Eine normale Familie wird zur Brutstätte der Gewalt
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von Revolverblatt


Eine normale Familie wird zur Brutstätte der Gewalt

Es geschieht jeden Tag und fast überall: Väter, Mütter, Kinder werden zu Tätern oder zu Opfern häuslicher Gewalt. Es ist ein Thema, das verstört und berührt. Anne Holt hat daraus einen spannenden Krimis gemacht.



Sander liegt tot in den Armen seiner Mutter. Er ist von der Leiter gefallen. Wirklich? Langsam nährt sich der Verdacht: »Er wurde misshandelt und schließlich umgebracht.« Aber warum? Er lebt in einer wohlsituierten Familie in Norwegen. Seine Mutter kümmert sich hingebungsvoll um das lebhafte Kind, bei dem eine Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde. Das macht es besonders schwierig, die vielen Verletzungen einzuordnen, die Sander hat. Es gibt, wie in der Realität, auch bei diesem Sozialkrimi nicht nur eine Sicht der Dinge.

Anne Holt erzählt aus verschiedenen Perspektiven, unter anderem aus der Sicht der Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik, einer Bekannten der Familie. Für die gutgläubige Lehrerin sind Kindesmisshandlungen etwas, was nur außerhalb ihres Weltbildes existiert; der Rektor ignoriert den Fall, weil er mit dem möglichen Täter befreundet ist und niemand wagt, das Schweigen zu brechen und Verdächtigungen auszusprechen. Bis zum Schluss bleibt offen, ob und wer den toten Sander misshandelt haben könnte. Und Inger Johanne erkennt: «Es nicht sehen wollen. Nicht glauben wollen. Das tun wir doch alle...«

Was Anne Holt so packend beschreibt,gilt in der Fachwelt als häusliche Gewalt. Es gibt sie in unterschiedlichen Ausprägungen. Sie kann körperlicher oder sexueller Natur sein, aber auch psychische Gewalt wie Nötigung, Stalking gehören dazu. Zur sozialinteraktiven Gewalt zählen Verbote, Zwang zur Arbeit oder Beschlagnahme des Lohns. Betroffen von häuslicher Gewalt sind Kinder, Eltern und Geschwister, aber auch Großeltern, wie die Statistik des Bundeskriminalamtes von 2012 zeigt. 

Wie häusliche Gewalt entsteht, darüber gibt es inzwischen einige Erkenntnisse. In einer Forsa-Studie von 2012 beispielsweise gaben Eltern als Gründe für Gewalt an ihren Kindern Überforderung und Hilflosigkeit an. In der modernen Psychologie gilt es als gesichert, dass häufig Opfer zum Täter werden, also misshandelte Kinder später als Erwachsene Gewalt auf ihre Kinder ausüben.


Blick ins Buch
SchattenkindSchattenkind

Kriminalroman

Am Nachmittag des 22. Juli 2011 stirbt in Oslo ein 8-jähriger Junge. Was zunächst wie ein Unfall wirkt, entpuppt sich unerwartet als Mord – und die Ermittlungen der Kriminalpsychologin Inger Johanne Vik werden zu einem emotionalen Drahtseilakt. Denn sie ist mit der Mutter des Kindes befreundet. Und der 22. Juli ist nicht irgendein Tag in Norwegen, es ist der Tag des Massakers von Utøya.
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1

Der Junge lag auf dem Schoß der Mutter und schien zu schlafen. Er war zu groß für sie, ein Brocken von einem Achtjährigen, quer über den mageren Oberschenkeln der Mutter, die ihre Arme um seinen Leib und unter den blonden Kopf gelegt hatte, um ihn zu stützen.

»Nicht«, sagte die Mutter fast unhörbar. »Nicht. Nicht. Nicht.«

Das linke Auge des Jungen war geschwollen und von geronnenem Blut bedeckt.

»Nicht«, sagte die Mutter noch einmal.

Langsam hob sie das Gesicht zur Decke und holte Atem.

»Nicht!«

Der Schrei füllte den Raum so plötzlich, dass der Vater einen Schritt zurücktrat. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, eine dramatische Geste, noch ge­­steigert dadurch, dass er sich zur Wand umdrehte und rhythmisch mit dem Kopf gegen die helle Tapete schlug.

»Ich hätte besser aufpassen müssen«, stöhnte er.

Tock. Tock.

»Es ist meine Schuld. Alles ist meine Schuld. Aufpassen. Immer aufpassen.«

Tock. Tock. Tock.

»Nicht«, schrie die Mutter noch einmal.

Der Mann drehte sich zu ihr um.

Speichel tropfte von seinen Lippen. Blut strömte aus dem einen Nasenloch, aber das schien er nicht zu be­­merken. Er ließ die Arme sinken. Er schien in dem hellgrauen Sommeranzug zu schrumpfen, er schien zu ­welken, wie er da stand und das Blut auf seinen roten Schlips laufen und von ihm aufsaugen ließ.

Die Mutter senkte den Kopf über das zerschundene Gesicht ihres Sohnes und versuchte, seinen linken Arm an seinen Körper zu ziehen. Das ging nicht. Der Arm war gebrochen, am Ellbogen.

Ein Turnschuh lag auf dem Boden.

Der andere hing noch immer am Fuß des Jungen, wippte über den Zehen. Der Schuh war blau und schmutzig und konnte jeden Moment herunterfallen.

Größe 37 oder so, dachte Inger Johanne Vik.

Acht Jahre alt und große Füße. Ferse und Spitze der Socke waren verschlissen.

»Nicht«, murmelte die Mutter wieder und wieder.

»Was ist passiert?«, hätte Inger Johanne gern gefragt, als sie in der Türöffnung stand und zu begreifen versuchte, was sie vor sich sah.

Ihre Stimme versagte.

Sie spürte ein schwaches Vibrieren unter ihren Füßen. Einen Stoß, wie durch ein fernes Erdbeben. Nur für einen Augenblick, dann war es wieder ruhig.

Nicht einmal die Mutter war mehr zu hören.

»Was ist passiert?«, konnte Inger Johanne endlich hervorbringen.

»Ich habe nicht aufgepasst«, sagte der Vater und hob eine schlaffe Hand zur Trittleiter, die mitten in dem großen Wohnzimmer stand.

»Du hast nicht aufgepasst«, wiederholte die Mutter mechanisch in die blutdurchtränkten Haare des Jungen.

»Seid ihr sicher, dass er ...«

Inger Johanne versuchte, einen Schritt auf das Sofa zu zu machen.

»Nicht anfassen«, schrie die Mutter verzweifelt. »Fass mein Kind nicht an!«

»Dann glaube ich ...«, begann Inger Johanne.

Sie hatte hier nichts zu glauben. Nichts zu glauben. Nur zu sehen: die Trittleiter unter der leeren Decke. Keine Lampe dort oben. Kein Haken. Nichts, was zu­­rechtgerückt oder repariert werden müsste, eine hohe Trittleiter, die völlig fehl am Platze war in einem gro­­ßen und aufgeräumten, eleganten Wohnzimmer, wo auf der anderen Seite der Esstisch festlich gedeckt war. Überall Blumen. Wiesenblumen und Gartenrosen in identischen Glasvasen und kleine feste Gestecke zwischen den Gedecken auf dem Tisch. Hinter der Fensterwand hing die Wolkendecke tief und einförmig. Von unten, mitten aus der Innenstadt, konnte Inger Johanne dennoch eine Rauchsäule aufsteigen sehen, dunkleres Grau vor dem dahinter liegenden Fjord.

Ein festlich geschmücktes Wohnzimmer.

Eine blaue Taschenlampe, wie sie jetzt sah, neben dem einen Bein der Trittleiter, eine dunkelblaue große Taschenlampe mit einem Bild von Lightning McQueen. Ein Bund alter Farbstifte, verschlissene und verschmutzte Wachsmalkreide auf einem Stapel.

Ein toter Junge.

Die Taschenlampe brannte.

Ohne so ganz zu wissen, warum, warf Inger Johanne einen verstohlenen Blick auf die Uhr. Die zeigte 15.28 Uhr, es war Freitag, der 22. Juli 2011.

»Ich muss die Polizei anrufen«, sagte sie leise.

»Die Polizei«, flüsterte die Frau heiser. »Was kann die Polizei denn für meinen Jungen tun?«

»Nur der Ordnung halber«, murmelte Inger Johanne hilflos. »Ich halte es für das Beste.«

Durch die offene Balkontür hörten sie in der Ferne Sirenen.

Viele Sirenen. Sie waren überall, wie es schien.

 

Es war ihr vierter Versuch. Inger Johanne konnte nicht be­­greifen, warum der Notruf an einem friedlichen Freitagnachmittag mitten in der Ferienzeit so unterbesetzt war.

»Notruf der Polizei. Worum geht es?«

Endlich.

»Hallo. Inger Johanne Vik ist mein Name.«

Ein kurzes Zögern.

»Worum geht es?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung leicht gereizt.

»Ein Todesfall. Ein achtjähriger Junge, der ...«

»Im Regierungsviertel? Wo?« Die Frau am anderen Ende der Leitung wirkte gehetzt. »Sehen Sie Rettungsmannschaften in Ihrer Nähe?«, rief sie.

»Nein. Im Regierungsviertel? Ich bin in Grefsen. Bei jemandem ... ich bin bei Freunden, die ...«

»In Grefsen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Sie wohnen im Glads vei.«

»Professor Dahls vei?«

»Nein, der liegt doch gar nicht in Grefsen.«

Inger Johanne war zum Telefonieren in die große Diele gegangen. Jetzt bereute sie das. Die Eltern dürften mit dem Kind nicht allein sein. Dürften überhaupt nicht allein sein. Langsam, als ob sie etwas Verbotenes täte, schlich sie die Treppe zum Wohnzimmer hoch und senkte die Stimme.

»Ich bin im Glads vei. G-L-A-D. Ein Kind ist ... hier ist ein totes Kind. Ein Unfall, wie es aussieht, aber ...«

Die Verbindung riss ab.

»Hallo?«, fragte Inger Johanne.

Keine Antwort.

 

An den folgenden Tagen fragte Inger Johanne sich immer wieder, wie sie es dort überhaupt ausgehalten hatte. Mehrere Male hatte sie das Ehepaar mit dem Kind im Wohnzimmer allein lassen müssen. Die Übelkeit, die sie plötzlich überkommen hatte, hatte sie immer wieder ins Gästebad getrieben, das von der Diele abging. Beim ersten Mal hatte sie zwei Finger dahin stecken müssen, wo die Zunge rau und hart ist. Danach kamen bittere Galle und die Reste eines eiligen Mittagessens hoch, wenn sie sich über die Kloschüssel beugte. Den ­bitteren Nachgeschmack konnte sie unmöglich hinunterspülen, und im Bad duftete es nicht mehr nach Jasmin.

Der Mann und die Frau, die soeben ihr einziges Kind verloren hatten, saßen nebeneinander auf dem Sofa. Der Junge lag noch immer auf dem Schoß der Frau. Der Vater durfte seiner Frau den Arm um die Schulter legen, aber jedes Mal, wenn er die freie Hand hob, um den Jungen zu berühren, schrie die Mutter wieder: »Nicht!«

Auf Inger Johanne achteten sie überhaupt nicht. Sie sprachen nicht mit ihr und beantworteten ihre Fragen nicht mehr. Als sie vom ersten Besuch auf der Toilette zurückkam, hatte der Mann aufgeräumt. Die Trittleiter war verschwunden. Das Blut auf dem Boden war weg­gewischt. Die Taschenlampe mit dem Bild von Lightning McQueen war nirgendwo zu sehen. Die Farbstifte auch nicht. Inger Johanne hätte weinen mögen, als sie die beiden noch einmal und diesmal eindringlicher daran er­­innerte, dass alles unberührt bleiben müsse, bis die Polizei eintraf. Der Mann gab keine Antwort. Sah sie nicht an. Saß nur steif neben seiner Frau und starrte auf den Jungen.

Es war ohnehin zu spät.

Das Wohnzimmer war ordentlich und sauber, als ob es in wenigen Stunden fröhliche Gäste empfangen würde.

Wenn da nur nicht das tote Kind gewesen wäre.

»Nicht«, murmelte die Mutter fast unhörbar.

Es war zehn nach vier, und Inger Johanne hatte bei der Polizei noch immer niemanden erreicht.

»Yngvar«, murmelte sie und wählte seine Nummer.

Nach sechs Klingeltönen wurde sie auf die Mailbox umgeleitet.

»Ruf an«, flüsterte sie. »Du musst mich anrufen. Sofort. Sofort!«

Sie gab sich alle Mühe, sich an ihre Festnetznummer zu erinnern. Der Festanschluss wurde kaum noch be­­nutzt. Endlich fanden ihre Finger die richtigen Ziffern.

Nach zehn vergeblichen Klingeltönen legte sie auf.

Plötzlich schrillte das iPhone im Regal über dem Kamin. Die beiden auf dem Sofa zeigten keinerlei Reaktion.

»Ist das deins?«, fragte Inger Johanne und versuchte, den Blick der Frau einzufangen.

»Nicht«, murmelte die Mutter in die Haare des Jungen.

»Ellen«, sagte Inger Johanne, »kann ich da rangehen?«

Ohne die Antwort, die ja doch nie kommen würde, abzuwarten, griff sie nach dem iPhone und berührte das Display mit dem Daumen.

»Hallo?«

»Hallo, Ellen.«

Eine Frauenstimme redete atemlos drauflos.

»Hier ist Marianne. Ich wollte nur fragen, ob es nicht besser wäre, das Fest abzusagen, jetzt, wo ...«

»Hier ist nicht Ellen. Hier ist Inger Johanne.«

»Inger Johanne? Hab ich die falsche ... ich dachte, wir sollten um sieben kommen.«

»Ja, schon. Ich bin hier, um ... ich wollte ein bisschen helfen, und dann ...«

»Aber jetzt, wo diese schreckliche Sache passiert ist, dachte ich ...«

Inger Johanne drückte sich Daumen und Zeigefinger auf die Nasenwurzel.

»Ja«, sagte sie leise und kehrte den beiden auf dem Sofa den Rücken zu. »Es ist entsetzlich. Aber woher in aller Welt weißt du schon ...«

»Meine Schwester ist mit einem Muslim verheiratet«, sagte Marianne am anderen Ende der Leitung. »Zwei Kinder. Zwei dunkle Kinder! Wie soll es in diesem Land jetzt weitergehen?«

Ihre Stimme versagte.

»Muslim«, wiederholte Inger Johanne verwirrt. »Ich verstehe nicht so ganz, was ...«

Marianne schluckte hörbar, dann räusperte sie sich und sagte laut: »Ich kann jetzt jedenfalls nicht kommen. Das Beste wäre, die ganze Sache abzusagen. Kannst du das Ellen einfach ausrichten? Die anderen sind sicher auch nicht in der Stimmung, um in Erinnerungen an die Schulzeit zu schwelgen, jetzt, wo so etwas in Norwegen passiert. In Oslo.«

»Natürlich wird das Essen ausfallen, aber was ...«

»In unserer Stadt, Inger Johanne, in unserer Stadt!«

»Marianne ...«

»Hast du die Bilder gesehen? Im Fernsehen? Das müssen doch viele Hundert Tote sein. Und meine Schwester ist ja ...«

»Marianne«, sagte Inger Johanne, jetzt mit schärferer Stimme. »Worüber redest du eigentlich? Was zeigen sie im Fernsehen? Was ist passiert?«

»Weißt du das nicht?«

»Nein.«

»Weißt du nicht, dass jemand die halbe Innenstadt in die Luft gesprengt hat? Eine Riesenbombe, Inger Johanne! Terroristen, heißt es, muslimische Terroristen, und was jetzt ...«

Inger Johanne hörte nicht mehr zu. Sie hörte nichts mehr.

Sie stand mit dem Rücken zum Kamin und schaute zum Sofa hinüber. Dann ließ sie den Blick zum Fenster wandern. Hinter den regennassen Rosensträuchern im Garten und den heruntergekommenen Stadtvierteln, die Grefsen vom Zentrum trennten, vor dem grauschweren Fjord, ganz weit unten, ein wenig östlich vom gedrun­genen Rathausturm, war die Rauchsäule etwas größer geworden.

»Du weißt doch, wer heute Abend kommen wollte«, sagte Inger Johanne langsam.

»Ja, ich habe die Gästeliste zusammengestellt. Alle Mädchen aus der 3b, außer ...«

»Ruf sie an. Sag ab.«

»Kann Ellen nicht ...«

»Bitte.«

»Aber meine Schwester ...«

»Ruf an, Marianne. Sag ab. Bitte. Kann ich mich darauf verlassen?«

Es knackte in der Leitung, und Inger Johanne sagte noch einmal: »Bitte, Marianne.«

»Na gut. Von mir aus.«

»Du hast nicht aufgepasst«, weinte Ellen auf der anderen Seite des Wohnzimmers.

Die Verbindung wurde unterbrochen.

»Ellen«, sagte Inger Johanne, so ruhig sie konnte, und ging einige Schritte auf das makabre Bild auf dem Sofa zu. »Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn ...«

Sie wurde vom Knall einer zuschlagenden Tür unterbrochen und fuhr zusammen. Dem Klirren, mit dem ihr eigenes Telefon auf den Boden aufschlug, folgten schnelle Schritte aus der Diele und eine summende Stimme, die sich dem Wohnzimmer näherte.

»Hallo«, sagte ein Mann fröhlich und breitete die Arme aus. »Bist du so weit, Jon? Eure Klingel funktioniert nicht, nur damit ihr das wisst.«

Der Mann konnte höchstens dreißig sein. Er fuhr sich mit der Hand durch die dichten halblangen Haare, die stärker sommerlich gebleicht waren, als nach den letz­­ten Wochen zu erwarten gewesen wäre. Das eng sitzende eisblaue T-Shirt betonte die sonnenbraune Farbe der Haut. Noch immer lächelte er strahlend und musterte Inger Johanne mit rasch abnehmendem Interesse, dann machte er zwei Schritte auf das Sofa zu.

»Hallo, Tarzan«, sagte er grinsend zu dem Jungen. »Sollen wir ...«

Er unterbrach sich. »Was zum Teufel ...«

»Nicht«, murmelte Ellen.

»Was zum Teufel«, sagte der Mann atemlos. »Jon! Jon, verdammt, was ist denn mit Sander los?«

»Sander ist tot«, sagte Inger Johanne. »Ich versuche schon die ganze Zeit, die Polizei anzurufen, aber die ...«

»Tot? Was soll das heißen ... reden Sie keinen Scheiß! Jon! Jetzt sag doch was! Was ist los mit euch? Was ist los mit ...«

»Nicht«, flüsterte Ellen.

»Ich habe nicht aufgepasst«, wiederholte Jon mit monotoner Stimme.

»Die Polizei«, sagte Inger Johanne und hob ihr zerbrochenes Telefon auf. »Wir müssen die Polizei informieren, aber die sind offenbar beschäftigt mit dieser ... Explosion in der Innenstadt.«

»Explosion?«, wiederholte der Mann. »Welche Explosion? Was ist mit Sander passiert und was ...«

Er machte einen Schritt zum Sofa hin, überlegte sich die Sache aber anders und blieb stehen.

Inger Johanne holte tief Luft.

»Wir müssen die Polizei informieren«, sagte sie noch einmal. »Aber es gab in der Innenstadt offenbar ein ... einen größeren Zwischenfall, und damit sind sie be­­schäftigt. Ich schlage vor, Sie ...«

Sie starrte den jungen Mann an.

»Joachim«, sagte der heiser. »Ich heiße Joachim. Jon, Sander und ich wollten doch ... Ich meine, Ellen hatte doch Gäste eingeladen, und wir ...«

Er kam nicht weiter. Inger Johanne konnte sehen, dass sich seine blauen Augen mit Tränen füllten und dass er seinen Blick nicht von dem toten Jungen abwenden konnte.

»Du bleibst hier«, sagte sie. »Nichts anfassen. Vor allem ... Sander nicht anrühren. Ich gehe nach unten in die Küche und rufe alle bei der Polizei an, die mir ein­fallen. Ich nehm dein Telefon, Ellen.«

Die Mutter des Jungen gab keine Antwort.

»Hierbleiben!«, sagte Inger Johanne mit scharfer Stimme zu allen zusammen, als hätte sie es mit einer Schar ungehorsamer Hunde zu tun. »Hierbleiben und nichts anfassen.«

Mit ihrem zerbrochenen Telefon in der einen Hand und Ellens iPhone in der anderen ging sie zur Tür. Ein schwacher Duft nach Rasierwasser streifte ihre Nase, als sie an Joachim vorbeikam. Es roch teuer, und über seine Schultern hatte er einen Pullover aus feinem Kaschmir gelegt.

Sie war seit fünfundfünfzig Minuten hier.

Und in der Ferne heulten die Sirenen ununterbrochen.

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