Der Traum von Segeln in Bildern
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Mittwoch, 06. August 2014 von Piper Verlag


Der Traum von Segeln in Bildern

Die schönsten Bilder der Weltumseglung.

© Heike Dorsch


Blick ins Buch
BlauwasserlebenBlauwasserleben

Eine Weltumsegelung, die zum Albtraum wurde

mit Regina Carstensen

Weltweit sorgte sie für Schlagzeilen: die mysteriöse Ermordung des jungen deutschen Weltumseglers Stefan Ramin im Dschungel der Südseeinsel Nuku Hiva. Ein Jahr später erzählt seine Lebensgefährtin Heike Dorsch vom gemeinsamen Abenteurerleben auf allen Ozeanen, von Verlust und Trauer und ihrem eigenen Kampf ums Überleben.

Warum ich dieses Buch schreibe?

 

Im Jahr 2004 ließ ich zum ersten Mal alles hinter mir. Ich folgte Stefan, meiner großen Liebe, nach Singapur, mit dem Plan, so bald wie möglich gemeinsam in See zu stechen. Unser Ziel? Ganz einfach: ein Leben auf dem Meer und an den schönsten Küsten der Welt; das Blauwasserleben, von dem wir schon so lange geträumt hatten.
Zehn Jahre zuvor hatte ich Stefan während eines Auslandssemesters in Schweden kennengelernt. Schnell wurden wir ein Paar. Er, der leidenschaftliche Segler aus Norddeutschland, der sechs Jahre zuvor, mit sechzehn, vom Vater sein erstes Boot geschenkt bekommen hatte, und ich, die zwanzigjährige Estenfelderin, die zwar mit ihren Eltern den einen oder anderen Urlaub am Meer verbracht hatte, als befahrbares Gewässer aber eher den Main als die Ozeane der Welt im Blick hatte. Doch Stefan steckte mich auf Anhieb mit seiner Begeisterung für den Wassersport an – wie er jeden mit seiner Begeisterung anstecken konnte. Bald schon waren wir unzertrennlich, trotz der Entfernungen, die unsere unterschiedlichen Karrierewege mit sich brachten. Als »Business-Nomaden« würde man uns heute wohl bezeichnen, das »Hundert-Prozent-aus-dem-Koffer-Konzept« nannte Stefan es.
Als wir 2004 endlich gemeinsam an einem Ort lebten, unternahmen Stefan und ich fast jedes Wochenende Reisen durch Südostasien. Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar. Das hieß für Stefan oft, freitags nach der Arbeit direkt zum Flughafen, das Jackett wurde im Büro gelassen, die Anzughose in der Flughafentoilette gegen Shorts getauscht, und das nächste Abenteuer konnte beginnen. Meine Kamera glühte, alles hielten wir fest, um es mit Freunden und Familie in der Ferne zu teilen. Sonntagnacht kamen wir dann sehr spät zurück, manchmal erst Montagmorgen, und Stefan musste direkt ins Büro düsen, gerade noch rechtzeitig zum ersten Meeting.

 

Im Jahr 2008 war es dann so weit: der zweite große Aufbruch, mit dem unser Traum vom Leben auf den Ozeanen wahr wurde. Weil wir auf unserer Weltumsegelung den Kontakt zu Freunden und Familie um keinen Preis verlieren wollten, beschlossen wir, in einem Internetlogbuch von unseren Erlebnissen zu berichten. Was uns am meisten überraschte: Von Tag zu Tag wuchs die Zahl der Leser, die durch Zufall auf unser Abenteuer aufmerksam wurden. Bald schon bekamen wir E-Mails von Menschen, die wir gar nicht kannten, die sich dafür bedankten, dass sie an unserem Traum so lebhaft teilhaben konnten.
Die Idee, ein Buch über unsere Reisen zu schreiben, reicht fast genauso lang zurück wie unsere Idee, ein Boot zu unserem Zuhause zu machen. Je öfter wir darüber nachdachten, was wir später einmal tun wollten, desto klarer wurde uns, dass wir Diavorträge über unsere Abenteuer halten würden – waren wir doch beide begeisterte Fotografen, und Stefan liebte nichts mehr, als Geschichten zu erzählen. Und natürlich verschlangen wir auf unserer Reise die Berichte anderer Segler. Auf langen Segelpassagen unter sternenklarem Himmel diskutierten wir, wie unser »Projekt Buch« Gestalt annehmen könnte. Auf jeden Fall wollten wir uns Zeit damit lassen und so viele schöne Fotos und Geschichten sammeln wie möglich. Aber die Idee war geboren und wuchs langsam in unseren Köpfen heran, wie zuvor der Traum von unserem Blauwasserleben.

 

Mit Stefans Ermordung auf der Südseeinsel Nuku Hiva am 9. Oktober 2011 hat dieser Traum ein jähes Ende gefunden. Die genauen Umstände seines Todes sind heute, da ich diese Zeilen schreibe, noch immer nicht geklärt. Ich selbst konnte mich aus den Fängen jenes Mannes befreien, mit dem Stefan kurz vor seinem Tod zur gemeinsamen Jagd im Dschungel verschwand und der jetzt des Mordes an ihm, des versuchten Mordes an mir und der sexuellen Belästigung angeklagt ist. Im April 2012 fanden auf Nuku Hiva eine Gegenüberstellung mit Henri Arihano Haiti, dem mutmaßlichen Mörder, und eine Rekonstruktion des Geschehens statt, die ihn dazu bringen sollten, die ganze Wahrheit zu sagen. Auch davon werde ich in diesem Buch berichten, von meinen Gefühlen bei der Rückkehr nach Nuku Hiva und der Wiederbegegnung mit Henri Arihano Haiti.

 

Heute verspüre ich den Wunsch und die Kraft, unsere ganze Geschichte zu erzählen. Für Stefan, für mich und zur Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit. Um etwas in den Händen zu halten, aber auch, um loslassen zu können. Je mehr Menschen ich diese furchtbare, unfassbare Geschichte erzähle, desto realer wird sie für mich. Ich schreibe unser Buch jetzt allein, denn wir haben unsere Träume eigentlich immer verwirklicht, und ich weiß, dass Stefan dies hundertprozentig unterstützt hätte.

 

Nun breche ich erneut auf in einen neuen Lebensabschnitt. Zum ersten Mal ohne Stefan, in eine Zukunft, von der ich noch nicht weiß, was ich von ihr erwarten kann und was sie bringen wird. Zum ersten Mal habe ich keine Pläne. Dieses Buch gibt mir Halt, und ich hoffe, dass es allen, die Stefan kannten, Familie, Freunden, Bekannten, Geschäftkollegen, Logbuchlesern, und auch denjenigen, die ihn nicht kannten, ermöglicht, an unseren Reisen teilzuhaben und Stefan für immer als den besonderen Menschen in Erinnerung zu behalten, der er war.

 

Estenfeld bei Würzburg,
im Juli 2012

 

Todesangst

 

Ich habe ihn nicht kommen hören. Lautlos ist er in unserem Beiboot vom Strand zu unserem Katamaran Baju gepaddelt.
»Heike«, ruft er.
Ich blicke mich um und sehe Arihano, den Mann, mit dem Stefan wenige Stunden zuvor auf Ziegenjagd gegangen ist. Ich hätte mitgehen sollen, aber ich war zu müde, wollte lieber auf der Baju bleiben. Yoga machen. In Ruhe auf das Wasser schauen und baden gehen.
»Was ist los? Wieso bist du hier?«, frage ich erstaunt in einer Mischung aus Französisch und Englisch. Etwas ist nicht in Ordnung, das spüre ich.
»Stefan«, sagt Arihano.
»Was ist mit Stefan?«
»Verletzt … Unfall … Wald.«
Der Marquesaner stößt jedes Wort einzeln auf Französisch heraus.
In meinem Kopf entsteht sofort ein schreckliches Bild. Stefan liegt irgendwo hilflos da draußen im Wald. Er blutet, er muss ins Krankenhaus – und wir befinden uns am Ende der Welt.
»Stefan muss in ein Hospital – willst du mir das sagen?« Verwirrt schaue ich Arihano an.
Er nickt: »Ich habe Stefan den Berg heruntergetragen, aber jetzt müssen wir ihn gemeinsam ins Boot hieven.«
Alles erscheint mir einleuchtend. Stefan muss in der Nähe des Strands liegen, bis dahin hat Arihano es allein geschafft. Jetzt braucht er meine Unterstützung. Ich denke nach: In Taiohae, der Hauptstadt von Nuku Hiva, gibt es eine Klinik, gemeinsam werden wir es mit dem Boot dorthin schaffen.
Ich muss Stefan helfen. Ich bin völlig auf den Mann konzentriert, mit dem ich seit siebzehn Jahren zusammen bin. Seit dreieinhalb Jahren segeln wir um die Welt. Seit einigen Wochen sind wir in Französisch-Polynesien, auf der Marquesas-Insel Nuku Hiva. In der Südsee. Im Paradies. Eigentlich.
Ich will wissen, wie es Stefan geht, und frage: »Ist er schwer verletzt? Blutet er? Ist er gestürzt? Was ist überhaupt passiert?«
Antworten auf meine Fragen erhalte ich nicht, was ich auf die Sprachbarriere schiebe. In meinem Kopf läuft ein Notfallprogramm ab. Etwas weiter von unserem Schiff entfernt liegt die Aquamante. Die Yacht gehört Daphne und Vries, einem holländischen Paar, das Stefan und ich drei Monate zuvor auf den Galapagosinseln kennengelernt hatten. Kurz überlege ich, ob ich sie um Unterstützung bitten soll. Nein, ich verwerfe den Gedanken. Stefan befindet sich am Strand, Arihano und ich schaffen das ohne die anderen. Ihnen alles zu erklären hätte nur kostbare Minuten gekostet.
»Ich hole eine Taschenlampe«, sage ich. Eigentlich sollte ich auch Verbandszeug mitnehmen, aber es geht alles so schnell, dass ich den Gedanken, kaum dass ich ihn gedacht habe, auch schon wieder vergesse.
»Und zieh Schuhe an!« Schuhe? Wie kommt Arihano denn darauf? Sicher: Bestimmt kann man besser am Strand einen Menschen tragen, wenn man Schuhe anhat. Also streife ich mir rasch meine Crocs über.
Ich steige zu Arihano ins Dinghi, lasse den Außenbordmotor herunter, den Stefan hochgeklappt haben musste, als er das kleine Boot auf den Strand zog. Dreimal ziehe ich am Starter, der Motor springt jedoch nicht an. Innerlich verfluche ich Stefan, hoch und heilig hatte er mir versprochen, sich um den Vergaser zu kümmern.
»Du musst wieder paddeln«, sage ich zu Arihano. Eigentümlicherweise beruhigt mich die Feststellung, dass der Motor nicht funktioniert. Arihano hatte sich also nicht an unser Boot herangeschlichen.
Der Mann sitzt ausdruckslos im Boot und rudert in einem gleichmäßigen Rhythmus. Der Strand liegt im Dunkeln, doch im Mondschein zeichnen sich die Umrisse der Bäume ab. Es ist still, außer den Geräuschen, die das Paddel macht, wenn es ins Wasser gleitet.
Hat Stefan große Schmerzen? Ist er bewusstlos? Ist das der Grund, warum ich kein Stöhnen höre?
Ich kann nicht wirklich klar denken.
Am Strand angelangt, will Arihano das Beiboot hoch an Land ziehen.
»Lass doch!«, fahre ich ihn an. »Das Dinghi ist schwer, und wir bekommen es mit Stefan nicht mehr gut ins Wasser. Wir brauchen ja nicht lange, bis dahin ist das Boot sicher.«
Der Mann ignoriert meine Worte – wohl weil er nur jedes zweite davon verstanden hat – und zieht am Dinghi, bis es kaum noch von Wasser umgeben ist. Hektisch leuchte ich mit meiner Taschenlampe den Strand ab, das Licht reicht bis zum Ende der Bucht, hundert Meter weit. Der Dschungel reicht bis an den Strand heran. Fragend blicke ich Arihano an.
»Da lang«, sagt er und zeigt mit der Hand in den Wald. Bevor er mit mir die Richtung einschlägt, in die er gewiesen hat, holt er seinen Rucksack aus dem Beiboot. Wieso schleppt er den mit sich herum? Wir wollen einen schwer verletzten Menschen tragen, da stören die Sachen doch nur. Und wieso waren die überhaupt im Boot, hätte er sie nicht bei Stefan lassen sollen? Die Überlegungen, die ich anstelle, denke ich nicht zu Ende. Hätte ich es nur getan.
Zwischen dichtem Gebüsch schlängelt sich ein schmaler Pfad. Der Weg ist mir fremd. Stefan und ich haben ihn nie benutzt, wenn wir vom Strand aus die Insel erkundeten. Wir laufen. Immer tiefer in den Dschungel hinein. Hatte Arihano nicht gesagt, er hätte Stefan fast zum Strand getragen? Nur gut, dass er das Dinghi so weit hochgezogen hat. Wenn wir noch länger laufen müssen und dieselbe Strecke mit Stefan zurück, wird mit Sicherheit in der Zwischenzeit die Flut kommen. Im nächsten Moment ärgere ich mich, dass wir das Beiboot vorhin nicht an einen Baum festgebunden haben …
»L’eau, l’eau – Wasser, Wasser«, sage ich immer wieder zu Arihano und versuche, ihm mit Gesten begreiflich zu machen, dass wir das Dinghi verlieren, wenn das Wasser steigt.
Wieder reagiert er nicht auf meine Bemerkung, streckt nur erneut seine Hand aus: »Weiter.«
Vermutlich sind wir gleich da, versuche ich mich zu beruhigen. Sonst wäre mein Begleiter umgekehrt und hätte das Boot richtig vertäut. Bestimmt.
Nach ungefähr einer Viertelstunde landen wir in einer Art Sackgasse, der ebenerdige Pfad endet abrupt.
Arihano nimmt mir die Taschenlampe aus der Hand und sucht hektisch die Umgebung ab, ohne einen Plan, wie mir scheint. Komisch.
»Gib mir die Lampe zurück«, sage ich fast ein wenig wütend und greife nach der Taschenlampe.
Widerstandslos überreicht mir Arihano die Lampe, danach stellt er seinen Rucksack auf dem Boden ab. Das Gewehr trägt er noch in seiner Hand.
»Wo ist Stefan?« Ich bin bis aufs Äußerste angespannt, meine Stimme, ich merke es selbst, wird immer schriller.
»Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn abgelegt habe.«
Ich glaube, mich verhört zu haben.
»Wo ist Stefan?«, wiederhole ich und schaue meinen Begleiter zornig an.
Auch er wiederholt, was er zuvor sagte: »Ich weiß nicht mehr, wo ich ihn abgelegt habe.«
Also habe ich mich nicht verhört. Wie in Trance schaue ich mich um. Es ist dunkel, ich bin mitten im Urwald. Stefan ist nirgendwo zu sehen oder zu hören. Plötzlich bricht es aus mir heraus, meine ganze aufgestaute Wut, und ich schreie ihn auf Englisch an: »Du Idiot! Wie blöd bist du eigentlich, dass du nicht mehr weißt, wo du Stefan abgelegt hast? Das kann doch nicht wahr sein!«
Der Marquesaner schaut mich befremdet an. Ich weiß nicht, wie viel er verstanden hat, aber es ist ihm anzusehen, dass er mit einem solchen emotionalen Ausbruch meinerseits nicht gerechnet hat. Er verteidigt sich: »Aber ich habe ihm die Flasche Rum dagelassen – gegen die Schmerzen.«
Bei dem Wort »Schmerzen« zucke ich zusammen. Wie wild leuchte ich mit der Taschenlampe in der Gegend herum, brülle Stefans Namen, wieder und wieder. Ich habe Angst, dass er verblutet, dass er die Qualen nicht mehr aushalten kann, nur weil der Mann vor mir nicht weiß, wo er ihn zurückgelassen hat. Wie kann das sein? Er muss doch jeden Pfad auf dieser kleinen Insel kennen.
Der Mann, der mir immer unheimlicher wird, zeigt keine Reaktion. Er steht einfach nur da, hält auch nicht nach einem anderen Weg Ausschau. Schließlich wühlt er in seinem Rucksack herum, blickt auf sein Mobiltelefon und schüttelt den Kopf.
Aufgebracht sage ich: »Ich werde jetzt Freunde holen, einen Suchtrupp organisieren und danach der Polizei Bescheid geben.« Während ich rede, drehe ich mich um und will den Pfad, den wir gekommen waren, wieder zurückrennen. Im Laufen schreie ich: »Stefan!« Ich weiß nicht mehr, wie viele Male.
Auf einer kleinen Lichtung bleibe ich atemlos stehen. Halt, denke ich, bist du überhaupt auf dem richtigen Weg? In meiner Verzweiflung entschließe ich mich, hier auf Arihano zu warten. Ich will keine Zeit verlieren, nur weil ich mich nicht in der Gegend auskenne und mich im Dschungel verirre.
Kurz danach taucht Arihano hinter mir aus der Dunkelheit auf. Er blickt mich kaum an, streift mich mit seinen Augen nur, bevor er ein weiteres Mal seinen Rucksack abstellt und darin herumkramt. Erneut holt er sein Handy heraus.
»Gibt es auf dieser Lichtung vielleicht Empfang?«, frage ich hoffnungsvoll. »Wenn ja, lass uns bitte die Gendarmerie anrufen.«
Arihano steckt das Mobiltelefon wieder ein. Ich fasse es nicht. Was geht in diesem Mann vor?
In meiner Erregung entscheide ich, allein weiterzugehen. Im nächsten Moment drehe ich mich, wie aus einer Vorahnung heraus, noch einmal zu ihm um, obwohl ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will – und blicke in einen Gewehrlauf. Er ist ganz nah.
Den nächsten Satz, den Arihano sagt, verstehe ich sehr deutlich: »Du stirbst jetzt.«

 

Leben auf der Überholspur

 

Stefan und ich begegneten uns das erste Mal 1994 in der schwedischen Universitätsstadt Skövde. Als BWL-Studentin an der Hochschule Coburg hatte ich ein Erasmus-Auslandsstipendium bekommen. Eigentlich wäre ich gern nach England gegangen, aber es gab nur noch einen freien Platz in Schweden. Schweden, warum nicht?, dachte ich und packte meine Sachen. Hauptsache weg. Aus Coburg. Heute liegt die Stadt mitten in Deutschland, damals, knapp fünf Jahre nach dem Mauerfall, merkte man ihr immer noch an, dass sie einst an der Grenze zur DDR lag, also am Rande der Welt.
Ich war zwanzig und wollte mehr sehen als die alte bayerische Garnisonsstadt. Andere Menschen, andere Kulturen. Zwei Wochen nach meiner Ankunft in Skörde trafen die letzten Auslandsstipendiaten ein, eine Truppe von der Fachhochschule Wedel. Zuerst hatte ich nur sein Auto gesehen – einen klapprigen, quietschgelben VW-Bus, der mir gefiel. Dann das Kennzeichen »PI« für Pinneberg, ein kleine Stadt im Süden Schleswig-Holsteins, nahe bei Hamburg. Der Fahrer des Busses war seiner Kleidung nach alles andere als ein Hingucker. Enge Jeans, rot-schwarz kariertes Holzfällerhemd. Doch die Augen, wunderschön, lebhaft, lustig, jedenfalls soweit ich das von meinem Beobachtungsposten beurteilen konnte: Ich stand im ersten Stock im Studentenhaus. Neben dem Fahrer machte ich noch eine Frau und zwei andere Jungs aus.
Die vier blödelten vor dem Eingang des Studentenhauses herum. Janine, Udo, Chris und Stefan. Erstaunlich: Durch die Fensterscheibe hindurch war zu spüren, dass der Fahrer des hippen Busses besonders war. Ein Charakter. Er war da – präsent. Und das Schicksal wollte es, dass er sein Zimmer auf meinem Stockwerk bezog, nur zwei Türen weiter.
Was das studentische Leben betraf, konnte von Integration in diesen Tagen keine Rede sein. Wir Deutschen hockten unentwegt zusammen, nach den Vorlesungen versammelten wir uns im Aufenthaltsraum des Studentenhauses, um uns Schwarzwaldklinik mit schwedischen Untertiteln anzuschauen. Das war unsere Methode, die Sprache unseres Gastlands zu lernen. Stefan, das war nicht zu übersehen, blühte in der Gemeinschaft auf. Er war das erste Mal sein eigener Herr – an der FH Wedel wollte er einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur machen, wohnte aber weiterhin bei seinen Eltern in einem kleinen Dorf im Kreis Pinneberg.
In unserem schwedischen Domizil herrschte Chaos pur. In den verrauchten Zimmern türmten sich schmutzige Klamotten, in der Küche stapelten sich die dreckigen Töpfe. Umso überraschter war ich, als mich Stefan eines Nachmittags zum Abendessen auf sein Zimmer einlud: »Heute Abend werde ich für dich kochen. Ich hoffe, du kommst.« Natürlich nahm ich die Einladung an.
Es war der 3. Oktober. Der Tisch war hübsch gedeckt – er stand allerdings in meinem Zimmer, seines hätte einer Generalüberholung bedurft –, Kerzen waren aufgestellt, und es gab einen Tortelliniauflauf nach dem Rezept seines Freundes Udo. Nach dem Essen landeten wir auf dem Bett, angekleidet, eine Couch gab es in unseren Zimmern nicht, und die ganze Nacht erzählte Stefan davon, wie er eines Tages um die Welt segeln würde. Schon als kleiner Junge habe er von nichts anderem geträumt.
»Bist du nicht in Heidelberg zur Welt gekommen?«, fragte ich nach. »Das liegt ja nicht gerade am Meer.«
»Stimmt, aber alle Ferien verbrachte ich als Kind auf einem Boot. Katamarane zu bauen und zu segeln ist die große Leidenschaft meines Vaters. Als meine Eltern dann in den Norden zogen, konnten wir endlich auch am Wochenende ans Meer. «
»Und dein Vater hat dir beigebracht, wie man ein solches Schiff steuert?« Ich stützte meinen Kopf auf meine Hand, um Stefans Gesicht besser beobachten zu können.
»Ja, und wie man Wind und Wetter richtig einschätzt. Obwohl die Ostsee natürlich nicht zu vergleichen ist mit dem Atlantik oder dem Pazifik. Sie ist dagegen nur eine große Badewanne. Aber hey, könntest du dir eigentlich auch vorstellen, die Welt zu umsegeln?«
»Mmmh«, sagte ich nach einer Weile. »Ich hab immer mal wieder daran gedacht, eines Tages auszuwandern, zum Beispiel nach Neuseeland, um als Schafzüchterin zu arbeiten. Aber eine Weltumsegelung, warum eigentlich nicht?«
Mit diesen Worten begann unser Traum von einer gemeinsamen Weltumsegelung, den wir immer farbiger ausmalten, noch bevor wir uns das erste Mal geküsst hatten.

 

Eines Abends saßen wir mal wieder zusammen in meinem Studentenzimmer. Ich hatte Glühwein zubereitet und Schokoladenkekse auf einem Teller ausgebreitet. Vor uns lag »der Kotler«, das Marketing-Grundlagenbuch eines amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers. Eigentlich wollten wir gemeinsam büffeln, aber Stefan schweifte ab und begann vom Meer zu erzählen, von der Gischt auf der Haut beim Segeln, wie es sei, den Wind zu fühlen und unter vollen Segeln über die Wellen zu gleiten. Sein Gesicht hatte einen ganz anderen Ausdruck angenommen. Er sah aus, als sei er völlig im Einklang mit sich selbst.

 

 

Stefan redete vom Fischefangen und davon, wie wunderbar es sei, ganz einfach zu leben, sich von den Früchten der Ozeane zu ernähren. Plötzlich hielt er inne: »Du kommst doch mit, oder?«
»Sicher«, antwortete ich. »Hauptsache, es ist nicht kalt, wo wir hinsegeln.«
»Nein, im Gegenteil, wir werden auf der Barfußroute unterwegs sein!«
»Barfußroute?«
»Es wird immer so warm sein, dass man keine Schuhe braucht.«
»Du machst Witze?«
»Nein. Schau in Seglerbüchern nach, wenn du mir nicht glaubst. Die Barfußroute führt zu einem großen Teil durch tropische Gebiete. Du kannst dort auch die ganze Zeit im Bikini herumlaufen.«
»Schöne Vorstellung.«
»Finde ich auch!«
Nun war Stefan in seinem Element. Er nahm ein Blatt Papier, auf dem wir eigentlich unsere Marketinglektionen aufzeichnen wollten, und fing an, die ITC, die Innertropische Konvergenzzone, aufzumalen. Ich bekam an diesem Abend meine erste private Vorlesung zum Thema Passatwinde – und alle Marketingstrategien waren für die nächsten Stunden vergessen.

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