Die Kluftinger-Autoren im Interview: »Unter uns Pfarrerstöchtern …«
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von


Die Kluftinger-Autoren im Interview: »Unter uns Pfarrerstöchtern …«

Von den Autoren (A) Klüpfel und Kobr wurde das Treffen mit Spannung erwartet: Zum ersten Mal sollten sie mit Kommissar (K) Kluftinger zusammentreffen, dessen beruflichen Alltag und privates Leben sie in ihrer Romanreihe öffentlich machen. Unzählige Fragen hatten sie sich zurechtgelegt und danken wollten sie dem Vorzeigepolizisten aus dem Allgäu auch. Doch dann kam alles ganz anders …

A: Grüß Gott, Herr Kommissar, es ist für uns eine große Ehre, Sie …
K: Sie sind das also, die das … Zeug da immer schreiben über mich?
A: Ja, das sind wir. 
K: (betrachtet sie lange) Aha, so was hab ich mir schon gedacht. 
A: Wir verstehen nicht ganz …
K: Na ja, ein siebeng'scheiter Lehrer und so ein Journalisten-Fatzke. Geht's eigentlich noch? Wisst ihr, was ich mir jeden Abend anhören kann von der Erika?
A: Aber Sie sind doch jetzt berühmt … irgendwie.
K: Eben! Meine Frau liegt mir deshalb doch immer in den Ohren: Da hast du's, jetzt wissen alle, wie unordentlich du bist. Wie du wieder aussiehst mit deinem zu engen Trachtenjäckle!

»Und jetzt mal zum Doktor.«

A: Aber Sie sind doch ein stattlicher Mann.
K: Aufpassen, Bua, gell! Und jetzt mal zum Doktor. Das ist ja auch unmöglich, was ihr mit dem anstellt!
A: Finden Sie, er kommt zu schlecht weg?
K: Nein, viel zu gut! Wisst ihr, wie sich seine Sprechstundenhilfe inzwischen am Telefon melden muss? Praxis Dr. Martin Langhammer, bekannt aus Funk und Fernsehen, was kann ich für Sie tun?
A: Was schlagen Sie vor?
K: Mei, ich weiß auch nicht. So ein kleiner Unfall vielleicht … oder eine Privatinsolvenz?
A: Aber die Leser würden nur ungern auf ihn verzichten. 
K: Die Leser sind mir scheißegal. Denen ist doch auch wurscht, wie ich mich abplagen muss! Komische Leut müssen das sein.
A: Nein, die sind sehr nett. Wir haben noch viel vor mit dem Doktor. Und mit Ihnen. Da wäre als Nächstes die Geschichte mit dem Schatz in Altusried.
K: (entsetzt) Was? Aber das mit dem Auto und meinem ersten Flug, das habt ihr doch nicht geschrieben, oder?
A: Ich fürchte doch.
K: Ja, seid’s ihr narrisch? (denkt nach) Ich hätt einen besseren Vorschlag. Könnt ihr nicht mal schreiben, wie ich ein Theater anschau? Oder ein Ballett vielleicht.

»Diridari ...«

A: Aber das glaubt uns doch keiner.
K: Nicht? Schade! Aber jetzt mal unter uns Pfarrerstöchtern: Da kommt doch ganz schön was rum bei der Schreiberei, oder?
A: Wie meinen Sie das?
K: Jetzt stellt's euch nicht blöder, als ihr seid. (er reibt Daumen und Zeigefinger aneinander) Diridari …
A: Ach so, ja gut, wir haben unser Auskommen.
K: Wie wär’s, wenn wir uns da auf einen Obolus für mich einigen könn-ten? Ein neues Auto wär vielleicht nicht verkehrt … 
A: Was würde denn der Lodenbacher dazu sagen? 
K: (bekommt große Augen) Der Lodenbacher? Ach so, ja, nein, das war ja jetzt eh bloß Spaß. Ha! Ich will doch nicht von so einem Geschreibsel profitieren. Liest denn das überhaupt jemand? 
A: Ja, ein paar Millionen.
K: MILLIONEN? Kreizkruzifix, jetzt wundert mich nix mehr. Wenn ich zum Verhör erscheine, dann lachen die meisten Verbrecher ja inzwischen nur noch. Und stellen mir blöde Fragen: »Na, im Hotel wieder die Pröbchen eingepackt?«

»Würden Sie uns Ihre Vornamen verraten?«

A: Sagen Sie, wir hätten da eine wichtige Frage: Würden Sie uns ihre Vornamen verraten? Kluftinger zeigt ihnen seinen Dienstausweis.
A: Oh … das … tut uns natürlich leid. Da bleiben wir vielleicht doch lieber bei »Klufti«.
K: Gibt's noch was? Ich müsst wieder was arbeiten, bei mir türmen sich die Akten.
A: Wo denn?
K: (blickt sich um, Schreibtisch und Schränke sind leer) Ui, wie habt's ihr denn jetzt des gemacht?
A: Ich bitte Sie, Herr Kluftinger, wir sind Ihre Autoren, wir können alles machen. 
K: (steht auf) Also, das wird mir langsam ein bissle … unheimlich. Das hat mich jetzt ja wirklich sehr gefreut, dass Sie da waren, gell? Und nix für ungut. … Pfi a Gott, gell?


Blick ins Buch
SchutzpatronSchutzpatronSchutzpatron

Kluftingers neuer Fall

Endlich kehrt der prachtvolle Burgschatz mit der Reliquie von St. Magnus, dem Schutzpatron des Allgäus, nach Altusried zurück. Vor Jahrzehnten wurde unter der Burgruine Kalden der sagenhafte Schatz gefunden und ging auf weltweite Ausstellungsreise. Nun muss Kluftinger an einer Arbeitsgruppe teilnehmen, die eigens für die Sicherung der Kostbarkeiten gegründet wurde. Priml! Dabei hat er doch ganz andere Probleme: Er hat den Mord an einer alten Frau aufzuklären, der zunächst als natürlicher Tod eingestuft wurde. Oder hat das eine gar mit dem anderen zu tun? Kluftingers Nachforschungen werden dadurch erheblich erschwert, dass sein Auto gestohlen wird, was er aus Scham allerdings allen verschweigt – den Kollegen und sogar seiner Frau Erika. Das bringt ihn mehr als einmal in Bedrängnis. Vor allem natürlich, wenn Dr. Langhammer mit von der Partie ist …
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Kuender ew’ger, froher Wahrheit,
unsres Land’s Apostel, du,
bringe uns ersehnte Klarheit
und im Sturm der Zeiten Ruh.
(Aus dem Magnuslied nach D. Haugg)

Heiliger Antonius,
kreizbraver Ma,
fihr mi an des Plaetzle na,
wo i mei Sach verlore ha.
(Volksmund)


Prolog

»Wotan?«
Reglos lauschte er in die vorabendliche Stille hinein. Kein Laut. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, doch das diffuse Licht der heraufziehenden Daemmerung, das durch die Wipfel der knorrigen Baeume hinunter zum feuchten Waldboden drang, liess ihn nur wenige Meter weit sehen.
»Wotan!«
Wie immer, wenn er den Namen rief, war er ihm ein wenig peinlich. Selbst schuld, dachte er, niemand hat dich gezwungen, deinem winzigen Hund einen derart martialischen Namen zu geben. Aber er hatte den Kontrast so putzig gefunden: der kleine Dackel mit den krummen Beinchen und der Name der germanischen Gottheit. Langsam begann er sich Sorgen um ihn zu machen. Es war nicht Wotans Art, einfach so fortzulaufen.
»Wotan?« Er schnippte seine Zigarette weg, trat sie aus und hielt inne. Hatte er da nicht etwas gehoert? Er blickte zurueck auf den Weg, der, mit Baumstaemmen befestigt, hinunter ans Flussufer fuehrte. Nichts. Vor ihm ragte das Plateau mit der Ruine auf. Bei ihrem Anblick froestelte es ihn. Nebelschwaden hatten sich auf der Wiese ausgebreitet und huellten die moosbewachsenen Steine des Turms in einen fahlen Schleier. Das Daemmerlicht hatte die Farben aus der Natur gewaschen, alles wirkte grau, trostlos und unheimlich. Er gestand es sich nur ungern ein, aber der Schauder, der von ihm Besitz ergriff, kam nicht von der Temperatur. Er versuchte sich einzureden, dass es nur die Angst um seinen Hund war, denn er wagte gar nicht, sich auszumalen, was passiert sein koennte, wenn Wotan nicht in Richtung Auto, sondern zum Steilufer gelaufen war. Muehelos haette er unter den Latten des Zauns dort hindurchschluepfen koennen, um dann … Gerade als er seinen Blick mit einer boesen Vorahnung in Richtung Abgrund wandte, hoerte er ihn.
Es war ein ungewoehnlich aggressives Knurren, aber es kam zweifellos von seinem Hund. Ohne zu zoegern, rannte er los, achtete nicht auf die Aeste, die ihm ins Gesicht peitschten, sprang ueber Wurzeln und welkes Laub, blieb stehen und lauschte, den Kopf geneigt, den Blick unbestimmt in die Daemmerung gerichtet. Da! Erneut ein Knurren. Es kam … er kniff die Augen zusammen, als koenne er so seine Sinne schaerfen … ja, es kam eindeutig von der Lichtung.
Aus der Richtung des Gedenksteins flog Erde und Laub in hohem Bogen auf die Lichtung. »Wotan!« Sein Hund scharrte wie verrueckt in der Erde und knurrte den Waldboden an. Gar nicht auszudenken, was dieser Dreck auf den Polstern des neuen Autos anrichten wuerde. Nur noch Wotans Hinterteil ragte hinter dem Tuffstein hervor, dessen altertuemliche Inschrift an die »Veste Alt-Kalden« erinnerte, eine maechtige Burg, die einst hier in Altusried gestanden hatte. Er erinnerte sich noch, dass irgendeine Katastrophe ihr ein jaehes Ende bereitet hatte.
»Hoer – jetzt – auf !«, schrie er wutentbrannt, da das Tier nicht reagierte. Er stampfte dabei mit dem Fuss auf, was ein merkwuerdig dumpfes Geraeusch verursachte, als sei es unter der Grasnarbe hohl. Erschrocken hob der Dackel den Kopf, jaulte einmal kurz und kam auf ihn zu, da spuerte der Mann einen Zug modriger Luft von unten, hoerte das Krachen berstenden Holzes und fiel ins Bodenlose. Dann wurde es dunkel.

Finsternis und Kaelte. Mehr nahm er zunaechst nicht wahr, als er wieder zu sich kam. Doch sofort gesellten sich rasende Kopfschmerzen hinzu, ein Haemmern hinter der Schlaefe, als wolle ihm jemand von innen den Schaedel sprengen. Unwillkuerlich fasste er sich an den Kopf, spuerte ein feuchtes, warmes Rinnsal und wusste, auch ohne es zu sehen, worum es sich dabei handelte: Blut. Sein Blut.
Urploetzlich draengte sein Mageninhalt mit aller Gewalt nach oben, und er uebergab sich heftig. Mit dem Handruecken fuhr er sich zittrig ueber den Mund. Er versuchte, seine Gedanken trotz des moerderischen Pochens in seinem Schaedel zu sammeln. Was war passiert? Sein Spaziergang auf dem engen Waldweg zum Fluss fiel ihm wieder ein, der Aufstieg, die Ruine, der Stein, Wotans ploetzliches Verschwinden …
»Wotan?«
Jetzt erst bemerkte er das verzweifelte Bellen ueber sich. Er legte den Kopf in den Nacken, was das Haemmern in seinen Schlaefen noch verstaerkte. Oder war es die Tatsache, dass ueber ihm nichts war als undurchdringliche Schwaerze? Wie lange war ich weg? Er hatte keinerlei Gefuehl fuer die Zeit, die seit seinem Sturz vergangen war. Sein Sturz! Hektisch tastete er seinen Koerper ab. Er schien einigermassen glimpflich davongekommen zu sein. Offensichtlich war nichts gebrochen, nur sein Schaedel brummte erbaermlich. Doch die Erleichterung wurde sofort von einem beaengstigenden Gedanken verdraengt: Wie sollte er hier je wieder rauskommen? Wotans Bellen klang, als kaeme es aus mindestens vier, fuenf Metern Hoehe. Der Hund musste an der Stelle stehen, wo er eingebrochen war, doch nicht ein einziger Lichtstrahl drang bis hier unten vor. AEchzend stand er auf, breitete die Arme aus und drehte sich mehrmals um die eigene Achse. Blind stolperte er ein paar Schritte nach links, bis er gegen eine feuchte Wand stiess. Seine Finger tasteten ueber behauene Steine. Er versuchte, sich an ihnen hochzuziehen, aber sie waren glitschig, und er fand keinen Halt. Verzweifelt liess er sich zu Boden sinken und lehnte seinen maltraetierten Kopf an die kuehle Mauer. Was wuerde er jetzt fuer eine Zigarette geben. Er hielt inne. Die Streichhoelzer! Aufgeregt kramte er sie aus seiner Hosentasche, schob die verbeulte Packung vorsichtig auf und zuendete eines an. Zuerst fiel sein Blick auf seine vom Dreck beinahe schwarzen Finger. Sie zitterten, als er das Hoelzchen hob. Die Waende des Lochs schienen im flackernden Schein der Flamme einen schaurigen Tanz aufzufuehren. Sein Verlies mass hoechstens fuenf auf fuenf Meter, und ihm war sofort klar, dass er keine Chance hatte, sich aus eigener Kraft daraus zu befreien. Zu steil und glitschig waren die Waende. Er drehte sich noch ein Stueckchen weiter, dann musste er das Streichholz fallen lassen, und es verlosch.
»Scheisse«, zischte er. Es waren vielleicht noch ein Dutzend Hoelzer in der Packung. Er musste sie sich gut einteilen. Auch wenn es hier unten stockfinster war, schloss er die Augen, um sich das Bild, das er sich von dem Raum gemacht hatte, noch einmal in Erinnerung zu rufen. Ploetzlich riss er sie wieder auf. »Das Gitter«, fluesterte er, zuendete ein weiteres Streichholz an und hielt es mit ausgestreckter Hand nach vorn. Tatsaechlich, er hatte sich nicht getaeuscht: In die gegenueberliegende Wand war ein rostiges Gitter eingelassen. Er starrte so fasziniert darauf, dass er die Flamme ganz vergass und erst wieder daran dachte, als sie ihm die Fingerkuppe ansengte. Doch er ignorierte den Schmerz, krabbelte zu dem Gitter und ruettelte mit aller Kraft daran. Er merkte schnell, dass es nicht lange dauern wuerde, bis er es aus seiner Verankerung herausgerissen haette. Stueck fuer Stueck loeste es sich aus der Mauer. In einer letzten Anstrengung zerrte er keuchend daran, biss die Zaehne zusammen, als das rostige Metall in seine Finger schnitt – und riss es schliesslich mit einem Krachen aus der broeckeligen Steinwand. Er warf es neben sich und entzuendete ein weiteres Streichholz: Vor ihm tat sich ein etwa fuenfzig Zentimeter hoher Gang auf, der in eine ungewisse Schwaerze fuehrte.
Er hielt kurz inne und faltete die Haende. Da er nicht wusste, welcher Schutzheilige fuer seine missliche Situation zustaendig war, schickte er einfach ein kurzes Stossgebet gen Himmel. Er bekreuzigte sich hastig und kroch hinein. Schon nach wenigen Metern jedoch bereute er seine Entscheidung: Der Gang war so eng und schwarz, dass sich die Panik wie ein enger, dunkler Mantel um ihn legte. Er holte hektisch ein weiteres Streichholz heraus. Er brauchte Licht, musste etwas sehen – und schrie auf. Direkt vor ihm, ausgestreckt auf dem Boden, lag ein Mensch. Das heisst: Das, was von ihm uebrig war, denn er starrte direkt in die schwarzen Hoehlen eines Totenschaedels. Er erschrak so heftig, dass er das Streichholz fallen liess, worauf er sofort ein neues entzuendete. Der Schaedel sah nicht so aus wie die Skelette, die er aus dem Fernsehen kannte. Dieser hier war nicht weiss, sondern dunkel, fast schwarz, und in seiner Stirn klaffte ein Loch. Er veraenderte seine Haltung etwas, und das Licht der Flamme brach sich nun in Metall, offenbar Teile einer uralten Ruestung. Als er die knoechernen UEberreste einer Hand sah, war seine Angst urploetzlich wie weggeblasen. Denn an einem der Finger prangte ein schillernder, blitzender Ring, dahinter lag ein mit Edelsteinen besetzter Armreif. In diesem Moment erlosch die Flamme wieder.
Mein Gott, ein Schatz, dachte er, kramte ein weiteres Hoelzchen heraus, nicht mehr darauf bedacht, es fuer seine beschwerliche Rueckkehr an die Oberflaeche aufzusparen. Er leuchtete den Boden ab, entdeckte die andere Hand, deren Fingerknochen auf etwas zu zeigen schienen. Und tatsaechlich: In einem Spalt zwischen zwei Steinen steckte ein Messer, dessen Griff ebenfalls mit Edelsteinen besetzt war. Ohne nachzudenken, griff er danach, zog es heraus, worauf sich einer der Mauersteine loeste und einen Hohlraum freigab. Er entfernte noch weitere Steine aus der Wand, dann wurde es wieder finster.
Was kommt denn jetzt noch?, fragte er sich, streckte seine Hand im Dunkeln aus und fasste in das Loch. Er bekam etwas Weiches zu fassen, griff zu, merkte, dass darunter etwas Metallisches war, zog es heraus und zuendete eines seiner letzten Streichhoelzer an: Er starrte auf einen halb verfaulten Stofffetzen, der um etwas Grosses, Metallisches geschlagen war. Sein Mund war trocken, als er den Stoff abzog – und einen selbst unter all dem Dreck golden schimmernden Gegenstand in Haenden hielt, der ueber und ueber mit Edelsteinen besetzt war. Er wusste nicht genau, was es war, das er da in Haenden hielt: Ein praechtiger Strahlenkranz ging von der Mitte aus, unten besass es einen massiven Fuss, der ebenfalls aus Gold zu sein schien.
Fahrig suchte er im Dunkeln nach weiteren Gegenstaenden. Neben einigen Ringen ertastete er noch einen Kelch und zwei verzierte Armreifen. Er raffte seinen Fund zusammen, schlug alles notduerftig wieder in den Stoff ein und robbte damit weiter. Sein ganzes Denken kreiste nun nicht mehr um seinen Weg nach draussen, sondern um die geheimnisvollen Gegenstaende. Wie sind sie hierhergekommen? Warum hat sie vor mir niemand entdeckt? Woher kommt das Loch in dem Totenschaedel? Bin ich jetzt reich? Er merkte gar nicht, wie der Gang um ihn herum sich weitete, immer geraeumiger wurde. Erst als er statt Erde feuchte Holzplanken spuerte, hielt er inne. Er erhob sich ganz langsam und stand ploetzlich wieder aufrecht. Wo bin ich bloss? Er kramte die Streichholzschachtel hervor. Nur noch ein Hoelzchen befand sich darin. Er biss sich auf die Lippen: Das muss jetzt klappen. Atemlos stand er da, als sich die Flamme flackernd entzuendete. Dann seufzte er erleichtert.
Er ahnte, wo er war.

Kaum eine halbe Stunde spaeter atmete er wieder die klare, kalte Nachtluft. Der Gang hatte ihn in einen Hohlraum unter der Turmruine gefuehrt, von dort hatte er sich mithilfe ein paar herumliegender Hoelzer durch die bruechige Mauer einen Weg nach draussen gebahnt, wo Wotan winselnd einen Freudentanz um ihn herum vollfuehrt hatte. Jetzt sass er in seinem Wagen und sog gierig den Rauch der Zigarette in seine Lungen. Seine neuen Polster waren ihm nun vollkommen egal. Er starrte nur unglaeubig auf die Dinge, die er aus der Unterwelt mitgebracht hatte.
Jetzt musste er eine Entscheidung treffen.

Ein warmes Gefuehl der Selbstzufriedenheit im Bauch sagte ihm, dass er den richtigen Entschluss gefasst hatte. Er lenkte seinen Wagen zielsicher durch die dunkle Kemptener Innenstadt. Ausser den riesigen Koepfen auf den Wahlplakaten, die die Strassen saeumten, war keine Menschenseele zu sehen. Als er anhielt und ausstieg, fiel sein Blick fuer einen Moment auf das Plakat in der Mitte des Rathausplatzes. Beim Anblick des dicken Mannes mit dem roten Kopf musste er grinsen. Dass ein Bayer Bundeskanzler werden koennte, schien selbst hier im Allgaeu aeusserst unwahrscheinlich. Doch die Wahl, fuer die er sich noch vor wenigen Stunden so brennend interessiert hatte, war ihm nun nicht mehr als einen fluechtigen Gedanken wert.
»Komm, Wotan«, zischte er, nahm die Sachen vom Beifahrersitz und betrat das Gebaeude.
»Moment, Hunde ham da herin nix zu …« Der junge Mann am Schreibtisch verstummte mitten im Satz. Seine Augen weiteten sich, als die verdreckte Gestalt mit dem blutverkrusteten Gesicht in den Schein der Lampe trat. Der Mann wurde begleitet von einem nicht minder schmutzigen Dackel.
»Kohler. Andreas Kohler mein Name, gruess Gott. Lassen Sie sich nicht von meinem Aussehen taeuschen«, rief die Gestalt durch das Zimmer, lief zum Tresen und legte ohne weitere Erklaerungen seine Fundstuecke
darauf. »Ich glaub, ich hab da was fuer Sie.«
Dem jungen Beamten klappte der Kiefer nach unten. Er erhob sich langsam aus seinem Stuhl und ging auf den Tresen zu, wobei er die Gegenstaende, die nun dort lagen, nicht aus den Augen liess. Kohler schaetzte den Polizeibeamten auf etwa fuenfundzwanzig Jahre, auch wenn ihn sein schuetteres Haar aelter wirken liess. Der Polizist war schlank, und in seiner Uniform wirkte er sportlich. Als er den Tresen erreicht hatte, schluckte er und murmelte nur ein Wort: »Priml!«

»Aus Dietmannsried?«
»Aus Dietmannsried.«
»Andreas Kohler, richtig?«
»Richtig.«
Der Beamte tippte die letzten Angaben umstaendlich in die Schreibmaschine ein, wobei er immer wieder fluchend unterbrach und mit Tipp-Ex auf dem Papier herummalte. Schliesslich zog er den Bogen heraus und reichte ihn ueber den Tresen. »Gut, wenn Sie das Protokoll bitte hier unterschreiben, Herr Kohler.«
»Und wie geht es jetzt weiter?«
Der junge Beamte kratzte sich am Kopf. »Ehrlich gesagt: Das weiss ich nicht. Also, einen Schatz, das haben wir hier meines Wissens noch nie gehabt.«
»Aber ich krieg doch eine Belohnung?«
»Ja, sicher. Das steht Ihnen ja zu. Obwohl Sie die ja wohl gar nicht noetig haben.« Der Polizist grinste und deutete durch die Scheibe auf das nagelneue graue Auto, das vor der Wache im Schein einer Laterne parkte.
»Ja, schoen, gell? Aber es gehoert nicht mir.«
Der Blick seines Gegenuebers verfinsterte sich.
»Ich meine, doch, doch, schon meins, aber ich bin Autoverkaeufer und fahre immer die neuesten Vorfuehrwagen.«
»Sie meinen, der waer zu verkaufen?«
Kohler hob die Augenbrauen. Warum sollte er nicht auch noch ein Geschaeft machen, so ganz nebenbei, auf der Polizeiwache? Der Tag war ohnehin schon verrueckt genug verlaufen. »Sind Sie interessiert?«
»Mei, schon. Kaeme halt auf den Preis an. Was ist es denn fuer ein Modell?«
»Ein Volkswagen. Der nagelneue Passat Variant – als Diesel. Ist erst seit ein paar Tagen auf dem Markt. Der haelt ewig. Und ist sparsam obendrein.«
»Sparsam?« Der Polizeibeamte zog interessiert die Brauen hoch. »Sie verstehen Ihr Handwerk. Aber ewig muss er ja gar nicht halten, bloss ein paar Jahre.«
Der Autoverkaeufer fischte mit seinen schmutzigen Fingern eine Visitenkarte aus dem Geldbeutel. »Rufen Sie mich einfach an.« Dann winkte er seinem Hund und ging.


Dienstag, 7. September

»Himmelarsch!«
Missmutig knallte Kluftinger die Fahrertuer seines alten Passats zu. Dabei war er vor zwanzig Minuten noch leidlich gut gelaunt zu Hause aufgebrochen. Und die kurze Fahrt von seinem Wohnort Altusried bis zu seinem Buero in der Kemptener Innenstadt hatte ihn sogar noch froehlicher gestimmt. Kluftinger liebte es, wenn sich der Sommer allmaehlich seinem Ende entgegenneigte. Endlich durfte man sich wieder guten Gewissens drinnen aufhalten, und seine Frau wuerde ihn nicht mehr mit absurden Vorschlaegen wie »Wollen wir nicht zum Baden gehen?« traktieren. Ueber der Iller standen wieder erste Nebelschwaden, die ungemuetliche Hitze des kurzen Sommers war einer herrlichen Frische gewichen, und die Septembersonne tauchte die Landschaft in mildes Licht.
Doch wieder einmal hatte Kluftingers Freude ueber diesen wunderschoenen Tag keinen Bestand angesichts eines beinahe allmorgendlichen Aergernisses: Seit die Kemptener Kriminalpolizei vor einigen Monaten in ein neues Gebaeude umgezogen war, gab es keine reservierten Parkplaetze fuer die Mitarbeiter mehr. Noch nicht einmal fuer ihn als leitenden Kriminalhauptkommissar. Nur Dienstautos durften im Hof abgestellt werden. Aber er fuhr halt lieber mit seinem eigenen Wagen und rechnete die gefahrenen Kilometer ab. Er hatte einmal mittels eines komplizierten Rechenvorgangs, den er selbst nicht mehr nachvollziehen konnte, herausgefunden, dass ihm dies finanzielle Vorteile brachte. Nun wurde er das Gefuehl nicht los, dass es sich bei der neuen Parkplatzregelung um eine Art Erziehungsmethode fuer renitente Selbstfahrer handelte. Aber er dachte nicht daran, mit dieser Gewohnheit zu brechen. Jetzt erst recht nicht!
Dennoch verfluchte er sich regelmaessig dafuer, denn hier in der Innenstadt waren die kostenfreien Parkplaetze mehr als rar. Zwar gab es in hundert Meter Entfernung ein Parkhaus, in dem mittlerweile die meisten seiner Kollegen Plaetze zu einem reduzierten Preis gemietet hatten, doch fuer Kluftinger kam das nie und nimmer infrage. Allein der Gedanke, dafuer zu zahlen, dass er waehrend der Arbeit sein Auto abstellen durfte, trieb ihm Schweissperlen auf die Stirn.
Heute war es jedoch besonders schlimm. Kein einziger der ihm bekannten Gratisparkplaetze war mehr frei gewesen. Und jetzt war er auch noch zu spaet dran. Wenigstens bekam das sein oberster Vorgesetzter, Polizeipraesident Lodenbacher, nun nicht mehr mit. Denn der residierte weiterhin im Polizeikomplex am Stadtrand. Fuer Kluftinger eigentlich die beste Neuerung, die der Umzug mit sich gebracht hatte.
Nach langer Suche ueberquerte der Kommissar nun mit hastigen Schritten die Strasse. Er nickte dem Bordellbesitzer von nebenan freundlich zu, der wie fast jeden Morgen seinen ziemlich ungemuetlich aussehenden Hund ausfuehrte, von dem aber sowohl das Herrchen als auch die fuer ihn arbeitenden Frauen behaupteten, dass er ein »ganz ein Lieber« sei. Der Kommissar schmunzelte. Niemals haette er gedacht, dass sich ein so gutes nachbarschaftliches Verhaeltnis zwischen den beiden doch so gegensaetzlichen Etablissements entwickeln wuerde.
Gedankenversunken stieg er die Treppe zu »seinem Stockwerk« hoch; sein Buero lag in der zweiten Etage.
»So, so! Wenn die Katz ausm Haus is, tanzn die Maeus aufm Tisch, oda, Kluftinga? I glaub, i muass wieder a bisserl mehr kontrollieren, in Ihrem Saustall da heroben!«
Kluftinger hielt kaum merklich einen kurzen Moment inne und schloss die Augen. Priml. Lodenbacher! Die niederbayerische Heimsuchung! Noch bevor er den Treppenabsatz erreicht hatte, presste er hervor: »Ah, Herr Lodenbacher, was verschafft uns denn heut schon so frueh die … Ehre?«
Mit zusammengezogenen Brauen musterte der Polizeipraesident den Kommissar, auf dessen Stirn sich winzige Schweisstroepfchen bildeten – sei es wegen seines Zuspaetkommens oder wegen des hastigen Tempos, mit dem er die Treppen genommen hatte. Schliesslich fasste Lodenbacher den Kommissar am Arm und zog ihn in Richtung der Bueros.
»Auf geht’s, mit dera Sach, die wo heut ansteht! I hob net vui Zeit, i bin nachher beim Golf mit dem Landrat. Kemman S’! Alle warten schon im grossen Besprechungsraum auf Sie, ned wahr? Gehen S’ weiter und walten S’ Ihres Amtes!«
Kluftinger sah ihn ratlos an. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was heute Besonderes auf dem Programm stand. Ausser einer Serie von Autodiebstaehlen ging es bei der Kemptener Kripo gerade ziemlich ruhig zu.
»I hob Eahna doch a Memo gschickt!«, beantwortete der Polizeipraesident Kluftingers fragenden Blick.
Au weh, dachte der Kommissar. Seine E-Mails kontrollierte er eher unregelmaessig. Aber er hatte doch die Abteilungssekretaerin Sandy Henske gebeten, ihm wirklich Wichtiges auszudrucken! Und am Vortag hatte sie ihm nichts gegeben. Kluftinger wischte sich mit der flachen Hand den Schweiss von der Stirn. Von Lodenbacher wurde er nun vehement in Richtung des grossen Besprechungsraumes geschoben.
»Ich schau nur noch schnell in meinem Buero vorbei«, versuchte Kluftinger wenigstens einen kleinen Aufschub zu bekommen, vielleicht konnte er ja sogar Sandy oder einen seiner Mitarbeiter fragen, worum es heute gehen sollte. Richard Maier, der Streber, wusste doch immer, was gerade los war. Doch sein Chef dachte gar nicht daran, ihn noch einmal entkommen zu lassen, und stiess die Tuer des Besprechungsraums auf. Kluftinger hoerte das eintoenige Gemurmel einer lockeren Unterhaltung, dann verstummten nach und nach die Gespraeche. Er sah sich im Raum um und blickte in die erwartungsvollen Gesichter seiner »Kernmannschaft«, wie er sie gerne nannte: die Kommissare Richard Maier, Eugen Strobl und Roland Hefele.
Sie hatten sich alle drei vor einer Platte mit kalten Haeppchen postiert, und dem Zustand dieser Platte nach zu urteilen, standen sie schon eine Weile dort. Doch es waren noch weitere Personen im Raum, was Kluftinger zu dem Schluss kommen liess, dass es sich wohl um eine Angelegenheit von einiger Wichtigkeit handelte, wegen der sie heute hier zusammengerufen worden waren: Willi Renn, Chef des Erkennungsdienstes, stand am Fenster, wippte ungeduldig von einem Bein auf das andere und warf dem Kommissar einen vorwurfsvollen Blick zu, der wohl seiner Verspaetung geschuldet war. Willi hasste Unpuenktlichkeit noch mehr als verwischte Spuren am Tatort. Es hatten sich ausserdem noch ein paar Mitarbeiter der Verwaltung eingefunden sowie einige Sekretaerinnen aus anderen Abteilungen.
Kluftinger war voellig ratlos, was das Ganze zu bedeuten hatte. Die einzige Gemeinsamkeit, die ihm zu den hier anwesenden Personen einfiel, war die Tatsache, dass sie bei der Polizei arbeiteten. Er wurde jaeh aus seinen Gedanken gerissen, als Lodenbacher mit einem deutlich vernehmbaren Knall die Tuer hinter sich zuzog und sich ein Geschenk samt Schleife und Karte griff, das auf einem Sideboard bereitlag. Daneben stand, in einem Bierglas als provisorischer Vase, ein ueppiger Blumenstrauss.
Kluftinger zuckte schliesslich mit den Schultern und wollte sich zu seinen Kollegen gesellen. Er wuerde ja bestimmt gleich erfahren, worum es sich handelte, und nahm sich vor, bei Lodenbachers Rede, die ihnen sicherlich drohte, hin und wieder wissend zu nicken. Als er an seinem Chef vorbeiging, nahm der ihn noch einmal beiseite.
»Jetzt fangen S’ amol an mit Ihrer Rede, ich schliess mich dann an.«
»Meiner …«
»Jetzt gengan S’ zua. I hob aa ned ewig Zeit.« Lodenbacher machte eine Handbewegung, als verscheuche er ein laestiges Insekt.
Rede?
Das Wort droehnte in seinem Kopf wie der grollende Donner eines nahenden Gewitters. Wie sollte er eine Rede halten, wenn er nicht einmal wusste, weswegen? Kluftinger sah auf und blickte in die erwartungsvollen Augen der versammelten Kollegen, alle Gespraeche waren verstummt.
Herrgott, denk nach!, befahl er sich. Wieder begann er zu schwitzen. Er versuchte es mit seiner kriminalistischen Kombinationsgabe: ein Jubilaeum vielleicht. Zumindest kein einfacher Geburtstag, zu dem waeren schliesslich der Praesident und die Kollegen aus den anderen Abteilungen nicht extra gekommen. Kluftinger blickte in die Runde, ein Gesicht nach dem anderen nahm er sich vor. Hefele. Ein runder Geburtstag? Nein, Hefele war in etwa sein Jahrgang. Ausserdem stand sein untersetzter Kollege dermassen unbeteiligt herum, dass es um jemand anders gehen musste. Maier. Ein Dienstjubilaeum? Zwanzig Jahre? Er haette nicht sagen koennen, wie lange es her war, dass Richie von der baden-wuerttembergischen zur bayerischen Polizei gewechselt war. Allerdings: Wenn es um ihn gegangen waere, wuerde er sich sicher nicht so vornehm zurueckhalten. Also Strobl. Vielleicht ja doch eine Befoerderung? Eigentlich unmoeglich, dann wuerde Eugen mit ihm gleichziehen. Schliesslich war Kluftinger selbst seit … Kluftinger stutzte – vor wie vielen Jahren war er damals in den Polizeidienst eingetreten? Polizeischule mit neunzehn. Er versuchte zu ueberschlagen. Mit Mitte zwanzig dann der Eintritt in die Kriminalpolizei. Mitte zwanzig? Sollte heute sein dreissigjaehriges Dienstjubilaeum bei der Kripo Kempten sein? Das koennte ziemlich genau hinkommen. Noch einmal sah er in die Gesichter der anderen.
Alle laechelten ihn an. Sie warteten auf eine Rede. Natuerlich, ein paar launige Worte zu seinem Jubilaeum. Die Anspannung wich von ihm. Er zupfte seinen Janker zurecht und legte los.
»Meine lieben … Kollegen, liebe … andere Anwesende. Schoen, dass ihr hier zusammengekommen seid, es freut und ehrt mich gehoerig. Wie ich hier seinerzeit als junger Beamter angefangen habe, da war ich noch … jung … also relativ halt. Dreissig Jahre ist das jetzt her …«
»Herr Kluftinger, jetzt warten S’ halt!«, unterbrach ihn sein Vorgesetzter.
Der Kommissar stutzte ueber den wenig feierlichen Ton, den Lodenbacher anschlug. An seinem grossen Tag koennte der ja schon ein wenig netter sein.
»Wir wollen schliesslich ned ohne die Hauptperson beginnen. Es geht ja ned bloss allweil um Sie!«
Kluftinger schluckte. Also doch nicht sein Jubilaeum. Lodenbacher legte ihm eine Hand auf die Schulter und nahm ihn beiseite.
»Wissen Sie, Herr Kluftinger«, begann er leise, »amol unter uns, was Eahna, ich mein Ihnen, auch nicht schaden daad … daet … aeh … wuerde, waer ein Rhetorikkurs mit Sprecherziehung. Sind ja auch ein Vorgesetzter … irgendwie!«
Der Kommissar runzelte die Stirn.
»Ja, Sie stoepseln halt schon allweil recht rum. Und die erziehen Ihnen auch Ihren graisslichen Dialekt ein bisserl ab, ned? Mir hat does wahnsinnig gutgetan. Ich hab gleich nach meiner Befoerderung einen Wochenendkurs bei dem Muenchener Promitrainer gebucht. Bei dem sind auch die ganzen Schauspieler, wissen S’? Und Moderatoren und so weiter. Konn ich Eahna … Ihnen … nur empfehlen. Ned ganz billig, aber guat!«
Ein zaghaftes »Mhm« war alles, was Kluftinger herausbrachte. Tatsaechlich war ihm schon aufgefallen, dass bei Lodenbacher weniger niederbayerische Faerbung zu hoeren war als noch vor ein paar Monaten. Allerdings hatte er im Moment andere Sorgen, schliesslich musste er seine ungehaltene Rede geistig gerade noch einmal umschreiben. Zunaechst galt es aber herauszufinden, welcher Hauptperson diese gelten sollte. Noch einmal blickte er in die Runde.
Lediglich Sandy Henske fehlte. Waere sie doch bloss hier! Sie haette ihm bestimmt helfen koennen.
In diesem Moment ging die Tuer auf, und seine Sekretaerin betrat den Raum: Sie trug ein hautenges, mattschwarzes Minikleid und derart hochhackige Schuhe, dass dem Kommissar schon beim Anblick schwindlig wurde. Ihre zurzeit wasserstoffblonden Haare hatte sie hochgesteckt, nur eine Straehne fiel ihr ins Gesicht. Perlenohrringe und ein knallrotes seidenes Halstuch komplettierten das Bild.
Auf einmal begriff Kluftinger, um wen es heute ging. Auch die anderen liess der Auftritt der Saechsin nicht unbeeindruckt: Waehrend Strobl leise pfiff, entfuhr Hefele ein etwas zu lautes »Brutal!«.
Alle Koepfe ruckten herum und sahen ihn an. Sein Gesicht nahm schlagartig eine ungesunde dunkelrote Faerbung an. Mit einem beschaemten Raeuspern wandte er sich ab und stopfte sich noch ein paar Haeppchen in den Mund.
»Alle Achtung, Frau Henske!«, sagte Lodenbacher und deutete einen Applaus an.
Sandy laechelte.
Maier, der sich unbemerkt hinter Kluftinger gestellt hatte, fluesterte ihm ins Ohr: »Jetzt aber wirklich! Das ist keine angemessene Kleidung fuer eine Polizeidienststelle! Ich komm schliesslich auch nicht in meiner Badehose!«
»Gott sei Dank, Richie«, raunte Kluftinger fluesternd zurueck. »Und jetzt sag mir lieber mal, worum es da ueberhaupt geht!«
Doch Maier kam nicht zu einer Antwort, denn sein Chef wurde von Lodenbacher nun unsanft in die Mitte des Raumes geschoben, und erneut sahen ihn alle erwartungsvoll an. Sandy strahlte mit ihren makellos weissen Zaehnen uebers ganze Gesicht. Maier tippte auf seinem Handy herum, hielt es wie eine Videokamera vor sich und filmte in Kluftingers Richtung.
Die Gedanken rasten durch Kluftingers Kopf. Dienstjubilaeum? Geburtstag? Die wenigsten Fehltage? Mitarbeiterin des Jahres? Kurzerhand entschied er sich fuer eine der vielen Moeglichkeiten. Es gab Situationen im Leben, da musste man einfach alles auf eine Karte setzen. »Liebes Fraeulein Henske, liebe Sandy!«, hob er an und bemuehte sich, dabei weniger dialektal zu klingen als sonst, »wenn man sich andere Vierzigjaehrige so anschaut …«
Sandy riss entsetzt die Augen auf. Priml, dachte Kluftinger. Daneben.
Er wandte seinen Blick zum Boden: Dort kauerte Maier mit seinem Telefon, offenbar um ihn aus der Froschperspektive zu filmen. Das erleichterte ihm die Konzentration auf die schwierige Rede nicht gerade. Fahrig fuhr er fort: »… sind diese anderen Vierzigjaehrigen doch deutlich weniger kindisch als du, Richie! Jetzt reiss dich halt mal zusammen und steh auf, Herrgott!«
Maier erhob sich langsam, wobei er keinen Moment das Smartphone senkte. Stattdessen kommentierte er murmelnd: »Hier sehen Sie den leitenden Hauptkommissar Kluftinger, der nun endlich eine kleine Laudatio auf unsere Sandy Henske halten wird.«
»Was machst denn du da ueberhaupt?«, zischte Kluftinger.
»Vorsicht, wird alles aufgezeichnet!«
»Jetzt mach’s mal aus, Kruzifix!«
»Wieso? Es soll doch eine schoene Erinnerung werden, ein Andenken fuer Sandy!«
Hoffnung keimte in Kluftinger auf: »Ein Andenken … woran?«
Er versuchte, dabei so gleichmuetig wie moeglich zu klingen, musste sich aber eingestehen, dass es eher einem Flehen gleichkam.
»Ja, an das heutige Ereignis halt!«
Lodenbacher raeusperte sich lautstark.
So kam er nicht weiter, das war Kluftinger klar. Kein Geburtstag, also Dienstjubilaeum.
»Liebes Fraeulein Henske, oder, wie wir Sie in all den Jahren genannt haben, liebe Sandy«, hob der Kommissar wieder in feierlicherem Ton an, »ach, all diese Jahre – sind sie nicht viel zu schnell vergangen? Diese wunderbaren … sagen Sie, wie lange sind Sie jetzt hier bei uns bei der bayerischen Polizei?«
»Dreizehn Jahre sind es jetzt schon, Chef!«
Kruzifix!
»Aber in Bayern bin ich ja schon ein bisschen laenger, nicht wahr. Gut zwanzig Jahre, kaum zu glauben!«
Na also, seufzte Kluftinger innerlich. War ja auch Zeit geworden!
»Ja, wenn ich mir vorstelle, was fuer eine harte Zeit das fuer Sie gewesen sein muss, diese Flucht!«
Sandys Stirn bewoelkte sich.
Au weh, dachte sich der Kommissar, jetzt kommen bei ihr die Erinnerungen hoch.
»Wir alle haben noch die Bilder im Kopf von den ueberfuellten Botschaften in den Ostblocklaendern. Schwierige Verhaeltnisse muessen das gewesen sein.«
Kluftinger hielt fuer einen Moment inne. Alle starrten ihn an, auch Lodenbacher schien er in den Bann gezogen zu haben. Von wegen Rhetorikkurs! Sandy hatte feuchte Augen bekommen.
»Gut zwanzig Jahre, ja. Die gruene Grenze, Sie muessen furchtbare Angst gehabt haben. Es gab ja kein Zurueck! Hatten Sie denn ueberhaupt ein Auto zur Verfuegung? Sind Sie denn ueber Ungarn ruebergekommen?
Durch ein Loch im Eisernen Vorhang in die grosse Freiheit? Was haben Sie denn damals mit Ihrem Begruessungsgeld gemacht?«
Sandy schluchzte nun laut auf. Kluftinger blickte die anderen nach Bestaetigung suchend an. Ja, wenn es emotional wurde, dann wusste er, welche Worte man waehlen musste. Seine jahrzehntelange Laienspielerfahrung tat dabei natuerlich das Ihrige. Gut, dass Richard Maier diesen Moment fuer immer festgehalten hatte.
Lodenbacher drehte sich irritiert zu Maier, der gerade ueber seine Schulter filmte, und fragte konsterniert: »Was hot denn des oiss mit dem Anlass zum tun?«
»Fraeulein Henske, schaemen Sie sich Ihrer Traenen nicht!« Kluftinger hatte sich geradezu in einen Rausch geredet. »Gerade heute, an Ihrem grossen Tag!« Er liess seine Worte ein wenig verklingen. Diese Sprache! Unglaublich, wozu er unter Stress faehig war! Er zwinkerte in Maiers Handykamera.
»Ach ja?«, brach es nun aus der Sekretaerin heraus. »Worum geht’s denn heute? Sie haben … es … ver…« Der Rest des Satzes ging in einem heiseren Schluchzen unter.
Hefele stellte sich eilig neben sie, hielt ihr ein Papiertaschentuch hin und legte ihr zaghaft eine Hand auf die Schulter. Dann warf er Kluftinger einen tadelnden Blick zu.
Maier fuchtelte mit dem Handy dicht vor Sandys Gesicht herum.
»Koenntest du noch einmal schnaeuzen und danach so nett aufschluchzen? Das hab ich nicht in der Nahaufnahme draufbekommen!«
Da streckte Hefele seine Hand aus und bedeckte damit das Objektiv.
»Herrgottzack, Richie, jetzt hoer mal mit dem Schwachsinn auf! Siehst du nicht, wie’s der Sandy geht? Jetzt verschwind und lass sie in Ruh, sonst hau ich dir das Ding um die Ohren!«
Wortlos machte Maier einige Schritte zur Seite. Dann streckte er seinen Arm aus, richtete das Objektiv auf sein Gesicht aus und sagte: »Dienstag, siebter September, soeben wurde ein heftiger, jaehzorniger Wutausbruch des Kollegen Hefele dokumentiert. Hat sich in Stresssituationen immer weniger unter Kontrolle, gerade wenn er emotional stark involviert ist. Eventuell Kontaktaufnahme mit dem psychologischen Dienst vonnoeten!«
»Dich sollten sie einweisen, du G’schaftlhuber!«
»Erneute Unbeherrschtheit …«, brachte Maier noch heraus, dann riss ihm Hefele das Telefon aus der Hand.
Kluftinger und Strobl sahen sich bedroeppelt an. Vielleicht ist sie schwanger, schoss es Kluftinger durch den Kopf. Auch Erika hatte in diesem Zustand bei jeder Gelegenheit Traenen vergossen. Er wuerde Sandy in den naechsten Tagen im Auge behalten, um das herauszufinden. Maier hatte inzwischen seinen ersten Schreck ueberwunden und wollte sich sein Telefon zurueckholen, das Hefele jedoch in gebueckter Haltung mit seinem Koerper schuetzte.
Ploetzlich uebertoente ein Schreien den Tumult: »Schluss jetzt! Mir san doch da nicht bei den Hottentotten! Ned? Was soll denn des?«
Lodenbachers Kopf war knallrot angelaufen. »Reissen S’ Eahna zamm, mir sind da ja nicht auf dem Pausenhof! Und wos hat dieses ganze Geschwafel von Eahna mit der Lebenszeitverbeamtung von Frau Henske zum tun, Kluftinga?«
Lebenszeitverbeamtung! Kluftinger schlug sich gegen die Stirn. Aber da konnte man doch beim besten Willen nicht draufkommen.
»Ja, ich wollt ja grad drauf zu sprechen kommen. Also, so eine Verbeamtung, liebe Frau Henske, die ist ja heutzutage gerade im Verwaltungsdienst gar nicht mehr so haeufig, gell? Die meisten bleiben im Angestelltenverhaeltnis und verdienen dadurch weniger. Umso mehr freut …«, begann er erneut, doch Sandy fuhr mit starrem Blick herum.
Dann rief sie unter Traenen: »Geben Sie sich keine Muehe, Chef! Uebrigens: Ich bin mit einem VW Golf aus Dresden gekommen. UEber die Autobahn. 1991 gab’s die naemlich schon!« Dann stuermte sie aus dem Raum und knallte die Tuer hinter sich zu.
Keine zwei Sekunden spaeter oeffnete die sich wieder, und Gerichtsmediziner Georg Boehm trat ein. Als er in die erhitzten Gesichter der Anwesenden blickte, schnalzte er mit der Zunge und sagte: »Mist, da hab ich wohl wieder was verpasst!«

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