Exklusiver Kurzkrimi „Briefe an Adelheid“ von Sabine Kornbichler
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Exklusiver Kurzkrimi „Briefe an Adelheid“ von Sabine Kornbichler

Dieser Kurzkrimi liefert einen packenden Vorgeschmack auf Sabine Kornbichlers Krimi „Das Verstummen der Krähe“

Mittwoch, 19. November 2014 von



Briefe an Adelheid
Ihr war keine Zeit mehr geblieben, um den Brief an Adelheid zu beenden. Zweieinhalb Seiten weit war Margot Wiesel mit ihrem Bericht über die jüngsten Ereignisse gekommen. Am Dienstag habe sie ein Schreiben der Führerscheinbehörde erhalten. Man wolle ihr die Fahrerlaubnis entziehen, da sie beim Zurücksetzen in eine Parklücke ein Verkehrsschild touchiert habe. Zugegeben - eines, das auf ein absolutes Halteverbot verwies, aber letztlich nur ein Schild. Es hätte viel schlimmer kommen können. Hatten die denn keine Phantasie auf dem Amt? Konnten die sich nicht vorstellen, welche Aufregung das für sie bedeutete? In solchen Situationen muss ich einmal mehr an Dich denken, Adelheid, hatte sie geschrieben. Deine Nerven sind so viel besser als meine. Ich rege mich immer so fürchterlich auf und kann dann tagelang an nichts anderes denken …
Hatte sie sich zu sehr aufgeregt? Zweiundachtzig Jahre lang hatte ihr Herz geschlagen, dann hatte es von einer Sekunde auf die andere damit aufgehört. Margot Wiesel war in ihrem Vorgarten inmitten des Rittersporns zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden. Eine Passantin hatte den Notarzt gerufen. Er war zu spät gekommen.
Ich sah mich in ihrem Biedermeier-Wohnzimmer um und fühlte mich für einen Moment in eine andere Zeit versetzt. Sofa und Stühle sahen mit den dunkelroten Samtbezügen wunderschön, aber unbequem aus. Auf der heruntergeklappten Schreibplatte des Sekretärs lag der unvollendete Brief, der Adelheid nun nicht mehr erreichen würde. Mein Blick wanderte zum geöffneten Fenster und hinaus in den Garten, der sich hinter dem Haus bis zum Ufer der Würm erstreckte. Margot Wiesel hatte ein Blütenmeer in blau hinterlassen. Und ganz offensichtlich kam seit ihrem Tod jemand hierher, um die Pflanzen zu wässern. Ohne diesen guten Geist hätte die Augustsonne ihnen längst den Garaus gemacht.
Auf der Suche nach den persönlichen Dokumenten der Verstorbenen nahm ich mir die Schubladen des Sekretärs vor. Bank-, Versicherungs- und Rentenunterlagen fand ich in einem großen Schubfach. Obenauf lag ihr Testament. Haus und Vermögen hatte sie der Freiwilligen Feuerwehr Obermenzing vermacht – als Dank für ihre viele Jahre zurückliegende Rettung in letzter Minute. Sie habe das nicht vergessen. Schöne Geste, vermerkte ich im Stillen. Mit einer Büroklammer hatte sie einen Darlehensvertrag an das Testament geheftet. Auch ihn überflog ich. Demnach hatte sie einer Adelheid Lorentz vor zwei Jahren einhunderttausend Euro zinslos geliehen. Handelte es sich um die Adelheid, für die der unvollendete Brief bestimmt war? Das würde ich klären. Zunächst würde ich aber … 
Die Türklingel durchbrach meine Pläne. Auf dem Treppenabsatz stand eine knapp fünfzigjährige Frau in einem lachsfarbenen Leinenkleid. Der Wind hatte ein paar Strähnen ihrer dunkelblonden Haare erfasst und wirbelte sie um ihren Kopf. Sie versuchte, sie mit einer Hand einzufangen, während sie auf das Klingelschild sah und die Stirn in Falten legte. „Ich wollte zu Frau Wiesel. Sie wohnt doch hier, oder?“
„Frau Wiesel ist leider vor drei Wochen gestorben.“
Die Hand, die eben noch die Haare gebändigt hatte, legte sich nun vor Schreck über den Mund. „Gestorben …“, sagte sie leise. „Was ist denn passiert?“
Ihr Herz wollte nicht mehr, lag mir auf der Zunge, aber ich schwieg.
„Darf ich hineinkommen?“, fragte sie. „Ich kann jetzt nicht einfach wieder gehen. Ich …“
„Kommen Sie.“ Ich trat einen Schritt zur Seite und lotste sie ins Wohnzimmer.
Verloren blieb sie in der Mitte des Raumes stehen und drehte sich um ihre eigene Achse. „Ich habe mir fast so etwas gedacht. Der Juli-Brief ist nicht gekommen.“
„Sind Sie Adelheid?“
„Ich bin Adelheids Tochter.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. „Natalie Lorentz. Und Sie …?“
„Kristina Mahlo. Ich wurde vom Nachlassgericht beauftragt, mich um Frau Wiesels Angelegenheiten zu kümmern.“
„Dann sind Sie Nachlassverwalterin?“
Ich nickte. 
Sie ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. „Was wird jetzt aus all dem?“
„Ich bin gerade erst dabei, mir einen Überblick zu verschaffen.“
„Das Wiesel – meine Mutter nennt sie so“, meinte sie mit einem entschuldigenden Lächeln, „also … sie hatte keine Angehörigen. Deshalb ist meine Mutter wohl auch nicht benachrichtigt worden. Sie wartet immer noch auf den Juli-Brief.“
„Wieso nennen sie ihn so?“
„Die beiden schreiben sich seit fast vierzig Jahren Monatsbriefe. Jede von ihnen berichtet darin von den vergangenen vier Wochen. Kennengelernt haben sie sich während einer Kur. Anfangs fand ich es seltsam, dass sie sich danach nie besucht, sondern immer nur geschrieben haben. Aber die beiden fanden es besonders, sie wollten nicht daran rütteln.“ Sie zog sich einen der Stühle heran und setzte sich. „Falls das Wiesel sie aufgehoben hat, werden Sie die Briefe meiner Mutter hier sicher irgendwo finden. Meine Mutter hat ihre Briefe viele Jahre lang mit der Hand geschrieben, aber vor zweieinhalb Jahren bekam sie Arthritis in den Fingern. Seitdem diktiert sie mir ihre Erlebnisse.“ 
Ich fragte mich, wie es für ihre Mutter sein musste, die Inhalte ihrer Briefe an die Freundin mit ihrer Tochter zu teilen. Empfand sie es als eine der vielen Einschränkungen, die mit dem Alter kamen? 
Natalie Lorentz’ Blick wanderte zum Sekretär. „Dort hat sie wohl immer gesessen und geschrieben, oder?“ Sie stand auf, tat ein paar Schritte und fuhr dann mit einem Finger langsam an der Kante der Schreibplatte entlang. „Die Freiwillige Feuerwehr ...“
Ich hatte das Testament offen liegenlassen.
„Das Wiesel ist einmal beinahe in ihrem Haus verbrannt.“ Sie setzte sich wieder und ließ mit einem leisen Stöhnen die Schultern hängen. „Hätten Sie vielleicht einen Schluck Wasser für mich?“
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„In der Küche ist bestimmt etwas zu trinken.“ Kaum hatte ich das Zimmer verlassen, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas hatte diese Natalie Lorentz an sich, das mich irritierte. Ich konnte es jedoch nicht greifen. Als ich ihr das Glas Wasser reichte, stand sie am Fenster und sah hinaus in den Garten.
„Wie wird Ihre Mutter die Nachricht aufnehmen, dass ihre Freundin gestorben ist?“
„Es wird schlimm für sie sein.“
„Sie könnten in den nächsten Tagen mit ihr hier vorbeikommen. Vielleicht möchte sie sich eine Erinnerung an Frau Wiesel aussuchen“, schlug ich vor. 
Sie wandte sich zu mir um. „Meine Mutter geht nicht gern aus dem Haus.“
„Dann werde ich ihr schreiben. Es gibt nämlich etwas, das ich mit ihr besprechen muss. Margot Wiesel hat Ihrer Mutter vor zwei Jahren ein Darlehen gegeben, das sie jetzt ...“
„Das muss ein Irrtum sein, davon hätte sie mir erzählt“, fiel sie mir ins Wort. 
Ich ging zum Sekretär, um ihr den Darlehensvertrag zu zeigen. Die Büroklammer hielt jedoch nur noch das Testament, das Blatt dahinter war verschwunden. „Es gibt einen Darlehensvertrag, er klemmte vorhin noch am Testament.“
„Dann werden Sie sich getäuscht haben. Meine Mutter hat ihr Auskommen, wofür hätte sie so viel Geld benötigen sollen?“ 
„Woher wollen Sie wissen, dass es sich um viel Geld handelt? Ich habe die Summe nicht genannt.“
„Bei dem Wort Darlehen denkt man doch automatisch an einen größeren Betrag“, versuchte sie, sich aus der Affäre zu ziehen. „Das Wiesel war übrigens finanziell gut beieinander. Da wird für die Feuerwehr noch genug herausspringen. Was allein dieses Haus wert ist ...“ Sie nahm einen Schluck Wasser. „Ich muss jetzt gehen. Ich habe meiner Mutter versprochen, noch auf einen Sprung bei ihr vorbeizuschauen.“
Adelheid Lorentz, die Mutter … Ich musste an deren arthritische Finger denken, die sie daran hinderten, ihre Briefe selbst zu schreiben. Ihre Tochter hatte mir diese Information ungefragt gegeben. Das war es, was mich irritiert hatte. Da Natalie Lorentz nicht gerade redselig wirkte, musste es einen Grund dafür geben. Seit zweieinhalb Jahren hatte sie gesagt, diktiere die Mutter ihr die Briefe. Vor zwei Jahren war das Darlehen ausgezahlt worden. 
„Wie wäre es, wenn ich Sie zu Ihrer Mutter begleite?“
„Das ist keine gute Idee. Das würde sie viel zu sehr aufregen. Meine Mutter hat schwache Nerven.“
„Seit wann?“ 
„Seit ich denken kann.“
Margot Wiesel hatte das Nervenkostüm ihrer Freundin völlig gegenteilig wahrgenommen. „Seit zweieinhalb Jahren hat Ihre Mutter Arthritis, seitdem schreiben Sie ihre Briefe. Und vor zwei Jahren wurde der Darlehensvertrag unterschrieben. Das ist ein interessantes Zusammentreffen.“
„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen. Ich muss jetzt gehen.“ Ohne mich aus den Augen zu lassen, bewegte sie sich zur Tür. Ihre Wangen glühten.
Wenn sie mit dem Darlehensvertrag das Haus verließ, würde ihre Rechnung aufgehen. „Margot Wiesel hat ihre Angelegenheiten gewissenhaft geordnet. Wäre das Darlehen inzwischen zurückgezahlt worden, hätte sie den Vertrag mit Sicherheit vernichtet. Die Tatsache, dass sie ihn an ihr Testament geheftet hat, spricht Bände. Darüber hinaus sollten Sie bedenken, dass Geldflüsse nachweisbare Spuren hinterlassen – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.“
Hinter ihrer gerunzelten Stirn schien es heftig zu arbeiten. „Sollte meine Mutter tatsächlich Geld erhalten haben, was ich nicht glaube, könnte es sich auch um eine Schenkung gehandelt haben. Das Wiesel war sehr großzügig.“
„Frau Wiesel hat das sicher nicht verwechselt. Und ich tue es auch nicht. Ich hatte übrigens schon einige ähnlich gelagerte Fälle. Im Endeffekt musste das Geld immer zurückgezahlt werden. Manchmal im Zuge von Gerichtsprozessen“, bluffte ich. „In den meisten Fällen waren die Betroffenen auf die eine oder andere Weise in Not geraten und wussten sich nicht anders zu helfen. Aber ich versichere Ihnen, in diesen Fällen gab es immer eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung.“
Sie lehnte sich mit einem schweren Seufzer in den Türrahmen und sah mich verzweifelt an. „Wie soll die denn aussehen?“, brach es aus ihr heraus. „Sie haben doch keine Vorstellung …“ Tränen traten in ihre Augen.
„Ist Ihre Mutter pflegebedürftig?“
Sie nickte. „Demenz. Ich habe sie vor zwei Jahren in einem guten Heim untergebracht. Aber es ist teuer.“ Ihr Blick hatte etwas Flehendes. „Sie hat nicht mehr lange, ein halbes Jahr … höchstens.“
„Haben Sie die Briefe als Adelheid an Frau Wiesel geschrieben?“
„Als es ihr zunehmend schwerer fiel, hat sie mich darum gebeten. Sie wollte ihren Zustand solange wie möglich geheim halten.“
„Und das Darlehen?“
Sie zog den Vertrag aus ihrer Tasche und brachte ihn zum Sekretär. Für einen Moment ließ sie die Hand darauf ruhen. „Ich wollte, dass es meiner Mutter gut geht, dass sie liebevoll gepflegt wird. Und ich war mir damals nicht sicher, ob das Wiesel mir dafür Geld leihen würde. Ich kannte sie ja nicht. Erst durch die Briefe habe ich sie näher kennengelernt.“ Sie drehte sich zu mir um und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte ich. „Sie treten in diesen Darlehensvertrag ein, und ich sorge dafür, dass Sie das Geld über einen sehr langfristigen Zeitraum hinweg an die Freiwillige Feuerwehr zurückzahlen können. Und das auch erst dann, wenn Sie nicht mehr für Ihre Mutter sorgen müssen. Einverstanden?“
Ihr erleichtertes Ja hing noch im Raum, als sie längst gegangen war. Margot Wiesels letzter Wille würde also Realität werden. Er war ein Leichtgewicht verglichen mit dem, der ein paar Tage später mit dem Testament von Theresa Lenhardt auf meinem Tisch landen sollte. Ihr Erbe war als Kopfgeld ausgesetzt, um einen alten Mordfall aufzuklären.


Finden Sie heraus, was es mit Theresa Lenhardts Testament auf sich hat, und begleiten Sie Kristina Mahlo bei ihrem bislang kompliziertesten Fall: „Das Verstummen der Krähe“.


Das Verstummen der KräheDas Verstummen der Krähe

Kriminalroman

Kristina Mahlos Auftrag als Nachlassverwalterin hat es in sich. Eine Verstorbene vererbt ihr beträchtliches Vermögen – jedoch nur unter der Bedingung, dass Kristina den Mord aufklärt, für den ihr Mann einst verurteilt worden war. Kris will den Fall ablehnen, doch dann entdeckt sie in der Wohnung der Toten einen Hinweis auf ihren eigenen Bruder Ben, der vor Jahren spurlos verschwand …
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Krimis von Sabine Kronbichler

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