Der Krimi-Ingenieur Arne Dahl
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von


Der Krimi-Ingenieur Arne Dahl

Es ist eine Szene wie aus dem Film »Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief«. Arne Dahl kommt auf dem Fahrrad zum Treffpunkt Brandenburger Tor. Nach den ersten fünf Minuten ist klar: Der schwedische Krimiautor hat nichts mit dem menschenscheuen Schriftsteller Jakob Windisch gemeinsam: Dahl hat viel Humor und ist so unkompliziert, wie es wohl nur Schweden sein können.

Seit anderthalb Jahren lebt Dahl, der eigentlich Jan Arnald heißt, in Berlin – nicht permanent, sondern immer wieder für ein paar Wochen im Jahr. Von seiner kleinen Wohnung in Kreuzkölln aus erkundet er Kneipen, Klubs, Museen und Galerien mit dem Rad. »Ich mag Berlin, weil es anders als Stockholm eine richtige Großstadt mit viel Geschichte und Kultur ist«, erzählt er. Wir kommen schnell ins Gespräch über eine andere Hauptstadt: Oslo und der Amoklauf von Anders Breivik, der 77 Menschen getötet hat. Dahl erhielt die erste Nachricht über die Bombenexplosion über Facebook. »Mein erster Gedanke war, dass war ein Anschlag islamistischer Terroristen«, erzählt Dahl. Sein Roman »Opferzahl« beginnt ähnlich: Mit einem Bombenanschlag auf die Stockholmer U-Bahn und einem Bekenneranruf von »Siffins heiligen Rittern«, einem islamischen Geheimbund. Doch die Spuren führen dann mitten in die schwedische Gesellschaft wie auch im Fall des norwegischen Attentats. »Breiviks Tat ist total krank, obwohl er planvoll und intelligent vorgegangen ist.«

Aus dem Literaturwisseschaftler Jan Arnald wird das Alter Ego Arne Dahl. 

Wir wechseln das Thema. Sprechen über seine Inspiration, seine Motive und seine Technik des Schreibens. »Als Junge habe ich die Krimis von meinem Vater gelesen. Dazu gehörten Autoren wie Agatha Christie, John le Carré oder Desmond Bagley«, erzählt Dahl, »aber mit 15 Jahren fand ich mich zu alt für Krimis und las fortan ernsthafte Literatur.« Die Leidenschaft fürs Schreiben ist da noch nicht geweckt. Dahl beginnt in Stockholm zu studieren und promoviert in Literaturwissenschaften. Dann fällt die Berliner Mauer, bricht der Kommunismus zusammen und damit wandelt sich auch die Gesellschaft in Schweden. »Plötzlich kamen Menschen aus den Krisenregionen der Welt und aus Osteuropa nach Schweden, was unsere offene Gesellschaft gravierend verändert hat«, erzählt Dahl, »und ich suchte einen Weg, diese Veränderungen aufzugreifen und literarisch umzusetzen.« Der erste Schritt: Aus dem Literaturwissenschaftler Jan Arnald wird das Alter Ego Arne Dahl, der Krimiautor. Der nächste: sein erster Kriminalroman »Misterioso«, in dem erstmals das A-Team um Paul Hjelm nach einem Mörder fahndet. 

»Opferzahl« ist der neunte Band mit der Spezialeinheit der Stockholmer Reichspolizei, die inzwischen von Kerstin Holm geleitet wird. »Die Menschen im A-Team haben alltägliche Probleme und private Sorgen. Dadurch ist das Team stets in einer Entwicklung«, sagt Dahl. Jorge Chavez, der Internet-Experte des Teams, sucht in »Opferzahl« beispielsweise Sex-Abenteuer in Chatrooms. Eine Suche, die fast zum tödlichen Verhängnis wird und damit endet, dass er sich mit seiner Ehefrau Sara Svenhagen versöhnt. 

Dahl plant seine Romane über Monate: »Die Suche nach einem guten Plot und der Dramaturgie der einzelnen Kapitel bedeutet Schweiß und Tränen.« In dieser Zeit liest er viele Zeitungen und Fachbücher, recherchiert die Fakten und notiert sich jede Idee, bis alles in einem Plan festgehalten ist. Er konstruiert seine Romanidee wie eine neue Maschine, die im Computer eines Entwicklungsingenieurs entsteht. Und dann beginnt die schöne Zeit: das Schreiben. Sein Arbeitsgerät: ein kleiner Apple Laptop. 

»Opferzahl« ist für viele Rezensenten Dahls bisher bester Krimi. Das findet er auch: »Das meiste wird schlechter, aber das Beste wird besser. Vielleicht liegt es daran, dass ich verstanden habe, wie ein guter Krimi funktioniert.« Mittlerweile hat Dahl den elften Band über das A-Team abgeschlossen. Darin trifft sich die Einheit ein Jahr nach ihrer Auflösung in einem Schloss wieder. »Ein sehr spezielles Buch. Ich nenne es das >Buch elf von zehn<.« Vielleicht der Höhepunkt seiner Serie über die schwedische Spezialeinheit, aber noch nicht das Ziel: »Ich möchte gern einen Krimi schreiben wie James Ellroy«, sagt Dahl. Dabei funkeln seine hellblauen Augen. Anschließend setzt er sich wieder aufs Fahrrad und verschwindet in der Menge vor dem Brandenburger Tor – völlig gelassen und nicht menschenscheu.


Blick ins Buch
OpferzahlOpferzahl

Kriminalroman

Stockholm unter Schock: Ein Bombenanschlag in der U-Bahn fordert zehn Tote. Kerstin Holm und ihr A-Team ermitteln – der Verdacht fällt auf die islamistische Vereinigung »Siffins heilige Ritter«. Doch dann werden deren Mitglieder systematisch ermordet.
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1

 

Etwas drängte in den Sommer.
Er konnte es nicht benennen, aber irgendetwas war da – ein eisiger Windstoß vielleicht, eine unerwartete Kraft in den durch die Nacht segelnden Spätsommerwolken, eine neue Schwere, die sich von dem grau melierten Himmel herabsenkte – oder vielleicht lag es nur daran, dass er zu spät war.
Zu spät …
Das Schlimmste war, dass er wusste, weshalb er zu spät dran war. Er hatte auf dem ganzen Weg gezögert, hatte sich Zeit gelassen, sich unsicher durch Raum und Zeit bewegt.
War dies wirklich die Richtung, die sein Leben nehmen sollte? Hatte alles auf diesen Punkt hingezielt, all die Mühe, die Anstrengung, der ganze Einsatz, den das Leben nun einmal bedeutete? Hatte er wirklich an diesen Punkt gelangen sollen ?
An diesen heiklen Punkt?
Er hätte laufen müssen, um rechtzeitig zu kommen. Warum tat er es nicht ? Wollte er nicht rechtzeitig dort sein ? War es so einfach? Wollte er morgen früh zu sich sagen: Ich habe die U-Bahn verpasst. Deshalb ist nichts daraus geworden.
Nächstes Mal, vielleicht.
Nächstes Mal.
Aber natürlich würde er auch sagen können: Es hat am Licht gelegen. Es lag am Stockholmer Nachtlicht dieser ersten Augusttage. Eigentlich ist es stockdunkel, seit fünf, sechs Wochen raubt die Nacht dem Tag mehr und mehr Zeit. Aber es scheint, als habe der Tag das nicht recht verstanden, als finde ein Kampf statt zwischen einem sterbenden Tag und einer Nacht, die Morgenluft wittert. Das passiert immer nur in diesen frühen Augusttagen, wenn der Tag und die Nacht ihr tatsächliches Kräfteverhältnis zueinander offenbar noch nicht begriffen haben.
Ebenso hätte er auch sagen können: Es lag an den Düften. An den Düften, die immer noch glauben, es sei Sommer. Düfte, die von einer städtischen Natur, vielleicht in Todesahnung, ausgesandt werden, einer Natur, die sich weigert, die kurze Dauer ihrer Blütezeit zu akzeptieren.
Und deshalb habe er die U-Bahn verpasst.
Aber jetzt lief er wirklich. Vielleicht nicht ganz überzeugend, nicht mit jener Kraft, die sich weigert, zu spät zu kommen, und daher um jeden Preis und mit jeder Muskelfaser alle widrigen Umstände überwinden und das Unmögliche wahr machen will. Nein, so schnell lief er nicht – es waren eher die stolpernden Joggingschritte eines Siebzigjährigen.
Aber er lief.
Er hatte sich für diese U-Bahn-Station entschieden, um nicht erkannt zu werden. Was für idiotische Dinge wir tun, um unseren Ruf zu schützen, dachte er, als er das U-Bahn-Schild in großer Distanz auftauchen sah.
Denn darum geht es hier ja wohl?, dachte er. Um den Ruf.
Der Toten Tatenruhm.
Leider war es noch eine ziemlich lange gerade Strecke bis zur Station, und dass sie bereits zu sehen war, machte den Weg über die Brücke fast unerträglich. Aber das war keine Frage von physischer Kraft.
Es war ein moralischer Widerstand.
Gegen die eigene Schwäche.
Gegen den eigenen Verrat.
Denn sicher war Schwäche ein Verrat. Diese Art von Schwäche.
Er warf schnell einen Blick auf die Armbanduhr. Eine Minute. Es könnte immer noch reichen. Es war noch immer möglich.
Er entschloss sich und lief mit ausgreifenderen Schritten.
Jetzt, zum Teufel, werden wir diese verfluchte U-Bahn erreichen.
Während der Sekunden seines Sprints nahm er die Stockholmer Nacht noch einmal bewusst wahr. Seine Schlussfolgerung :
Es lag Tod in der Luft.
Nur wenige Menschen waren unterwegs. Es hätten mehr sein müssen, fand er. Mehr Menschen hätten diese Spätsommernacht genießen sollen. Und vor allem hätten ihn mehr Menschen sehen sollen. Ganz Stockholm hätte ihn anstarren und mit dem Finger auf ihn zeigen sollen. Er hatte erwartet, dass alle seine schmählichen Schritte auf dem gesamten Weg zum Tatort beobachtet und dokumentiert werden würden, aber so war es nicht.
Als hätten die Stockholmer plötzlich beschlossen, dass der Herbst hereingebrochen war.
Was geschieht bloß in unserem Leben?, dachte er. Warum sind wir nicht imstande, über uns selbst hinauszublicken? Warum ist die Perspektive so drastisch eingeschränkt?
Dass er selbst älter geworden war, reichte nicht als Erklärung.
Es kam sehr überraschend. Er war nicht mehr als fünfzehn Meter von der Treppe zur U-Bahn hinunter entfernt, als es passierte. Später – unter sehr starkem und sehr unangenehmem Druck – würde er versuchen, sich an jedes einzelne, mikroskopische Detail zu erinnern, das die allerletzten Schritte begleitete.
Die allerletzten Schritte, bevor er umkehrte.
Aber jetzt, in diesem Moment, war es sehr schwer, überhaupt etwas genau wahrzunehmen. Und irgendetwas zu verstehen.
Es war eigentlich nur ein Beben, anfangs völlig lautlos. Und obwohl keine größere Kraft in dem Beben lag, begriff er unmittelbar, dass etwas passiert war. Etwas sehr Außergewöhnliches. Das Beben glitt ihm gleichsam unter die Füße,
ungefähr wie diese afrikanischen Würmer, die unter die äußere Haut des Menschen kriechen und ihr parasitäres Leben zwischen unseren Hautschichten entfalten. Genau so empfand er dieses Beben: Wie einen Wurm, der sich direkt unter die Oberfläche des Asphalts schob.
Und schon in diesem Moment verstand er – nein, wusste er, dass auf dieses leichte, leise Beben ganz andere Phänomene folgen würden.
Dass es Folgen haben würde.
Nachbeben.
Dann kam das Geräusch, schneidend, schreiend. Eine Kakophonie, die gleichsam aus dem Loch geschleudert wurde, wo sich die Rolltreppe nach oben wälzte. Obwohl ihm dazu später viel zu viel Gelegenheit gegeben wurde, sollte es ihm nie gelingen, das zu beschreiben. Nicht konkret. Nicht mit richtigen, eigenen Worten. Nur mit Bildern, Vergleichen, Analogien. Es war eine Art prähistorischer Laut des Zusammenbruchs.
Ein Gebrüll aus den Eingeweiden.
Danach kam der Rauch. Er wurde aus dem U-Bahn-Eingang gestoßen wie aus einem frischen Vulkankrater.
Und war beinahe so heiß.
In diesem Augenblick kehrte er um.
Auf der anderen Straßenseite zersplitterte das Leuchtschild der U-Bahn und fiel wie ein Sternenregen zu Boden.

 

2

 

AUS DER ONLINEAUSGABE DER ABENDZEITUNG,
Freitag, den 5. August, 1.18 Uhr

 

Nun ist der Terrorismus also auch nach Schweden gekommen. Was wir alle befürchtet, worauf wir alle gewartet haben, ist eingetreten.
Heute Nacht, um 0.59 Uhr, ereignete sich in einem U-Bahn-Wagen der blauen Linie zwischen Stadshagen und Fridhemsplan eine starke Explosion. Der Zug befand sich im Moment der Explosion kurz vor der Einfahrt in die U-Bahn-Station Fridhemsplan. Die Explosion löste im U-Bahn-Netz ein Chaos aus. Im Augenblick scheint der gesamte U-Bahn-Verkehr zum Erliegen gekommen zu sein. Wir werden Sie auf dieser Seite regelmäßig informieren. Und wir hoffen, Ihnen so bald wie möglich aktuelle Augenzeugenberichte liefern zu können. In diesen dramatischen Stunden in der Geschichte unseres Landes wird unsere Onlineausgabe ständig aktualisiert.
Polizeiberichten zufolge hat es bei der Explosion Todesopfer gegeben, aber noch gibt es keine genaueren Angaben über die Zahl der Toten und Verletzten, doch es können Hunderte sein. Auf den Bahnsteigen und in den Tunneln der U-Bahn spielen sich kaum vorstellbare Szenen ab. Als das Inferno ausbrach, kam es zu allgemeiner Panik.
Sollten Sie von Personen wissen, die vorhatten, mit der blauen Linie der U-Bahn zwischen Stadshagen und Fridhemsplan zu fahren, benachrichtigen Sie bitte die Polizei, falls Sie die Personen nicht erreichen können. Die Nummer des Krisentelefons für Betroffene finden Sie am Ende dieses Artikels.
Da seit der Tat nicht mehr als zwanzig Minuten vergangen sind, sind alle hier gemachten Angaben unbestätigt, aber die Redaktion arbeitet unter Hochdruck daran, weitere Informationen zu beschaffen. Augenzeugenberichte und Fotos von betroffenen Passagieren oder Angehörigen nehmen wir zu den üblichen Honorarsätzen gerne entgegen.

 

Den bisher vorliegenden Meldungen zufolge werden gegenwärtig Verletzte in die verschiedenen Stockholmer Krankenhäuser transportiert, doch auch dort ist die Lage völlig unübersichtlich.
Noch liegt keine offizielle Stellungnahme zu der Tat vor, und auch das Gerücht, dass im gesamten Land der Ausnahmezustand erklärt werden soll, ist bislang unbestätigt. Die Polizei rät den Stockholmern jedoch, heute Nacht ihre Wohnungen nicht zu verlassen.
Im Folgenden finden Sie Links zu unseren früheren Artikeln über den internationalen Terrorismus und die Bedrohungslage für Schweden.
Diese Seite wird im Laufe der Nacht regelmäßig aktualisiert.
Es gibt keinen Anlass zur Panik.

 

AUS DER ONLINEAUSGABE DER MORGENZEITUNG
Freitag, den 5. August, 5.04 Uhr

 

Vier Stunden sind vergangen seit dem größten Terroranschlag in der Geschichte Schwedens – auch wenn erste Angaben in den Medien dazu tendierten, seine Dimension zu übertreiben. Mittlerweile – nach der chaotischen Berichterstattung der letzten Stunden – ist es möglich, die Lage zu überschauen.
Heute Nacht um (genau) 0.45 Uhr explodierte ein U- Bahn-Wagen der grünen Linie, nicht der blauen, wie teilweise gemeldet, zwischen Fridhemsplan und St. Eriksplan. Die Bahn hatte gerade die Station Fridhemsplan verlassen. Experten am Tatort zufolge handelte es sich um eine heftige Explosion. Zehn Personen erlitten schwerwiegende Verletzungen, jüngsten Zahlen zufolge starben mindestens fünf Menschen. Die Angaben variieren noch.
Allem Anschein nach handelt es sich bei diesem Anschlag um einen einzelnen Vorfall, nicht um eine konzertierte Aktion wie sie sich vor einem Monat in London ereignet hat. Es wurde landesweit keine weitere Tat gemeldet, ein Bekennerschreiben ist bisher nicht eingegangen.
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt noch kein eindeutiger Beweis dafür vor, dass es sich um eine terroristische Tat und nicht um einen Unglücksfall handelt. Die Polizei hat für 9.30 Uhr eine Pressekonferenz im Stockholmer Polizeipräsidium angekündigt. Der Polizeisprecher wollte bei dieser Ankündigung über die Explosion als solche allerdings noch keine Angaben machen.
Gewisse Streckenabschnitte der grünen U-Bahn-Linie werden den ganzen Tag über gesperrt sein, dort werden Busse eingesetzt. Das Gleiche gilt am Vormittag für einzelne Sektionen der blauen Linie, die durch die Explosion ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dies bedeutet, dass am heutigen Freitag nur die rote Linie fahrplanmäßig verkehrt. Folgen Sie dem unten stehenden Link, um sich über die Situation im öffentlichen Nahverkehr zu infor mieren.

 

AUS DER ABENDZEITUNG,
Morgenausgabe, Freitag, den 5. August
Kolumne von Veronica Janesen

 

Heute ist kein gewöhnlicher Tag für eine Kolumne. Denn heute ist einer von jenen Tagen, an denen man eigentlich nicht schreiben kann. Ich will es dennoch versuchen. Weil wir über das, was geschehen ist, sprechen müssen.
Wir haben darauf gewartet, haben es gewusst. Manche von uns waren vielleicht sogar in London, als es dort geschah. Wir wussten, genau wie die Londoner, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es geschehen würde. Und wir müssen darüber sprechen, dass es nicht unlogisch ist. Nicht einmal unmoralisch.
Auch wir leben in einer Zeit, die auf Werten aufbaut, deren Ursprung weit in der Vergangenheit liegt. Bilden wir uns nicht ein, wir seien besser als andere mit ihren uralten Werten.
Genug der geheuchelten Gefühle. Geben wir es unumwunden zu: Die altersgeile abendländische Gesellschaft verdient es, in die Luft gesprengt zu werden. Es ist sowieso nicht mehr als ein Tritt in den fetten Arsch. Überall sitzen die alten Säcke mit ihrer hässlichen Feistheit und tun so, als fühlten sie. Eigentlich wollen sie nur ficken und weitermachen. Sich entleeren und vergessen. Vielleicht ist eine Bombe in den Arsch genau das, was wir brauchen, damit wir unsere Verachtung in die richtige Richtung lenken.
Männer sind tatsächlich Tiere.
Schwanzfechter.
Mir steht die Konsensgesellschaft bis zum Hals. Und ich habe es zum Kotzen satt, dass auch diejenigen, die am radikalsten wirken, sagen, sie meinten eigentlich nichts Böses. Männer seien genau genommen nicht so schlimm, im Allgemeinen. Aber das ist falsch, sie lügen. Es ist glasklar, dass auch sie die Erhöhten von den Sockeln stoßen und in den Dreck trampeln wollen. Es ist klar, dass sie den aufgeblasenen Ballon der Kulturelite anstechen und zum Platzen bringen und die Ekelsäcke mit einem Wahnsinnsknall zu Boden sinken lassen und auf ihre wahren, kleinen Proportionen reduzieren wollen.
Wir brauchen eine härtere und schonungslosere Debatte. Wir müssen uns kritischer miteinander auseinandersetzen – oder aber mit all dem, was wir nur inoffiziell von uns geben, an die Öffentlichkeit gehen. Wir müssen hart gegen hart setzen. Anfangen, so zu reden, wie wir denken, ein wenig freier zu hassen. Die Bombe in der U-Bahn ist vielleicht ein Anfang.
Die fetten, mittelalten weißen Männer unterdrücken alle. Es liegt seit zweitausend Jahren in ihren Genen. Ihr müsst kapieren, wie grundlegend das ist. Die glasklare Einsicht in einen Unterdrückungsmechanismus, der so in die allerfeinsten Kapillaren der Gesellschaft eingesickert ist, muss am Ende zu einer Sturzflut führen.
In der U-Bahn starben, den letzten Angaben zufolge, heute Nacht sieben Männer und zwei Frauen. Ich frage mich, warum.
Warum die Frauen sterben mussten, also …

 

3

 

Die Stille.
Diese absolute Stille, der Raum der Ruhe, ehe alles in Gang kommt. Darin befinde ich mich jetzt. In der Zeit hat sich ein Loch geöffnet. Die Zeit vorher und die Zeit danach werden sehr verschieden sein.
Und doch kam es so plötzlich. Irgendwo in mir wusste ich ja, dass es geschehen würde, dass ich eine latente Bedrohung bin. Aber es ist tatsächlich eine Lehre fürs Leben: Wenn es eintrifft, ist man trotzdem immer unvorbereitet. Wenn es wirklich passiert.
Außerdem hatte ich von dieser Variante nichts ahnen können. Dass sie immer noch zu Überraschungen fähig sind. Der Bereich, der außerhalb des Gesetzes liegt, ist unendlich viel größer als der innerhalb der Gesetzesgrenzen. Der erscheint so klein und verletzlich. Ein kleiner zitternder Nerv, eingebettet in einen großen Körper von Krebszellen, die alles tun, um wachsen zu können.
Man agiert, als wäre man allein. Man hat keine Angst. Man kommt selbst zurecht. Man denkt, man sei eine Insel, von nichts als Meer umgeben. Man vergisst, dass man seine Nächsten Gefahren aussetzt.
Seine Lieben …
Gott. Ich habe jahrelang nicht »Gott« gedacht, ich weiß. Aber jetzt musst du mir wirklich helfen. Ich habe nicht vor, im Staub zu kriechen, denn wenn du überhaupt irgendeinen Sinn hast, dann hilfst du mir. Das tust du. Wenn du je einem Menschen helfen musstest, dann jetzt. Sonst müsstest du endgültig abgeschafft werden.
Seltsam, dass ich schreibe.
Warum schreibe ich ? Ich habe sehr lange nicht geschrieben. Wann war das letzte Mal?
In Zeiten existenzieller Krisen, vermute ich. Als ich ein neues Leben begann. Dann schreibt man vermutlich – wenn man niemanden zum Reden hat. Oder vielleicht eher, wenn das, was man zu sagen hat, in einem einfachen Gespräch keinen Platz findet oder nicht verstanden werden kann. Wenn man mehr ausdrücken will.
Wenn es einen fast zerreißt.
Ich kann mir vorstellen, dass dies die Schwierigkeit für einen Schriftsteller ist: weiterzuschreiben, wenn man jemanden zum Reden gefunden hat. Über alles. Warum soll man dann schreiben ?
Und dann der andere Grund, vermute ich – der, den ich gerade angeführt habe. Dass das Schreiben die Angst ableitet. Sie für einen Augenblick wegnimmt.
Jetzt ist sie wieder da. Mit ganzer Wucht. Jesus Christus. Was habe ich getan? Ich hätte es nicht tun müssen. Hätte es sein lassen können, hätte die Tage ihren Lauf nehmen lassen, die toten Winkel des Systems akzeptieren können. Ich hätte an die Nächsten und Lieben denken können. Hätte darauf verzichten können … sie zu opfern …
Jesus Christus.
Was habe ich getan?
Aber das wäre ein Fehler.
Ja, es wäre ein Fehler.
Es muss ein Fehler sein. Sollte irgendjemand im Universum in der Lage sein, den galoppierenden Wahnsinn zu stoppen, muss es einer sein wie ich. Indem er Stopp! sagt. Verfluchte Pest, dass ihr so selbstverständlich die Oberhand gewinnt. Einfach, indem ihr rücksichtsloser seid.
Verfluchte Pest, dass so die neue Weltordnung aussehen soll.
Nein, nicht ich habe etwas getan.
Du warst es. Du Teufel.
Ich werde dich bekämpfen. Werde Widerstand leisten.
Aber es muss unsichtbar sein. Ich muss ein phantastisches Doppelspiel spielen. Es wird meine ganze Kraft in Anspruch nehmen, und es darf nicht zu sehen sein. Kein anderer als du, mein Text, darf auch nur das Geringste ahnen. Ich werde im Stillen siegen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.
Wenn ich an das denke, was geschehen ist, an das, was uns droht, was über uns schwebt – und vor allem über dir, meine Arme –, dann erfasst mich die schlimmste Angst, die man sich überhaupt vorstellen kann. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres. Sicher liegen viele höllische Dinge auf gleichem Niveau – es gibt eine ziemliche Ansammlung infernalischer Dinge in der Welt –, aber schlimmer kann nichts sein.
Jedenfalls hast du gut gezielt, du Teufel.
Aber auf die falsche Person.
Wenn du mit mir auf die Reise gehen willst, Gott, dann sei willkommen. Wenn du weiter den Anspruch erhebst, eine positive Kraft zu sein. Denn jetzt, verflucht, haben wir es mit dem Teufel persönlich zu tun. Kein anderer als du selbst entscheidet darüber, wie kraftlos du sein willst.
Ich gedenke jedenfalls nicht, kraftlos zu sein.
Ich gedenke zu zeigen, wie wahrer Widerstand aussieht.

 

4

 

»Es ist wie immer: Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst. Aber ich tue, was ich immer tue: Ich stelle mir vor, du könntest es. Ich bin ziemlich sicher, dass du es kannst. Ich sage es jedes Mal, wenn ich hier bin, und ich werde es weiter sagen: Ich habe Zeichen wahrgenommen, ich weiß nicht wie, aber ich habe Schwingungen von Einverständnis gefühlt, obwohl du liegst, wie du liegst. Ich habe gespürt, dass du weiterleben willst. Ich will dafür sorgen, dass du es kannst. Wenn nicht, musst du versuchen, es mir auf irgendeine Art und Weise mitzuteilen. Ich kann mir in meiner wildesten Phantasie nicht vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man so eingeschlossen ist. Aber ich hoffe, dass meine Besuche wenigstens eine gewisse Linderung bringen.
Ich sehe, dass der Fernseher läuft. Wie üblich ist er wohl den ganzen Vormittag gelaufen, sie foltern dich, du Ärmster – ist es in Ordnung, wenn ich den Ton ein wenig leiser stelle? So. Das bedeutet an und für sich, dass du wohl weißt, was passiert ist? Dann weißt du ja auch, was um halb zehn geschieht. Wir können ja hin und wieder zum Fernseher hinüberschauen, damit wir nichts verpassen. Ich möchte schon gern wissen, wen sie diesmal als Frontfigur vorschicken …
Aber bis jetzt weiß man wahrlich nicht viel. Die Säpo, die schwedische Sicherheitspolizei, hat das Ganze sofort an sich gezogen. Sie haben uns alle überfahren.
Möchtest du, dass ich dir erzähle, was bisher geschehen ist? Es wäre vielleicht gar nicht verkehrt, wieder Kontakt zu jener Welt aufzunehmen. Und sei es nur, um zu genießen, dass man verschont geblieben ist …
Stell dir vor, wie viel wir trotz allem gemeinsam gemacht haben, beruflich und … privat …
Ja … Was sagt man …?
Verdammt, ich will jetzt nicht weinen.
Weißt du noch, wie ich zu dir gesagt hatte, dass ich dich liebte ?
Es kommt mir vor, als wäre es unendlich lange her.
Auf jeden Fall … Ich war eingeschlafen. Waldemar Mörner rief mich um halb zwei in der Nacht an. Er war ziemlich angesäuselt, sodass nicht ganz klar war, was er sagte. Aber wann war es das je … Nun, du weißt ja, wie er ist. Ich bekam auf jeden Fall den Eindruck, dass höchste Eile geboten war, ins Präsidium zu kommen, also ging ich hin.
Ich kam wohl eine gute Stunde, nachdem es geknallt hatte, dort an. Noch nie im Leben habe ich ein derartiges Chaos gesehen. Man würde meinen, dass man für einen Fall wie diesen gut vorbereitet wäre, es ist ja kein gänzlich unerwartetes Szenario. Aber ich hatte noch nie ein solches Bedürfnis verspürt, das Wort ›Tohuwabohu‹ zu benutzen. Dummerweise schnappte der Chef der Sicherheitspolizei es auf, als er gerade vorbeilief. Du kennst ihn ja, ein arroganter Arsch. Er stoppte, fragte, wer ich wäre und was ich dort täte.
Die Sicherheitspolizei ist ja hauptverantwortlich, wenn es um Terrorismus geht. Du hast das ganze Geschwafel darüber ja mitbekommen, dass Schweden seine Abwehrbereitschaft gegen die neue Form des Terrorismus stärken muss. Vielleicht erinnerst du dich an diese Untersuchung vor zwei Jahren, derzufolge das Militär auch in Friedenszeiten eingesetzt und unter den Befehl der Polizei gestellt werden sollte. Und seitdem wittern der militärische Nachrichtendienst Must und die Sonderschutzeinheit SSG Morgenluft. Der Must ist auf einmal richtig öffentlich geworden. Im Frühjahr wies ein Bericht des Forschungsinstituts der Gesamtstreitkräfte darauf hin, dass Schweden auf einen größeren Terroranschlag im eigenen Land nicht ausreichend vorbereitet sei. Im Moment haben wir dafür nur die Sicherheitspolizei.
Jedenfalls betrachtete mich der Sicherheitschef von oben herab und sagte: ›Keine Sekretärinnen in der Führungszentrale.‹ Es war ein erhebender Augenblick. Das Komische war, dass ich nicht in erster Linie auf die ›Sekretärin‹ reagierte, sondern fragte: ›Welche verdammte Führungszentrale?‹ Und dann erntete ich diesen Blick, du weißt schon, wie singende Orang-Utans im Ballkleid.
Ich versuchte, im Lauf der Nacht Kontakt zu Mörner und zur Führung der Reichskrim zu bekommen, aber weder unser neuer Reichskrim-Chef noch Mörner waren zu erreichen. Vielleicht saßen sie in der geheimen Führungszentrale. Die einzige Auskunft, die ich erhielt, war die, dass die Dienste der A-Gruppe wohl kaum erwünscht wären. Ich glaube nicht, dass die Sicherheitspolizei überhaupt weiß, was die Sondereinheit für Gewaltverbrechen von internationalem Charakter bei der Reichskriminalpolizei ist. Angesichts des Charakters dieser Tat sollte man es vielleicht doch wissen.
Dagegen stieß ich auf den Pressesprecher der Stockholmer Polizei, der auf dem Weg zu einer improvisierten Pressekonferenz war. Er sagte, dass es wirklich eine Führungszentrale gebe, aber die sei woanders. Damit meinte er natürlich, dass sie in der Domäne der Sicherheitspolizei zu finden sei. Ich sah seine Miene.
Er ist ein zuverlässiger Mann, und ich hatte den Eindruck, dass die Stockholmer Polizei ein wenig gegen die Sicherheitspolizei kämpft. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Ich bezweifle, dass sie einen ihrer eigenen Leute als Frontmann einsetzen. Es wird sich zeigen, es sind noch ein paar Minuten bis zur Sendung.
Jedenfalls konnte ich in der Nacht nicht viel mehr in Erfahrung bringen. Wir werden wohl nicht mit der Sache befasst werden. Keiner will uns auch nur mit der Zange anfassen, aber das weißt du ja alles. Ich sage es jedes Mal, wenn ich hier bin, tut mir leid, wenn ich dir auf die Nerven gehe. Ich nehme an, es ist eine Art Therapie.
Das Ansehen der A-Gruppe ist nach den Ereignissen im letzten Sommer leider den Bach runtergegangen. Wir kamen noch einmal davon, wenn auch nur um Haaresbreite – vielleicht nur, weil das ganze Bemühen letztlich darauf gerichtet war, den großen Showdown draußen im Industriegebiet von Segeltorp für die Öffentlichkeit zu frisieren, bei dem du ja eine Hauptrolle gespielt hast.
Oh Mann.
Das Wichtigste war auf jeden Fall, dass die Presse nicht erfuhr, was genau passiert war. Ich weiß nicht, ob ich dir erzählt habe, wie die Schuld verteilt wurde: Jorge Chavez und Jon Anderson erhielten Goldplaketten und ehrenhafte Erwähnungen für ihren heroischen Einsatz – die Befehlsverweigerer. Arto Söderstedt und Viggo Norlander wurden beide wegen Schusswaffengebrauchs mit Todesfolge von deinen Freunden bei den internen Ermittlungen gehörig in die Mangel genommen, aber freigesprochen. Gunnar Nyberg, Sara Svenhagen und Lena Lindberg landeten ja auch bei ihnen – im Zusammenhang mit der Ermittlung wegen eines Selbstmords in der Untersuchungszelle auf der Polizeiwache in Sollefteå. Auch sie wurden nicht für schuldig befunden – es ließ sich nicht herausfinden, was den Pädophilen Carl-Olof Strandberg letztlich zum Selbstmord veranlasst hatte –, also ist die A-Gruppe weiterhin intakt. Intakt, aber zusammengestaucht. Am schlimmsten erging es mir – denn im Grunde war natürlich alles mein Fehler. Die Chefin, die das Ganze nicht im Griff hat und alles aus dem Ruder laufen lässt. Ich bekam einen kräftigen Rüffel und wurde für ein halbes Jahr vom Dienst suspendiert. Nun bin ich wieder zurück, immer noch Chefin, aber einen weiteren Fehlgriff kann ich mir nicht mehr leisten.
Jetzt fängt die Übertragung an. Ich stelle es ein wenig lauter. «

 

Szene auf dem Fernsehschirm:
Ein überfüllter kleiner Konferenzraum. Eine Reporterin versucht, zwischen zwei entschieden größeren Männern hindurchzublicken, die mit dem Rücken zur Kamera stehen und nach Leibwachen aussehen. Als sie zu sprechen beginnt, kommt kein Ton. Nach ungefähr zehn Sekunden setzt er ein :
»… einen viel zu kleinen Raum für die versammelte Weltpresse gewählt. Aber sonst wissen wir praktisch nichts. Wir wissen nicht, wer zu uns sprechen wird, wer verantwortlich ist, wer die Leitung der polizeilichen Ermittlung übernimmt, die sicher zu den größten in der Geschichte Schwedens gehören wird. Es ist halb zehn, und ich glaube, jetzt tut sich etwas hinter mir …«
Zwei Personen treten ein und setzen sich an das Katheder auf dem Podium. Die Tür schräg hinter ihnen bleibt offen. Die Stimme der Reporterin wird hörbar, sie flüstert fast:
»Wenn ich mich nicht irre, sind dies der Sprecher der Stockholmer Polizei und der Chef der Sicherheitspolizei …«
Sie wird von der versammelten Weltpresse angezischt und verstummt. Der ältere Mann auf dem Podium räuspert sich und ergreift das Wort.
»Willkommen zu dieser Pressekonferenz. Wir wollen Ihnen die Lage kurz erläutern. Wie Sie sehen, hat die Sicherheitspolizei in Zusammenarbeit mit der Polizei Stockholm die Situation in die Hand genommen. Ich repräsentiere die Letztere, mein Kollege hier die Erstere. Wir sind indessen zu der Übereinkunft gelangt, die Leitung der Ermittlung einer unabhängigen Instanz zu übertragen, nämlich Kommissar Jan-Olov Hultin von der Reichskriminalpolizei.«
Ein älterer Mann mit einer auf einer sehr großen Nase balancierenden Eulenbrille tritt durch die Tür ein und schließt sie hinter sich. Er lässt sich zwischen den beiden Würdenträgern nieder, schiebt die Eulenbrille eine ansehnliche Strecke hinunter bis zur Nasenspitze und blickt unbewegt über die versammelte Weltpresse. Nach einigen Sekunden sagt er:
»Ich gebe Ihnen eine kurze Lagebeschreibung. Anschließend haben Sie Zeit für Fragen. Ich bitte Sie, mich vorher nicht zu unterbrechen.
Heute Nacht um 0.Ol Uhr explodierte ein Waggon der grünen U-Bahn-Linie, also der Linie 1I, kurz nach dem Verlassen der U-Bahn-Station Fridhemsplan in Richtung St. Eriksplan. Durch die Explosion wurde vor allem der letzte der drei Waggons beschädigt. Sämtliche Toten und Schwerverletzten befanden sich in diesem Wagen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt beläuft sich die Zahl der Todesopfer auf neun, die der Verletzten auf zwei. Sieben der Toten sind Männer, zwei sind Frauen. Der Zustand der zwei Schwerverletzten, beides Männer, ist kritisch. Ganz vorn in besagtem Wagen wurden fünf Personen leicht verletzt. Sie sind vernommen worden, ebenso eine große Anzahl weiterer Augenzeugen.
Die technische Untersuchung ist noch im Gange, aber wir können so viel sagen, dass es sich tatsächlich um eine Bombe handelte. Wir haben es also mit einem Bombenanschlag zu tun. Der Umfang ist jedoch so begrenzt, dass wir vorerst kaum von Terrorismus sprechen können, ein Wort, das in den Medien allzu oft und unreflektiert benutzt worden ist. Wir wissen nichts über den Zweck der Tat, und bisher hat sich keine Gruppierung dazu bekannt.
Die Ermittlung wird von einer Führungsgruppe geleitet, in der die Sicherheitspolizei die Federführung innehat, in der aber auch die Reichskriminalpolizei und die Polizei Stockholm mitwirken. Dies ist fürs Erste alles. Fragen dazu?«
Eine exaltierte Männerstimme:
»Aber eben waren doch nur die Sicherheitspolizei und die Polizei Stockholm verantwortlich?«
Kriminalkommissar Jan-Olov Hultin:
»Es existiert in einem Fall wie diesem keine vorgegebene Aufgabenverteilung. Wir wissen wie gesagt noch nicht genau, wie wir das Verbrechen einstufen sollen. Deshalb haben wir uns nach ausgiebiger Diskussion für die Lösung einer Zusammenarbeit auf breiter Basis zwischen den polizeilichen Instanzen entschieden.«
Der Chef der Sicherheitspolizei:
»Aber die Hauptverantwortung liegt natürlich bei der Sicherheitspolizei. «
Eine gefasste Frauenstimme:
»Wird das Militär nicht hinzugezogen?«
Jan-Olov Hultin :
» Selbstverständlich nicht. «
Der Chef der Sicherheitspolizei:
»Es gibt politische Diskussionen über derartige Lösungen in der Zukunft. Aber gegenwärtig nicht.«
Die Fernsehreporterin :
»Sind alle Toten identifiziert?«
»Nicht alle, nein.«
Die Fernsehreporterin erneut:
»Können Sie schon etwas über die Identität der Toten und Verletzten sagen ? «
Jan-Olov Hultin :
»Zu gegebener Zeit. Erst müssen sämtliche Angehörigen benachrichtigt werden. «
Die exaltierte Männerstimme, durch Mineralwasser, vermutlich kohlensäurehaltiges, gefiltert:
»Aber Sie müssen doch eindeutig mehr über die Bombe selbst sagen können …«
Der Chef der Sicherheitspolizei:
»Formulieren Sie Ihre Fragen als Fragen. Sonst werden sie nicht beantwortet. «
Jan-Olov Hultin :
»Nein, darüber gibt es im Moment nicht mehr zu sagen. Wir warten noch auf das erste Teilergebnis einer sehr umfassenden technischen Untersuchung.«
Eine aufgeregte norwegische Frauenstimme:
»Aber wen verdächtigen Sie? War es ein Selbstmordattentäter ? «
Jan-Olov Hultin :
»Wir haben im Moment keine Verdächtigen. Und wir sind weit davon entfernt, Aussagen darüber machen zu können, ob es sich um einen Selbstmordattentäter handelt. Aber die Möglichkeit ist nicht auszuschließen.«
Wieder die exaltierte Männerstimme:
»Sind die Grenzen des Landes geschlossen worden?«
Jan-Olov Hultin :
»Wir sehen keinen Grund, wegen dieser allem Anschein nach isolierten Tat, das Land hermetisch abzuriegeln. Wir sehen auch keinen Anlass für die Vermutung, dass dies der Anfang einer Anschlagserie ist. Falls weitere Taten folgen, können wir eine Schließung der Grenzen diskutieren. Ich halte dies jedoch im Moment für übereilt.«
Der Chef der Sicherheitspolizei:
»Aber natürlich stellt sich die Sicherheitspolizei diese Frage. «
Jan-Olov Hultin ruhig:
» Natürlich. «
Der Sprecher der Polizei Stockholm:
»Ich denke, hiermit kann diese Pressekonferenz als beendet angesehen werden. Wir danken für Ihr Interesse und werden eine weitere Pressekonferenz anberaumen, wenn die Lage es erfordert. Vermutlich heute Nachmittag, der genaue Zeitpunkt wird im Laufe des Tages mitgeteilt.«

 

»Da sieht man es. Still going strong. Nicht zu glauben. Oder vielleicht doch, genau betrachtet. Es muss unglaublich schön sein, Hultin einschalten zu können, den Mann, der Öl auf alle Wogen gießt. Man kann sich ungefähr vorstellen, was für ein Chaos hinter der Maßnahme steckt, wieder einmal den Schwanz einzuziehen und einen so vielfach pensionierten Pensionär einzuberufen.
Aber du bist ja abgerutscht. Warte, ich zieh dich ein wenig hoch. So. Besser jetzt?
Tja, das bedeutet wohl, dass wir doch mehr Chancen haben, mit dem Fall befasst zu werden. Wenn Jan-Olov sich in den letzten Jahren nicht radikal verändert hat, wird er, glaube ich, alles tun, um die A-Gruppe in die Ermittlungen einzubeziehen. Ich fahre gleich hin und rede mit ihm.
Das bedeutet, dass ich dich jetzt allein lasse.
Ich hoffe wirklich, dass du verstehst, was ich sage. Und verdammt, wie ich mir wünsche, ich könnte eine Methode finden, mit dir zu reden. Ich bin es nicht gewöhnt, Monologe zu halten.
Ich komme wieder, sobald ich kann. Das hängt natürlich ein bisschen davon ab, wie nun die Ermittlungen laufen sollen.
Ich hoffe, du findest eine Art Frieden in deinem Inneren.
Ich muss jetzt los. Tschüss dann, Bengt. Mach’s gut.«

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