Estádio do Maracanã: Spielort für das WM Finale 2014 und Brasiliens nationales Trauma
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Mittwoch, 04. Juni 2014 von


Estádio do Maracanã: Spielort für das WM Finale 2014 und Brasiliens nationales Trauma

Das Maracanã, einst größtes Fußballstadion der Welt, steht für Tradition, Leidenschaft und Siege. Doch einmal kam es anders, als es eine ganze Nation erwartet hatte.

Dann geschieht elf Minuten vor Schluss das Unfassbare: Uruguays Rechtsaußen Alcides Ghiggia spielt Bigode aus und schießt den Ball am verdutzten Torwart Moacyr Barbosa vorbei ins rechte kurze Eck. 1 : 2, 79. Minute, 16 : 33 Uhr. » Brasiliens Herz steht still «, sagt die Stimme im Museum, man sieht entsetzte Männer und Frauen mit offenen Mündern und tränenden Augen. » Das Maracanã stürzt fast ein «, sagte der Kommentator Cordeiro. Uruguay war Weltmeister.

Wahrscheinlich waren nie wieder so viele Brasilianer gleichzeitig so starr vor Schreck. » Die lauteste Stille der Fußballgeschichte «, vermutet der uruguayische Autor Eduardo Galeano. Vom Siegtorschützen Ghiggia stammt der ebenso schöne wie viel zitierte Satz: » Es gab nur drei Menschen, die das Maracanã mit einer einzigen Bewegung zum Schweigen gebracht haben: Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich. « Der Tempel wurde mit dem Abpfiff zur Gruft, das sakrale Maracanã war entweiht. Die Blätter mit den Siegertypen gingen als schwarze Schnipsel nieder, für den poetischen Beobachter Armando Nogueira war es » die Asche verbrannter Zeitungen im Feuer der toten Hoffnung «. FIFA-Präsident Rimet reichte Varela wortlos die Hand und gab ihm den WM-Pokal wie einem Delinquenten das Diebesgut. Den Zettel mit der vorbereiteten Hommage auf die Brasilianer ließ er stecken. Dies war das ewige Maracanazo.

Was in jenen Augenblicken geschah, wurde so oft beschrieben wie nur wenige Momente der brasilianischen Vergangenheit. In Büchern, Filmen, Legenden. » Anatomie einer Niederlage « heißt ein Werk von Paulo Perdigão. Die Intellektuellen übertreffen sich bis heute in der Bewertung des Desasters; die Revanche 2014 wird erwartet wie ein Exorzismus. Der Journalist Juca Kfouri erkannte im Maracanazo » ein kollektives Drama, eine nationale Katharsis, den größten Diwan, den ein Minderwertigkeitskomplex jemals gesehen hat «. Für den Schriftsteller Nelson Rodrigues war die » nicht wiedergutzumachende Katastrophe unser Hiroshima «, da hat er sich eventuell etwas vergriffen. Später bekam sogar Uruguays Varela Mitleid: » Wenn ich gewusst hätte, dass ein ganzes Volk weint, dann hätte ich das Spiel lieber nicht gewonnen. «

Am schlimmsten erwischte die Enttäuschung Brasiliens Schlussmann Barbosa, zuvor Idol des Klubs Vasco da Gama. Im Kurzfilm » Barbosa « versuchte später ein imaginärer Trauergast Ghiggias Schuss zu vermeiden, doch das richtige Leben kannte kein Pardon. Barbosa musste sich nach seinem vermeintlichen Fehlgriff erst mal zwei Tage lang im Hotel verstecken und wurde dann zum Paria, dabei konnte er für Ghiggias Treffer ins brasilianische Herz gar nicht so viel. » Der Mann, der Brasilien zum Weinen gebracht hat «, raunten Passanten, als trage er ein Kainsmal. » Der Brasilianer hat das Gelbfieber vergessen, aber nicht Barbosas Torwartfehler «, spottete Rodrigues. Barbosa geriet zum Schimpfwort. Als » Hühnerfänger « wurde er veralbert, als Vaterlandsverräter verachtet. Manche fanden, man könne nie mehr einem dunkelhäutigen Keeper wie ihm vertrauen. Später wurde der Sündenbock abgewiesen, als er ein Trainingslager des Nationalteams besuchen wollte – Barbosa bringe nur Pech. » Die Höchststrafe in Brasilien sind 30 Jahre Gefängnis, wegen Mordes «, klagte er 1994. » Ich bezahle seit 44 Jahren für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe. « Sein Martyrium dauerte ein halbes Jahrhundert. Am 7. April 2000 starb Moacyr Barbosa und wurde in Praia Grande begraben, nicht mal dort hatte er seine Ruhe. Der Friedhof wollte seine Reste versetzen lassen, wegen Schulden von 378 Reais.
Sogar die Farbe der Trikots wurde im Zuge der Schmach gewechselt, das war eine modisch gute Idee. Die Seleção trug anschließend Gelb-Blau, Gelb-Grün oder ganz Blau. Fünf Weltmeisterschaften gewann Brasilien damit nach 1950.


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