Digitalisierung Bedeutung
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Dürfen Computer alles, was sie können?

Künstliche Intelligenz, Roboter und virtuelle Welten: Wie wir der Computertechnologie Grenzen setzen

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Digitaler HumanismusDigitaler Humanismus

Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Autonomer Individualverkehr und Pflege-Roboter, softwaregesteuerte Kundenkorrespondenz und Social Media, Big-Data-Ökonomie und Clever-Bots, Industrie 4.0: Die Digitalisierung hat gewaltige ökonomische, aber auch kulturelle und ethische Wirkungen. In Form eines Brückenschlags zwischen Philosophie und Science-Fiction entwickelt dieses Buch die philosophischen Grundlagen eines Digitalen Humanismus, für den die Unterscheidung zwischen menschlichem Denken, Empfinden und Handeln einerseits und softwaregesteuerten, algorithmischen Prozessen andererseits zentral ist. Eine Alternative zur Silicon-Valley-Ideologie, für die künstliche Intelligenz zum Religionsersatz zu werden droht.
Verhaltensabhängigkeiten im digitalen Zeitalter

Wie Videospiele, Dating-Apps, Online-Shops, Social-Media-Plattformen und TV-Serien die Sucht zum Geschäftsmodell machen

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UnwiderstehlichUnwiderstehlich

Der Aufstieg suchterzeugender Technologien und das Geschäft mit unserer Abhängigkeit

Etwa die Hälfte der westlichen Bevölkerung ist nach mindestens einer Verhaltensweise süchtig. Wie unter Zwang hängen wir an unseren E-Mails, Instagram-Likes und Facebook-Posts; wir schießen uns mit Fernsehserien ins Koma, können das Online-Shoppen nicht lassen, arbeiten jedes Jahr noch ein paar Stunden länger an unseren Computern; wir starren im Schnitt drei Stunden am Tag auf unsere Smartphones. Ein Grund dafür liegt im suchterzeugenden Design dieser Technologien. Das Zeitalter der Verhaltenssüchte ist noch jung, doch immer deutlicher wird, wie sehr es sich um ein gesellschaftlich relevantes Problem handelt – mit zerstörerischer Wirkung auf unser Wohlergehen und besonders die Gesundheit und das Glück unserer Kinder. Der Psychologe Adam Alter zeigt, warum sich Verhaltenssüchte so wild wuchernd ausbreiten, wie sie aus der menschlichen Psyche Kapital schlagen und was wir tun müssen, damit wir und unsere Kinder es einfacher haben, ihnen zu widerstehen. Denn die gute Nachricht lautet, dass wir den Verhaltenssüchten nicht unumstößlich ausgeliefert sind. »Adam Alter hat den Heiligen Gral erlangt: ein wichtiges Buch voller Einsicht, das zu lesen ein Vergnügen ist und auf neuester Forschung beruht.« Charles Duhigg  

Prolog


Never get high on your own supply – Nimm nie selbst die Drogen, die du verkaufst


Auf einem Apple-Event im Januar 2010 stellte Steve Jobs der gespannten Öffentlichkeit das iPad vor:

Was dieses Gerät kann, ist wirklich einzigartig … Besser kann man im Netz nicht surfen; besser noch als mit einem Laptop und viel besser als auf einem Smartphone … ein unglaubliches Erlebnis … Es eignet sich hervorragend für E-Mails; darauf zu tippen ist ein Traum.

Neunzig Minuten lang erklärte Jobs, warum es nichts Besseres als das iPad gebe, um Fotos anzusehen, Musik zu hören, Universitätskurse auf iTunes U zu belegen, auf Facebook zu gehen, Spiele zu spielen und Tausende von Apps anzusteuern. Er glaubte, jeder solle ein iPad besitzen.
Seinen Kindern aber verweigerte er hartnäckig die Benutzung des Geräts.

Ende 2010 erzählte Jobs dem New York Times-Journalisten Nick Bilton, dass seine Kinder das iPad noch nie benutzt hätten. »Zuhause beschränken wir den Technikkonsum unserer Kinder auf ein Minimum.« Bilton fand heraus, dass auch andere Helden der Hightech-Branche ihre Kinder vor den eigenen Erfindungen schützten. Chris Anderson, vormals Herausgeber des Technologie-Magazins Wired, führte für alle technischen Geräte im Haushalt strenge Restriktionen ein, »schließlich haben wir mit eigenen Augen gesehen, welche Gefahr von den neuen Technologien ausgeht«. Seine fünf Kinder durften in ihren Zimmern keine Geräte mit Bildschirm benutzen. Evan Williams, einer der Gründer von Blogger, Twitter sowie der Online-Publishing-Plattform Medium, kaufte seinen beiden Söhnen Hunderte von Büchern, er weigerte sich jedoch, ihnen ein iPad zu schenken. Und Lesley Gold, Gründerin einer Web-Controlling-Firma, führte für ihre Kinder ein strenges Bildschirmverbot an Werktagen ein. Erst als die Kinder in der Schule Computer brauchten, lockerte sie die Regel. Walter Isaacson, der während der Recherchen zu seiner Steve-Jobs-Biografie oft mit Jobs’ Familie zu Abend aß, verriet Bilton: »Ich habe die Kinder nie mit einem iPad oder einem Computer gesehen. Sie wirkten von technischen Geräten jeder Art ganz und gar unbeeindruckt.« Es schien so, als würden die Menschen, die Hightech-Produkte herstellen, die Grundregel aller Drogendealer beherzigen: Never get high on your own supply (so Michelle Pfeiffer in Scarface – Nimm nie selbst die Drogen, die du verkaufst).


Das ist beunruhigend. Warum verhalten sich ausgerechnet die bekanntesten Persönlichkeiten der digitalen Führungsriegen in ihrem Privatleben derart technikfeindlich? Man stelle sich nur den Aufschrei vor, wenn religiöse Führer ihren Kindern die Ausübung der eigenen Religion versagten. Viele Experten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hightech-Welt, haben ähnliche Entscheidungen getroffen. Mehrere Spieledesigner erzählten mir, sie würden das extrem schnell süchtig machende Online-Spiel World of Warcraft tunlichst meiden. Eine Psychologin mit Spezialisierung auf Fitnesssucht erklärte Fitnessuhren für gefährlich – »die dümmsten Dinger der Welt« – und schwor, sich niemals eine zu kaufen; und die Gründerin einer Klinik für Internetsucht sagte mir, sie vermeide alle Gadgets, die nicht mindestens drei Jahre auf dem Buckel hätten. Ihr Mobiltelefon hat sie stumm gestellt, sie »verlegt« es sogar absichtlich, um nicht ständig ihre E-Mails abrufen zu müssen. (Ich habe zwei Monate versucht, sie über E-Mail zu erreichen, doch erst über ihr Festnetztelefon kam der Kontakt zustande.) Ihr Lieblingscomputerspiel ist Myst. Es stammt aus dem Jahr 1993, einer Zeit, da Computer noch zu schwerfällig waren, um mit Videografiken zurechtzukommen. Auf Myst, so erzählte sie mir, habe sie sich nur eingelassen, weil ihr Computer dabei jede halbe Stunde einfriere und es ewig dauere, bis sie ihn neu starten könne.
Greg Hochmuth, einer der Instagram-Gründer, begriff schnell, dass er eine Suchtmaschine baute. »Immer findet man einen weiteren Hashtag, auf den man klicken könnte«, sagte Hochmuth. »Und dann entwickelt sich wie bei einem Organismus ein hashtaggetriebenes Eigenleben, das Menschen obsessiv macht.« Instagram ist, wie so viele Social-Media-Plattformen, bodenlos. Die Timeline von Facebook ist endlos; Netflix startet die nächste Folge einer Serie automatisch; Tinder ermutigt seine Nutzer, auf der Suche nach immer besseren Partner-Optionen weiterzuklicken. Nutzer profitieren zwar von diesen Apps und Websites, tun sich aber sehr schwer damit, sie nur in Maßen zu benutzen. Der »Design-Ethiker« Tristan Harris glaubt, dies liege nicht an mangelnder Willenskraft, doch kämpfe man gegen »ein ganzes Heer auf der anderen Seite des Bildschirms, dessen Job einzig darin besteht, jegliche Selbstdisziplin zu unterminieren«.

Diese Technikexperten haben gute Gründe, besorgt zu sein. Denn bei ihrer Arbeit am äußersten Rand des Möglichen entdeckten sie zwei Dinge. Erstens, dass unsere Vorstellungen von Sucht zu beschränkt sind. Wir neigen dazu, Sucht bestimmten Menschen mit bestimmten Anlagen zuzuschreiben – jenen, die wir als Süchtige abstempeln. Heroinsüchtige in leerstehenden Häusern. Ketterauchende Nikotinsüchtige. Pillenschmeißende Rezeptsüchtige. Die Bezeichnung »Süchtiger« unterstellt, dass Betroffene anders seien als der Rest der Menschheit. Es mag sein, dass sie sich eines Tages über ihre Sucht erheben, doch bis dahin gehören sie einer besonderen Kategorie an. Doch in Wahrheit entsteht Sucht vor allem aus einer Mischung aus Umwelteinflüssen und Umständen. Steve Jobs wusste das. Er hielt das iPad von seinen Kindern fern, weil er wusste, dass sie trotz aller gesellschaftlichen Privilegien, die eine Sucht wenig wahrscheinlich erscheinen ließen, für die Reize des iPads anfällig waren. Diese Unternehmer erkennen, dass die auf Unwiderstehlichkeit hin konstruierten Tools, für die sie werben, Nutzer aller Couleur verführen können. Es gibt keine klare Linie zwischen Süchtigen und uns anderen, weil wir alle nur eine App, ein Produkt oder eine Erfahrung von unserer eigenen Sucht entfernt sind.
Zweitens entdeckten Biltons Technologie-Experten, dass die Lebensumstände des digitalen Zeitalters viel direkter in die Sucht führen als alles, was wir aus der Geschichte kennen. Noch in den 1960er Jahren bewegten sich Menschen in einer Welt, in der nur wenige Köder ausgelegt waren: Nikotin in Zigaretten, Alkohol und Drogen, die aber teuer und im Allgemeinen unzugänglich waren. In den 2010er Jahren ist dieselbe Welt von Ködern verseucht. Es gibt den Facebook-Köder. Den Instagram-Köder. Den Porno-Köder. Den E-Mail-Köder. Den Online-Shopping-Köder. Und so weiter. Die Liste ist lang – viel länger als sie in der Geschichte der Menschheit je war. Und wir fangen gerade erst an, die Macht dieser Köder zu verstehen.
Biltons Experten waren so vorsichtig, weil sie wussten, dass sie unwiderstehliche Technologien entwickelten. Verglichen mit der klobigen Technik der 1990er und 2000er Jahre sind moderne Geräte effizient und machen süchtig. Hunderte Millionen von Menschen teilen ihr Leben in Echtzeit über Instagram-Posts, und genauso schnell werden diese Leben in Form von Kommentaren und »Gefällt mir«-Angaben bewertet. Songs, für deren Download man einst eine Stunde benötigte, stehen heute innerhalb von Sekunden zur Verfügung; die Zeitverzögerung, die viele Leute erst gar nicht auf die Idee kommen ließ, Musik herunterzuladen, gibt es nicht mehr. Neue Technologien versprechen Bequemlichkeit, Geschwindigkeit und Automatisierung, doch der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch. Menschliches Verhalten wird zum Teil von einer Abfolge reflexiver Kosten-Nutzen-Rechnungen gesteuert, die festlegen, ob eine Handlung einmal, zweimal, Hunderte Male oder überhaupt nicht ausgeführt wird. Wenn der Nutzen die Kosten aber weit übersteigt, wird es schwer, eine Handlung nicht ständig zu wiederholen, vor allem, wenn der richtige Nerv getroffen wird.
Ein »Gefällt mir« auf Facebook und Instagram trifft diesen Nerv genauso wie die Belohnung für eine erfolgreich beendete Mission in World of Warcraft oder ein hundertfach geteilter Tweet. Die Leute, die Hightech-Geräte, Computerspiele und interaktive Erlebnisse entwickeln und verfeinern, sind sehr gut in dem, was sie tun. Sie führen Tausende Tests mit Millionen von Nutzern durch, nur um herauszufinden, welche Feinjustierungen gut funktionieren und welche nicht – welche Hintergrundfarben, Schrifttypen und Töne maximale Hingabe bei minimaler Frustration versprechen. Wird eine solche Erfahrung immer weiterentwickelt, entsteht schließlich eine unwiderstehliche, hochexplosive Version jener Erfahrung, die sie einst war. 2004 war Facebook Spaß, 2016 ist das Netzwerk eine Droge.
Suchtverhalten gibt es seit langem, doch in den letzten Jahrzehnten hat es sich extrem verbreitet, es wird immer schwieriger zu widerstehen und es gehört immer mehr zum Mainstream. Die neuen Süchte kommen ohne die Einnahme von Substanzen aus. Sie führen dem Organsystem keine Chemikalien zu, produzieren aber dieselben Wirkungen, indem sie die Nutzer fesseln, weil sie so gut gemacht sind. Einige, wie Glücksspiel und Sport, gib es schon lange; andere, wie Bing Watching (der exzessive Konsum von Filmen und vor allem Serien) und übertriebener Smartphone-Gebrauch, sind relativ neu. Doch allen ist gemein, dass man ihnen immer schwerer widerstehen kann.
Zudem haben wir das Problem selbst verschärft, weil wir starr auf das Versprechen blicken, gesetzte Ziele zu erreichen, ohne die Nachteile zu sehen. Zielsetzung war in der Vergangenheit ein nützliches Motivationswerkzeug, weil der Mensch meist so wenig Zeit und Energie wie möglich aufwenden will. Wir sind nicht von Natur aus fleißig, rechtschaffen und gesund. Doch das Blatt hat sich gewendet. Wir sind heute so darauf fixiert, mehr in weniger Zeit zu schaffen, dass wir komplett vergessen haben, eine Notbremse einzubauen.
Ich habe mit mehreren klinischen Psychologen gesprochen, die das Ausmaß des Problems erkannt und beschrieben haben. »Jede einzelne Person, die zu mir kommt, hat mindestens eine Verhaltenssucht«, sagte mir eine Psychologin. »Ich habe Patienten, die aber auch nichts auslassen: Glücksspiel, Shopping, soziale Netzwerke, E-Mail und so weiter.« Sie beschrieb mehrere Patienten, die alle hochangesehene Berufe mit sechsstelligen Jahreseinkommen hätten, aber von ihren Süchten geplagt werden. »Eine der Frauen ist sehr schön, klug und erfolgreich. Sie hat zwei Studienabschlüsse und arbeitet als Lehrerin. Aber sie ist süchtig nach Online-Shopping und hat es geschafft, 80 000 Dollar Schulden anzuhäufen. Ihre Sucht verbirgt sie erfolgreich vor fast allen Menschen, die sie kennt.« Diese Art des Doppellebens ist typisch. »Es ist sehr einfach, Verhaltenssüchte zu verbergen – viel einfacher als Drogenmissbrauch. Doch gerade das macht sie so gefährlich, denn so bleiben sie über Jahre unbemerkt.« Eine weitere Patientin, auch sie beruflich sehr erfolgreich, verheimlichte vor ihren Freunden ihre Facebook-Sucht. »Sie hatte eine schreckliche Trennung hinter sich und verfolgte ihren Exfreund jahrelang im Netz. Facebook macht es viel schwieriger, sich am Ende einer Beziehung sauber voneinander zu trennen.« Einer ihrer Patienten checkte seine E-Mails Hunderte Mal am Tag. »Er kann sich selbst im Urlaub nicht entspannen und das Leben genießen. Doch würde man das nie von ihm denken. Er ist zutiefst besorgt, und dennoch macht er auf die Welt einen absolut gesunden Eindruck; er hat eine beeindruckende Karriere im Gesundheitswesen gemacht, und man sollte es nicht für möglich halten, wie sehr er leidet.«
»Die Wirkung sozialer Netzwerke ist gewaltig«, erzählte mir ein anderer Psychologe. »Soziale Netzwerke haben die Gehirne meiner jüngeren Patienten komplett umgeformt. Deshalb achte ich während einer Therapiesitzung immer öfter darauf, folgenden Sachverhalt zu klären: Nachdem ich fünf bis zehn Minuten mit einer jungen Person über ihren Streit mit ihrem Freund oder ihrer Freundin gesprochen habe, frage ich sie, ob das Streitgespräch über SMS, Telefon, soziale Netzwerke oder von Angesicht zu Angesicht stattgefunden habe. Und immer öfter lautet die Antwort ›SMS‹ oder ›soziale Netzwerke‹. Doch am Anfang, wenn sie mir die Geschichte erzählen, ist das für mich alles andere als klar. Für mich hört es sich an, als sprächen sie von einer ›echten‹ Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht. Ich halte daraufhin kurz inne und denke nach. Die Person unterscheidet nicht auf dieselbe Weise wie ich zwischen verschiedenen Kommunikationsformen … und das Ergebnis ist eine Landschaft voller Unverbundenheit und Sucht.«


Dieses Buch spürt dem Aufstieg der Verhaltenssüchte nach, es untersucht, wo ihr Ursprung liegt, wer sie herstellt, welche psychologischen Tricks sie so fesselnd machen, wie man gefährliche Verhaltenssüchte möglichst klein halten kann und das Wissen über sie für positive Ziele nutzbar machen kann. Wenn App-Designer Menschen dazu bringen können, mehr Zeit und Geld für Smartphone-Spiele aufzuwenden, lassen sich auf ähnliche Weise Menschen vielleicht auch dazu bewegen, mehr Geld für ihre Rente zurückzulegen oder mehr Geld für wohltätige Zwecke zu spenden.

Technologie an sich ist nicht böse. Als mein Bruder und ich 1988 mit unseren Eltern nach Australien zogen, blieben unsere Großeltern in Südafrika zurück. Wir sprachen mit ihnen vielleicht einmal die Woche über teure Festnetzanrufe und schickten Briefe, die eine Woche später ankamen. Als ich 2004 in die Vereinigten Staaten zog, schrieb ich meinen Eltern und meinem Bruder fast täglich E-Mails. Wir sprachen oft am Telefon und winkten uns über Webcams, sooft wir konnten, zu. Technologie verkleinerte die Entfernung zwischen uns. Im Nachrichtenmagazin Time schrieb John Patrick Pullen 2016, wie ein emotionaler Faustschlag aus der virtuellen Welt ihn zu Tränen rührte:

Meine Mitspielerin Erin schoss mit einer Schrumpfstrahlenpistole auf mich. Plötzlich waren alle Spielsachen riesig, und Erins Avatar thronte wie ein gewaltiger Riese über mir. Sogar ihre Stimme hatte sich verändert, als sie durch die Kopfhörer strömend mit einem tiefen Ton meinen Kopf flutete. Für einen Augenblick war ich wieder Kind, und diese riesige Person spielte zärtlich mit mir. Ich gewann einen so überwältigenden Einblick davon, wie es sich anfühlen musste, mein eigner Sohn zu sein, dass ich anfing, in das Headset zu schluchzen. Es war ein unschuldiges und wunderschönes Erlebnis, das meine Beziehung zu ihm völlig neu formte. Ich war meiner riesigen Spielkameradin schutzlos ausgeliefert und fühlte mich dennoch völlig sicher.

Technologie ist weder moralisch gut noch böse, solange sie nicht von Unternehmen vereinnahmt wird, die sie für den Massenkonsum umformen. Apps und Internetplattformen können so gestaltet werden, dass sie reichhaltige soziale Verbindungen fördern; oder sie können, wie Zigaretten, so gestaltet werden, dass sie süchtig machen. Leider fördern heutzutage viele technische Entwicklungen Sucht. Sogar Pullen sagte, als er sein Erlebnis in der virtuellen Welt besang, er habe »angebissen«. Immersive Technologien wie virtuelle Realitäten, die das völlige Eintauchen in eine andere Welt begünstigen, wecken derart tiefe Gefühle, dass Missbrauch kaum zu vermeiden ist. Sie stecken allerdings noch in den Kinderschuhen, und es lässt sich noch nicht vorhersagen, ob sie verantwortlich genutzt werden.
Substanz- und Verhaltenssüchte ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Sie aktivieren dieselben Gehirnregionen und werden von einigen derselben menschlichen Grundbedürfnisse befeuert: soziales Engagement und gegenseitige Unterstützung, geistige Anregung und das Gefühl von Effizienz. Bleiben diese Bedürfnisse im Alltag unerfüllt, dann entstehen sowohl Süchte nach Substanzen als auch nach Erlebnissen umso schneller.
Verhaltenssüchte haben in den folgenden sechs Zutaten ihren Anfang: erstrebenswerte Ziele, die nur knapp verfehlt werden; ein unwiderstehliches und zugleich unvorhersehbares positives Feedback; das Gefühl schrittweiser Fortentwicklung und Verbesserung; Aufgaben, die mit der Zeit langsam schwieriger werden; ungeklärte Spannungen, die nach einer Lösung verlangen; und starke soziale Bindungen. Trotz ihrer Verschiedenheit enthalten alle heutigen Verhaltenssüchte wenigstens eine der sechs Zutaten. Instagram etwa macht süchtig, weil einige Fotos sehr viele »Gefällt mir«-Angaben generieren, während andere nahezu unbeachtet untergehen. Nutzer jagen dem nächsten großen »Gefällt mir«-Hit hinterher, sie posten ein Foto nach dem anderen und kehren immer wieder auf die Website zurück, um ihre Freunde bei deren Jagd zu unterstützen. Video-Gamer spielen bestimmte Spiele tagelang ohne Unterbrechung, weil sie davon besessen sind, eine Mission zu erfüllen, und weil sie starke soziale Verpflichtungen eingegangen sind, die sie an andere Spieler binden.
Was wäre also die Lösung? Wie können wir mit süchtig machenden Erlebnissen leben, die eine zentrale Rolle in unserem Leben spielen? Millionen von ehemaligen Alkoholikern schaffen es, Bars ganz zu meiden, doch trockene Internetsüchtige müssen nun mal von Zeit zu Zeit eine E-Mail verschicken. Ohne E-Mail-Adresse kann man sich weder um einen Job noch ein Reisevisum bewerben. Immer weniger Jobs sind ohne Computer und Smartphones zu erledigen. Suchtgefährdende Technologien sind schon heute so sehr in der Mitte unserer Gesellschaft verankert, wie es süchtig machende Substanzen nie sein werden. Abstinenz ist keine Lösung, doch es gibt andere Auswege. Man kann suchtgefährdende Erlebnisse auf einen streng abgegrenzten Bereich des Alltags beschränken und stattdessen positive Gewohnheiten pflegen, die gesundes Verhalten fördern. Sobald man verstanden hat, wie Verhaltenssüchte wirken, kann man ihren Schaden lindern oder sie sogar zum Guten wenden. Dieselben Prinzipien, die Kinder zu Computerspielen animieren, könnten sie auch dazu verleiten, für die Schule zu lernen, und die Ziele, die Menschen dazu bewegen, exzessiv Sport zu betreiben, könnten sie auch dazu bringen, Geld für die Rente zu sparen.

Das Zeitalter der Verhaltenssüchte ist noch jung. Doch Anzeichen, dass es sich hier um ein gesellschaftlich relevantes Problem handeln könnte, mehren sich. Süchte schaden deshalb so sehr, weil sie andere wichtige Betätigungsfelder in den Hintergrund schieben, von Arbeit und Spiel bis hin zu grundlegender Hygiene und zwischenmenschlichem Austausch. Die gute Nachricht lautet, dass wir Verhaltenssüchten nicht unumstößlich ausgeliefert sind. Es gibt vieles, das wir tun können, um das Gleichgewicht wiederherzustellen, in dem wir vor dem Zeitalter von Smartphones, E-Mails, tragbarer Technologien, sozialer Netzwerke und Cloud-TV lebten. Das Wichtigste ist, zu verstehen, warum sich Verhaltenssüchte so wild wuchernd ausbreiten, wie sie aus der menschlichen Psyche Kapital schlagen und wie wir die Abhängigkeiten bekämpfen, die uns schaden, während wir diejenigen, die uns weiterhelfen, gewinnbringend einsetzen.

 


Was ist Verhaltenssucht und woher kommt sie?


Der Aufstieg der Verhaltenssucht


Vor ein paar Jahren empfand der App-Entwickler Kevin Holesh, dass er viel zu wenig Zeit mit seiner Familie verbrachte. Schuld war die Technologie, und sein Smartphone war der größte Missetäter. Holesh wollte daraufhin wissen, wie viel Zeit er täglich mit seinem Smartphone beschäftigt war, und entwickelte die App Moment. Moment zeichnete Holeshs tägliche Zeit am Smartphone auf und addierte die Minuten, die er wirklich täglich auf sein Display starrte. Es kostete mich Monate, bis ich Holesh erreichen konnte, er meinte es mit seiner Smartphone-Diät wirklich ernst. Auf der Moment-Website schreibt er, dass es eine Weile dauern könne, bis er E-Mails beantworte, da er versuche, möglichst wenig Zeit online zu verbringen. Auf meinen dritten Versuch hin entschuldigte sich Holesh höflich und stimmte einem Treffen zu. »Die App schaltet ab, wenn man etwa nur Musik hört oder telefoniert«, sagte mir Holesh. »Sie zeichnet aber weiter auf, sobald man auf das Display schaut – etwa um E-Mails zu verschicken oder im Internet zu surfen.« Holesh hing täglich eine Stunde und 15 Minuten an seinem Smartphone, was viel zu sein schien. Einigen seiner Freunde ging es ähnlich, sie hatten aber keine genaue Vorstellung, wie viel Zeit sie wirklich mit ihren Telefonen verbrachten. Deshalb begann Holesh, seine App zu teilen. »Ich bat Leute, ihre tägliche Zeit am Smartphone zu schätzen, und sie lagen fast immer 50 Prozent zu niedrig.«
Auch ich habe mir Moment vor einigen Monaten heruntergeladen. Davor ging ich davon aus, dass ich mein Smartphone höchstens eine Stunde am Tag benutzen und es vielleicht zehnmal in die Hand nehmen würde. Ich bildete mir auf diese Zahlen nichts ein, aber ich dachte, sie wären einigermaßen korrekt. Doch nach einem Monat meldete Moment, dass ich mein Telefon drei Stunden pro Tag nutzen und es im Schnitt 40 Mal in die Hand nehmen würde. Ich war fassungslos. Ich habe keine Spiele gespielt und auch nicht stundenlang im Internet gesurft, doch irgendwie schaffte ich es, jede Woche 20 Stunden auf mein Telefon zu starren.

Miriam Meckel nominiert für den getAbstract International Book Award 2018

Das "optimierte" Gehirn - Gefahr oder Chance?

Dürfen wir alles tun, was wir können? Der technologische Fortschritt hat das Gehirn ins Visier genommen. Wir sind dabei, eine gefährliche Grenze zu überschreiten: Unser Denken wird berechenbar, wir werden optimierbar. Miriam Meckel fordert: Wir sollten nicht alles machen, was machbar ist. Wir müssen die Autonomie über unseren Kopf behalten – als Kreativraum und Refugium des Bewusstseins.

Miriam Meckels im März erschienenes Buch »Mein Kopf gehört mir« ist für den getAbstract International Book Award nominiert. getAbstract verleiht den Buchpreis am 10. Oktober 2018 zum 18. Mal auf der Frankfurter Buchmesse.

Wir gratulieren unserer Autorin von ganzem Herzen und drücken ihr beide Daumen!

Lesen Sie das Interview mit der Autorin hier weiter

2018 International Book Award nominee: Mein Kopf gehört mir by: Miriam Meckel

»Ich habe ganz großen Respekt vor dem menschlichen Gehirn bekommen. Es ist ein Wunderwerk.«

Miriam Meckel

Miriam Meckel im Interview

Publizistin Miriam Meckel, Jahrgang 1967, ist Herausgeberin der WirtschaftsWoche und Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Als Grenz­gängerin zwischen Wissenschaft und Journalismus beobachtet sie seit Jahren, wie neue Technologien und das Internet unser Leben verändern. 

 

Sie schreiben: Mein Kopf gehört mir! Ist denn unsere Autonomie in Gefahr?

Sie wird zumindest ins Visier genommen von den Tech-Unternehmen, die unser Denken gerne etwas schneller und effizienter machen wollen. Das ist ja eine tolle Vorstellung, dass wir in ein paar Jahren unsere Emails und Textnachrichten vielleicht gleich ins Smartphone denken können. Aber wer liest diese Gedanken dann noch so alles mit? Das Gehirn ist das letzte Refugium, der letzte wirklich private Raum eines Menschen. So sollte das auch bleiben.

Was ist eigentlich Brainhacking?

Eigentlich stammt der Begriff aus der Psychologie, und es geht darum, Menschen zu einer Veränderung anzustupsen. Wenn man mehr als hundert Mal pro Tag auf sein Telefon schaut, dann auch deshalb, weil es unsere Wünsche nach Abwechslung und Belohnung anspricht. Aber das ist nur die sanfte Form des Brainhacking. Inzwischen lässt sich das menschliche Gehirn sehr viel konkreter beeinflussen, durch Medikamente, Stromstöße oder auch Hirnimplantate. Das schaue ich mir in meinem Buch genauer an.

In Ihrem Buch geht es um Selbstoptimierung, also um die Frage: Wie kann ich noch leistungsfähiger werden? Ist Selbstoptimierung für Sie gut oder schlecht?

Es ist nichts verwerflich daran, besser werden zu wollen. Der Gedanke begleitet die meisten Menschen ja Zeit ihres Lebens. Es kommt allerdings darauf an, ob ich das aus eigenem Antrieb mache oder weil meine Umwelt mir dauernd vorgibt: Du musst noch besser werden. Wenn ein allumfassender Optimierungswahn Menschen unter Druck setzt, ist das nicht mehr gut.

Gibt es überhaupt noch Platz für Privatheit und für Intimes, wenn wir ständig vernetzt sind?

Den Platz gibt es, man muss ihn sich aber schaffen und ihn verteidigen. Ich glaube, jedes Leben braucht analoge Momente, in denen Technik keine Rolle spielt. Dann entsteht eine Intimität, die es nur in der Situation einmalig so geben kann.

Sie haben ja viele der neuen Technologien, über die Sie schreiben, im Selbstexperiment ausprobiert. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Sehr unterschiedlich, zuweilen inspirierend, zuweilen auch etwas beängstigend. Ich habe viel über mich und mein Gehirn erfahren, zum Beispiel als ich für ein Experiment 24 Stunden lang in einer geräuschisolierten Dunkelkammer eingeschlossen war. Vor allem habe ich ganz großen Respekt vor dem menschlichen Gehirn bekommen. Es ist ein Wunderwerk, und als solches sollten wir es auch behandeln.

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Mein Kopf gehört mirMein Kopf gehört mirMein Kopf gehört mir

Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking

Der technologische Fortschritt hat das Gehirn ins Visier genommen. Schon jetzt ist vieles möglich: Per Denken Texte schreiben oder ein Computerspiel spielen? Kein Problem. Über ein Hirnimplantat Querschnittsgelähmten einen Teil ihres Bewegungsspielraums zurückgeben? Auch kein Problem. Doch mit dem Fortschritt wachsen die Erwartungen an unser Gehirn: Könnte unser Denken nicht effizienter werden? Brauchen wir wirklich acht Stunden Schlaf, um dem Gehirn Erholungsphasen zu ermöglichen? Können wir unsere Stimmungen nicht durch gezielte Hirnstimulationen aufhellen? Wir sind dabei, eine gefährliche Grenze zu überschreiten: Unser Denken wird berechenbar, wir werden optimierbar. Dürfen wir alles tun, was wir können? Miriam Meckel fordert: Wir müssen die Autonomie über unseren Kopf behalten – als Kreativraum, Privatsphäre des Denkens und Refugium des Bewusstseins.
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Kopfbahnhof


Bitte einsteigen und mitdenken

Immer schon war ich anfällig dafür, Dinge auszuprobieren, die mir nicht guttun. Auch gehe ich gerne mal volles Risiko, ohne darüber nachzudenken, was das mit mir machen könnte. Und so ist die Entscheidung für dieses Buch an einem Tag im April 2017 in Boston, Massachusetts, gefallen. Nach 36 Stunden ohne Schlaf und Essen setzte eine prägende Erkenntnis ein: Das Gehirn ist ein sehr feines System, absolut faszinierend, gleichzeitig aber auch noch weitgehend unverstanden, unberechenbar. Wir sollten vorsichtig mit ihm umgehen, respektvoll, bevor es zu spät ist.

Ich hatte in Boston gerade meine erste Erfahrung im Brainhacking gemacht, hatte ein Gerät ausprobiert, mit dem man sein Gehirn ankurbeln kann, um aktiver oder entspannter zu werden. Mit einer App steuert man niedrigschwelligen Strom über zwei Elektroden am Kopf ins Gehirn. Der Strom soll das vegetative Nervensystem beeinflussen, um für mehr Energie oder Entspannung zu sorgen. Eine interessante Erfahrung. Der Test hat bei mir gewirkt. Ich war sehr energetisch. So energetisch, dass ich mich mehrmals übergeben musste, an Essen oder Schlafen die nächsten 36 Stunden nicht zu denken war. Diese Optimierung des Gehirns hat sich alles andere als optimal angefühlt.

Hinter dieser misslungenen Erkundungsübung steckt die Vorstellung, es könne gelingen, sich über die Ankurbelung der geistigen Kräfte noch mehr Schwung zu verleihen, erfolgreicher, begehrter und vielleicht auch glücklicher zu werden. Sie passt perfekt in unsere Zeit. Denn dies ist die Zeit der Selbstverbesserungswilligen. Fast schon prophetisch mutet in diesem Zusammenhang ein Satz an, der dem US-Managementguru Peter F. Drucker (1909–2005) zugeschrieben wird: »Was du nicht messen kannst, kannst du nicht managen.« Drucker dachte dabei sicherlich an das Management von Unternehmen, das sich an vergleichbaren Kennzahlen orientieren sollte. Heute ist diese einfache Formel zu einem Leitsatz unseres gesamten Lebens geworden: Selbststeuerung zugunsten von Selbstverbesserung, und zwar auf allen Ebenen – bis hinauf ins Gehirn.

Fast alles, was wir tun, kann vermessen und also auch verglichen werden. Mit Fitnessarmbändern, Uhren und anderen technischen Geräten ist es möglich, die eigene Leistungsfähigkeit zu erfassen, Schritte, Kalorienverbrauch, Stresslevel zu messen. Zählen und messen alleine reicht aber nicht. Es muss doch auch möglich sein, besser zu werden. Fitnessstudios versprechen, knappe zwanzig Minuten elektronischer Muskelstimulation einmal pro Woche reichten aus, um fit zu werden. Mehr Effizienz und Effektivität sorgen für ein glücklicheres Leben, für mehr Erfolg, Anerkennung, und gesünder ist das alles auch noch. Das Netzwerk »The Quantified Self« (quantifiedself.com) hat sich selbst das Credo »self knowledge through numbers« verpasst. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die deutsche Übersetzung doppeldeutig anmutet: »the quantified self« – das vermessene Selbst.

Die Selbstvermesser haben sich erst einmal den Körper vorgeknöpft: mehr Bewegung, mehr Sport, kontrollierter Schlaf, gesünderes Essen, Smoothies, Detox, wohin das Auge reicht. Aber damit nicht genug. Inzwischen sind Selbstvermessung und Selbstverbesserung uns wortwörtlich zu Kopfe gestiegen. Auch das Denken muss besser werden. Was einmal mit Dr. Kawashimas Gehirnjogging begann, ist längst zu einem Wettrennen um die Leistungsfähigkeit des Gehirns geworden, dem kein Hilfsmittel fremd ist. Die Annahme, man könnte das eigene Denken mit technischen Mitteln schneller, präziser, besser machen – nichts anderes bedeutet Brainhacking –, übt heute einen ungeheuren Reiz auf immer mehr Menschen aus.

Es gab noch einen Nachklapp zu der Geschichte in Boston. Niemand wusste von meinem Selbstversuch. Tage später, alles war für mein Empfinden wieder normal, reiste ich zurück nach Berlin. Als ich nach Hause kam, machte meine Frau mir die Tür auf und sah mich erschrocken an: »Wie siehst du denn aus?« Was mir selbst in meiner offenbar verzerrten Wahrnehmung noch gar nicht aufgefallen war, hatte Anne sofort gesehen. Mein Gesicht sah anders aus. An der Stelle, an der die vordere Elektrode gesessen hatte, wirkte es wie eingedrückt. So als hätte jemand meinen Kopf mal kurz in einen Schraubstock gelegt und ein bisschen zugedreht. »Da kann man ja Angst kriegen«, sagte meine Frau. Das kann nicht die Logik der Selbstverbesserung sein. Man kann plötzlich ganz super denken, aber bleibt leider allein.

Nach ein paar weiteren Tagen war alles weg, ich sah wieder normal aus. Aber auf den Fotos, die ich an den Tagen nach dem Experiment gemacht habe, sehe ich, was da war: Ich bin mir fremd auf diesen Bildern. Das ist eine treffende Metapher für dieses Buch. Wenn wir sorglos an unserem Gehirn herumschrauben, glauben, wir könnten unsere Denkfähigkeit, unsere Stimmungslagen und Gefühle beliebig beeinflussen und verändern, dann ist das eine gefährliche, auch überhebliche Annahme. Statt besser, schneller und effizienter zu denken, treiben wir uns vielleicht einfach in den Wahnsinn. Aus dem Versuch der Selbstoptimierung wird dann Selbstbeschädigung. Denn im Gehirn steckt der Kern unserer Persönlichkeit. Das Gehirn zu manipulieren heißt, die Persönlichkeit zu manipulieren. Das Gesicht der Menschheit wird sich verändern, wenn wir beginnen, unser Gehirn als Zone stetiger Selbstverbesserung und als ökonomische Ressource zu begreifen. Wir werden einander fremd werden. Uns selbst auch.

Doch hinter dem Ehrgeiz, das Denken zu optimieren, steckt bereits eine ganze Industrie. Schließlich steigt der Druck auf jeden Einzelnen, immer und überall voll einsatz- und leistungsbereit zu sein. Medikamente, wie Ritalin oder Modafinil, werden eingesetzt, um besondere Leistungen zu erbringen, zum Beispiel in Prüfungs- oder beruflichen Belastungsphasen, man spricht dann von pharmakologischem Neuro-Enhancement. Neurostimulationen durch am Kopf befestigte Elektroden sollen – wie in meinem eigenen Brainhacking-Experiment – das Gehirn und den dazugehörigen Menschen innerhalb von zehn Minuten in die situativ gerade notwendige Aktivitäts- oder Ruhephase versetzen. Überhaupt ginge alles sehr viel schneller, wenn man nicht mehr tippen, wischen oder klicken müsste, um einen Computer oder ein Smartphone zu betätigen. Am besten wäre es doch, ich könnte meine Nachrichten an andere gleich zu ihnen rüberdenken. Auch dieses Buch wäre viel schneller in den Computer gedacht als getippt.

Wenn die optimale Leistungsfähigkeit und das optimale Ergebnis Maßstab für das Denken werden, bekommen wir ein Problem. Denn so geht Denken nicht. Man setze sich auf einen Stuhl und nehme sich fest vor, jetzt eine zündende Idee für einen Text, ein Start-up, ein neues Produkt, ein Musikstück zu haben. Es wird dann viel geschehen. Der Druck steigt, die Anspannung auch, der Frust kommt, nur eines kommt ganz sicher nicht: die gute Idee.

Das Gehirn als Produktivkraft zu betrachten, die sich in ihrer Leistung optimieren lässt, verändert nicht nur das Denken über das Gehirn. Es verändert auch das Menschenbild. Nur die Schnelldenker kommen weiter. Die anderen müssen schauen, wie sie sich und ihr Gehirn selbst optimieren können. Und wer dafür kein Geld hat, darf nicht mehr mitmachen, wird Teil des Hirnprekariats. Das wäre dann eine neue Zeit, in der die Möglichkeiten im Leben gänzlich von der eigenen kognitiven Leistungsfähigkeit abhängen – die Zeit des Neurokapitalismus. Der Anschluss an die Hirn-Daten-Cloud für 299 Euro im Monat ist zu teuer? Da bleibt leider nur Hartz-IV für die allzu ergrauten Zellen.

Es gibt die moderne Legende, wir nutzten nur zehn Prozent unserer Gehirnleistung. Sie ist schlicht falsch. Aber das ändert nichts daran, dass sie sich im Bewusstsein vieler Menschen hält wie eine Klette in Schurwolle. Passt sie doch auch allzu perfekt in die Logik der neuen Effizienz des Denkens. 90 Prozent ungenutzte Ressourcen? Da muss ja ranzukommen sein, neuronale Goldgräberstimmung. Aus diesem Unsinn hat Luc Besson, einer der großartigen Regisseure Hollywoods, sogar kürzlich noch einen ganzen Film gemacht. Der ist so schlecht, dass man den Regisseur eigentlich wegen Beleidigung der geistigen Kräfte verklagen müsste. Und doch landete er gleich nach Filmstart auf Platz eins der deutschen Kinocharts. »Lucy«, das ist die Geschichte einer Frau, die durch eine Überdosis Drogen übermächtige Kräfte verliehen bekommt. Ihr Gehirn dreht auf, und Lucy kann alle Energien um sie herum für sich nutzen, kann über elektromagnetische Felder SMS in die Welt schicken. Sie sieht die Vergangenheit und die Zukunft und blickt in fremde Galaxien. Und als ihr Gehirn tatsächlich 100 Prozent Leistung erreicht hat, wird sie zu purer Energie, zu einem allgegenwärtigen Bewusstsein, das entkoppelt von ihrem Körper existieren kann.

So weit muss man vielleicht nicht gleich gehen. Aber die Vorstellung, wir könnten mithilfe von Medikamenten, Stromstößen oder dauerhaften Implantaten im Kopf mehr aus unserem Gehirn herausholen, ist ein Dauerbrenner. Der amerikanische Psychologe und Philosoph William James schrieb vor mehr als hundert Jahren: »Wir nutzen nur einen kleinen Teil unserer mentalen und physischen Ressourcen.«1 Seitdem denkt die Menschheit immer wieder darüber nach, ob und wie es möglich sein kann, die Leistung des Gehirns zu verbessern, um die Schwächen und Defizite auszubügeln, die jeder gelegentlich bei sich selbst erkennen kann. Aber kann das funktionieren?

Wenn ich mir morgens einen Kaffee mache, geht das beinahe automatisch. Ein »No-Brainer«, eine Handlung, die fast keinen geistigen Aufwand verlangt. Das ist ein Irrtum. Um einen Kaffee zu machen, muss ich in die Küche gehen, mich der Kaffeemaschine nähern, den An-Knopf drücken, wahrscheinlich Wasser nachfüllen, weil das sonst wieder keiner gemacht hat, in jedem Fall Kaffee, dann die Tasse unter den Auslass stellen und womöglich auch noch Milch und Zucker hinzugeben. Damit das klappt, tobt in meinem Gehirn ein Gewittersturm der Neuronen, von dem ich nichts merke. Zahlreiche Areale im Gehirn ändern ihre Aktivität, sodass Bedürfnisse (»jetzt einen Kaffee«), Bewegungen (»Knopf drücken«) und Sinnesreize (»hmm, lecker …«) miteinander koordiniert werden. Wenn man sich mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie anschauen würde, was im Hirn passiert, um einen einzigen Kaffee zu machen, würde man sich wohl wundern, wie oft das unfallfrei klappt.

Uns ist gar nicht bewusst, wie hochkomplex selbst banalster Alltag ist und welch unglaubliche Leistungen unser Gehirn in jeder Sekunde vollbringt. Stattdessen wollen wir einfach immer mehr. Früher haben wir Mofas und Autos frisiert, heute sind unsere grauen Zellen dran. Wir stehen noch am Anfang einer Entwicklung rund um das Gehirn als neuem Objekt der Begierde nach Selbstoptimierung. Doch der bessere Mensch scheint bereits zum Greifen nahe, wenn man mit Pillen, Stromstößen oder der Verbindung von Gehirn und Computer, von menschlicher und Künstlicher Intelligenz nachhelfen kann. Oder sagen wir lieber: der schneller und effizienter denkende Mensch scheint zum Greifen nahe. Ob es auch der bessere ist?

Damit stehen wir am Anfang einer Auseinandersetzung um die Möglichkeiten des Brainhacking, die nicht nur jeder Einzelne mit sich selbst führen muss. Es wird eine gesellschaftliche Debatte darüber geben müssen, was möglich und wünschenswert ist. Wo muss das Gehirn als Zentrum des Denkens und der individuellen Persönlichkeit geschützt werden? Welche Ansprüche haben wir an unsere geistige Selbstbestimmung, auch an geistige Intimität und den Schutz privater Gedanken? Und wer wird sie gewährleisten können? Werden wir selbst künftig noch das Recht haben, auf diese Gewährleistung zu pochen? Welche Pflichten haben wir selbst dabei, welche Verantwortung?

Ich bin keine Neurowissenschaftlerin, und ich möchte auch nicht so tun, als wäre ich eine. Mit vielen Forscherinnen und Forschern, Expertinnen und Experten habe ich für dieses Buch gesprochen. Sie alle wissen viel mehr über das Gehirn, als ich je wissen werde. Die Fragen aber, die ich in diesem Buch stelle, gehen nicht nur die Hirnexperten etwas an. Sie betreffen jeden Menschen, der für sich selbst entscheiden möchte, was mit seinem Gehirn und seinem Bewusstsein geschehen soll. Es sind keine wissenschaftlichen Spezialfragen, sondern sie betreffen die Zukunft unserer Menschlichkeit, unserer Eigenständigkeit und unserer Freiheit. Deshalb können wir die Antworten nicht allein den Neurowissenschaftlern überlassen. Wir müssen sie selbst finden.

Als ich vor Jahren begann, mich mit dem Thema zu beschäftigen, kam mir ein Satz in den Sinn, der nun Titel dieses Buches geworden ist: »Mein Kopf gehört mir.« Es ist ein Satz, der ein historisches Echo in sich trägt. Er beschreibt einen anderen Kampf um Selbstbestimmung, der unsere Gesellschaft verändert hat. In den Siebzigerjahren nahm endlich auch in Deutschland die Frauenbewegung Tempo auf. Unter dem Motto »Mein Bauch gehört mir« kämpften Frauen für das Recht auf Abtreibung als Ausdruck der Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben.

Dafür reicht es nicht, sich gegen etwas entscheiden zu können. Es gehört das Recht dazu, sich nicht für etwas entscheiden zu müssen. Darum geht es, wenn das Gehirn zur neuen Eroberungszone im Neurokapitalismus wird und wir alle und jeder Einzelne von uns vor vollkommen neue Herausforderungen gestellt werden. Wird Denken eine Frage des Geldes? Haben wir auch zukünftig die Wahl, mit unserer Intelligenz, unseren kognitiven Leistungen zufrieden zu sein, wenn es doch immer mehr Möglichkeiten gibt, sie aufzupolieren, zu verbessern? Haben wir die Wahl, unser Denken privat zu halten, wenn neue Technologien es möglich machen, Gedanken direkt aus dem Gehirn zu lesen und über die digitalen Netzwerke auszutauschen? Haben wir die Wahl, uns für die Unversehrtheit unseres Gehirns zu entscheiden, wenn eine wachsende Zahl von Menschen keine Probleme mehr damit hat, sich über Elektroden, Computerchips oder Nanosonden Zugänge zu ihrem Gehirn legen zu lassen, um Teil eines globalen Netzwerks der Kommunikation und des Wissens zu werden, angeschlossen an eine Datencloud, auf die wir mit jedem Gedanken zugreifen können? Die Antwort erscheint derzeit noch einfach: Klar haben wir die Wahl.

Wirklich? Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, dass sich technologische Fortschritte letztlich durchsetzen, wenn sie das Leben angenehmer machen. Auch wenn irgendwann so viele Menschen Teil der Entwicklung geworden sind, dass die Widerständigen zu Abgehängten werden. Längst haben die meisten Menschen ein Smartphone in der Tasche, das sie nutzen wie eine Fernbedienung für das Leben. In einigen Jahren werden alle Gegenstände unseres Alltags an das Internet angeschlossen sein und miteinander reden. Der Kühlschrank wird entscheiden, wann er Obst und Gemüse nachordert, die Waschmaschine, wann sie wäscht, um die günstigsten Stromtarife auszunutzen. In ein paar mehr Jahren werden wir uns im selbst fahrenden Auto durch die Gegend kutschieren lassen. Wir werden die Strecke fahren, die das Auto auswählt, weil es am schnellsten geht. Diese Entwicklungen machen das Leben einfacher und bequemer. Aber es sind erste Schritte auf dem Weg zu einer Entmündigung des Denkens.

Wenn es medizinisch und technisch möglich ist, das Gehirn zu einem Knotenpunkt in diesem Netzwerk zu machen, wird das geschehen. Längst arbeiten Forscherteams an Universitäten in aller Welt und Unternehmen im Silicon Valley daran, eine Hirn-Computer-Schnittstelle zu entwickeln, die diesen Weg eröffnet. Erste Erfolge gibt es. Menschen können mit ihren Gedanken am Computer Spiele spielen, Texte schreiben, einen Roboterarm bewegen.

Das ist nur der Anfang. Wenn diese Möglichkeiten weiterentwickelt werden, breitere Anwendung finden, wird das Gehirn ein offenes Buch. In ihm können wir dann lesen, wie es um uns und andere bestellt ist. Es erlaubt auch den Blick hinter die Kulisse unseres Gesichts, hinter den »Bildschirm« der Persönlichkeit. Was im Gehirn an Informationen, Gefühlen, Wünschen und Begehren verarbeitet wird, ist Teil der Identität und Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Ein wesentlicher Teil unserer Freiheit besteht darin, dass all dies nicht für alle anderen sichtbar und erkennbar ist.

Um 1780 trat ein Text seinen Siegeszug durch die Welt an, der als Protestnote gegen politische Überwachung und Fremdbestimmung in das deutsche Kulturgut eingegangen ist.

 

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten,

sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen,

mit Pulver und Blei: die Gedanken sind frei.

 

Tatsächlich wird inzwischen zur Jagd auf die Gedanken geblasen. Es hat seinen eigenen, vielfachen Reiz, das Geheimnis des Denkens zu entschlüsseln und zugänglich zu machen. Nicht zuletzt als großes Versprechen auf neue Märkte und Verdienstmöglichkeiten. Das Unternehmen, das ein erstes marktfähiges Gerät zum Gedankenlesen oder zur Hirn-zu-Hirn-Kommunikation anbieten kann, wird einen Milliardenwettkampf eröffnen. Pulver und Blei sind dazu nicht mehr nötig. Es reicht eine Hirn-Computer-Schnittstelle, um das Denken anzuzapfen. Niemand muss dann mehr Gedanken erraten. Man kann sie einfach auslesen.

Immer mehr Fragen werden sich mit dieser Entwicklung noch einmal neu und drastisch stellen. Wer denkt da eigentlich, wenn unzählige Gehirne im Gedanken-Crowdsourcing zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen? Wer hat das Copyright auf einen Gedanken, der aus dem eigenen Kopf ausgelesen und weiterverarbeitet wurde? Wird es eine Datenschutzverordnung für Gedanken geben? Und wie verhindern wir, dass allein durch das technisch Mögliche eine »Gedankenpolizei« entstehen kann, wie sie George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat.

Am Übergang zum Neurokapitalismus gilt nicht mehr der marxistische Leitsatz »Das Sein bestimmt das Bewusstsein«. In der Welt der Gedankenvernetzung bestimmt das Bewusstsein das Sein. Gehört mein Kopf dann wirklich noch mir? Ich hoffe es. Aber ich werde auch etwas dafür tun müssen, dass dies so bleibt.

Denn es darf auch künftig nicht von der Elektrifizierung des Geistes abhängen, ob man in der Welt noch mithalten kann. Wenn pures Menschsein zum Überlebensnachteil wird, kriegen wir ein Problem.

Mein Kopf gehört mir, das ist nicht nur ein Satz, der programmatisch für die Selbstbestimmung eines jeden Menschen über sein Gehirn und sein Bewusstsein eintritt. Es ist auch der Satz, der für mich den Kern einer menschlichen, demokratischen und freien Gesellschaft beschreibt. Im Gehirn kommt zusammen, was einen Menschen ausmacht. Wer das Gehirn manipuliert, werkelt am Ich. Bevor wir damit anfangen, wäre es gut, das Gehirn wirklich in allen seinen Details zu verstehen. Davon sind wir bei allem Fortschritt noch immer weit entfernt. Einstweilen gilt daher: Ob und wie weit man das eigene Gehirn zur Trainingszone der Selbstverbesserung macht, darüber sollte niemand anders entscheiden dürfen als der kluge Kopf, der bald noch klüger werden soll. Wer mit Medikamenten, Elektrostimulation oder der Verbindung zwischen Hirn und Computer die Leistungskraft seiner grauen Zellen erweitern (Neuro-Enhancement) oder verändern (Brainhacking) möchte, kann das tun. So viel Freiheit darf sein.

Freiheit ist aber nicht nur Ermächtigung, sondern auch Verpflichtung. Wir werden diese neue Welt gestalten müssen.

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