich rege mich immer so fürchterlich auf und kann dann tagelang an nichts anderes denken …
Hatte sie sich zu sehr aufgeregt? Zweiundachtzig Jahre lang hatte ihr Herz geschlagen, dann hatte es von einer Sekunde auf die andere damit aufgehört. Margot Wiesel war in ihrem Vorgarten inmitten des Rittersporns zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden. Eine Passantin hatte den Notarzt gerufen. Er war zu spät gekommen.
Ich sah mich in ihrem Biedermeier-Wohnzimmer um und fühlte mich für einen Moment in eine andere Zeit versetzt. Sofa und Stühle sahen mit den dunkelroten Samtbezügen wunderschön, aber unbequem aus. Auf der heruntergeklappten Schreibplatte des Sekretärs lag der unvollendete Brief, der Adelheid nun nicht mehr erreichen würde. Mein Blick wanderte zum geöffneten Fenster und hinaus in den Garten, der sich hinter dem Haus bis zum Ufer der Würm erstreckte. Margot Wiesel hatte ein Blütenmeer in blau hinterlassen. Und ganz offensichtlich kam seit ihrem Tod jemand hierher, um die Pflanzen zu wässern. Ohne diesen guten Geist hätte die Augustsonne ihnen längst den Garaus gemacht.
Auf der Suche nach den persönlichen Dokumenten der Verstorbenen nahm ich mir die Schubladen des Sekretärs vor. Bank-, Versicherungs- und Rentenunterlagen fand ich in einem großen Schubfach. Obenauf lag ihr Testament. Haus und Vermögen hatte sie der Freiwilligen Feuerwehr Obermenzing vermacht – als Dank für ihre viele Jahre zurückliegende Rettung in letzter Minute. Sie habe das nicht vergessen. Schöne Geste, vermerkte ich im Stillen. Mit einer Büroklammer hatte sie einen Darlehensvertrag an das Testament geheftet. Auch ihn überflog ich. Demnach hatte sie einer Adelheid Lorentz vor zwei Jahren einhunderttausend Euro zinslos geliehen. Handelte es sich um die Adelheid, für die der unvollendete Brief bestimmt war? Das würde ich klären. Zunächst würde ich aber … 
Die Türklingel durchbrach meine Pläne. Auf dem Treppenabsatz stand eine knapp fünfzigjährige Frau in einem lachsfarbenen Leinenkleid. Der Wind hatte ein paar Strähnen ihrer dunkelblonden Haare erfasst und wirbelte sie um ihren Kopf. Sie versuchte, sie mit einer Hand einzufangen, während sie auf das Klingelschild sah und die Stirn in Falten legte. „Ich wollte zu Frau Wiesel. Sie wohnt doch hier, oder?“
„Frau Wiesel ist leider vor drei Wochen gestorben.“
Die Hand, die eben noch die Haare gebändigt hatte, legte sich nun vor Schreck über den Mund. „Gestorben …“, sagte sie leise. „Was ist denn passiert?“
Ihr Herz wollte nicht mehr, lag mir auf der Zunge, aber ich schwieg.
„Darf ich hineinkommen?“, fragte sie. „Ich kann jetzt nicht einfach wieder gehen. Ich …“
„Kommen Sie.“ Ich trat einen Schritt zur Seite und lotste sie ins Wohnzimmer.
Verloren blieb sie in der Mitte des Raumes stehen und drehte sich um ihre eigene Achse. „Ich habe mir fast so etwas gedacht. Der Juli-Brief ist nicht gekommen.“
„Sind Sie Adelheid?“
„Ich bin Adelheids Tochter.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. „Natalie Lorentz. Und Sie …?“
„Kristina Mahlo. Ich wurde vom Nachlassgericht beauftragt, mich um Frau Wiesels Angelegenheiten zu kümmern.“
„Dann sind Sie Nachlassverwalterin?“
Ich nickte. 
Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. „Was wird jetzt aus all dem?“
„Ich bin gerade erst dabei, mir einen Überblick zu verschaffen.“
„Das Wiesel – meine Mutter nennt sie so“, meinte sie mit einem entschuldigenden Lächeln, „also … sie hatte keine Angehörigen. Deshalb ist meine Mutter wohl auch nicht benachrichtigt worden. Sie wartet immer noch auf den Juli-Brief.“
„Wieso nennen sie ihn so?“
„Die beiden schreiben sich seit fast vierzig Jahren Monatsbriefe. Jede von ihnen berichtet darin von den vergangenen vier Wochen. Kennengelernt haben sie sich während einer Kur. Anfangs fand ich es seltsam, dass sie sich danach nie besucht, sondern immer nur geschrieben haben. Aber die beiden fanden es besonders, sie wollten nicht daran rütteln.“ Sie zog sich einen der Stühle heran und setzte sich. „Falls das Wiesel sie aufgehoben hat, werden Sie die Briefe meiner Mutter hier sicher irgendwo finden. Meine Mutter hat ihre Briefe viele Jahre lang mit der Hand geschrieben, aber vor zweieinhalb Jahren bekam sie Arthritis in den Fingern. Seitdem diktiert sie mir ihre Erlebnisse.“ 
Ich fragte mich, wie es für ihre Mutter sein musste, die Inhalte ihrer Briefe an die Freundin mit ihrer Tochter zu teilen. Empfand sie es als eine der vielen Einschränkungen, die mit dem Alter kamen? 
Natalie Lorentz’ Blick wanderte zum Sekretär. „Dort hat sie wohl immer gesessen und geschrieben, oder?“ Sie stand auf, tat ein paar Schritte und fuhr dann mit einem Finger langsam an der Kante der Schreibplatte entlang. „Die Freiwillige Feuerwehr ...“
Ich hatte das Testament offen liegenlassen.
„Das Wiesel ist einmal beinahe in ihrem Haus verbrannt.“ Sie setzte sich wieder und ließ mit einem leisen Stöhnen die Schultern hängen. „Hätten Sie vielleicht einen Schluck Wasser für mich?“
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„In der Küche ist bestimmt etwas zu trinken.“ Kaum hatte ich das Zimmer verlassen, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas hatte diese Natalie Lorentz an sich, das mich irritierte. Ich konnte es jedoch nicht greifen. Als ich ihr das Glas Wasser reichte, stand sie am Fenster und sah hinaus in den Garten.
„Wie wird Ihre Mutter die Nachricht aufnehmen, dass ihre Freundin gestorben ist?“
„Es wird schlimm für sie sein.“
„Sie könnten in den nächsten Tagen mit ihr hier vorbeikommen. Vielleicht möchte sie sich eine Erinnerung an Frau Wiesel aussuchen“, schlug ich vor. 
Sie wandte sich zu mir um. „Meine Mutter geht nicht gern aus dem Haus.“
„Dann werde ich ihr schreiben. Es gibt nämlich etwas, das ich mit ihr besprechen muss. Margot Wiesel hat Ihrer Mutter vor zwei Jahren ein Darlehen gegeben, das sie jetzt ...“
„Das muss ein Irrtum sein, davon hätte sie mir erzählt“, fiel sie mir ins Wort. 
Ich ging zum Sekretär, um ihr den Darlehensvertrag zu zeigen. Die Büroklammer hielt jedoch nur noch das Testament, das Blatt dahinter war verschwunden. „Es gibt einen Darlehensvertrag, er klemmte vorhin noch am Testament.“
„Dann werden Sie sich getäuscht haben. Meine Mutter hat ihr Auskommen, wofür hätte sie so viel Geld benötigen sollen?“ 
„Woher wollen Sie wissen, dass es sich um viel Geld handelt? Ich habe die Summe nicht genannt.“
„Bei dem Wort Darlehen denkt man doch automatisch an einen größeren Betrag“, versuchte sie, sich aus der Affäre zu ziehen. „Das Wiesel war übrigens finanziell gut beieinander. Da wird für die Feuerwehr noch genug herausspringen. Was allein dieses Haus wert ist ...“ Sie nahm einen Schluck Wasser. „Ich muss jetzt gehen. Ich habe meiner Mutter versprochen, noch auf einen Sprung bei ihr vorbeizuschauen.“
Adelheid Lorentz, die Mutter … Ich musste an deren arthritische Finger denken, die sie daran hinderten, ihre Briefe selbst zu schreiben. Ihre Tochter hatte mir diese Information ungefragt gegeben. Das war es, was mich irritiert hatte. Da Natalie Lorentz nicht gerade redselig wirkte, musste es einen Grund dafür geben. Seit zweieinhalb Jahren hatte sie gesagt, diktiere die Mutter ihr die Briefe. Vor zwei Jahren war das Darlehen ausgezahlt worden. 
„Wie wäre es, wenn ich Sie zu Ihrer Mutter begleite?“
„Das ist keine gute Idee. Das würde sie viel zu sehr aufregen. Meine Mutter hat schwache Nerven.“
„Seit wann?“ 
„Seit ich denken kann.“
Margot Wiesel hatte das Nervenkostüm ihrer Freundin völlig gegenteilig wahrgenommen. „Seit zweieinhalb Jahren hat Ihre Mutter Arthritis, seitdem schreiben Sie ihre Briefe. Und vor zwei Jahren wurde der Darlehensvertrag unterschrieben. Das ist ein interessantes Zusammentreffen.“
„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. Ich muss jetzt gehen.“ Ohne mich aus den Augen zu lassen, bewegte sie sich zur Tür. Ihre Wangen glühten.
Wenn sie mit dem Darlehensvertrag das Haus verließ, würde ihre Rechnung aufgehen. „Margot Wiesel hat ihre Angelegenheiten gewissenhaft geordnet. Wäre das Darlehen inzwischen zurückgezahlt worden, hätte sie den Vertrag mit Sicherheit vernichtet. Die Tatsache, dass sie ihn an ihr Testament geheftet hat, spricht Bände. Darüber hinaus sollten Sie bedenken, dass Geldflüsse nachweisbare Spuren hinterlassen – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.“
Hinter ihrer gerunzelten Stirn schien es heftig zu arbeiten. „Sollte meine Mutter tatsächlich Geld erhalten haben, was ich nicht glaube, könnte es sich auch um eine Schenkung gehandelt haben. Das Wiesel war sehr großzügig.“
„Frau Wiesel hat das sicher nicht verwechselt. Und ich tue es auch nicht. Ich hatte übrigens schon einige ähnlich gelagerte Fälle. Im Endeffekt musste das Geld immer zurückgezahlt werden. Manchmal im Zuge von Gerichtsprozessen“, bluffte ich. „In den meisten Fällen waren die Betroffenen auf die eine oder andere Weise in Not geraten und wussten sich nicht anders zu helfen. Aber ich versichere Ihnen, in diesen Fällen gab es immer eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung.“
Sie lehnte sich mit einem schweren Seufzer in den Türrahmen und sah mich verzweifelt an. „Wie soll die denn aussehen?“, brach es aus ihr heraus. „Sie haben doch keine Vorstellung …“ Tränen traten in ihre Augen.
„Ist Ihre Mutter pflegebedürftig?“
Sie nickte. „Demenz. Ich habe sie vor zwei Jahren in einem guten Heim untergebracht. Aber es ist teuer.“ Ihr Blick hatte etwas Flehendes. „Sie hat nicht mehr lange, ein halbes Jahr … höchstens.“
„Haben Sie die Briefe als Adelheid an Frau Wiesel geschrieben?“
„Als es ihr zunehmend schwerer fiel, hat sie mich darum gebeten. Sie wollte ihren Zustand solange wie möglich geheim halten.“
„Und das Darlehen?“
Sie zog den Vertrag aus ihrer Tasche und brachte ihn zum Sekretär. Für einen Moment ließ sie die Hand darauf ruhen. „Ich wollte, dass es meiner Mutter gut geht, dass sie liebevoll gepflegt wird. Und ich war mir damals nicht sicher, ob das Wiesel mir dafür Geld leihen würde. Ich kannte sie ja nicht. Erst durch die Briefe habe ich sie näher kennengelernt.“ Sie drehte sich zu mir um und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte ich. „Sie treten in diesen Darlehensvertrag ein, und ich sorge dafür, dass Sie das Geld über einen sehr langfristigen Zeitraum hinweg an die Freiwillige Feuerwehr zurückzahlen können. Und das auch erst dann, wenn Sie nicht mehr für Ihre Mutter sorgen müssen. Einverstanden?“
Ihr erleichtertes Ja hing noch im Raum, als sie längst gegangen war. Margot Wiesels letzter Wille würde also Realität werden. Er war ein Leichtgewicht verglichen mit dem, der ein paar Tage später mit dem Testament von Theresa Lenhardt auf meinem Tisch landen sollte. Ihr Erbe war als Kopfgeld ausgesetzt, um einen alten Mordfall aufzuklären.


Finden Sie heraus, was es mit Theresa Lenhardts Testament auf sich hat, und begleiten Sie Kristina Mahlo bei ihrem bislang kompliziertesten Fall: „Das Verstummen der Krähe“.


Das Verstummen der KräheDas Verstummen der Krähe

Kriminalroman

Kristina Mahlos Auftrag als Nachlassverwalterin hat es in sich. Eine Verstorbene vererbt ihr beträchtliches Vermögen – jedoch nur unter der Bedingung, dass Kristina den Mord aufklärt, für den ihr Mann einst verurteilt worden war. Kris will den Fall ablehnen, doch dann entdeckt sie in der Wohnung der Toten einen Hinweis auf ihren eigenen Bruder Ben, der vor Jahren spurlos verschwand …
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Die Stimme des Vaters war schwächer geworden mit den Jahren, doch seine Worte waren wie ein nie verhallendes Echo. »Es kommt darauf an, besser zu sein als die anderen. Nimm deinen Stift und schreib: Ich bin intelligenter. Ich bin mutiger. Ich bin schlauer. Ich bin skrupelloser. Ich bin überzeugender. Ich bin besser. Hast du das? Gut. Und jetzt schaust du jeden Morgen nach dem Aufstehen auf deine Liste. Wenn du dich anstrengst, kannst du bald hinter jede dieser Eigenschaften einen Haken machen.«

»Wozu?«

»Wozu wohl? Mit ihrer Hilfe lässt sich eine Karriere planen.« Der Vater hatte gelacht. »Oder ein perfektes Verbrechen.«

»Ein Verbrechen?«

»Hör gefälligst genau zu, wenn ich dir etwas erkläre. Ich rede von einem perfekten Verbrechen. Wer es nicht bis an die Spitze schafft, ist genauso ein Idiot wie ein Knastbruder. Wenn du Dummheit begreifen willst, musst du nur ein Gefängnis besuchen.«

Es war lange her, dass der Vater das gesagt hatte, aber seine Worte hatten nicht an Kraft verloren. War das jetzt perfekt? So perfekt, dass es nicht entdeckt wurde? Der abgelegene Ort, die nicht herzustellende Verbindung, das fehlende Motiv? Und die vielen Schaufeln Erde. Dumm war es ganz bestimmt nicht.

Einen Moment schien es, als stünde der Vater am Rand der Grube. Als gingen sie gemeinsam noch einmal die einzelnen Punkte seiner Liste durch … intelligenter … mutiger … schlauer. Gut!

(…)

Nachdem Funda um dreizehn Uhr gegangen war, zog ich mir ein paar Mohrrüben aus dem Gemüsebeet meiner Mutter, wusch sie und dippte sie in Frischkäse. Mein Hunger hielt sich nach zehn Baklava in Grenzen. Ich sah die Geschäftsbriefe des Tages durch und sortierte sie vor. Der unterste und zugleich dickste Umschlag kam vom Nachlassgericht. Er enthielt die Unterlagen zu einer Testamentsvollstreckung und die Bitte um Annahmeerklärung. Die Verstorbene, die einundvierzigjährige Theresa Lenhardt aus Obermenzing, hatte ausdrücklich mich benannt, um ihren letzten Willen auszuführen. Der Name war mir nicht geläufig, aber es war auch nicht ungewöhnlich, von völlig Fremden eingesetzt zu werden. Beim ersten Lesen überflog ich das handschriftlich verfasste Testament, dann las ich es noch einmal Wort für Wort:

Zu meinen Erben bestimme ich zu gleichen Teilen Christoph und Beate Angermeier, Tilman und Rena Velte sowie Nadja Lischka.

Nadja Lischka? Bei ihr musste es sich um die Frau handeln, die mir am Vormittag drei Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen und mich dringend um Rückruf gebeten hatte. Ich las weiter:

Erbe kann jedoch nur werden, wer folgende Bedingung erfüllt: Er/sie muss von jedem Verdacht der Beteiligung an der Ermordung von Konstantin Lischka befreit sein.

Lässt sich der Verdacht bezüglich eines der genannten Erben nicht ausräumen, so fällt sein Anteil den anderen zu gleichen Teilen zu.

Lässt sich der Verdacht für keinen der fünf ausräumen, fällt das gesamte Erbe an den Tierschutzverein.

Dasselbe gilt für den Fall, dass einer der potenziellen Erben Kristina Mahlo als Testamentsvollstreckerin ablehnt.

Es liegt im Ermessen der Testamentsvollstreckerin, darüber zu befinden, ob im Einzelfall der Verdacht ausgeräumt werden konnte.

Diesem außergewöhnlichen Testament war ein verschlossener, an mich adressierter Brief beigefügt. Ich öffnete ihn und las:

Sehr geehrte Frau Mahlo,

sicher werden Sie sich fragen, warum meine Wahl auf Sie gefallen ist. Ihnen eilt der Ruf voraus, gewissenhaft und unbestechlich zu sein. Diese Eigenschaften werden Sie brauchen, um meinen letzten Willen zu erfüllen. Sollten Sie – aus welchen Gründen auch immer – erwägen, die Testamentsvollstreckung gleich im Vorfeld abzulehnen, bitte ich Sie, Ihre Entscheidung erst zu fällen, nachdem Sie in meiner Wohnung waren. Den Schlüssel verwahrt meine Nachbarin Marianne Moser. Ich zähle auf Sie, Kristina Mahlo. Vielleicht gelingt Ihnen, woran ich gescheitert bin. Theresa Lenhardt

Vorhin erst hatte ich Funda erklärt, bei der Nachlassarbeit sei kein Fall wie der andere. Ein vergleichbares Testament war mir allerdings noch nicht untergekommen. Ich sah mir Theresa Lenhardts Vermögensaufstellung an. Sie hinterließ ein Wochenendhaus am Starnberger See, ein Mietshaus in Nymphenburg, rund sechs Millionen Euro in Wertpapieren sowie zweihunderttausend Euro als Festgeld. Fast automatisch überschlug ich, wie viel Aufwand die Vollstreckung bedeuten würde, und errechnete daraus die mögliche Vergütung. An der Arbeit von schätzungsweise ein bis zwei Jahren würde ich zwischen einhundertachtzigtausend und zweihundertzehntausend Euro netto verdienen können. Ein ungewöhnlich großer Brocken, über den ich mich eigentlich hätte freuen können, wäre da nicht diese absurde Bedingung gewesen, die an das Erbe geknüpft war: Erbe konnte nur werden, wer von jedem Verdacht der Beteiligung an der Ermordung von Konstantin Lischka befreit war.

Nachdem ich mir einen Kaffee geholt hatte, setzte ich mich an meinen Computer, gab »Konstantin Lischka Mord« in die Maske der Suchmaschine ein, drückte die Enter-Taste und arbeitete mich durch die Artikel der Süddeutschen Zeitung, des Münchner Merkurs, der TZ und der Abendzeitung. Allmählich erinnerte ich mich wieder an das, was damals geschehen war. Wie hatte ich es nur vergessen können? Vor sechs Jahren war der neununddreißigjährige Journalist Konstantin Lischka mitten in der Nacht mit mehreren Messerstichen im Treppenhaus vor seiner Wohnung in Schwabing getötet worden. Weder seine Frau, Nadja Lischka, noch seine beiden Kinder hatten etwas davon mitbekommen, sie hatten fest geschlafen und waren in den frühen Morgenstunden vom Schrei einer Nachbarin geweckt worden. Als mutmaßlicher Täter war eine Woche später Lischkas Freund, Doktor Fritz Lenhardt, zum damaligen Zeitpunkt vierzig Jahre alt, verhaftet worden. Zwei Monate später war der bis dahin unbescholtene Gynäkologe, der weder ein Geständnis abgelegt noch Reue gezeigt hatte, des Mordes an seinem Freund für schuldig befunden worden. Sein Motiv sei ein gescheitertes Immobiliengeschäft zwischen beiden Männern gewesen.

Der Fall war wochenlang Gegenstand ausführlichster Medienberichterstattung gewesen. Viele Details aus dem Privatleben der Beteiligten waren ans Licht gezerrt und kommentiert worden. Ein Mord in der besseren Gesellschaft gab etwas her.

Drei Wochen zuvor war Ben verschwunden. Ich war damals sofort von Berlin nach München gekommen, um meine Eltern bei der Suche nach ihm zu unterstützen. Ich hatte in den Zeitungsredaktionen angerufen und um Zeugenaufrufe gebettelt. Wo war Ben zuletzt gesehen worden? Hatte er sich mit jemandem getroffen? Wenn ja, mit wem? Wir wären für den kleinsten Hinweis dankbar gewesen. Aber mit dem Verschwinden eines vierundzwanzigjährigen Homosexuellen hatten sich keine Schlagzeilen machen lassen.

Also hatte ich ein Plakat entworfen und es an unzählige Bäume in und um München geheftet. Ich hatte ein Flugblatt vervielfältigt, das ich in Geschäften und Kneipen ausgelegt hatte. Uns hatten daraufhin sogar zahlreiche Hinweise erreicht, denen wir akribisch nachgegangen waren, nur um festzustellen, dass das Personengedächtnis der meisten Menschen wenig zuverlässig ist.

Ich drängte die Erinnerung zurück und konzentrierte mich wieder auf die Medienberichterstattung über den Fall Konstantin Lischka. Darin tauchte mehrmals der Name Theresa Lenhardt auf. Meine Auftraggeberin über den Tod hinaus war die Ehefrau des verurteilten Mörders gewesen. Wie aus den Artikeln hervorging, hatte sie für seine Rehabilitierung gekämpft. Vergebens. Und jetzt sollte ich diesen Kampf fortsetzen? Weil sie es nicht hatte ertragen können, die Frau eines Mörders zu sein?

Fritz Lenhardts Name ergab ebenfalls zahlreiche Treffer. Gemeinsam mit zwei Kollegen, einem Mann und einer Frau, hatte er in München auf der Fürstenrieder Straße ein Kinderwunschinstitut betrieben, bis das Zuschnappen der Handschellen seiner Arbeit, seinen Ambitionen und seinen Träumen ein Ende gesetzt hatte. Seinem Leben hatte er schließlich selbst ein Ende gesetzt, was von den Medien mehrheitlich als verspätetes Schuldeingeständnis gewertet wurde.

Noch einmal überflog ich die Artikel über die Gerichtsverhandlung und die Urteilsfindung. Der Richter hatte keine Zweifel an Fritz Lenhardts Schuld gehabt. Aber seine Frau hatte das allem Anschein nach nicht akzeptieren können. Ich schaltete den PC aus und lehnte mich zurück. Wäre es mir gelungen? Hätte ich mich damit abfinden können, dass der Mann, für den ich die Hand ins Feuer gelegt hätte, ein Mörder war?

Im Hof war Simon gerade dabei, seinen Transporter mit Weinkisten zu beladen. Rosa lag ein paar Meter von dem Wagen entfernt in der Sonne und ließ ihn nicht aus den Augen. In regelmäßigen Abständen verschwand Simon in seiner Weinhandlung und kam mit der voll beladenen Sackkarre wieder heraus. Er trug schwarze Jeans, ein weißes T-Shirt und darüber einen erdfarbenen Pulli mit V-Ausschnitt, dessen Ärmel er hochgeschoben hatte. Seine dunklen Haare waren vom Wind zerzaust. Ich wusste genau, wie widerborstig sie sich anfühlten und wie gut sie dufteten. Seine Stirn war wie immer in Falten gelegt, und wie üblich sah es aus, als habe er sich seit drei Tagen nicht rasiert, obwohl er es an keinem Morgen vergaß. Er kniff die Augen zusammen, um sie vor der Sonne zu schützen.

Simon war in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Seinem Vater, einem Trinker, war häufig die Hand ausgerutscht, seiner Mutter, einer Egozentrikerin, war ihr perfekter Lidstrich stets wichtiger gewesen als ein blaues Auge ihres Sohnes. Simon hatte beiden mit achtzehn den Rücken gekehrt und sich nie wieder bei ihnen blicken lassen, obwohl sie nicht weit entfernt am Pilsensee lebten. Simon machte nie viele Worte um seine Vergangenheit. Trotz alledem hätte ich die Hand für ihn ins Feuer gelegt. Ich war felsenfest davon überzeugt, er könne niemandem etwas zuleide tun. Eine Überzeugung, die Simon nicht mit mir teilte. Aber das war ein anderes Thema.

Ich beobachtete ihn, wie er die Sackkarre zurückstellte und die Tür von Vini Jacobi verschloss. Gleich würde er ins Auto steigen, um die Weinkisten auszuliefern. Mit ein paar Schritten war ich draußen im Hof und lief ihm entgegen, nicht ohne einen schnellen Blick Richtung Laterne zu werfen. Die Kerze brannte.

»Hey, du Frühaufsteherin«, begrüßte er mich. Simons Stimme war der beste Gradmesser für seine Gefühlslage. Sie klang nicht immer so warm wie in diesem Moment, ihre Klaviatur reichte bis hin zu schneidender Kälte. »Gerade wollte ich bei dir vorbeikommen und deine Schulden eintreiben.« Er zog mich so nah an sich, dass unsere Nasen sich fast berührten. Dann blies er mir eine Strähne aus dem Gesicht.

Ich küsste ihn und ließ mir Zeit dabei. »Es war viel zu früh, um dich zu wecken.«

»Ich hätte mich gerne von dir wecken lassen …«, entgegnete er mir mit einem verschmitzten Lächeln.

»Dann wäre ich aber zu spät ins Büro gekommen.«

»Ich hätte dir eine Entschuldigung geschrieben.« Simons Hände strichen über meinen Rücken.

Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte ich seine Hände zum ersten Mal gespürt. Fast doppelt so lange war es her, dass ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Aber er war damals nicht allein ins Nebengebäude gezogen, sondern mit seiner langjährigen Freundin, die ihm in jeder freien Minute geholfen hatte, seine Weinhandlung aufzubauen. Um mein Herz zu schonen, war ich ihm konsequent aus dem Weg gegangen, bis mein Vater eines Tages mit der Neuigkeit gekommen war, die beiden hätten sich getrennt. Von da an war ich regelmäßig über den Hof gegangen, um eine Flasche Wein bei ihm zu kaufen. Erst als ich kaum noch wusste, wohin mit all den Flaschen, gab Simon mir zu verstehen, dass ich mein Portemonnaie beim nächsten Mal zu Hause lassen könnte.

Ich nahm seine Hände, hielt sie einen Augenblick lang fest und gab ihm einen schnellen Kuss. »Hast du heute Abend Zeit?«

Er schüttelte den Kopf. »Rotweinprobe beim Kunden.«

»Und danach?«

»Danach stehst du schon fast wieder auf. Wie ist eigentlich die Neue?«

»Sehr sympathisch, schnell im Kopf und alles andere als faul. Wenn sie in dem Tempo weitermacht, ersetzt sie eine Ganztagskraft.«

»Falls sie noch Kapazitäten frei hat …«

»Henrike hat auch schon zart angeklopft.«

»Ich traue Henrike ja einiges zu, aber zart?«

»Ich mag ihre direkte Art.«

»Ich persönlich auch. Aber das Direkte und Unverblümte muss man sich auch leisten können. Es gibt Kunden, die das abschreckt. Ihr Trödelladen könnte bestimmt besser laufen, wenn sie diplomatischer wäre.«

»Hast du nicht mal gesagt, Diplomatie sei etwas für Leute, die sich für keine Seite entscheiden könnten?«

»Solche Aussagen kommen immer auf den Kontext an.« Er unterstrich seine Worte mit einer ausladenden Geste, was Rosa animierte, an ihm hochzuspringen. Er wollte sie gerade streicheln, als seine Hand zurückzuckte. »Oje, das hätte ich beinahe vergessen.«

Sein übertrieben schuldbewusster Gesichtsausdruck brachte mich zum Lachen. Simon und ich hatten oft Diskussionen darüber, dass er Rosa verzog. Wenn sie an ihm hochsprang und er sie streichelte, belohnte er sie für etwas, das sie eigentlich nicht durfte. Aber das störte weder ihn noch Rosa. Er machte Anstalten aufzubrechen, doch ich hielt ihn zurück.

»Simon, erinnerst du dich möglicherweise an einen Mordfall vor sechs Jahren? Damals wurde hier in München ein Journalist umgebracht, Konstantin Lischka. Die Zeitungen waren voll davon. Verurteilt wurde sein Freund, der sich später im Gefängnis umgebracht hat. Seine Frau hat immer an seine Unschuld geglaubt.«

Simon lehnte sich gegen den Transporter und sah in den Himmel, während er nachdachte. »Ja … War der Mörder nicht Arzt? Ich glaube, ich habe darüber gelesen. Wieso interessierst du dich dafür?«

»Die Frau dieses Arztes ist vor Kurzem gestorben und hat mich als Testamentsvollstreckerin eingesetzt. Das Vermögen, das sie hinterlässt, kann sich sehen lassen, aber es gibt da ein Problem …«

Simon unterbrach mich. »Weil ihr Mann ein verurteilter Mörder war? Es ist doch ihr Vermögen, das du verteilen sollst. Du könntest dir endlich ein neues Auto leisten.«

»Ich bin mit der alten Gurke sehr zufrieden.«

»Dein Auto hat nur mit viel Glück die grüne Plakette bekommen.«

»Umweltplaketten hängen nicht von Glück ab, sondern von knallharten Bedingungen, die erfüllt werden müssen.«

»Kris, du bist ein Dickschädel. Dein Golf hat fast zweihunderttausend Kilometer drauf, bald ist Winter und …«

»Theresa Lenhardt erwartet von mir, dass ich beweise, dass keiner ihrer fünf möglichen Erben Konstantin Lischka umgebracht hat. So, wie ich das Testament verstehe, geht sie davon aus, dass die Verurteilung ihres Mannes ein Justizirrtum war und einer der fünf der Mörder sein muss. Meine innere Stimme rät mir, besser die Finger davon zu lassen.«

In diesem Moment fegte Rosa mit lautem Gebell Richtung Garten. Vermutlich hatte sich eine der Nachbarskatzen gerade dort blicken lassen.

»Es wird nicht leicht gewesen sein als Ehefrau und Witwe eines verurteilten Mörders«, sagte Simon. »Die Frau hat sich ihr Leben bestimmt anders vorgestellt und vielleicht mit der Zeit die Realität so sehr verfremdet, dass sie schließlich von der Unschuld ihres Mannes überzeugt war. Das ist menschlich, wenn du mich fragst. Ich möchte nicht wissen, wie vielen Angehörigen von Kriminellen es so geht.«

»Mir würde es vermutlich genauso gehen.«

»Siehst du. Deshalb musst du eigentlich nicht viel mehr tun, als ein paar Gespräche mit den Erben zu führen. Alles Weitere beherrschst du im Schlaf. An deiner Stelle würde ich mir diesen Brocken nicht entgehen lassen.« Simon gab mir einen schnellen Kuss auf den Mundwinkel. »Ich muss los, ich bin ohnehin schon viel zu spät dran.«

Ich stand immer noch an derselben Stelle, als er längst vom Hof gefahren war. Was, wenn Theresa Lenhardt sich die Realität nicht verfremdet hatte? Wenn Fritz Lenhardt tatsächlich zu Unrecht verurteilt worden war?

Krimis von Sabine Kronbichler

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