Doping an der Uni - Ein Interview mit Kristian Schlüter
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Freitag, 13. Dezember 2013 von


Doping an der Uni - Ein Interview mit Kristian Schlüter

Wie weit gehen Studenten, um ihr Examen zu schaffen und Karriere zu machen? Doping mit leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin ist heute keine Seltenheit mehr an der Universität, sagt Kristian Schlüter. Das Thema steht im Mittelpunkt seines ersten Krimis, »Die Prüfung«.

Bei der Mordkommission mit gerade mal 26: Warum ein so junger Ermittler?

Für mich war es viel natürlicher, über eine Hauptfigur zu schreiben, die aus einer ähnlichen Generation kommt wie ich – gerade wenn es nicht nur um die kriminalistische Arbeit geht, sondern auch um das Privatleben von Christoph Schönlieb. Außerdem fand ich es spannend, über eine Mordermittlung aus der Perspektive eines Charakters zu schreiben, der noch keine jahrelange Berufserfahrung hat.

Ihre Hauptfigur Christoph Schönlieb ist ja alles andere als ein Held. Wie würden Sie seinen Charakter beschreiben? 

Christoph Schönlieb ist eher ein Einzelgänger – jemand, der in der Schule nicht zu jedem Geburtstag eingeladen wurde. Er ist sich selbst noch nicht ganz sicher, ob ihm diese soziale Isolation gefällt oder nicht, und trägt des Öfteren innere Kämpfe aus. Er hat einen scharfen Blick auf die Menschen in seiner Umgebung und geht unvoreingenommener an die Fälle heran, als es manch älterer Kollegen tun würde.

Was haben Sie mit ihm gemeinsam?

Die typische Frage nach den Gemeinsamkeiten zur Romanfigur! Ich denke, dass man in Romanfiguren immer eigene Erfahrungen und Eindrücke verarbeitet, aber man ist gut beraten, auch gänzlich gegensätzliche Charakterzüge einzubauen. Genauso verhält es sich mit Schönlieb und mir.

 »Die Prüfung« spielt unter Jurastudenten in Hamburg. Wie viel von Ihren eigenen Erfahrungen während des Studiums fließt da mit ein?

Ohne das Jurastudium hätte ich dieses Buch sicherlich nicht geschrieben, es stecken schon sehr viele Erfahrungen und Beobachtungen aus dieser Zeit in dem Buch. Sobald es allerdings um Personen und Handlungen geht, die in den Kriminalfall verwickelt sind, ist natürlich alles erfunden.

Zentrales Thema ist der Gebrauch sogenannter Neuro-Enhancer – leistungssteigernde Medikamente, die die Studenten vor den Prüfungen einnehmen. Im Roman klingt es so, als wäre das heute ganz alltäglich… Kommt man nur noch mit Doping durchs Studium? 

Natürlich schafft man es auch ohne, allerdings hat sich die Bereitschaft dazu und die Selbstverständlichkeit der Anwendung verändert – angefangen beim Energy-Drink oder der Koffeintablette, die einen länger wach halten soll. Ich denke, das hat viel mit dem Druck zu tun, den die Studenten von außen spüren, den sie sich aber auch selbst machen. Es gilt die Maxime, dass man unter allen Umständen erfolgreich sein muss. Das geht ja schon in der Schule los und zieht sich durch das Studium bis hin in das Berufsleben. Beruflicher Erfolg oder ein hohes Gehalt werden zu oft mit tatsächlichem Glück verwechselt.

Christoph Schönlieb testet im Roman eine Ritalin-Tablette. Selber auch mal probiert? 

Ehrliche Antwort: Nein.

Vor drei Jahren haben Sie den Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg gewonnen – allerdings für eine Fantasy-Geschichte. Warum jetzt ein Krimi? 

Das ist schwer zu beantworten. Ich schreibe immer das, worauf ich Lust habe. Die Idee zu einem Krimi hatte ich schon länger. Ich hatte auch schon angefangen zu schreiben, nach den ersten Seiten aber immer aufgegeben. Bei der Fantasy-Geschichte habe ich einfach drauf los geschrieben, bei dem Krimi funktionierte das nicht. Mit dem Preisgeld hatte ich dann endlich die Zeit, mich wirklich in Ruhe mit dem Schreiben des Krimis, der Recherche und vor allem der Strukturierung der Geschichte zu befassen. Ich merkte dann sehr schnell, dass es diesmal klappt.

Ihr Buch ist voller Hamburger Lokalkolorit. Gibt die Stadt viel her für einen Krimi – und wie haben Sie recherchiert?

Um Lokalkolorit einzubauen, musste ich nicht viel recherchieren, schließlich wohne ich seit meiner Geburt in Hamburg. Da kennt man die eine oder andere Ecke schon sehr gut. Die Stadt ist ideal für einen Krimi, hier hat man die Reeperbahn und den Kiez, dort den Hafen und nicht weit weg eine ruhige Einzelhaussiedlung oder eine der Hochhaussiedlungen. Das alles sind eigenständige Welten, die aber immer wieder aufeinanderprallen und sich mischen. Dass dabei Konflikte nicht ausbleiben, ist klar – und wo Konflikte sind, gibt es immer guten Stoff für Krimis.

Was lesen wir als nächstes von Kristian Schlüter? Und wird Kommissar Schönlieb weiterermitteln?

Ideen für weitere Bücher sind jede Menge vorhanden, auch für Kommissar Schönlieb. Ob es allerdings als Nächstes tatsächlich ein Krimi wird, Fantasy, oder doch etwas ganz anderes, kann ich noch nicht sagen. Ich arbeite an verschiedenen Geschichten parallel. Was letztendlich davon als Nächstes veröffentlicht wird, hängt ja nicht nur vom Autor ab.


Die Prüfung

Kriminalroman

Der erst 26-jährige Hamburger Kriminalkommissar Christoph Schönlieb wird an einem eisigen Winterabend zu einem Tatort gerufen: Ein Jurastudent liegt tot vor dem Audimax der Universität Hamburg. Zunächst scheint es, als sei dem Toten das Dealen mit leistungssteigernden »Neuro-Enhancern« zum Verhängnis geworden. Als kurz darauf aber ein zweiter Mord verübt wird, erkennt Schönlieb, dass die Verstrickungen, in die beide Tote geraten waren, viel tiefer reichen ...
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Der Schneefall hatte stark zugenommen, und dicke Flocken wehten durch die Dunkelheit. Das hatte sie jedoch noch nie abgehalten. Um diese Zeit gingen sie immer genau diesen Weg, die Grindelallee entlang und dann quer über das Gelände der Universität, weil sie so direkt zur großen Wiese gelangten und sich den Umweg an der Hauptstraße entlang sparten. Der Mann, die Frau und der Hund. Der Mann und die Frau trugen die gleiche Regenjacke, der Mann und der Hund den gleichen Schnauzer, die Frau und der Hund die gleiche lockige Frisur. Dem Hund hatten sie, farblich passend zu ihren Jacken, eine kleine Plastikdecke über den Rücken geschnallt. Gegen die Kälte. Wie immer gingen sie schweigend nebeneinanderher, während der Hund mit kleinen, schnellen Schritten vorauslief. Als sie, alle drei, an der Ampel ankamen und auf Grün warteten, standen sie still nebeneinander. Es wurde Grün, die Frau machte den ersten Schritt auf die Straße, auch der Hund tippelte los.
Plötzlich raste ein weißer Mercedes um die Ecke und sauste über den Fußgängerübergang. Die Frau sprang zurück und riss an der Leine. Der Hund quiekte, wirbelte durch die Luft, landete auf dem Asphalt, streckte seine kleine Zunge heraus und rang nach Luft.
Sie empörten sich noch eine ganze Weile. Doch da Frau und Hund zwar mit dem Schrecken aber ohne einen Kratzer davongekommen waren, hatten sie den Mercedes fast schon wieder vergessen, als sie den Campus mit dem flachen, sechseckigen Wasserbecken betraten, um weiter in Richtung der großen Wiese jenseits der Universität zu gehen. Sie ließen den Hund von der Leine und folgten ihm langsam durch den immer höher werdenden Schnee. Er dachte daran, wie gern er jetzt zu Hause ein Buch lesen würde, anstatt mit diesem Hund und dieser Frau durch den Schnee zu stapfen. Sie dachte daran, wie sie sich damals, vor langer Zeit, im Sommerregen zum ersten Mal geküsst hatten. Nicht weit von hier. Von den Haaren, die ihm damals nass ins Gesicht hingen, waren nicht mehr viele übrig.
Der Hund bellte. Durch das Schneegestöber konnten sie kaum erkennen, wo er war. Bedächtig bewegten sie sich durch die Dunkelheit in seine Richtung. Sie entdeckten den Hund am Rand des künstlich angelegten Wasserbeckens. Er hüpfte und drehte sich immer wieder um sich selbst und bellte. Die Frau beschleunigte ihren Schritt und ging nun zügiger auf ihn zu. Etwas schien nicht zu stimmen. Als sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, erkannte sie, was den Hund so aufregte.
Sie war nie eine Person gewesen, die man leicht aus der Fassung hatte bringen können, und auch diesmal blieb sie ganz ruhig. Sie drehte sich langsam zu ihrem Mann um.
»Bärchen, du solltest die Polizei rufen.«

________________


Kapitel 1

Christoph Schönlieb zog seine schwarze Wollmütze etwas tiefer ins Gesicht und über die Ohren. Er rieb die Hände aneinander, faltete sie wie zum Gebet und hauchte dann zweimal kräftig hinein. Mann, war das kalt! Er vergrub die Hände tief in den Taschen seines langen Wollmantels und schaute nach links auf die Anzeigentafel. Halb sechs. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Unten auf dem Rasen machten sich bereits die Spieler des FC St.Pauli warm. Gerade waren sie dabei, abwechselnd auf das Tor zu schießen. Wenn man ihre nur selten von Erfolg gekrönten Versuche als Maßstab für das kommende Spiel nahm, würde es heute schwierig werden mit einem Sieg. Schönlieb machte sich jedoch noch keine Sorgen, die Saison war bisher sehr gut verlaufen. Nachdem fast die Hälfte aller Spiele absolviert war, befand sich der Verein auf dem vierten Tabellenplatz, punktgleich mit dem Drittplatzierten. Der direkte Wiederaufstieg war durchaus realistisch. Schönlieb hätte dies der Mannschaft zu Beginn der Saison nicht zugetraut. Als St.Pauli das letzte Mal aus der ersten Liga abgestiegen war, waren sie direkt in die Regionalliga durchgereicht worden, und es hatte vier lange Jahre gedauert, bis sich die Mannschaft wieder hochgekämpft hatte. Diesmal schien es so, als würde es gleich wieder aufwärtsgehen. Doch der Verein hatte sich auch verändert – und mit ihm das Stadion. Von dem kleinen, maroden Stadion war nur mehr wenig zu erkennen. Alles war neu. Alles war anders. Jetzt erstreckten sich links und gegenüber von ihm zwei große Tribünen, in deren Mitte – wie so oft – selbst kurz vor dem Anpfiff niemand saß: der Bereich der sogenannten Business-Seats, in dem es, so hatte Schönlieb oft das Gefühl, den Leuten mehr darum ging, möglichst viel vom Inklusiv-Büfett in den VIP-Lounges abzubekommen, als um das Fußballspiel.
Auch um Schönlieb herum waren noch einige Plätze frei. Der Stehplatzbereich unter ihm hingegen war schon proppenvoll. Der viel beschworene St.-Pauli-Mythos, dass Punker und Anwalt hier nebeneinanderstehen, ließ sich an mancher Stelle noch immer beobachten. Die unterschiedlichsten Leute standen dort zusammengedrückt auf der langen Geraden. Die meisten der wartenden Fans unterhielten sich, tranken Bier oder Glühwein und tippelten immer wieder von einem Bein aufs andere, um der Kälte entgegenzuwirken.
Schönlieb hatte noch nie Lust gehabt, längere Zeit zu stehen, und sich deshalb von Anfang an für eine Sitzplatzdauerkarte entschieden. Er war auch niemand, der sich gerne mitten in die Menge stellte. Er konnte auf diese körperliche Nähe gut verzichten. Hier oben hatte er seine Plastiksitzschale und einen kleinen, aber sicheren Abstand zum Sitznachbarn. So konnte er das Spiel in aller Ruhe beobachten.
Im Schein der hell strahlenden Flutlichter rieselten dicke weiße Schneeflocken unaufhörlich auf das Spielfeld nieder, die dank der Rasenheizung jedoch nicht liegen blieben. Die Atmosphäre war bei den späten Spielen unter Flutlicht immer eine ganz besondere. Man merkte, dass die Fans nicht direkt vom Frühstück ins Stadion pilgerten, sondern dass sie den Tag bereits hinter sich hatten und sich nun darauf freuten, an ihrem Feierabend von zweiundzwanzig Männern unterhalten zu werden. Der Platz war die Bühne und das Flutlicht die riesigen Theaterscheinwerfer, die die Szenerie in das rechte Licht setzten. Am Abend ein Fußballspiel zu besuchen erschien Schönlieb viel natürlicher als ein Besuch der Vormittagsspiele. Schließlich ging man ja auch nicht um ein Uhr mittags ins Theater, sondern abends um acht.
Das laute, diffuse Gemurmel und Gebrummel, der warme Teppich aus Tausenden Stimmen, die sich unterhielten, sich begrüßten, grölten, sangen, zuprosteten. Dieses wunderbare Wirrwarr gab Schönlieb ein einzigartiges Gefühl – das beruhigende Gefühl, dass er in diesem Moment nirgendwo anders sein wollte, dass es in den nächsten knapp zwei Stunden nur auf das Spiel ankommen würde. Alles andere war hinter den Tribünen, außerhalb dieser kleinen Welt, die als Mittelpunkt den grünen Platz hatte und in der alles, was wichtig war und über das man sich Gedanken machen musste, auf diesem Grün passierte.
Schönlieb atmete tief durch und blickte gut gelaunt um sich. Mittlerweile füllten sich die Sitzplätze um ihn herum. Auch der ältere Mann, der alle zwei Wochen rechts neben ihm saß, hatte sich heute wieder eingefunden. Mit einem kurzen »Moin« begrüßten sie sich, und mehr als dieses Wort hatten sie auch in den letzten drei Jahren, in denen sie nebeneinandersaßen, nicht gewechselt. Der »Ältere«, wie Schönlieb den Mann getauft hatte, war immer mit zwei Freunden da – den beiden »Jüngeren«. Sie kamen während eines Spieles auf vier Bier pro Person, nie mehr oder weniger, und sie gehörten zu der Sorte Fans, die sich schon beim ersten Fehlpass fürchterlich aufregten, denen man zugleich aber am wenigsten zutraute, selbst erfolgreich gegen einen Ball zu treten.
Die Sitzplätze links von Schönlieb waren nicht mit Dauerkartenbesitzern besetzt, und so war es jedes Mal eine kleine Überraschung, wer dort auftauchte. Heute hatte ein junges Paar neben ihm Platz genommen. Sie hatten es sich unter einer warmen Totenkopfdecke gemütlich gemacht und eine gut gefüllte schwarze Totenkopfplastiktüte aus dem Fanshop dabei, aus der sie zwei nagelneue St.-Pauli-Mützen herausgezogen und aufgesetzt hatten. Jetzt waren sie dabei, sich abwechselnd mit ihren iPhones zu fotografieren, und verzogen dazu auf die unterschiedlichsten Arten die Gesichter. Schönlieb vermutete, dass sie zu Besuch in Hamburg waren, und fragte sich, wie die beiden Karten für das Spiel ergattern konnten. Das war selbst nach dem Abstieg in die zweite Liga so gut wie unmöglich. Der junge Mann zeigte erklärend im Stadion mit seinem Zeigefinger herum, während seine Freundin nur immer mal wieder ein »Ahhh« und »Ohhh« ausstieß. Schönlieb wandte den Blick schnell wieder ab.
Endlich wurden vom Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellungen verlesen. Bei den St.-Pauli-Spielern schrie das ganze Stadion die Nachnamen lauthals mit. Schönlieb und das Paar unter der Totenkopfdecke neben ihm nicht, obwohl Schönlieb die Namen durchaus alle kannte. Stattdessen lehnte er sich etwas zurück und schloss die Augen, atmete tief ein, langsam wieder aus und strich sanft mit seinem Daumen über die Dauerkarte in seiner Jackentasche. Er spürte die Zacken, die bei jedem Spiel in die Plastikkarte geknipst wurden. Erst dann öffnete er wieder die Augen.
Das war sein Ritual. Das Spiel konnte beginnen.
Die Hells Bells von AC/DC ertönten, und die Mannschaften liefen ins Stadion.
Die erste Halbzeit war spannend, und es gab einige gute Chancen für St.Pauli. Schönlieb zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Ball sich dem gegnerischen Tor gefährlich näherte. Einmal war er schon aufgesprungen, doch der Ball wollte einfach nicht ins Tor, und so stand es nach fünfundvierzig Minuten noch immer null zu null.
In der Halbzeitpause beschloss er, sich einen Glühwein und eine Bratwurst zu holen. Vielleicht würde er sich so wenigstens für ein paar Minuten etwas aufwärmen. Am Bratwurststand war eine Schlange. Die meisten, die hier warteten, waren zu zweit oder zu dritt und diskutierten über das Spiel. Manchmal fragte er sich, ob es komisch war, dass er allein zu den Spielen ging. Anderseits hätte er auch nicht gewusst, wen er mitnehmen sollte. Vielleicht Mitch, seinen Nachbarn und so etwas wie sein einziger Freund. Der besaß

zwar einen St.-Pauli-Pullover, hatte im Grunde allerdings nichts für Fußball übrig. Vielleicht einen seiner Kollegen? Bisher hatte er mit keinem von ihnen etwas privat unternommen. Dabei war er jetzt schon seit einiger Zeit dabei. Schönlieb war vor zwei Jahren direkt von der Polizeihochschule zur Mordkommission gekommen, mit gerade mal vierundzwanzig Jahren. Das war mehr als ungewöhnlich und so noch nie vorgekommen in der Geschichte der Polizei Hamburg. Auslöser dafür war zum einen der große Abschlussjahrgang des Jahres 2009 gewesen und zum anderen Schönliebs gute Noten. Sie waren so viele Absolventen gewesen, dass nicht alle, wie es die sogenannten Erstverwendungsrichtlinien eigentlich forderten, an ein örtliches Kommissariat vermittelt wurden. Dort sollte man sich für gewöhnlich ein, zwei Jahre die Hörner abstoßen und das Grundhandwerk erlernen, wie es so schön hieß – mit der alltäglichen Kriminalität wie Körperverletzungen, Sachbeschädigungen oder Diebstählen. Danach kam dann meistens der Kriminaldauerdienst, zuständig für jeden Tatort, bei dem gerade kein passendes Team im Haus war. Das hieß dann vor allem, den Tatort abzusperren und keine eigenen Spuren zu hinterlassen. Erst danach konnte man für gewöhnlich auf eine Stelle in einem der Fachbereiche hoffen. Schönlieb hatte sich, bevor ihm die Stelle in der Mordkommission angeboten wurde, noch keine Gedanken darüber gemacht, in welche Fachrichtung es bei ihm gehen sollte. Die Chance, bei einer der sechs Mordbereitschaften, wie die einzelnen Teams des Fachbereich für Tötungsdelikte im LKA Hamburg hießen, zu arbeiten, traf ihn ziemlich unvorbereitet. Schließlich hatte er erwartet, wie alle anderen zuerst in einem Kommissariat zu landen, doch er war einfach durchgerutscht. Er hatte die besten Noten seines Jahrgangs an der Hochschule und das Glück, dass gerade eine Stelle in der Bereitschaft frei wurde. Hilfreich war natürlich auch gewesen, dass Schönlieb in Professor Lümmler, der gute Beziehungen zum Leiter des Fachkommissariats Tötungsdelikte beim LKA pflegte, einen wichtigen Fürsprecher hatte. Er war direkt ins kalte Wasser geworfen worden und von der Hochschule in der Mordbereitschaft 415 des LKA Hamburg gelandet. Ein glücklicher Zufall, wie Schönlieb fand, eine unerhörte Frechheit, wie die meisten seiner Mitabsolventen und vor allem sein jetziger Kollege Harald Wallner sagen würden. Wallner hatte von Anfang an Stimmung gegen ihn gemacht. Zum Glück ließen sich die anderen meistens nicht darauf ein. Richtig warm war er jedoch bisher mit keinem von ihnen geworden. Zusammen mit einem von ihnen zum Fußball? Nein, das kam nicht infrage. Hier ließ er das alles hinter sich.
Schönlieb kaufte sich eine Bratwurst und einen Glühwein, bezahlte und ging zurück zu seinem Sitzplatz.

Als das Spiel wieder angepfiffen wurde, hatte sich Schönlieb gerade hingesetzt und das erste Mal in die Wurst gebissen. Etwas Senf tropfte herunter, aber er konnte sein Knie gerade noch rechtzeitig wegziehen, und so landete der Senftropfen nur auf dem alten Holzboden. Als er erneut genüsslich in seine Krakauer beißen wollte, klingelte sein iPhone, das hieß: Es vibrierte. Ohne das Vibrieren hätte er es gar nicht wahrgenommen, denn dafür war es hier im Stadion aufgrund der Fangesänge eindeutig zu laut. Er verzog das Gesicht. Es konnte nur beruflich sein. Er hatte es bis zu diesem Moment zwar erfolgreich verdrängt, aber er hatte heute Abend nun einmal Rufbereitschaft. Verdammt. Das hatte ja nicht gut gehen können: Heimspiel und Rufbereitschaft. Warum in aller Welt genau heute? Das hatte er auch seinen direkten Vorgesetzten, Kriminalhauptkommissar Holding, gefragt, doch der hatte überhaupt kein Verständnis dafür, dass man ein Fußballspiel der Rufbereitschaft vorziehen konnte. Holding lebte für seinen Beruf, und Schönlieb kam es oft so vor, als wohnte Holding in seinem Büro. Er war einfach immer anwesend. Er hatte auf Schönliebs Einwand nur nüchtern festgestellt, dass es einen festen Plan gebe und dass jede MB, so nannten sie die Mordbereitschaft, mal dran sei. Da müsse man halt auch mal in den sauren Apfel beißen. Im Grunde wusste Schönlieb auch, dass daran nicht zu rütteln war, es schmeckte ihm trotzdem nicht. Vier der sechs MBs, über die das LKA Hamburg verfügte, wechselten sich jeden Tag von Montag bis Donnerstag mit dem Tagesdienst ab, die fünfte Mordbereitschaft musste dann am gesamten Wochenende ran, das hieß von Freitag bis Sonntag. Montags war dann die sechste Bereitschaft dran, bevor es erneut von vorne losging. So wurde sichergestellt, dass jede MB die gleiche Belastung an Rufbereitschaften hatte. Das Wochenende war natürlich besonders unbeliebt, aber diesmal waren sie nun einmal dran gewesen: die Mordbereitschaft LKA 415.

Schönlieb überlegte kurz, wie er jetzt, beide Hände voll mit Wurst und Glühwein, das Gespräch annehmen sollte. Er sah den jungen Mann unter der Totenkopfdecke neben sich an.

»Hier, halt mal kurz«, sagte er knapp.

Verdutzt nahm der junge Kerl die Sachen widerstandlos entgegen. Schönlieb behielt lediglich die Papierserviette in der Hand und wischte seine Finger sauber. Er holte sein iPhone raus und fand seine Befürchtungen bestätigt.

»Hallo?«, schrie er aufgrund des Stadionlärms ins Telefon.

»Was’n das so laut bei dir?«, meldete sich eine – leider – vertraute grimmige Stimme: Wallner. Holding hatte damals bestimmt, dass er und der unfreundliche alte Kommissar, sooft es ging, zusammenarbeiten sollten. Er als so junger Anfänger bei der Mordkommission brauche jemanden wie Wallner an seiner Seite, hatte es geheißen. Das Einzige, was die beiden seither wirklich verband, war ihre gegenseitige Abneigung. Schönlieb wollte gerade antworten, da sprach Wallner schon weiter.

»Holding hat angerufen. Die Jungs vom KDD haben Bescheid gegeben. Du musst herkommen. Sofort. Uni-Campus, direkt vor dem Audimax. Ein toter Student.«

Schönlieb wollte gerade sagen, dass die Angelegenheit doch bestimmt noch vierzig Minuten warten könne oder sie doch auch ganz ohne ihn zurechtkommen würden, aber Wallner grummelte nur noch »Bis gleich!« und war dann weg.

Warum um Himmels willen musste ausgerechnet jetzt, an einem schönen Freitagabend, an einem Spieltag, schlimmer noch, an einem Heimspieltag, eine Leiche auftauchen? Schönlieb seufzte, schaute noch einmal wehmütig hinunter aufs Spielfeld, stand dann auf und ging, ohne den Kerl unter der Totenkopfdecke von seinem noch unangetasteten Glühwein und dem angeknabberten Restwurststück zu befreien.

 

 

Kapitel 2

Schönlieb schaute auf die Uhr. Sie zeigte 19:51 Uhr an. Teures Fabrikat. Der Schliff des Gehäuses war fein, und auf der Krone, dem kleinen Knopf am Rand der Uhr, war das Firmenemblem reliefartig eingraviert, auch das Lederarmband sah auf den ersten Blick hochwertig aus. Schönlieb war auf dem Gebiet kein Experte, aber er schätzte die Uhr als Original ein, zumal sie schon einige Zeit im Wasser gelegen hatte und noch immer funktionierte.

Sein Blick wanderte von der Uhr über den bereits starren Arm hinauf zum Gesicht des Toten. Asiatische Züge und auf den ersten Blick keine Narben oder Blessuren. Er lag im seichten Wasser, sein Gesicht war bleich und die Lippen leicht blau angelaufen. Er war kräftig und sportlich gebaut, er trug einen dunklen Cardigan über einem weißen Hemd, dessen zwei obere Knöpfe offen waren. Über dem Cardigan hatte er einen dicken schwarzen Wollmantel, der geöffnet unter ihm lag, sich leicht im Wasser bewegte und aussah wie der schwarze Umhang eines Superhelden. Der Tod sah anders aus. Wie der junge Mann so dalag, wäre es Schönlieb nicht einmal merkwürdig vorgekommen, wenn er sich erhoben und einmal kräftig geschüttelt hätte, um anschließend, als sei nichts gewesen, davonzuschreiten.

Schönlieb ließ den Arm des Toten in das eisige Wasser zurückfallen, sodass es spritzte.

»Pass doch auf!« Wallner wich einen Schritt zurück und schaute ärgerlich auf die kleinen dunklen Wasserflecken auf seiner braunen Stoffhose, die in kniehohen schwarzen Gummistiefeln steckte. »Meine Hose ist gerade frisch aus der … Und so geht man auch nicht mit Toten um.«

Schönlieb schaute ihn schweigend an. Harald Wallner war ein Kriminalhauptkommissar, wie er im Buche steht. Müde Augen, etwas zu dicker Bauch, ein deutlicher Ansatz zur Glatze und viele Falten, die sein Gesicht immer grimmig erscheinen ließen. Vielleicht war es aber auch andersherum, und seine permanent üble Laune war die Ursache für die Falten. Da war sich Schönlieb nicht ganz sicher. Sicher war hingegen: Der Mann war kaputt. Ausgebrannt und völlig überarbeitet. Schönlieb vermutete außerdem, dass Wallner auch gern mal das ein oder andere Glas zu viel trank. Wenn man Wallner nahe kam, was Schönlieb nach Möglichkeit vermied, war da immer dieser scharfe Geruch in der Luft, hinzu kamen die glasigen Augen, die immer so aussahen, als hätte er beim Fahrradfahren zu lange kalten Fahrtwind abbekommen. Dabei konnte man sich Wallner auf einem Fahrrad nun überhaupt nicht vorstellen, eher in so einem Kaffeefahrt-Reisebus zusammen mit zwanzig anderen Omas und Opas. Überhaupt sah Wallner so aus, als ob er morgen in Rente gehen würde, dabei hatte der bestimmt noch zehn Jahre vor sich. Vielleicht zeigte irgendjemand bald Erbarmen, und Wallner würde einen Posten bekommen, bei dem er in einem warmen Büro die letzten Jahre vor sich hin vegetieren durfte. Anstatt sich hier draußen über Wasserspritzer auf seiner Hose aufregen zu müssen. Schönlieb war sich an seinem ersten Arbeitstag sicher gewesen, dass sie nicht lange zusammenarbeiten würden, da Wallner spätestens nach ein paar Monaten an einem Herzinfarkt sterben oder einfach vor Altersschwäche umkippen würde. Jetzt waren es schon zwei lange Jahre. Wallner schaute noch immer grimmig zu Schönlieb und fasste sich plötzlich ans Herz. Jetzt ist es so weit, dachte Schönlieb, doch Wallner holte nur einen Stift und einen Block aus seiner Hemdtasche und fing an zu schreiben.

»Die ersten Hinweise sprechen für Raub mit Todesfolge«, teilte Waller missmutig mit.

»Eher unwahrscheinlich«, sagte Schönlieb und blickte wieder auf die Uhr.

»Ach ja? Neben ihm lag sein offener, leerer Rucksack. Eine Brieftasche gibt es auch nicht.«

»Und die Uhr? Das scheint ein teures Fabrikat zu sein, die lässt der Täter einfach hier?«, fragte Schönlieb. »Wie gesagt: eher unwahrscheinlich.«

Wallner brummte grimmig.

»Wer hat ihn gefunden?«, fragte Schönlieb weiter.

»Ein älteres Ehepaar.«

»Sind sie noch hier?«

»Nein, die sind schon weg, ihre Aussage und die Personalien wurden bereits aufgenommen«, sagte Wallner und ließ dabei seinen Blick über den Campus schweifen. »Die haben den Täter nicht gesehen.«

»Ich glaube nicht, dass er hier getötet wurde«, sagte Schönlieb und blickte sich um. »Viel zu offen diese Stelle.«

»Andererseits schaust du bei dem Schnee weder links noch rechts. Mütze ins Gesicht und schnell nach Hause«, sagte Wallner. »Viel sehen konnte man bei dem Schneetreiben nicht.«

»Und keine weiteren Zeugen?«

»Nein. Wie gesagt, zu dieser Zeit und bei dem Schneegestöber scheinen hier nicht viele Leute langzugehen.«

»Wie kommst du eigentlich darauf, dass es sich bei dem Toten um einen Studenten handelt?«, fragte Schönlieb.

»Na, das ist doch offensichtlich«, antwortete Wallner. »Sieh ihn dir doch an: ganz junger Bursche. Der ist sogar noch jünger als du.«

Schönlieb verdrehte die Augen. Das war keine Antwort, sondern eine Provokation. Wallner kam einfach nicht mit Schönliebs Alter klar. Schon am ersten Tag, als Schönlieb ganz neu im Team der Mordbereitschaft vorgestellt worden war, hatte Wallner sich vor Holding und den beiden Kollegen Coskun und Samson darüber beschwert, so einen jungen, unerfahrenen Kollegen zugewiesen zu bekommen, und dann noch einen, der keine harte Schule durchwandert hatte.

»Nicht alle jungen Männer sind Studenten«, bemerkte Schönlieb knapp und richtete sich auf. »Also?«

»Sieh dich doch einfach mal um«, entgegnete Wallner in einem beinahe schon gönnerhaften Tonfall. »Wir sind hier auf dem Universitätsgelände. Was, frage ich dich, soll der junge Mann sonst hier gemacht haben?«

Schönlieb nahm die Aufforderung von Wallner wörtlich und blickte in das dunkle Schneetreiben. Sie standen mitten in dem kleinen, nicht mal einen halben Meter tiefen künstlich angelegten See, der direkt vor dem großen Audimax-Gebäude der Universität Hamburg lag. Schönliebs Blick überflog die dünne Eisschicht, die mittlerweile an fast allen Stellen durch Schönlieb, Wallner und die Spurensicherung, die mit großen schwarzen Gummistiefeln hin und her stampften, auseinandergebrochen war. Der Rest des Platzes war mit einer weißen Schneeschicht bedeckt, der nur hier und da von frischen Fußspuren – ebenfalls von Gummistiefeln – durchzogen war.

»Hätte es nicht Fußabdrücke geben müssen, bei dem Schnee?«, fragte Schönlieb in die Richtung von Wallner, der sich nur kopfschüttelnd von Schönlieb abwandte.

»Der Schneefall hat erst später begonnen«, antwortete einer der mit weißen Einweganzügen bekleideten Mitarbeiter der Spurensicherung, den Schönlieb bei dem immer heftiger werdenden Schneefall kaum noch sah, »und er ist so stark, dass er in kürzester Zeit alles überdeckt. Ein Riesenglück für den oder die Täter, aber wir werden natürlich sehen, was wir machen können.«

»Ja, ein Riesenglück«, antwortete Schönlieb und inspizierte weiter die Umgebung.

Das Gelände war weiträumig abgesperrt worden, und der Tatort sah aus wie eine gut ausgeleuchtete Filmkulisse. Scheinwerfer waren an die Seiten des kleinen Sees gestellt worden und erleuchteten ihn. Schönlieb musste kurz an das Flutlicht und die schöne Atmosphäre im Stadion denken, verdrängte den Gedanken daran aber schnell wieder. Weit hinten, dort wo der Weg an einer kleinen Studentenkneipe und einem kleinen Kino vorbei zur Straße führte, sah man ein paar Schaulustige hinter einem rot-weißen Polizeiabsperrband stehen.

Schönlieb beugte sich wieder zur Leiche hinunter.

»Und woher weißt du nun wirklich, dass er ein Student ist?«, fragte Schönlieb.

»Ich weiß sogar, dass er wahrscheinlich ein Jurastudent war«, antwortete Wallner.

»Und woher weißt du, dass er wahrscheinlich ein Jurastudent war?«, hakte Schönlieb leicht gereizt nach. »Ist er schon identifiziert?«

Wallner lächelte und genoss den Moment ganz offensichtlich. Schönlieb fragte sich, wie es wohl sein musste, mit einem Kollegen einfach nur zusammenarbeiten zu können. Ohne das ganze Machtgerangel. Warum konnten sie sich nicht einfach auf ihre Arbeit konzentrieren? Immerhin ging es hier um tote Menschen.

»Nein, keine Ahnung, wie der Junge heißt, aber er hatte einen Flyer in der Manteltasche. Der war ein bisschen aufgeweicht, aber man konnte ihn noch gut lesen. Er wirbt für eine gewisse Jura-OE-Party im Oktober. OE …«

»Orientierungseinheit. Ich weiß. Ein Studienanfänger?«

»Nicht zwangsläufig.«

»Wir müssen ihn jetzt mal da rausheben.« Einer der Schneemänner der Spurensicherung kam zu Wallner und Schönlieb. »Wir haben die Untersuchungen und das Fotografieren der Leiche so weit beendet. Jetzt muss er aus dem Wasser, damit Petersen ihn genauer untersuchen kann.«

»In dem kalten Wasser wird er zwar schön frisch gehalten«, erklärte eine Schönlieb wohlbekannte und willkommene Stimme aus der Dunkelheit, »aber irgendwann kriegt er hässliche Flecken. Und wenn wir ihn zwei Wochen hier liegen lassen, dann können wir die Haut an seinen Händen abziehen, wie Handschuhe.«

Schönlieb dachte an Handschuhe. Warme Handschuhe. Dann besann er sich und drehte sich um.

»Hey, Kalle.«

»Moin.« Kalle zwinkerte Schönlieb schelmisch zu. »Na, nicht beim Spiel, Christoph?«

»Du bist ein Arsch, Kalle!« Schönlieb verfluchte sich erneut, ihm von seiner Liebe zum FC St. Pauli erzählt zu haben. Kalle war leidenschaftlicher Fan des HSV, des größeren der beiden Profivereine in Hamburg, der in ewiger und großer Rivalität zum FC St. Pauli stand. Kalle hieß eigentlich Karl-Heinz Petersen. Er war Rechtsmediziner. Schönlieb fand, dass Kalle aussah wie ein Seemann. Er war furchtbar groß und unglaublich dick. Dazu trug er stolz seinen Vollbart, und das Einzige, was aus diesem wuscheligen behaarten Gesicht herausstach, war eine dicke rote Knollnase und strahlend blaue Augen, die jetzt interessiert auf dem Toten ruhten.

»So, Leiche raus!«, wies Kalle ein paar Leute an, und sie hievten die Leiche auf eine Bahre. Kalle stand neben dem jungen toten Mann und schaute ihn sich genauer an.

»Meinst du, du kannst uns schon irgendetwas sagen?«, fragte Schönlieb. »Was ist mit der Stelle dort am Hinterkopf? Die Wunde scheint frisch. Ich glaube, da läuft sogar immer noch Blut raus.«

Schönlieb zeigte auf die Wunde am Kopf und hörte Wallner belustigt schnauben. Kalle hatte aufgrund seines dicken Bauches Schwierigkeiten, sich zur Bahre herunterzubeugen, ließ es bleiben und schaute lediglich von oben herab. »Das kann ich jetzt und hier noch nicht sagen …«, wiegelte er ab. Er hatte die Leichen lieber auf seinem Seziertisch liegen, auf Bauchhöhe, das war wesentlich bequemer.

»Nicht mal einen ersten Eindruck?«, fragte Schönlieb.

»Muss ich erst genauer untersuchen«, brummelte er nur. »Aber Blut läuft da nicht mehr, vermute ich mal. Das scheint mir eher das Wasser, das das Blut aus den Haaren wäscht.«

»Ach so«, sagte Schönlieb und blickte zu Wallner, der ihn beinahe mitleidig ansah. »Übrigens war ich natürlich beim Spiel, musste aber ja abbrechen, wegen der Sache hier.«

»Dreh mal seine Hand um«, sagte Kalle.

Schönlieb sah ihn etwas verwirrt an, nahm aber brav die Hand des Toten und drehte sie, sodass Kalle die Innenflächen sehen konnte. Die Fingerspitzen waren noch nicht sehr runzelig.

»Und?« Schönlieb schaute fragend zu Kalle hoch.

»Er ist noch keine fünf Stunden tot. Eher zwei bis drei«, sagte Kalle. »Und wie war die erste Halbzeit?«

»Null zu null!«

»Ihr kriegt ja gar nichts mehr gebacken! Wie konnten wir damals nur das Derby verlieren? Das will mir bis heute nicht in den Kopf.« Kalle streichelte geistesabwesend seinen Bauch. Zumindest sah es so aus, als würde er seinen Bauch streicheln.

»Nach wie vor ein Trauma für euch von der Müllverbrennungsanlage, oder?« Schönlieb schmunzelte. Der HSV spielte in einem Stadion am Rande der Stadt, das ungünstigerweise in der Nähe einer Müllverbrennungsanlage stand, was die Rivalen von St. Pauli immer wieder herauszustellen wussten.

»Pah! Trauma!«, platzte es aus ihm heraus. »Wer spielt denn in der ersten Liga? Na? Wir sind noch nie abgestiegen!«

Schönlieb beugte sich mit einem Schmunzeln auf den Lippen über die Leiche.

»Vielleicht war es ja auch nur ein Unfall? Übers Eis gelaufen, ausgerutscht, eingebrochen. Doof hingefallen. Tot.«

»Klar«, sagten Kalle und Wallner gleichzeitig.

Sie beschlossen, die Leiche abtransportieren zu lassen. Kalle fuhr direkt mit in die Rechtsmedizin. Wallner und Schönlieb lehnten am offenen Kofferraum von Wallners Wagen und tauschten die großen Gummistiefel gegen ihre Schuhe.

»Ich habe ein paar Leute mit dem Foto des Toten losgeschickt«, sagte Wallner. »Vielleicht ergibt sich etwas.«

»Sehr gut«, sagte Schönlieb und nickte. »Mitten auf dem Campus liegt der, und keiner merkt es.«

»Die Menschen merken immer weniger«, sagte Wallner in einem Ton, als trage er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern, »und wir sollen dagegen ankämpfen!«

Jetzt hatte Wallner also plötzlich wieder so einen Melancholieanfall. Die waren eigentlich noch unerträglicher als seine Wutanfälle. Schönlieb zog schnell sein iPhone aus der Tasche, und seine Finger begannen, über das Display zu fliegen, während Wallner tief seufzte.

»Die Jungen, die achten nicht mehr aufeinander«, murmelte Wallner. »Die achten auf gar nichts mehr. Da liegt einer an einem Freitagabend reglos hier mitten im See, und keine Sau interessiert es. Niemand kümmert es, dass hier ein Menschenleben ausgehaucht wurde. Für immer.«

»Fuck!«, stieß Schönlieb wütend aus und blickte von seinem iPhone auf.

Erschrocken blickte Wallner ihn an.

St. Pauli hatte 1:0 verloren. Gegentor in der 85. Minute.

Auch das noch.

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