Die besten Thriller 2019
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Die besten Thriller 2019

Gänsehaut garantiert

Thriller-Fans sind süchtig nach dem Kick des Cliffhängers, dem Nervenkitzel auf jeder neuen Seite, der atemlosen Spannung beim Showdown. Nachschub gibt es auch 2019 wieder mit vielen guten Thrillern: An dem spannenden Debüt des schwedischen Autors Natt och Dag »1793« fürht kein Weg vorbei. Mit Megan Goldin »The Wrong Girl« erscheint im Februar ein Psychothriller, der wie ein Kanonenschlag daher kommt. 

Gänsehaut bleibt also auch 2019 garantiert!

Fünf plus drei. Signierte Buchausgabe

Kriminalroman

Signierte Buchausgabe vom Meister des Schwedenkrimis  - exklusiv und in limierter Auflage. Das besondere Geschenk für alle Arne Dahl-Fans. Sam Berger ist auf der Flucht. Nach einem Mord, den er nicht begangen hat, versteckt sich der ehemalige Polizist auf einer Insel im Stockholmer Schärengarten. Doch dann braucht der Schwedische Geheimdienst seine Hilfe: Der unter dem Tarnnamen Carsten operierende Ex-Geheimdienstler hält die siebzehnjährige Aisha in seiner Gewalt – und Sam Berger ist der Einzige, der sie finden kann. Wird es Berger gelingen, das Mädchen zu retten? Überlebt Molly Blom, Bergers letzte Vertraute, die nach einer Geiselnahme im Koma liegt? Als Carsten zuschlägt, sind nicht nur Berger und Blom in Gefahr. Der Spion unterhält beste Kontakte zum IS und verfolgt einen perfiden Plan: Er will, dass Berger das Mädchen findet. Sie ist der Schlüssel zu einem terroristischen Verbrechen, das ganz Schweden bedroht …
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Montag, 30. November, 8:10

Der Hausflur lag im Dunkeln. Trotzdem konnte Berger ein geflügeltes Insekt ausmachen, das langsam an der Decke entlangkrabbelte. Er folgte ihm eine Weile mit dem Blick. Erst als er nicht mehr hinsah, wurde ihm bewusst, dass es eine Biene gewesen war.

Obwohl das einzige Licht in dem Flur kaum als Beleuchtung bezeichnet werden konnte, war das Tier ganz deutlich durch den Türspion zu erkennen. Er stand mit dem anderen Mann neben der verschlossenen Tür, sie drückten sich rechts und links davon an die kühle Betonwand. Beide mit erhobenen Schusswaffen. In dem schalen Licht fixierte der ältere Mann Berger, dann nickte er energisch. Ohne die Waffe zu senken, zog Berger einen Gegenstand aus der Tasche, der wie eine Lupe aussah. Er hob ihn an den Spion und spähte hinein.

Die Perspektive war verzerrt, dennoch zeichnete sich das Innere der Wohnung klar ab. Ein Flur öffnete sich zu den Umrissen eines Wohnzimmers. Im ersten Morgengrauen schienen riesige Adler auf die großen Fenster zuzusegeln. Wie in Zeitlupe näherten sie sich, schwarze Silhouetten, die für einen Moment im Aufwind direkt vor den Fenstern zu schweben schienen. Dann nahmen die Adler menschliche Konturen an und standen reglos da, fest mit den Füßen am Boden. Einer von ihnen hob die Hände und zeigte zehn Finger, dann neun, dann acht. Berger steckte das Gerät, das wie eine Lupe aussah, in die Tasche zurück und holte den Dietrich hervor. So leise wie möglich schob er ihn ins Schloss. Trotzdem klirrte das Werkzeug beunruhigend, als er damit nach unsichtbaren Zacken und Haken tastete. Sechs, fünf, vier. Er traf nicht auf Widerstand, zum ersten Mal seit Jahren bekam der Dietrich nichts zu fassen. Drei, zwei. Jetzt hatte Berger Erfolg, er hörte das Klicken, als der Dietrich einrastete. Mit erhobener Waffe stieß Berger die Wohnungstür auf. Genau im selben Moment traten die zwei Schwarzgekleideten die Balkontür auf, ihre kleinen MPs im Anschlag. Lautlos verschwanden sie nach links. Berger schlich sich nach rechts.

Nun sah er das gesamte Wohnzimmer: ein Kachelofen mit offenem Kamin, ein Sofa, ein Lesesessel, ein Servierwagen. Auf dem Tischchen neben dem Sessel ein dickes Buch. Berger ging darauf zu, ohne die Pistole zu senken. Eine Brille lag auf dem Buch, eine Brille mit absurd dicken Gläsern. Außerdem erkannte Berger, dass es sich um eine Originalausgabe von Shakespeares Gesammelten Werken handelte.

Er fasste nichts an, hob stattdessen den Blick. An den Wänden hing nur ein einziges Bild, eine Landschaftsfotografie. Der magische Schein des Sonnenuntergangs verzauberte einen Hügel mit Pinien und Zypressen, einige weiße Häuser, ein paar Esel mit gesenkten Köpfen, eine Reihe von Bienenstöcken, die auf Terrassen den Hang hinauf standen, und ein Feld mit buttergelben Blumen, das bis zum funkelnden Meer hinunterreichte. In der Ferne erhob sich ein großer Felsen aus dem Wasser. Gibraltar, dachte Berger.

Er wandte sich wieder dem Buch zu, ging in die Hocke, musterte eingehend die Brille, sah ein Lesezeichen zwischen den dünnen Seiten hervorragen, rührte jedoch weiterhin nichts an.

»Hier«, rief eine gedämpfte Stimme.

Berger richtete sich auf und drehte sich um. Der ältere Mann stand draußen im Wohnungsflur und beobachtete ihn. Sein kurz geschorenes Haar erinnerte an Eisenspäne auf einem Magneten. Sein Name war August Steen, und er war der Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

Berger und Steen folgten der Stimme und durchquerten dabei eine Küche. Aus dem hintersten Raum drangen Gesprächsfetzen. Berger ging hinein.

Die Schwarzgekleideten hatten sich die MPs über die Schultern gehängt. Mit einer gewissen Skepsis musterte Berger die beiden externen Ressourcen von August Steen.

»Wohnung gesichert«, erklärte Roy Grahn.

»Aber hier hat sie gesessen«, ergänzte Kent Döös und deutete auf die offensichtlich schallisolierten Wände des fensterlosen Zimmers.

Berger sah sich um. Ein vollkommen anonymer Raum und das genaue Gegenteil des gemütlichen Wohnzimmers. Dass keinerlei Spuren von Ketten, Lederbändern oder Infusionsständern zu sehen waren, hieß nicht, dass es sie nicht gegeben hatte, und auch nicht, dass kein Betäubungsmittel zum Einsatz gekommen waren. Doch im Moment klaffte hier nur eine schweigende Leere.

Dafür verriet das Schlafzimmer umso mehr.

Berger sank neben den zerwühlten Bettlaken auf die Knie. Er legte den Kopf schief, betrachtete das Kissen und konnte in der zunehmenden Morgendämmerung mindestens drei lange schwarze Haare entdecken.

»Unser Freund ist nicht gerade darum bemüht, seine Spuren zu verwischen«, sagte er.

»Warum sollte er auch?«, erwiderte August Steen. »Das Einzige, was er geheim halten muss, ist der Ort, an den er sie gebracht hat.«

Plötzlich hörte Berger ein leises Summen. Er blickte zur Decke. Eine Biene flog quer durch das Schlafzimmer. Dieselbe Biene? Berger folgte ihr durch die Küche ins Wohnzimmer. Vor dem Sessel blieb er stehen und streifte die Handschuhe über. Er schob die dicke Brille zur Seite, schlug die Seiten des Buches dort auf, wo das Lesezeichen steckte, und las.

Hamlet. Dritter Akt. Das Lesezeichen zeigte auf eines der bekanntesten Zitate der Weltliteratur.

To be, or not to be …

Berger ging zu dem Foto an der Wand und betrachtete es noch eingehender. Sah das Meer, den Felsen, die Blumen. Sah die Bienenstöcke, die sich den Hang hinaufzogen.

Sah die Bienenstöcke.

Die Biene summte erneut. Aber sie war lauter geworden. Berger blickte zur Zimmerdecke, jetzt saßen zwei oben in der Ecke.

Lebten Bienen Ende November noch? In Schweden?

To bee, or not to bee …

»Er züchtet Bienen«, sagte Berger laut.

Kent und Roy beäugten ihn skeptisch, Steen sah ihn lediglich neutral an.

»Was?«, fragte Roy schließlich. »Hier drinnen?«

»Wohl kaum«, antwortete Berger.

»Ist das nicht ein Trend?«, fragte Kent. »Bienenstöcke auf Hausdächern?«

»Was für ein Quatsch«, schnaubte Roy.

Steen runzelte die Stirn. »Es gibt drei Wege hinauf aufs Dach. Das Treppenhaus, eine Feuertreppe und die Balkone. Grahn, können Sie noch zwei Stockwerke weiter hinaufklettern?«

Roy warf einen Blick zum Balkon, auf den zwei Seile herabhingen. Er nickte.

Steen fuhr fort: »Döös die Feuertreppe. Berger das Treppenhaus. Ich suche eine Überblicksposition. Vorherige Abstimmung. Teilt euer Eintreffen mit. Wartet meine Anweisungen ab. Und: Beeilt euch.«

Roy lief auf den Balkon, Berger und Kent stürzten durch die Wohnungstür hinaus. Berger schaltete das Licht an und ging den Flur entlang. Als er das Treppenhaus betrat, sah er eine Biene an der Wand entlangkrabbeln.

Es gab zwei Alternativen. Entweder waren die Bienen Ausreißer, oder sie waren eine Geschmacksprobe, ein Hinweis. Wenn sie Ausreißer waren, konnte der Täter ganz ahnungslos mit seinem Entführungsopfer dort oben sitzen. Wahrscheinlicher war allerdings, dass er die Polizisten aus einem bestimmten Grund aufs Dach hinauflocken wollte.

Dennoch mussten sie dort hoch, es führte kein Weg daran vorbei. Und es gab auch keine andere Spezialtruppe, die man hätte hinzuziehen können, in diesem Fall herrschte absolute Geheimhaltung. Berger wusste nicht einmal, inwieweit Kent und Roy eigentlich eingeweiht waren. Er beobachtete einen Moment lang, wie die Bienen scheinbar ziellos über die Wand wanderten. Dann begab er sich nach oben.

Das schmuddelige, von Neonröhren erleuchtete Treppenhaus führte zu einer robusten Stahltür mit einem Knauf. Berger nahm sein Walkie-Talkie zur Hand und meldete seine Ankunft. Es knisterte, und Roys Stimme erklang.

»Auf Position.«

Neuerliches Knistern, dann meldete sich August Steen.

»Überblick von der benachbarten Immobilie. Es gibt tatsächlich ein kleines, niedriges Häuschen auf dem Dach, nordöstliche Ecke. Grahn, du bist vielleicht fünf Meter entfernt. Die Tür liegt aber in Ihrer Richtung, Berger, von Ihnen aus sind es zwanzig Meter. Döös befindet sich zehn Meter entfernt auf der Feuertreppe auf der gegenüberliegenden Seite.«

»Verstanden«, sagte Roy. »Kent?«

»Zugestellte Feuertreppe«, keuchte Kent. »Brauche noch ein paar Minuten. Melde mich.«

Stille breitete sich aus.

Die Neonröhren im Treppenhaus erloschen, und die Dunkelheit umfing Berger. In der Stille ertönte ein Summen, in der Dunkelheit leuchtete ein roter Lichtschalter. Berger streckte sich danach. Das Licht ging blinkend wieder an. Die Biene summte weiter, blieb jedoch unsichtbar.

Jetzt hieß es warten.

Unerträgliches Warten.

Aus Bergers Erinnerung trat ein dunkles Motelzimmer hervor, in das lediglich die Lichter der dröhnenden Autobahn hereinsickerten. Berger schlüpfte mit seiner traurigen Plastiktüte in der Hand hinein, gefüllt mit Tankstellensandwiches und Trinkjoghurts, und wollte sich gerade in dem Sessel niederlassen, als er bemerkte, dass dort schon jemand saß. Sein Herz schlug bis zum Hals, und August Steen sagte: »Das nennen Sie untertauchen?«

Die Sekunden verstrichen. Berger fuhr mit der Hand über seine Brust: Die Konturen der schusssicheren Weste waren ihm so vertraut wie die seiner eigenen Rippen.

Erneut drängte sich das Motelzimmer vor seinem inneren Auge auf. Mittlerweile saß Berger auf dem Bett und atmete schwer, sein Blick fixierte Steen in dem Sessel.

»Wir glauben, dass wir den Ort lokalisiert haben, wo sich Carsten mit Aisha befindet«, sagte Steen. »Halten Sie sich morgen früh bereit.«

Berger schüttelte langsam den Kopf und sah sich in dem deprimierenden Motelzimmer um.

»Was um Himmels willen mache ich hier?«, fragte er.

»Sie sind Schwedens meistgesuchter Mann«, antwortete Steen. »Aber Sie halten sich versteckt.«

»Und Sie sind einer der hochrangigsten Säpo-Chefs«, sagte Berger. »Ich bin nicht bei der Säpo, das war ich auch nie. Warum sollten Sie mir helfen?«

»Wir helfen uns gegenseitig«, entgegnete Steen.

Die Biene summte weiter durch das Treppenhaus, konnte die nächtliche Szene jedoch nicht vertreiben.

Berger starrte weiter in die Dunkelheit und auf August Steen, der sich am Ende genötigt sah fortzufahren: »Sie gehören jetzt zu meinem Team, Sam. Sobald wir mehr darüber wissen, was hier gerade vor sich geht, werde ich Sie dringend brauchen. Bis dahin muss ich Sie um Geduld bitten. Ein Safehouse wird für Sie vorbereitet, aber morgen müssen Sie unbedingt auf der Matte stehen.«

»Was zum Teufel passiert hier gerade? Irgendein Terroranschlag?«

»Der schlimmste Terroranschlag aller Zeiten …«

»Schon klar«, fiel Berger ihm ins Wort. »Der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens. Aber ich weiß verdammt noch mal nichts darüber. Und ich kann diese dämliche Geheimniskrämerei der Säpo nicht ertragen.«

Steen seufzte laut und lehnte sich in dem mottenzerfressenen Sessel zurück.

»Carsten war mehrere Jahre mein engster Vertrauter, eine der wichtigsten Stützen der Säpo. Dann wurde er als Spitzel enttarnt, als jener Landesverräter in der Organisation, nach dem ich schon eine Weile gesucht hatte. Er hat Aisha Pachachi aus demselben Grund entführt, aus dem er auch Ihre Kollegin und Freundin Katharina Andersson, also Cutter, ermordet hat. Um aus ihnen herauszupressen, wo sich mein wichtigstes Ass – nämlich Aishas Vater, Ali Pachachi, der Mann mit dem Netzwerk – aufhält. Kurz gesagt: Er hat Aisha entführt, um Ali mundtot zu machen.«

Als Berger dort in dem tristen Motelzimmer auf dem Bett saß, spürte er widerwillig, wie sein Polizisteninstinkt erneut zum Leben erweckt wurde.

»Weil Ali gerade herausfindet, wann und wie der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens stattfinden soll?«, fragte er.

»Ja.« Steen nickte. »Meiner Einschätzung nach will eine internationale Terrororganisation Ali zum Schweigen bringen und hat deshalb Carsten gekauft. Vermutlich handelt es sich dabei um den IS, den sogenannten Islamischen Staat, aber das ist noch nicht sicher.«

Berger sah sich noch einmal in dem deprimierenden Motelzimmer um, aber es gab nichts, worauf er seinen Blick heften konnte. Nichts als den ausweichend antwortenden Chef der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Säpo.

»Also hat mir Carsten diesen ganzen Mist eingebrockt?«, fragte Berger. »Er hat mich zum meistgesuchten Mann gemacht? ›Fahndung nach Ex-Polizist wegen Mordes an Tatverdächtiger‹. Der mit meiner alten Dienstwaffe eine Mörderin erschossen hat. Warum zur Hölle?«

Steen schüttelte den Kopf.

»Das ist noch nicht geklärt«, sagte er. »Aber er hat irgendeine emotionale Bindung zu Molly Blom entwickelt. Wie Sie sich sicher erinnern, hat er dort oben im Inland observiert. Seine Berichte hatten einen komischen Unterton, das ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, als ich sie am Stück las. Er nannte Sie ›den Mann und die Frau‹, wenn auch mit Symbolen.«

»Symbolen?«

»Solchen hier«, antwortete August Steen, zog einen Stift hervor und malte zwei Zeichen auf die Rückseite einer Tageszeitung.

Berger sah zwei Symbole – ♂ und ♀ – und zog die Augenbrauen hoch. Steen fuhr fort und zeigte mit dem Finger auf die Bilder.

»♂ waren Sie, und ♀ war Molly.«

»Molly, die im Koma liegt und mein Kind in sich trägt«, erwiderte Berger finster und schüttelte den Kopf.

Steen stemmte sich aus dem schäbigen Sessel hoch und legte die Hand auf Bergers Knie. Das kam ein wenig unerwartet.

»Wir haben einen großen Vorteil gegenüber Carsten«, sagte er mit einer Stimme, wie sie Berger noch nie bei ihm gehört hatte. »Er ist zweifellos ein sehr gefährlicher Mensch – wir dürfen ihn wohl als einen erfahrenen Berufskiller bezeichnen –, aber er ist kurz davor zu erblinden. Er ist an der unheilbaren Augenkrankheit RP erkrankt, Retinitis pigmentosa. Morgen früh haben wir die beste Chance, ihn zu erwischen. Und dabei brauche ich Sie, Sam.«

Dabei brauche ich Sie, Sam, hallte es in Bergers Kopf nach, in diesem nichtssagenden Hochhaustreppenhaus, vor dieser nichtssagenden Tür, während das Warten ihm immer unendlicher vorkam. Gewaltsam kehrte er in die Gegenwart zurück und betrachtete seine entsicherte Waffe. Sie zitterte in einem merkwürdigen, regelmäßigen Takt, der vermutlich dem seines Herzschlags entsprach.

Seine einzige Hoffnung bestand darin, dass Carsten allmählich erblindete.

Das Summen einer unsichtbaren Biene war weiterhin das einzige Geräusch, das Berger hörte. Lang und monoton.

Plötzlich knisterte das Walkie-Talkie.

»Auf Position«, sagte Kents Stimme.

»Na dann«, entgegnete Steen. »Drei. Zwei. Eins.«

Berger schob die Tür auf und blickte hinaus. Die erste Morgendämmerung verbreitete ihren vagen Schein über das Hausdach. Zwanzig Meter weiter rechts lag das kleine Haus wie ein Betonklumpen. Schräg vor sich sah Berger Kent die Feuertreppe emporklimmen und auf das Haus zustürzen. Im selben Moment zog sich Roy an einem der Seile hoch und rollte über die kleine Mauer am Rand des Dachs.

Jetzt rannte Berger los. Dabei fühlte er sich eigentümlich abwesend, er betrachtete alles aus der Distanz, verzerrt, und wartete nur auf die Schüsse.

Roy kam als Erster an, Kent kurz darauf. Dann spurtete auch Berger auf die Hütte zu und sah aus der Entfernung, wie Roy den Fuß hob, die Tür eintrat und verschwand. Auch Kent war da, er zögerte kurz, ehe er ebenfalls in das Häuschen abtauchte.

Berger hatte es fast erreicht, da verspürte er einen starken Schmerz am Hals, als hätte jemand eine lautlose Waffe auf ihn abgefeuert. Reflexartig fasste er sich an den Nacken, und nun schmerzte auch seine Hand. In dem Moment stolperte Kent seltsam gebeugt aus dem Häuschen. Er schlug um sich, wobei die Dienstwaffe wie in Zeitlupe in hohem Bogen davonflog. Kent sackte auf die Knie, warf sich zu Boden und wälzte sich herum. Das Summen wurde immer lauter. Berger quälte nun ein stechender Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitete und bis in die Glieder brannte.

Eine weitere Gestalt kam aus dem Haus. Sie sah aus wie ein Bär, ein Bär im aufrechten Gang. Die Gestalt hob ihre Arme wie zum Gebet, doch da waren keine Hände, da waren Pfoten, Tatzen, die mit dickem, flauschigem Fell überzogen waren. Der restliche Körper wirkte ebenfalls bullig, geradezu wollig, doch aus der bärengleichen Gestalt ragte ein kreidebleiches Gesicht hervor, ein Schädel mit starrem Blick und einem weit geöffneten, aber stummen Mund. Und das Summen wurde immer lauter. Da verstand Berger endlich, was er sah.

Dies war Roys Gesicht. Nur war sein ganzer Körper von Bienen bedeckt. Roy taumelte mit eigentümlichen, schweren Schritten wie bei einer Mondlandung an der Befestigung des Seils vorbei zur Dachkante. Dort kletterte er auf die kleine Mauer, hinter der sich der Abgrund auftat.

Berger hörte sich selbst rufen, doch es war die Stimme eines anderen: »Bleib stehen, bleib stehen, verdammt!«

Stattdessen wankte Roy einfach weiter und stieg auf die Mauer, als würde er von einer fremden Kraft angetrieben. Dann tat er den fatalen Schritt in den Abgrund.

Es sah so aus, als würde er kurz in der Luft stehen. In einem Brummen, das immer mehr einer Kakofonie glich, schien Roys Körper für einen Moment in der Unendlichkeit zu schweben, als wäre die Schwerkraft aufgehoben, als gäbe es kein Oben und Unten mehr. Dann ließen die Bienen wie auf Befehl von ihm ab und flogen von seinem Körper auf wie ein kleiner Tornado.

In diesem Moment blickte Berger Roy in die Augen. Und was er sah, war der Tod. Er schaute dem Tod direkt ins Gesicht. Bis Roy fiel.

Berger hörte sich selbst brüllen. Er stolperte vorwärts, und der Schmerz, der für einige Sekunden wie weggeblasen gewesen war, kehrte mit voller Kraft zurück. Unterdessen rappelte Kent sich auf und bürstete mit der Hand wie wild seinen Körper ab. Zusammen mit Berger wankte er zum Rand des Dachs. Wo Roy in die Tiefe gestürzt war.

Genau in dem Moment, als sie dort ankamen, wandte Berger sich um und sah einen enormen Bienenschwarm aus der weit geöffneten Tür des Häuschens schwirren. Er bildete eine schwarze Wolke über der ohnehin noch dunklen Stadt.

Berger und Kent wechselten einen Blick. Kent zupfte eine Biene von seiner bleichen Wange und nickte. Dann sahen sie über die Kante.

Roys Körper war in zwei Stücke gerissen und lag dreißig Meter unter ihnen auf dem Parkplatz.

Die eine Hälfte auf einem Auto.

Kent entfuhr ein Laut, der nicht mehr menschlich klang.

»Berger!«, bellte das Walkie-Talkie. »Rettungswagen unterwegs. Sichert das Haus.«

Langsam erhob sich Berger neben dem zusammengesunkenen Kent, der vor Trauer und Schmerz schrie. Er sammelte die Bienen von allen frei liegenden Hautoberflächen seines Körpers und spürte, wie sich ein seltsamer Rausch in ihm ausbreitete. Schwankend bewegte er sich auf das kleine Haus zu. Dort presste er sich an die Betonwand und warf einen hastigen Blick hinein, ehe er schnell den Kopf zurückzog. Drinnen war kein Mensch, und es gab auch keine verborgenen Räume. Dafür mindestens sechs geöffnete Bienenstöcke. Es waren nur noch einzelne Bienen zu sehen, von denen ein zähes Summen ausging. Es sollte also möglich sein, das Häuschen zu betreten. Berger griff seine Waffe fester und betrat die Hütte.

Wild fuchtelnd versuchte er, die letzten Bienen hinauszuscheuchen. Dann sah er sich um. Außer den Bienenstöcken gab es einen Tisch und einen Stuhl, sonst nichts.

Hier hatte Carsten Aisha wohl kaum gefangen gehalten. Sein Ziel war es gewesen, auch die Polizisten hier heraufzulocken. Um ihnen zu schaden, um sie zu töten? Wohl kaum, Carsten war kein Sadist. Wahnsinnig, das schon. Ein Landesverräter. Skrupellos. Aber rational. Er hatte einen anderen Grund gehabt, sie herzuführen.

Boden, Decke, Wände – nichts. Ein vollkommen neutraler Raum. Demnach musste in den Bienenstöcken oder auf dem Tisch irgendetwas zu finden sein. Den Bienenstöcken wollte Berger sich nicht weiter nähern, er hatte schon genug Körperkontakt mit ihren Bewohnern gehabt.

Erst jetzt sah er, dass einige der Insekten auf dem kleinen Tisch ausharrten. Sie waren ruhiger als ihre Verwandten und krabbelten in einer festen Formation umher, einem Rechteck, etwa einen Dezimeter breit. Berger nahm seine frisch ausgehändigte Säpo-Pistole und wischte die Bienen damit von der Tischplatte. Unter ihnen lag ein Stück Papier. Er wagte es nicht, das Blatt anzufassen, stellte jedoch fest, dass es mit etwas Süßem, Klebrigem bestrichen war. Einer Substanz, die Bienen vermutlich mochten.

Das Papier sah aus wie ein kleiner Umschlag von der Sorte, die normalerweise Glückwunschkarten enthielten.

Berger reinigte ihn ganz von den Bienen, ließ ihn jedoch liegen. Gegen alle Instinkte wollte er auf die Kriminaltechniker von der Säpo warten. Da entdeckte er unter der Tischplatte eine Schublade. Er ging in die Knie und zog sie vorsichtig heraus.

Der Knall war überirdisch, und die Kraft, die Berger zurückwarf, gigantisch. Ein alles umfassender Schock, ein verwirrender Schmerz. Berger wurde schwarz vor Augen.

Es existierte nur noch ein einziger, einfacher Gedanke, der im unendlichen Nichts kreiste.

Dies ist eine beschissene Art zu sterben.

Dann umfasste ihn die Dunkelheit.

Als Berger seine Augen wieder aufschlug, war er sich nicht sicher, ob er noch lebte. Doch er sah in einen eisgrauen Blick, darüber ein metallgrauer Bürstenschnitt.

»Tatsächlich ist der perfekte Spion ein kastrierter Spion«, sagte August Steen, »aber ganz so drastisch hätte es auch nicht sein müssen.«

»Wie bitte?«, keuchte Berger.

»Hätten Sie sich nicht hingekniet, wäre Ihnen der Schwanz weggeschossen worden.«

Berger blickte an seiner schusssicheren Weste hinab. Es war deutlich sichtbar, wo die Kugel ihn getroffen hatte. Mitten ins Herz.

»Verdammte Axt«, sagte er.

Steen streckte ihm die Hand entgegen. Berger ergriff sie, kam, begleitet von einer Kaskade von Schmerzstrahlen, wieder auf die Beine und stand vor der offenen Schublade. Hinter der weggeschossenen Front war eine Pistole eingeklemmt, deren Abzug mit einem Stahldraht verbunden war. Berger erkannte die Waffe sofort wieder. Es war eine Sig Sauer P226. Höchstwahrscheinlich Bergers eigene ehemalige Dienstwaffe. Am Lauf klebte ein kleiner handgeschriebener Zettel.

Darauf stand, kurz und knapp: »Boom!«

»Carsten hat es auf Sie abgesehen, Sam«, sagte Steen. »Jetzt müssen wir Sie aber definitiv unsichtbar machen.«

Berger warf einen letzten Blick auf den kleinen Umschlag, seufzte schwer und stolperte zur Tür. Steen holte ihn ein und stützte ihn.

Am blassgrauen Novemberhimmel näherte sich langsam, beinahe unwirklich, ein Rettungshubschrauber.



2

Montag, 30. November, 9:03

Seine Sinne spielten verrückt. Die ganze Welt schaukelte. Der herannahende Helikopter klang immer mehr wie das Summen einer gewaltigen Biene.

Berger saß auf dem Dach, durchlief alle möglichen Stadien des Schmerzes und war nicht mehr imstande, zwischen Körper und Seele zu unterscheiden.

Emotionslos beobachtete er, wie August Steen eine Rolle mit Gazebinde aus einer Tasche nahm und damit näher kam.

»Sie müssen mit dem Helikopter mitfliegen«, sagte Steen und fing an, Bergers Kopf mit der Binde zu umwickeln. »Und Sie sind immer noch Schwedens meistgesuchter Mann. Sie dürfen auf keinen Fall erkannt werden.«

Der Windzug des landenden Helikopters erfasste sie. Berger sah, dass Steen die Gazebinde aus der Hand gerissen wurde, der Wind sie sofort weiter aufrollte und wie einen riesigen Wimpel in der Luft flattern ließ, ehe sie über die Hochhausdächer von Tensta davonschwebte. Steen holte eine neue Rolle, und es gelang ihm, Bergers Kopf zu verbinden.

»Bleiben Sie cool. Ich hole Sie im Söder-Krankenhaus ab.«

Dann saß Berger da, unbeachtet, in einer Ecke des Helikopters zusammengekauert, reisekrank, mit Schussschmerzen in der Brust und einem diffus verteilten Bienenstichbrennen. Trotzdem ging es ihm eindeutig besser als den anderen Patienten in dem kleinen, krängenden Innenraum.

Die beiden Hälften von Roy Grahns zerschmettertem Körper lagen unter einer blutdurchtränkten Decke. Kent Döös war wach genug, um zu wimmern, und das Wimmern schwoll hin und wieder zu Schmerzens- und Trauergebrüll an, doch er wehrte jeden Versuch ab, wenigstens seine äußerlichen Qualen zu lindern. Der Rettungssanitäter malte mit seiner Morphiumspritze vergeblich ganze Bilder in die Luft.

Berger meinte sich zu erinnern, dass er ähnliche Szenen aus Kriegsfilmen kannte. Eine starke Übelkeit stieg in ihm auf, und er war kurz davor, sich schwallweise in seinen blickdichten Kopfverband zu übergeben, als er ein Fenster entdeckte.

Der Anblick von Wasser hatte seine Eingeweide schon immer beruhigt. Er sah die Oberfläche dort unten, aber es dauerte einen Moment, ehe er den Ulvsundasjön, die Tranebergsbron und Lilla Essingen wiedererkannte. Dann Reimersholme, die Liljeholmsbron und Årstaviken. Der Helikopter folgte dem Wasser bis zu einem Dach mit einem Kreis, einem Pluszeichen und einem großen H in der Mitte. Dort landete er auf dem Buchstaben, offenbar ohne dabei seine Geschwindigkeit zu drosseln.

Dann ging alles ganz schnell.

Die Türen wurden geöffnet, Roys Bahre hinausgerollt, und weg war sie. Kent, dessen großer Körper endlich auf die Morphiumspritze reagiert hatte, wurde auf die Helikopterplattform des Söder-Krankenhauses getragen.

Berger blieb zurück.

Während der Pilot hinaussprang, die Rotorblätter nun langsamer kreisten und schließlich sanft zum Stehen kamen, hockte Berger in seiner Ecke, den ganzen Kopf bandagiert. Nach einer Weile schaute ein weiß gekleideter Mann herein und winkte ihn zu sich. Berger nahm seine Tasche und kletterte hinaus. Gemeinsam betraten sie das große Krankenhaus. Der Sanitäter blickte nicht einmal in ihre Richtung.

Ganz im Einklang mit dem übrigen Empfang ließ man Berger auf der Akutstation in einer Ecke hinter vorgezogenen Vorhängen sitzen, über einen Zeitraum, den er irgendwann nicht mehr einschätzen konnte. Es verging viel Zeit. Unfassbar viel Zeit. Eine Stunde folgte auf die nächste.

Berger konzentrierte sich auf seinen Körper. Am meisten schmerzte die Stelle, an der die Kevlar-Weste die Kugel der Sig Sauer P226 abgehalten hatte, doch er bezweifelte, dass seine Rippen verletzt waren. Das Gift der Bienenstiche war schwieriger einzuschätzen, würde für eine Einweisung jedoch auch nicht ausreichen. Also hatte August Steen ihn aus anderen Gründen hierherbringen lassen. Weil es der sicherste Ort war, an dem er sich aufhalten konnte? Während ein Safehouse für ihn vorbereitet wurde? Während seine Sachen dort hingebracht wurden? Von zu Hause? Ob sie in seiner Wohnung gewesen waren? Durchwühlte die Säpo gerade seine Zimmer, während er hier saß wie ein Schluck Wasser in der Kurve?

Er selbst war schon sehr lange nicht mehr bei sich zu Hause gewesen. Wobei es sich wohl vor allem lange anfühlte. Dabei war kaum mehr als ein Monat verstrichen, wahrscheinlich sogar weniger.

Die Stunden rannen noch immer zwischen seinen Fingern hindurch. Er versuchte nachzudenken, der freie Flug der stillen Gedanken.

Wenn Carsten dieses ganze Bienenhaus einzig und allein präpariert hatte, um niemand anderen als Sam Berger umzunieten, war er dann hier wirklich sicher? Ins Söder-Krankenhaus einzudringen und hinter schützenden Gardinen einige schallgedämpfte Kugeln in einen gewöhnlichen Patienten zu feuern dürfte nicht gerade schwer sein. Vermutlich würde es lange dauern, bis es überhaupt jemand bemerkte.

Im nächsten Moment wurden die Vorhänge tatsächlich beiseitegezogen.

Berger sah Carsten, der blinzelnde, nicht zu deutende Blick hinter den dicken Brillengläsern, er sah, wie die Pistole erhoben wurde, und registrierte das kleine, beinahe unmerkliche Lächeln, welches das allerletzte Bild sein würde, das Sam Berger mit sich ins Totenreich nähme.

Doch es war nicht Carsten, der da hereinkam, auch kein Arzt, es war ein Mann, dessen Bürstenschnitt an Eisenspäne auf einem Magneten erinnerte.

»Gehen wir«, sagte August Steen knapp.

Sie gingen. Berger schwieg, Steen ebenfalls.

In einer versteckten Ecke des Krankenhausparkplatzes stiegen sie in ein Auto, und Steen fuhr nach Süden, aus der Stadt hinaus. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde Berger klar, wie lange er im Krankenhaus gesessen und auf einen Arzt gewartet hatte, der nie kam. Der auch nie die Absicht gehabt hatte zu kommen.

Als sie auf der Höhe von Haninge waren, brach Steen das Schweigen.

»Das Arschloch hat Roy umgebracht.«

Berger starrte vor sich hin. Vor seinem inneren Auge sah er den übernatürlich schwebenden Körper, in Bienen gehüllt. Dann den halbierten Körper unten auf dem Parkplatz.

Mit Carsten war nicht zu spaßen.

Und er hatte es definitiv auf Sam Berger abgesehen.

Steen war anscheinend zum Reden aufgelegt. »Verzeihen Sie die Verzögerung«, sagte er.

Berger lachte nicht gerade überschwänglich.

»Ich musste den Vorgang sogar noch beschleunigen. Schneller ging es meinerseits nicht«, fuhr Steen fort.

»Wohin fahren wir?«, fragte Berger.

»Sie werden leider ein Boot nehmen müssen«, antwortete Steen. Berger starrte ihn an.

»Ich weiß, dass Sie das können«, fuhr Steen fort. »Ich weiß, dass Sie Wasser mögen. Ich weiß, dass Sie als Kind einen Großteil Ihrer Sommer in den Stockholmer Schären verbracht haben.«

»Da wissen Sie mehr als ich«, brummte Berger.

»Der Anblick von Wasser beruhigt Sie.«

Berger schüttelte den Kopf. Doch Steen ließ nicht locker.

»Keine Sorge, es ist ganz einfach, die moderne Navigationsausrüstung übernimmt fast die ganze Arbeit.«

»Und dann soll ich also einfach in einem Safehouse herumhocken?«

»Der Auftrag, den ich für Sie habe, hat enorme Bedeutung.«

»Aber Sie wollen mir nicht mehr darüber verraten als diese lahme Formulierung ›der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte Schwedens‹?«

»Zu diesem Zeitpunkt kann ich es nicht«, erklärte August Steen. »Aber vorerst müssen Sie um jeden Preis untertauchen. Und zwar vollständig. Das bedeutet auch, dass Sie das Boot nur ein einziges Mal benutzen dürfen, danach nie wieder, nur im äußersten Notfall. Die Navigationsausrüstung wird Sie zu einem Bootshaus führen, dort parken Sie das Boot und lassen es stehen.«

»Ein Bootshaus?«

»Ein richtiges Bootshaus«, sagte Steen mit versteinerter Miene. »Wo man ein Boot hineinfährt. Sie fahren es dort hinein und vertäuen es, und dann lassen Sie es stehen. In dem Safehouse gibt es jede Menge gutes Essen, eine sichere Internetverbindung und einen Haufen Bücher. Betrachten Sie die Zeit als bezahlten Urlaub. Haben Sie ein Hobby?«

Berger starrte ihn ungläubig an.

»Uhren«, antwortete er schließlich. »Uhrwerke.«

August Steen brach in Gelächter aus.

Die restliche Fahrt über schwiegen sie. Sie fuhren nach Nynäshamn hinein, durch Nynäshamn hindurch, aus Nynäshamn hinaus. Es erschien Berger wie das Ende der Welt.

Der Gasthafen war ungastlich. Vermutlich waren es die freundlich blinkenden Lichter der nahe gelegenen Inseln, die das Meer so schwarz wirken ließen. So unbarmherzig.

Vielleicht erschien die Welt ringsherum auch nur deshalb so verlassen, weil Berger und Steen weit und breit die Einzigen waren. Sie wanderten die Anlegebrücke entlang, an deren Rändern die Boote schaukelten, als würden sie von der Dunkelheit selbst hin- und hergewiegt.

Kein Niederschlag, zum Glück, und besonders windig war es auch nicht. Das einzig Beängstigende war die Schwärze. Und die glasklare Einsicht, dass Sam Berger schon ungeheuer lange kein Boot mehr gesteuert hatte. Vor allem nicht in der Winterfinsternis.

Sie blieben stehen. Berger stellte seine Tasche ab, Steen reichte ihm ein iPad. Berger nahm es entgegen und blickte auf den schwarzen Bildschirm. Steen strich darüber, und eine Kartenansicht erschien.

»Einwandfreie GPS-Navigation«, erklärte Steen. »Die Streckenführung umgeht alle Untiefen, das schwöre ich.«

»Heißt das, Sie haben es selbst getestet?«

»Ein Helikopter wird Ihnen ein paar Sachen von zu Hause liefern. In Kürze werden vier große Umzugskartons vor der Hütte stehen.«

»Und was werden Sie so lange tun? Was wird die Säpo tun? Carsten finden, bevor er mich findet?«

»Bilden Sie sich bloß nicht zu viel ein«, entgegnete Steen. »So wichtig sind Sie auch wieder nicht. Aber natürlich werden wir ihn kriegen, die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Doch wir werden ihn in erster Linie einkassieren, um Aisha Pachachi zu befreien und damit auch Ali Pachachi zum Reden zu bringen. Solange Aisha gefangen gehalten wird, spricht er nicht. Und ich bin der Einzige auf der ganzen Welt, der weiß, wo sich Ali aufhält. Bisher hat unser Spitzel noch darauf gewartet, dass Ali Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm anbietet, seine Tochter als Geisel abzulösen. Aber jetzt scheint Carsten vorzuhaben, Ali Pachachi von sich aus aufzusuchen. Die Fährte, die uns in Tensta in die Falle locken sollte, war gelegt. Carsten wollte uns dort vorführen.«

»Ihr fangt Carsten, bekommt Informationen von Pachachi, und dann soll ich auf der Grundlage dieser Informationen in Aktion treten? Ist das der Plan? Womit wir wieder bei der Frage wären: Warum ausgerechnet ich?«

»Möchten Sie diese Diskussion wirklich jetzt führen?«, fragte Steen. »Dazu hätten Sie eine ganze Autofahrt lang Zeit gehabt.«

»Ich will es wissen, ja. Ansonsten steige ich nicht in dieses Boot, verdammt noch mal.«

»Und was wollen Sie stattdessen tun? Sich in einem anderen Bootshaus verstecken? Außer Landes flüchten?«

»Warum? Ausgerechnet? Ich?«

August Steen seufzte und führte Berger zu einem stabilen, aber kompakten Boot mit einem veritablen Außenbordmotor.

»Sie verfügen über eine Spezialkompetenz, die von äußerster Wichtigkeit für uns sein wird, wenn der Zeitpunkt gekommen ist«, sagte Steen schließlich.

»Eine Spezialkompetenz? Ich?«

»Außerdem haben Sie auch meine Frage noch nicht beantwortet«, fuhr Steen fort und reichte Berger seine Säpo-Pistole mit der entsprechenden Munition. »Aber sie war ernst gemeint.«

»Welche Frage?« Berger nahm die Pistole.

»Haben Sie ein Hobby?«


3

Dienstag, 1. Dezember, 10:21

Er durchbrach die Oberfläche genau in dem Moment, als sich die Eisschicht auf dem Wasser bildete. Während er durch die Luft geflogen war, hatte er gesehen, wie einige Segmente der glatten Oberfläche einen anderen Schimmer annahmen. Er hatte das Gefühl, für eine Millisekunde erkennen zu können, wie sich die einzelnen Flüssigkeitsatome den fremden Sauerstoffatomen entgegenstreckten und eine äußerst zerbrechliche Membran bildeten.

Die er im nächsten Moment durchbrach.

Der Kälteschock traf ihn wie erwartet, aber Theorie ist nicht gleich Praxis. Er wurde überwältigt. Die eisige Kälte drang durch den engen Neoprenanzug bis auf seine schockierte Haut. Das Wasser des Schärengartens umfing ihn, als wollte es ihn einfrieren und für die Nachwelt bewahren, die dann das Urzeitwesen im Eisblock schockiert bestaunen würde. Forscher würden ihn unter kontrollierten Bedingungen auftauen, und er würde, ohne seinen staunenden Gesichtsausdruck zu verlieren, in die schwerelose Atmosphäre des künstlichen Planeten schweben, der die zerstörte Erde bis dahin längst ersetzt hätte.

Das eigenartige Bild hatte eine beruhigende Wirkung. Außerdem erinnerten ihn seine ersten Schwimmzüge tatsächlich an eine Weltraumwanderung. Gierig sog er die abgestandene Luft aus der Gasflasche ein, spürte den Schmerz im Brustkorb, dort, wo er vor nicht allzu langer Zeit eine Kugel abgefangen hatte, und meinte sich zu erinnern, warum er mit diesem verwegenen Hobby aufgehört hatte.

Eine Hand, die einen riesigen, blau-gelb gestreiften Fisch mit Kussmund gestreichelt hatte, hatte ihn zu dieser Leidenschaft, dem Tauchen, gebracht. Diese vergoldete Erinnerung übersprang jene fünfzehn Jahre, die vergangen waren, seit Sam Berger zuletzt ein Mundstück mit Gummigeschmack zwischen den Zähnen gehabt hatte. Sie radierte auch den Kälteschock aus – und vermutlich eine ganze Reihe anderer Faktoren, die ihn dazu veranlasst hatten, seine Taucherausrüstung nach einem magischen Tauchurlaub vor Lombok in Indonesien für immer in den Schrank zu räumen.

Damals war der Bartwuchs hinter dem gehärteten Glas seiner Tauchermaske bedeutend spärlicher und wohl kaum so irritierend gewesen wie heute. Das braun-graue Gestrüpp, der Schnurrbartteil seines Vollbarts, der jetzt sein halbes Gesichtsfeld bedeckte, kratzte unter der Maske.

Als es ihm schließlich gelang, die Gedanken von seiner Körperbehaarung wegzulenken, offenbarte sich ihm eine ganz eigene Welt.

Von dort oben hatte die Oberfläche so dunkel ausgesehen, als hätte er in einen Eimer Teer springen müssen. Noch dazu war es ein bewölkter, schmutziggrauer Vormittag, ziemlich typisch für den ersten Dezembertag, und Berger hatte nicht erwartet, unten in der sauerstoffarmen Ostsee sonderlich viel zu sehen. Doch das Licht, das trotzdem durchsickerte, enthüllte eine graugrüne Welt mit Klippenformationen und diffus wogenden Tangbüscheln, die ihn tatsächlich berührte. Ein kleiner, farbloser Fischschwarm flitzte vorüber, und Berger beschleunigte seine Schwimmzüge in dem kaum mehr als fünf Grad warmen Wasser. Jetzt erinnerte er sich wieder an seine Faszination, diese verborgenen Teile der Erde zu besuchen, die größten und heimlichsten. Er spürte, wie sein Wesen zu neuem Leben erwachte, während der Meeresboden seinen Charakter änderte und flacher und karger wurde. Und abfiel. Zweifellos schwamm er tieferen Gewässern entgegen.

Er achtete darauf, nicht in Hektik zu geraten, sondern in die Ferne zu sehen und auf das Ende seines Blickfelds zu achten, wie ein Fahranfänger. Es waren kaum mehr als fünf, sechs Meter bis dorthin, doch plötzlich konnte Berger den Boden vor sich nicht mehr erkennen. Er verschwand einfach. Berger hielt inne, ließ sich treiben und beobachtete das Szenario. Dann schwamm er einige Züge heran. Tatsächlich schien es, als würde der Boden des Binnenmeers abbrechen und einer plötzlichen Tiefe Platz machen.

Jetzt stand er am Rand des Abgrunds. Es war ein merkwürdiges Gefühl, vor ihm lag eine Schlucht, in die man nicht fallen konnte.

Dies war Schweden, der Stockholmer Schärengarten, sicher und vertraut – und hier tat sich dieser plötzliche Abgrund auf, hinab in vollkommen unbekanntes Terrain. Berger war klar, dass er sich fernhalten sollte.

Doch wie es so oft der Fall ist, wenn man weiß, dass man sich fernhalten soll, näherte er sich stattdessen.

Er glitt über die Kante, blickte nach oben, blickte nach unten und sah nichts. Er wartete ab. Ahnte eine leichte Strömung am rechten Oberschenkel, aber mehr nicht. Dann unternahm er einen vorsichtigen Schwimmzug in die Tiefe.

Im ersten Moment verstand er nicht, was da vor sich ging, abgesehen davon, dass sich sein Gesicht kälter anfühlte. Dann begriff er, dass es nicht nur kalt war, sondern auch nass. Sein Schnurrbart unter der Tauchermaske wogte leicht hin und her, wie die Tangbüschel auf dem Meeresboden.

Die Maske war undicht.

Als ihn diese Erkenntnis traf, hatte sie handfeste Folgen. Sein Körper geriet ins Taumeln, die Panik schoss direkt in seine Seele, und er zappelte in der Leere des Nichts.

In der rohen Kälte.

Auf unbekannten Pfaden kehrte die Vernunft dennoch zurück. Berger bremste sein Taumeln. Er beschränkte die Panik. Die Maske musste entleert werden, das gehört zu den ersten Handgriffen, die man als Tauchschüler lernt. Er versuchte, sich an die Prozedur zu erinnern. Dann zog er die Maske nach unten, während er nach oben blickte und Luft durch die Nase ausstieß. Das wiederholte er mehrmals, bis die Maske so gut wie leer war. Er musste sich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen.

Anschließend sah er sich nach allen Seiten um. Das Problem war nur, dass er kein Oben und Unten mehr ausmachen konnte, kein Hier und kein Da. Es gab keinerlei Richtung mehr. Und da begriff Berger, in was er geraten war.

Er war im Tiefenrausch.

Es gab keine Schwerkraft, keine Strömung. Keinerlei Auftrieb. Keine Anhaltspunkte. Der nächste Schwimmzug konnte ihn direkt in den Abgrund führen oder hinauf zur Oberfläche oder aufs Meer hinaus.

Sam Berger ließ sich im großen Nichts treiben, denn jeder Schwimmzug konnte ihn dem Tod näher bringen. Er war vollkommen orientierungslos.

Als würde er in der Mitte der Weltmeere schweben. Als wäre er endgültig in diesem leeren, verlassenen, unendlichen Weltall verloren.

Immerhin hatte er seine Maske entleert. Erst vor wenigen Sekunden hatte er sich zusammengerissen und auf seine Erfahrungen berufen.

Die Bläschen, die er ausgeatmet hatte, schwirrten um ihn herum. Eine Weile kreiselte er noch im großen Nichts, dann schoss ihm etwas in den Kopf.

Er konnte freier atmen und richtete sich in diesem Nichts ein. Für eine Weile hielt er den Atem an, bis alle Bläschen um ihn herum verschwunden waren. Dann atmete er kräftig aus.

Plötzlich hatte der Strom der Luftblasen eine klare Richtung. Berger drehte sich um und beobachtete, wie die Blasen nach unten strömten.

In die Richtung, die er für unten gehalten hatte.

Die eigentlich oben war.

Noch einmal atmete er kräftig aus und schwamm dann hastig den Bläschen hinterher.

Nach oben.

Er tauchte aus dem Abgrund, konnte wieder den Meeresboden erkennen und begriff, dass er nun auf dem Heimweg war. Als seine Füße wieder den kargen Felsgrund erreichten, entleerte er seine Maske noch einmal.

Der Tiefenrausch.

Ihn hatte er ganz vergessen, jenen Zustand, bei dem die Naturgesetze vollkommen aufgehoben waren. Dabei war er schon einmal dort gewesen, kurz nach seiner Begegnung mit dem großen, blau-gelb gestreiften Fisch. Aber die gute Erinnerung hatte die böse überlagert.

Im Hafen von Lombok hatte er sich geschworen, nie wieder zu tauchen. Nur war er einfach nicht gut darin, aus seinen Fehlern zu lernen.

Als er auf die Hütte auf der kleinen Insel vor Landsort zuschwamm, schwor er sich erneut, nie wieder zu tauchen.



4

Dienstag, 1. Dezember, 13:44

Sam Berger beobachtete die Wasseroberfläche. Die Temperatur war erneut über null gestiegen, und die dünne Eisschicht, die er vor ein paar Sekunden durchbrochen hatte, als er nach dem Tiefenrausch wieder an die Wasseroberfläche gekommen war, schien fast gänzlich verschwunden zu sein. Er folgte einer winzigen Eisscholle mit dem Blick, sie schmolz vor seinen Augen.

Er sah zu dem schmutziggrauen Himmel empor. Es war einer dieser unbarmherzigen Tage, ohne Licht, ohne Hoffnung. Ein schadenfrohes graues Zwinkern, das einem mitteilen wollte, es werde das nächste halbe Jahr so bleiben.

Bergers Blick wanderte bis zur letzten Schäre des äußeren Schärengartens. Dahinter kam nur noch das offene Meer, bis nach Gotland hinüber.

Die Zeit war so seltsam. Alles war nichts als Warten. Dabei war er noch gar nicht besonders lange auf dieser einsamen Insel, aber die Rastlosigkeit fraß ihn bereits auf.

Er machte kehrt und begab sich wieder hinauf zur Hütte. Auf halbem Weg hielt er inne und warf einen Blick auf den Anlegesteg. Er war nicht zu sehen. Die Tarnung war beinahe perfekt. Und das Bootshaus, das ein Stück entfernt lag und in dem er das schnelle Motorboot geparkt hatte, das ihn durch die nächtliche Schärenlandschaft hierhergebracht hatte, war überhaupt nicht zu erkennen.

Dasselbe galt für die Hütte. Die Äste der Bäume streckten sich mit einer scheinbar zufälligen Präzision über das moosbedeckte Dach. Sollte ein Besucher wider Erwarten doch einen Eingang entdecken, würde er dahinter allenfalls  ein kleines, vollkommen verfallenes Häuschen vermuten.

Es war eine Illusion. Eine zielstrebig und professionell inszenierte Illusion. Berger öffnete die Tür und betrat den Weinkeller. Ganz nach seinem Geschmack hatte man die gediegene Weinsammlung durch einige Flaschen hochklassigen Single-Malt-Whisky ergänzt. Er durchquerte den perfekt temperierten dunklen Raum und gelangte in den riesigen Wohnbereich. Die vollkommen unerwartete Größe, eine Sitzgruppe, ein Esstisch, ein Schreibtisch. Dazu eine Kücheninsel hinter einer Ecke, ein komplett ausgestattetes Bad mit Sauna. Eine solche luxussanierte Fischerhütte auf einer einsamen Insel würde auf dem freien Markt Millionen kosten.

Doch weder die Hütte noch die Insel waren auf dem freien Markt zu haben. Ganz im Gegenteil. Dies war nicht das erste Safehouse der Säpo, das Berger betreten hatte, aber definitiv das gemütlichste. Und sein Auftrag lautete: warten.

Er schlenderte durch den Wohnbereich bis zu der Wand mit dem Schreibtisch. Neben einer großen Karte über den Stockholmer Schärengarten gab es auch ein Whiteboard. Dort hingen etliche Papiere in unsortierten Gruppen. Sie schienen aber eindeutig dem Zentrum der Tafel untergeordnet zu sein.

Und im Zentrum der Tafel prangte eine Fotografie.

Ein schlichtes Schulfoto von einem lachenden dunkelhaarigen Mädchen. Aisha Pachachi, der Beweis für Sam Bergers Scheitern. Das einzige von sieben entführten Mädchen, das Molly und er noch nicht hatten befreien können.

Sieben minus eins.

Bald wurde sie volljährig.

Berger sah natürlich ein, dass die Säpo gerade eine Jagd in viel größeren Dimensionen veranstaltete. Selbst wenn es ihm erlaubt wäre, daran teilzunehmen, wäre sein Beitrag eher marginal. Trotzdem war es frustrierend, einfach nur hier zu sitzen, wie eine Art ruhende Ressource, »definitiv unsichtbar«, wie August Steen gesagt hatte.

Aisha Pachachi. Einst von dem Mann gefangen genommen, der sie schützen sollte. Anschließend ein zweites Mal, von einem Spitzel, der die Säpo unterwandert hatte, einem brandgefährlichen Mann namens Carsten, den jetzt alle jagten.

So war die Lage.

Mit einer Grimasse wendete sich Berger von Aishas Fotografie ab. Jetzt fiel sein Blick auf das einzige Element im Raum, das nicht perfekt war. Vier überdimensionale Umzugskartons mit hastig zusammengerafftem Zeug. Die Grimasse in seinem Gesicht verzerrte sich zu einem eindeutigen Ausdruck von Abscheu. Bei dem Gedanken, dass Steens Vertraute – bei denen es sich nicht mehr um das Duo Kent und Roy gehandelt haben konnte – in seinen Kommodenschubladen herumgekramt hatten, drehte sich ihm der Magen um. Aber Sam Berger war Schwedens meistgesuchter Mann, weshalb es natürlich ausgeschlossen war, dass er selbst in die Ploggatan auf Södermalm zurückkehren würde. Trotzdem konnte er nicht anders, als sich diese groben Hände vorzustellen, wie sie in der untersten Kommodenschublade herumwühlten und respektlos die Kinder- und Frauensachen beiseiteschoben, um Sam Bergers Unterhosen zu finden. Und natürlich hatte man aus seiner schrecklich unaufgeräumten Kleiderkammer einen Haufen Schrott mitgeliefert. Berger warf einen finsteren Blick in den erstbesten Karton. Ganz bestimmt würde er hier einen gelben Fahrradhelm, zwei Fernbedienungen, eine Schachtel mit Reißzwecken, ein paar alte Schulbücher, eine Stoff-Anaconda, einen kaputten Badmintonschläger und einen wilden Haufen Buchseiten brauchen, die sich aus Frejas Taschenbuch zum Thema Erste Hilfe gelöst hatten.

Er hatte die Kisten kaum angerührt, seit der Hubschrauber sie auf der Insel abgesetzt hatte. Zwar hatte er sie hereingetragen und geöffnet, war jedoch sofort von Widerwillen gepackt worden und hatte sie stehen lassen. Ihm genügte die Tasche, die er aus dem Inland mitgenommen hatte und die die beiden vorangegangenen Fälle enthielt.

Als Erstes hatte er jedoch die Uhrenschachtel herausgeholt. Sie stand jetzt auf seinem Schreibtisch, und er hatte sowohl die Lupe als auch den Gehäuseöffner mitgebracht. Auf einem Tuch lag seine Rolex Oyster Perpetual Datejust aus dem Jahr 1957. Geöffnet wie ein seziertes Tier. Darin erahnte er die perfekt koordinierte Konstellation von kleinen Zahnrädern und Räderwerken. Doch hier draußen auf der Insel schienen sie sich gemächlicher zu drehen als gewöhnlich, als würde jede Sekunde länger währen als in der wirklichen Welt. Jener Welt, in der man nicht unbarmherzig unbeweglich war, nicht schonungslos einsam.

Das Zweite, was er aus der Tasche herausgezogen hatte, war das Schulporträt von Aisha Pachachi. Er hängte es in die Mitte des Whiteboards. Dann packte er das übrige Material zu den beiden Fällen aus. Er holte seinen Laptop hervor und Molly Bloms Maschinenpark aus geheimnisvollen Anordnungen – Dosen und Kabeln, Routern und Netzknoten –, all das, was ihm in einer Idealwelt einen unbemerkten Zugang zum Netzwerk der Säpo sichern sollte, wie er Molly als verdeckter Ermittlerin zur Verfügung gestanden hatte. Ehe sie von einem Wahnsinnigen halbtot geprügelt und zerschunden worden war.

Nein, jetzt nicht.

Jetzt nicht daran denken. Es war schlimm genug, dass ihm diese Gedanken den Schlaf raubten. Jetzt wollte er sie nicht auch noch haben.

Berger war sich nicht hundertprozentig darüber im Klaren, wie Mollys Netzsicherheitsausrüstung funktionierte. Und es brachte große Risiken mit sich, seinem »Wohltäter« August Steen zu trotzen, indem er versuchte, in das interne Netzwerk der Säpo einzudringen und sich still und heimlich durch die verschiedenen Sicherheitsebenen vorzuarbeiten. Er war gezwungen, in sehr kleinen, sehr vorsichtigen Schritten zu agieren. Aber er besaß Mollys Passwörter, es musste also möglich sein. Jedenfalls war es eine Möglichkeit, ihn von seiner Rastlosigkeit zu befreien.

Nein, das stimmte nicht. Die Rastlosigkeit war nicht heilbar. Sie war nicht persönlich, nicht privat, es war eine professionelle Rastlosigkeit, gegen die nur Arbeit half. Und dies war trotz allem eine Art Arbeit. Auch wenn sie nur in winzigen Schritten voranging.

Für was auch immer August Steen ihn aufhob, es erschien Berger unerträglich, hier auf Sparflamme zu sitzen und sich langsam verbrennen zu lassen. Hier ging es nicht um seinen eigentlichen Auftrag. Der war noch nicht erledigt, und Sam Berger brach seine Arbeit nicht mittendrin ab.

Sein Auftrag lautete, Aisha Pachachi zu finden.

Also musste er mehr über Carsten erfahren. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Denn tatsächlich wusste er nicht das Geringste über ihn.

Er hatte nur Bilder. Unauslöschliche Bilder. Das Bild von Cutter mit dem schwarzen Strumpf im Rachen. Das Bild der Mörderin aus dem Inland, die von drei Schüssen mitten ins Herz getroffen worden war. Das Bild von Roys pelzigem Körper, der in die Unendlichkeit schwebte, als wäre die Schwerkraft aufgehoben worden.

Keines dieser Bilder würde jemals aus seinem Gedächtnis verschwinden. Nicht, ehe er starb.

Berger wurde von Zorn gepackt, einem harten, schweren, kantigen Zorn. Er musste Carsten kriegen.

Er musste ihn unschädlich machen.

Als er auf seine rechte Hand blickte, sah er, dass sie zitterte. Sie zitterte vor Zorn. Berger fasste sie mit seiner Linken und hielt sie fest. Er tat sein Äußerstes, um wieder klar denken zu können.

Carsten war August Steens rechte Hand gewesen, und wenn er es geschafft hatte, diese Position zu erreichen, musste er eine lange Karriere bei der Säpo hinter sich haben. Die Säpo hatte ihn sicherlich pedantisch überprüft und kannte ihn in- und auswendig. Dennoch war es ihm gelungen, sie alle zu täuschen. Steen hatte den Verräter in seinen eigenen Reihen fast ein Jahr lang erfolglos gejagt, obwohl er den Spitzel direkt vor der Nase gehabt hatte. Aber das passte zu jenem Carsten, den Berger selbst getroffen hatte, wenn auch nur sehr kurz – natürlich war er smart und tatkräftig gewesen. Und vermutlich auch eine Spur verrückt – sonst hätte er sich nie von einer fremden Macht kaufen lassen, und zwar von der übelsten, dem einst so blühenden und nun welkenden Kalifat.

Ja, Carsten war gerissen, tatkräftig, verrückt, obendrein kurz vor dem Erblinden – und er hatte sich offenbar während seines Überwachungsauftrags in den letzten Wochen ein klein wenig in Molly Blom verliebt.

Nichts von alledem war der Säpo jedoch neu gewesen. Steen hatte es Berger selbst erzählt. Es waren Daten, die diese große und gut geschmierte Maschinerie bereits auf Hochtouren verarbeitete. Berger hingegen hatte nichts beizutragen, keine neuen Informationen, keine Perspektive, die der Säpo fehlte. So sehr er auch in seinem Inneren suchte, er konnte keinen Punkt finden, der ihm, dem Ex-Polizisten, nach dem wegen des Mordes an einer Tatverdächtigen gefahndet wurde, einen Vorteil gegenüber der Säpo verschafft hätte.

Außer womöglich der Tatsache, dass er nichts zu verlieren hatte.

Denn es war bereits alles verloren.

Berger setzte sich an den Schreibtisch, fuhr mit der Hand über das Mousepad des Laptops und stellte fest, dass die laufende Suche immer noch nicht beendet war. Er bemühte sich, in das System der Säpo einzudringen, so wie Molly es ihm erklärt hatte. Aber er hatte wie immer nur mit halbem Ohr zugehört, in der lächerlichen Gewissheit, dass sie immer da sein und sich um die Technik kümmern würde.

Doch dann hatte er sie im Stich gelassen. Ein geisteskrankes Serienmörderpaar hatte sie ihm entrissen, und Berger hatte es zugelassen.

Er hatte es zugelassen.

Nein, jetzt nicht.

Es würde ihn ohnehin nachts wieder heimsuchen.

Sein Blick wanderte zurück zu den Zeichen, die über den Bildschirm des Laptops liefen. Erneut überkam ihn die Rastlosigkeit. Musste er wieder zum Bootssteg hinabgehen, auf den äußeren Schärengarten von Landsort blicken und nichts entdecken? Jedenfalls hatte er nicht vor, während dieser trostlosen Warterei in den Neoprenanzug zu schlüpfen und sich in das eiskalte Wasser zu stürzen. Dieses Hobby gehörte der Vergangenheit an.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er ja auch freies Internet hatte. Er hatte das anonyme Proxynet bereits aktiviert. Man hatte ihn darüber informiert, dass es auf der Insel eine Reihe von Überwachungskameras gab, die jederzeit aktiviert und auf den Bildschirm geschaltet werden konnten.

Er erlaubte es sich, das Google-Fenster zu öffnen und seine beinahe mechanische Suchprozedur zu starten, der er sich schon seit Jahren regelmäßig, aber erfolglos widmete. Zunächst suchte er »Freja Babineaux«. Wie gewöhnlich erhielt er keine Treffer, es schien, als wäre seine frühere Lebensgefährtin mit ihrem neuen Mann in Paris untergetaucht. Vermutlich, dachte er ein wenig bittersüß, war sie eine Hausfrau ohne eigenes Leben. Dann suchte er »Marcus Babineaux«. Obwohl auch das kein vernünftiges Ergebnis brachte, dachte er nicht eine Sekunde daran, auf die Suche nach Marcus’ zehn Minuten jüngerem Zwillingsbruder zu verzichten. Er gab »Oscar Babineaux« ein.

Zwillingsbrüder.

Das Licht in seinem Leben, ein starker Schein, der allein durch Abwesenheit glänzte und dadurch nur umso stärker war. Der Polarstern, the still point of the turning world. Von dem alles ausging.

In diesem Moment geschah etwas. Eine Facebook-Seite wurde angezeigt. Oscar Babineaux, Paris.

Und tatsächlich prangte auf dem Profilbild sein jüngster Sohn – elf Jahre alt und, dem Foto nach zu urteilen, ein Profi-Hip-Hopper. Die Seite war erst vor wenigen Tagen eingerichtet worden, und es gab nur wenige Kommentare, alle auf Französisch. Oscar hatte erst zwölf Freunde beisammen. In seinem ersten Post drückte er seine Trauer über den großen Terroranschlag in Paris aus, der verübt worden war, als Sam Berger bewusstlos irgendwo im lappländischen Inland gelegen hatte. Der neueste Eintrag war erst wenige Tage alt – ein Foto, das ein chaotisches Jungenzimmer zeigte. Jemand lag im unteren Teil eines Etagenbetts unter einer Decke, streckte beide Hände in die Höhe und hatte die Finger zu einem Victoryzeichen geformt. Doch unter der Decke ragten die Füße hervor, und auch die Zehen bildeten ein V.

Berger zuckte innerlich zusammen. Sein Hals schnürte sich zu. Er streckte die Hand aus und strich sanft über den kalten Laptopbildschirm. Es war seine Geste, Papa Sams übertriebene Geste für große Freude. Keinem der Zwillinge hatte er dieses Talent vererbt, sie hatten hart arbeiten müssen, ehe sie die beiden größten Zehen voneinander trennen und die übrigen drei einrollen konnten. Das Ergebnis war ein ziemlich seltsamer Fuß. Genau so sollte man sich unter die Bettdecke werfen, nachdem man zum Beispiel ein Videospiel gewonnen hatte, und die Beine und Arme, Hände und Füße hinausstrecken.

Und dabei vier Victory-Zeichen bilden.

Der einzige Kommentar zu dem Bild war »14 – 8«, offenbar ein Spielergebnis. Vermutlich hatte einer der Zwillinge seinen Bruder übertrumpft, aber wer genau unter der Decke lag und sein nicht ganz von Schadenfreude bereinigtes Glück zur Schau stellte, war unmöglich auszumachen.

Sam Berger beschloss, das als ein Zeichen aufzufassen. Seine Zwillinge – die seit fast drei Jahren verschwunden waren, von der Großstadt Paris verschluckt – kommunizierten mit ihrem Versager-Vater. Der ihrer Mutter Freja ohne Proteste das alleinige Sorgerecht überlassen hatte. Der, obwohl er Polizist war, keinerlei Nachforschungen angestellt hatte, ob es ihnen in ihrem neuen Zuhause, bei ihrem französischen Stiefvater Jean Babineaux, gut ging. Jenem Vater, der nach dem zweifelhaften Motto Keine Nachrichten sind gute Nachrichten gehandelt und stattdessen in seiner eigenen Verlassenheit gebadet hatte.

In diesem Augenblick beschloss Berger, Facebook beizutreten. Doch während er dort saß und grübelte, ob er seinen echten Namen oder eine Art Code benutzen sollte, den nur die Zwillinge verstehen würden, gab der Laptop ein Pling von sich. Er wechselte die Ansicht, die laufende Suche war beendet, und der Bildschirm blinkte bejahend. Es war Berger immerhin gelungen, einen Schritt tiefer in Molly Bloms ausgeklügeltes System vorzudringen.

Molly.

Die möglicherweise Sams Kind in sich trug.

Nein, jetzt nicht. Warte bis heute Nacht. Lass den Mist reifen, gären, faulen, sich zu neuen Albträumen anhäufen.

Vorsichtig aktivierte er den weiteren Log-in-Prozess. Wieder musste er warten.

Also wechselte er zurück zu Facebook. Jetzt wusste er immerhin, wie er die nächtlichen Albträume bekämpfen konnte.

Mit vier Victory-Zeichen.

1793. Signierte Buchausgabe

Roman

»Ein Meisterwerk. Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.« Arne DahlStockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …Der Nummer-1-Bestseller aus Schweden»Stellen Sie sich ›The Alienist – Die Einkreisung‹ im Stockholm des 18. Jahrhunderts vor: wuchtig, blutig, vielschichtig, herzzerreißend spannend. ›1793‹ ist der beste historische Krimi, den ich in zwanzig Jahren gelesen habe!« A. J. Finn (#1-New-York-Times-Bestseller-Autor von »The Woman in the Window«)
Paperback
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Mickel Cardell treibt in kaltem Wasser. Mit der freien rechten Hand packt er den Kragen von seinem Kameraden Johan Hjelm, der reglos mit rotem Schaum in den Mundwinkeln neben ihm herdriftet und dessen Waffenrock von Blut und Brackwasser verschmiert ist. Als eine Welle Cardell anhebt und ihm den Stoff aus den Fingern reißt, will er am liebsten schreien, doch aus seiner Kehle dringt lediglich ein Winseln. Neben ihm verschwindet Hjelm wie ein Stein in der Tiefe. Cardell taucht mit dem Kopf unter und blickt für einen Moment dem hinabsinkenden Körper nach. Ein Stück weiter unten, an der Grenze dessen, was er erkennen kann, glaubt er noch etwas anderes zu sehen: Zu Tausenden sinken dort verstümmelte Matrosen bis vor das Höllentor. Des Todesengels Schwingen legen sich um ihre Leiber, und obenauf thront ein blanker Schädel. In der Strömung öffnet sich der Unterkiefer zu einem stummen, höhnischen Lachen.

1.
»Häscher Mickel! Wachen Sie auf!«
Als Stadtknecht Jean Michael Cardell unter den unermüdlichen Stößen langsam zu sich kommt, verspürt er für einen Moment Schmerzen im linken Unterarm, der nicht mehr da ist. Anstelle der abgetrennten Gliedmaße sitzt dort nur mehr eine geschnitzte Hand aus Buchenholz. Der Stumpf selbst ruht in einer Vertiefung an seiner Seite, während das Holz mit Lederriemen an seinem Ellbogen befestigt ist. Die Riemen schneiden ihm ins Fleisch. Mittlerweile müsste er es besser wissen und sie aufknoten, sobald er einzunicken droht.
Widerwillig schlägt er die Augen auf und sieht als Erstes die fleckige Landschaft einer Tischplatte vor sich. Sowie er versucht, den Kopf zu heben, spürt er, dass seine Wange am Holz festklebt. Als er sich schließlich aufrichtet, zieht ihm der klebrige Dreck die Perücke vom Kopf. Er flucht und schiebt sie sich zerstreut unter die Jacke, nachdem er sich damit den Schweiß aus dem Gesicht gewischt hat. Sein Hut ist zu Boden gefallen, die Krone eingedellt. Er schlägt die Delle heraus und setzt ihn wieder auf.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Er befindet sich noch immer im Hamburger Keller. Offenbar hat er sich an seinem Tisch bewusstlos gesoffen. Ein Blick über die Schulter – da sind noch andere, denen es ähnlich ergangen sein muss. Eine Handvoll Betrunkener, die der Wirt offenbar für hinreichend betucht gehalten hat, um sie nicht hinaus in den Rinnstein zu befördern, liegt auf Bänken und unter den Tischen und wartet auf den Morgen, um sich endlich nach Hause zu schleppen und die Standpauke der daheim Wartenden über sich ergehen zu lassen. Bei Cardell ist das anders. Als Krüppel lebt er allein, und nur er selbst bestimmt über seine Zeit.
»Mickel, Sie müssen kommen! Da liegt ein Toter im Fatburen!«
Zwei Straßenkinder haben ihn geweckt. Ihre Gesichter kommen ihm vage bekannt vor; an die Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Hinter den beiden steht Bagge, der fette Liebhaber und Handlanger der Wirtin. Sein Gesicht ist stark gerötet, auch er scheint eben erst aufgewacht zu sein. Er hat sich zwischen die beiden Kinder und den Stolz des Kellers geschoben, der hinter Schloss und Riegel in einem blauen Schrank verwahrt wird: eine Sammlung geritzter Gläser.
Hier im Hamburger Keller machen die Todgeweihten halt, bevor sie auf dem Karren hinauf zum Galgenberg am Skanstull gebracht werden. Hier bekommen sie einen letzten Schluck zu trinken. Dann werden ihre Gläser eingesammelt, mit ihren Namen versehen und der Sammlung hinzugefügt.
Wer immer später daraus trinken will, wird streng beaufsichtigt und muss einen Preis entrichten, der sich an der Berühmtheit des Toten bemisst – und das soll Glück bringen. Cardell hat nie richtig verstanden, warum.
Er wischt sich den Schlaf aus den Augen. Natürlich ist er immer noch alkoholisiert. Als er die Stimme hebt, klingt sie breiig.
»Was zur Hölle ist hier los?«
Das Mädchen – das ältere der beiden Kinder – antwortet. Der Junge, nach der Ähnlichkeit zu urteilen womöglich der Bruder, hat eine Hasenscharte und rümpft die Nase, als er Cardells Atem riecht. Er geht hinter seiner Schwester in Deckung.
»Im Wasser liegt ein Toter, direkt am Ufer.«
In ihrer Stimme liegt eine Mischung aus Schrecken und Erregung. Die Adern um Cardells Stirn fühlen sich an, als könnten sie jeden Moment zerplatzen, und sein Puls droht die wattigen Gedanken zu übertönen, zu denen er schon wieder in der Lage ist.
»Und was hab ich damit zu tun?«
»Bitte, Mickel, es ist sonst niemand da, und wir wussten, dass Sie hier sein würden.«
In der vergeblichen Hoffnung auf ein wenig Linderung reibt er sich die Schläfen.

Über Södermalm beginnt es gerade erst zu dämmern. Die nächtliche Finsternis hängt noch immer in der Luft, die Sonne hat sich noch nicht hinter der Sicklaön und dem Danviken heraufgeschoben. Cardell stolpert über die Treppe des Hamburger Kellers nach draußen und dann hinter den zwei Kindern her die leere Borgmästaregatan entlang. Mit halbem Ohr hört er zu, wie sie von einem durstigen Zugochsen erzählen, der am Ufersaum des Fatburen mit einem Mal zurückschreckte und dann in Richtung Tanto flüchtete.
»Er hat mit seinem Maul die Leiche berührt, und die hat sich dann einmal um die eigene Achse gedreht.«
Am See, wo der Weg nicht mehr gepflastert ist, wird der Boden lehmig. Hier unten am Fatburen war Cardell schon lange nicht mehr, aber es hat sich nichts verändert. Angeblich sollte das Ufer für neue Anlegestellen und Brücken geräumt werden, aber nichts dergleichen ist passiert. Kein Wunder, da Stadt- und Staatskasse leer sind – das weiß er genauso gut wie jeder andere, der seinen mickrigen Lohn mit allerhand zusätzlichen Einkünften aufbessern muss. Sämtliche Güter am Ufer wurden zu Manufakturen umgebaut, und die Werkstätten leiten ihren Dreck ungefiltert in den See. Der für Ausscheidungen vorgesehene Holzverschlag ist überschwemmt, wird von den meisten aber ohnehin gemieden. Cardell stößt einen saftigen Fluch aus, als sein Stiefelabsatz durch den Lehm furcht und er den gesunden Arm nach hinten reißen muss, um das Gleichgewicht zu halten.
»Euer Rindvieh hat sich erschreckt, weil es die Überreste eines alten Kameraden gewittert hat. Hier kippen Schlachter ihre Abfälle ins Wasser. Ihr habt mich wegen ein paar Ochsenrippen oder dem Rückgrat eines Schweins geweckt!«
»Wir haben ein Gesicht im Wasser gesehen, das Gesicht eines Menschen!«
Wasser plätschert und spült fahlgelben Schaum ans Ufer. Die Kinder haben insofern recht, als ein paar Meter in den See hinein etwas Verrottetes im Wasser treibt, ein dunkles Bündel. Als Erstes schießt Cardell durch den Kopf, dass es zu klein ist. Das kann kein Mensch sein.
»Das sind Schlachtabfälle, genau wie ich vermutet habe. Irgendein Tierkadaver.«
Doch das Mädchen bleibt stur, und der Junge nickt nachdrücklich. Cardell schnaubt resigniert.
»Ich bin betrunken. Verstanden? Besoffen. Nicht bei Sinnen. Merkt euch das, falls irgendwer euch fragt, wie ihr einen Stadtknecht dazu gebracht habt, im Fatburen baden zu gehen, und er euch anschließend verdroschen hat, als er tropfnass und stinksauer wieder aus dem Wasser kam.«
Nur unter Mühen, wie es jedem Einarmigen gegangen wäre, schält er sich aus seiner Jacke. Die Wollperücke, die er schon wieder ganz vergessen hat, fällt auf den Lehmboden. Auch egal, er hat das Ding für eine Handvoll Zwölftelschillinge gekauft, es ist inzwischen ohnehin längst aus der Mode, und er trägt es nur noch, weil mit einem ordentlichen Auftreten seine Chancen als Kriegsveteran steigen, den einen oder anderen Schluck spendiert zu kriegen. Cardell legt den Kopf in den Nacken. Hoch über dem Årstafjärden funkeln immer noch die Sterne wie auf einer Perlenschnur. Er schließt die Augen, um die Schönheit dieses Anblicks in seinem Innern zu verschließen, und setzt erst dann den rechten Stiefel in den See.
Der durchweichte Ufersaum kann sein Gewicht nicht tragen. Er sinkt bis zum Knie ein und spürt, wie das Wasser in den Schaft des Stiefels strömt, der prompt im Schlamm stecken bleibt, als er das Bein nachziehen muss, um nicht zu stolpern. In einer Mischung aus Waten und Schwimmzügen arbeitet er sich voran.
Das Wasser fühlt sich zwischen seinen Fingern zäh und dickflüssig an. Um ihn herum treibt all das, was man nicht einmal in den Elendsvierteln Södermalms für aufhebenswert hält.
Der Alkohol beeinträchtigt sein Urteilsvermögen. Er empfindet Panik, sobald er keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Dieser Tümpel ist tatsächlich tiefer, als er vermutet hat, und mit einem Mal fühlt er sich in den Svensksund zurückversetzt – drei Jahre zuvor, inmitten der Schrecken eines Malstroms, der den schwedischen Verband zu verschlingen drohte.
Er schiebt sich mit Beinschlägen vorwärts und streckt sich nach dem Kadaver. Erst glaubt er, dass er recht gehabt hat: Es ist kein menschliches Wesen. Es ist ein totes Tier, das aus der Schlachtschwemme gespült wurde und jetzt an die Wasseroberfläche getrieben ist, weil Faulgase sich in den Eingeweiden ausbreiten. Doch dann dreht sich das Bündel, und er sieht sich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Verrottet ist es nicht, trotzdem starren ihn leere Augenhöhlen an. Hinter den zerfetzten Lippen kein einziger Zahn. Nur das Haar scheint noch zu schimmern, auch wenn die Nacht und der Fatburenschlamm ihr Bestes tun, um die Farbe zu verschleiern. Doch der Schopf ist ohne Zweifel blond. Cardell schnappt hektisch nach Luft und schluckt Wasser.
Als er endlich aufhört zu husten, lässt er sich kurz neben der Leiche im Wasser treiben. Er sieht ihr ins zerstörte Gesicht. Von den Kindern am Ufer hört er keinen Mucks mehr. Stumm warten sie darauf, dass er wiederkommt. Er macht kehrt und stößt sich mit dem nackten Fuß ab in Richtung Ufer.
Dort, wo das Wasser ihrer beider Gewicht nicht mehr trägt, wird die Bergung zusätzlich erschwert. Cardell rollt sich über den Rücken ab, stemmt sich auf die Beine und schleppt seinen Fund mithilfe der Fetzen, in die er gehüllt ist, aus dem Wasser. Die Kinder machen keine Anstalten zu helfen, im Gegenteil, sie weichen erschrocken zurück und halten sich die Nase zu. Cardell hustet Wasser und spuckt auf den Lehmboden.
»Lauft zur Schleuse, und holt die Stadtwache!«
Und wieder machen die Kinder keine Anstalten. Sie sind ebenso darauf erpicht, sicheren Abstand zu halten, wie einen Blick auf Cardells Fang zu erhaschen. Erst als er die Faust hebt, setzen sie sich in Bewegung.

Als er ihre kleinen Füße nicht mehr hören kann, dreht er den Kopf zur Seite und übergibt sich. Am Ufer ist es wieder totenstill, und dort unten allein am Wasser spürt er, wie eine kalte Hand die Luft aus seiner Lunge presst und ihm der Atem stockt. Sein Herz hämmert immer schneller, Blut schießt durch die Adern an seinem Hals, und eine überwältigende Angst ergreift von ihm Besitz. Er weiß nur zu gut, was als Nächstes kommt: Er spürt, wie sich sein nicht länger vorhandener Arm aus dem Dunkel heraus förmlich verdichtet, bis jede Faser seines Leibs ihm zuraunt, dass der Arm wieder da sei, wo er hingehöre. Er spürt, wie sich vom Unterarm ein Schmerz ausbreitet, der so übermächtig ist, dass er die Welt übertönen könnte: ein Schädel mit eisernen Zähnen, die durch Fleisch und Knochen nagen.
Panisch reißt er die Lederriemen vom Ellbogen und lässt die Holzhand auf den Lehmboden fallen. Dann packt er mit der Rechten den Stumpf und knetet die vernarbte Haut, um seine Sinne wieder daran zu erinnern, dass jener Unterarm, den sie zu spüren glauben, nicht länger da und die schmerzende Wunde schon seit Jahren verheilt ist.
Die Attacke währt nicht länger als eine Minute. Endlich kriegt er wieder Luft, atmet erst ganz flach, dann immer ruhiger und langsamer. Die Angst schwindet, und die Welt nimmt wieder erkennbare Konturen an. Derlei jähe Panikattacken überkommen ihn schon seit drei Jahren – seit er mit nur einem Arm und um einen Kameraden ärmer zurück an Land gekrochen ist. Dabei liegt der letzte Anfall schon eine Weile zurück. Er hat eigentlich geglaubt, ein, zwei Mittelchen gefunden zu haben, die den Alb auf Abstand halten: den Branntwein und Schlägereien. Cardell sieht sich trostsuchend um, doch es sind nur er und die Leiche da.

Er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, wie lange die Stadtwache braucht. Still sitzt er am Ufer und starrt vor sich hin. Seine durchnässte Kleidung ist eiskalt, aber noch hat er genügend Branntwein in den Adern, dass ihm warm ist. Als sie kommen, sind sie zu zweit: zwei Männer in blauen Uniformjacken über weißen Hosen, jeder mit einer bajonettbewehrten Muskete im Arm. Ihrem Gang kann er ansehen, dass auch sie getrunken haben, was zwar strafbar, aber an der Tagesordnung ist. Einen der beiden kennt er sogar namentlich. Viele jener schlecht bezahlten Ordnungskräfte neigen dazu, ihre Sorgen im Branntwein zu ertränken, und die Wirtshäuser sind brechend voll.
»Sieh mal einer an: Mickel Cardell auf Badeausflug in der Stadtlatrine. Haben Sie darin etwas von Wert gesucht, was Sie versehentlich vor ein paar Tagen verschluckt und nicht mehr aus der Schüssel haben retten können? Oder haben Sie nach einer verirrten Hure gesucht, die ins Wasser gegangen ist?«
»Halten Sie die Klappe, Solberg. Ich mag gerade nach Kloake stinken, aber Sie und Ihr Freund – Sie stinken nach Fusel. Gehen Sie besser runter ans Wasser, und gurgeln Sie durch, bevor Sie Ihren Korporal wecken.«
Cardell steht auf und streckt den steifen Rücken durch. Dann zeigt er neben sich auf die Leiche.
»Da.«
Sowie Kalle Solberg sich ihr nähert, zuckt er erst einmal heftig zurück.
»Pfui Teufel!«
»Genau. Einer von Ihnen bleibt am besten hier, würde ich sagen, während der andere in Richtung Schlossberg läuft und einen Konstabler von der Wache holt.«
Cardell wickelt seine Jacke um die Holzhand und klemmt sich das Bündel unter den Stumpf. Gerade will er sich auf den Weg machen, als er sich wieder an den eingebüßten Stiefel erinnert. Er wirft sein Bündel auf den Hang, macht kehrt und watet steifbeinig und doch so würdevoll, wie er nur kann, in seinen eigenen Fußstapfen zurück, bis er den eingesunkenen Stiefel findet. Dann zerrt er das Leder aus dem Schlamm, der wie zur Antwort enttäuscht schmatzt. Solberg hat das Glück auf seiner Seite und darf sich auf den Weg in die Stadt machen. Sein Kamerad steht derweil wortlos da und legt weder Spott noch Hohn an den Tag. Der Schrecken, der einen überkommt, wenn man allein mit einer Leiche zurückbleibt, ist ihm anscheinend nicht fremd. Cardell nickt ihm im Vorbeigehen zu. Er hat einen Cousin, der hier im Viertel wohnt und der einen Brunnen und mit etwas Glück auch eine Kanne Seifenwasser übrig hat, die er bereit ist, mit Cardell zu teilen.

2.
Auf dem Sekretär liegt ein Bogen Papier mit einem aufgezeichneten Schachbrettmuster. Cecil Winge legt die Taschenuhr vor sich auf die Arbeitsplatte, nimmt die Kette ab und zieht den Leuchter mit dem hellen Wachslicht ein Stück näher heran. Schraubendreher, Pinzette und die eine oder andere Zange liegen aufgereiht vor ihm. Er hält die Hände vor sich ins Kerzenlicht. Nicht das geringste Zittern.
Konzentriert macht er sich an die Arbeit. Er öffnet das Gehäuse, zieht die Stifte heraus, auf denen die Zeiger sitzen, und legt sie in den jeweils vorgesehenen Quadranten auf dem Papierbogen. Dann nimmt er das Ziffernblatt, legt das Uhrwerk frei, hebt es ebenfalls aus dem Gehäuse. Er nimmt es auseinander und ölt Zahnrad um Zahnrad. Aus ihrem Gefängnis befreit, lockert sich die flach aufgerollte Feder zu einer zierlichen Spirale. Darunter liegt der Unruhring, dann das Federhaus. Mit Schraubendrehern, die kaum breiter als Nähnadeln sind, zieht er die winzigen Schrauben aus den Gewinden.
Ohne funktionsfähige Uhr ist Winge auf den Klang der Kirchenglocken angewiesen, die die fortschreitende Stunde verkünden. Im Ladugårdslandet ist es die große Glocke der Hedvig-Eleonora-Kirche. Vom Saltsjön her kann er das schwache Echo vom Glockenturm der Katarinenkirche hören. Die Zeit verrinnt.
Sobald er das Uhrwerk komplett auseinandergenommen hat, macht er sich daran, es in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammenzufügen. Indem jeder Teil an seinen angestammten Platz gelegt wird, nimmt es nach und nach wieder Gestalt an. Winges schlanke Finger beginnen sich zu verkrampfen, und er muss mehrmals Pausen einlegen, damit sich Muskeln und Sehnen erholen. Er ballt die Fäuste, spreizt die Finger, reibt sich die Hände, presst die Handgelenke auf die Knie. Die unbequeme Sitzhaltung fordert ihren Tribut, und die Krämpfe in der Hüfte, die er immer häufiger hat, breiten sich über seinen unteren Rücken aus und zwingen ihn, in einem fort die Sitzposition zu ändern.
Als die Zeiger wieder an ihrem Platz sitzen, führt er den winzigen Schlüssel ins Loch, dreht ihn herum und spürt den Widerstand der Feder. Sobald er loslässt, kann er das wohlbekannte Ticken hören und hat zum bestimmt hundertsten Mal seit dem vergangenen Sommer ein und denselben Gedanken: Genau so sollte die Welt funktionieren, rational und greifbar – jedes Zahnrad an seinem ureigenen Platz, präzise Bahnen, die man anhand des benachbarten Zahnrads exakt berechnen kann.
Doch der Trost, den er diesem Gedanken abgewinnt, ist nicht von Dauer. Er ist verflogen, sobald die Ablenkung vorbei ist und die Welt, in der für einen Augenblick die Zeit stillgestanden hat, um ihn herum wieder Gestalt annimmt. Er hängt seinen Gedanken nach, legt einen Finger aufs Handgelenk und zählt die Pulsschläge, während der Sekundenzeiger über das eingelassene Ziffernblatt wandert, auf dem der Name des Uhrmachers steht: Beurling, Stockholm. Einhundertvierzig Schläge pro Minute. Die Schraubendreher und das übrige Werkzeug liegen wieder an ihrem Platz, und er will die ganze Prozedur gerade von Neuem angehen, als er mit einem Mal Essensgeruch wahrnimmt. Dann kratzt das Mädchen an der Kammertür, und eine Stimme ruft zu Tisch.

Eine blau gemusterte Suppenterrine wird auf den Tisch gestellt. Der Gastgeber, Reepschläger Olof Roselius, neigt den Kopf zu einem kurzen Tischgebet, ehe er die Hand ausstreckt und den Deckel von der Terrine hebt. Er verbrennt sich am Griff, verkneift sich einen Fluch und schüttelt die Finger aus.
Auf seinem Platz zur Rechten des Reepschlägers tut Cecil Winge so, als studierte er die hölzerne Tischplatte, auf der das Kerzenlicht Schattenstreifen erzeugt. Währenddessen eilt die Magd mit einem Handtuch zu Hilfe. Der Duft von Rüben und gegartem Fleisch glättet die Runzeln in der Stirn des Reepschlägers. Mit seinen siebzig Jahren ist jegliche Farbe aus seinem Kopfhaar und dem Bart gewichen. Leicht gekrümmt sitzt er auf seinem Stuhl. Roselius eilt der Ruf eines rechtschaffenen Mannes voraus. Jahrelang hat er sich für die Arbeit des Armenhauses der Hedvig-Eleonora-Kirche eingesetzt und andere großzügig an seinem Vermögen teilhaben lassen, das einst hinreichend war, um den Gutshof des Grafen Spens am Rande des Ladugårdslandet zu erwerben. Doch in den letzten Jahren fordern missglückte Geschäfte mit seinem Nachbarn Ekman, Kämmerer der Verwaltungsbehörde, ihren Tribut. Ein Sägewerk im Västerbottnischen hat sich als Fehlinvestition entpuppt. Winge hat so eine Ahnung, dass Roselius sich für Jahrzehnte der Wohltätigkeitsarbeit ungerecht entlohnt fühlt. Eine gewisse Bitterkeit scheint wie eine Glocke über dem gesamten Besitztum zu hängen.
Winge kann als Mieter nicht umhin, sich selbst als eine Mahnung an schlechtere Zeiten zu betrachten. Doch heute Abend macht Roselius einen noch niedergeschlageneren Eindruck als sonst, und er begleitet jeden Löffelvoll mit einem Seufzer. Als er sich schließlich räuspert und die Stille durchbricht, ist sein Teller beinahe leer.
»Der Jugend Ratschläge zu erteilen ist bekanntlich mühsam; man kassiert dafür nur Schelte. Trotzdem will ich Klartext reden, Cecil. Seien Sie so gut, und hören Sie mir zu, ich will nämlich Ihr Bestes.«
Roselius erlaubt sich einen neuerlichen Seufzer, ehe er ausspricht, was offenbar ausgesprochen werden muss.
»Was Sie da tun, ist nicht natürlich. Ein Ehemann muss bei seiner Frau sein. Haben Sie ihr nicht geschworen – und sie Ihnen –, in guten wie in schlechten Tagen beieinanderzubleiben? Kehren Sie zu ihr zurück.«
Blut steigt Winge in das blasse Gesicht, und er ist ob der Vehemenz seiner Gefühle selbst überrascht. Ein derart getrübtes Urteilsvermögen und übermächtiger Zorn stehen einem Mann der Vernunft nicht gut zu Gesicht. Er atmet tief ein, hört das Blut in seinen Ohren rauschen und ringt um Fassung. Währenddessen bleibt er dem Reepschläger die Antwort schuldig. Winge weiß, dass sich die List, die sein Gegenüber einst zum Erfolgreichsten seiner Zunft gemacht hat, über die Jahre nicht gemindert hat. Er kann regelrecht hören, wie hinter dessen Stirnfalten ein argwöhnischer Gedanke den anderen jagt. Die Spannung zwischen ihnen schwillt in der Stille an und verebbt wieder. Roselius seufzt, lehnt sich zurück und hebt die Hände zu einer versöhnlichen Geste.
»Wir haben schon oft miteinander gegessen, Sie und ich. Ich kenne Sie. Sie sind belesen und haben einen scharfen Verstand. Ich weiß überdies, dass Sie kein schlechter Mensch sind, ganz im Gegenteil. Aber Sie lassen sich von neuen Ideen blenden, Cecil. Sie glauben, Sie könnten alles kraft des Verstandes lösen – kraft Ihres Verstandes. Aber da liegen Sie falsch. Gefühle lassen sich nicht an die Kette des Verstandes legen. Kehren Sie zu Ihrer Frau zurück, um Ihrer beider willen, und wenn Sie ihr etwas angetan haben sollten, bitten Sie sie um Verzeihung.«
»Was ich getan habe, war zu ihrem Besten. Ich hatte es mir gut überlegt.«
Selbst in seinen eigenen Ohren klingt diese Erwiderung wie die Rechtfertigung eines bockbeinigen Kindes.
»Cecil, was immer Sie damit beabsichtigt hatten – es ist anders gekommen.«
Winge kann seine Hände nicht am Zittern hindern. Er legt den Löffel beiseite, damit es nicht auffällt. Seine Stimme ist zu seinem Verdruss kaum mehr als ein heiseres Flüstern.
»Es hätte funktionieren müssen.«
Als Roselius antwortet, ist seine Stimme weicher als zuvor.
»Ich habe sie heute gesehen, Cecil, ihre Frau – beim Fischhändler am Katthavet. Sie erwartet ein Kind. Sie kann ihren Bauch nicht länger verbergen.«
Winge rückt seinen Stuhl zurecht und sieht dem Reepschläger jetzt erstmals ins Gesicht.
»War sie allein?«
Roselius nickt und lehnt sich vor, um die Hand auf Winges Unterarm zu legen, doch der weicht intuitiv aus, und zwar so schnell, dass es ihn selbst verblüfft.
Winge schließt die Augen, um sich wieder zu sammeln. Er hat erneut den Eindruck, als stünde die Zeit still, während er in der Bibliothek seiner Gedanken steht, in der um ihn herum die Bücher stumm aufgereiht sind. Er wählt einen Band von Ovid, schlägt das Buch auf einer wahllosen Seite auf. Omnia mutantur, nihil interit. Alles wandelt sich, aber nichts geht komplett zugrunde. Derlei tröstliche Worte braucht er gerade.
Als er die Augen wieder aufschlägt, verrät sein Blick nicht das geringste Gefühl. Mit Mühe hält er seine zitternden Hände unter Kontrolle, rückt behutsam den Löffel zurecht, schiebt seinen Stuhl zurück und steht vom Tisch auf.
»Ich danke Ihnen für die Suppe und Ihr Mitgefühl, aber rechnen Sie damit, dass ich das Abendessen von nun an in meiner Kammer zu mir nehme.«
Die Stimme des Reepschlägers folgt ihm nach draußen.
»Wenn der Gedanke das eine, die Wirklichkeit aber das andere sagt, muss doch der Gedanke falsch gewesen sein. Wie kann das ausgerechnet Ihnen mit Ihrer humanistischen Ausbildung nicht einsichtig sein?«
Darauf hat Winge keine Antwort, aber indem er davonmarschiert, kann er so tun, als hätte er es nicht gehört.

Auf unsicheren Beinen stolpert Cecil Winge hinaus in den Flur und dann die Treppe hoch zur Kammer, die er seit dem Sommer im Haus des Reepschlägers angemietet hat. Er kommt im Moment sehr leicht außer Atem und muss sich vornübergebeugt an den Türrahmen lehnen.
Vor seinem Fenster erstreckt sich das stille Gut. Die Sonne ist schon vor einer Weile untergegangen. In der Fensterscheibe sieht Winge sein Spiegelbild. Er ist noch keine dreißig, und sein bleiches Gesicht zeichnet sich scharf gegen sein dunkles Haar ab, das er im Nacken zusammengebunden hat. In der Dunkelheit kann er nicht mehr erkennen, wo der Horizont aufhört und das Himmelszelt ansetzt. Erst ein ganzes Stück weiter oben funkeln die Sterne. So ist wohl die Welt – jede Menge Finsternis und nur wenig Licht. Am oberen Rand kann er durch die Scheibe eine Sternschnuppe sehen – einen Strich, der blitzschnell über den Himmel schießt. Als er noch ein kleiner Junge war, durften sie sich immer etwas wünschen, wenn sie eine Sternschnuppe entdeckten. Dem Aberglauben kann er schon lange nichts mehr abgewinnen; dennoch formuliert er einen stummen Wunsch.

Zwischen den Linden im Hof sieht er ein Licht, obgleich kein Besuch mehr erwartet wird. Dann ruft jemand seinen Namen. Er zieht den Rock über, und als er auf die Stimme zuläuft, entdeckt er zwei Gestalten. Roselius’ Magd hält die Laterne. Neben ihr steht ein kleiner, vornübergebeugter Kerl, stützt die Hände auf die Knie, ringt um Atem, und von den Lippen trieft der Speichel. Als Winge näher tritt, drückt ihm die Magd ihre Laterne in die Hand.
»Besuch für den Herrn. In dem Zustand lass ich den aber gewiss nicht rein.«
Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert breitbeinig zurück ins Hauptgebäude, während sie über die Torheit der Welt den Kopf schüttelt. Der Kerl ist jung, hat immer noch eine helle Stimme, und unter all dem Schmutz sind seine Wangen glatt.
»Also?«
»Sind Sie Winge? Cecil Winge, der im Inbetoska arbeitet?«
»Die Polizeikammer ist im Hause Indebetou untergebracht und nirgends sonst. Nichtsdestoweniger: Ja, der bin ich.«
Unter dem schmutzig blonden Haarschopf blinzelt der Junge ihn an. Ohne einen Beweis will er ihm offenbar nicht glauben.
»Auf dem Schlossberg heißt es, der Herr zahlt dem Schnellsten ein Trinkgeld.«
»Ach ja?«
Der Junge kaut auf einer Haarsträhne herum, die aus seiner Kappe gerutscht ist.
»Ich war schneller als die anderen. Jetzt hab ich Seitenstechen und schmecke Blut, und heute Nacht muss ich in nassen Kleidern draußen auf der Straße schlafen. Einen Zwölftelschilling will ich dafür schon haben.«
Der Junge hält den Atem an, als hätte Winge seine Dreistigkeit mit einem Würgegriff gestraft. Doch der wirft ihm nur einen abschätzigen Blick zu.
»Du hast gesagt, es gebe noch andere, die sich auf den Weg hierher gemacht haben. Da muss ich ja nur einen Moment warten, bis die Angebote nur so hereinströmen.«
Er kann regelrecht hören, wie der Junge mit den Zähnen knirscht und sich für seinen Lapsus verflucht. Trotzdem zückt Winge seine Geldbörse, nestelt die gewünschte Münze heraus und hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Heute Abend hast du Glück. Geduld ist nämlich nicht gerade meine Stärke.«
Erleichtert grinst ihn der Junge an. Ihm fehlen zwei Schneidezähne. Blitzschnell schiebt er die Zunge durch die Lücke und leckt sich den Rotz von der Oberlippe.
»Der Kammerdirektor will sich mit dem Herrn unterhalten, und zwar jetzt gleich, in der Yxsmedsgränd.«
Winge nickt und streckt die Hand mit der Münze aus. Der Junge macht ein paar Schritte nach vorn und schnappt sich seine Belohnung. Dann wirbelt er herum, rennt los und springt mit einem so langen Satz über das Mäuerchen, dass er beinahe die Balance verliert.
»Kauf Brot davon«, ruft Winge ihm nach, »und keinen Branntwein!«
Der Junge bleibt stehen. Dann zieht er sich die Hose herunter, dreht Winge die Kehrseite zu, klatscht sich mit der flachen Hand deutlich vernehmbar auf beide Gesäßbacken und ruft über die Schulter: »Noch mehr solcher Botengänge, und ich werde so reich, dass ich mir beides leisten kann!«
Dann lacht er triumphierend und verschwindet im Laufschritt in Richtung Ladugårdslandet. Im Handumdrehen verschlucken ihn die Schatten. Cecil Winge muss unwillkürlich an die Sternschnuppe denken.

Kammerdirektor Johan Gustaf Norlin hat seine Perücke abgelegt, und zwischen Uniformjacke und Hose hängt ein Zipfel seines Nachthemds heraus.
»Cecil. Danke, dass du so kurzfristig kommen konntest.«
Winge nickt und lässt sich auf Norlins Geste hin auf einen Stuhl nieder, den jener neben den Kachelofen gerückt hat.
»Catharina hat schon Kaffee aufgesetzt, und warm wird es auch gleich.«
Dann nimmt der Kammerdirektor erschöpft gegenüber seinem Besucher Platz und räuspert sich, bevor er zur Sache kommt.
»Im Fatburen auf Södermalm ist ein Mann tot aufgefunden worden. Ein paar Kinder haben einen betrunkenen Häscher überreden können, ihn aus dem Wasser zu ziehen. Der Zustand des Toten allerdings … Der Kerl, der mich in Kenntnis gesetzt hat, ist seit knapp zehn Jahren bei der Wache, und in dieser Zeit hat er sicher das Schlimmste gesehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Trotzdem musste er eine Weile zusammengekrümmt und keuchend hier auf meiner Schwelle stehen, um ja sein Abendbrot bei sich zu behalten, während er mir den Zustand der Leiche schilderte.«
»Wenn du denselben Mann meinst wie ich, dann mag sich da auch der Branntwein bemerkbar gemacht haben.«
Keiner der beiden lacht, und Winge reibt sich die müden Augen.
»Johan Gustaf, wir haben uns darauf geeinigt, dass mein jüngster Auftrag für dich auch mein letzter sein sollte. Ich bin der Kammer im vergangenen Jahr gerne behilflich gewesen. Aber es ist höchste Zeit für mich, meine eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«
Norlin steht auf, um den brodelnden Kupferkessel aus dem Nachbarzimmer zu holen, und gießt ihnen zwei Becher Kaffee ein.
»Niemand wäre dir für alles, was du getan hast, dankbarer als ich, Cecil. Ich kann mich nicht an eine einzige Gelegenheit erinnern, bei der du meine Erwartungen als Ermittler nicht übertroffen hättest. So wie du seit dem letzten Winter die Zahlen der Kammer verbessert hast, muss es für einen Außenstehenden aussehen, als hättest du mir einen enormen Dienst erwiesen. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, Cecil … aber habe ich damit nicht auch dir einen Dienst erwiesen?«
Norlin versucht über den Becherrand hinweg, Winges Blick aufzufangen – vergebens. Er nimmt noch einen Schluck und stellt den Becher beiseite.
»Wir waren alle einmal jung, Cecil, hatten das Juridicum gerade hinter uns gelassen und waren begierig darauf, uns im Rechtswesen einen Namen zu machen. Du warst immer der Idealist, hast von uns allen stets am vehementesten für deine Überzeugungen eingestanden und warst willens, dafür jeden Preis zu zahlen. Die wenigsten Fälle, in denen du für mich ermittelt hast, waren deiner Aufmerksamkeit wert! Falschmünzer, die nicht buchstabieren konnten. Ehemänner, die ihre Frauen erschlagen und nicht einmal das Blut vom Hammer gewischt hatten. Gewalttäter und andere Delinquenten, die der Branntwein und der anschließende Kater zur Raserei getrieben hatten. Aber das hier, das ist etwas anderes, das hat keiner von uns beiden je zuvor erlebt. Wenn ich irgendjemand anderen kennen würde, dem ich eine solche Sache anvertrauen könnte, hätte ich nicht lange gefackelt. Aber ich kenne niemand anderen. Und irgendwo dort draußen ist ein Ungeheuer immer noch auf freiem Fuß. Die Leiche ist zur Marienkirche gebracht worden. Tu mir diesen einen Gefallen, und ich werde dich in Zukunft nie wieder um etwas bitten.«

3.
So sauber, wie er sich am Brunnen seines Vetters waschen konnte, und in einem geliehenen frischen Hemd stapft Cardell den Kvarnberget hinab und spuckt braunen Kautabak in die Gosse. Hinter den weiß gekälkten Gebäuden, die bis hinunter zum Gullfjärden an den Hängen stehen, kann er die Stadt auf ihrer Insel und direkt daneben Riddarholmen erahnen. Zusammen bilden sie einen düsteren Koloss, der sich aus dem Mälarsee erhebt und von vereinzelten Lichtern erhellt wird.
Kaum dass er die Gegend hinter sich gelassen hat, bleibt sein Blick an einem Mann mit Pockennarben im Gesicht hängen, der die silberne Erkennungsmarke eines Polizeikonstablers an einer Kette um den Hals trägt.
»Verzeihung, aber Sie wissen nicht zufällig, was mit der Leiche aus dem Fatburen passiert ist? Ich heiße Cardell. Ich hab sie vorhin herausgefischt.«
»Hab schon gehört. Sie sind Stadtknecht, oder nicht? Die Leiche liegt fürs Erste im Beinhaus der Marienkirche. Grausam, ehrlich wahr, so was Schlimmes hab ich wirklich noch nie gesehen. Wenn man bedenkt, wie Sie über die Sache gestolpert sind, sollte man annehmen, dass Sie damit nicht länger zu tun haben wollen. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid. Ich muss weiter, mein Bericht soll bis Sonnenaufgang im Indebetou sein.«
Sie gehen ihrer Wege, und Cardell marschiert weiter durch den taunassen Dreck. Am Fuß des Hügels hat er im Handumdrehen die Kirchenmauer erreicht. Genau wie Cardell selbst ist die Marienkirche ein Krüppel: Im selben Jahr, da er zur Welt gekommen ist, hat sich ein Funke aus einer Backstube zu einer Feuersbrunst ausgewachsen, die zwanzig Straßenzüge tief alles in Schutt und Asche gelegt hat. Der Tessin-Turm stürzte durch das gegipste Deckengewölbe, und bis heute hat er seine Spitze nicht wieder, auch wenn seither gut drei Jahrzehnte vergangen sind.
Jenseits eines Törchens liegt der Friedhof. Die Gräber scheinen stumm zu ihm herüberzuspähen. Dann durchbricht ein unheimliches Geräusch die Stille dieses Ortes, und im Zwielicht braucht Cardell einen Moment, ehe er versteht, was er da hört und dass der Ursprung des Geräusches ein Mensch ist. Erst klingt es, als würde ein Hund unter der Erde kläffen, doch dann entdeckt er in der Reihe, an der sowohl die Ställe als auch die Behelfshütten der Totengräber liegen, eine einsame Gestalt im Kies, die in ein Taschentuch hustet.
Ratlos bleibt Cardell stehen. Er weiß nicht, wo er sich hinwenden soll, als der Unbekannte wieder Herr über seinen Körper wird, auf den Boden spuckt und sich umdreht. Von den Hütten hinter ihm dringt aus einer Fensterluke der Schein einer Laterne, und während Cardell im Gegenlicht rein gar nichts mehr erkennen kann, hat der andere für einen Moment Zeit, die erhellte Gestalt des Häschers zu mustern.
»Sie haben den Toten gefunden. Sie sind Cardell.«
Cardell nickt bloß und wartet, was als Nächstes kommt.
»Der Polizist war sich nicht mehr ganz sicher, aber Cardell ist bestimmt nicht der vollständige Name?«
Cardell zieht den nassen Hut vom Kopf und verbeugt sich steif.
»Wenn es nur so wäre … Jean Michael Cardell. Beim ersten Blick auf seinen Erstgeborenen wurde mein Vater prätentiös. Aber wie Sie sehen, hat es nichts genutzt. Nennen Sie mich Mickel, wie alle anderen auch.«
»Bescheidenheit ist eine Zier. Bedauerlich für Ihren Vater, dass er das nicht wusste.«
Der Schatten macht einen Schritt ins Licht.
»Mein Name ist Cecil Winge.«
Cardell mustert ihn. Er sieht jünger aus, als die kratzige Stimme vermuten ließ. Seine Kleidung macht einen ordentlichen Eindruck, auch wenn sie leicht altmodisch wirkt: schwarzer, eng geschnittener Leibrock mit abgestochenen Schößen und Stehkragen, dezent bestickte Weste, Kniehose aus schwarzem Samt. Das weiße Krawattentuch ist hoch oben am Hals zu einem doppelten Knoten gebunden. Das lange pechschwarze Haar hat er mit einem roten Band im Nacken zusammengezurrt. Seine Haut ist so weiß, dass sie fast leuchtet.
Winge ist zartgliedrig und dünn, beinahe unnatürlich dünn. Er könnte Cardell kaum unähnlicher sein, der seinerseits aussieht wie so viele Männer auf Stockholms Straßen – Männer, die durch Elend und Krieg ihrer Jugend beraubt wurden und vorzeitig gealtert sind. Seine Schultern sind beinahe doppelt so breit wie Winges, unschön spannt die Jacke über seinem muskulösen Rücken, seine Beine sind kräftig wie zwei Baumstämme, und die rechte Faust ist groß wie ein Schweinebug. Die abstehenden Ohren haben allem Anschein nach schon eine Reihe Schläge abbekommen; entlang der Ränder sind die Ohrmuscheln knotig und verdickt.
Cardell hüstelt verlegen, während Winge ihn von Kopf bis Fuß betrachtet, ohne im Geringsten von den Narben auf seinem Gesicht irritiert zu sein. Um seinen größten Makel zu verbergen, dreht Cardell sich instinktiv nach links.
Die ungemütliche Stille, die Winge kein bisschen unangenehm zu sein scheint, treibt die Worte über Cardells Lippen.
»Ich habe den Konstabler oben am Hügel getroffen. Kommen Sie auch vom Indebetou? Von der Polizeikammer?«
»Ja und nein. In der Kammer nehme ich eine Sonderrolle ein. Ich bin Ermittler für besondere Verbrechen. Und selbst, Jean Michael? Was führt Sie zu dieser späten Stunde ins Beinhaus der Marienkirche?«
Als ihm dämmert, dass er auf die Frage keine glaubwürdige Antwort hat, spuckt Cardell einen imaginären Tabakkrümel zu Boden, um Zeit zu schinden.
»Ich habe meine Geldbörse verloren, als ich den Mann an Land gezogen habe. Womöglich ist sie ja noch bei ihm … Nicht dass viel drin gewesen wäre, aber immerhin genug, um einen nächtlichen Spaziergang zu rechtfertigen.«
Winge wartet einen Moment, ehe er reagiert.
»Ich selbst bin hier, um den Toten in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Leiche gewaschen worden. Ich wollte mich gerade mit dem Totengräber unterhalten. Folgen Sie mir, Jean Michael, dann können wir ja sehen, ob wir Ihre Börse finden.«

In seiner Baracke an der Friedhofsmauer hört es der Totengräber klopfen. Er ist schon alt, von kleiner Statur und mit krummen Beinen, geht gebeugt und hat die Andeutung eines Buckels über einem Schulterblatt. Ein deutscher Akzent klingt mit, wenn er spricht.
»Herr Winge?«
»Ja.«
»Mein Name ist Dieter Schwalbe. Sie sind hier, um sich den Toten anzusehen? Sie haben bis Sonnenaufgang Zeit, der Pfarrer will ihn bis zur Morgenmesse unter die Erde bringen.«
»Weisen Sie uns den Weg.«
»Einen Augenblick bitte.«
Schwalbe zündet mithilfe eines Spans zwei Leuchten an und wedelt das Hölzchen wieder aus. Auf dem Tisch streicht sich eine wohlgenährte Katze mit der abgeleckten Pfote über den Kopf. Schwalbe drückt Cardell ein Licht in die Hand, zieht die Tür hinter sich zu und übernimmt hinkend die Führung. Am anderen Ende des Friedhofs steht eine gemauerte Halle. Schwalbe hebt die Hand an den Mund und stößt einen leisen Pfiff aus, bevor er die Tür aufschließt.
»Wegen der Ratten. Besser, ich erschrecke sie, als dass sie mich erschrecken.«
Die Leiche liegt auf einer niedrigen Bahre unter einem Tuch. Es ist kühl hier drinnen, doch unverkennbar hängt der Tod in der Luft.
Der Totengräber deutet hinüber zu einem Eisenhaken in der Wand, wo Cardell seine Laterne einhängen kann. Dann starrt er zu Boden und ringt die schwieligen Hände, während er unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Ihm scheint nicht wohl zu sein in seiner Haut. Winge bedenkt ihn mit einem neugierigen Blick.
»Wäre da noch etwas? Wir haben einiges zu tun und nur wenig Zeit.«
Schwalbe hält den Blick auf den Boden gerichtet.
»Niemand kann hier Gräber ausheben, ohne gewisse Dinge mitzubekommen, die anderen vielleicht entgehen … Die Toten mögen ihre Stimme zwar nicht mehr erheben, aber sie haben andere Mittel und Wege, um sich mitzuteilen. Und der dort auf der Bahre … ist wütend. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist fast, als verwitterte unter seinem Zorn der Mörtel in diesem Gemäuer.«
Was der Totengräber da sagt, beschert Cardell ein mulmiges Gefühl. Er will schon ein Kreuz schlagen, hält aber inne, als er den skeptischen Blick auffängt, mit dem Winge Schwalbe bedenkt.
»Tote zeichnen sich durch die Abwesenheit von Leben aus. Die Seele hat den Körper verlassen. Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, wo genau sie sich befindet, aber hoffen wir einfach, dass sie einen besseren Ort gefunden hat als jenen, den sie hinter sich gelassen hat. Was immer aber übrig bleibt, kennt weder Regen noch Sonne, und nichts von dem, was wir hier tun, kann seine Ruhe stören.«
Was Schwalbe davon hält, kann man ihm an den missmutigen Stirnfalten ansehen. Er zieht die buschigen Augenbrauen kraus und macht noch immer keine Anstalten zu gehen.
»Er sollte nicht namenlos begraben werden. So erschafft man Wiedergänger. Bis Sie seinen tatsächlichen Namen kennen, möchten Sie ihm nicht vielleicht einen anderen geben?«
Winge scheint zu überlegen. Cardell kann sich schon denken, dass dessen Antwort dem reinen Kalkül entspringen wird, denn er will den Totengräber offenbar schnellstmöglich loswerden.
»Ich nehme an, es wäre auch für uns von Vorteil, wenn wir ihm einen Namen gäben. Irgendwelche Vorschläge, Jean Michael?«
Cardell schweigt; er hat nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Der Totengräber räuspert sich taktvoll.
»Nach guter alter Sitte erhalten die Ungetauften den Namen des Königs.«
Cardell schüttelt sich regelrecht. Er speit den Namen aus, als schmeckte er schlecht.
»Gustav? Ist der Tote nicht schon genug gestraft?«
Schwalbe runzelt die Stirn.
Winge dreht sich zu Cardell um.
»Wie wäre es mit Karl?«
Im Angesicht des Todes werden in Cardell alte Erinnerungen wach.
»Ja. Karl. Karl Johan.«
Schwalbe lächelt die beiden an und entblößt dabei eine Reihe brauner Zähne.
»Hervorragend. Und damit gute Nacht – selbst wider besseres Wissen –, Herr Winge und Herr …?«
»Cardell.«
Noch auf der Schwelle dreht Schwalbe sich um und sagt über die Schulter: »Und Herr Karl Johan.«

Sein Gackern folgt dem Totengräber hinaus zwischen die Gräber, während Winge und Cardell allein im Schein der Laterne zurückbleiben. Winge schlägt das Tuch auf einer Seite um, sodass das Bein entblößt daliegt – oder vielmehr der Stumpf. Der Oberschenkel ist vielleicht zwei Handbreit lang. Winge hält einen Augenblick inne und wendet sich dann an Cardell.
»Treten Sie näher, und beschreiben Sie mir, was Sie sehen.«
Der Anblick des Stumpfs, der kaum als menschlicher Körperteil erkennbar ist, kommt Cardell viel schlimmer vor als die Leiche in ihrer Gesamtheit, so wie er sich an sie erinnert.
»Ein Beinstumpf. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«
Winge nickt nachdenklich, sagt aber nichts, und in der Stille kommt Cardell sich dumm vor, was ihn irritiert. Ohne den Blick von Cardells Gesicht abzuwenden, zeigt Winge auf dessen linke Körperhälfte.
»Sie haben selbst eine Gliedmaße eingebüßt.«
Eigentlich weiß Cardell seinen Makel gut zu verbergen. Er hat mehr Stunden mit gewissen Übungen zugebracht, als er zählen könnte. Aus einiger Entfernung geht das helle Buchenholz leicht als Haut durch, und er hat sich angewöhnt, den Arm immer halb hinter dem Rücken zu verschränken. Wenn er nicht gerade ausladende Gesten macht, entgeht sein Gebrechen den meisten, die ihm nicht sonderlich nahestehen, erst recht bei Nacht. Doch diesmal hat er keine andere Wahl, als widerwillig zu nicken.
»Das tut mir leid.«
Cardell schnaubt vernehmlich.
»Ich bin hergekommen, um meine Börse wiederzufinden, nicht, um bemitleidet zu werden.«
»Im Hinblick auf Ihr Missfallen, das sich beim Namen unseres seligen Königs Gustav geäußert hat, nehme ich an, dass Sie den Arm im Krieg verloren haben?« Als Cardell mürrisch nickt, fährt Winge fort: »Ich erwähne es bloß, weil Ihre Sachkenntnis, was Amputationen angeht, meine deutlich übertrifft. Möchten Sie mir nicht den Gefallen erweisen und sich den Stumpf noch einmal genau ansehen?«
Diesmal nimmt Cardell sich mehr Zeit, um die Gliedmaße in Augenschein zu nehmen. Die Antwort liegt so deutlich vor ihm, dass er es schon auf den allerersten Blick hätte sehen müssen.
»Das ist keine frische Wunde. Der Stumpf ist bestens verheilt.«
Winge nickt.
»Völlig richtig. Wenn wir einen Toten in einem derartigen Zustand vor uns sehen, nehmen wir leicht an, dass die Verstümmelungen selbstredend auch die Todesursache seien. Oder aber ein Täter hat entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sein Opfer nach der Tat leichter loswerden zu können. Aber in unserem Fall hier verhält es sich anders, und es würde mich nicht wundern, wenn alle vier Gliedmaßen so aussähen.«
Winge bedeutet ihm, sich auf die andere Seite der Bahre zu stellen. Gemeinsam heben sie das Tuch an und legen es Kante auf Kante zusammen. Die Leiche verströmt einen fauligen, einen erdigen Geruch, bei dem sich Winge spontan das Taschentuch vor das Gesicht presst, während Cardell mit seinem Jackenärmel vorliebnimmt.
Karl Johan fehlen Arme und Beine. Alle viere sind so nah am Rumpf abgenommen worden, wie Messer und Säge Spielraum hatten. Und auch die Augen fehlen; die Augäpfel sind aus den Höhlen entfernt worden. Was von dem Mann übrig ist, wirkt unterernährt. Die Rippen zeichnen sich unter der Haut ab, und der Unterleib ist zwar von Gasen aufgebläht, die selbst den Nabel hinausdrücken, trotzdem sind die Konturen der Hüftknochen erkennbar. Die Brust ist mager und, dem jungen Alter des Mannes entsprechend, schmal. Sie hat nie die Breite eines erwachsenen Mannes erreicht. Die Wangen sind eingesunken. Das Haupthaar ist noch am besten erhalten. Der hellblonde Schopf wurde von frommen Gemeindemitgliedern gewaschen und über dem Rand der Bahre ausgekämmt.
Winge hat inzwischen die Laterne vom Haken genommen, um die Körperteile besser zu beleuchten, die er untersucht, während er langsam um die Bahre herumgeht.
»Im Krieg haben Sie sicher mehr Wasserleichen gesehen, als Ihnen lieb war, Jean Michael?«
Cardell nickt. Er ist an derlei Situationen nicht gewöhnt, an eine so sachliche, rationale Besichtigung eines toten Leibs, und die Nervosität lockert seine Zunge.
»Viele, die wir im Finnischen Meerbusen verloren haben, sind im Herbst zu uns zurückgekommen. Wir haben sie vor den Kaimauern von Sveaborg und unterhalb der Stellungen gefunden. Wer immer das Fieber überlebt hatte, wurde hingeschickt, um sie zu bergen. Dorsche und Krebse hatten sich an ihnen gütlich getan, soweit sie konnten, und manchmal fingen sie an zu zucken – das war das Schlimmste! Da drangen Laute aus ihnen heraus … Die Leiber waren voller Aale, die sich darin fett gefressen hatten und die widerwillig über den Boden schlingerten, als wir der Völlerei ein Ende setzten.«
»Und wie sieht unser Karl Johan im Vergleich dazu aus?«
»Ganz anders. Unsere Toten damals waren blass, leicht schrumpelig und natürlich pudelnass … Karl Johan hat nicht allzu lang im Fatburen gelegen, wenn Sie mich fragen. Womöglich nur einige Stunden. Er muss ziemlich bald nach Einbruch der Dunkelheit ins Wasser geschafft worden sein.«
Winge nickt nachdenklich.
»Wie lang hat es gedauert, bis Ihr Arm verheilt war?«
Cardell sieht Winge für einen Moment reglos an, ehe er sich einen Ruck gibt.
»Gehen wir es ordentlich an. Nur so kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner.«
Winge hilft ihm, den linken Ärmel hochzukrempeln, bis die Schnallen bloß liegen, die das Holz am Ellbogen fixieren. Routiniert lockert Cardell die Riemen, nimmt den Holzarm ab und drückt ihn Winge in die Hand. Dann streckt er den entblößten Stumpf vor.
»Haben Sie schon mal gesehen, wie Menschenfleisch durchschnitten wird?«
»Nicht bei einem Lebenden. Aber ich habe einmal eine anatomische Vorlesung besucht, bei der ein Chirurg einen Frauenkörper seziert hat.«
»Aus dem Lehrbuch war diese Operation hier nicht gerade … Ein zittriger Bootsmann hat mir mit seinem Messer den Unterarm unter dem Ellbogen gekappt. Später musste der Feldscher dann noch ein Stück mehr abnehmen, weil mir der Wundbrand drohte. Der Patient wird mit lederumwickelten Ketten auf dem Bett fixiert, damit er dem Arzt nicht mit Tritten oder Krämpfen in die Quere kommt. Das Weichgewebe wird mit einem Messer entfernt, der Knochen mittels einer Säge. Mit ein bisschen Glück wird einem so viel Branntwein eingeflößt, dass man bewusstlos ist, allerdings wurde mir in der gebotenen Eile ein nüchternes Erlebnis zuteil. Die großen Adern müssen sofort abgeschnürt werden. Wenn aber alles gut geht, wird die Haut über den Stumpf gezogen, und dann wird sie mit Nadel und Faden über dem rohen Fleisch vernäht. Sehen Sie? Die Naht verläuft hier halbmondförmig, man kann sogar noch die Einstichstellen der Nadel erkennen. Sofern der Arm nicht anfängt zu faulen, braucht man nur noch zu warten, bis er wieder nachwächst.«
Er grinst Winge schief an, der aufmerksam gelauscht hat.
»Sie haben den Heilungsprozess besser im Blick gehabt, als man es sich wünschen könnte. Würden Sie bitte versuchen, Karl Johans Amputationen für mich zu datieren?«
»Reichen Sie mir das Licht.«
Diesmal zieht Cardell einen Kreis um den Toten. An jeder Ecke der Bahre beugt er sich stirnrunzelnd nach unten und sieht sich einen Stumpf nach dem anderen an. Mit der Laterne in der gesunden Hand kann er sich nun nicht mehr die Nase zuhalten. Er atmet die faulige Luft flach durch den Mund ein und stoßweise wieder aus.
»Soweit ich es sehe, ist der rechte Arm zuerst dran gewesen. Dann das linke Bein, anschließend der linke Arm, zuletzt das rechte Bein. Schätzungsweise wurde der rechte Arm vor drei Monaten amputiert, vorausgesetzt, dass Karl Johans Wundheilung in etwa so schnell verlief wie bei mir. Das rechte Bein … vielleicht vor einem Monat? Es muss gerade erst vollständig ausgeheilt gewesen sein, als er sich auf seine letzte Schwimmrunde begeben hat.«
»Dann sind dem Mann also schön ordentlich nacheinander die Arme und Beine amputiert worden. Die erste Wunde wurde versorgt, ist verheilt, dann war die nächste Gliedmaße dran. Und auch die Augen fehlen. Außerdem sämtliche Zähne … und die Zunge. Nach den Narben zu urteilen, muss es mit seiner Verwandlung zu dem Wesen, das wir heute vor uns sehen, im Sommer angefangen haben, und vor wenigen Wochen war es abgeschlossen. Der Tod ist vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden eingetreten.«
Bei dem, was Winge da andeutet, stellen sich Cardell die Nackenhaare auf.
Winge klopft mit seinem Daumennagel nachdenklich an seine Schneidezähne, ehe er noch einmal das Wort ergreift.
»Ich nehme an, dass zu dem Zeitpunkt der Tod durchaus willkommen war.«
Er will das Tuch schon wieder über dem Leichnam ausbreiten, hält dann aber noch einen Augenblick inne und reibt nachdenklich den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger.
»Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Jean Michael. Trotz allem scheinen Sie mir die Fähigkeiten unseres Toten als Taschendieb zu überschätzen. Ihre Börse steckt noch immer in Ihrer Tasche. Sie zeichnet sich deutlich unter Ihrer Jacke ab, und überdies habe ich sie sehen können, als Sie sich im Licht vorgebeugt haben. Aber das wissen Sie genauso gut wie ich. Sie haben sich gestern zwar einen ordentlichen Rausch genehmigt, aber allzu viel ist davon nicht mehr übrig.«
Cardell schreckt sichtlich zusammen, und er ärgert sich darüber, dass seine spontane Reaktion die Lüge auch noch entlarvt. Jetzt, da der Rausch in einen Kater umgeschlagen ist, nimmt der Zorn überhand. Außerdem stört ihn Winges nüchterne Haltung gegenüber der Leiche; dabei hat doch er selbst mehr Tote gesehen, als man seinem ärgsten Feind wünscht. Als wäre er abergläubisch, spuckt er über die Schulter.
»Teufel auch, was für ein unangenehmer Mensch Sie sind, Cecil Winge. Kein Wunder, dass Sie sich in der Gesellschaft von Toten so wohlfühlen. Aber lassen Sie mich Ihre scharfsinnige Beobachtung auf die gleiche Art vergelten: Sie essen zu wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich mehr Zeit am Esstisch verbringen und weniger auf dem Abort.«
Winge geht auf die Tirade nicht ein.
»Sie sind aus einem anderen Grund gekommen. Aber darauf müssen wir hier nicht weiter eingehen. Möchten Sie zu Ende bringen, was Sie angefangen haben? Wollen Sie, dass dieser Seele Gerechtigkeit widerfährt? Die Kammer hat mir gewisse Kompetenzen übertragen. Ich wäre Ihnen dankbar für Ihre Hilfe und bin bereit, dafür zu zahlen.«
Winge legt eine kurze Pause ein und blickt Cardell aus großen Augen an. Irgendetwas hat sich darin entzündet, was zuvor nicht zu sehen gewesen war und was Cardell zugleich verängstigt und verwirrt. Aber er spürt auch die Erschöpfung, die ihn von Kopf bis Fuß beschwert, und steht einfach nur ratlos da.
»Es gibt allerdings ein paar Dinge, die Sie wissen sollten. Ich habe mit Kammerdirektor Norlin eine Absprache getroffen: In seinem Auftrag suche ich Karl Johans Mörder. Wie Sie sehen, haben wir es mit einem äußerst eigentümlichen Verbrechen zu tun. Der Täter war kein kleiner Gauner. Denn welche Mittel braucht man, um einen Mann über einen längeren Zeitraum gefangen zu halten und ihn derart zu verstümmeln, ohne dass man entdeckt wird? Überlegen Sie nur, welche Willensstärke dafür nötig ist. Welche Zielstrebigkeit. Wenn wir dieser Sache nachgehen – wer weiß, worauf wir stoßen? Mit jedem Reichstaler, den Sie verdienen, laufen Sie Gefahr, sich Feinde zu machen, und zwar auf beiden Seiten des Gesetzes. Ich sage dies insbesondere, weil Sie das größere Risiko tragen.«
Winge wendet sich kurz ab, blickt in die Ferne.
»Ich bin an Tuberkulose erkrankt. Den Winter überlebe ich nicht mehr. Was immer passiert – Sie werden allein damit umgehen müssen.«
Cardell schlägt die Augen nieder. Er ist Winge gerade erst begegnet, fragt sich aber bereits jetzt, ob bei dem Versuch, die Wunde zu schließen, die Johan Hjelm bei ihm gerissen hat, nicht eine neue Wunde zurückbleiben könnte.
Trotzdem hat er sich entschieden.
»Dann machen wir doch das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt.«

Thriller 2019
Marlow. Signierte Ausgabe

Der siebte Rath-Roman

Berlin, Spätsommer 1935. In der Familie Rath geht jeder seiner Wege. Pflegesohn Fritz marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag, Charly schlägt sich als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin durch, während sich Gereon Rath, mittlerweile zum Oberkommissar befördert, mit den Todesfällen befassen muss, die sonst niemand haben will. Ein tödlicher Verkehrsunfall weckt seinen Jagdinstinkt, obwohl seine Vorgesetzten ihm den Fall entziehen und ihn in eine andere Abteilung versetzen. Es geht um Hermann Göring, der erpresst werden soll, um geheime Akten, Morphium und schmutzige Politik. Und um Charlys Lebenstrauma, den Tod ihres Vaters. Und um den Mann, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte: den Unterweltkönig Johann Marlow.
Hardcover
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Eine andere Geschichte

Marlow, Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin
Sonntag, 28. Juli 1918

Das Gut liegt nicht allzu weit außerhalb der Stadt. Außerhalb von Marlow, einem kleinen, verschlafenen Nest im Mecklenburgischen, das sich nur deshalb Stadt nennen darf, weil es vor Hunderten von Jahren, aus Gründen, an die sich niemand mehr erinnert, irgendwann einmal die Stadtrechte erhalten hat. Das Meer ist nicht weit, doch die meisten Marlower haben es nie gesehen, die wenigsten sind überhaupt je aus ihrem Städtchen hinausgekommen. Bis der Krieg die jungen Männer in alle Himmelsrichtungen getrieben hat. Doch auch von den Soldaten, die Marlow dem Weltkrieg geopfert hat, haben nur die wenigsten das Meer sehen dürfen, der Großteil ist in Eisenbahnwaggons zur Front gekarrt worden, direkt in den Schlamm der Schützengräben, in dem die allermeisten dann auch verreckt sind.

So gesehen hast du Glück gehabt: Obwohl in Marlow geboren, bist du herausgekommen, hast einen großen Teil deiner Jugend am anderen Ende der Welt verbracht, die Zeit danach in der Schweiz, im Internat, und an der Universität. Dann kam der Krieg, auch für dich, doch du hast ihn überlebt, bislang, obwohl an der Ostfront, wohin es dich verschlagen hat, genauso gestorben wird wie an der Westfront.

Und nun hat ausgerechnet der Krieg dich wieder zurückgebracht; deine Sanitätskompanie ist von der Front ins Reservelazarett Pasewalk verlegt worden. Nicht Mecklenburg, sondern Pommern, aber nah genug, dass die Gerüchte dich erreichen konnten. Von der chinesischen Hure in Marlow und ihrem Bastard. Und dass Gott sie in seiner Gerechtigkeit gestraft habe mit einer schlimmen Krankheit.

Schon als du die Geschichte das erste Mal hörtest, hat sie dich elektrisiert, und als du dann nachgefragt hast, jedoch nichts Genaueres in Erfahrung bringen konntest, wusstest du, dass du hinfahren musst. Nach Marlow. Nach Altendorf.

Es ist bereits dunkel, als du das Gut erreichst. Du parkst vor dem Haupthaus und steigst aus dem Automobil. Während du wartest, dass jemand auf dein Klopfen reagiert, lässt du deinen Blick über den Hof wandern, der dir in den ersten Jahren deines Lebens so etwas wie Heimat gewesen ist und den du eigentlich niemals wiedersehen wolltest. So wenig wie du das Land hinter der Küste wiedersehen wolltest. Das Schicksal hält sich nicht immer an solche Pläne. Und der Krieg noch weniger.

Du hörst Schritte, und dann steht der alte Engelke in der Tür, eine Laterne in der Hand, und blinzelt den späten Besucher an. Engelke, der einzige, der Gut Altendorf immer treu geblieben ist, auch in den Jahren, als der Gutsherr in Tsingtau weilte, im Schutzgebiet Kiautschou.

Die Miene des Alten ist unergründlich, nur ein leichtes Zucken der Augenbrauen verrät dir, dass er dich erkannt haben muss, doch ob diese Regung Erschrecken ausdrückt, ob sie Überraschung zeigt oder etwas völlig anderes, vermagst du nicht zu sagen.

Für einen Moment glaubst du, Engelke werde die Tür sofort wieder zuschlagen. Dann aber macht der Alte den Mund auf.

»Der junge Herr! Welche Überraschung! Ich wusste gar nicht, dass Sie …«

»Ist sie hier?«

»Wie meinen?«

»Sie ist hier, nicht wahr? Er hat sie aus Tsingtau mitgebracht! Ich weiß es.«

»Sie sollten mit Ihrem Herrn Vater reden, junger Herr, ich werde …«

Du drängst dich an dem Alten, der vergeblich versucht, dich aufzuhalten, vorbei in die Halle.

»Sag mir, wo sie ist, Engelke! Bring mich zu ihr!«

»Nicht hier, Herr, nicht hier.«

Engelke zerrt dich am Ärmel wieder aus der Halle, ihr verlasst das Haus. Vor der Tür deutet der Diener mit seiner Laterne quer über den Hof, als wäre es ihm peinlich.

Nicht zu glauben. Vater hat sie mit nach Deutschland genommen, doch er lässt sie nicht im Herrenhaus wohnen. Nicht einmal jetzt, wo sie krank ist. Du nimmst dem Alten die Laterne ab und stiefelst zu den Gesindehäusern hinüber, die sich im Mondschatten des Herrenhauses ducken wie schüchterne Kinder. Bevor du das erste Haus erreichst, zerschneidet ein unmenschlich hoher Schrei die Nacht. Du erstarrst für einen Moment, dann läufst du umso schneller, läufst über den Hof, hinüber zu dem kleinen Häuschen, aus dem der Schrei gekommen ist, und stürzt hinein ohne anzuklopfen.

Sie liegt in der Schlafkammer, im Schein einer Petroleumlampe. Ihr Sohn, von dem du schon gehört, den du aber nie gesehen hast, sitzt neben dem Bett und hält ihre Hand, schaut auf, als du den Raum betrittst. Ihr Gesicht glänzt vor Schweiß und ist vom Schmerz gezeichnet. Kaum zu glauben, dass sie gerade einmal Mitte dreißig ist, so zerfurcht wirken ihre Züge, so tief haben sich die Falten in ihre Haut gegraben. Und doch schimmert ihre Schönheit durch all dieses Leid hindurch.

»Du bist es«, sagt sie, und es hört sich an, als traue sie ihren Sinnen nicht.

Ihr Deutsch ist makellos, ohne jeden Akzent, das hat dich früher schon erstaunt. Gleichwohl hat sie es nie geschafft, dir auch nur ein einigermaßen passables Mandarin beizubringen, obwohl genau das ihre Aufgabe war.

Du hast geglaubt, sie nie wiederzusehen, aber vergessen hast du sie nie.

»Chen-Lu«, sagst du und nimmst ihre Hand. »Was ist mit dir? Du bist krank.«

»Entschuldige. Aber manchmal tut es so weh!«

Und ihr schmerzzerfurchtes, schweißglänzendes Gesicht bringt tatsächlich ein Lächeln zustande. Sie schaut den Jungen an. »Geh schlafen, Kuen-Yao«, sagt sie. »Der Mann hier ist ein guter Freund.«

Der Junge schaut dich an, mit einer Mischung aus Misstrauen und Zuneigung. Über seine unergründlich dunklen Augen huscht ein kleiner Schimmer der Hoffnung. Dann steht er auf und verlässt den Raum.

»Dein Sohn?«

Sie nickt.

»Ein hübscher Junge.«

»Nicht wahr?« Sie lächelt. »Ach, Magnus! Ich mache mir Sorgen um ihn. Wer soll sich um ihn kümmern, wenn ich nicht mehr da bin? Er ist erst elf.«

»Red doch nicht so.«

»Doktor Erichsen sagt, man kann es nicht heilen. Es ist in der Leber. Es wuchert überall.«

Du lässt dir dein Erschrecken nicht anmerken. »Warum ist der Doktor nicht hier?«, fragst du. »Welche Medizin gibt er dir?«

Ihr Blick weist zum Nachttisch. Dort liegt ein Röhrchen Aspirin neben einem Wasserglas.

»Das ist ein Witz! Du brauchst stärkere Schmerzmittel.«

»Ach, es hilft doch eh nichts mehr.« Wieder lächelt sie. »Wie schön, dass du hier bist. Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.«

Du nimmst ihre Hand. »Ich bin Arzt«, sagst du. »Das heißt: Noch nicht ganz. Sanitätsfeldwebel, das Studium muss ruhen, wenn das Vaterland ruft. Aber ich weiß, was dir hilft. Ich … Warte!«

Du gehst hinaus zum Auto. In deiner Arzttasche, die du immer mit dir führst, muss noch eine Ampulle sein. Das wichtigste Medikament, das ihr im Krieg habt. Als du in die Stube zurückkehrst, merkst du, dass sie wieder Schmerzen leidet und den Schrei nur mit Mühe unterdrücken kann. Du beeilst dich, die Spritze aufzuziehen. Ihre Haut ist so dünn und durchscheinend, dass du nicht einmal nach der Vene tasten musst. Du kannst förmlich zusehen, wie das Morphin sich in ihrem Körper ausbreitet und den Schmerz vertreibt. Die verkrampften Muskeln lösen sich, die Anspannung weicht aus ihrem Gesicht.

»Es wird alles gut«, sagst du, obwohl du weißt, dass es nicht stimmt.

Sie nickt. Obwohl sie weiß, dass du lügst.

Ihre Gesichtszüge werden immer entspannter, ihr Lächeln so gelöst, dass man meinen könnte, sie sei auf dem Weg der Genesung. Aber das ist sie nicht. Sie spürt lediglich keine Schmerzen mehr.

Mehr kannst du nicht für sie tun. Kann niemand für sie tun. Und Doktor Erichsen, dieser Quacksalber, hat ihr selbst das verweigert. Vielleicht auch nur, weil es ihm niemand bezahlen will. Aspirin! Wie lächerlich! Dieser Dreckskerl hätte Chen-Lu einfach elendig und qualvoll verrecken lassen.

Du streichelst ihr die Stirn und bleibst am Bett sitzen, bis sie in den Schlaf fällt. Bevor du das Haus verlässt, schaust du noch nach dem Jungen. Auch der schläft tief und fest. Wieviel Schlaf die Krankheit den beiden wohl schon geraubt hat?

Du bringst die Arzttasche zurück ins Auto und gehst zum Herrenhaus. Diesmal klopfst du nicht, du öffnest die schwere Tür und gehst hinein, die Laterne leuchtet dir den Weg. Du findest deinen Vater im Salon, die Füße hochgelegt, derweil Engelke ihm gerade Wein nachschenkt.

»Magnus«, sagt er und richtet sich auf, »kommst du doch noch zu mir! Und ich dachte schon, die kleine Hure ist dir wichtiger als der eigene Vater.«

Du fragst dich, ob der Alte immer schon so zynisch und verbittert war oder ob ihn erst der Tod seiner Frau, nur wenige Monate nach eurem Eintreffen in China, zu dem misanthropischen Ekel gemacht hat, das jetzt vor dir sitzt. Das letzte Mal gesehen hast du ihn vor zehn Jahren ungefähr. Im Schutzgebiet, im Hafen von Tsingtau. Friedrich Larsen winkte nicht einmal, als sein Ältester an Bord des Dampfers ging, der ihn zurück nach Europa und ins Internat bringen sollte, weit weg von jeglicher Versuchung, weit weg von der jungen Frau, in die sich der Sechzehnjährige bis über beide Ohren verliebt hatte.

Vielleicht ist Vater tatsächlich beleidigt, dass sein Ältester ihn seither niemals besucht hat. Nicht einmal, als der kaiserliche Forstinspektor Friedrich Larsen wenige Monate nach Kriegsausbruch von japanischen Truppen aus dem Schutzgebiet vertrieben wurde und nach Mecklenburg zurückkehren musste. Das alles hast du erst viele Monate später aus einem knapp gehaltenen Feldpostbrief erfahren. Auch, dass deine Brüder inzwischen eingezogen waren. Nach wenigen Monaten gefallen sind. Aber dass sie Chen-Lu mit nach Deutschland genommen haben, das hat dir der Alte verschwiegen.

Und jetzt sitzt er da und trinkt, gibt unflätige Bemerkungen von sich, trinkt und lacht, während nebenan ein Mensch dem Tod entgegensieht.

»Warum bringt ihr sie nicht ins Herrenhaus? Warum ist Doktor Erichsen nicht hier? Sie hat Schmerzen!«

»Ins Herrenhaus? Mein Gott, Magnus, sie ist keine Larsen, sie ist eine Bedienstete. Natürlich bleibt sie im Gesindehaus. Ihr Geschrei ist auch so schon laut genug.«

»Sie liegt im Sterben, verdammt!«

»So ist das eben. Wenn der Herr beschlossen hat, eines seiner Schäfchen zu sich zu holen, was kann der Mensch da …«

»Halt deinen Mund, ich kann dein bigottes Gerede nicht ertragen! Redest du so auch über deine Söhne, die im Krieg geblieben sind?«

Friedrich Larsen erhebt sich aus seinem Sessel und greift zu einem Krückstock. Das Gehen fällt ihm schwer.

»Bigott?«, sagt er, als er vor seinem Ältesten steht. »Wer hat sich denn all die Jahre um sie gekümmert? Hat den Scherbenhaufen zusammengekittet, den der liebe Herr Sohn hinterlassen hat?«

»Du hast mich weggeschickt! Ans andere Ende der Welt!«

Der Alte tritt ganz nah an dich heran, so nah, dass du den Alkohol riechen kannst.

»Wenn dir immer noch so viel an der kleinen Hure liegt«, zischt Friedrich Larsen, »dann kümmere dich doch selbst um sie. Und ihren kleinen Bastard. Aber dieses Haus betrittst du nie wieder! Verstanden?« Und damit weist er zur Tür. »Geh! Verschwinde! Ich will dich nicht mehr sehen.«

Du drehst um und würdigst deinen Vater keines weiteren Blickes.

Du weißt, du wirst dein Elternhaus nie wieder betreten. Du weißt, du wirst wiederkommen.



Erster Teil

Samstag, 24. August, bis Samstag, 31. August 1935


1

Als Gerhard Brunner aus dem Bahnhof trat und in den wolkenbetupften Spätsommerhimmel blickte, fühlte er sich, als sei er gerade erst in der Stadt angekommen. Und ein bisschen so war es ja auch: Der Mann, der da auf dem Askanischen Platz stand, wie aus dem Ei gepellt in seinem sommerhellen Dreiteiler, sah völlig anders aus als der, der den Bahnhof gut zehn Minuten zuvor betreten hatte. Brunner genoss dieses Gefühl. Ein anderer zu sein. Vielleicht hatten sie ihn auch deshalb für diese Aufgabe ausgewählt. Weil er es liebte, in die Haut eines anderen zu schlüpfen, weil er es so glaubhaft erscheinen ließ, ein anderer zu sein. Dass er einen Schlag bei Frauen hatte, spielte natürlich auch eine Rolle. Aber das Entscheidende war die absolute Vertrauenswürdigkeit, die er ausstrahlte.

Auch Irene vertraute ihm, und das war das Wichtigste, wichtiger noch als ihre Liebe, die allein nichts ausgerichtet hätte. Liebe machte blind, aber sie löste niemandem die Zunge, das vermochte allein das Vertrauen. Brunner hatte viel Zeit und Geduld investiert, um Irenes Vertrauen zu gewinnen, und jetzt zahlte sich das endlich aus. Führte aber auch zu ungeahnten Schwierigkeiten. Bei ihrem letzten Treffen hatte sie tatsächlich das Thema Heirat angesprochen, vorsichtig zwar, aber unmissverständlich. So war das wohl in der heutigen Zeit, in der Frauen sich nicht schämten, auch selbst die Initiative zu ergreifen. Er war nicht darauf eingegangen, aber er hatte die Sache am nächsten Tag gleich mit seinem Vorgesetzten besprochen, und der hatte sich bereiterklärt, die nötige Summe für einen Verlobungsring bereitzustellen. Eine Investition, die sich auszahlen dürfte. Die Frage war nur, wie lange Brunner die Hochzeit würde hinauszögern können. Denn dazu war er, bei aller Liebe, nun doch nicht bereit.

Er kramte ein paar Münzen aus seinem Portemonnaie. Von einer der Blumenfrauen, die im Schatten der Vorhalle ihre Ware feilboten, erstand er einen hübschen Strauß roter Rosen, dann machte er sich, die Blumen in der Hand, die Aktentasche unterm Arm, auf den Weg zum Taxistand.

Der Lindwurm der wartenden Kraftdroschken glänzte in der Sonne. Brunner steuerte den ersten Wagen in der Reihe an, doch dessen Fahrer winkte ab, der zweite ebenso, der dritte wickelte gerade eine Stulle aus dem Butterbrotpapier und bedachte den an die Scheibe klopfenden Fahrgast mit einem Achselzucken. Berliner Taxifahrer waren eigen, diese Erfahrung hatte Brunner schon oft genug machen dürfen: Wenn sie eine Pause einlegen wollten, dann machten sie die und ließen sich dafür im Zweifel sogar eine Fuhre durch die Lappen gehen.

Weiter hinten in der Reihe stand ein Chauffeur neben seiner Kraftdroschke und winkte. Na also, dachte Brunner. Der Mann wirkte trotz seiner einladenden Geste zwar nicht gerade freundlich, doch war Freundlichkeit auch eine Gabe, die man von einem Berliner Taxifahrer nicht unbedingt erwarten durfte. Hilfsbereit war der Mann gleichwohl, er lüftete seine Chauffeursmütze und öffnete dem Fahrgast beflissen die Tür. Brunner warf die Aktentasche in den Fußraum und ließ sich in die Lederpolster fallen. Den Blumenstrauß legte er neben sich auf die Rückbank.

»Wilmersdorf«, sagte er, als der Taxifahrer hinter dem Steuer saß. »Rüdesheimer Platz.«

Der Fahrer nickte, startete den Motor und legte den Gang ein. Brunner lehnte sich zurück, nestelte eine Ernte 23 aus der Schachtel und steckte sie an.

Gemächlich zockelte das Taxi die Möckernstraße hinunter, in einem Schneckentempo, das Brunner nervös machte. Er hatte es wirklich nicht eilig, nicht sonderlich jedenfalls, doch ein solches Geschleiche konnte er einfach nicht ertragen. Normalerweise hetzten Berliner Taxifahrer durch die Straßen ihrer Stadt, als seien sie auf der Flucht, doch dieser hier fuhr, als wäre er auf dem Weg zu seinem Zahnarzt und wolle am liebsten niemals ankommen.

Brunner klopfte gegen die Trennscheibe. »Drücken Sie ruhig mal ein bisschen auf die Tube«, sagte er, im freundlichsten Tonfall, zu dem er trotz seiner Gereiztheit imstande war. »Soll Ihr Schaden nicht sein.«

Der Fahrer reagierte nicht. Weder sagte er etwas, noch fuhr er schneller. Mit sturem Blick unterquerte er die Hochbahn am Landwehrkanal. Die Fahrbahn der Möckernbrücke vor ihnen war völlig frei und bot keinerlei Anlass, sie mit höchstens zwanzig Stundenkilometern zu überqueren. Sie wurden so langsam, dass sie sogar von einem Radfahrer überholt wurden, dann von einer anderen Kraftdroschke, und Brunner wünschte sich, er säße im überholenden Taxi und nicht in diesem. Warum nur war er ausgerechnet an diesen Lahmarsch geraten? Irene konnte ruhig eine Weile warten, so etwas schadete nicht, er wusste, dass sie ihn umso inniger empfangen würde, wenn er sich ein wenig verspätete. Wichtiger war es, die Post noch rechtzeitig vor der nächsten Leerung am Rüdesheimer Platz einzuwerfen. Er nutzte den Briefkasten dort, so oft es ging; die Kästen in der Nähe des Büros und rund um den Anhalter Bahnhof waren nicht sicher. Das Forschungsamt hörte nicht nur Telefone ab.

»Haben Sie Petersilie in den Ohren, Mann?«, herrschte er den Fahrer an. »Nun fahren Sie schon schneller! Wofür bezahle ich Sie eigentlich?«

Der Fahrer drehte sich kurz um und schaute ihn an, wachsbleich im Gesicht, Schweißperlen auf der Stirn, dabei war es gar nicht mehr warm, die Sonne war hinter den Wolken verschwunden.

»Oder geht es Ihnen nicht gut?«, fragte Brunner.

»Wie?«

Die Stimme des Fahrers klang heiser und, ganz im Gegensatz zu seiner Fahrweise, seltsam gehetzt, fast hektisch.

»Sie sehen krank aus. Wenn Sie sich nicht wohl fühlen, fahren Sie doch rechts ran und ruhen sich aus. Ich finde schon eine andere Taxe.«

»Nein, nein!«

Der Fahrer schüttelte den Kopf, derart energisch, als könne er sich alles vorstellen, nur eines nicht: rechts ranzufahren und seinen Fahrgast wieder aussteigen zu lassen.

Und endlich, endlich gab er nun Gas. Das Taxi beschleunigte spürbar, Brunner wurde in den Sitz gedrückt. Sie wurden schneller und schneller. Der Taxifahrer schaltete hoch und trat das Gaspedal durch. In halsbrecherischem Tempo rasten sie die Möckernstraße hinunter, dass die Bäume am Straßenrand nur so an ihnen vorbeiflogen. Instinktiv hielt Brunner seinen Hut fest, obwohl das Verdeck geschlossen war. An was für einen Fahrer war er hier verdammt noch mal geraten? Schnecke oder Windhund, und dazwischen gab es nichts?

Die Ampel an der Yorckstraße kam in Sicht. Sie sprang gerade auf Rot um, doch der Fahrer machte keinerlei Anstalten, sein Tempo zu verringern.

»Bremsen Sie, Mann! Wir haben Rot!«

Brunner klang panischer, als er wollte, er war dabei, die Beherrschung zu verlieren. Er trat mit seinem Fuß auf eine Bremse, die gar nicht da war, als könne er den Wagen so zum Stehen bringen, doch der überfuhr die rote Ampel und bog auf die Yorckstraße. Autos hupten, es grenzte an ein Wunder, dass sie mit keinem anderen Fahrzeug kollidierten.

Brunners Erleichterung darüber währte nur kurz, denn sein Fahrer gab wieder Gas und raste auf die Yorckbrücken zu. Die Panik kehrte in dem Moment zurück, als Brunner merkte, dass sie die Rechtskurve niemals schaffen würden, die sie nehmen mussten, um dem Verlauf der Straße zu folgen. Der Fahrer machte nicht einmal Anstalten, die Kurve zu fahren, stattdessen steuerte er das Taxi quer über den Fahrdamm durch den Gegenverkehr, löste ein weiteres Hupkonzert aus und nötigte einen Passanten auf dem Gehweg zum Hechtsprung.

»Bremsen Sie doch, Mann! Sind Sie wahnsinnig?«

Brunners Stimme überschlug sich, doch der Fahrer antwortete nicht. Und er bremste nicht. Saß mit weit aufgerissenen Augen und verzerrtem Gesichtsausdruck hinter dem Lenkrad, das er festhielt wie im Krampf und keinen Millimeter bewegte. Bevor Brunner sich erklären konnte, was zum Teufel da gerade passierte, spürte er den Schlag, den der Bordstein ihrem Taxi versetzte, und dann sah er auch schon die Mauer auf sich zukommen, eine jener gelb-roten preußischen Klinkermauern, die er so hasste und von denen es in dieser Stadt so viele gab. Er öffnete die Tür, als gebe es noch irgendein Entkommen, obwohl er ahnte, dass es bereits zu spät war. Den Türgriff in der Hand wandte er den Blick von der heranrasenden Mauer im letzten Moment ab, als könne er das unerbittliche Schicksal durch Wegschauen doch noch besiegen. Das Letzte, was er in seinem Leben sehen sollte, war der Blumenstrauß auf dem Rücksitz, der ihm einen eigentümlichen Trost spendete.


2

Es war einfach nur ekelhaft.

Charly wollte eigentlich gar nicht hinsehen, aber der rote Schaukasten befand sich nun einmal direkt gegenüber der Volksbadeanstalt, und in der Spiegelung des Glases konnte sie unauffällig beobachten, was auf der anderen Straßenseite geschah.

Hinter dem Glas jedoch hing die aktuelle Ausgabe des Stürmer aus, und die dicken Buchstaben der Schlagzeilen und der antisemitischen Parolen sprangen sie an wie kleine Vampire, die ihre giftigen Zähne in ihre Gedanken schlagen wollten.

Wer gegen den Juden kämpft, ringt mit dem Teufel!

Geht nur zu deutschen Ärzten und Rechtsanwälten!

Ohne Lösung der Judenfrage keine Erlösung des deutschen Volkes!

Es war wie bei einem schrecklichen Verkehrsunfall: Sie schaute hin, obwohl sie eigentlich nicht hinsehen wollte.

Las die Schlagzeile. Jud Rennert – Der Rassenschänder in Mannheim – Wie er die Notlage einer deutschen Frau ausnützen wollte – Vom Schäferstündchen ins Konzentrationslager

Und dann die Karikatur auf der Titelseite, die einen mit allen antisemitischen Klischees ausgestatteten unrasierten und offensichtlich wollüstigen Juden an der Hotelrezeption zeigte, in Begleitung einer deutlich jüngeren blonden Frau, und darunter den Text: Keine Angst, Kindchen, lass mer nur machen, a Hotel is schließlich ka Rasseforschungsinstitut, es genügt hinzuschreiben »verheiratet« und es Paradies steht uns offen.

Neben Charly standen Menschen, die diesen antisemitischen, pornographischen und denunziatorischen Schund wirklich lasen und offensichtlich ernst nahmen. Mit zustimmendem Nicken Artikel für Artikel lasen. Und das im roten Wedding.

Da endlich kam die Frau, auf die sie gewartet hatte. Pünktlich wie jeden Sonnabend. Dunkelblauer Rock, grüner Hut. Ging die backsteinerne Fassade entlang, deren strenge Architektur auf den ersten Blick an ein Gefängnis erinnerte, hinter der sich jedoch, wie die Buchstaben über den beiden Eingängen verrieten, die Volksbadeanstalt Wedding verbarg. Verschwand dann im Gebäude, nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte.

Charly wartete einen Moment, bevor sie hinüberging. Ganz wohl war ihr nicht bei der Sache, zu groß war die Gefahr entdeckt zu werden, doch ihr Klient bestand darauf. Nachdem sie im Stillen und mit geschlossenen Augen einmal bis hundert gezählt hatte, überquerte sie die Straße und betrat die Badeanstalt durch den rechten Eingang, den für die Damen. Eine unangenehme Schwüle und ein stechender Geruch empfingen sie. Und eine ganz in weiß gekleidete Frau, die im Kassenkabuff saß und ihr ebenso erwartungsvoll wie unfreundlich entgegenblickte.

»Einmal bitte«, sagte Charly und zückte ihr Portemonnaie.

»Einmal wat? Schwimmen? Baden? Brausen?«

Die Frau hinter der Glasscheibe erinnerte mit ihrer stämmigen Gestalt eher an eine Gefängniswärterin als an eine Bademeisterin. Und so hörte sie sich auch an.

»Muss ich das hier entscheiden?«, fragte Charly. »Kann ich nicht einfach rein?«

»Kommt drauf an, wieviel Jeld Sie ausjeben wollen. Schwimmhalle is teurer als Wannenbad, Wannenbad teurer als Brausebad. Aber bei Schwimmhalle is Brause inklusive. Ohne Abbrausen dürfen Se jar nich ins Wasser.«

»Soso.«

»Und? Wat darf’s denn sein?«

»Das ist mir jetzt irgendwie peinlich.« Charly schaute sich um, als sei sie noch nie in ihrem Leben in einer Badeanstalt gewesen. »Aber ich bin mit einer Freundin hier verabredet … Weiß nur nicht genau wo.«

Die Frau an der Kasse sagte nichts, sie guckte nur streng.

»Martha müsste vor wenigen Augenblicken erst gekommen sein«, fuhr Charly fort, »hab sie noch hier reingehen sehen. Hab auch gerufen, aber da war sie schon drinne.« Sie schaute sich um. »Und nun ist sie nirgends zu sehen.«

»Jerade eben hier rin?« Ein kleiner Schleier des Misstrauens huschte über das Gesicht der Frau; sie schaute Charly prüfend an, ehe sie antwortete. »Is Ihre Freundin so ’ne hübsche Blonde?«

Charly nickte und lächelte.

»Die kommt jeden Sonnabend.« Die Kassenfrau riss eine Karte von der Rolle. »Einmal Wannenbad also. Um zusammen zu baden, dafür sind Se aber zu spät. Ick könnte Ihnen die Kabine nebenan jeben.«

»Das wäre nett.«

»Brauchen Se ’n Handtuch?«

»Äh, ja … bitte.«

»Denn macht det dreißich Pfennije.«

»Bitte.« Charly legte die Münzen in die Durchreiche und bekam im Gegenzug ein weißes Handtuch, eine Eintrittskarte und einen Schlüssel, der mit einer Nummer versehen war.

»Kabine hundertfuffzehn, erstet Oberjeschoss. Die Kollegin zeicht Ihnen den Weg. Is direktemang neben Ihre Freundin. Da können Se sich wenigstens unterhalten, während Se im Wasser liegen.«

Mit dem Handtuch auf dem Arm war Charly schon unterwegs zum Treppenhaus, als sie noch einmal gerufen wurde.

»Frollein?«

»Ja?«. Sie drehte sich um.

»Kenn ick Sie nich irjendwoher?« Die Frau an der Kasse musterte sie eindringlich. »Na sicher, Sie sind bei Blum und Scherer, nich wahr? Anwaltsjehilfin, stimmt’s?«

Charly fühlte sich ertappt, aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie nickte. Und lächelte.

»War mal bei Ihnen«, fuhr die Kassenfrau fort. »Wejen unsere Mieterhöhung. Wissen Se noch? Der Doktor Scherer hat uns da sehr jeholfen.«

»Freut mich.«

»Jrüßen Se man schön, den Herrn Doktor.«

»Gerne. Von Frau …«

»Schwaak. Else Schwaak.« Sie lächelte. »Kommen Se nächstes Mal zusammen mit Ihre Freundin, dann kriegen Se ’ne jemeinsame Kabine. Spart baret Jeld.«

Sie zwinkerte verschwörerisch, als habe sie gerade Geheimwissen verraten.

Charly drehte wieder um. Als sie die Treppen hochstieg, endlich außer Sichtweite der Kassenfrau, fluchte sie leise vor sich hin. Das war nur passiert, weil diese dämliche Observierung sie in die Nähe der Kanzlei führte! Ausgerechnet einer Mandantin von Blum & Scherer über den Weg zu laufen!

Die Bademeisterin, die sie oben empfing, die Karte kontrollierte und ihr die richtige Kabine zuwies, war weniger redselig. Dafür jünger und hübscher als ihre Kollegin an der Kasse.

»Ick klopfe, wenn Ihre Zeit abjeloofen is. Denn haben Se noch fünf Minuten.«

Das war alles, was sie sagte, als sie Kabine 115 öffnete.

Charly nickte und schloss ab. Während das Wasser in die Wanne lief, schaute sie sich um. Einfache Holzwände trennten die Badekabinen voneinander, Wände, die nicht zum Boden reichten, sondern aufgeständert waren und eine Lücke von einigen Zentimetern ließen, damit man den Fliesenboden besser wischen konnte.

Das einlaufende Wasser machte anständig Lärm. Charly hockte sich auf den Boden und lugte durch den Spalt zu ihrer Linken. Auf dem hölzernen Hocker neben der Wanne lagen ordentlich gefaltete Kleidungsstücke. Sie erkannte den dunkelblauen Rock wieder, den sie eben noch im spiegelnden Glas des Stürmerkastens gesehen hatte. Bis der Rock mit seiner Trägerin im Volksbad verschwunden war, wie jeden Sonnabend. Was Charly bereits gewusst hatte, bevor es die Kassenfrau ihr verraten hatte.

Die Sonnabendnachmittage waren die einzigen dunklen Flecken, die es im Leben von Martha Döring noch gab. Ansonsten wussten sie mehr oder weniger lückenlos Bescheid über den Alltag und die Gewohnheiten der Frau, einer hübschen Mitdreißigerin. Über eine Stunde verbrachte sie jeden Sonnabend in der Badeanstalt, und niemand wusste, was sie dort tat. Dass sie ausgerechnet dort den heimlichen Liebhaber traf, dessen Siegmund Döring, ihr Ehemann, sie verdächtigte und dessentwegen er die Detektei Böhm engagiert hatte, das hielten weder Charly noch ihr Chef Wilhelm Böhm für wahrscheinlich, so streng wurden die Geschlechter hier voneinander getrennt; es gab sogar zwei Schwimmhallen, eine große für die Herren, eine kleinere für die Damen. Deswegen hatten sie bei ihren bisherigen Observierungen immer geduldig im Café gegenüber gewartet, bis Martha Döring wieder aus der Badeanstalt gekommen war, und hatten die Beobachtung erst dann wieder aufgenommen.

Doch das reichte Siegmund Döring nicht. Bei seinem jüngsten Besuch hatte der eifersüchtige Ehemann darauf bestanden, seiner Frau ins Bad zu folgen, also hatte Charly diese Aufgabe übernommen.

Sie holte die kleine Kamera aus der Handtasche und ihren Schminkspiegel, legte den Spiegel auf den Boden und probierte so lange herum, bis der Winkel stimmte und sie die Nachbarkabine, den Stuhl mit der Kleidung und die Kabinentür im Blick hatte, ohne sich auf den Boden hocken zu müssen. Dann setzte sie sich auf den Wannenrand und spannte die Kamera.

Charly kam sich schäbig vor, aber was sollte sie tun? Sie hatte die Spesenrechnung um dreißig Pfennige erhöht, nun brauchte sie auch Beweismaterial. Und wenn es eben der Beweis wäre, dass Martha Döring sich einmal in der Woche ausgiebig ihrer Körperpflege widmete. Vielleicht gab ihr eifersüchtiger Klient dann endlich Ruhe. Charly fand den Kerl unerträglich, aber Männer wie Siegmund Döring brachten der Detektei Böhm nun einmal das Geld.

Die Wanne war beinahe voll, und Charly drehte den Wasserhahn zu. Das Nachplätschern der letzten Tropfen erinnerte sie daran, dass es ratsam wäre, ein paar Geräusche zu machen, die vortäuschten, dass auch in Kabine 115 jemand in der Wanne lag. Sie zog Schuhe und Strümpfe aus und planschte ein wenig herum. Danach musste sie erst einmal das Kameraobjektiv wieder freiwischen. Auch der Spiegel auf dem Boden war beschlagen.

Sie lauschte. Aus der linken Kabine war leises Plätschern zu hören und noch leiseres Summen. Martha Döring schien sich wohlzufühlen. Und Charly saß in der Kabine nebenan auf dem Wannenrand, in der Hand einen Fotoapparat, und fühlte sich völlig fehl am Platz. Vielleicht wäre es sinnvoller, die gut zwanzig Minuten, die ihr noch blieben, für ein Wannenbad zu nutzen und den Fotoapparat wieder einzupacken.

Die warme feuchte Luft machte sie schläfrig, bis ein Klopfen sie hochschrecken ließ. War ihre Zeit etwa schon abgelaufen? Nein, das kam von nebenan, in der Nachbarkabine regte sich etwas. Sie hörte ein Poltern und Plätschern: Martha Döring stieg aus der Wanne.

Charly schaute in den Schminkspiegel und konnte nasse nackte Beine sehen. Hörte, wie der Riegel zurückgeschoben wurde, sah, wie die Tür sich öffnete, dann ein weiteres Paar Beine, Stoffschuhe mit Gummisohle, den Saum eines weißen Kittels. Sie rutschte vom Wannenrand, versuchte, einen günstigeren Blickwinkel zu finden, um das Gesicht der Besucherin zu erkennen. Es war dieselbe Bademeisterin, die ihr die Kabine zugewiesen hatte.

Musste man hier nachlösen, wenn man zu lange badete? Das fragte sich Charly noch, da sah sie, wie die Bademeisterin die Kabinentür wieder zuzog und verriegelte. Von innen.

Die nackten Füße und die weiß beschuhten standen sich für eine Weile gegenüber. Charly lauschte angestrengt, doch kein Wort wurde gesprochen. Sie brachte die Kamera in Anschlag.

Und sah durch den Sucher, was die beiden Frauen machten.

Es war nicht das, was Charly erwartet hatte. Eigentlich hatte sie überhaupt nichts erwartet an diesem Ort. Hatte den Fall für abgeschlossen gehalten, die Eifersucht ihres Klienten für krankhaft und seinen Verdacht für Einbildung. Aber es war keine Einbildung. Martha Döring betrog ihren Siegmund tatsächlich. Allerdings nicht mit einem anderen Mann.

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Die Akte RosenrotDie Akte Rosenrot

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»Ich habe die Wut gespürt, die seinen Wahn nährt. Kein Stolz, kein Hochmut, wie sein mörderischer Vorgänger. Nur unberechenbare Wut.«Ibsen BachZwei Regierungsstädte.Zwei grausame Verbrechen.Ein dunkles Geheimnis.Eiskalt und tödlich.Ibsen ist nur noch ein Schatten des einst so brillanten und geschätzten Profilers Ibsen Bach, seit ihm vor fünf Jahren ein Unfall seine Frau Lara nahm und seine Karriere beendete. Mit den Folgen seiner Verletzungen kämpfend pflegt er im Innenministerium in Berlin Daten ein. Eines Tages wird am Tatort eines grausamen Verbrechens eine Postkarte für Ibsen gefunden, die Bezug nimmt auf eine Reihe von Morden, die einige Jahre zuvor in Berlin begangen wurden. Ibsen wird in den aktiven Polizeidienst zurückgeholt. Gleichzeitig recherchiert die Russin Leonela Sorokin, eine investigative Bloggerin in Moskau, in einer alten Vermisstensache und sticht in ein Wespennest, denn beide Fälle sind durch dasselbe dunkle Geheimnis verbunden …Der Thriller »Die Akte Rosenrot« von Bestseller-Autorin Astrid Korten ist der Auftakt zu einer Serie um den Ermittler Ibsen Bach.
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