Die Gewinner des Lovelybooks Leserpreis 2012
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Die Gewinner des Lovelybooks Leserpreis 2012


News: Am Dienstag, 19. Februar 2013

Drei Piper-Bücher haben die meisten Leserstimmen erhalten und somit den Lovelybooks »Leserpreis – Die besten Bücher 2012« gewonnen. 

Bronze  in der Kategorie »Historischer Roman«  für »Die Wildrose«  von Jennifer Donnelly

Gold in der Kategorie »Bester Buchtitel« für »Brot kann schimmeln, was kannst du?« von Jenke von Wilmsdorff

Gold in der Kategorie »Sachbuch/Ratgeber« für »Expedition zu den Polen«  von Steffen Möller

Blick ins Buch
Die WildroseDie Wildrose

Roman

Die Herzen von Willa Alden und Seamus Finnegan schlagen für die Gipfel der Welt – und füreinander. Doch auf einer schicksalhaften Bergtour erleidet Willa einen Unfall und ist fortan für ihr Leben körperlich gezeichnet. Voller Vorwürfe wendet sie sich von Seamus ab – die Trennung bricht ihm das Herz. Jahre später kreuzen sich ihre Wege ein zweites Mal, und ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt …

Für
Simon Lipskar
und
Maja Nikolic

 

Es ist nicht der Berg, den wir bezwingen, sondern wir selbst.

 

Sir Edmund Hillary

 

Prolog

 

August 1913 – Tibet

 

Verhielten sich alle englischen Frauen wie Männer beim Sex? Oder bloß diese hier?
Das fragte sich Max von Brandt, ein deutscher Bergsteiger, als er der jungen Frau, die neben ihm im Dunkeln lag, das Haar aus dem Gesicht strich. Er war mit vielen Frauen zusammen gewesen. Mit sanften, anschmiegsamen Frauen, die sich hinterher an ihn klammerten und ihm Schwüre und Zärtlichkeiten abrangen. Diese Frau war nicht sanft und genauso wenig ihr Sex. Er war hart, schnell und ohne Vorspiel. Und wenn es vorbei war wie jetzt, rollte sie sich auf die Seite und schlief ein.
»Ich schätze, es gibt nichts, was dich bewegen könnte, bei mir zu bleiben, oder?«, fragte er.
»Nein, Max, nichts.«
Er lag auf dem Rücken im Dunkeln und hörte zu, wie ihr Atem gleichmäßiger wurde, während sie einschlief. Er selbst konnte nicht schlafen. Wollte es nicht. Er wollte, dass diese Nacht niemals zu Ende ging. Um sie nie zu vergessen. Er wollte sich erinnern, wie sie sich anfühlte, wie sie roch. An das Geräusch des Windes. Die beißende Kälte.
Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebte. Vor Wochen. Und es ernst gemeint. Zum ersten Mal in seinem Leben war er aufrichtig gewesen. Aber sie hatte nur gelacht. Und dann, als sie bemerkte, wie verletzt er war, den Kopf geschüttelt.
Die Nacht verging schnell. Noch vor Sonnenaufgang erhob sich die Frau. Während Max in die Dunkelheit starrte, zog sie sich an und verließ leise das gemeinsame Zelt.
Er fand sie nie neben sich, wenn er aufwachte. Immer verließ sie noch bei Dunkelheit das Zelt, die Höhle oder irgendeinen Unterschlupf, den sie gefunden hatten. Anfangs hatte er sie gesucht und sie immer irgendwo hoch oben gefunden, an einem einsamen, stillen Ort, wo sie dasaß, das Gesicht in den frühen Morgenhimmel mit den verblassenden Sternen erhoben.
»Wonach suchst du?«, fragte er stets und folgte ihrem Blick.
»Nach dem Orion«, antwortete sie.
In nur ein paar Stunden würde er ihr Lebewohl sagen. In der verbleibenden Zeit würde er an ihre ersten gemeinsamen Tage denken, denn an diese Erinnerungen würde er sich klammern.
Sie hatten sich vor ein paar Monaten kennengelernt. Er wollte unbedingt den Himalaja sehen und herausfinden, ob es möglich sei, den Everest zu bezwingen. Um den höchsten Berg der Welt für Deutschland, sein Vaterland, zu erobern. Der Kaiser wünschte Eroberungen, und er stellte ihn lieber mit einem herrlichen Berg zufrieden als mit der Teilnahme an einem erbärmlichen Krieg in Europa. Von Berlin aus war er nach Indien aufgebrochen, hatte das Land in nördlicher Richtung durchquert und dann heimlich Nepal betreten, ein Land, das westlichen Ausländern verboten war.
Bis nach Kathmandu war er gekommen, als er von Vertretern der nepalesischen Obrigkeit festgenommen und zum Verlassen des Landes aufgefordert wurde. Das versprach er, aber er brauche Hilfe, sagte er. Einen Führer. Er brauche jemanden, der ihn durch die Hochtäler des Solu Khumbu und über den Nangpa-La-Pass nach Tibet führe. Von dort wolle er nach Osten ziehen und den Fuß des Everest erkunden auf dem Weg nach Lhasa, der Stadt Gottes, wo er hoffe, vom Dalai Lama die Erlaubnis zur Besteigung zu bekommen. Er habe von einem Ort namens Rongbuk gehört und von jemandem, der ihm vielleicht helfen könne – von einer Frau, ebenfalls eine Ausländerin aus dem Westen. Ob sie etwas von ihr wüssten?
Die Vertreter der Obrigkeit sagten, sie sei ihnen bekannt, obwohl sie die Frau seit einigen Monaten nicht mehr gesehen hätten. Er gab ihnen Geschenke: Rubine und Saphire, Perlen und einen großen Smaragd, den er in Jaipur gekauft hatte. Als Gegenleistung erhielt er die Erlaubnis, auf die Frau zu warten. Einen Monat lang.
Max hatte von der Frau zum ersten Mal nach seinem Eintreffen in Bombay gehört. Westliche Bergsteiger, die er dort kennenlernte, erzählten ihm von einer jungen Engländerin, die im Schatten des Himalaja lebte. Sie hatte den Kilimandscharo bestiegen – den Mawenzi-Gipfel – und dort bei einem schrecklichen Unfall ein Bein verloren. Jetzt, sagten sie, fotografiere sie und zeichne Karten des Himalaja. Sie steige so hoch hinauf, wie sie könne, aber schwierige Kletterpartien seien ihr verwehrt. Sie lebe jetzt unter den Bergbewohnern. Sie sei genauso stark wie die Einheimischen und habe deren Respekt und Zuneigung gewonnen. Sie mache, was eigentlich kein Europäer tun könne – überschreite problemlos Grenzen und erfahre Gastfreundschaft von Nepalesen und Tibetanern gleichermaßen.
Aber wie sollte er sie finden? Es wimmelte vor Gerüchten. Sie sei in China und Indien gewesen, halte sich jetzt aber in Tibet auf, behaupteten einige. Nein, in Burma. Nein, in Afghanistan. Sie vermesse Land für die Briten. Spioniere für die Franzosen. Sie sei in einer Lawine umgekommen. Lebe wie eine Eingeborene. Habe einen Nepalesen geheiratet. Handle mit Pferden. Mit Yaks. Mit Gold. Auf dem Weg durch den Nordosten Indiens hörte er weitere Gerüchte. In Agra. In Kanpur. Und schließlich hatte er sie endlich gefunden. In Kathmandu. Oder zumindest eine Hütte, die sie benutzt hatte.
»Sie ist in den Bergen«, erklärte ein Dorfbewohner. »Sie wird kommen.«
»Wann?«
»Bald. Bald.«
Tage vergingen. Dann Wochen. Ein Monat. Die Nepalesen wurden ungeduldig. Sie wollten ihn loswerden. Immer wieder fragte er die Dorfbewohner, wann sie komme, und jedes Mal antworteten sie, bald. Er hielt dies für eine List des hinterhältigen Bauern, bei dem er wohnte, um noch ein paar Münzen mehr aus ihm herauszuschlagen.
Und dann kam sie. Zuerst hatte er sie für eine Nepalesin gehalten. Sie trug indigoblaue Hosen und eine lange Schaffelljacke. Ihre grünen Augen wirkten groß in dem eckigen Gesicht. Das Haar trug sie zu Zöpfen geflochten, die mit Silber und Glasperlen geschmückt waren – wie die einheimischen Frauen. Ihr Gesicht war von der Himalaja-Sonne gebräunt. Ihr Körper drahtig und stark. Sie humpelte beim Gehen. Später fand er heraus, dass sie eine Prothese aus Yakknochen trug, die ihr ein Dorfbewohner geschnitzt hatte.
»Namaste«, sagte sie zu ihm und neigte leicht den Kopf, nachdem der Bauer ihr erklärt hatte, was er wollte.
Namaste. Das war eine nepalesische Begrüßung, die bedeutete: Das Licht in mir verbeugt sich vor dem Licht in dir.
Er erklärte ihr, dass er sie anheuern wolle, um ihn nach Tibet zu führen. Sie erwiderte, dass sie gerade aus Shigatse zurückkomme und müde sei. Sie wolle zuerst schlafen, dann essen, und dann würden sie die Sache besprechen.
Am nächsten Tag bereitete sie ein Lammcurry für ihn zu, dazu gab es starken schwarzen Tee. Gemeinsam saßen sie auf dem teppichbedeckten Boden ihrer Hütte, unterhielten sich und teilten eine Opiumpfeife. Das vertreibe die Schmerzen, sagte sie. Damals dachte er, sie beziehe sich auf ihr verletztes Bein, aber später stellte er fest, dass der Schmerz, von dem sie sprach, viel tiefer ging und dass das Opium, das sie rauchte, wenig dazu beitrug, ihn zu lindern. Die Traurigkeit hüllte sie wie ein schwarzer Mantel ein.
Er war verblüfft von ihrem umfassenden Wissen über den Himalaja. Sie hatte einen größeren Teil der Gebirgskette vermessen, kartografiert und fotografiert als jeder westliche Ausländer vor ihr. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Führungen und mit Arbeiten über die Topografie der Berge, die sie bei der Royal Geographical Society veröffentlichte. Sie würde bald auch ein Buch mit ihren Fotografien herausbringen. Max hatte einige davon gesehen. Sie waren erstaunlich gut. Sie fingen die wilde Pracht der Berge, ihre Schönheit und kalte Gleichgültigkeit ein, wie es bis dahin noch niemandem gelungen war. Persönlich tauchte sie nie im Sitz dieser Gesellschaft auf, weil sie ihre geliebten Berge nicht verlassen wollte. Stattdessen schickte sie ihre Arbeit zur Veröffentlichung an Sir Clements Markham, den Präsidenten der Royal Geographical Society.
Max war beim Anblick ihrer Fotografien und der Genauigkeit ihrer Karten in Begeisterungsrufe ausgebrochen. Sie war jünger als er – erst neunundzwanzig – und hatte dennoch schon so viel erreicht. Achselzuckend war sie über sein Lob hinweggegangen und meinte, es gebe noch so viel mehr zu tun, was sie aber nicht leisten könne – weil sie wegen ihres Beins nicht hoch genug hinaufkomme.
»Aber allein um das zu leisten, hast du doch klettern müssen«, wandte er ein.
»Nicht sonderlich hoch hinauf. Und nicht über schwieriges Gelände. Nicht über Eishänge oder Klippen oder Gletscherspalten.«
»Aber wie kannst du überhaupt klettern? Ohne … ohne zwei Beine, meine ich.«
»Ich klettere mit dem Herzen«, antwortete sie. »Kannst du das auch?«
Nachdem er bewiesen hatte, dass er tatsächlich mit Liebe, Ehrfurcht und Respekt vor den Bergen klettern konnte, willigte sie ein, ihn nach Lhasa zu führen. Mit zwei Yaks als Packtieren für Zelt und Proviant zogen sie durch Bergdörfer, Täler und über Pfade, die nur sie und eine Handvoll Sherpas kannten. Es war hart, ermüdend und unbeschreiblich schön. Zudem grauenvoll kalt. Unter Fellen, eng aneinandergeschmiegt, schliefen sie in einem Zelt, um sich warm zu halten. In der dritten Nacht sagte er ihr, dass er sie liebe. Sie lachte und wandte sich verärgert ab. Er hatte es ehrlich gemeint und fühlte sich von ihrer Ablehnung tief gekränkt in seinem Stolz.
»Tut mir leid«, sagte sie und legte die Hand auf seinen Rücken. »Tut mir leid, ich kann nicht …«
Er fragte, ob es jemand anderen gebe, was sie bejahte, dann nahm sie ihn in die Arme. Um ihm Trost, Wärme und Lust zu schenken – aber nicht aus Liebe. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass ihm das Herz gebrochen wurde.
Drei Wochen zuvor waren sie in Rongbuk, einem öden tibetanischen Dorf am Fuß des Everest, angekommen, wo sie lebte. Dort warteten sie, während die Frau, die über gute Verbindungen verfügte, ihren Einfluss nutzte, um ihm Papiere von tibetanischen Behörden zu beschaffen, die ihm gestatteten, Lhasa zu betreten. Er wohnte in ihrem Haus – einem kleinen, weiß gekalkten Steingebäude mit einem noch kleineren Anbau für ihre Tiere.
Einmal beobachtete er, wie sie zu klettern probierte. Die Kamera auf den Rücken geschnallt, versuchte sie, einen Gletscherhang hinaufzukommen. Aber irgendwann hielt sie inne und bewegte sich ganze zehn Minuten lang nicht mehr. Er konnte sehen, wie sie mit sich kämpfte. »Hol dich der Teufel!«, schrie sie plötzlich. »Hol dich der Teufel! Verdammt!«, und er befürchtete schon, sie würde eine Lawine auslösen. Wen schrie sie an?, fragte er sich. Den Berg? Sich selbst? Jemand anderen?
Schließlich trafen seine Papiere ein. Am Tag danach verließen sie Rongbuk mit einem Zelt und fünf Yaks. Gestern hatten sie die Außenbezirke von Lhasa erreicht. Es war ihr letzter gemeinsamer Tag. Die letzte gemeinsame Nacht. In ein paar Stunden würde er allein in die heilige Stadt einziehen. Er hatte vor, ein paar Monate zu bleiben, Lhasa und seine Bewohner zu studieren und Fotos zu machen, während er versuchte, eine Audienz beim Dalai Lama zu bekommen. Wie gering die Chancen dafür waren, wusste er. Der Dalai Lama tolerierte nur eine westliche Person – die Frau. Es hieß, gelegentlich würden sie gemeinsam trinken, singen und sich unzüchtige Geschichten erzählen. Diesmal jedoch würde sie nicht mit nach Lhasa kommen. Sie wollte nach Rongbuk zurück.
Als Max jetzt im kalten Morgengrauen aufstand, fragte er sich, ob er sie je wiedersehen würde. Er zog sich schnell an, packte ein paar Sachen in seinen Rucksack und verließ das Zelt. Vier Yaks – Geschenke für den Gouverneur von Lhasa –, deren Atem weiß in der Morgenluft stand, stampften und schnaubten, aber die Frau war nirgendwo zu sehen.
Er blickte sich um und entdeckte sie schließlich auf einem vorstehenden Felsen, wo sich ihre Silhouette vor dem Morgenhimmel abzeichnete. Still und einsam saß sie da, ein Knie an die Brust gedrückt, das Gesicht zu den verblassenden Sternen erhoben. Jetzt würde er sie verlassen. Mit dem anbrechenden Tag. Für immer mit diesem Bild in sich.
»Namaste, Willa Alden«, flüsterte er und berührte seine Stirn mit gefalteten Händen. »Namaste.«

 

Erster Teil

 

März 1914

 

London

 

1

 

Tante Eddie, halt! Du kannst da nicht reingehen!«
Seamus Finnegan lag nackt, der Länge nach ausgestreckt, auf seinem Bett und öffnete ein Auge. Er kannte diese Stimme. Sie gehörte Albie Alden, seinem besten Freund.
»Um Himmels willen, warum denn nicht?«
»Weil er schläft! Du kannst nicht einfach zu einem schlafenden Mann reinplatzen. Das gehört sich nicht!«
»Ach, Blödsinn.«
Seamie kannte auch diese Stimme. Er setzte sich auf und zog die Bettdecke zum Kinn.
»Albie! Unternimm was!«, schrie er.
»Das hab ich versucht, alter Junge. Jetzt bist du auf dich allein gestellt«, rief Albie zurück.
Eine Sekunde später riss eine kleine, korpulente Frau im Tweedkostüm die Tür auf und begrüßte Seamie mit lauter Stimme. Es war Edwina Hedley, Albies Tante, aber Seamie kannte sie seit seiner frühesten Jugend und nannte sie Tante Eddie. Sie setzte sich aufs Bett, sprang aber sofort wieder hoch, weil jemand aufkreischte. Eine junge Frau, zerzaust und gähnend, tauchte unter den Decken auf.
Eddie runzelte die Stirn. »Meine Liebe«, sagte sie zu dem Mädchen, »ich hoffe inständig, Sie haben Vorkehrungen getroffen. Ansonsten werden Sie feststellen, dass ein Baby unterwegs ist, während sich der Vater auf dem Weg zum Nordpol befindet.«
»Ich dachte, es sei der Südpol«, antwortete die Frau verschlafen.
»Hat er Ihnen von all seinen Kindern erzählt?«, fragte Eddie die junge Frau und senkte die Stimme verschwörerisch.
Seamie setzte zu einem Protest an. »Eddie …«
»Kinder? Was für Kinder?«, fragte die junge Frau, inzwischen nicht mehr verschlafen.
»Sie wissen doch, dass er vier Kinder hat? Alle unehelich. Er schickt den Müttern zwar Geld – er ist ja kein völliger Schuft –, will aber keine von ihnen heiraten. Sie sind natürlich absolut ruiniert. Alles Mädchen aus London. Drei sind aufs Land gezogen, weil sie sich nirgendwo mehr blicken lassen können. Das vierte ging nach Amerika, das arme Ding. Warum, glauben Sie wohl, ist die Sache mit Lady Caroline Wainwright in die Brüche ge gangen?«
Das Mädchen, eine hübsche Brünette mit kurzem Pagenkopf, drehte sich zu Seamie um. »Stimmt das?«, fragte sie empört.
»Vollkommen«, warf Eddie ein, bevor Seamie den Mund aufmachen konnte.
Die junge Frau schlang die Daunendecke um sich und stand auf. Sie sammelte ihre Kleider vom Boden auf, stürmte wütend hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.
»Vier Kinder, Tante Eddie?«, fragte Seamie, nachdem sie gegangen war. »Das letzte Mal waren es zwei.«
»Das war eine, die nur aufs Geld aus ist«, erwiderte Eddie verächtlich. »Ich habe dich gerade noch gerettet, aber ich werde nicht immer deinen Hals aus der Schlinge ziehen können.«
»Wie schade«, sagte Seamie.
Eddie beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Wange. »Es ist schön, dich zu sehen.«
»Finde ich auch. Wie war es in Aleppo?«
»Absolut herrlich! Ich habe in einem Palast gewohnt und mit einem Pascha diniert. Außerdem die unglaublichsten Leute getroffen. Unter anderem einen gewissen Tom Lawrence. Er ist mit mir nach London zurückgereist und wohnt jetzt in meiner Wohnung in Belgravia und …«
Ein schepperndes Geräusch ertönte, als die schwere Haustür zuknallte.
Eddie lächelte. »Nun, mit der wär’s vorbei. Die kriegst du nicht mehr zu Gesicht. Du bist mir vielleicht ein Schürzenjäger. Ich habe übrigens von der Sache mit Lady Caroline erfahren. Ganz London redet davon.«
»Das habe ich gehört.«
Seamie war nach Highgate, in Eddies schönes georgianisches Haus in Cambridge gekommen, um sich von einer kurzen, aber stürmischen Liebesaffäre zu erholen. Lady Caroline Wainwright war eine junge Dame – reich, hübsch und verwöhnt – und gewohnt, alles zu bekommen, was sie wollte. Und sie wollte ihn – als Ehemann. Er hatte ihr erklärt, dass das nie funktionieren würde. Er tauge nicht zum Ehemann. Er sei zu unabhängig. Zu sehr gewohnt, seine eigenen Wege zu gehen. Zu viel auf Reisen. Alles Mögliche hatte er ihr erzählt – nur nicht die Wahrheit.
»Es gibt jemand anderen, nicht wahr?«, hatte Caroline unter Tränen gefragt. »Wer ist es? Sag mir ihren Namen.«
»Es gibt niemanden«, hatte er geantwortet. Was natürlich eine Lüge war. Es gab tatsächlich jemanden. Jemanden, den er vor Langem geliebt – und verloren – hatte. Eine Frau, die ihn für alle anderen verdorben hatte, wie es schien.
Er hatte mit Caroline Schluss gemacht und war dann nach Cambridge geflohen, um sich bei seinem Freund zu verstecken. Er besaß keine eigene Wohnung, und wenn er in England war, pendelte er meistens zwischen Highgate, dem Haus seiner Schwester und verschiedenen Hotels hin und her.
Albie Alden, ein brillanter Physiker, der im King’s College studiert hatte, lebte im Haus seiner Tante. Ständig boten ihm Universitäten in der ganzen Welt Stellen an – Paris, Wien, Berlin, New York –, aber er wollte in Cambridge bleiben. Im langweiligen, verschlafenen Cambridge. Keiner wusste, warum. Seamie jedenfalls nicht. Er hatte ihn oft gefragt, und Albie antwortete jedes Mal, dass es ihm hier am besten gefalle. Es sei ruhig und friedlich – zumindest wenn Seamie nicht da sei –, und das brauche er für seine Arbeit. Und Eddie, die selten zu Hause war, brauche jemanden, der sich um alles kümmere. Die Übereinkunft sei nützlich für sie beide.
»Was ist passiert?«, fragte Eddie jetzt. »Hat dir Lady Caroline das Herz gebrochen? Wollte sie dich nicht heiraten?«
»Nein, sie wollte mich heiraten. Das war das Problem.«
»Hm. Was erwartest du denn? So ist es eben, wenn man ein umwerfender, blendend aussehender Held ist. Die Frauen wollen sich dich eben unter den Nagel reißen.«
»Dreh dich bitte um, damit ich mich anziehen kann«, erwiderte Seamie nur.
Eddie kam der Bitte nach, Seamie stand auf und sammelte seine Kleider vom Boden auf. Er war groß, kräftig und gut gebaut. Seine Muskeln spannten sich unter der Haut, als er seine Hose anzog und sein Hemd überstreifte. Sein Haar, an den Seiten kurz geschnitten, oben lang und wellig, war kastanienbraun mit Reflexen. Sein Gesicht war von Sonne und Meer wettergegerbt. Seine Augen waren von einem verblüffenden Blau.
Im Alter von einunddreißig Jahren gehörte er weltweit zu den anerkanntesten Polarforschern. Schon als Teenager hatte er gemeinsam mit Ernest Shackleton einen Versuch zur Entdeckung des Südpols unternommen. Und vor zwei Jahren war er von der ersten erfolgreichen Expedition zum Südpol zurückgekehrt, die von dem Norweger Roald Amundsen geleitet worden war. Kurz nach seiner Rückkehr hatte er sich auf eine Vortragstour begeben und war fast zwei Jahre lang ununterbrochen durch die Welt gereist. Seit einem Monat war er wieder in London, aber die Stadt mitsamt ihren Bewohnern kam ihm schon jetzt grau und langweilig vor. Er fühlte sich ruhelos und eingesperrt und konnte es gar nicht erwarten, zu neuen Abenteuern aufzubrechen.
»Wie lange bist du schon in der Stadt? Wie gefällt es dir? Bleibst du diesmal ein bisschen länger?«, fragte Eddie.
Seamie lachte. So redete Eddie immer – sie stellte eine Frage, und bevor man sie beantworten konnte, folgten zehn weitere.
»Ich weiß nicht«, antwortete er und kämmte sich das Haar vor dem Spiegel über dem Sekretär. »Könnte sein, dass ich bald wieder fort bin.«
»Wieder eine Vortragsreise?«
»Nein. Eine Expedition.«
»Wirklich? Wie aufregend! Wohin?«
»Zurück in die Antarktis. Shackleton versucht, was auf die Beine zu stellen. Ihm ist es ziemlich ernst damit. Letztes Jahr hat er es in der Times angekündigt und inzwischen schon einen recht detaillierten Zeitplan aufgestellt. Jetzt muss er bloß noch das Geld dafür auftreiben.«
»Und was ist mit den ganzen Kriegsgerüchten? Bereitet ihm das keine Sorgen?«, fragte Eddie. »Die Leute auf dem Schiff redeten von nichts anderem. In Aleppo genauso.«
»Das schert ihn kein bisschen. Er schenkt der Sache keinen großen Glauben. Seiner Meinung nach verzieht sich das Gewitter bald wieder, und er will Ende Sommer lossegeln, wenn nicht schon früher.«
Eddie sah ihn lange an. »Wirst du allmählich nicht ein bisschen zu alt für dieses Draufgängerleben? Solltest du nicht sesshaft werden? Eine nette Frau finden?«
»Wie denn? Du verjagst sie doch alle?«, erwiderte Seamie neckend. Er setzte sich wieder aufs Bett und zog seine Socken an.
Eddie schlug mit der Hand nach ihm. »Komm runter, wenn du fertig angezogen bist. Ich mache Frühstück für uns alle. Eier mit Harissa-Soße. Ich hab ganze Töpfe von dem Zeug mitgebracht. Warte, bis du sie probiert hast. Einfach göttlich! Dann erzähle ich dir und Albie und seinen gelehrten Freunden von meinen Abenteuern. Und dann fahren wir nach London.«
»Nach London? Wann? Gleich nach dem Frühstück?«
»Na ja, vielleicht nicht direkt danach«, räumte Eddie ein. »Vielleicht in ein oder zwei Tagen. In meinem Stadthaus wohnt der faszinierendste Mann, den ich kenne, und ich will ihn dir unbedingt vorstellen. Mr Thomas Lawrence. Ich habe dir doch vorhin von ihm erzählt, bevor deine Mätresse meine Tür fast aus den Angeln gerissen hat. Ich habe ihn in Aleppo kennengelernt. Er ist ebenfalls Forschungsreisender. Und Archäologe. Er hat die ganze Wüste durchquert, kennt alle einflussreichen Leute dort und spricht fließend Arabisch.« Plötzlich hielt Eddie inne und senkte die Stimme. »Manche Leute behaupten, er sei ein Spion.« Das letzte Wort sagte Eddie im Flüsterton, dann sprach sie mit ihrer üblichen dröhnenden Stimme weiter. »Aber egal, was er sein mag, er ist jedenfalls absolut umwerfend.«
Eddies Bericht wurde plötzlich von einem Donnerschlag unterbrochen, dann prasselte Regen gegen die hohen Fenster, von denen eines eine kaputte Scheibe hatte.
»Oje, da kommt Wasser rein«, stellte sie fest. »Ich muss den Glaser anrufen.« Für einen Moment starrte sie in den Regen hinaus. »Ich hätte nie gedacht, dass ich das englische Wetter vermissen würde«, fügte sie wehmütig lächelnd hinzu. »Aber das war, bevor ich die arabische Wüste gesehen hatte. Es ist schön, wieder zurück zu sein. Ich mag mein knarrendes altes Haus wirklich gern. Und das knarrende alte Cambridge.« Ihr Lächeln verblasste. »Obwohl ich mir wirklich wünschte, ich wäre aus anderen Gründen zurückgekehrt.«
»Es wird schon alles gut mit ihm, Eddie«, beruhigte Seamie sie.
Eddie seufzte. »Das hoffe ich. Aber ich kenne meine Schwester. Sie hätte mich nie gebeten zurückzukommen, wenn sie sich nicht schreckliche Sorgen machte.«
Seamie wusste, dass Albies Mutter, die Schwester von Eddie, dieser nach Aleppo telegrafiert und sie gebeten hatte, nach England zurückzukehren. Admiral Alden, ihr Ehemann, war an irgendwelchen Magenproblemen erkrankt. Seine Ärzte hatten noch nicht feststellen können, was ihm fehlte, aber was es auch sein mochte, es war es schlimm genug, um ihn mit schweren Schmerzen ans Bett zu fesseln.
»Der ist aus hartem Holz geschnitzt«, sagte Seamie. »Wie alle Aldens.«
Eddie nickte und versuchte ein Lächeln. »Du hast natürlich recht. Aber jetzt ist genug Trübsal geblasen. Ich muss mich ums Frühstück kümmern und den Glaser anrufen. Und den Gärtner. Und den Kaminkehrer. Albie hat in meiner Abwesenheit rein gar nichts getan. Das Haus ist staubig. Meine Post stapelt sich bis zur Decke. Und in der ganzen Küche gibt es keinen einzigen sauberen Teller. Warum lässt er nicht dieses Mädchen aus dem Dorf zum Saubermachen kommen?«
»Er sagt, sie stört ihn.«
Eddie schnaubte verächtlich. »Ich verstehe wirklich nicht, wie sie das könnte. Er verlässt sein Arbeitszimmer doch nie. Als ich vor zwei Monaten abfuhr, steckte er da drinnen. Und jetzt immer noch und schuftet härter als je zuvor, obwohl er eigentlich ein Freisemester hat. Und jetzt hat er noch zwei andere Superschlaue bei sich. Ich habe sie gerade kennengelernt. Dilly Knox heißt der eine. Und Oliver Strachey. Überall liegen Bücher, Tafeln und Schaubilder verstreut. Was, um alles in der Welt, machen die bloß da drinnen? Was kann denn so faszinierend sein?«
»Ihre Arbeit?«
»Wohl kaum. Es sind doch bloß Zahlen und Formeln«, sagte Eddie verächtlich. »Der Junge braucht eine Frau. Sogar noch dringender als du, würde ich sagen. Er ist viel zu versponnen und zerstreut. Wie kommt es bloß, dass hinter dir viel mehr Frauen her sind, als dir guttut, und hinter dem armen Albie keine einzige? Kannst du nicht ein paar von deinen Verehrerinnen an ihn abtreten? Er braucht eine gute Frau. Und Kinder. Ach, wie schön wäre es doch, wieder das Lachen von glücklichen Kindern in meinem Haus zu hören. Wie herrlich waren die Jahre, als Albie und Willa noch klein waren und meine Schwester sie herbrachte, als sie im Teich schwammen und an diesem alten Baum schaukelten – genau an dem da«, sagte Eddie und deutete auf die alte Eiche vor dem Schlafzimmerfenster. »Willa ist immer so hoch hinaufgeklettert. Meine Schwester flehte sie an runterzukommen, aber das tat sie nicht. Sie kletterte immer nur noch höher hinauf und …«
Eddie brach plötzlich ab, drehte sich um und sah Seamie an.
»Ach, du meine Güte. Ich hätte nicht von ihr sprechen dürfen. Verzeih mir bitte.«
»Ist schon gut«, erwiderte Seamie.
»Nein, ist es nicht. Ich … ich nehme nicht an, dass du in letzter Zeit einen Brief von ihr erhalten hast, oder? Ihre Mutter zumindest nicht. Jedenfalls nicht in den letzten drei Monaten. Dabei schreibt sie ihr zweimal die Woche. Um ihr Nachricht über ihren Vater zukommen zu lassen. Na ja, wahrscheinlich ist der Briefverkehr zwischen Tibet und England eine ziemlich knifflige Angelegenheit.«
»Wahrscheinlich. Und nein, ich habe nichts von ihr gehört«, sagte Seamie. »Aber das habe ich ja nie. Seit sie aus Afrika weggegangen ist. Ich weiß auch nicht mehr als du. Nur, dass sie in Nairobi fast gestorben wäre. Dass sie danach durch den Fernen Osten gereist ist. Und dass sie sich jetzt im Himalaja aufhält und nach einer Möglichkeit sucht, um die Sache zu Ende zu bringen.«
Eddie zuckte zusammen bei seinen Worten. »Du trauerst ihr immer noch nach, nicht wahr? Deshalb dein Verschleiß an Frauen. Eine nach der anderen. Weil du nach einer suchst, die Willas Platz einnehmen könnte. Aber die findest du nicht.«
Und das werde ich auch nie, dachte Seamie. Er hatte Willa, die Liebe seines Lebens, vor acht Jahren verloren und, sosehr er sich auch bemühte, nie eine Frau gefunden, die ihr hätte das Wasser reichen können. Keine andere Frau besaß Willas Lebens- und Abenteuerlust. Keine andere Frau besaß ihren Mut oder ihren leidenschaftlichen, kühnen Geist.
»Es ist alles meine Schuld«, sagte Seamie. »Sie wäre nicht dort, Tausende von Meilen von ihrer Familie, von ihrem Zuhause entfernt, wenn ich nicht schuld daran wäre. Wenn ich mich damals am Kilimandscharo richtig verhalten hätte, wäre sie jetzt hier.«
Er würde nie vergessen, was damals in Afrika geschehen war. Sie hatten gemeinsam den Kilimandscharo bestiegen, in der Hoffnung, mit der Besteigung des Mawenzi-Gipfels einen Rekord aufzustellen. Sie hatten beide unter Höhenkrankheit gelitten, Willa ganz besonders. Er wollte, dass sie umkehrte, aber sie weigerte sich. Also gingen sie weiter und erreichten den Gipfel viel später, als ratsam war. Dort auf dem Mawenzi gestand er ihr etwas, was er schon seit Jahren fühlte, aber immer für sich behalten hatte – dass er sie liebte. »Ich liebe dich auch«, erwiderte sie. »Schon immer. Und für immer.« Diese Worte hallten in ihm nach. Jeden Tag seines Lebens. In seinem Kopf und seinem Herzen.
Die Sonne stand schon hoch, als sie den Abstieg begannen, zu hoch, und ihre Strahlen brannten auf sie herab. Ein Felsblock, der vom Eis an seinem Platz gehalten wurde, löste sich in der Hitze und donnerte auf sie hinab, als sie durch eine Schlucht abstiegen. Er traf Willa, und sie stürzte ab. Nie würde Seamie den Widerhall ihrer Schreie vergessen, genauso wenig wie das verschwommene Bild ihres verdrehten Körpers, als er an ihm vorbei nach unten gerissen wurde.
Als er sie schließlich fand, sah er, dass ihr rechtes Bein gebrochen war und zersplitterte Knochen die Haut durchstoßen hatten. Er stieg zu ihrem Basislager ab, um Hilfe von den Massai-Führern zu holen, musste jedoch feststellen, dass sie von feindlichen Stammesangehörigen ermordet worden waren. Also musste er sie allein den Berg hinunter-, durch den Dschungel und die Ebene tragen. Tage später war er auf Zuggleise gestoßen, die zwischen Mombasa und Nairobi verliefen. Nachdem er einen Zug angehalten hatte, schaffte er es, Willa zu einem Arzt nach Nairobi zu bringen, doch als sie dort ankamen, war die Wunde brandig geworden. Es gebe keine Wahl, sagte der Arzt. Man müsse amputieren. Willa flehte ihn an, den Arzt davon zu überzeugen, dass sie ihr Bein behalten müsse. Sonst könne sie nicht mehr klettern. Aber Seamie hatte nicht auf ihr Flehen gehört. Er ließ den Arzt amputieren, um ihr Leben zu retten, und das hatte sie ihm nie verziehen. Sobald sie in der Lage dazu war, verließ sie das Krankenhaus. Und ihn.
Jeden Morgen wache ich verzweifelt auf und jeden Abend schlafe ich genauso verzweifelt ein, hatte sie in der Nachricht geschrieben, die sie für ihn zurückließ. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wo ich hingehen, wie ich leben soll. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten zehn Minuten überstehen soll, ganz zu schweigen vom Rest meines Lebens. Für mich gibt es keine Hügel mehr, die ich besteigen kann, keine Berge, keine Träume mehr. Es wäre besser gewesen, auf dem Kilimandscharo zu sterben, als so weiterzuleben.
Eddie griff nach seiner Hand und drückte sie. »Hör auf, dir die Schuld dafür zu geben, Seamie, du bist nicht schuld daran«, sagte sie entschieden. »Du hast alles Menschenmögliche getan und das einzig Richtige. Stell dir vor, du hättest meiner Schwester sagen müssen, du hättest nichts getan, du hättest ihr Kind sterben lassen. Ich verstehe dich, Seamie. Wir alle verstehen dich.«
Seamie lächelte traurig. »Aber das ist ja gerade das Schlimme dabei«, erwiderte er. »Alle verstehen es. Alle außer Willa.«

Blick ins Buch
Brot kann schimmeln, was kannst du?

Meine wildesten Jobs

Was kannst du? Nichts! Und was willst du später mal werden? Alles! Unrealistischer Bullshit? Nicht für den einzigen weltweiten Berufetester des deutschen Fernsehens, Jenke von Wilms dorff. Ob Glühbirnenwechsler in Las Vegas, Rikschafahrer in Mumbai, Paparazzo in Hollywood, Leichensammler in Ciudad Juárez oder Schlagersänger auf Mallorca – Jenke macht alles, egal wo und egal zu welchem Preis.

Vorwort

 

Wir sind ja hier unter uns, oder? Dann kann ich es ja zugeben :
Ich bin Jenkes größter Fan.
Endlich kann ich das mal kundtun, und es folgt eine echte Lobhudelei !
Wir haben uns vor langer Zeit schon bei der RTL-Version der Versteckten Kamera kennengelernt. Damals war Jenke noch Schauspieler. Mal spielten wir ein Ehepaar, mal Feuerfrau und Feuerwehrmann, mal Diebin und Polizist. Wir hatten immer sehr viel Spaß dabei, und auch die Zuschauer haben diese Sendung geliebt.
Dann wechselte Jenke die Seiten, wurde Redakteur bei RTL Extra und nahm sich vor, die wildesten Jobs der Welt auszuprobieren. Ich habe seine Geschichten mit viel Spannung und Freude verfolgt.
Oft musste ich mich im Studio zusammenreißen, um bei der Abmoderation seiner lustigen Reportagen nicht laut loszulachen.
Aber auch mit den einfühlsamen und spannenden Reportagen, die er überall auf der Welt dreht, beeindruckt mich Jenke immer wieder.
Das sind Geschichten, die er entdeckt und von denen ich zuvor noch nie gehört habe. Den Mut, den er aufbringt, um sich in gefährliche Reportersituationen zu bringen, muss man einfach bewundern, und ich bin immer heilfroh, wenn ich ihn nach so einer Reise wieder in der Redaktion sehe. Dann freue ich mich besonders, denn Jenke bringt mich immer wieder zum Lachen, weil er Witz hat wie kaum ein anderer. Er lacht gern, lacht viel und lacht immer auch über sich selbst. Wie sympathisch und ansteckend.

 

Ich kenne niemanden, der in so vielen unterschiedlichen Berufen gearbeitet hat wie Jenke. Und er stand nicht einfach nur daneben.
Jenke hat immer mitgearbeitet, eine ganze Schicht lang oder eine Nacht lang oder auch gleich mehrere Tage lang, wenn es der entsprechende Beruf verlangte. Respekt, Herr Graf (so nennen wir ihn in der Redaktion, obwohl er ja nur zur Sorte verarmter polnischer Uradel gehört ) !

 

Ich freue mich sehr, dass er endlich ein Buch geschrieben hat, und muss schon lächeln, wenn ich es nur in der Hand halte. Weil ich weiß, dass es sehr humorvoll ist, bunt und spannend, und weil ich weiß, dass er mir wundervolle Geschichten erzählen wird, von Menschen, die etwas zu erzählen haben. Und von sich.

 

Viel Spaß also!

 

Ihre Birgit Schrowange

 

NA, WAS WILLST DU DENN MAL WERDEN, JENKE ?
Wie alles begann – Bonn, Deutschland

 

Na, was willst du denn mal werden, Jenke?« Wenn ich eine Frage fürchtete, dann diese. Wenn andere Kinder nur so sprudelten und es gar nicht erwarten konnten, »Feuerwehrmann!«, »Astronaut!« oder »Forscher!« zu krähen, fiel es mir schwer, mich zu entscheiden. War doch alles interessant, oder? Aber diese Antwort kam nicht gut an, und so antwortete ich schließlich, Entschiedenheit heuchelnd: »Busfahrer!« Eine Woche später: »Kapitän!«, am nächsten Tag: »Pilot!« Nach mehreren versemmelten Matheklausuren schwenkte ich auf »Botschafter« um. Sehr unterschiedliche Berufe werden Sie sagen, und doch haben Busfahrer, Kapitäne, Piloten und Botschafter etwas gemeinsam: Sie sind immer unterwegs. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich mal werden wollte, aber eines wusste ich: Ich wollte reisen.
Schon als Kind zog es mich raus aus meiner Geburtsstadt Bonn, und zwar dorthin, wo ich die Menschen nicht mehr verstehen konnte, wo es andere Dinge in den Geschäften gab und wo ich mein Eis in einer fremden Währung bezahlen musste. Urlaub in Deutschland war für mich kein Urlaub. Und so nahm ich mir für mein späteres Leben vor, einen Beruf zu ergreifen, der mich reisen lässt. Am liebsten um die ganze Welt.
Irgendwann lag das Schulende bedrohlich nah vor mir, und meine Vorstellungen hatten sich seit der Zeit, in der ich Busfahrer, Pilot oder Botschafter werden wollte, nicht entscheidend weiterentwickelt. Seit ein paar Monaten jobbte ich als Statist am Theater in Bonn. Kleine Rollen, einfach nur rumstehen und beteiligt gucken, ohne Text. Trotzdem fand ich es so spannend, auf der Bühne und Bestandteil einer Geschichte zu sein, die die Zuschauer in eine andere Zeit, eine andere Welt entführt, dass ich plötzlich wusste, was ich werden wollte: Schauspieler. Natürlich in Hollywood und nicht in Deutschland. Klar. Ich wollte ja schließlich verreisen. Mein Englisch war recht gut, und so meldete ich mich bei einem Bekannten in Florida als Jahres-Dauergast an, um dort die Schauspielschule zu besuchen. Ich war überrascht, wie unkompliziert mein Vorhaben startete. Der Bekannte sagte zu, meine Mutter spendierte Flug und Taschengeld, und das Abi hatte ich plötzlich auch in der Tasche. Hollywood, ich komme!
Es war ein bitterkalter Märztag, und die Schneeflocken klebten Flocke an Flocke dicht gedrängt am Flugzeugfenster, als wollten sie unbedingt mit mir verreisen, raus aus diesem unwirtlichen Land ins sonnige Florida. Durften sie aber nicht – und schon beim Start des Flugzeugs mussten sie loslassen, um sich aufzulösen. Florida wäre ihnen aber auch nicht besser bekommen.
Mein Plan war folgender: Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wollte ich mir einen Job suchen, um die hohe Studiengebühr der renommierten Schauspielschule Berghof bezahlen zu können. Neben dem Unterricht würde ich dann beim US-Fernsehen kleine Komparsenrollen übernehmen, dabei Erfahrungen sammeln und wichtige Kontakte schließen, um mich perfekt auf meine Hollywoodkarriere vorzubereiten. Ich war 19, grenzenlos optimistisch, hatte keine Berührungsängste, war sehr kontaktfreudig und glaubte an mein Glück. Was sollte denn auch schiefgehen?!
In meinen ersten Florida-Wochen lag ich tagsüber an den schneeweißen Stränden, glotzte abwechselnd aufs Meer und auf die vorbeischlendernden Badeschönheiten und erholte mich erst mal vom Abistress. Darin war ich sehr gründlich. Dabei blätterte ich Variety und andere amerikanische Filmfachzeitschriften durch, auf der Suche nach Komparsenjobs. Ich musste nicht lange warten. Nach wenigen Tagen bekam ich ein erstes Jobangebot, quasi eine Gastrolle auf dem Nachbargrundstück Eine kleine Rolle als Gärtner, zwar ohne Kameras und Filmcrew, dafür aber gut bezahlt. Ich sollte den großen Garten unseres Nachbarn in Ordnung bringen, den Rasen mähen, Bäume beschneiden, Laub und Dreck wegkehren. Dafür bekam ich zehn Dollar pro Stunde, was sich an manchen Tagen auf bis zu 80 Dollar summierte. So kann es gerne weitergehen, dachte ich, als eines Tages die Men in Black leibhaftig vor mir standen, zwei Typen in schwarzen Anzügen und mit Sonnenbrillen. Wow! Die haben es drauf, die Amis, die haben echt ein Händchen für große Auftritte, dachte ich und bekam vor Begeisterung eine Gänsehaut. Waren die vom FBI ? Vom CIA, DEA oder einem anderen der 124 Geheimdienste des Landes? Oder waren das schon die ersten Castingagenten auf der Suche nach einem neuen Schauspieltalent ?
Ich ging lächelnd, aber betont cool auf sie zu. Sie grüßten, ich grüßte. Verdammt, die kannten sogar meinen Namen. Das mussten Talentscouts sein, keine Frage. Was ich denn hier machen würde, wollten sie lächelnd wissen. Und ich erzählte ihnen meine Geschichte, die ganze Geschichte, meinen Traum von einer Hollywoodkarriere und dass ich jederzeit bereit sei loszulegen.
Das sei schön, meinten sie und hielten mir ihre Dienstausweise unter die Nase. Immigration stand da. Das Filmstudio kannte ich gar nicht. Paramount – klar, und Warner Brothers, 21th Century Fox waren mir auch ein Begriff, aber bei Immigration musste ich passen. Vielleicht war auch das ein Grund, warum das Gespräch ab diesem Moment eine eher unfreundliche Wendung nahm. Die Herren verboten mir das Rasenmähen und ermahnten mich streng, ohne eine Arbeitserlaubnis dürfe ich in den USA nicht arbeiten. Eine solche Erlaubnis hatte ich nicht; zum damaligen Zeitpunkt war es nahezu unmöglich, eine zu bekommen. Es war ein Teufelskreis: ohne Aufenthaltserlaubnis keine Sozialversicherungskarte – und ohne Sozialversicherungskarte keine Arbeitserlaubnis. Nichts davon hatte ich.
Während ich nach der Erfahrung mit den Robocops nur noch Jobs annahm, die nicht in der Öffentlichkeit stattfanden, empfahl mir mein Bekannter die Heirat mit einer Amerikanerin. »Dann hast du Ruhe, bekommst alle Genehmigungen und darfst, so lange du willst, in diesem wunderbaren Land bleiben.« Ich fand die Idee gar nicht so schlecht, und so lud Arthur, mein Bekannter, der übrigens auf die gleiche Art zu seinem amerikanischen Pass gekommen war, von nun an jeden Samstag potenzielle Bräute ein. Arthur besaß eine kleine Rinderfarm, seine Frau Gretel das Frisörgeschäft nebenan. Als hätten beide plötzlich im ganzen Staate Florida Zettel verteilt, auf denen eine amerikanische Frau für mich gesucht wurde, brachten die Mütter aus der Umgebung von nun an jeden Samstag ihre hässlichen Töchter mit, während Gretel ihnen die Haare in saure Wellen legte. Moment mal, dachte ich mir. Wenn überhaupt eine solche Zweckheirat infrage kommt, dann doch nur mit einer der vielen Strandschönheiten, die ich tagelang beim Sonnenbaden beobachtet hatte. Die pummeligen und dämlich grinsenden Mädchen aus den umliegenden Käffern wollte ich nicht. Und so musste ich vorerst weiterjobben. So lange, bis ich meine alten Bekannten wieder traf. Die beiden Herren in Schwarz. Diesmal hatte ich einen Job auf einer Nachbarranch ergattert und rammte gerade mit nacktem Oberkörper Dutzende von Zaunpfählen in die Erde. Was ich denn da machen würde, wollten sie wissen. Denn das sehe ganz nach Arbeit aus. Bezahlter Arbeit. Ich versuchte, sie von meinem gemeinnützigen Einsatz zu überzeugen, kam aber nicht weit damit. Letzte Warnung vor der Abschiebung. Und damit war mein Hollywoodtraum vorerst geplatzt. Ich ließ die heiratswilligen amerikanischen Mädchen zurück im Land der begrenzten Möglichkeiten und versuchte mein Glück erst mal in Deutschland.
Ich fand es überraschend schnell, denn das Vorsprechen an der Schauspielschule in Düsseldorf lief gut. Ich war einer von etwa 1000 Bewerbern und bekam den begehrten Studienplatz. Drei Jahre später war ich staatlich anerkannter Schauspieler mit ersten Theaterengagements. Dazwischen stand ich für diverse Fernsehserien vor der Kamera. Es fing gut an, doch die große Karriere und die weite Welt waren nicht in Sicht. Vierzehn Jahre hielt ich durch, träumte weiterhin von Hollywood und stand allabendlich auf den Bühnen deutscher Theater. Bis mir eines Tages ein Kumpel aus alten Bonner Tagen das Angebot machte, für die RTL-Version der Versteckten Kamera als Lockvogel nach Mallorca zu reisen. Es war nicht nur ein sehr lustiger Dreh, es war auch endlich mal ein Job im Ausland. Ich war angefixt, drehte in den darauffolgenden Jahren knapp 20 Folgen für RTL und auch für den Klassiker der ARD, Verstehen Sie Spaß?
Dann machte mir der Chef meines Kumpels das Angebot, als Redakteur und Reporter fest zu RTL zu kommen. Das ist jetzt elf Jahre her, und seitdem habe ich wirklich die Welt gesehen. Jedenfalls sehr viele Teile von ihr. Und ich habe endlich die einzig wahre Antwort auf die Frage »Na, was willst du denn mal werden, Jenke?« gefunden: weltweiter Berufe-Tester-Reporter. Denn das ist nicht nur ein Job, es sind Hunderte (nicht übertrieben!). Und alle sind spannend, schräg und vor allem außergewöhnlich. Was meinen Auftrag so genial macht, ist nicht nur die ständige Abwechslung, sondern dass die meisten Berufe, die ich testen soll, in fernen Ländern ausgeübt werden!
Endlich kann ich das machen, was schon als kleiner Junge mein größter Wunsch war: Ich kann reisen und muss mich endlich nicht mehr für nur einen Beruf entscheiden.

 

Nordzypern, im August 2011

Expedition zu den PolenExpedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

Polen, einst Land der Autodiebe und des billigen Wodkas, hat sich zum drittbeliebtesten Auswandererland der Deutschen gemausert. Aber darf man überhaupt mit dem Auto rüberfahren? Wie flirtet man mit einer schönen Polin? Welche Eheprobleme könnte es geben? Welche Überraschungen bei der Schwiegermutter in Krakau oder Danzig? Höchste Zeit für eine vergnügliche Reise ins Nachbarland, wo hinter jeder Türschwelle ein Kulturschock lauert.

Steffen Möller

Expedition zu den Polen

Eine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express

1Vom Gastarbeiter zum Emigration Consultant

»Was willst du denn in Asien?« riefen meine entsetzten Eltern, als ich 1994 nach Polen auswanderte. Auch meine neuen Warschauer Nachbarn runzelten die Stirn: »Sind Sie freiwillig gekommen oder werden Sie daheim per Steckbrief gesucht?«

Immer wieder musste ich erzählen, wie es ein Jahr zuvor begonnen hatte: mit einem Plakat an der Uni, einem zweiwöchigen Sprachkurs in Krakau und einem polnischen Kindergedicht, das den Titel »Samochwała – die Angeberin« trug. Und immer wieder erntete ich ein mitleidiges Lächeln. Den Deutschen galt Polen als Land der Autodiebe und Putzfrauen, Polen dagegen assoziierten Deutsche mit Heimwehtouristen und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Viele Jahre später schrieb ich meine Geschichte auf. 2008 erschien sie unter dem Titel: »Viva Polonia – als deutscher Gastarbeiter in Polen.«

Die Reaktion war überwältigend. Ich erhielt fast 3000 Mails von Lesern, die das Buch kommentierten oder Fragen zu Polen stellten. Manchmal bekam ich den Eindruck, dass schon halb Deutschland auf gepackten Koffern saß.

Tatsächlich hatte ich, ohne es zu ahnen, einen günstigen Zeitpunkt erwischt. Anfang 2010 wurde vom Statistischen Bundesamt bekannt gegeben, dass Polen im Jahr 2009 das drittbeliebteste Auswanderungsland der Deutschen war, hinter der Schweiz und den USA. Fast 13 000 Menschen waren nach Polen gegangen – und nicht nach Italien, Mallorca oder Großbritannien.

Handelte es sich dabei nur um Aus- und Übersiedler, die auf ihre alten Tage nach Oberschlesien und Masuren zurückwollten?

Nein! Die »Bild«-Zeitung, der Polen-Propaganda wahrlich unverdächtig, ging der Sache auf den Grund und bestätigte: sind auch viele richtige Deutsche dabei! Sie berichtete von einem Rentner, der die Pflegerin seiner Mutter heiratete und mit ihr hier nichts. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurückzugehen.«

Doch es kam noch besser.

Polen war im Krisenjahr 2009 das einzige der 27 EU-Länder mit einem positiven Wirtschaftswachstum. Während Deutschland eine Einbuße von fünf Prozent hinnehmen musste, konnte Polen immerhin noch 1,7 Prozent Wachstum verzeichnen. Im Vergleich zu den südeuropäischen Mitgliedsländern ist Polen heute eine Art Musterknabe der EU. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn, der 1989 noch bei 25 Euro im Monat gelegen hatte, betrug 2010 bereits 900 Euro (in Deutschland 2010: 2650 Euro). Die Arbeitslosigkeit hat sich seit dem EU-Beitritt 2004 halbiert und lag im Sommer 2011 bei 11,7 %, also nur knapp über dem EUDurchschnittswert. In Großstädten wie Warszawa, Wrocław und Poznań tendiert sie gegen null.

Zur gewaltigen Dynamik, die durch die EU-Agrarsubventionen und Strukturfonds angestoßen wurde, kam noch die Nachricht, dass die Fußballeuropameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ausgetragen wird. Sie führte in Polen zu einem gigantischen Bauboom. Drei Stadien wurden neu gebaut, ein viertes von Grund auf renoviert. Zählt man die Investitionen in die Infrastruktur des Landes hinzu, kommt man auf ein Gesamtvolumen von fast 20 Milliarden Euro. Wer in den Jahren 2010 und 2011 durch Polen fuhr, sah überall Bahnhofsrenovierungen, Autobahnbagger und nächtlich beleuchtete Gerüste. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es in Europa in keinem Land ähnlich große Baustellen gleichzeitig gegeben. Fazit: Innerhalb weniger Jahre hat sich Polen zu einem stabilen Wirtschaftsstandort in Mittel-Ost-Europa gemausert.

Krönung dieser Entwicklung war für mich eine eher unscheinbare Nachricht. Die Arbeitsämter Brandenburgs starteten 2010 ein Pilotprojekt. Eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen wurde zu Schulungen ins polnische Krosno an der Oder geschickt. Die circa zwanzig Hartz-IV-Empfänger lernten zunächst zwei Monate lang Polnisch, um dann in örtlichen Handwerksbetrieben eine Kurzausbildung zu durchlaufen. Das Ziel bestand darin, sie flexibler für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen.

Als ich diesen Artikel entdeckte, kamen mir endgültig die Tränen. Nun erst glaubte ich an die Trendwende. Fast zwanzig Jahre lang war ich ein Träumer gewesen, ein naiver Idealist. Von nun an durfte ich mich als Pionier der neuen Zeit betrachten. Ach, wie schön, dass sich die Zeiten ändern!

Noch unmittelbar vor meiner ersten Fahrt nach Polen 1993 hatte mir ein lieber Berliner Freund den folgenden Witz erzählt: Eine gute Fee kommt zu einem Ossi, einem Wessi und einem Polen und gewährt jedem einen Wunsch. Der Pole wünscht sich, dass jeder seiner Landsleute einen Porsche bekommt.

»Gut«, sagt die Fee. »Der Wunsch ist erfüllt.«

Der Ossi wünscht sich, dass die Mauer wieder aufgebaut wird.

»Gut«, sagt die Fee, »auch dieser Wunsch wird erfüllt. Und du?«, wendet sie sich an den Wessi, »was willst du?« – »Och«, brummt der Wessi zufrieden, »wenn jeder Pole einen Porsche hat und die Mauer wieder steht … einen Cappuccino bitte!«

Knapp zwanzig Jahre später ist alles anders. Die Autodiebstähle innerhalb Polens sind um etwa 75 Prozent zurückgegangen (in Deutschland um etwa 65 Prozent), und Asien liegt heute an der Wupper. Meine Heimatstadt Wuppertal versinkt in Schulden, 2010 lagen sie bereits bei über zwei Milliarden Euro. Das städtische Theater soll geschlossen werden, die Stadtbibliothek bekommt kaum noch Mittel für die Anschaffung neuer Bücher, der Oberbürgermeister hat in seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal das Geld für eine Fahrt in die polnische Partnerstadt Legnica auftreiben können.

Und das Schlimmste: Seit etwa zehn Jahren verliert Wuppertal jedes Jahr zwischen 2000 und 4000 Bürger. Von den einstmals 400 000 Einwohnern sind 2010 noch 350 000 übrig geblieben. Wo stecken die fehlenden 50 000 Menschen? Häufiger, als man denkt, lautet die Antwort: in Polen.

Angesichts dieser veränderten Lage kam ich auf die Idee, ein neues Buch zu schreiben, einen Polen-Crashkurs für Auswanderer. Während ich mich in »Viva Polonia« noch wie ein Märchenerzähler fühlte, der Geschichten aus einem exotischen Land am Ende der Welt darbot, wollte ich nun konkret werden, mit Tabellen und Statistiken für Sachbuchleser. Um zunächst einmal die Fragen und Nöte meiner Landsleute kennenzulernen, tourte ich als Emigration Consultant durch Deutschland. Zwischen 2008 und 2012 bin ich einige Hundert Mal zwischen Kiel und München aufgetreten. Die Publikumsmischung war hochinteressant. Meinen Ausführungen über Polen, seine Bewohner und die Kulturschocks, die unter jeder Türschwelle lauern, lauschten nicht nur potenzielle Auswanderer, sondern auch viele deutsche Ehemänner, die sich über die Heimat ihrer polnischen Frauen informieren wollten. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie groß die Zahl dieser deutsch-polnischen Paare ist. Wer von »Hunderttausenden« spricht, dürfte nicht übertreiben. Wie ich erfuhr, erwägt auch so mancher Ehemann inzwischen, seinen Job in Reutlingen oder Bremerhaven aufzugeben und ins Land der Schwiegermutter überzusiedeln, wo die Steuern niedrig und die Investitionsanreize hoch sind.

Daneben gab es aber auch Menschen im Publikum, die noch keine Lust oder keinen Mut hatten, nach Polen zu fahren. Sie wollten einfach nur etwas über ihre polnischen Mitbürger erfahren. Denn auch in Deutschland lebt man ja längst »zwischen den Polen«. Bis zu zwei Millionen Menschen sprechen Polnisch als Muttersprache. Von allen Migranten bilden die Polen, nach den Türken, mit etwa 11 Prozent die zweitstärkste Gruppe. Im Jahr 2011 sind nach offiziellen Angaben 115 000 Polen nach Deutschland eingewandert, was mit 17 Prozent aller Einwanderer die bei Weitem stärkste Gruppe ausmachte. Es kann vermutlich nicht schaden, einige Informationen über den Aberglauben, die Schimpfwörter oder die Schulbildung der neuen Nachbarn zu bekommen.

»Zwischen den Polen« – so könnte man auch meine eigene Situation beschreiben. Zwar habe ich meine Rolle als deutscher Kartoffelbauer in der polnischen Telenovela »M jak Miłość – L wie Liebe« inzwischen aufgegeben, doch bewohne ich immer noch meine langjährige Wohnung im Warschauer Stadtteil Muranów. Gleichzeitig miete ich eine Arbeitswohnung in Berlin. So kommt es, dass ich jeden Monat mehrmals zwischen Warschau und Berlin, den beiden Polen meines Lebens, hin und her pendele. Auf einer dieser Reisen, die ich stets im bequemen Eurocity absolviere, kam mir die Idee, das neue Polenbuch in Form einer Zugfahrt zu gestalten.

Erstens ist eine Zugreise die ideale Lösung für alle Skeptiker, die immer noch Angst um ihr Auto haben. Während ihr Liebling in der Garage steht, können sie vom Zug aus die Landschaft genießen. Eine bequemere Art des Erstkontakts gibt es nicht. Vermutlich wäre die Zahl deutscher Polenurlauber doppelt so groß, wenn sich herumspräche, wie preisgünstig und attraktiv der Berlin-Warszawa-Express ist.

Zweitens besticht dieser Zug durch seine einmalig schöne Streckenführung. Die Eisenbahntrasse durchschneidet Polen von der Grenze bis Warschau auf einer Länge von fast 500 Kilometern. Wer aus dem Fenster schaut, gewinnt einen phantastischen Eindruck von den drei großen Landschaften Lubuskie (Lebus), Wielkopolska (Großpolen) und Mazowsze (Masowien). Auch an Rekorden mangelt es nicht. So wird unterwegs die Kleinstadt Świebodzin passiert, die mit Europas höchster Christusstatue aufwarten kann. Und in Poznań, das genau in der Mitte der Strecke liegt, befindet sich ganz offiziell der Welt »schönstes Einkaufszentrum mittlerer Größe«.

Drittens kann man in diesem Zug ganz beiläufig die deutschpolnischen Befindlichkeiten studieren. Zugfahrten zeigen die Menschen von ihrer privaten Seite, über viele Stunden hinweg. Ob sich im Speisewagen ein Ehepaar streitet oder ein melancholischer Heimaturlauber über sein Leben in Deutschland räsoniert – man erfährt hier Dinge, die nicht in der Zeitung stehen. Mit ein bisschen Glück lassen sich sogar tiefere Bekanntschaften anknüpfen. So mancher deutsche Tourist wurde schon von einem polnischen Mitfahrer nach Hause eingeladen und sparte auf diese Weise die Hotelkosten. Es sollen sogar Bundesbürger in Berlin als Single eingestiegen und in Warschau als Verlobte wieder ausgestiegen sein.

Ich lade also herzlich dazu ein, mich auf einer meiner Reisen von Berlin nach Warschau zu begleiten. Unterwegs werde ich versuchen, ein guter Reiseleiter zu sein und die unvermeidlichen Kulturschocks so abzufedern, dass sie einigermaßen erträglich werden. Doch auch nach fast zwanzig Jahren ist immer noch jede Fahrt mit dem Eurocity Berlin-Warschau ein neues Abenteuer. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland einen zweiten Zug mit einer ähnlich prickelnden Passagiermischung gibt. Umso mehr wünsche ich uns, was man sich in Polen vor einer großen Reise wünscht: »Szerokiej drogi – breiten Weg!«

2 Berlin Hbf. – Berlin Ostbahnhof

Entfernung: 6 km

Fahrzeit: 10 Minuten

Kulturschock: noch keiner

Wort der Strecke: Rajzefiber

 

Im Urstromtal

Die letzte Eiszeit in Mitteleuropa war ein Glücksfall für die Eisenbahningenieure. Geologen streiten zwar noch darüber, ob die sogenannte »Weichsel-Eiszeit« schon vor 18 000 oder erst vor 10 000 Jahren zu Ende ging, interessant ist aber auf jeden Fall, welche gigantischen Weichen damals gestellt wurden. Als sich der Kontinent langsam wieder erwärmte, schmolzen einige riesige Gletscher ab. Ihr Schmelzwasser konnte infolge fester Landeismassen im Norden und Süden nur nach Westen, in Richtung Nordsee abfließen. Ein ungeheurer Urstrom entstand und wälzte sich auf einer Breite von zwanzig Kilometern quer durch Mitteleuropa, von der Umgebung des heutigen Warschaus bis in die Gegend des heutigen Berlins. Das ausgetrocknete Bett dieses Stroms wird von Geologen heute als »Warschau-Berlin-Urstromtal« bezeichnet. Hier konnten im Jahr 1870 bequem die ersten Schienen von Berlin nach Warschau verlegt werden, 560 Kilometer naturgegebener Eisenbahntrasse, ohne lästige Gebirge oder Seen. Der Gleisunterboden war zwar, wie in Flussbetten üblich, überaus sandig (daher der berühmte »märkische Sand«), doch boten sich den Ingenieuren auf der exakt gleich langen Westroute von Berlin nach Köln wesentlich unangenehmere Hindernisse, etwa das Harzgebirge. In Richtung Osten waren nennenswerte technische Konstruktionen nur bei der Überbrückung von Oder und Warthe erforderlich.

Einen enormen Kontrast zu den geringen geografischen Hindernissen bilden die kulturellen und sprachlichen Hemmschwellen. Von den neun deutschen Landesgrenzen dürfte die polnische Grenze diejenige mit dem größten Schockpotenzial sein. Mit einem Schlag versteht man gar nichts mehr – und ist auch nicht darauf vorbereitet. Von der Geschichte, Dichtung und Kultur des zweitgrößten Nachbarvolkes wird deutschen Schülern so gut wie nichts beigebracht, sieht man von einigen traurigen Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg ab. Bereits der Kniefall Willy Brandts im Jahr 1970 ist nach meiner Beobachtung der jüngsten Generation nicht mehr vertraut, in Polen übrigens noch weniger als in Deutschland. Bei mir selbst war es kaum anders. Bevor ich mit 24 Jahren erstmals nach Krakau fuhr, hatte ich längst das sonnige Paris, das geheimnisvolle Prag und das fröhliche Kopenhagen besucht. Ins »katholische Polen« hätten mich keine zehn Pferde bekommen; das Land erschien mir, ehrlich gesagt, wie eine einzige Karikatur, bewohnt von schlauen Autodieben, pfiffigen Handwerkern, strubbeligen Putzfrauen, billigen Prostituierten und einem schon zu Lebzeiten legendären Lech Wałęsa. (Natürlich wusste ich auch nicht, dass man ihn »Wawensa« ausspricht.)

Trotz der veränderten Faktenlage hat sich an diesem ungünstigen Image in Deutschland bis heute nicht allzuviel geändert. Polen hätte mal eine richtig professionelle Marketingkampagne verdient. Ein bescheidener Anfang dafür könnte die Zauberformel vom »Warschau-Berlin-Urstromtal« sein. Sie macht noch dem letzten Ignoranten klar, dass eine Reise nach Polen zumindest aus geologischer Perspektive nichts anderes ist als ein Spaziergang von einer Ecke des Wohnzimmers in die andere.

 

Der Berliner Hauptbahnhof

Alles beginnt am Berliner Hauptbahnhof einige Jahre nach seiner Einweihung im Jahr 2006. Keine Frage: Mit diesem Bauwerk hat Berlin derzeit den prächtigsten Bahnhof des gesamten Urstromtals zu bieten. Doch das war nicht immer so. Bei seiner Fertigstellung im Jahr 1975 trug noch der Warschauer Zentralbahnhof mit seinem kühn geschwungenen Dach den Sieg davon. Bereits in den Achtzigerjahren verfiel das Wunderwerk, Polen stöhnte unter dem Klammergriff des Kriegsrechts. Bahnhöfe sind das Gesicht einer Stadt, auf dem sich alle ihre Erlebnisse widerspiegeln, und so ergraute der Zentralbahnhof quasi über Nacht. Der sozialistische Alltag machte sich breit, unübertrefflich symbolisiert in den spitzengeklöppelten Gardinchen, die in den Bürofenstern hingen.

Dreißig Jahre später ist Berlin fast uneinholbar in Führung gegangen. Der neue Berliner Hauptbahnhof darf als imposant bezeichnet werden. Weiße Ausflugsdampfer schippern unter ihm hindurch, denn seine Ausläufer schweben auf Riesenpylonen direkt über der Spree, nur einen Steinwurf von Reichstag und Bundeskanzleramt

entfernt.

Die Baumaterialien waren, wie üblich in der jungen Berliner Republik, Beton, Glas und Stahl. Ausdrücklich nicht erwünscht war Holz. Der Architekt verbat sich auch jede frohe Bemalung. Sein Werk sollte cool wirken, so grau wie die rings um den alten Reichstag gesetzten Abgeordnetenbüros, so eckig wie der gigantische Vogelkasten des Kanzleramts. Gilt auch hier die Regel, dass ein Bahnhof die Befindlichkeit seiner Stadt widerspiegelt, ja vielleicht sogar der gesamten Berliner Republik? Wir wollen es nicht hoffen und die Verantwortung für all das kahle Grau allein dem Architekten zuschieben. Wer allerdings seinen wunderbar poetischen Namen hört, kann ihm nicht mehr böse sein, denn man sieht plötzlich Farbe auch dort, wo sie eigentlich nicht ist: Meinhard von Gerkan. Glücklich, wer mit einem solchen Namen gesegnet ist. Ein Klaus Löffelke oder Heiko Schulte hätte die Ausschreibung sicherlich nicht gewonnen.

Hier also, in einer lang gezogenen Kurve direkt am Wasser, einem höchst ungewöhnlichen Ort für Bahnhöfe, fahren im Minutentakt die Züge ein und aus, rote Regionalexpresse mit doppelstöckigen Waggons, weiße ICEs mit aerodynamischen roten Seitenstreifen, dazu kantige beige-rote S-Bahn-Züge und gelegentlich mal eine vereinzelte, verirrte Lok, die zur Wartung nach Rummelsburg eilt, dem nächsten Bahnbetriebswerk.

Im Innern des Bahnhofs wurden auf Geheiß Meinhard von Gerkans fünf Ebenen eingezogen. In den oberen Etagen gibt es große Aussparungen im Boden, sodass man fast vierzig Meter hinab in die Halle schauen kann. Da sieht man ruhige Rolltreppen, auf denen die Reisenden hinab- und hinaufgleiten; man sieht gläserne, runde Aufzüge, in denen Mütter mit Kinderwagen wie in Heißluftballons aufsteigen – und man sieht sogar manchmal noch aus vierzig Metern Entfernung, dass diese Mütter vor Wut kochen, da sie auf die hypermodernen, aber hyperlangsamen Kapseln endlos warten müssen.

Was sieht man noch in der riesigen Halle? Man sieht vor allem Menschen, Menschen, Menschen. Sie schwärmen in die Bäckereien und Zeitschriftenläden, in die Apotheke oder den McDonald’s, in den Burger King oder Drogeriemarkt, in mehrere Souvenirläden oder Modeboutiquen, ja sogar in einen Fanshop des örtlichen Fußballklubs Hertha Berlin – und alle, alle zahlen die überhöhten Bahnhofspreise klaglos gemäß dem uralten Gesetz, dass Reisenden in ihrer Hektik der Sinn für Cent und Euro abhandenkommt.

Spät abends erst beruhigt sich das Menschengewühl. Wenn nach Mitternacht die letzten Züge eingelaufen sind, bleiben nur noch einige Männer übrig, die auf knallbunten Reinigungsmobilen über die schwarzen Marmorböden gleiten. Auch sie verschwinden schließlich schwatzend in der Nacht – »Auf Wiederhörnchen! Bis dannemannski!« –, und dann bricht eine Art Urwaldstille herein. Letzter Mensch im Gebäude ist der Azubi am Servicepoint. Missmutig schiebt er sich eine Haarsträhne unter seine rote Mütze. Erst gegen fünf Uhr morgens kann er wieder »Moin!« rufen.

Dies ist der Ort, von dem aus jeden Tag fünf Eurocity-Züge nach Polen fahren, vier davon nach Warschau, einer nach Krakau.

 

Auf dem Bahnsteig

Ich persönlich fahre am liebsten mit dem allerersten Eurocity, morgens um 6.40 Uhr. Sechs Stunden später bin ich dann bereits in Warschau und kann mich zum Lunch mit Freunden treffen. Während sie ihren Vormittag im Bett oder bei Ikea vertrödelt haben, bin ich mit Tempo 160 durch die Lande gebraust und konnte mir einbilden, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Außerdem liebe ich die frühmorgendliche Stimmung in Berlin Mitte. Meine kleine Wohnung liegt so nah am Hauptbahnhof, dass ich bequem mit dem Fahrrad hinfahren kann. Oranienburger Straße, Friedrichstraße und Regierungsviertel sind um diese Zeit noch still und menschenleer. Ein leichter Morgendunst hängt über der Spree, und unter den Riesenpylonen liegen Backpacker in sandigen Schlafsäcken.

Ich stelle das Rad vor dem Bahnhof ab, springe in Gerkans Wunderbau und kaufe mir im DB-Reisecenter die Fahrkarte. Sie kostet (im Jahr 2012) in der zweiten Klasse 48,60 Euro. Davon gehen 19 Euro an die Deutsche Bahn. Mit anderen Worten: Für die 80 Kilometer bis Frankfurt/Oder, etwa 15 Prozent der Fahrtstrecke, müssen 40 Prozent des Preises bezahlt werden.

Wer eine Bahncard 50 besitzt, zahlt für die gesamte Strecke nur 31,70 Euro. Er hat nämlich außer seiner 50-prozentigen Ermäßigung innerhalb Deutschlands auch noch Anrecht auf einen Preisnachlass von 25 Prozent auf dem polnischen Streckenabschnitt (Rail Plus).

Mit der Fahrkarte und meinem Köfferchen in der Hand begebe ich mich über die meist gut funktionierende Rolltreppe zum Bahnsteig 11 hinauf. Oben warten bereits einige Reisende. Viele Jahre lang habe ich mich darüber gewundert, dass die frühe Morgenstunde keineswegs allen Leuten anzusehen ist. Manche haben auch um halb sieben schon normal große Augen und schön gekämmte Haare; kein Vergleich zu meiner Zerknautschheit. Mit um die Angsthasen, die in der Nacht vor der Reise kaum geschlafen haben, aus Angst, den Zug zu verpassen. Für sie ist der Tag deshalb schon mehrere Stunden alt. Sie haben sich den Wecker auf drei Uhr gestellt, anschließend lange geduscht und schön die Haare gekämmt. Ab sechs Uhr stehen sie gestiefelt und gespornt auf dem Bahnsteig und sind so aufgeregt, dass sie ihren verlorenen Schlaf auch auf der Reise nicht nachholen können. Man nennt ihren Zustand Reisefieber, auf Polnisch übrigens ebenfalls: Rajzefiber.

Um mir die Minuten bis zur Einfahrt des Zuges zu vertreiben, mache ich ein kleines Spiel. Ich versuche, die Wartenden in Polen und Deutsche zu sortieren. Noch in den Neunzigerjahren war das ein Kinderspiel. Die Deutschen konnte man an prallen City-Rucksäcken erkennen, die Polen an ausgebeulten karierten Riesentaschen. Deutsche Frauen hatten ihr Haar hochgedreht, abrasiert oder festgesteckt, polnische Frauen trugen es meist offen und lang, oft auch kupferrot gefärbt. Polnische Männer wiederum hatten Schnurrbärte, weil der wild herabgezwirbelte Seelöwenschnurrbart seit Jahrhunderten Erkennungszeichen der polnischen Adligen war.

Mit dem neuen Jahrtausend wurde die Sache komplizierter. Kleidung und Haarmode des Ostens glichen sich der des Westens an. Wie steht es zum Beispiel mit dem jungen Mann da drüben in den hellbraunen Lederschuhen, dem lässigen beigen Cardigan und der schwarzen Designerbrille? Er könnte ein alerter Projektmanager aus Berlin-Mitte sein, vielleicht aber auch ein polnischer Yuppie, der am Freitagabend aus Poznań gekommen ist und sich am Wittenbergplatz ein schönes Wochenende gemacht hat.

In diesem Moment ertönt eine Bahnsteigdurchsage. Der Eurocity verspätet sich um fünf Minuten. Statt mich zu ärgern, nutze ich die Zeit, um noch einmal den modernsten Bahnhof der Welt zu bewundern. Ich beuge mich über das Geländer und spähe adlergleich nach unten. Zwar ist dieser Bahnhof von außen leicht mit dem Hauptsitz der Barmenia-Versicherung in Wuppertal zu verwechseln; von innen aber ist er ein Wunder an transparenter Funktionalität. Ganz unten sehe ich auf der Nord-Süd-Achse einen ICE einfahren, zwei Stockwerke höher eine zierliche Koreanerin, die einen schwarzen Konzertflügel in Stellung bringt, um gleich in der morgendlichen Stoßzeit ein furioses Frühstückskonzert zu geben. Gut möglich, dass heute Abend anstelle der Koreanerin ernste Tänzer in schwarzen Hemden einen argentinischen Tango tanzen werden, auch das ist in diesem Bahnhof schon vorgekommen. Für Berlins drei Komma fünf Millionen Exhibitionisten ist hier wirklich eine schöne neue Bühne entstanden.

Der Zug lässt immer noch auf sich warten. Das gibt mir die Möglichkeit, eine kleine Anekdote loszuwerden, die ich meinen privaten Besuchern gerne erzähle. Nach Abschluss des Bahnhofsbaus klagte der Architekt Meinhard von Gerkan gegen die Deutsche Bahn, weil ihre Ingenieure an der Deckenkonstruktion des Untergeschosses eine von ihm nicht genehmigte Veränderung vorgenommen hatten. Er gewann den Prozess und bekam acht Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Meine polnischen Gäste finden das unerhört spannend und fangen plötzlich an, Deutschland zu lieben. »Wie bitte? Ein Einzelmensch gewinnt einen Prozess gegen den Staat? In Polen würde der Kerl einen Tritt in den Hintern bekommen.«

So, jetzt wird die Warterei allmählich nervig. Ich trete an den Fahrplan und gucke mir die nächsten Züge an. Um 9.35 Uhr wird der Eurocity »Wawel« nach Krakau abfahren. Mit ebendiesem Zug gelangte ich 1993 zum ersten Mal nach Polen. Zwei Wochen lang verbrachte ich in der mittelalterlichen Stadt mit der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität und dem mächtigen Wawel-Burgberg. Dort in Krakau steht meine polnische Wiege, dort habe ich später auch ein ganzes Jahr lang gewohnt. Seitdem ist Krakau kometengleich in die touristische Weltklasse aufgestiegen. Bei einer Abstimmung des Touristenportals Zoover, an der 85 000 Internet-User teilnahmen, landete die Stadt 2011 auf Platz zwei in Europa, direkt hinter Berlin, aber noch vor Barcelona und Rom. In den Kategorien »Atmosphäre« und »Nachtleben« belegte sie sogar Platz eins.

Doch die Fahrt dorthin ist von Berlin aus kein Zuckerschlecken. Die Gleise sind auf dieser Strecke so alt, dass sich der Eurocity im Schneckentempo voranquälen muss. Wer noch nicht wusste, wie groß Oberschlesien ist, wird es auf dieser Reise erfahren. Sie dauert – bei 600 Kilometer Entfernung – ganze zehn Stunden, dazu kommen noch häufige Verspätungen. Dabei geht es unterwegs durch dichte, düstere Wälder, wo jeglicher Handyempfang erstirbt. Die Warschauer Strecke ist fast genauso lang, kostet aber nur sechs Stündlein und führt dabei ganz überwiegend durch lichte Ebenen, und zwar auf einem drei Meter über der Erde schwebenden Bahndamm, sodass die Aussicht hervorragend ist und auch das billigste Handynetz noch perfekten Empfang hat. Nein, wirklich – jedem, der nach Krakau will, kann ich nur freundschaftlich raten, den Zug nach Warschau zu nehmen und dort in den Intercity nach Krakau umzusteigen. Man wird dann immer noch zwei bis vier Stunden eher vor Ort sein als mit dem wälderdüsteren »Wawel«-Express.

 

Die Befreiung Wiens

Und nun ist es so weit. Der Eurocity fährt ein. Da der Berliner Hauptbahnhof, wie schon gesagt, in einer langgestreckten Kurve liegt, biegen sich die Waggons konvex zum Bahnsteig hin, so als würde der Zug mit der Hüfte kreisen. Vorneweg rollt eine hypermoderne blaue Lokomotive, die man in Deutschland nur selten sehen kann.

Doch das ist kein Grund zur Besorgnis! Es handelt sich um eine von der Firma Siemens gebaute Mehrsystemlok vom Bautyp ES64U4. Die polnischen Staatsbahnen PKP (Polskie Koleje Państwowe) führen sie als Baureihe EU 44 und haben Siemens pro Stück 4,5 Millionen Euro gezahlt. Wegen ihrer silbernen, helmartig abgerundeten Front, bei der die Windschutzscheibe wie ein heruntergeklapptes Visier wirkt, hat die Lok von den polnischen Eisenbahnern den Spitznamen »Husarz« (Husar) bekommen. Das ist eine Anspielung auf die schwer gepanzerten Reiter des Königs Jan Sobieski, die 1683 die türkischen Belagerer Wiens hinwegfegten. Charakteristisch für die Husarenrüstung waren die hoch über den Kopf ragenden Rückenflügel, die beim Angriff bedrohlich klirrten. Die Husarenlok existiert auch in einer Version für die Österreichischen Staatsbahnen, heißt dort allerdings »Taurus«, vielleicht, weil man in Österreich die Anspielung auf 1683 nicht mitmachen will. »Jan Sobieski? Wer war Jan Sobieski? Wien wurde doch von unserem Prinz Eugen befreit!« (Haha! Jeder Pole weiß, dass Prinz Eugen 1683 ein gerade mal zwanzigjähriger Oberstleutnant war! Ohne König Sobieski und seine Husaren wäre Wien heute die Hauptstadt der Türkei!)

Die sechs Waggons hinter der Lok sind weiß und erinnern stark an deutsche Intercity-Waggons. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sie von einem blauen statt einem roten Seitenstreifen gesäumt werden. In diesen Streifen eingelassen steht der Name des Zuges: »Berlin-Warszawa-Express«.

Eine Bemerkung zu den Eigentumsverhältnissen: Außer der Lok gehören auch die vier Waggons der zweiten Klasse den Polnischen Staatsbahnen. Der für mich persönlich wichtigste Waggon, der Speisewagen WARS, befindet sich zwischen der ersten und zweiten Klasse und gehört der Deutschen Bahn, wird allerdings von der polnischen PKP bewirtschaftet. Hinter dem Speisewagen kommt dann noch ein Erste-Klasse-Waggon. Er gehört ebenfalls der Deutschen Bahn. Also lautet die Waggonformel: erste Klasse Deutschland, zweite Klasse Polen. Ein Schelm, wer daraus irgendwelche Schlussfolgerungen ableitet.

Rein technisch gesehen ist die Waggonmischung der Anlass für immer neue Rangeleien zwischen den beiden Bahngesellschaften. Muss das deutsche Bahnbetriebswerk Rummelsburg auch einen polnischen Waggon reparieren? Wer ist schuld, wenn im ganzen Zug die Air-Condition versagt, Berlin oder Warschau? An manchen Tagen rächen sich die Technikerteams an der jeweiligen Gegenseite, indem sie einen defekten Waggon kurzerhand abhängen oder verplomben, statt ihn gutmütig zu reparieren. Ja, dieser Zug ist ein perfektes Abbild der großen Politik, ein fahrendes Symbol der Völkerverständigung.

 

Abschied vom Amtsdeutsch

Ich steige ein und marschiere in den Zweite-Klasse-Waggon, in dem sich laut Platzkarte mein Abteil befindet. Es ist glücklicherweise leer. Ich freue mich auf drei Stunden Schlaf. Die grünlich-türkisfarbenen Polstersitze wirken einladend sauber und weich.

Seltsamerweise geht die Fahrt aber noch nicht los. Ich trete wieder hinaus auf den Gang, um durchs Fenster auf den Bahnsteig zu lugen. Das Fenster lässt sich leider nicht öffnen. Im gesamten Zug können nur im Speisewagen zwei Fensterchen heruntergeschoben werden. Plötzlich ist eine Durchsage der Schaffnerin zu hören: Die Abfahrt verzögere sich leider noch um einige Minuten, da auf Anschlussreisende gewartet werden müsse.

Um noch einmal frische Luft zu schöpfen, gehe ich zur offenen Waggontür und spähe unter die Glaskuppel des Bahnhofs. An der riesigen Querfront der Halle hängt eine Dauerreklame der »Berliner Morgenpost«. Der Werbespruch lautet: »Hier ist die Hauptstadt. Wir sind die Zeitung«. Diese Reklame ist ein frommer Wunsch und sollte lauten: »Wir wären gerne die Zeitung.« In Wahrheit liest der Berliner die »Berliner Zeitung«, den »Tagesspiegel « oder die »B.Z.«. In Polen ist dem Axel-Springer-Verlag mehr Glück beschieden. Seine Tageszeitung »Fakt« beherrscht den Markt.

Ich sehe zwei Tauben nach, die über einem einfahrenden Regionalexpress entlangschweben, längst abgehärtet gegen das nervtötende Quietschen der Bremsen.

Plötzlich werde ich angeschnauzt. »Können Sie mal bitte den Eingangsbereich frei machen?« Eine junge Mutter, die ein puterrotes Kleinkind hinter sich her zieht, springt hektisch in meinen Waggon hinein, als wäre ihr der Exmann auf den Fersen. Offensichtlich gehört sie zu den verspäteten Anschlussreisenden, die eben angekündigt wurden. Sie hat sich die blonden Haare im Knoten zusammengesteckt, trägt einen beigen Cordanzug und darunter eine rote Kapuzenjacke. Ihr Töchterchen hat eine Miniaturausgabe der roten Kapuzenjacke an. An ihrem blauen Rucksäckchen baumelt eine Plüschrobbe.

Wie deutsch von der Mutter, dass sie das bürokratische Wort »Eingangsbereich« benutzt hat! Ich interpretiere das zunächst als perfiden Trick: Wer mit Rechtsanwaltsbegriffen um sich wirft, will den Leuten Angst einjagen. Doch, gerührt durch die Plüschrobbe am Rucksack der Tochter, denke ich: Die gehetzte Mutter hat es gar nicht so böse gemeint. Sie übernimmt einfach die vorgegebenen Stanzformen der Deutschen Bahn. Wer hundertmal »Eingangsbereich« statt Tür oder »Zugbegleiter« statt Schaffner gehört hat, sagt es am Ende selbst.

In Polen weht in dieser Hinsicht glücklicherweise ein anderer, freierer Wind. Die Alltagssprache wird viel weniger von technokratischen oder bürokratischen Wörtern verschandelt. Der Schaffner zum Beispiel ist immer noch der »Konduktor«. Daran konnte noch keine Bahndirektion etwas ändern.

Die hektische Frau mit ihrer völlig ausgepowerten Tochter quetscht sich hinter mir in ein Abteil hinein, aber noch immer geht die Fahrt nicht los. An der Tür des Nachbarwaggons verabschiedet sich eine zierliche Polin von ihrem ältlichen deutschen Freund. Sie lehnt sich hinaus und küsst ihn auf die Stirn, er setzt den Fuß auf die Stufe des Waggons, legt beide Arme um ihre Taille und sieht unglücklich zu ihr auf. Sie sagt mit starkem Akzent: »Ich hab dich lieb, Mensch, pass auf dich auf.« Er reißt sich theatralisch los, geht zur Treppe, dreht sich noch einmal um, ruft irgendwie verzweifelt und viel zu laut: »Komm mich mal besuchen, komm mal nach Berlin, komm mal.« Sie guckt pikiert weg. Kein polnischer Mann würde so gefühlsbehindert in der Öffentlichkeit herumschreien.

Und nun endlich ruckt der Zug an. Die Fahrt beginnt.

 

Ausstieg in Fahrtrichtung links

Aber noch gehe ich nicht ins Abteil zurück. Am Gangfenster stehend, verfolge ich die spektakuläre Reise durch die innersten Bezirke der Hauptstadt. Der Zug schiebt sich auf den Spreeviadukt hinaus. Langsam beschreibt er einen Viertelkreis und taucht alsbald in die intime Welt großer Wohnhäuser ein, sodass man in Arztpraxen und Büros hineinschauen kann. Einmal tut sich zwischen den Riesengebäuden eine Lücke auf; man sieht noch einmal das Kanzleramt, schon grünlich-moosig abgewittert, wie eine viereckige Sphinx, die dem Reichstag gegenüber lagert. Im Jahr unserer Reise residiert hier noch Angela Merkel, doch sind die Beliebtheitswerte ihres Kabinetts derartig abgebröckelt, dass sie an diesem schönen Morgen vermutlich gerne mit nach Polen fahren würde.

Der Zug überquert langsam den Viadukt über der Museumsinsel. Und nun macht die Schaffnerin ihre nächste Ansage: »Guten Morgen, meine Damen und Herren. Wir begrüßen Sie im Eurocity nach Warszawa Wschodnia. In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Berlin Ostbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Ladies and Gentlemen, next stop: Berlin Eaststation.«

Diese Ankündigung macht vermutlich kaum jemanden wirklich nervös. Wer wird denn schon gleich am Ostbahnhof wieder aussteigen? Und wer ist, bitteschön, so blöd, dass er bei der Einfahrt in den Bahnhof nicht mitbekommt, auf welcher Seite sich der Bahnsteig befindet? Unzählige Male habe ich schon darüber gegrübelt, welches Motiv sich hinter dieser Durchsage verbirgt. Vielleicht erhalte ich auf der heutigen Fahrt endlich einen Fingerzeig?

Zunächst einmal möchte ich aber die verbleibenden »wenigen Minuten« dazu nutzen, drei konkrete Fragen zu beantworten, die mir von potenziellen deutschen Auswanderern immer wieder gestellt werden. Wer mit meinen Antworten unzufrieden ist, kann am Ostbahnhof brutal die Reißleine ziehen und sich aus dieser ganzen Polennummer verabschieden – auch auf die Gefahr hin, dass ich ihn als Feigling beschimpfen werde. Lieber Feigling als Romantiker.

Die erste konkrete Frage lautet: Wo liegt Polen eigentlich?

Ich bin weit davon entfernt, über Leute zu lächeln, die mir diese Frage stellen, denn ich habe es selbst nicht gewusst. Als ich vor vielen Jahren am Schwarzen Brett der Berliner FU-Mensa ein Plakat entdeckte, das einen Polnischkurs in Krakau ankündigte, war meine erste Assoziation: An den Ural wolltest du immer schon mal!

Erst vor Ort erfuhr ich dann: Der Ural liegt von Krakau noch etwa 3000 Kilometer entfernt. Polen ist nämlich eins von neun deutschen Nachbarländern. Es hat über 38 Millionen Einwohner und ist mit 312 000 Quadratkilometern flächenmäßig um 14 Prozent kleiner als Deutschland. Damit ist es das siebtgrößte Land Europas.

Sieben ist auch die Zahl der polnischen Nachbarländer. Im Nordosten liegen Litauen und Russland, genauer gesagt: die kleine russische Exklave Kaliningrad; im Osten Weißrussland und die Ukraine; im Süden Tschechien und die Slowakei. Die längste Grenze hat Polen überraschenderweise mit Tschechien (800 km), da sie sich durch das Sudetengebirge hoch und runter zieht. Im Westen grenzt Polen an Deutschland, und zwar auf

Einer Länge von etwa 470 Kilometern. Damit ist die deutschpolnische Grenze länger als die deutsch-französische Grenze (446 km).

Die zweite Auswandererfrage lautet meistens: Ist das Leben in Polen billiger als in Deutschland? Meine Antwort: Ja, ist es, aber nicht so sehr, wie man glauben würde. Das zeigt die folgende Preistabelle. Ich habe die polnischen Preise bereits in Euro umgerechnet. Die polnische Währung »Sloti« wird übrigens im Original »Złoty« geschrieben. Man spricht das ungefähr »Swote« aus. Seit einigen Jahren gilt zwischen Złoty und Euro ein Wechselkurs von 4:1, in Zeiten der Eurokrise tendiert er allerdings in Richtung 5:1

Preisvergleich Sommer 2011

1 l Benzin: Deutschland € 1,62 Polen € 1,37

1 l Diesel: Deutschland € 1,42 Polen € 1,28

1 Packung Marlboro: Deutschland € 4,90 Polen € 2,95

1 l Cola: Deutschland € 0,99 Polen € 0,99

1 Hamburger bei McDonald‘s: Deutschland € 1,00 Polen € 1,00

1 kg Weißbrot: Deutschland € 3,60 Polen € 1,00

1 l Milch: Deutschland € 0,60 Polen € 0,60

1 kg Zucker: Deutschland € 1,00 Polen € 0,86

250 g Butter: Deutschland € 1,15 Polen € 1,10

1 Ei: Deutschland € 0,23 Polen € 0,11

1 Brief Porto: Deutschland € 0,55 Polen € 0,39

Tageskarte öffentlicher Nahverkehr: Berlin (BVG) € 6,30 Warschau € 2,25

Flasche Wodka 0,7 L: Deutschland € 5,00 Polen € 7,50

 

Fazit: Lebensmittel sind in Polen etwas billiger als in Deutschland, ebenso Benzin und Dienstleistungen. Alkohol und Drogeriewaren sind hingegen in Deutschland günstiger. Alles in allem liegen die polnischen Preise etwa auf 80 Prozent des deutschen Niveaus.

 

Und damit zur dritten Frage: Wie hoch sind die Steuern in Polen? Das polnische Steuersystem ist angenehm einfach. Unternehmer können sich für eine 19-prozentige Pauschalsteuer entscheiden. Außerdem gibt es in Polen keine Gewerbesteuer. Diejenigen, die sich mit ihrer Gemeindeverwaltung gutstellen, bekommen fünf Jahre lang Steuererleichterungen bei der Immobiliensteuer, in einigen Gemeinden sogar zehn Jahre lang. Alles hängt von der Anzahl der Mitarbeiter und dem Stand der Arbeitslosigkeit in der jeweiligen Region ab.

Die Einkommensteuer für Privatpersonen hat nur zwei Steuersätze. Wer pro Jahr weniger als 85 528 Złoty brutto verdient (ca. 21 000 Euro), zahlt 18 Prozent Steuern. Wer über dieser Schwelle liegt, zahlt 32 Prozent Steuern, aber zu dieser Gruppe zählen nur knapp zwei Prozent der polnischen Bevölkerung. Praktisch ganz Polen zahlt pro Jahr also 18 Prozent Steuern.

Zum Vergleich: In Deutschland gelten progressive, also stufenweise anwachsende Steuersätze. Besserverdienende müssen mühelos bis zu 30 Prozent, Spitzenverdiener sogar 48 Prozent ihres Einkommens abgeben.

Zum Schluss noch eine besonders erfreuliche Nachricht. Die Zinsen für Sparguthaben liegen in Polen zwischen vier und acht Prozent pro Jahr. In Deutschland bekommt man kaum zwei Prozent.

Schluss mit Monaco, auf nach Polen!

Wer dennoch enttäuscht ist, kann jetzt aussteigen beziehungsweise das Buch zuklappen. In diesem Moment läuft nämlich die letzte Bedenkfrist ab. Der Zug rollt in den ersten Bahnhof ein.

 

Die Leseprobe hat Ihnen gefallen?

Das neue Buch von Steffen Möller – »Expedition zu den Polen – Meine Reise mit dem Berlin-Warszawa-Express « – finden Sie überall im Buchhandel.

 

Mehr Informationen zu Steffen Möller und weiteren Büchern aus dem Piper Verlag unter

www.piper-verlag.de.

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