Eine Gebrauchsanweisung für das piratische Berlin
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Montag, 15. Juli 2013 von Robert Löhr


Eine Gebrauchsanweisung für das piratische Berlin

Gebrauchsanweisung für das piratische Berlin
http://goo.gl/maps/2iVvv

Eine standesgemäße Piraten-Tour findet vor allem an einem Ort statt: im Internet. Es gibt aber auch eine Anzahl reizvoller Real-Life-Orte in Berlin, die den Besuch lohnen. Neben Dutzenden von Crews – den piratischen Ortsvereinen/Stammtischen, die über sämtliche Bezirke Berlins verteilt sind – sind es vor allem die folgenden fünf Orte, die ich dem geneigten Leser als eine Art politischer Stadtführung ans Herz legen möchte. Der Spaziergang hat zudem den Reiz, durch sehr lebendige und angesagte Kieze in Mitte, Kreuzberg und Neukölln zu führen. Ich empfehle einen Dienstag.

Wir beginnen unseren Rundgang zu den Anlegestellen der Berliner Piraten standesgemäß im Berliner Abgeordnetenhaus. Hier zog die Piratenpartei im Herbst 2011 ein; Berlin war das erste von bislang vier Landesparlamenten, das die Partei enterte; hier begann mit unübertroffenen 8,9 % der Siegeszug der Partei. Dass dieser Siegeszug im Sommer 2013 ins Stocken geraten scheint, sei dahingestellt: Die Piratenpartei hat damals Geschichte geschrieben, als ihre 15 Abgeordneten die granulierte FDP aus ihren Büros im Preußischen Landtag kickte.
Die Kantine des Abgeordnetenhauses steht für jedermann offen, auch für Touristen, die sich von den Sicherheitskontrollen und den apathischen Parlamentsdienern nicht abschrecken lassen. Stärken wir uns hier also mit einem der einfallslosen Kantinengerichte und einer Club-Mate, nehmen ungezwungen Platz an den Tischchen mit ihren Wachsdecken und Kunstblumen und sehen Bürgermeistern, Senatoren und Abgeordneten beim Diskutieren, Intrigieren und Schnabulieren zu.
Und falls es sich um einen Dienstag handelt, empfiehlt sich der Besuch bei einer piratischen Fraktionssitzung: Um 15:00 treffen sich die #15piraten im Raum 107 zur öffentlichen Sitzung und besprechen die anstehenden Themen. Unterhaltsam ist nicht nur die Ungezwungenheit der piratischen MdAs, sondern vor allem die Spannungen untereinander: Nicht alle Piraten mögen alle Piraten, und es ist reizvoll herauszufinden, wo die Gräben verlaufen und wo Allianzen bestehen. Bei manchen Sitzungen geht es zu wie in einem Dampfkochtopf. Profis verfolgen zeitgleich den Subtext der Abgeordneten auf Twitter.

Begeben wir uns nun zu den Wurzeln der piratischen Bewegung in Deutschland. Ostwärts wandern wir vorbei am Ritter Butzke (Ritterstraße 26) – dem Club, in dem 2011 die Wahlparty der Berliner Piraten gefeiert wurde – bis zur c-basenahe Jannowitzbrücke. Man betritt das Raumschiff entweder über den Hofeingang der Rungestraße 20 oder über einen verborgenen Uferweg an der Spree entlang. Hier wurde 2006 die Piratenpartei Deutschland gegründet – und schon beim Hereinkommen weiß man, warum es hier und nirgendwo anders sein konnte:

»Das Innere der c-base gab sich redlich Mühe, auszusehen wie das Innere eines Raumschiffs, das in Berlin hatte notlanden müssen, kam aber über das liebevolle Szenenbild eines C-Movies nicht hinaus: alte Rechner und Konsolen, alte Röhrenmonitore mit grüner und bernsteinfarbener Schrift in Endlosschleifen, gepimpte Spiel- und Getränkeautomaten, ausgestopfte Aliens und abgelegte Raumanzüge, in den Ecken massenhaft ausrangierte Platinen, Oszilloskope, Strom- und Spannungsmesser, die Wände verkleidet mit Aluminiumblech und Lochplatten und beklebt mit QR-Codes, Schaltkreisen und postapokalyptischen Warnschildern vor Hochspannung, Radioaktivität und freilaufenden Zombies.«

Man kann sich wahrlich satt sehen an der Ausstattung der c-base und an ihren Gästen. Die Website gibt einen Vorgeschmack darauf. Je nach Wochentag kann man Programmierern, Hackern, Robotikern, Designern oder Musikern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. – Aber aufgemerkt: Die c-base ist keine Event-Kneipe, sondern ein Verein. Besucher sollten das respektieren.

Auch der Kinski Club in Kreuzkölln (Friedelstraße 28) ist ein Verein, bei dem man unter Umständen erst Mitglied werden muss, bevor man eine Club-Mate über die Theke gereicht bekommt. Aber keine Sorge: Die Mitgliedschaft kostet einen Euro, der Ausweis ist ein Schnipsel Papier. Während sich die verschiedenen Bezirkspiraten bei ihren Crewtreffen versammeln, versammelt sich im Kinski jeden Dienstagabend die Gesamtheit der Berliner Piraten zum Trinken, Rauchen und Diskutieren. Besonders im Sommer, wenn der gesamte Kiez auf die Straße drängt, lohnt das Kinski den Besuch. Hier kann man sich auch von der Offenheit der Piraten gegenüber Neulingen überzeugen (auch wenn diese eine andere politische Meinung vertreten). Man kann die Partei für vieles kritisieren, aber ich habe alle Piraten, denen ich ihm im Lauf meiner Recherche begegnet bin – vom Crewmitglied bis hin zum Abgeordneten – immer als freundlich, höflich und dialogbereit wahrgenommen.

Als Schmankerl führt ein kleiner Abstecher aus der Stadt heraus zum Wahrzeichen dessen, was in Berlin schiefläuft: der BER, also known as Flughafen Willy-Brandt-Schutz, Klaus-Wowereit-Bauruine oder ProblemBER. Das Milliardengrab, das ursprünglich im Oktober 2011 öffnen sollte, dann im Juni 2012, dann im Herbst 2013, jetzt aber definitiv am 35. Mai 2014, ist für die Piraten insbesondere deshalb interessant, weil der Piraten-Abgeordnete Martin Delius den zuständigen Untersuchungsausschuss leitet. Die Piraten betreiben hierzu auch die kritische Website „BER-Watch“ (ber.piratenfraktion-berlin.de).
Die kuriosen Probebetriebe in der Abfertigungshalle, wie sie im Roman beschrieben werden, sind abgeschlossen, aber immerhin bietet der Flughafen viermal wöchentlich Baustellentouren an. Anregend und gruselig zugleich, diese perfekte Neubauruine zu besichtigen. Als ich mit der Arbeit an ERIKA MUSTERMANN begann, war das BER-Debakel noch lange nicht absehbar, und ich freue mich, dass ich den richtigen Riecher hatte. Ohnehin ist erstaunlich, wie zahlreiche in meinem Roman gemutmaßte Ereignisse Wirklichkeit geworden sind, wie z.B. der Rücktritt von Dr. Annette Schavan oder die Auflösungserscheinungen der Piratenfraktion. Man wird mir Trittbrettfahrerei vorwerfen.

www.piratenfraktion-berlin.de
www.parlament-berlin.de
www.ritterbutzke.de
c-base.org
kinskiclub.com
ber.berlin-airport.de


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