Der Herausgeber Rainer Wieland im Gespräch mit seinem Lektor Thomas Tebbe
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Dienstag, 26. Februar 2013 von Piper Verlag


Der Herausgeber Rainer Wieland im Gespräch mit seinem Lektor Thomas Tebbe

Thomas Tebbe: »Das Buch der Tagebücher« versammelt über 1500 Tagebucheinträge von rund 180 Autoren. Woher kommt Ihre Leidenschaft für Tagebücher?


Rainer Wieland: Das Tagebuchschreiben ist die persönlichste Form des Schreibens. Alles, was uns Menschen bewegt, findet hier, Tag für Tag, Jahr für Jahr, seinen Niederschlag. Beim Lesen von Tagebüchern lässt sich eine Menge lernen darüber, wie wir mit existentiellen Erfahrungen – Liebe, Erfolg und Misserfolg, Krankheit, Krieg – umgehen.


Thomas Tebbe: Ist beim Lesen fremder Tagebücher nicht auch eine gehörige Portion Voyeurismus im Spiel?


Rainer Wieland: Für nicht wenige Autoren ist das Tagebuch eine Art Beichtstuhl, dem sie Dinge anvertrauen, die sie niemandem sonst zu sagen wagen. Dennoch würde ich nicht von Voyeurismus sprechen, schließlich liegen alle Tagebücher, die ich für das Buch verwendet
habe, veröffentlicht vor. Das Wort Neugier trifft es, glaube ich, besser – die Neugier darauf, was das menschliche Dasein ausmacht. Es ist ein Blick in die menschliche Seele.


Thomas Tebbe: Ihre Auswahl umfasst die berühmten Tagebücher der Weltliteratur, von Samuel Pepys über die Brüder Goncourt bis hin zu Tolstoi, Kafka und Ernst Jünger – aber auch viele Autoren, die man bislang gar nicht als Tagebuchschreiber kannte, wie den Schauspieler Richard Burton, der im Tagebuch über seine abenteuerliche Ehe mit Elizabeth Taylor schreibt. Wie sind Sie bei Ihrer Auswahl vorgegangen?


Rainer Wieland: Mir ging es darum, das Tagebuchschreiben in seiner ganzen Vielfalt zu zeigen: Neben Schriftstellern kommen Maler wie Max Beckmann und Dalí zu Wort, Musiker wie Mozart und Tschaikowski ebenso wie Tänzer und Schauspieler, neben Burton zum Beispiel auch Romy Schneider. Forscher und Gelehrte, Abenteurer und Weltreisende sind dabei, von Kolumbus über Alexander von Humboldt bis zu Darwin.


Und schließlich auch Staatslenker und politische Aktivisten, von König Ludwig II. und Queen Victoria über Rudi Dutschke bis zu Joschka Fischer. Aber auch ein Joseph Goebbels ist darunter. Eine Reihe von Tagebuchauszügen wurden für das Buch erstmals ins Deutsche übertragen, darunter Eintragungen von Ronald Reagan, Christopher Isherwood und Evelyn Waugh. Natürlich kann eine solche Auswahl nur subjektiv sein. Es sind die Autoren und Tagebuchstellen versammelt, die mich überrascht oder besonders bewegt haben.


Thomas Tebbe: Sie haben »Das Buch der Tagebücher« selbst als Tagebuch angeordnet, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, ein Rezensent nannte es ein „lockendes Labyrinth“ ...


Rainer Wieland: Es gibt für jedes Datum mehrer Einträge aus verschiedenen Jahrhunderten. Auf diese Weise kommen die Tagebuchautoren – über die Zeiten und Kontinente hinweg – miteinander ins Gespräch. Gelegentlich fallen sie einander auch ins Wort.


Thomas Tebbe: Wo immer man das Buch aufschlägt, wird man beschenkt mit klugen Gedanken. Wie lange haben Sie an diesem Mammutprojekt gearbeitet?


Rainer Wieland: Es ist die Frucht vieler Jahre Lesearbeit – oder besser: Lesevergnügen. Ich habe mir einen großen Kalender zugelegt und die Tage markiert, für die ich Einträge ausgewählt hatte. Einige Monate ließen sich recht zügig füllen – der Januar, der Oktober und der November zum Beispiel –, bei anderen Monaten – wie dem Juni – gab es lange Zeit
erschreckende Lücken.


Zum Schluss war nur noch ein einziges Datum offen: der 22. August, und es war eine große Erleichterung, als ich auch für diesen Tag zwei schöne Einträge beisammen hatte.


Thomas Tebbe: Man muss aber das Buch nicht, der kalendarischen Ordnung folgend, von Januar bis Dezember lesen ...


Rainer Wieland: Nein, man kann an einer beliebigen Stelle ins Buch eintauchen und von dort seine Verbindungsnetze spannen. Mehrere Leser haben mir erzählt, dass sie als erstes ihr Geburtsdatum aufgeschlagen haben.


Thomas Tebbe: Eine gewaltige Anstrengung bei einem solchen Projekt ist das Einholen der Abdruckrechte ...


Rainer Wieland: Bei einigen Rechtegebern war viel Überzeugungsarbeit nötig, bis sie die Genehmigung zum Abdruck gaben. Hier wurde ich vom Verlag auf eine Weise unterstützt, wie man es sich als Herausgeber nur wünschen kann. Alle waren mit großem Enthusiasmus dabei – auch die Herstellung, die aus dem Buch eine bibliophile Kostbarkeit werden ließ: Es ist in Moiré-Seide gebunden.


Thomas Tebbe: Gestatten Sie eine persönliche Frage zum Schluss: Führen Sie selbst Tagebuch?


Rainer Wieland: Da halte ich es mit Oscar Wilde: Everyone should keep someone else’s diary.

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