Ein Interview mit Kate Lord Brown
Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich

Mittwoch, 17. Juli 2013 von Piper verlag


Ein Interview mit Kate Lord Brown

»"Das Haus der Tänzerin" ist ein sehr persönlicher Roman.« sagt Kate Lord Brown über ihren Roman. Im Interview erzählt sie, wie sie die Idee zum Buch gefunden hat.

Was hat Sie zu dem Buch inspiriert?
Das Haus der Tänzerin ist ein sehr persönlicher Roman. Er ist inspiriert von den Jahren, in denen wir in Spanien lebten. Ich wollte verstehen, warum es einen „Pakt des Vergessens“ über den Bürgerkrieg gab. Die Recherche für das Buch hat mich sehr mitgenommen, als ich begriff, wie ein so schönes Land sich im wahrsten Sinne des Wortes zerfleischt hat. Die schrecklichen Ereignisse liegen gar nicht lange zurück. Es hat mich sehr bewegt, wie sich ganz normale Männer und Frauen sowie viele Schriftsteller und Künstler aus der ganzen Welt den Internationalen Brigaden angeschlossen haben, um für die Demokratie zu kämpfen, und deshalb entschied ich mich dafür, mich auf sie zu konzentrieren. Vergangenes Jahr fuhren wir wegen meiner letzten Recherchen noch einmal nach Valencia und konnten unserer Tochter zeigen, wo sie geboren wurde. Das war sehr schön.

Was war das Schwierigste bei Ihren Recherchen und beim Schreiben?
Als Mutter empfand ich die grauenhaften Erfahrungen der Frauen und Kinder in den Gefängnissen als ganz besonders schlimm. Während ich Rosas Geschichte schrieb, weinte ich viele Male um sie alle.

Warum haben Sie sich für eine doppelte Zeitachse entschieden?
Ich wollte, dass die Geschichte eine befreiende Wirkung hat – hätte ich mich allein auf den historischen Aspekt beschränkt, wäre das wegen all der schrecklichen Ereignisse damals ein schwieriges Unterfangen gewesen. Ich wollte zeigen, dass Familien überleben können, und ich wählte das Haus als Mittelpunkt beider Geschichten.

Ihre Lieblingsdüfte?
In der Natur liebe ich frisch gemähtes Gras, den Geruch eines Lagerfeuers im Herbst, Orangenblüte, Gardenie und Jasmin ... ich könnte diese Aufzählung ewig fortsetzen. Alle diese wundervollen natürlichen Düfte habe ich in die Geschichte des Gartens hineingewoben. Und was Parfüms anbelangt, da gefallen mir zum Beispiel Annick Goutals „Eau de Sud“ und Diptyques „Philosykos“.

Was lesen Sie gerne, wenn Sie nicht schreiben?
In unserem Haus gibt es immer zu viele Bücher und zu wenig Platz dafür! Ich lese alles Mögliche – von historischen Texten bis zu zeitgenössischer Literatur. Ich bewundere Schriftsteller wie James Salter und William Boyd. Außerdem lese ich viele Gedichte (besonders Neruda, Rilke, Lorca), das schärft den Blick für die Schönheit der Sprache und den Rhythmus bei der eigenen Arbeit.

Was dürfen wir als nächstes von Kate Lord Brown erwarten?
Ich habe gerade ein neues Buch fertiggeschrieben – es spielt im Europa des Zweiten Weltkriegs, und alles, was ich liebe, kommt darin vor: ein schönes Haus, tapfere, außergewöhnliche vergessene Helden, unabhängige, kluge Frauen, Kunst, Jazz, Spionage ... Als ich zum ersten Mal etwas über diese wahre Geschichte las, die mich zu dem Buch inspirierte, dachte ich: Das ist nicht zu fassen, warum kennt diesen Mann nicht alle Welt? Ich bin total begeistert und freue mich darauf, es bald zu veröffentlichen.


Blick ins Buch
Das Haus der TänzerinDas Haus der Tänzerin

Roman

Die alte Villa in den Hügeln von Valencia ist für Emma der perfekte Rückzugsort: Der verwilderte Garten duftet nach Orangenblüten, die Leute im Dorf sind hilfsbereit und schon bald eröffnet die gelernte Parfümeurin einen Blumenladen. Doch warum vermachte ihre verstorbene Mutter ihr dieses Anwesen? Immer mehr fühlt sich Emma von der geheimnisvollen Vergangenheit des Hauses angezogen. Und dann entdeckt sie ein zugemauertes Zimmer ...
Taschenbuch
€ 11,00
E-Book
€ 8,99
€ 11,00 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

London, 11. September 2001

 

Das Problem, Em, liegt darin, dass sie – also die Ärzte – gesagt haben, es wäre »ein Abschluss« für mich (was für ein schauderhaftes Wort), wenn ich dir einen Brief hinterlasse. Ich sagte: »Glauben Sie wirklich, ich kann die Erfahrung eines ganzen Lebens in einem einzigen Brief zusammenfassen? Kann ich alles, was ich meiner Tochter sagen will, auf ein paar wenige Seiten Papier bringen?« Ich kann es nicht. Du kennst mich. Ich habe doch nie aufgehört, weiterzuquasseln, mein Schatz.

 

Emma kam in diesem Moment ein Bild von Liberty in den Sinn – ihre Mutter am Küchentisch bei ihrer Großmutter Freya sitzend. Das musste Ende der Siebzigerjahre gewesen sein, denn vor der Morgensonne bildeten Libertys kastanienbraune, im Stil von Kate Bush gewellte Haare einen Heiligenschein, und im Radio lief Blondie. Beim Reden gestikulierte sie mit den Armen, und Freya konnte sich kaum halten vor Lachen. Emma hatte es sich im Hundekorb neben dem Ofen gemütlich gemacht und aß Toast, während sie mit Charles’ neuem Boxerwelpen kuschelte. Das hatte sie noch in Erinnerung – den charakteristischen Geruch von zu Hause, von frisch gebrühtem Kaffee, knusprigem Toast, den trockenen Keksgeruch des Hundes, während er an dem grünen Emailschild mit der Aufschrift »Head Girl« spielte, das an ihrem Wollpullover steckte. Manche Menschen erinnern sich anhand von Bildern oder Liedern, aber bei Emma war es stets der Duft. Liberty hatte ihr viel beigebracht, und schon als Kind erkannte sie instinktiv die harmonischen Noten des Duftakkords, der für sie »zu Hause« ausmachte.

»Emma, Liebes, nun steh doch auf«, hatte Freya damals gesagt. »Deine Schuluniform ist ganz voller Haare.« Emma erinnerte sich, wie warm der Hund war, an seinen zarten hellbraunen Bauch, der sich an ihre kleine Hände schmiegte. Sie erinnerte sich, wie Liberty sie gekitzelt hatte, bis sie beide kichernd auf dem Boden lagen, während der kleine Hund um sie herumsprang. Wenn ihre Mutter sie umarmte, atmete Emma den Duft ihres Parfums ein. Rosen – für sie roch Liberty immer wie ein Rosengarten in voller Blüte; warm, sonnendurchflutet, ein reines soliflore.

 

Du merkst gleich, ich habe es ein wenig übertrieben. Ich habe dir eine ganze Schachtel Briefe zurückgelassen, für jede Gelegenheit, die mir nur einfällt, einen. Und mein letztes Notizbuch habe ich dazugelegt. Ich würde mich freuen, wenn du da weitermachst, wo ich aufgehört habe, Em. Versprich mir, dass du es weiterführst. Benutze es. Fülle es mit wundervollen Dingen.

 

Emma stützte den Ellbogen auf den Koffer neben ihr. Sie war monatelang auf Reisen gewesen, aber während sich der Routemaster-Doppeldecker der Linie 22 durch den Mittagsverkehr auf der King’s Road quälte, spürte sie, wie all die Zeit von ihr abfiel. Es war ein typischer kühler, grauer Londoner Tag, ein leichter Herbstwind blies Laub über die Gehsteige. Nichts hatte sich geändert, nur sie selbst. Die Übelkeit, die sie seit Monaten verfolgte, stieg wieder in ihr auf, und sie wühlte in ihrer Tasche nach einem Pfefferminzbonbon. Das Futter war zerrissen, und während sie Libertys Brief las, fuhr sie mit dem Zeigefinger am Saum entlang, suchte jedoch vergeblich. Schon hundert Mal hatte sie mit gezücktem Stift die letzte Seite im Notizbuch ihrer Mutter aufgeschlagen, war jedoch erstarrt, unfähig, an der Stelle weiterzuschreiben, wo Liberty aufgehört hatte. Nichts kam ihr wundervoll genug vor. Ein letztes Mal überflog Emma den Brief. Sie hatte nur diesen einen mit auf ihre Reisen genommen und ihn so oft gelesen, dass das Papier an den Falzen schon auseinanderbrach. Die Briefe warteten in einem schwarzen Lackkästchen in Libertys Werkstatt auf sie, ungeöffnet. Nachdem das Testament ihrer Mutter verlesen worden und Joe abgereist war, war Emma stundenlang dagesessen und hatte im Licht der Morgendämmerung, das durch das schräge Glasdach fiel, das Kästchen angestarrt. Sie hatte es in die Mitte von Libertys Tisch gestellt – einer eigens gebauten »Parfümeur-Orgel«, umgeben von mehrstufigen Regalen mit Flaschen, die je eine Duftnote enthielten. So hatte Liberty Emma ihr Handwerk beigebracht – sie sollte sich jede Essenz als musikalische Note vorstellen, jedes Fläschchen auf der Orgel als Taste. Hier hatte Liberty all ihre Meisterstücke komponiert, hier hatte Emma als Kind gespielt. An diesem Ort spürte sie die Präsenz ihrer Mutter immer noch am meisten.

 

Das Klirren der Milchflaschen, die geliefert wurden, hatte sie schließlich endgültig aufgeweckt, und sie hatte den Deckel des Kästchens abgenommen. Sie war sich nicht ganz sicher, was sie von Liberty erwartete – eine Konfettiexplosion, eine zusammengerollte Papierschlange, die ihr entgegensprang. Sie lachte erleichtert, als sie feststellte, dass ihre Mutter das Kistchen innen einfach leuchtend orange angemalt hatte – ihre Lieblingsfarbe. Mit zitternder Hand nahm sie das obenauf liegende lose Blatt ab. Darunter befand sich ein Päckchen Briefe, zusammengebunden mit einer kirschroten Samtschleife, und das kleine schwarze Notizbuch. Auf dem ersten Umschlag stand »Über die Familie«. Als Emma den dazugehörenden Brief von ihrer Mutter las, stiegen ihr Tränen in die Augen.

 

Ich hab dich lieb, Em. Ich bin so unglaublich stolz auf die Frau, zu der du geworden bist. Die Vorstellung, dich zu verlassen, ist unerträglich, aber du musst wissen, dass meine Liebe dich überallhin begleitet und immer bei dir sein wird. Ich weiß, dass die Liebe weiterlebt.

Kuss, Mama

 

An diesem Morgen war sie versucht gewesen, gleich alle Umschläge aufzureißen, Libertys Worte hungrig zu verschlingen. Schon diesen einen Brief immer wieder zu lesen brachte sie ihr näher. Aber sie wartete. Als sie Freya erzählte, sie habe beschlossen, die Briefe in London zu lassen, solange sie unterwegs war, hatte Freya gelacht.

»Das ist deine Entscheidung, Em«, sagte sie. »Du hast dir schon als Kind immer deine Naschereien aufgehoben. Ich kenne niemanden, der sich einen Schokoriegel so lange aufgespart hat.«

Emma holte tief Luft und blickte aus dem Fenster. Zu ihrer Haltestelle war es nicht mehr weit. Vielleicht sollte ich mal damit aufhören, das Beste bis zum Schluss aufzuheben, dachte sie. Sie faltete den Brief zusammen, steckte ihn in das Moleskine-Notizbuch ihrer Mutter, das sie auf dem Schoß liegen hatte, und blätterte weiter durch die in Libertys extravaganter Handschrift beschriebenen Seiten. Einzelne Wörter sprangen ihr entgegen – »Neroli«, »duende«,

»Leidenschaft«. Ihre Mutter hatte Zeitungsausschnitte neben ihre Notizen und Rezepte für die neuen Parfüms, an denen sie arbeitete, geklebt – Bilder von Orangenhainen und leuchtend blauem Himmel, eine vergilbte Zeitungsanzeige für eine Ausstellung von Robert Capa. Es war das berühmte Bild »Der fallende Soldat, Tod eines spanischen Legionisten«. Emma fuhr mit dem Finger über das Gesicht des Soldaten und fragte sich, was er wohl in dem Augenblick gedacht hatte, in dem der Tod ihn erwischte, als er den Abhang hinunterlief. Sie fragte sich, was er im Fallen gesehen hatte. Als sie das Papier berührte, spürte sie etwas darunter. Sie blätterte zur nächsten Seite und entdeckte den kleinsten Umschlag, den Liberty in das Kästchen mit den Briefen gelegt hatte. Ihre Mutter hatte eine Adresse darauf geschrieben: Villa del Valle, La Pobla, Valencia, Spanien. In dem Umschlag befand sich lediglich ein alter Schlüssel. Ich muss Freya fragen, ob sie etwas darüber weiß, dachte sie. Nachdem sie diesen Umschlag geöffnet hatte, hatte Emma die ganze Nacht wach gelegen, mit dem Schlüssel gespielt und sich alles Mögliche ausgemalt. Typisch Mum, dachte sie und erinnerte sich an all die Entdeckungsreisen, auf die Liberty sie als Kind mitgenommen hatte, die Hinweise, die sie für Emma ausgelegt hatte, damit sie versteckte Geschenke fand. Die Jagd, die Vorfreude, das hatte ihr immer mehr Spaß gemacht als das Geschenk selbst. Emma lächelte traurig, als sie den Umschlag wieder in dem Notizbuch verstaute.

Emma blätterte weiter, entdeckte das melancholische, abgeklärte Gesicht einer Madonna, das Bild einer weiß getünchten Wand, überwachsen mit leuchtenden Bougainvilleen. Die Notizen wurden gegen Ende spärlicher, die Handschrift weniger sicher. Sie spürte, dass Liberty zurückgeblickt hatte, genauso wie nach vorn. Neben einem aufgeklebten Etikett von »Chérie Farouche«, dem Parfum, das Liberty zu Emmas achtzehntem Geburtstag kreiert hatte, hatte sie geschrieben: »Es gibt Düfte, frisch wie Kinderwangen, süß wie Oboen, grün wie frisches Laub – Baudelaire.« Es war immer noch Emmas unverkennbarer Duft. An ihr roch es zunächst wie Regen in einem Garten, frisch und betörend, und wenn dann die grünen Kopfnoten verflogen, dachte Emma an Erde, an das Blumenpflücken im Wald mit ihrer Mutter. Die Herznote, bestehend aus Maiglöckchen und Jasmin, vermischte sich perfekt mit der Basis aus Sandelholz und Moschus. Liberty sagte immer, der Duft sei genau wie sie – schüchtern, aber überraschend stürmisch. In dieser Seite steckte ein Foto von Liberty mit Emma als Baby. Emma blätterte weiter, und eine unerträgliche Sehnsucht packte sie, als sie das schöne, offene Lächeln ihrer Mutter betrachtete. Emma verharrte bei der letzten Zeichnung ihrer Mutter, vom neuen Liberty Temple Parfumflakon. Hastig hatte sie daruntergeschrieben: »Jasmin? Orangenblüte, ja!«

Dann kamen die quälenden Leerstellen. Die leeren Seiten, die ihre Mutter ihr zum Vollschreiben übrig gelassen hatte. Emma blinzelte, während sie das Goldfiligranmedaillon betastete, das sie um den Hals trug. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Rückkehr nach Hause sie so mitnehmen würde. Monatelang hatte sie sich eingeredet, dass sie damit zurechtkäme, während sie durch endlose Besprechungen schlafwandelte. Länder und Hotelzimmer gingen ihr wie in einem Kaleidoskop durch den Kopf. Instinktiv legte sie die Hand auf die sanfte Schwellung ihres Bauchs. Etwas Wundervolles, dachte sie. Sie holte einen Stift aus der Tasche, strich die erste leere Seite glatt und schrieb: »Spanien.«

 

 

Madrid, September 1936

 

»Qué pasa? Wie war die Besprechung?« Rosa schlenderte auf das Café zu, die Hand auf der Waffe an ihrem Gürtel. Sie war gekleidet wie ein republikanischer Milizsoldat, aber ihre Bewegungen hatten den Rhythmus und die Präzision einer Flamencotänzerin, und ihr eng gegürteter Overall offenbarte eine Taille, die so schmal war wie die eines Kindes. Sie blickte über die gepflasterte Gasse zu den Barrikaden hin. Drei Männer kauerten dort vor einem einzigen Teller mit Essen, über ihnen wehte die rot-gelb-violette Flagge der Republikaner. An den Hauswänden in der Straße klebten knallige Revolutionsplakate.

»Defendeos Contra Fascismo!«, verkündete eines, unter Knochen in der Form eines Hakenkreuzes. Rosa rückte ihr Barett zurecht und strich sich ihre kurz geschnittenen schwarzen Haare glatt. Jordi saß auf der Kühlerhaube des alten Busses und wartete im Sonnenschein auf sie. Er bewachte eine Schafherde, die Richtung Valencia durch die Stadt getrieben wurde, um den Schlachtfeldern zu entfliehen. Als er ihre Stimme hörte, wandte er sich um. Sein dunkles, gegeltes Haar schimmerte. Er sah sie, sprang ab und reckte zum Gruß die Faust in die Luft.

»Señorita Montez. Mi compañero.« Er grinste und zog sie in

seine Arme. »Mi amor«, murmelte er und küsste sie. »Du hast nicht viel verpasst. Irgendein Anarchist aus Valencia hat die Kommunisten verärgert.« Mit den Lippen streifte er ihr über den Hals. »Er will nicht, dass die Russen sich einmischen – spanische Angelegenheiten betreffen nur die Spanier, das hat er in seiner Rede gesagt.« Jordi schüttelte den Kopf. »Sag das mal zu Hitler und Mussolini. Sie bewaffnen Francos Truppen

– welche Hoffnung haben wir Republikaner denn ohne die

Russen?«

Sie stiegen die Steintreppen in den Schatten des Kellercafés hinunter. Im Hintergrund war Musik zu hören: »... the music goes round and round and it comes out here ...« Jordi hielt ihr die Augen zu.

»Was machst du da?«, fragte sie lächelnd.

»Ich habe etwas für dich.« Jordi zog eine lange goldene Kette aus der Tasche und legte sie ihr um den Hals. »Alles Gute zum Geburtstag.« Er küsste die weichen Locken in ihrem Nacken.

»Ich dachte schon, du hättest es vergessen!« Rosa blickte auf das goldene Medaillon und schnappte nach Luft. »Das ist wunderschön, Jordi. Wie konntest du dir das leisten?«

»Es gehörte meiner Mutter. Ich habe es letzten Sommer in Valencia einfach genommen, als Vicente gerade nicht hingeschaut hat. Uff ...« Er krümmte sich, als sie ihm in den Magen boxte. »Er wird es nicht merken! Mein Bruder interessiert sich nur für Geld – hätte er es gesehen, hätte er es verkauft. Mamá fand immer, es sei zu gut, um es zu tragen.« Vorsichtig öffnete er den Filigrananhänger. »Ich glaube, früher hat man es für Parfum verwendet.« Rosa roch daran, nahm einen längst verflogenen Duft wahr. »Aber ich habe unsere Bilder hineingesteckt.«

Rosa erkannte die Studioaufnahmen, die sie vor ein paar Monaten hatten machen lassen. Sie waren sorgfältig zugeschnitten worden, sodass sie in den goldenen Rahmen passten. »Es ist wirklich wunderschön.« Sie küsste ihn, lange, schmeckte das Salz auf seinen heißen Lippen, seiner Haut.

»Versprich mir, dass du es tragen wirst«, sagte er leise. »Was auch passiert, wir werden dadurch immer zusammen sein.«

»Nichts kann uns voneinander trennen, Jordi.«

»Nein«, sagte er und legte ihr die Hand auf den Bauch.

»Ich will nicht, dass du weiter mit uns kämpfst. Sobald ich kann, bringe ich dich nach Valencia. Vicente kümmert sich um dich.« Er nahm eine der letzten wilden Rosen aus einem Marmeladenglas auf der Bar und steckte sie ihr ins Knopfloch.

»Ich gehe nicht.« Rosa grub die Hände in die Taschen ihres Overalls. »Ich kann immer noch kämpfen. Wir sind zusammen. Das ist genug.«

Jordi wandte sich um, um seinen Freund Marco zu umarmen, der bei der Bar stand. Rosa lauschte den Gesprächsfetzen, die von den voll besetzten Mittagstischen herübertrieben, sah zu, wie die Kellnerin sich geschickt zwischen den vielen hoffnungsvollen, einsamen Händen der Soldaten hindurchschlängelte.

»Valencia ist im Moment sicher«, sagte einer der Soldaten.

»Die Stadt ist voller Hafenarbeiter, die der CNT-Gewerkschaft gegenüber loyal sind, und in der Huerta sind lauter reiche Bauern, die den Kopf gesenkt halten und weiterhin in aller Ruhe Reis und Orangen in ihren kleinen Höfen anbauen.«

»Reis und Orangen!« Marco lachte und stieß Jordi an.

»Da solltest du dich bestens auskennen.«

»Ich bin kein Bauer! Ich bin ein recordatore.« Jordi sprang mit der Leichtigkeit einer Katze auf die Bar, und die Leute an den Tischen johlten und klatschten. »Ich bin der größte Stierspringer in ganz Spanien!« Rosa zog ihn lachend herunter. Jordi strich sich die Haare aus den Augen. »Mein Vater, der war Bauer.« Er legte den Arm um Rosa. »Er war ein Landbesitzer, der sein Land verloren hat. Seine Unzufriedenheit hat er mit Cognac hinuntergespült und meinen Bruder auf Lebenszeit verdorben. Vicente ist ein gescheiterter Matador, ein unglücklicher Schlachter, der sich für einen Aristokraten hält. Bis drei oder vier Uhr trinkt er im Café, schläft ein paar Stunden, versorgt die Damen des Dorfes mit Schweinebäuchen ...«

»Nicht nur damit, was man so hört«, murmelte Marco.

»Du willst, dass ich bei diesem Mann wohne?« Rosa lachte unbehaglich.

Jordi zuckte die Schultern. »Es wird sicherer sein als hier. Vicente ist kein político – er steht zwischen den Fronten. Aber er ist mein Bruder, und ich liebe ihn. Ich war eine kleine Überraschung für meine Eltern – sie dachten, nach allem, was meine Mutter bei Vicentes Geburt mitgemacht hat, könnte sie keine Kinder mehr bekommen. Als ich heranwuchs, war er ein Gott für mich.« Jordi wandte sich zu ihr. »Du solltest ihn sehen. Ja, jetzt ist er kahl, und sein Bart und seine Brusthaare sind grau, aber wenn er jeden Tag nach der Siesta hinunter zum See geht, um zu schwimmen, und seinen rosa Bademantel ablegt, dann hat das noch etwas von der Arena, vom Beifall der Zuschauermenge ...« Er beugte sich näher zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem Marco und ich ihm hinterherspioniert haben. Er vögelte die Frau des Postmeisters auf der Glastheke, er hielt den Kopf gesenkt wie ein Stier, die Hose hing ihm um die Knöchel. Seine Hände hoben sich dunkel von ihren Orangenhautschenkeln ab ...«

Rosa kicherte. »Du nimmst mich auf den Arm!«

»Nein! Warte, bis du ihn am See siehst. Vicente steht so da

...« Jordi reckte die Brust vor, stellte sich breitbeinig hin, legte die Hände auf die Hüften und blickte langsam von links nach rechts. »Alle Frauen beten ihn an. Er fasziniert sie mit seinen Geschichten von den toros. Wenn er seinen Bademantel fallen lässt wie ein Seidencape ...« Jordi tat so, als würde er es wegschleudern. »Wenn er dann Luft holt wie ein Stier, dann ist er immer noch Vicente der Große.«

»Das stimmt«, sagte Marco. »Er hatte die Hälfte aller

Frauen im Dorf.«

»Warum hat ihn noch kein wütender Ehemann erschossen?«, fragte Rosa.

»Die Männer haben entweder Angst vor ihm, oder sie bewundern ihn.« Marco nahm einen Schluck. »Ich glaube, das Mal von Vicentes goldenen Schneidezähnen auf dem Körper einer Frau ist für manche Männer wie eine Auszeichnung!« Während die alten Freunde Geschichten über Jordis älteren Bruder austauschten, verzog Rosa die Stirn und widmete sich wieder den Gesprächen um sie herum.

»Zumindest werden sie jetzt nicht vom Osten her Richtung Madrid vorrücken«, sagte ein Soldat. Rosa dachte an den Westen, an den Lärm der Schlacht. Ihr rauschte das Blut noch in den Ohren, ein schrilles Pfeifen wie ein Nachhall der Explosionen.

»Wir werden sie an den anderen Fronten aufhalten, und die

Straße nach Valencia ist frei.«

»Wusstest du, dass sie die Gemälde aus dem Prado auslagern?«

»Hast du gehört, was die Rechten behaupten? Die Roten vergewaltigen Nonnen ...«

»Und was ist mit General Queipo de Llanos Radiomeldungen aus Sevilla? Hast du nicht gehört, dass er seinen Truppen die Frauen von Madrid als Belohnung angeboten hat, wenn sie die Stadt plündern?«

Rosas Blick fiel auf das polierte Holz der Bar, während sich die Gespräche vermischten.

»Queipo de Llano sagt, für jeden Mann, den wir töten, tötet er mindestens zehn.«

Jordi wirbelte herum, um das Gespräch zu unterbrechen. »Deshalb können wir sie nicht gewinnen lassen, compañero. Ja, es gibt Gräueltaten auf beiden Seiten – immerhin herrscht Krieg –, aber Franco wird halb Spanien zerstören, wenn er muss. Sie werfen ganze Dörfer Felswände hinunter.«

»Angeblich organisieren die Falangisten Pferdejagden auf

Bauern«, rief jemand zu Jordi hinüber.

»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte er. »Ich höre ständig Berichte darüber, dass diese Faschisten die Städte ›aufräumen‹, nachdem die Truppen durchgezogen sind, und mit ihren Freundinnen in den Autos ihrer Eltern durch die Gegend rasen und Pistolen abfeuern, als wäre es einfach nur ein Spiel.«

Das Spiel des Lebens, dachte Rosa.

»Das ist kein Spiel!«, rief sie. »Lasst sie kommen, aber kämpft auf Augenhöhe.«

 

Als im Café Beifallsrufe erklangen, wandte sich Rosa ab. Sie spürte, dass Jordi sie beobachtete. »Jordi, ich finde diese Grausamkeit unerträglich«, sagte sie. »Was ist das für eine Welt, in die unser Kind geboren wird?«

Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. »Eine gute Welt. Für unser Kind kämpfen wir für ein freies Spanien, für ein besseres Spanien. Hab keine Angst. Die Nationalisten müssen den Arbeitern Angst einjagen – nur auf diese Art werden sie gewinnen, durch Furcht. Deshalb stellen sie die Leichen zur Schau, deshalb erlauben sie den Leuten, Imbissstände an Hinrichtungsstätten aufzubauen. Für sie ist das ein heiliger Kreuzzug, und sie wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Aber das sind auch nur Menschen, und wir werden gewinnen.«

Rosa blickte auf, als eine Gruppe Männer die Treppe, heruntergelaufen kam und von Jubelrufen und in die Höhe gereckten Fäusten begrüßt wurde. Der Erste der Männer hob den Arm, die Silhouette zeichnete sich vor dem Licht ab.

»Viva la República! Viva la Libertad!«, brüllte Robert

Capa.

»Hey, Capa!«, rief Jordi und umarmte ihn. »Gratuliere! Alle reden von dem Bild ›Der fallende Soldat‹. Jetzt wird die Welt auf Spanien aufmerksam.«

Capa zuckte die Schultern. »Das war ein Glückstreffer.«

»Kennst du meine Freundin schon? Das ist Rosa.« Jordi wandte sich an den Barkeeper. »Etwas zu trinken für meine Freunde.«

»Nein, lass mich.« Capa warf eine Rolle Geldscheine auf die Bar.

»Wer sind diese Leute?«, flüsterte Rosa Jordi zu.

»Fotografen, Journalisten«, sagte Jordi. »Capa hat mich vor einer Weile fotografiert. Sie werden der Welt die Wahrheit über Spanien sagen.«

»Und wir haben verdammt recht«, sagte Capa. Er wandte sich Rosa zu, küsste ihr die Hand und hob den Kopf, sodass er ihr in die Augen sehen konnte. »Du kannst dich glücklich schätzen, Jordi. Ich würde deine Freundin gerne fotografieren.«

»Wohl kaum«, sagte sie.

»Warum, hast du Angst, ich könnte dir die Seele stehlen?«

»Ich glaube nicht, dass es meine Seele ist, für die du dich interessierst.«

Capas Lachen erinnerte sie an eine schnurrende Katze. Er blinzelte Jordi zu. »Wie gesagt, du kannst dich glücklich schätzen.«

»Das tue ich. Und gerade im Moment brauchen wir alles Glück, das wir bekommen können, Capa.«

 

 

London, 11. September 2001

 

Emma sprang vom Bus auf den Gehsteig. Auf den Stufen des Standesamts von Chelsea trieben Rosen- und Goldeschenblätter wie kleine Herzen mit gekreuzten Knochen. In ihrem schwarzen wehenden Mantel bahnte sie sich einen Weg durch die Menge, und die Absätze ihrer polierten braunen Stiefel klackerten, während sie ihren silbernen Koffer mit den flatternden Anhängern der Fluglinien hinter sich herzog. Sie blieb kurz stehen, um das frisch verheiratete Paar zu betrachten, das sich im Eingang umarmte. Als der Jubel der versammelten Freunde erklang, ging sie weiter. Das hätten wir sein können, dachte sie und wühlte in ihrer Tasche nach ihrem Handy, das gerade klingelte.

»Emma Temple, hallo.« Sie klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, während sie in die Flood Street einbog.

»Gott sei Dank, ich habe mir solche Sorgen gemacht. Bist du schon zu Hause?«, fragte Freya.

»Gerade angekommen.« Lächelnd blieb sie vor den Chelsea Manor Studios stehen. Eine Gruppe junger holländischer Touristen machte Fotos am Eingang. Sie traten zur Seite, um sie vorbeizulassen, und einer der Jungen trug ihr den Koffer hinauf zur Tür. »Danke«, sagte sie.

»Ist Sergeant Pepper, ja?«, fragte der Junge. »Die Beatles?«

»Ja, genau. Sie haben das Bild für das Cover im Atelier meiner Mutter aufgenommen.« Vom Jetlag war es Emma schwindelig, ihre Augen waren gerötet und brannten. Sie wollte nichts als ins Bett, aber die jungen Gesichter rührten sie. »Gib her, lass mich das machen.« Sie winkte ihm, ihr die Kamera zu reichen, und machte ein Bild von den Teenagern. Als sie davongingen, lehnte sie sich an den Türrahmen und hielt sich das Handy ans andere Ohr. »Tut mir leid. Ich bin gerade eben angekommen. Der Flug hatte Verspätung.«

»Wir haben alle deine Sachen reingebracht. Es herrscht ein bisschen ein Durcheinander, fürchte ich, aber im Atelier war das nie anders, nicht einmal, als deine Mutter noch lebte.« Freya hielt inne. »Deine Kisten habe ich nicht ausgepackt. Ich dachte, du würdest vielleicht gerne ein paar von Libertys Sachen wegwerfen, bevor du richtig einziehst?«

»Kein Grund zur Eile. Danke, dass du dich um alles gekümmert hast. Ich konnte einfach nicht zurück ins Haus.« Sie runzelte die Stirn. »Sie ist also eingezogen?«

»Delilah?« Freyas Stimme wurde härter. »Ja. Unsere Ms Stafford hat keine Zeit verschwendet, obwohl es mich nicht überraschen würde, wenn sie Joe zwingen würde, zu verkaufen und in die Staaten zu ziehen ...«

»Wie geht es ihm?«, unterbrach Emma sie.

»Gut, es geht ihm gut. Um dich mache ich mir Sorgen. Warst du schon beim Arzt?«

»Freya ...«

»Alles gut, hier ist niemand. Sie sind alle beim Mittagessen. Ich habe es keiner Menschenseele erzählt, versprochen.«

»Das soll auch so bleiben, zumindest, bis ich mit Joe geredet habe.«

»Was für ein verdammtes Chaos«, sagte Freya. »Ich könnte sie umbringen, ernsthaft. Delilah war immer ein Kuckuck im Nest. Ich habe seit Wochen kein Wort mehr mit ihr gesprochen, nicht, seit du weg bist. Die Atmosphäre im Büro war fürchterlich.«

»Das kann ich mir vorstellen. Es tut mir leid, dass nun alle darin verwickelt werden.«

»Wofür entschuldigst du dich? Nichts von alldem ist deine Schuld, Emma. Und ich sage dir immer, dass du, verdammt noch mal, zu nett bist. Wenn ich mir überlege, was sie dir angetan hat. Diese Frau hat sich in die Firma hineingedrängt, und dann ...«

»Sie hat ihn nicht gezwungen, sich für sie zu entscheiden. Joe hatte die Wahl.«

»Ich weiß, es ist nicht gerade christlich von mir, aber ich kann es kaum erwarten, ihren Gesichtsausdruck zu sehen, wenn sie herausfindet, dass du von ihm schwanger bist.«

Emma hockte sich auf ihren Koffer und lehnte müde den Kopf an die Wand. »Ich freue mich natürlich auf das Baby, aber ich kann nicht behaupten, ich wäre stolz. Wir hatten uns bereits getrennt, als wir ...« Emma dachte an den Tag zurück, an dem das Testament ihrer Mutter verlesen worden war.

»Aber gerade erst. Es ist völlig verständlich, dass ihr einander gebraucht habt. Ich hoffe ... Nun, hoffen wir, dass er zur Vernunft kommt.«

»Es ist zu spät, Freya. Als er in dieser Nacht zu mir kam, dachte ich, er hätte sich für mich entschieden.« Emma machte eine Pause. »Deshalb musste ich weg. Ich komme mir total idiotisch vor.«

»Nein. Du bist weit davon entfernt. Ach, es bricht mir das Herz. Ihr beide wart praktisch noch Kinder, als ihr euch kennengelernt habt.«

»Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn ich ihn geheiratet hätte.«

»Unsinn.«

»Joe war immer konservativer als wir.«

»Nein, Delilah ist seit Jahren hinter ihm her.« Freya schnalzte verärgert mit der Zunge. »Sie besaß doch glatt die Unverschämtheit, zu behaupten, dass sie als Erste mit ihm zusammen war und du ihn ihr weggenommen hättest!«

»Ich hoffe, sie hat dir nicht das Leben schwer gemacht, während ich weg war?«

»Mach dir keine Sorgen um mich, meine Liebe. Ich habe

Ms Stafford im Griff – meine Katze hat mehr Charakter als sie.«

»Sie waren jedenfalls nur befreundet, als ich sie an der Columbia kennengelernt habe.« Emma runzelte die Stirn. Sie hatte sich immer gefragt, ob das wirklich stimmte. »Weißt du, was er gesagt hat, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe? Er war sich unsicher. Er hat gesagt, er liebt uns beide.«

Freya brummte etwas vor sich hin, dann sagte sie: »Joe ist nicht der Typ für komplizierte Herzensangelegenheiten. Er weiß nicht, was er tut, und das mit deiner Mutter macht ihm noch zu schaffen.«

Emma rieb sich den Nasenrücken. »Er war genauso niedergeschmettert wie wir, als Mum schließlich gestorben ist. «

»Sie standen einander sehr nah. Irgendwie bin ich ja froh, dass Liberty das alles nicht mitbekommen musste, aber sie wäre liebend gerne Großmutter geworden. Bei dem Gedanken daran, Urgroßmutter zu werden, fühle ich mich wirklich uralt

...« Freya hielt den Hörer zu und sprach gedämpft mit jemandem. »Hör zu, das Büro füllt sich wieder. Kommst du rüber?«

»Bald. Erst mal will ich unter die Dusche.« Sie schwieg kurz. »Ich sollte Joe wohl anrufen.«

»Er ist in New York. Beziehungsweise: Sie sind in New

York.«

»Delilah hat ihn begleitet?«

»Natürlich«, sagte Freya. »Sie konnte es doch nicht riskieren, dass der Deal platzt, oder? Nicht jetzt, wo sie das Geld riechen kann. Ich hoffe, du übereilst das nicht. Du musst die Firma nicht verkaufen, das weißt du.«

Emma seufzte. »Ja, ich weiß. Aber hier ist nun nichts mehr für mich zu tun. Wir haben Jahre damit verbracht, das Geschäft aufzubauen, aber das Angebot der Amerikaner ist zu gut, um es auszuschlagen. Es ist ein klarer Schnitt.«

»Deine Mutter wäre sehr unglücklich. Sie wollte immer, dass es ein Familienbetrieb ist, und sie hätte die Firma in ihrem Testament niemals zwischen euch allen aufgeteilt, wenn sie gewusst hätte, was Delilah vorhat.«

»Was kann ich schon tun? Ich fand, es wäre besser, wenn sie nichts von der Affäre weiß.« Emma schloss die Augen.

»Ich bin froh, dass sie es nicht wusste. Jedenfalls haben Joe und Delilah nun ein gemeinsames Kontrollinteresse.

Wir können nichts tun. Sobald wir verkauft haben, kann ich mir etwas Neues suchen.«

»Glaubst du? Die Amerikaner werden sicherlich wollen, dass du bleibst, das ist dir klar – Liberty hat dich zum Gesicht der Firma gemacht.«

»Ich war nur fürs Auge. Die Marke haben wir alle zusammen aufgebaut.« Traurig schaute Emma die Straße hinunter. Fünfjährige aus der Hill-House-Schule gingen in Zweierreihen an ihr vorbei. Wie oft war sie mit Liberty Hand in Hand von der Schule nach Hause gegangen? All diese wertvollen, unbeachteten Augenblicke, sie sind vorüber. Emma spürte einen Kloß in der Kehle, und Tränen traten ihr in die Augen. Ganz egal, wie schwer sie gerade arbeitete, Liberty war stets da gewesen, um sie abzuholen – zwar oft zu spät, aber sie kam immer. Das war ihre Zeit, nach der Schule und frühmorgens, nur dann hatte Emma ihre Mutter ganz für sich allein. Hin und zurück, hunderte Male, und ich kann mich nur an ein paar wenige Augenblicke erinnern.

»Es ist einfach unglaublich schade, nachdem wir so viel dafür gearbeitet haben.«

»Hm? Nein, es ist Zeit für einen Neuanfang. Hey – endlich kannst du dich zur Ruhe setzen«, neckte Emma ihre Großmutter, während sie in ihrer speckigen Mulberry-Handtasche nach ihren Schlüsseln suchte.

»Ich?« Freya lachte kurz und tief. »Das hat Charles auch gesagt. Dazu wird es nie kommen. Die Arbeit hält mich am Laufen. Wenn ich nicht mehr im Büro herumwirtschaften und allen im Weg umgehen kann, was soll ich dann mit mir anfangen?«

Emma lächelte. Liberty hatte nie das Herz gehabt, Freya zu zwingen, in den Ruhestand zu gehen. »Wie geht es Charles?«

»Wie immer.«

»Es tut mir leid, dass ich letzten Monat nicht zu deinem

Geburtstag hier war.«

»Ich würde lieber vergessen, dass ich vierundachtzig bin, meine Liebe. Komm doch vorbei, und iss einen Happen mit uns!«

»Danke, aber ich hole mir ein Sandwich aus dem Café. Ich will hier so schnell wie möglich alles erledigen, und dann ab nach Spanien. Ich brauche einen Neuanfang.«

»Ja«, sagte Freya nachdenklich, »darüber müssen wir uns dringend noch unterhalten.«

»Fang bitte nicht damit an.« Emma runzelte die Stirn. »Ich weiß, du kannst dich ganz und gar nicht mit der Idee anfreunden, aber es ist genau das, was ich brauche. Ich hatte keine Ahnung, dass Mum dort unten ein Haus gekauft hat.«

»Liebes, es ist ganz anders, als du es dir vorstellst. Ich weiß, du – du stellst dir eine himmlische kleine Finca vor, über und über mit Jasmin bewachsen.«

»Nein, das stimmt nicht.« Natürlich tat sie es doch.

»Spanien ...« Freya hielt inne. »Nun ja, ich war ziemlich überrascht damals, als deine Mutter mir erzählte, dass sie das Haus gekauft hat.«

»Warum kommst du nicht mit? Du solltest auch mal Pause machen.«

»Nein«, sagte Freya bestimmt. »Charles und ich haben uns geschworen, Spanien nie wieder zu betreten, nicht nach allem, was dort geschehen ist.«

»Was ist denn geschehen? Keiner von euch hat je erzählt ...«

»Das ist jetzt nicht wichtig«, unterbrach Freya sie. »Es ist eine Ewigkeit her.«

»Aber hast du eine Ahnung, warum sich Mum ausgerechnet Valencia ausgesucht hat? Dort warst du als Krankenschwester, oder?«

»Valencia, Madrid ...« Freya räusperte sich. »Wir sind viel herumgekommen, wo auch immer man uns brauchte.«

»Ich finde, es hört sich wunderbar an. Ich habe im Internet darüber gelesen. Man nennt es den spanischen Garten Eden.« Emma dachte unwillkürlich an Orangenhaine, die nach Neroli dufteten, Gärten voller Jasmin und kühle Kirchen, in denen es nach Weihrauch roch.

»Natürlich weiß ich das«, entgegnete Freya barsch. »Das ist eine lächerliche Idee. Ich weiß nicht, was sich Liberty dabei gedacht hat. Nach dem, was sie gesagt hat, hat seit Jahrzehnten kein Mensch mehr etwas an dem Haus gemacht. Wahrscheinlich ist es einsturzgefährdet, und du hast mit dem Baby alle Hände voll zu tun. Du bist verrückt! Du hast keine Ahnung, wie viel Arbeit ein Kind macht. Du brauchst Familie um dich herum.«

»Ich ...« Emma hielt inne. »Ich muss das machen.« Sie hörte, wie Freya tief Luft holte.

»Du bist genauso stur wie deine Mutter.«

»Ich weiß.« Emma blickte die Straße hinunter, während die letzten Schulkinder verschwanden. »Ich weiß, ich kann es durchziehen. Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, und dank Mum habe ich immer gespart. Ich kann es mir leisten, ein paar Monate freizunehmen, mir Hilfe zu engagieren, um das Haus in Ordnung zu bringen, vielleicht sogar jemanden, der mir mit dem Baby hilft.«

»Ich weiß, ich weiß. Du bist ein vernünftiges Mädchen, schon immer.«

»Ich verspreche dir, dass ich immer wieder hin und her fahre. Ich will es einfach als Ferienhaus benutzen, es ist also nicht so, als würde ich dir dein Enkelkind wegnehmen.«

Freya schwieg. »Natürlich. Hör zu, ich will nicht streiten, jetzt, da du gerade nach Hause gekommen bist. Komm vorbei, sobald du dich eingerichtet hast.«

»Das mache ich.«

»Ich hab dich lieb, Em«, sagte Freya.

»Ich dich auch, Grammy.«

Freya überlegte. »Das hast du seit Jahren nicht mehr zu mir gesagt.«

»Danke, für alles«, sagte Emma und spielte mit dem goldenen Medaillon, das sie um den Hals trug. Sie wickelte sich die Kette um den Finger. »Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft, aber jetzt brauche ich einen Neuanfang.«

 

 

 

Kommentare

Kommentieren Sie diesen Beitrag:

Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtangaben und müssen ausgefüllt werden.