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Tag der Wahrheit

Guillaume Musso im Interview zu „Nacht im Central Park“.

Montag, 04. April 2016 von Revolverblatt


Guillaume Musso

gilt als einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Frankreichs und arbeitete als Dozent und Gymnasiallehrer. 1974 im südfranzösischen Antibes geboren, verbrachte er schon als Zehnjähriger die meiste Zeit des Sommers in der Bücherei. Im Alter von 19 Jahren zog er für einige Monate nach New York, wo er unter anderem als Eisverkäufer jobbte.

Nahtod-Erfahrung bringt Erfolg

Seinen Durchbruch als Autor feierte der heute 41-Jährige mit seinem Roman »Et après«, der 2004 unter dem Titel »Ein Engel im Winter«auf Deutsch erschien. Die Idee zum Buch kam ihm, nachdem er einen schweren Autounfall überlebt hatte. Der Roman führte wochenlang die französischen Bestsellerlisten an, wurde weltweit übersetzt und mit John Malkovich in der Hauptrolle verfilmt.

RB: Zufallsbegegnungen sind oftmals zentrale Themen Ihrer Romane. Doch wie das Schicksal ihre beiden Protagonisten in „Nacht im Central Park“ zusammenführt, ist ungewöhnlich. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

GM: Viele Jahre hatte ich dieses Bild vor meinem inneren Auge: eine Frau und ein Mann, die sich nicht kennen und gemeinsam ohne Erinnerung mit Handschellen aneinander gekettet an einem öffentlichen Ort erwachen. Es fehlte mir aber lange Zeit die Idee, wie sich daraus eine spannende, logische Geschichte entwickeln kann.

RB: Wie hat sich das geändert?

GM: Ich konzentrierte mich auf die Entwicklung der Haupt-Charaktere. Was zeichnet sie aus? Welche Vergangenheit haben sie? Was beeinfl usst sie in ihrem Handeln? Als mir die „Geschichte“ von Alice klar war, wusste ich, wie die gesamte Story ablaufen könnte.

RB: Was sind die zentralen Themen Ihres Romans?

GM: Es geht um die eigene Identität. Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, was ich vergangene Nacht getan habe, wie gut kenne ich mich dann eigentlich selbst? Gibt es eine unbekannte dunkle Seite in mir? Diesen und ähnlichen Fragen müssen sich Alice und Gabriel im Laufe der Geschichte stellen.

›Wieso weiß ich nicht, was ich getan habe?‹

 

RB: Das Rätsel um Alice und Gabriel beginnt um 8 Uhr morgens und löst sich abends am selben Tag. Wieso haben Sie sich für diesen kurzen Zeitrahmen entschieden?

GM: Ich wollte die Spannung für die Leser bis zum Ende konstant hoch halten. Deshalb habe ich immer neue Wendungen, Überraschungen und Enthüllungen in die einzelnen Handlungsstränge eingebaut.

RB: Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?

GM: Spannung, Überraschungen und unvorhersehbare Ereignisse zeichnen meinen Erzählstil aus. Ich versuche, die Leser mit meinen Geschichten zu fesseln.

RB: Das Ende von „Nacht im Central Park“ ist nicht vorhersehbar. Wie haben die Testleser darauf reagiert?

GM: Die meisten waren überrascht. Und sie baten mich, in Interviews möglichst wenig über die Story zu verraten


... mse

NACHT IM CENTRAL PARK

Guillaume Musso
Eine Nacht ohne Erinnerung verändert das Leben einer Polizistin und eines Musikers. Beide umgeben mysteriöse Rätsel, die sie nur gemeinsam lösen können.
PIPER, 384 Seiten, 14,99 € (D)

Blick ins Buch
Nacht im Central ParkNacht im Central Park

Roman

New York, acht Uhr morgens. Alice, eine Polizistin aus Paris, und Gabriel, ein amerikanischer Jazzpianist, wachen auf einer Bank im Central Park auf – mit Handschellen aneinander gefesselt. Und sie sind sich nie zuvor begegnet. Wie in aller Welt sind die beiden hierhergekommen? Und vor allem: warum?

Erster Teil
Die Aneinandergeketteten





Kapitel 1

Alice

Ich glaube, dass in jedem Mann ein weiterer Mann steckt: ein Fremder, ein hinterhältiger Kerl.
Stephen King, Zwischen Nacht und Dunkel



Zuerst der starke, schneidende Wind, der über das Ge­­sicht streicht.
Das leichte Rascheln des Laubes. Das entfernte Murmeln eines Bachs. Der dezente Gesang der Vögel. Die ersten Sonnenstrahlen, wahrgenommen durch den Schleier der noch geschlossenen Augenlider.
Dann das Knacken von Zweigen. Der Geruch von feuchter Erde. Von moderndem Laub. Die holzigen und kräftigen Duftnoten grauer Flechten.
Weiter entfernt ein unbestimmtes, unschönes disharmonisches Brummen.

Mühsam öffnete Alice Schäfer die Augen. Das Licht des anbrechenden Tages blendete sie, der Morgentau hatte sich auf ihre Kleidung gelegt. Von kaltem Schweiß durchnässt, fröstelte sie. Ihre Kehle war trocken, und sie hatte einen starken Geschmack nach Asche im Mund. Ihre Gelenke und Gliedmaßen waren steif, ihr Gehirn war wie benebelt.
Als sie sich aufrichtete, stellte sie verdutzt fest, dass sie sich auf einer groben Holzbank befand und ein kräftiger Mann halb auf ihr lag.
Alice unterdrückte einen Schrei, und ihr Herzschlag beschleunigte sich unvermittelt. Bei dem Versuch, sich von ihm zu befreien, glitt sie zu Boden, richtete sich aber sofort wieder auf. Dabei bemerkte sie, dass ihr rechter Unterarm mit Handschellen an das linke Handgelenk des Unbekannten gekettet war. Sie zuckte zu­­rück, doch der Mann bewegte sich nicht.
Scheiße!
Ihr Herz hämmerte wie wild. Ein Blick auf ihre Armbanduhr: Das Zifferblatt ihrer alten Patek Philippe war verkratzt, aber der Mechanismus funktionierte noch, und der ewige Kalender zeigte Dienstag, den 8. Oktober, 8:00 Uhr.
Um Himmels willen! Wo bin ich bloß?, fragte sie sich und versuchte, sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn zu wischen.
Sie blickte nach allen Seiten, um sich zu orientieren. Sie befand sich mitten in einem Wald mit herbstlich goldfarbenem Laub und dichtem Unterholz. Eine stille Lichtung, umgeben von Eichen, Büschen und felsigen Vorsprüngen. Kein Mensch weit und breit, was angesichts der Umstände sicher vorzuziehen war.
Alice hob den Blick. Das Licht war mild, beinahe un­­wirklich. Tautropfen glitzerten im Blattwerk einer rie­sigen, flammend rot gefärbten Ulme, deren Wurzeln durch einen Teppich aus feuchtem Laub ragten.
Forêt de Rambouillet? Fontainebleau? Bois de Vincennes?, fragte sie sich.
Diese Umgebung, die einer idyllischen impressionistischen Postkartenansicht glich, stand in deutlichem Kontrast zu diesem surrealistischen Erwachen neben einem völlig Unbekannten.
Vorsichtig beugte sie sich vor, um sein Gesicht besser betrachten zu können. Es war ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren mit zerzaustem braunem Haar und Bartstoppeln.
War er womöglich tot?
Sie kniete sich hin und legte, rechts von seinem Adamsapfel, drei Finger an seinen Hals. Der Puls, den sie spürte, als sie einen leichten Druck auf seine Halsschlagader ausübte, beruhigte sie. Der Mann war be­­wusstlos, aber nicht tot. Sie nahm sich die Zeit, ihn einen Moment lang zu mustern. Kannte sie ihn? Vielleicht ein Gauner, den sie ins Gefängnis gebracht hatte? Ein Freund aus Kindheitstagen, den sie nicht wieder­erkannte? Nein, seine Gesichtszüge sagten ihr absolut gar nichts.
Alice schob die blonde Haarsträhne zurück, die ihr über die Augen gefallen war, dann begutachtete sie die Metallhandschellen, die sie mit diesem Kerl verbanden. Es war ein Standardmodell mit Doppelschloss, wie es von vielen Polizei- oder privaten Sicherheitsdiensten überall auf der Welt verwendet wird. Es war sogar wahrscheinlich, dass es sich um ihre eigenen Handschellen handelte. Alice wühlte in der Hosentasche ihrer Jeans, in der Hoffnung, den Schlüssel zu finden.
Er war nicht da. Allerdings spürte sie in der Innen­tasche ihrer Lederjacke einen Pistolenknauf. In der An­­nahme, es handele sich um ihre Dienstwaffe, legte sie erleichtert die Finger um den Griff. Aber es war keine SIG Sauer, wie sie bei der französischen Kriminalpolizei verwendet wird. Es handelte sich vielmehr um eine Glock 22 mit Polymergriff, deren Herkunft ihr unbekannt war. Sie wollte das Magazin überprüfen, was mit einer gefesselten Hand recht schwierig war. Vorsichtig, um den Unbekannten nicht zu wecken, bemühte sie sich, bis es ihr schließlich gelang. Sie sah, dass eine Kugel fehlte, und entdeckte beim Hantieren mit der Waffe angetrocknete Blutflecken am Griff. Sie zog den Reißverschluss ihres Lederblousons ganz auf und stellte fest, dass auch ihre Bluse voller Blut war.
Verdammter Mist! Was habe ich bloß letzte Nacht angestellt?
Alice massierte sich mit der freien Hand die Stirn. Der stechende Schmerz einer Migräne strahlte in ihre Schläfen aus, als würde ihr Schädel von einem unsichtbaren Schraubstock zusammengepresst. Sie atmete tief ein, um ihre Angst zu vertreiben, und versuchte, ihre Erinnerungen zu ordnen.
Am Abend zuvor war sie mit drei Freundinnen aus­gegangen, um auf den Champs-Élysées zu feiern. Sie hatte viel getrunken, einen Cocktail nach dem anderen in verschiedenen Bars: im Moonlight, dem Treizième Étage, dem Londonderry . . . Die vier Freundinnen hatten sich gegen Mitternacht getrennt. Sie war allein zu ihrem Auto gegangen, das sie in einer Tiefgarage an der Avenue Franklin-D.-Roosevelt abgestellt hatte, dann . . .
Blackout. Ein Schleier verhüllte ihre Erinnerungen. Ihr krampfhaft arbeitendes Gehirn förderte nichts zu­­tage. Ihr Gedächtnis war wie gelähmt, blieb bei diesem letzten Bild stehen.
Los, streng dich an, verdammt! Was ist anschließend passiert?
Sie erinnerte sich deutlich, am Kassenautomaten be­­zahlt zu haben und dann ins dritte Untergeschoss hinuntergegangen zu sein. Sie war angetrunken gewesen, ohne Frage. Schwankend hatte sie ihren kleinen Audi erreicht, hatte aufgesperrt, sich auf den Fahrersitz ge­­setzt und . . .
Nichts mehr.
So sehr sie sich auch konzentrierte, eine Mauer aus weißen Ziegeln verwehrte ihr den Zugang zu ihren Erinnerungen. Der Hadrianswall erhob sich vor ihrem Gedächtnis, die gesamte Chinesische Mauer blockierte ihre Bemühungen.
Sie schluckte. Ihre Panik nahm zu. Dieser Wald, das Blut auf ihrer Bluse, die Waffe, die nicht ihre war . . . Das war nicht einfach nur ein Brummschädel nach einem feucht-fröhlichen Abend. Wenn sie sich nicht erinnerte, wie sie hier gelandet war, dann sicher deshalb, weil man sie unter Drogen gesetzt hatte. Vielleicht hatte ein Verrückter ihr Liquid Ecstasy in ein Getränk gekippt! Das war durchaus möglich: Als Polizistin hatte sie es in den letzten Jahren mehrfach mit Fällen zu tun gehabt, bei denen K.-o.-Tropfen eine Rolle gespielt hatten. Sie speicherte diese Idee in einem Winkel ihres Gehirns ab und begann, ihre Taschen zu leeren: Ihr Portemonnaie und ihr Dienstausweis waren verschwunden. Sie hatte weder Papiere noch Geld noch ihr Handy bei sich.
Verzweiflung gesellte sich zu ihrer Angst.
Ein Ast knackte, ein Schwarm Grasmücken flog auf. Einige rot gefärbte Blätter wirbelten durch die Luft und streiften Alices Gesicht. Mit der linken Hand zog sie den Reißverschluss ihres Blousons wieder zu. Dabei bemerkte sie in ihrer Handfläche – wie einst der Spickzettel in der Schule – eine mit Kugelschreiber notierte Abfolge von Ziffern, die bereits zu verblassen drohten:
2125 558 900
Was hatten diese Zahlen zu bedeuten? Hatte sie selbst sie aufgeschrieben? Möglich, aber nicht sicher . . . urteilte sie anhand der Schrift.
Ratlos und verängstigt schloss sie kurz die Augen.
Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Offensichtlich hatte sich in der zurückliegenden Nacht irgend­etwas Schwerwiegendes abgespielt. Aber auch wenn sie keinerlei Erinnerung an diese Episode hatte, würde der Mann, an den sie gekettet war, ihrem Gedächtnis rasch auf die Sprünge helfen. Zumindest hoffte sie das.
Freund oder Feind?
Da sie es nicht wusste, schob sie das Magazin wieder in die Glock und entsicherte die halb automatische Pistole. Mit ihrer freien Hand richtete sie die Waffe auf ihren Begleiter, bevor sie ihn schonungslos schüttelte.
»Hey! Aufwachen!«
Der Mann hatte ganz offensichtlich Schwierigkeiten, zu sich zu kommen.
»Hey, komm zu dir, Alter!«, knurrte sie und rüttelte ihn an der Schulter.
Er blinzelte und unterdrückte ein Gähnen, bevor er sich mühsam aufrichtete. Als er die Augen öffnete, zuckte er beim Anblick der Waffe verschreckt zurück.
Er starrte Alice entgeistert an, schaute sich dann um und nahm fassungslos die ihn umgebende Waldlandschaft zur Kenntnis.
Nach einigen Sekunden der Verblüffung schluckte er und fragte auf Englisch: »Wer, zum Teufel, sind Sie? Was machen wir hier?«




Kapitel 2

Gabriel

Ein Geheimnis, bei dem es unnatürlich zuginge, gibt es nicht.
Gebrüder Grimm



Der Unbekannte hatte mit starkem amerikanischen Ak­zent gesprochen, wobei er das »R« fast völlig verschluckte.
»Wo, zum Teufel, sind wir?« Er runzelte die Stirn.
Alice schloss die Finger noch fester um den Pistolengriff.
»Ich denke, das sollten Sie mir sagen!«, antwortete sie ihm auf Englisch und richtete den Lauf der Glock auf seine Schläfe.
»Ganz ruhig, ja?«, bat er und hob die freie Hand. »Und nehmen Sie Ihre Waffe weg: Die Dinger sind gefährlich . . .«
Noch immer nicht ganz wach, deutete er mit dem Kinn auf seinen Unterarm, der in dem Stahlarmband gefangen war.
»Warum haben Sie mir das da verpasst? Was habe ich dieses Mal angestellt? Prügelei? Trunkenheit am Steuer?«
»Nicht ich habe Ihnen die Handschellen angelegt«, entgegnete sie.
Alice musterte ihn genau: Er trug Jeans, ein Paar Converse Chucks, ein zerknittertes blaues Hemd und ein tailliertes Jackett. Seine hellen, einnehmenden Augen waren von dunklen Schatten umgeben.
»Ganz schön kalt hier«, beklagte er sich und zog die Schultern hoch.
Er senkte den Blick auf sein Handgelenk, um auf seine Armbanduhr zu schauen, aber sie war nicht mehr da.
»Scheiße . . . Wie spät ist es?«
»Acht Uhr morgens.«
So gut er konnte, durchwühlte er seine Taschen und begehrte dann auf: »Aber Sie haben mir ja alles geklaut! Meine Kohle, meine Brieftasche, mein Handy . . .«
»Ich habe Ihnen überhaupt nichts gestohlen«, ver­sicherte Alice. »Mich hat man auch ausgeraubt.«
»Und ich habe eine verdammte Beule«, stellte er fest, während er sich mit seiner freien Hand den Hinterkopf rieb. »Auch damit haben Sie natürlich nichts zu tun?«, schimpfte er, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln: Eine schlanke Blondine mit halb aufgelöstem Haarknoten, bekleidet mit engen Jeans, einer blutbefleckten Bluse, und darüber trug sie einen Lederblouson. Ihre Ge­­sichtszüge waren hart, aber harmonisch – hohe Wangenknochen, schmale Nase, durchscheinender Teint –, und ihre Augen, die durch die kupferfarbenen Reflexe des Herbstlaubes gesprenkelt wirkten, strahlten intensiv.
Ein stechender Schmerz unterbrach ihn in seiner Betrachtung: ein brennendes Gefühl auf der Innenseite seines Unterarms.
»Was ist jetzt los?«, fragte sie seufzend.
»Mein Arm tut weh«, antwortete er und verzog das Gesicht. »Als hätte ich eine Wunde . . .«
Wegen der Handschellen konnte Gabriel weder sein Jackett ausziehen noch den Ärmel seines Hemds hochschieben. Durch einige Verrenkungen gelang es ihm jedoch, eine Art Bandage an seinem Arm zu erkennen. Ein frisch angelegter Verband, von dem eine Blutspur zu seinem Handgelenk führte.
»Gut, Schluss jetzt mit dem Blödsinn!«, rief er entnervt. »Wo sind wir hier? In Wicklow?«
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Wicklow? Wo ist das?«
»Ein Wald im Süden.« Er seufzte.
»Im Süden von was?«, fragte sie.
»Machen Sie sich über mich lustig? Südlich von Dublin!«
Sie sah ihn mit großen Augen an.
»Sie glauben wirklich, dass wir in Irland sind?«
»Wo sollten wir denn sonst sein?«
»Na ja, in Frankreich schätze ich. In der Nähe von Paris. Ich würde sagen im Wald von Rambouillet oder . . .«
»Hören Sie mit Ihren Wahnvorstellungen auf!«, unterbrach er sie. »Und überhaupt, wer sind Sie eigentlich?«
»Ein Mädchen mit einer Knarre. Also stelle ich hier die Fragen.«
Er sah sie herausfordernd an, begriff jedoch, dass er die Situation nicht im Griff hatte.
»Ich heiße Alice Schäfer und bin Kommissarin bei der Kriminalpolizei von Paris. Ich habe den Abend mit Freundinnen auf den Champs-Élysées verbracht. Ich weiß nicht, wo wir uns befinden und wie wir, einer an den anderen gekettet, hierhergekommen sind. Und ich habe nicht die geringste Ahnung, wer Sie sind. Nun sind Sie an der Reihe.«
Nach kurzem Zögern entschloss sich der Unbekannte, seine Identität preiszugeben.
»Ich bin Amerikaner. Ich heiße Gabriel Keyne und bin Jazzpianist. Normalerweise lebe ich in Los Angeles, aber ich bin häufig unterwegs auf Konzertreisen.«
»Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern?«, fragte Alice ihn.
Gabriel runzelte die Stirn und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.
»Also .  . . gestern Abend habe ich mit meinem Bassisten und meinem Saxophonisten im Brown Sugar ge­­spielt, einem Jazzclub im Temple-Bar-Viertel in Dublin.«
In Dublin . . . der Typ spinnt doch!
»Nach dem Konzert habe ich mich an die Bar gesetzt und vielleicht etwas zu sehr dem Cuba Libre zugesprochen«, fuhr Gabriel fort und öffnete die Augen.
»Und dann?«
»Dann . . .«
Er verzog das Gesicht und biss sich auf die Lippe. Offensichtlich fiel es ihm ebenso schwer wie ihr, sich an das Ende des Abends zu erinnern.
»Hören Sie, ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, dass ich mich mit einem Typen gestritten habe, dem meine Musik nicht gefiel. Dann habe ich ein paar Mädchen angemacht, war aber zu besoffen, um mir eine zu angeln.«
»Große Klasse. Sehr elegant, wirklich.«
Er fegte den Vorwurf mit einer Handbewegung beiseite und stand von der Bank auf, sodass Alice seinem Beispiel folgen musste. Mit einer plötzlichen Bewegung des Unterarms zwang sie ihn, sich wieder zu setzen.
»Ich habe den Club gegen Mitternacht verlassen«, versicherte er. »Ich konnte kaum noch aufrecht stehen. Am Aston Quay habe ich ein Taxi herangewunken. Nach wenigen Minuten hielt ein Wagen und . . .«
»Und was?«
»Ich weiß es nicht mehr«, gab er zu. »Ich muss dem Fahrer meine Hoteladresse gegeben haben und auf der Rückbank eingeschlafen sein.«
»Und danach?«
»Nichts, wenn ich es Ihnen doch sage!«
Alice ließ die Waffe sinken und einige Sekunden verstreichen, um über diese schlechten Neuigkeiten nachzudenken. Offensichtlich konnte der Typ ihr nicht helfen, die Situation aufzuklären. Im Gegenteil.
»Ihnen ist schon klar, dass alles, was Sie mir erzählt haben, ein Witz ist?«, sagte Alice schließlich und seufzte.
»Und warum das?«
»Weil wir in Frankreich sind, das ist doch eindeutig!«
Gabriel suchte mit den Augen den Wald ab, der sie umgab: die Bäume, die dichten Büsche, die von Efeu bedeckten Felswände, die goldene Kuppel, die das Herbstlaub bildete. Sein Blick wanderte den entrindeten Stamm einer riesigen Ulme hinauf und entdeckte zwei Eichhörnchen, die, mit schnellen Sprüngen von Ast zu Ast, eine Blaumerle verfolgten.
»Ich wette mein Hemd, dass wir nicht in Frankreich sind«, widersprach er und kratzte sich am Kopf.
»Es gibt jedenfalls nur eine Möglichkeit, das festzustellen«, erwiderte Alice gereizt, steckte ihre Pistole ein und veranlasste ihn, sich zu erheben.
Sie verließen die Lichtung und drangen in den Wald ein. Aneinandergekettet schlugen sie sich durch das dichte Unterholz, folgten verschlungenen Pfaden und mussten immer wieder kleine Bäche überspringen. Sie brauchten etwa dreißig Minuten, um diesem Waldlabyrinth zu entkommen. Schließlich gelangten sie auf eine schmale asphaltierte Allee, deren Bäume über ihren Köpfen ein Gewölbe bildeten. Je weiter sie ihr folgten, desto deutlicher ließen sich die Geräusche der Zivilisation vernehmen.
Ein vertrautes Brummen: der aufsteigende Lärm einer Großstadt . . .
Von einer merkwürdigen Vorahnung ergriffen, zog Alice Gabriel in Richtung eines Sonnenfleckens, der sich in der Ferne abzeichnete. Sie folgten dem Licht, bis sie zu einer Rasenfläche kamen, die offenbar einen See säumte.
Da bemerkten sie sie.
Eine eiserne Brücke, die anmutig in einem weiten Bogen einen Ausläufer des Sees überspannte.
Eine cremefarbene, elegant geschwungene Brücke, verziert mit Blumenschalen.
Eine bekannte Fußgängerbrücke, die in Hunderten von Filmen zu sehen ist.
Die Bow Bridge.
Sie waren weder in Paris noch in Dublin.
Sondern in New York.
Im Central Park.

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