»Der Code« im »Revolverblatt«
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Mittwoch, 01. Oktober 2014 von


»Der Code« im »Revolverblatt«

Entschlüsselt - »Der Code« von Frederik T. Olsson

So einen Thriller wie »Der Code« hat es noch nie gegeben. Es geht um ein jahrtausendealtes Geheimnis, die letzten Tage der Menschheit und ein Rennen um die Zeit. Mittendrin eine junge Wissenschaftlerin und ein Kryptologe, die das große Rätsel entschlüsseln sollen.


Sie müssen einfach nur die Menschheit retten. Aber das wissen sie noch nicht, als sie von einer geheimen Organisation in ein Schloss in den Alpen entführt werden: die junge Sumerologin Janine Haynes und der Kryptologe William Sandberg. In der gigantischen Anlage treffen sie auf Connors und Franquin. Sie gehören zu den Entführern und leiten offenbar für eine Weltorganisation ein Großprojekt, an dem sie seit 30 Jahren arbeiten. Doch Informationen über das Projekt geben sie nicht preis. Noch nicht. Aber nach und nach erfahren die Amerikanerin und der Schwede, was sie zu tun haben: Sie sollen beim Entschlüsseln eines Codes helfen. Widerwillig und abgeschottet vom Rest der Welt machen sie sich an ihre Aufgabe.
Während Haynes und Sandberg über alte Keilschriften tüfteln, passieren merkwürdige Dinge draußen in der Welt: In Berlin wird ein Obdachloser verfolgt, ermordet und sauber entsorgt. Und in Stockholm stirbt ein Autofahrer während der Fahrt und verursacht dadurch eine Massenkarambolage. Es sind Zeichen. Bedrohliche Zeichen für die gesamte Menschheit. 

Thriller mit ein bisschen Mystery und ein bisschen Science-Fiction
»Der Code« von Fredrik T. Olsson ist kein Spionagethriller im eigentlichen Sinn. Es geht nicht um Interessen einzelner Länder oder um Bedrohungen durch Terroristen. »Mein Roman ›Der Code‹ ist ein bisschen Spionage, ein bisschen Mystery und ein bisschen ‚Wer-weiß-Was-und-Warum«, sagte kürzlich Olsson in einem Interview. Und vielleicht sogar ein bisschen Science-Fiction. Denn nach und nach erhalten Haynes und Sandberg Hinweise, dass sie einen Code der menschlichen DANN entschlüsseln sollen. Aber warum? Connors und Franquin schweigen oder antworten rätselhaft: »Es gibt ein Wissen, das nicht für uns bestimmt ist.«
Aussichtslose Flucht und die Entdeckung der Vorgängerin Haynes und Sandberg versuchen zu fl iehen. Ein aussichtsloser Versuch. Ein ausgeklügeltes Hochsicherheitssystem verhindert das. Bei ihrem Fluchtversuch entdecken sie jedoch eine sterbende Frau, die durch Plexiglasscheiben von der Außenwelt getrennt ist. Janine Haynes erkennt sie: Es ist die deutsche Wissenschaftlerin Helena Watkins, die vor Sandberg am Code gearbeitet hat. Schließlich werden Janine und William von den Sicherheitsleuten gestellt und anschließend unter mörderischen Qualen desinfiziert. Was hat das alles mit dem Code zu tun? Für wen arbeiten sie eigentlich? Connors und Franquin klären sie auf. Es ist eine unglaubliche Geschichte: Jeder menschliche Code enthält ein und dieselbe Botschaft. Es ist die Geschichte der Menschheit – vom Bau der ägyptischen Pyramiden über die Tsunami-Katastrophe 2004 bis zum Ende der Menschheit. Und das wird bald stattfinden. Sehr bald. Connors und Franquin wissen das seit mehr als 30 Jahren, in denen sie daran arbeiten, das schreckliche Ende abzuwenden. Ihre geheime Organisation hat daher in den Katakomben des Alpenschlosses ein Virus entwickelt, das die geheime Botschaft in der DNA eliminieren sollte. Doch das Virus verfehlte seine Wirkung. Stattdessen drang es nach draußen, ist nun virulent und infi ziert die Menschen. Haynes und Sandberg sind fassungslos. Die Menschheit weiß noch nicht, was ihr droht. Doch die Stunde Null naht: In Amsterdam stürzt ein Flugzeug ab und radiert dabei ein Stadtviertel komplett aus, ebenso wird dort ein Krankenhaus mit all seinen Patienten von einer F16-Maschine in Schutt und Asche gelegt, einen Tag später muss der Berliner Hauptbahnhof evakuiert werden. Der Virus grassiert. Die Menschen fliehen vor dem Tod. Weltweit herrschen apokalyptische Zustände. Die letzten Tage der Menschheit scheinen angebrochen zu sein. Dann hat Sandberg, der Spezialist für komplexe Geheimcodes, plötzlich einen ganz einfachen Gedanken: Ja, was wäre wenn wir nie entdeckt hätten, was wir in uns tragen. Es ist die Lösung des großen Rätsels und der schlüssige Showdown eines Thrillers, wie es ihn noch nie gegeben hat. sie

Blick ins Buch
Der CodeDer Code

Thriller

In Amsterdam fällt die junge Wissenschaftlerin Janine Haynes einem Verbrechen zum Opfer. Zur gleichen Zeit ermorden drei als Sanitäter getarnte Unbekannte einen Obdachlosen in Berlin. Und in Stockholm verschwindet der Kryptologe und Software-Experte William Sandberg spurlos aus seinem Klinikbett. Seine Exfrau Christiane glaubt an eine Entführung. Drei Opfer, drei scheinbar unabhängige Fälle – doch sie alle sind Puzzleteile eines Geheimnisses, das viel zu lange bewahrt worden ist.
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Prolog

Als sie den Mann in der Gasse erschossen, war es schon zu spät. Er war knapp über dreißig, mit Jeans, Hemd und einer Windjacke bekleidet. Für diese Jahreszeit war er viel zu dünn angezogen, aber frisch geduscht und halbwegs satt – das hatten sie ihm versprochen, und sie hatten es auch gehalten. Doch niemand hatte ihm gesagt, was danach passieren würde. Keuchend blieb er zwischen den Steinfassaden hinter dem alten Postamt abrupt stehen. Im Rhythmus seiner Atemzüge stiegen dünne Dampfwolken in der Dunkelheit auf. Er spürte eine leise Panik, weil die Gitterpforte am Ende der kurzen Querstraße verschlossen war. Dieses Risiko war ihm bewusst gewesen, aber er hatte es in Kauf nehmen müssen. Jetzt stand er hier, ohne einen Fluchtweg, während sich von hinten das Rascheln der drei Warnwesten näherte. Bereits vor einer Viertelstunde hatte die Nachricht die europäischen Tageszeitungen erreicht, versteckt im großen Datenstrom, drei knappe Zeilen über einen Mann, der um kurz nach vier in der Nacht zum Donnerstag mitten in Berlin tot aufgefunden worden sei. Dort stand nicht ausdrücklich, dass es sich um einen Obdachlosen und Drogenabhängigen handelte, aber dieser Eindruck entstand, wenn man die Kurzmeldung las. So war es auch bezweckt. Wer glaubhaft lügen wollte, sollte sich an die Wahrheit halten. Aus Platzmangel würde die Notiz in den Ausgaben des nächsten Tages in einer Spalte zwischen anderen unbedeutenden Nachrichten verschwinden. Die Nachricht war nur eine von vielen Sicherheitsmaßnahmen, und vermutlich war sie nicht einmal notwendig. Lediglich eine Erklärung, falls irgendein Außenstehender beobachten würde, wie man den leblosen Körper in der Dunkelheit barg, ihn zum Rettungswagen trug, die Hintertür mit Schwung zugleiten ließ und durch den feinkörnigen Eisregen mit rotierendem Blaulicht davonfuhr. Jedoch nicht zu einem Krankenhaus. Genau genommen würde man im Krankenhaus ohnehin nichts mehr ausrichten können. In dem Rettungswagen saßen drei schweigende Männer, die hofften, dass sie rechtzeitig gekommen waren. Aber so war es nicht.

 

I – VIERERBASIS

Nichts würde mich je dazu bringen, Tagebuch zu schreiben.Dinge geschehen. Die Zeit vergeht. Das Leben beginnt und nimmt seinen Lauf und sein Ende, und an dieser Sinnlosigkeit ändert sich gar nichts dadurch, dass man sie aufschreibt und anschließend betrachtet. Eines Tages ist alles vorüber, und eines weiß ich sicher – wenn die Welt zusammenbricht, wird kein Schwein lesen wollen, was ich an einem Montag im März gemacht habe.Nichts würde mich je dazu bringen, Tagebuch zu schreiben.Mit einer Ausnahme:Wenn ich wüsste, dass es bald niemanden mehr geben wird, der es lesen kann.Dienstag, der 25. November.In der Luft liegt Schnee.Und in den Augen aller Schrecken.

 

1

Die Polizisten hatten nur Sekunden gebraucht, um die verzierten Flügeltüren zur Wohnung aufzubrechen, indem sie die bleigefassten Fensterscheiben einschlugen, hindurchgriffen und die Tür von innen öffneten. Was Zeit in Anspruch nahm, war das dahinterliegende Eisengitter. Es war schwer, mit einem Sicherheitsschloss versperrt und vermutlich irrsinnig teuer gewesen – und das Einzige, was sie jetzt noch daran hinderte, in die Wohnung zu gelangen und dem Mann mittleren Alters zu helfen, der sich den Angaben zufolge darin befand. Wenn er überhaupt noch am Leben war. Der Anruf war am frühen Vormittag bei der Polizei in Norrmalm eingegangen, und in der Zentrale hatte man einige Zeit verstreichen lassen, während man sich vergewisserte, ob die Anruferin glaubhaft und nüchtern war und es ernst meinte. Ob sie den Mann kenne? Ja, das tue sie. Ob er sich möglicherweise woanders aufhalte? Nein, das sei undenkbar. Wie lange sie ihn schon vermisse? Noch nicht lange, erst gestern Abend hätten sie miteinander telefoniert, und er sei sehr verschlossen gewesen und habe immer wieder vom Thema abgelenkt. Und das habe sie erschreckt – wenn er jammerte, könne sie das einschätzen, aber diesmal sei er tapfer gewesen und habe sich bemüht, möglichst positiv zu klingen, und sie habe nicht genau feststellen können, woran das lag. Es schien, als hätte er etwas zu verbergen. Und als sie an diesem Vormittag angerufen habe und er nicht ans Telefon gegangen sei, habe die Einsicht sie schlagartig getroffen: Diesmal hatte er es wirklich getan. Die Frau hatte ihr Anliegen wohlartikuliert und präzise formuliert, und nachdem sie den Mann in der Zentrale endlich überzeugt hatte, alarmierte dieser eine Streife und den Rettungswagen und nahm das nächste Gespräch an. Schon als die ersten Beamten vor Ort eintrafen, stellten sie fest, dass die Frau vermutlich recht hatte. Die Eingangstür war abgeschlossen. Hinter dem gefärbten Glas zeichnete sich das Gitter wie ein verschwommenes Muster ab. Aus der Wohnung drang leise klassische Musik und mischte sich mit dem Plätschern von Wasser, das vermutlich gerade aus einer Badewanne überlief. Ein ziemlich schlechtes Zeichen. Zwei Stufen unter dem Absatz in dem eleganten Treppenhaus stand Christina Sandberg, den Blick starr durch das schwarz lackierte Stahlgitter des Aufzugschachts gerichtet, gebannt von jeder Bewegung dort drüben an der Eingangstür zu jener Wohnung, in der sie einmal gewohnt hatte. Gelb glühende Metallspäne regneten vom Schneidbrenner des Schlossers hinab, während er das verdammte Eisengitter bearbeitete, gegen das sie sich so lange gewehrt hatte, bis sie nach jenem alles verändernden Abend gezwungen gewesen war, ihm zuzustimmen. Also hatten sie es einbauen lassen – um sich zu schützen. Und heute würde es womöglich seinen Tod bedeuten. Wäre sie nicht so schrecklich besorgt, dann wäre sie schrecklich wütend. Hinter dem Schlosser standen vier Polizisten, die beherrscht von einem Bein aufs andere traten, weil sie darauf warteten, etwas unternehmen zu können, dahinter zwei ebenso rastlose Rettungssanitäter. Anfangs hatten sie nach ihm gerufen – »William!«, hatten sie gerufen, »William Sandberg!« –, doch es kam keine Antwort, und schließlich hatten sie es aufgegeben und stumm den Schweißbrenner seine Arbeit tun lassen. Und Christina konnte nur zusehen. Sie war als Letzte eingetroffen. Hatte zuvor hastig ihre Jeans und ihren Wildledermantel angezogen, ihre diskret blondierten Haare zu einem Zopf zusammengebunden und war ins Auto gesprungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits mehrfach versucht, ihn zu erreichen, das erste Mal direkt nach dem Aufstehen, das zweite Mal auf dem Weg in die Dusche und dann noch einmal, bevor sie ihre Haare geföhnt hatte. Anschließend hatte sie bei der Polizei angerufen und eine Ewigkeit gebraucht, um den Mann in der Zentrale von dem zu überzeugen, was sie längst wusste. Was ihr tief in ihrem Inneren schon beim Aufwachen klar gewesen war, sie aber genauso zu verdrängen versucht hatte wie das schlechte Gewissen, das sie stets überkam, sobald sie miteinander telefonierten. Eigentlich hasste sie sich dafür, dass sie den Kontakt mit ihm noch immer hielt. Ihn hatte es schwerer getroffen als sie, nicht weil sie weniger trauerte, sondern weil er sich der Trauer mehr hingab, und selbst nach zwei Jahren der Grübeleien und Diskussionen und Überlegungen über das »Warum« und das »Was wäre, wenn« ergab sich heute noch das gleiche Bild. Ihr wurde die große Ehre zuteil, ihrer beider Trauer zu verarbeiten plus eine Extraportion Schuldgefühle zu bewältigen, und diese Verteilung fand sie ungerecht. Aber das Leben war nicht gerecht. Wenn es das wäre, würde sie jetzt nicht hier stehen. Schließlich gab das Gitter nach, und die Polizisten und Sanitäter stürmten vor ihr in die Wohnung, und dann geriet die Zeit aus den Fugen. Die Rücken verschwanden den langen Flur hinunter, und nach einer unerträglichen Anzahl von Sekunden oder Minuten oder Jahren hörte sie, wie dort drinnen die Musik ausgestellt wurde, danach das Wasser, und anschließend war es vollkommen still, und so blieb es auch. Bis sie endlich wieder herauskamen. Ihrem Blick auswichen, während sie sich um die Ecke schoben, aus dem Flur heraus, über den schmalen Absatz am Aufzug vorbei, um die steile Kurve des runden Treppenaufgangs, ohne gegen die teuren, mit Stuck versehenen Wände zu stoßen, und dann hinuntergingen, schnell, aber vorsichtig, behutsam und doch eilig. Christina Sandberg presste sich gegen das Stahlgitter des Aufzugs, um die Trage durchzulassen, die zu dem auf dem Bürgersteig wartenden Rettungswagen transportiert wurde. Darauf lag, mit einer glänzenden Sauerstoffmaske aus Plastik, der Mensch, den sie einmal ihren Mann genannt hatte. William Sandberg wollte eigentlich nicht sterben. Oder besser gesagt: Es war nicht seine erste Wahl. Lieber wollte er leben, es sich gut gehen lassen, ein annehmbares Leben führen, wollte das Vergessen lernen, einen Grund finden, jeden Morgen aufzustehen und sich anzuziehen, und etwas tun, was eine Bedeutung hatte. Eigentlich brauchte er nicht einmal all das. Ein kleiner Teil davon hätte schon gereicht. Er wünschte sich lediglich einen Anlass, um nicht mehr an das zu denken, was so sehr schmerzte. Den hatte er allerdings nicht bekommen, und die einzige Alternative auf seiner Liste bestand darin, allem ein Ende zu bereiten. Offenbar war ihm nicht einmal das geglückt. »Wie geht es Ihrem Körper?«, fragte die junge Krankenschwester, die vor ihm stand. Er saß bereits halb aufgerichtet unter dem steifen gemangelten Bettzeug, auf altmodische Weise gebettet, mit einem weißen Laken, das um eine gelbe Klinikwolldecke geschlagen war, als würde man in der Krankenpflege noch immer die Erfindung des Bettdeckenbezugs leugnen. Er sah sie an. Versuchte zu verbergen, wie sehr ihn das diffuse Unbehagen über all die Gifte plagte, die sich noch immer in seinem Körper befanden. »Schlechter, als Sie es sich wünschen«, sagte er. »Besser, als ich es mir vorgestellt hatte.« Darüber lächelte sie, was ihn verwunderte. Sie war höchstens fünfundzwanzig, blond und außerdem sehr niedlich. Vielleicht lag das aber auch nur an dem sanften Gegenlicht, in dem sie vor dem Fenster stand. »Scheint so, als wäre die Zeit diesmal noch nicht reif gewesen«, erwiderte sie. Sie sagte es ungerührt, fast im Plauderton, und auch das erstaunte ihn. »Es wird nicht die letzte Chance gewesen sein«, meinte er. »Das ist doch gut«, entgegnete sie. »Man sollte immer optimistisch bleiben.« Ihr Lächeln war perfekt abgewogen: breit genug, um die Ironie in ihren Antworten zu unterstreichen, aber nicht so breit, dass es den trockenen Humor zwischen ihnen zerstört hätte. Und plötzlich hatte er keine Antwort mehr parat und wurde von dem unangenehmen Gefühl beschlichen, dass das Gespräch nun vorüber war und sie gewonnen hatte. Einige Minuten lag er schweigend da und beobachtete sie bei der Arbeit. Routinierte Bewegungen, ein vorgegebenes Schema: Der Tropfbeutel musste gewechselt werden, die Menge reguliert, Werte notiert und in der Krankenakte vermerkt werden. Es war eine stille Effektivität, und irgendwann begann er zu überlegen, ob er das Gespräch womöglich missverstanden hatte und sie in Wirklichkeit überhaupt nicht mit ihm gescherzt hatte. Schließlich hatte sie alle Aufgaben erledigt. Richtete nur noch pflichtschuldig sein Laken, ohne eine Veränderung zu bewirken, und hielt dann inne. »Machen Sie bloß keine Dummheiten, wenn ich weg bin«, sagte sie. »Solange Sie noch hier sind, bescheren Sie uns damit nur unnötig Arbeit.« Sie zwinkerte ihm zum Abschied freundschaftlich zu, schlüpfte in den Flur hinaus und ließ den Kugeldruckmechanismus die Tür schließen. William blieb im Bett zurück und fühlte sich unangenehm berührt. Nicht, weil es einen triftigen Grund dafür gab. Er war lediglich unangenehm berührt. Warum? Weil sie nicht in dem behutsamen Tonfall mit ihm gesprochen hatte, über den er sich gern geärgert hätte? Oder weil ihre trockenen Kommentare so überraschend gekommen waren, dass er es sich für einen Augenblick erlaubt hatte, herausgefordert, ja beinahe amüsiert zu sein? Nein. Es dauerte einen Moment, ehe er es wusste. Er schloss die Augen. Biss die Zähne zusammen. Es war der Humor. Genau derselbe Humor. All das hätte sie exakt genauso gesagt. Plötzlich störte ihn dieses unbestimmte Surren von all den Giften in seinem fünfundfünfzigjährigen Körper überhaupt nicht mehr, genauso wenig wie der brennende Schmerz von der Schnittwunde unter der Gazebinde, mit der man seine Handgelenke verbunden hatte. Stattdessen plagte ihn etwas anderes. Jenes Gefühl, das ständig zurückkehrte und ihn immer, wenn er es verdrängte, mit doppelter Wucht traf, das Gefühl, das ihn gestern dazu veranlasst hatte, ins Badezimmer zu gehen und eine endgültige Entscheidung zu treffen. Zum wievielten Mal, das konnte er selbst nicht mehr sagen. Denn er hatte damals die Zeichen nicht deuten können. Anders konnte er es nicht formulieren, so ironisch es auch klingen mochte. Ausgerechnet er. Konnte die Zeichen nicht deuten. Verflucht. Er hätte die Schwester um ein Beruhigungsmittel bitten sollen. Oder etwas Schmerzstillendes oder Valium oder noch besser einen Kopfschuss, aber mit Letzterem konnte sie ihm wohl nicht dienen. Er befand sich an derselben Stelle wie gestern Abend: dieser endlose Fall durch die dunkle Röhre, die kein Ende nehmen wollte, diese destruktive Sehnsucht danach, wenigstens den Boden zu erreichen und sich hoffentlich erfolgreich umzubringen und all die Gedanken loszulassen, die immer wieder die Kontrolle über ihn erlangten. Die ihm kleine Hoffnungsmomente schenkten, nur um ihn anschließend wieder mit voller Kraft zu ohrfeigen und ihm zu zeigen, dass sie die Macht hatten, nicht er. Er streckte sich nach dem Kabel, das an der Wand hing, und zog den tubenförmigen Knopf zu sich heran, um Hilfe zu rufen. Er hoffte, dass nicht dieselbe Schwester zurückkommen würde, es wäre eine ärgerliche Niederlage, wenn er sich vor ihr von einem bissigen und eloquenten Patienten in einen Jammerlappen verwandeln musste, der sie um ein Schlafmittel anbettelte. Aber wenn er dadurch ein wenig Ruhe fand, war es ihm das trotzdem wert. So dachte er und drückte auf den Knopf. Zu seinem Erstaunen ertönte jedoch kein Signal. Er drückte noch einmal darauf, diesmal länger. Wieder nichts. Vielleicht war das logisch, redete er sich ein. Schließlich klingelte er nicht nach sich selbst. Es reichte ja, wenn der Alarm im Schwesternzimmer ertönte, damit jemand nach dem Rechten sah. Dann fiel sein Blick auf die Alarmleuchte an der Wand, aus der das Kabel mit dem Schalter herauskam. Müsste denn nicht wenigstens sie blinken? Wenn er schon kein Signal hörte, sollte dann nicht die Lampe leuchten, um ihm zu zeigen, dass er richtig gedrückt hatte? Erneut betätigte er den Ruf. Und noch einmal. Doch nichts passierte. Er war so sehr von der defekten Alarmfunktion abgelenkt, dass er vor Schreck zusammenzuckte, als die Tür aufging. Blinzelnd schaute er hinüber und versuchte sich zwischen Angriff und Verteidigung zu entscheiden: Sollte er darüber schimpfen, dass die Lampe kaputt war, oder sich entschuldigen, weil er so hysterisch geklingelt hatte? Weiter kam er nicht, ehe sich seine Augen an das Gegenlicht gewöhnt hatten und beide Alternativen verpufften. Der Mann, der jetzt am Fußende des Betts stand, war weder Arzt noch Krankenpfleger. Er trug einen Anzug und ein Hemd, aber keine Krawatte, und ein paar grobe Stiefel, die im Vergleich zu seiner übrigen Kleidung überproportioniert wirkten. Vermutlich war er um die dreißig, obwohl sich das Alter von kahl geschorenen Männern immer schwer schätzen ließ, vor allem, wenn ihre Körperhaltung so eindeutig verriet, wie durchtrainiert sie waren. »Sind die für mich?«, fragte William, weil ihm nichts Besseres einfiel. Er deutete mit einem Nicken auf die Blumen, die der Anzugträger in den Händen hielt, und der blickte auf den Strauß hinab, als hätte er sein Präsent noch gar nicht wahrgenommen. Er antwortete nicht und warf die Blumen achtlos ins Waschbecken. Sie waren nur eine Tarnung gewesen, um sich unauffällig durch die Korridore vorzuarbeiten. »William Sandberg?«, fragte er. »Um eine Haaresbreite nicht mehr«, antwortete William. »Aber ja.« Die ganze Situation war äußerst merkwürdig, und William spürte allmählich eine innere Anspannung. Der Mann, der weder Arzt war noch ein Bekannter, blieb schweigend stehen, während sie sich gegenseitig musterten. Sich gegenseitig taxierten, so schien es, obwohl William von seinem Krankenlager aus schwerlich Widerstand hätte leisten können. »Wir haben versucht, Sie zu erreichen«, sagte der Fremde schließlich. Ach ja? William versuchte nachzuvollziehen, was der Mann meinte. Er konnte sich nicht entsinnen, dass ihn in letzter Zeit irgendjemand kontaktiert hatte, andererseits war er sich auch nicht sicher, ob er es in diesem Fall überhaupt bemerkt hätte. »Ich musste über einige Dinge nachdenken.« »Das haben wir verstanden.« Wir? Was zum Teufel war das hier? William richtete sich ein wenig auf und rang sich ein trockenes Lachen ab. »Ich würde Ihnen ja gern etwas anbieten, aber man ist hier nicht so großzügig mit dem Morphium, wie ich gehofft hatte …« »Wir werden Ihre Hilfe benötigen.« Das kam plötzlich, ein wenig zu schnell, und in der Stimme des Mannes schwang etwas mit, das William dazu brachte, seinen Widerstand für einen Moment aufzugeben. Der Jüngere sah ihn mit einem Blick an, der nach wie vor fest wirkte, aber doch mehr offenbarte. Dringlichkeit. Vielleicht sogar Furcht. »Dann bin ich die falsche Person für Sie, glaube ich«, sagte William und machte eine resignierte Geste. Jedenfalls so gut es ging. Der Tropfschlauch und die Kabel des EKGs schränkten seine Bewegungsfähigkeit ein, und das verstärkte nur umso mehr, was er hatte sagen wollen: William Sandberg war kaum dazu in der Lage, irgendjemandem bei irgendetwas behilflich zu sein. Aber der durchtrainierte Mann schüttelte den Kopf. »Wir wissen, wer Sie sind.« »Und was heißt wir?« »Das ist nicht wichtig. Wichtig sind Sie. Wichtig ist das, was Sie können.« Das Gefühl, das sich in Williams Körper ausbreitete, war vertraut und doch unerwartet. Mit einem solchen Gespräch hätte er vor zehn Jahren gerechnet oder eher vor zwanzig. Dann wäre er darauf vorbereitet gewesen. Aber heute? Der Mann am Fußende des Bettes sprach ausgezeichnet Schwedisch, aber irgendwo im Hintergrund schwang ein leiser Akzent mit. Zu versteckt, um ihn einzuordnen. Aber es war definitiv ein Akzent. »Von wem kommen Sie?« Der Jüngling sah ihn an. Mimte Enttäuschung. Als müsste William einsehen, dass er darauf keine Antwort erhalten würde, und als wäre die Frage unter seinem Niveau. »Von der Sicherheitspolizei? Vom Militär? Von einer fremden Macht?« »Tut mir leid. Das kann ich nicht sagen.« »Gut«, meinte William. »Dann richten Sie doch bitte unbekannterweise schöne Grüße und besten Dank für die Blumen aus.« Er sagte es in einem abschließenden Ton: Das Gespräch war beendet, und um das zu unterstreichen, hob er erneut das Kabel mit dem Signalknopf. Drückte mit dem Daumen darauf, lange, den Blick auf den jungen Mann gerichtet, um zu demonstrieren, für wie außerordentlich beendet er das Gespräch hielt. Doch auch diesmal passierte nichts. »Wenn es funktionieren würde, hätten Sie es an der Lampe gesehen«, erklärte der Mann. Unerwartet. William schaute ihn an. Ein weiterer Augenblick verging damit, dass sie mit Blicken ihre Kräfte maßen, und dann ließ William das Kabel los, sodass es auf seinen Bauch fiel, quer über die gelbe Klinikdecke. »Ich bin fünfundfünfzig«, sagte er. »Ich habe schon seit mehreren Jahren nicht mehr gearbeitet. Ich bin wie eine alte Festung: Vor langer Zeit war ich einmal wichtig, heutzutage bin ich nutzlos und verfalle.« »Meine Chefs sind zu einer anderen Einschätzung gekommen.« »Und wer sind Ihre Chefs?« Er fragte es mit scharfer Stimme. Inzwischen war er das Gespräch leid, er wollte endlich seine Schlaftabletten haben und für eine Weile abtauchen, anstatt mit diesem muskelbepackten Welpen Kalter Krieg zu spielen. Doch es war der Jüngling, der das Gespräch schließlich beendete. »Es tut mir leid«, sagte er noch einmal. Seufzte bedauernd, ehe er sein Gewicht verlagerte und sich umdrehte. Um zu gehen, dachte William. Das merkwürdige Ende einer merkwürdigen Begegnung. Als der Mann die Tür zum Korridor öffnete, standen draußen allerdings zwei weitere Männer, die darauf warteten hereinzukommen. In der Hand des einen blitzte ein teurer Füllfederhalter. Es war zehn Minuten nach eins, als das Ärzteteam durch die hallenden Flure der Intensivstation des Karolinska-Krankenhauses marschierte, um nach den Patienten zu sehen. Den ersten Teil der Visite hatten sie ohne größere Überraschungen erledigt, und der nächste Patient war ein Mann, der versucht hatte, sich das Leben zu nehmen: eine Tablettenvergiftung und Schnittwunden an den Handgelenken. Kaum ein Grund für einen längeren Aufenthalt. Er hatte eine Bluttransfusion bekommen, um den Blutverlust auszugleichen und die hohe Medikamentenkonzentration in seinem Körper zu verdünnen, aber er war nicht in Lebensgefahr gewesen, als man ihn eingeliefert hatte, sodass er entweder zu wenig Pillen geschluckt oder einen der vielen riskanten Selbstmordversuche unternommen hatte, mit denen Menschen lediglich die Aufmerksamkeit ihrer Angehörigen auf sich ziehen wollen. Wie auch immer, es bestand jedenfalls kein Zweifel daran, dass er bald nicht mehr in ihre Zuständigkeit fallen würde, und Doktor Erik Törnell blieb vor der Tür stehen, klappte die Akte zu, in der er soeben geblättert hatte, und signalisierte den Kollegen mit einem knappen Nicken: Dies würde ein kurzer Besuch werden. Das Erste, was sie sahen, als sie das Zimmer betraten, war das leere Bett. Ein Blumenstrauß lag im Waschbecken, die Vase war vom Nachttisch gefallen und zerbrochen, die Wolldecke war auf den Boden gerissen worden, und der Schlauch des Tropfes baumelte frei vom Gestell. Das Badezimmer war leer. Aus dem Schrank war das gesamte Hab und Gut des Patienten entfernt worden. Und die Schublade in der kleinen Kommode hatte man herausgezogen und umgedreht. William Sandberg war weg. Nach einer einstündigen Suche musste man feststellen, dass er sich überhaupt nicht mehr auf dem Klinikgelände befand – und dass niemand sagen konnte, warum.

Blick ins Buch
Das NetzDas Netz

Thriller

Blackout, eine ganze Nacht steht in Stockholm alles still. Es herrschen Dunkelheit und Chaos. Die Regierung macht den Cyber-Experten William Sandberg dafür verantwortlich und nimmt ihn fest. Aber William ist ein gebrochener Mann: Seine Tochter ist spurlos verschwunden, und seine obsessive Suche nach ihr droht seine Ehe zu zerstören. Kurz vor dem Blackout erhielt er die mysteriöse E-Mail eines Unbekannten – William begreift sofort, dass er fliehen und den Absender dieser Nachricht finden muss, um seine Unschuld zu beweisen. Doch sein Gegner scheint ihm immer einen Schritt voraus …

PROLOG

1

Er dachte vor allem an sein Aussehen.
Und das lag nicht an seiner Eitelkeit. Im Gegenteil: Sein Gesicht war rau und nachlässig gepflegt, und so hatte es schon immer ausgesehen. Jetzt war es außerdem noch wund, und unter den sorgfältig getrimmten Bartstoppeln spannte die rot gefleckte Haut, obwohl die Rasur schon mehrere Tage zurück lag.
Es war so ungewohnt, dieses Gesicht. So ungewohnt, sich darum zu kümmern, es herzurichten, auszustaffieren, als wäre es ein Schaufenster und die übrige Welt bestände aus potenziellen Kunden, die angelockt werden sollten.
Sein Aussehen und das der anderen hatte ihn bisher einfach nicht interessiert. Was ihn faszinierte, war die Innenansicht. Nicht in der küchenpsychologischen Version, der zufolge die wahre Schönheit von innen kommt, sondern im wortwörtlichen Sinn: Alle bedeutenden Dinge kamen von dort, Ideen, Gedanken, alles, was ein Individuum erst zu einem Individuum werden ließ.
Und natürlich das andere. Das Dunkle, die vielen negativen Kräfte, die er im Laufe der Zeit sorgfältig studiert und erfasst hatte und für die er mittlerweile fast so etwas wie Bewunderung empfand. Ausgerechnet diese Dinge waren jetzt in sein Leben getreten und hatten an Bedeutung gewonnen.
Reglos saß er einen Moment in der Stille. Er hörte nur seinen eigenen Puls und den trommelnden Rhythmus der Regentropfen auf dem Wagendach.
Dieses Trommeln hörte er. Und ein schwaches Zischen, das nur eines bedeuten konnte.
Er hatte aufgehört, am Türgriff zu zerren. Er hatte aufgehört, sich mit der Schulter gegen die Innenseite der Wagentür zu stemmen, weil er eingesehen hatte, dass es keinen Sinn machte. Der Wagen war verschlossen und würde ihn niemals freigeben. Ihm blieb nur noch eine Möglichkeit, nämlich den Sicherheitsgurt zu öffnen, sich quer über die Sitze zu legen und mit aller Kraft gegen die Fensterscheibe zu treten. Wobei auch diese seinem Kraftaufwand vermutlich standhalten würde.
Er war entdeckt worden.
Das war die einzige Erklärung, obwohl es genau genommen gar nichts erklärte. Niemand konnte wissen, dass er hier war, noch nicht einmal er selbst hatte es vorher gewusst. Erst vor zwei Tagen hatte er sich entschieden, er hatte mehrere Reisen zu unterschiedlichsten Zielen gebucht, die Transportmittel ständig geändert und Tickets abgeholt, die er niemals benutzen würde. Mit Bedacht und Absicht hatte er jede Entscheidung in allerletzter Sekunde getroffen. Trotzdem konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass jemand die ganze Zeit seine Gedanken gelesen hatte.
Natürlich war das unmöglich. Wer, wenn nicht er, hätte das wissen sollen, und trotzdem jagte ihm die Vorstellung einen Schauer über den Rücken.
Er hatte sich von seinem hellgrauen, zotteligen Bart verabschiedet. Er hatte die Geheimratsecken frei rasiert, um einen spärlichen Haarwuchs zu suggerieren, obwohl er ­eigentlich mit seiner Frisur noch ganz zufrieden war. Die Augenbrauen, die im Laufe der Jahre zu einem einzigen grauschwarzen Balken zusammengewachsen waren, hatte er gezupft, sodass sie sich nun als zwei dünne, schmale Striche zeigten. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Stunden damit verbracht, sich mit seinem Gesicht zu beschäftigen. Am Ende war er sich nicht sicher, ob er sich in einer Menschenmenge noch selbst wiedererkannt hätte.
Den uralten BMW hatte er in einer Kfz-Werkstatt gemietet, die allenfalls als fragwürdig bezeichnet werden konnte. Bezahlt hatte er in bar und ohne irgendeinen Ausweis vorzuzeigen. Niemand, niemand konnte ihn dabei beobachtet haben, niemand konnte wissen, wohin er fuhr. Er war in Sicherheit.
Und trotzdem.
Vielleicht hätte er es ahnen können.
Vielleicht noch nicht, als die Schranke am Bahnübergang ihm die Weiterfahrt versperrte, da vielleicht noch nicht, obwohl ihn die Angst bereits gepackt hatte, als er um die Ecke bog. Als er auf die leuchtende Schranke zufuhr, die plötzlich im Dunklen auftauchte, sich quer über die Fahrbahn legte, und als das klagende Hämmern des Signals in seine Ohren drang.
Er hatte angehalten, stand direkt vor dem roten, blinken­den Auge der Schranke. Ein einsamer Wagen in einer dunklen Nacht. Warten. Eine Minute, vielleicht zwei.
Spätestens da, wenn nicht schon früher. Da hätte er es begreifen müssen.
Als das Signal verstummte, ohne dass ein Zug die Stelle passiert hatte.
Eine erneute Welle des Unbehagens durchströmte ihn: diese plötzliche Stille, als das Signal ausblieb, die Be­wegung der Schranke, die sich wie von selbst aufrichtete. Zurück blieben nur der Bahnübergang und er, zwei ein­same Individuen in einer stillen Winternacht irgendwo in der südschwedischen Provinz Schonen.
Um ihn herum nur Dunkelheit. Dunkelheit und die weiten Felder auf der anderen Seite der Schienen. Leere Äcker aus steinhartem Lehm, die sich weit erstreckten, bis sie in einem dunklen Nebel am Horizont verschwanden. Hoch oben im Himmel die roten Punkte der Windkraft­anlagen, die unsichtbar in der trostlosen Einsamkeit rotierten.
Er hatte sich gezwungen, die aufsteigende Angst ab­zuschütteln. Es gab keinen Grund dafür. Wahrscheinlich war der Zug schon durchgefahren, bevor er die Schranke erreicht hatte. Oder die Lokomotive hatte einen Defekt und war dadurch zu einem frühzeitigen Halt gezwungen worden. War ja auch egal.
Wichtig war nur, dass er nicht dort stehen blieb. Er befand sich in einem fremden Land und hatte es außerdem eilig. Vor ihm lag eine lange Reise, und er durfte keine Zeit verlieren.
Er startete den Motor.
Langsam rollte er über die Schienen.
Und genau in diesem Moment geschah es. Alles ging mit einem Schlag aus. Alles im Wagen. Die Armatur, die Lampe am Zündschloss, alle Schalter und Knöpfe, alles. Das Abblendlicht, das die Fahrbahn vor ihm beleuchtete. Die Rücklichter, deren hellroter Schein die Heckscheibe umrahmte. Und vor allem – der Motor.
Er drehte den Schlüssel im Zündschloss. Nichts. Ein zweites Mal und ein drittes. Jetzt spring endlich an, verdammt, hörte er sich brüllen, er hämmerte aufs Lenkrad ein, aber das änderte nichts.
Als er den Türgriff packte, hatte er eigentlich schon ­alles begriffen. Wie sehr er auch daran reißen und zerren würde, die Türen würden fest verschlossen bleiben, und nichts und niemand würde daran etwas ändern können. Dasselbe galt für die Fenster. Wie sehr er auch auf die armen Türknöpfe einschlug, der Wagen blieb verschlossen und dunkel und tot.
Da senkten sich die Schranken wieder, mit dem klagenden Hämmern des Signals.
Da hörte er auch das zischende Geräusch. Und er verstand.
Da war es schon zu spät.
Er hatte sich quer über die vorderen Sitze gelegt, als er die Lichter sah.
Er trat wie besessen mit den Schuhsohlen gegen die Scheibe, sein Blut pochte hinter den Schläfen, er hatte Blutgeschmack im Mund, den Geschmack von Angst und Eisen, obwohl es erst in ein paar Sekunden so weit sein würde.
Er spürte die Vibration der Glasscheibe unter seinen ­Füßen, aber das hatte keine Konsequenzen. Die Scheibe blieb heil, und die Türen blieben verschlossen. Dann sah er, wie die dreckige Scheibe von den an Strahlkraft zunehmenden Scheinwerfern des Zuges erfasst wurde. Er schloss die Augen, und alles, was er hörte, waren Geräusche.
Das Zischen der Schienen.
Sein Herzschlag im Hals.
Und dann hörte er das Tuten, als der Lokführer den dunklen Wagen auf dem Bahnübergang sah. Ein lautes beharrliches Warnsignal. Das Letzte, was er hörte, war das durchdringende Knirschen von Eisen, das sich in anderes Eisen bohrte, und das Kreischen der Bremsen, obwohl es schon längst zu spät war.
Er dachte vor allem an sein Aussehen.
Nicht, weil er eitel war.
Sondern weil er wusste, dass niemand herausbekommen würde, wer er war.

1. TAG. MONTAG,
3. DEZEMBER.
AMBERLANTZ.
Ich habe keine erste Erinnerung.
Ich erinnere mich an keine Geburt.
Ich erinnere mich an keinen Ort.
Ich weiß nur, dass ich jetzt lebe und dass es hinter mir eine Vergangenheit gibt.

2

Tage, an denen sich das Leben verändert, beginnen wie alle anderen Tage auch.
Es weckt einen niemand morgens und verkündet einem, dass der heutige Tag ein wenig anstrengend werden könnte und man sich darum eine Extrastulle schmieren und den Kaffee besonders lange genießen sollte, weil es nämlich eine ganze Weile dauern könnte, bis man dazu wieder Gelegenheit hat. Niemand legt seinen Arm um deine Schultern und bereitet dich auf das Kommende vor.
Alles ist so wie immer.
So lange, bis es das nicht mehr ist.
Als die Nachmittagsdämmerung sich an diesem Montag über Stockholm senkte, an diesem 3. Dezember, da wusste niemand, dass die nationale Sicherheitsstufe in aller Verschwiegenheit von »Friedenszeit« auf »erhöhte Gefahr« geändert worden war.
Niemand wusste, dass in dem großen Backsteingebäude im Stadtteil Gärdet Frauen und Männer in Uniformen ­saßen und das Schlimmste erwarteten.
Und niemand wusste, dass der große Stromausfall, der um exakt sechs Minuten nach vier eintreten sollte, nur der Anfang von etwas viel Größerem war.
Die Männer in dem weißen Lieferwagen auf dem Klarabergsviadukt hatten keine Ahnung, worauf sie warteten.
Das heißt, sie hatten natürlich eine Ahnung, was geschehen sollte, aber sie wussten nicht, auf wen genau sie warteten. Sie wussten nicht, was er machen würde, wen er treffen würde, wie es im Detail aussehen würde. Und sie wussten nicht, warum sie dort warten sollten, und das machte ihnen am allermeisten Sorgen.
Die Stille in dem engen Lieferwagen war beklemmend. Von außen sah der Wagen aus wie jeder beliebige Transporter, was selbstverständlich beabsichtigt war, vor langer Zeit war er wahrscheinlich einmal angeschafft worden, weil das Modell als geräumig und großzügig gegolten hatte. Die Meinung darüber hatte sich im Laufe der Zeit dia­metral geändert. Jemand hatte einem Stab von Technikern viel zu freie Hand gelassen und ein viel zu hohes Budget gezahlt, und jetzt war der Wagen so vollgestopft mit Mo­nitoren und technischen Geräten, dass er nicht wie ein ­Arbeitsplatz, sondern vielmehr wie das kostspielig aus­staffierte Jungenzimmer im Haus einer außerordentlich beengt lebenden Familie aussah.
Der Raum hinter der Fahrerkabine war auf ein Minimum beschnitten und mit Regalen bestückt worden, die mit Rechnern und Elektronik gefüllt waren. Reihenweise Maschinen, die bestimmt etwas Wichtiges ermittelten, aber eigentlich die meiste Zeit nur rot und grün blinkten. An einer der Seitenwände hingen zwei Reihen mit Flachbildschirmen, und an die Arbeitsfläche, die sich unter diesen Monitoren erstreckte, zwängten sich vier Männer – mindestens zwei zu viel. Die beiden, die an den Tastaturen saßen, waren nicht derselbe Jahrgang, aber unglücklicherweise dieselbe Gewichtsklasse wie die beiden, die hinter ihnen standen und das Kommando hatten: Der eine war der, den alle »Lassie« nannten, sobald er außer Hörweite war, und der andere war der IT-Experte, sehr schweigsam und hoffentlich älter, als er aussah. Sie standen mit gesenkten Köpfen in dem zu niedrigen Innenraum, Schulter an Schulter. Ihre Blicke klebten an den Monitoren.
Der Ältere sah es als Erster.
Zwei Minuten vor der vereinbarten Zeit.
»Was zum Teufel macht er da?«
Seine Stimme war nicht mehr als ein Ausatmen, aber alle hatten ihn gehört, und als sie begriffen, worauf sich seine Äußerung bezog, da konnten sie es ebenfalls sehen.
Vielleicht war es die Art, wie er sich bewegte. Vielleicht die Angestrengtheit seiner Schritte oder etwas ganz an­deres. Was auch immer es war, es sorgte dafür, dass eine Welle der Aufmerksamkeit durch den aufgeheizten Raum zog: dieselbe Wachsamkeit, die einen erfasst, wenn man in der Theaterpause im Augenwinkel eine alte Liebe entdeckt, die man schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, die aber so sehr aus der Menschenmenge heraussticht, dass man seine Augen nicht von ihr lassen kann.
Dort am Rand des Bildausschnitts. Graublauer Mantel über graublauer Kleidung, verschwommene Kontraste, ähn­lich der Bildauflösung insgesamt, die übermittelt wurde von den Überwachungskameras. Aber es gab keinen Zweifel. Er war es.
Der Mann zögerte einen kurzen Augenblick vor den Drehtüren am Eingang des Hauptbahnhofs in der Vasagatan. Sah sich um, obwohl er sich gut auskannte, zögerte, bevor er seinen Weg über den graublauen Marmorboden fortsetzte und sich an den anderen graublauen Menschen mit ihren graublauen Reisetaschen vorbeidrängte.
Er hatte sich verändert.
Er rannte nicht, er schlenderte eher. Seine Haare standen in alle Richtungen, als wäre er gerade eben erst aufgestanden, obwohl es schon Nachmittag war. Oder als ­hätte er dem Wind und der Feuchtigkeit sein Styling überlassen. Er war immer gut angezogen gewesen, scharfzüngig und durchtrainiert, jemand, der bei allen Verwunderung hervorrief, wenn er erzählte, er sei fünfzig geworden – zum wiederholten Mal, ein Witz, der sich bei den vergangenen drei Geburtstagen etabliert hatte. Letztes Mal hat es so viel Spaß gemacht, da dachte ich, ich werde dieses Jahr wieder fünfzig.
Aber in den letzten drei Monaten schien ihn sein wahres Alter eingeholt zu haben. Und nicht nur das: Es sah aus, als hätte ihn sein Alter überholt, als wäre es rechts an ihm vorbeigezogen. Er sah müde aus, gebrochen und alt, seine Jeans klebte schwer von Schnee an seinen Beinen, und als er sich in der Bahnhofshalle umsah, machte er ruckhafte, vogelartige Bewegungen, seine Konzentration wirkte an­gestrengt, als könnte sie jederzeit in sich zusammenfallen.
Er tauchte auf den Monitoren auf und verschwand gleich wieder, er war auf dem Weg in die gewölbte Haupthalle, lief an den Wandgemälden vorbei und hinüber zu den neuen Rolltreppen, von denen niemand wusste, warum sie besser sein sollten als die alten.
Es konnte unmöglich er sein, auf den sie warteten.
Aber warum war er dann ausgerechnet jetzt dort?
»Was machen wir?«, fragte das Jungengesicht.
»Wir warten ab«, sagte der, der nicht Lassie hieß.
Und das taten sie dann. Zwei lange Minuten lang wurde in dem weißen Lieferwagen kein einziges Wort gesprochen.
Es war nach wie vor erst sieben Minuten vor vier, als das knallgelbe Taxi an der Vasagatan hielt und William Sandberg in den Schneematsch und die Nachmittagsdunkelheit an diesem Montag entließ. Es war der 3. Dezember.
Dicke Schichten aus dunkelgrauen Wolken hingen wie ein tonnenschwerer Topfdeckel an der Stelle, wo eigentlich der Himmel hätte sein sollen. Die Luft war so feucht, dass die Geräusche von Verkehr und Bauarbeiten zu einem einzigen dumpfen Grollen verschmolzen. Überall in den Straßen kämpften die Baustrahler und Straßenlaternen sich mühsam durch die Feuchtigkeit, an alle Fassaden klammer­ten sich Baugerüste, als hätte jemand die Stadt mit einer gigantischen Zahnspange versehen, in der Hoffnung, dass sie nun richtig weiterwuchs.
Er war müde. Heute so müde wie gestern und wie vorgestern. Wenn er tiefer in sich hineingehört hätte, wäre ihm auch sein Hunger aufgefallen, aber wenn er sich eine Sache nicht zugestand, dann war es dieses In-sich-Hineinhören. Er hatte damit aufgehört, als er begriff, dass seine Gefühle ihn auffraßen, und zwar buchstäblich: auffraßen. Sie fraßen ihn von innen auf, mit großen gierigen Bissen. Von dem ursprünglichen William Sandberg waren mindestens zehn Kilo verschwunden. Diese Diät war noch von keinem Magazin vorgeschlagen worden. Man muss sich nur etwas zulegen, das einem so richtig Sorgen macht.
Er versuchte sich zu konzentrieren. Überquerte den Platz mit großen Schritten und mit so wenig Kontakt wie möglich zu der hauchdünnen Schneedecke, die sich unter seinen Füßen sofort in Wasser verwandelte. Er lief durch die große Haupthalle, in der aus dem Schnee ein spiegelglatter, zimtbrauner Matsch wurde und wo sich der Geruch von Dreck und feuchter Kleidung mit den Gerüchen von superteurem Latte macchiato und dem Atem von Zigtausenden Menschen mischte, die auf dem Heimweg ­waren.
Aber all das bemerkte William Sandberg nicht. Er nahm weder die Gerüche wahr noch die Hitze auf seinem Gesicht, als der eisige Wind von der Wärme im Inneren des Gebäudes ersetzt wurde, auch nicht die genervten Ellen­bogen, die ihn erwischten, als er sich zwischen den Menschen auf seinem Weg zum nördlichen Ausgang hindurchzwängte.
Knapp zwei Wochen waren seit der ersten Mail vergangen, und in exakt sieben Minuten sollte er am Gleis vom Flughafenexpress sein.
Exakt, so hatte es in der Mail geheißen.
Das Einzige, was er empfand, war Hoffnung.
Hoffnung und die Angst, die damit einherging.
Er hatte bereits fünf Minuten am Ticketautomaten gestanden, als er begriff, dass er nach der falschen Sache gesucht hatte.
Das Gleis war voller Geschäftsreisender gewesen, die ihre Rollkoffer hinter sich herzogen, Menschen mit leeren Blicken, die tief in ihrem Inneren überwinterten und auf einen Zug warteten, der sie an einen Ort bringen würde, an dem sie auch wieder nicht sein wollten. William hatte nach denen Ausschau gehalten, die eben nicht gesehen werden wollten. Menschen in schmuddeligen Jacken, die schwere, prall gefüllte Plastiktüten herumschleppten und sich mehrere Lagen Schals um den Hals gewickelt hatten, darüber rastlose frierende Augen. Menschen, die sich unter ihrer ausgebeulten Kleidung versteckten, dicke Schutzschichten trugen gegen die Kälte und gegen den Kontakt zum Rest der Welt.
William Sandberg hatte auf diese Menschen gehofft.
Er hatte gehofft, dass vielleicht einer von denen sich bei ihm gemeldet hätte. Jemand, der etwas zu erzählen hatte, der mit ihm Kontakt aufgenommen hatte, um ihm den Weg zu weisen, ihm eine Adresse zu geben oder irgend­etwas.
Hätte er nicht auf diese Menschen gesetzt, wäre ihm der Mann auf dem anderen Gleis schon viel früher aufgefallen.
Er war ein gutes Stück über dreißig, vielleicht sogar schon in den Vierzigern. In einem Ohr ein Headset, der Blick scheinbar geistesabwesend und die Kleidung so bemüht durchschnittlich, dass er, wenn man ihn erst einmal wahrgenommen hatte, aus der Menge herausstach wie ein Kind, das sich hinter einer Gardine versteckte.
Sein Anzug war mattgrau, und darüber trug er eine No-Name-Jacke, die so sorgfältig zugeknöpft war, dass sein Sakko darunter wie ein plissiertes Kleid hervorschaute. Am Ende seiner Anzughose steckten zwei farblose Sneaker. Zusammengefasst schrie diese ganze Aufmachung so lauthals diskret! wie nur möglich – weshalb in gewisser Weise also das genaue Gegenteil dabei herauskam.
Aber was William überzeugte, war das Telefonat, das der Mann führte.
Es schien mehr aus Schweigen denn aus Konversation zu bestehen. Minutenlang hing das Kabel nutzlos vom Ohr des Mannes herunter. Dreimal ertappte sich William bei dem Gedanken, dass er eventuell einen altmodischen Radio­sender eingestellt hatte, auf Mono. Und jedes Mal sah er dann, wie der Mund des Mannes sich öffnete und kurze abgehackte Sätze formulierte. Das war alles. Ansonsten stand er unruhig wartend da, legte den Kopf von einer auf die andere Seite, so, als würde er ins Leere sehen. Aber seine Augen erfassten ohne Zweifel jede kleine Regung um ihn herum.
Langsam spürte William, wie eine Bereitschaft in seinem Körper erwachte.
War es ein Fehler gewesen hierherzukommen?
Ehrlich gesagt, wusste er nicht genau, warum er gekommen war. Er hatte mehrere Warnsignale erkannt, sich aber bewusst dafür entschieden, ihnen kein Gehör zu schenken. Er hatte seinem Wunschdenken die Regie überlassen, und darum war er gekommen. Unvorbereitet und vollkommen schutzlos. Vielleicht war er in etwas hineingeraten, das er noch gar nicht überblicken konnte.
Oder aber er war nur ein misstrauischer alter Idiot und sollte sich mal entspannen. Es war weder verboten, einen schlechten Kleidungsstil zu haben, noch war es verboten zu telefonieren, obwohl man beide Verbote vielleicht ernsthaft hätte diskutieren können. William war zu einem geheimen Treffen beordert worden, und ganz offensichtlich hatte sich die Person verspätet. Was war daran besonders auffällig oder sonderbar?
Als der Flughafenexpress in den Bahnhof einrollte, wurde ihm klar, dass er seiner ersten Intuition hätte Glauben schenken sollen.
Der Zug hielt mit seinen tonnenschweren und kreischgelben Wagen am Gleis, zischend und tropfend, während die Reisenden sich aneinander vorbeizwängten, um aus- oder einzusteigen. Zaghaft bildeten sich mehrere Ströme von kleineren Volkswanderungen, die sich in die verschiedensten Richtungen bewegten, mit dem Ziel, ins Haupt­gebäude, zu den Taxiständen oder zu einem der anderen Gleise zu gelangen. Und gleichermaßen zaghaft wurde offen­kundig, das einige nicht auf dem Weg zu einem ­neuen Ziel waren.
Zum einen der sehr diskrete Mann mit dem Headset.
Zum anderen aber noch ein weiterer Mann.
Er stand auf derselben Gleisseite wie William, am hinteren Ende. Auch er trug ein Headset im Ohr, auch er war überdeutlich diskret gekleidet und führte offenbar eine ganz ähnliche Unterhaltung. Kurze abgehackte Sätze.
Und wenn man es sich genauer ansah, gab es auch keinen Zweifel mehr.
Sie unterhielten sich miteinander.
Seine Müdigkeit war schlagartig wie weggeblasen. Irgend­etwas stimmte hier nicht. William hatte genaue Anweisungen erhalten, sich exakt um vier Uhr einzufinden. Das Wort exakt irritierte ihn, zumal es jetzt fünf Minuten nach vier war und niemand aufgetaucht war. Niemand ­außer diesen beiden Männern.
Die auf dieselbe Person warteten wie er?
Oder schlimmer noch: die auf ihn warteten?
In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass er den­selben Fehler beging wie die beiden. Das Gleis hatte sich zunehmend geleert, wer nicht in den Zug einstieg, der war gerade ausgestiegen und hatte sich zu seinem Ziel auf­gemacht. Verdammt. William waren diese beiden Männer ja nur deshalb aufgefallen, weil sie dort standen, wo sie eben standen. Und er verhielt sich jetzt exakt genauso.
Er zögerte nicht länger als zwei Sekunden, dann hatte er einen Entschluss gefasst.
Treffen oder nicht, von seiner Seite aus war die Aktion jetzt abgeblasen. Er wandte sich zum Gehen, mischte sich unter den Strom der Reisenden, die ins Hauptgebäude wollten.
Er kam nur einen Schritt weit.
»Amberlantz?«
Der Mann versperrte William den Weg und hatte einen so beeindruckenden Brustkorb, dass es in jeder anderen ­Situation zum Brüllen komisch gewesen wäre. Aber jetzt hatte es nur etwas sehr Beunruhigendes. Und er war viel zu dicht bei ihm. Er war mit dem dritten Exemplar des diskreten Anzuges ausgestattet – vielleicht hatten sie einen Mengenrabatt bekommen – und stand breitbeinig und massiv vor ihm. Die Arme hingen wie in Bereitschaft an seinem Körper herunter. Aber bereit für was?
»Und Sie sind?«, fragte William.
Er biss sich in Gedanken auf die Zunge. Hätte er nicht vielmehr so tun müssen, als wüsste er von nichts? Natürlich hätte er das tun sollen.
»Ganz ruhig bleiben«, antwortete der Mann anstatt ­einer Antwort. Nordschwedischer Dialekt, ein kalter und präziser Befehl, und doch hatte er eine Nuance gehört. War es Angst? »Folgen Sie uns, dann passiert auch nichts.«
Uns?
»Wenn Sie andeuten, dass mir nichts passieren wird«, entgegnete William, um Zeit zu gewinnen, »könnten Sie präzisieren, was es denn sein wird, das mir nicht passiert?«
Der Nordschwede hob mit einer leichten Geste die Seite seines Mantels an.
Und mehr Information benötigte William nicht.
Später konnte er nicht mehr rekonstruieren, was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hatte. Die Waffe war es eigent­lich nicht gewesen. Was da unter dem Sakko in einem schwarzen Nylonholster steckte und seiner Meinung nach eine Sig Sauer sein musste, war zum einen die gewöhnlichste Dienstwaffe der schwedischen Polizei, zum anderen auch beunruhigend häufig in der Unterwelt vertreten.
Aber sie war nicht der Auslöser. Auch nicht das Headset. Das William in seinem Misstrauen bestärkte, dass dieser Mann zu den beiden anderen gehörte und er keine Chance hatte zu entkommen. Nein, auch das hatte ihn nicht zur Flucht bewogen.
Es war der Zufall, der alles entschied.
Der Zufall, das Timing und die Dunkelheit.
Tage, an denen sich das Leben verändert, beginnen wie alle anderen Tage auch.
Alles ist wie immer, bis es das nicht mehr ist.
Als sechs Minuten nach vier durch einen totalen Stromausfall in großen Teilen Schwedens plötzlich tiefschwarze Dunkelheit herrschte, war es noch ein Tag wie jeder andere. Ein feuchtkalter Nachmittag in einem jahreszeitlichen Grenzland, das weder Herbst noch Winter sein wollte.
Im Stockholmer Hauptbahnhof verschwand alles Licht, die Loks verloren an Kraft und versanken in tiefe Stille, Monitore und Anzeigetafeln erloschen.
In den Krankenhäusern und auf dem Flughafen sprangen sofort die Notstromaggregate an, aber auf den Straßen, in den Tunneln und auf den Eisenbahntrassen gingen die Lampen und Lichter aus und sorgten für Stau und Verwirrung.
Das war nervig und unpraktisch und ein verdammter Skandal. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie es ist, stundenlang mitten auf der Bahntrasse stecken zu bleiben oder in einem Aufzug. In was für einem Land leben wir eigentlich?
Aber für die meisten war das auch schon alles.
Nicht für William Sandberg.
Für ihn war das der Anfang des Abends, an dem sein ­Leben seinen Sinn verlor.
Für den Mann in dem weißen Lieferwagen auf dem Klarabergsviadukt war es die Bestätigung dessen, dass die Sache im Begriff war, sich unkontrolliert auszuweiten.

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