Der Aufdecker
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Dienstag, 15. Oktober 2013 von


Der Aufdecker

OPCOP - die geheime, operative Einheit von Europol ermittelt ihren ersten Fall: Wer sind die Drahtzieher hinter zwei Morden in London? Die Spuren führen nach Krakau, Riga und New York. Es ist ein großes Rätsel, das sich am Ende als ein spektakuläres Verbrechen neuer Dimension entpuppt.

Die schwedische Reichspolizei hat das A-Team aufgelöst. In dem neuen Roman "Gier" erleben wir jetzt ein Team, das aus vielen europäischen Nationen zusammengesetzt ist. Warum?
Arne Dahl: Für mich ist das ein Test. Ich will testen, ob die europäische Idee funktioniert. Können Menschen, die aus so unterschiedlichen Kulturen stammen, zusammenleben und -arbeiten? Zum Beispiel gehört auch die Muslimin Corine Bouhaddi zum Team. Für mich ist die Frage nämlich sehr wichtig, ob es Europa gelingt, andere religiöse Gruppen in seine christlich geprägte Gesellschaft zu integrieren.

Die Mitglieder des aufgelösten A-Teams spielen allerdings wieder eine wichtige Rolle. Warum? 
Arne Dahl: Vielleicht weil ich ein Romantiker bin. Es fiel mir schwer, mich von ihnen komplett zu trennen. Da war noch so viel Energie in diesem Team. Gleichzeitig wollte ich einen Neustart wagen. Deswegen habe ich die alte Einheit mit der neuen verschmolzen.

Das neue Team wird gleich mit einem Verbrechen der neuen Dimension konfrontiert ...
Arne Dahl: Das Verbrechen hat sich in den vergangenen 15 Jahren enorm verändert. Es ist auf den ersten Blick nicht mehr so sichtbar. Das sehen wir am Beispiel der Mafia. Sie agiert heute international und streckt wie eine Krake ihre Fühler nach Unternehmen und Banken auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern aus. Dadurch steht auch die Polizeiarbeit vor gigantischen Veränderungen und muss über nationale Grenzen hinaus denken und ermitteln. Diesen Wandel darzustellen, war mir sehr wichtig.

Mehr und mehr scheinen private Organisationen die Arbeit der Polizei zu übernehmen. Ist das eine große Gefahr?
Arne Dahl: Das ist eines der wichtigen Themen in dem Roman: Die staatliche Gewalt der Exekutive droht in private Hände zu fallen. Dieser Trend ist seit der Auflösung des Kommunismus zu bemerken, als ehemalige KGB- oder Stasi-Mitarbeiter Sicherheitsfirmen gründeten. Auch die Amerikaner haben im Irak oder in Afghanistan private Firmen mit militärischen Aufträgen versorgt. Für mich ist dieser Trend, das Outsourcing von Militär und Polizei, eine Bedrohung für unsere Gesellschaft, weil damit die klassische Gewaltenteilung infrage gestellt wird.

Wie kann sich Europa vor diesen Gefahren schützen?
Arne Dahl: Das vereinte Europa hat die Stärke, sich vor diesen Bedrohungen zu schützen. Da bin ich anders als in meinem Roman sehr optimistisch. Entscheidend ist, das Gespür dafür zu entwickeln, dass sich das Verbrechen dramatisch verändert hat und viel gefährlicher sein kann als das klassische Verbrechen.


Blick ins Buch
GierGier

Thriller

Aus seinem Mund ergießt sich ein Schwall Blut. Es ist kaum zu verstehen, was der junge Chinese flüstert. Nur dass seine letzten Worte von entscheidender Bedeutung sind, ist dem Polizisten instinktiv klar. Kurz darauf findet sich in einem Waldstück bei London eine weitere schrecklich zugerichtete Leiche. Was treibt die Drahtzieher der beiden Morde an? Europol tappt im Dunkeln, nur so viel wird ihnen immer klarer - die Dimension dieser Verbrechen lässt selbst den Erfahrensten unter ihnen den Atem stocken.
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Operation Glencoe

 

London, 2. April

 

Eigentlich kann es nicht noch kälter werden, denkt der Beobachter und zieht den Mantel eng um seinen Körper. Kälter als an den frostigen Tagen Anfang April kann es in London nicht werden.

Dieses Grau, denkt er und blickt die Themse hinunter in Richtung des Betonklotzes. Er heißt ExCeL, Exhibition Centre London, und in ihn wird in ebendiesem Moment der London Summit eröffnet, auf dem die Staatsoberhäupter der zwanzig reichsten Länder der Welt über die verheerende Finanzkrise diskutieren werden. Es ist das Gipfeltreffen der G20-Staaten.

Dieses unendlich feuchtkalte Grau. Und zu allem Übel noch dieses Warten. »Operation Glencoe«. Bei diesem Wort spürt er deutlich, dass ihn noch eine völlig andere Kälte erfasste. Ein Luftstrom, der nicht von außen zu kommen scheint, sondern aus der Tiefe der Geschichte.

Ausgehend von diesem Wort, über das er so lange nachgegrübelt hat.

Glencoe.

So hieß ein kleines Dorf in den schottischen Highlands, das an einem eisigen Februarmorgen im Jahr 1692 Schauplatz eines grausamen Massakers wurde. Wilhelm I. von Oranien hatte nach dem Sieg über die Katholiken unter König Jakob beschlossen, ein Exempel gegen Unruhestifter zu statuieren. Und so ließ er hundertzwanzig Mann in dem nichts ahnenden kleinen Glencoe einquartieren. Die Dorfbevölkerung nahm die Soldaten gastfreundlich auf.

In den frühen Morgenstunden des 13. Februar wurden achtunddreißig Männer in ihren Betten abgeschlachtet. Sämtliche Häuser wurden niedergebrannt, und vierzig Frauen und Kinder erfroren in der eisigen Kälte des winterlichen Tals. Es wären noch bedeutend mehr gewesen, wenn sich nicht einige Soldaten geweigert hätten, dem Befehl nachzukommen.

Warum zum Teufel benennt man den Sicherheitseinsatz bei einem Gipfeltreffen, das zum Ziel hat, die angeschlagene kapitalistische Wirtschaft zu retten, nach einem dreihundert Jahre zurückliegenden, außerordentlich heimtückischen Massaker in den Ausläufern der schottischen Highlands?

Der Beobachter von Europol, der europäischen Polizeibehörde, spürt, wie ihm der eisige Februarwind von damals durch Mark und Bein fährt. Es ist der Wind der Vorzeichen, der Wind des Vertrauensbruchs, der Wind des Verrats. Der Wind hinterlässt seine Spuren in ihm. Doch nun nimmt er seine Arbeit als Beobachter wieder auf. Vor ihm liegen die unendlichen Bürokomplexe der London Docklands. Von dem schottischen Tal ist nur der Name in Erinnerung geblieben.

Glencoe.

Und der Codename von Scotland Yard für den groß angelegten Polizeieinsatz in London während dieser Tage Anfang April lautet »Operation Glencoe«.

Der Beobachter von Europol agiert während dieser Tage allerdings nicht als Ermittler. Er soll nur wachsam sein.

Mir ist es in der Tat gelungen, die Gegenwart ziemlich intensiv in Augenschein zu nehmen, denkt er und zieht den Mantel noch etwas enger um seinen Körper. Vor allem aber hat er das gegenwärtige Geschehen rund um den Sicherheitsgipfel im Internet verfolgt. Vielleicht ist das Internet inzwischen ja die Gegenwart, überlegt der Beobachter. Mangels aktiverer Betätigungsfelder hat er die Protesteinträge gegen das Treffen und die überwältigende Zahl von Demonstrationsaufrufen durchforstet, die Aktivisten verschiedenster Gruppierungen, von Umweltorganisationen bis hin zu mehr oder weniger kampfbereiten antikapitalistischen Fraktionen, ins Netz gestellt hatten. Eine für ihn interessante Neuigkeit bestand in der Entdeckung, dass die Koordination der Aktionen über Twitter stattfinden sollte. Das bedeutete beispielsweise, dass man in der Lage war, choreografisch genau abgestimmte Protestzüge zu veranstalten wie den der sozialistischen Organisation »G-20 Meltdown« am »Financial Fool’s Day«. Am 1. April.

Das war gestern. Er ist dort gewesen, direkt gegenüber des gigantischen Palastes der Bank of England in der Threadneedle Street. Sie kamen aus vier verschiedenen Richtungen, vier wurmähnliche Züge in unterschiedlichen Farben, die sich durch die Stadt wanden, angeführt von vier mit Stoffkleidern ausstaffierten Holzpuppen, die vier Reiter der Apokalypse aus dem Buch der Offenbarung. Während sich die Reiter mit ihrem Gefolge näherten – das rote Kriegsross von oben aus der Moorgate, das grüne Ross des Klimawandels von der Liverpool Street Station, das silberne gegen finanzielle Verbrechen protestierend von der London Bridge her und das schwarze Pferd gegen geschlossene EU-Grenzen von der Cannon Street kommend –, konnte der Beobachter nicht umhin, an das geschlachtete Lamm aus dem Buch der Offenbarung zu denken, das ein Siegel nach dem anderen auf der heiligen Buchrolle bricht. Die ersten vier Siegel schicken die vier Reiter der Apokalypse los. Das fünfte offenbart die umherirrenden Seelen der Menschen, die für die Wahrheit ihr Leben ließen. Das sechste löst ein gewaltiges Erdbeben aus, »und die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand, und der ganze Mond wurde wie Blut«. Und als sowohl das Lamm als auch der Beobachter das siebente Siegel erreichten, durch dessen Bruch die Apokalypse in ihre Schlussphase eintritt, waren alle vier Demonstrationszüge vor der Bank of England versammelt.

Aus diesem Grund waren sie schließlich hier. Denn die Finanzmärkte schienen gerade das siebte Siegel aufgebrochen zu haben. Aus purer Profitgier.

Der Beobachter ist ein verhältnismäßig erfahrener Polizist. Er meint, seine Pappenheimer zu kennen, zu wissen, wie sie denken und handeln. Und er ist der Meinung, dass die Entwicklung, die in den vergangenen Jahren vonstattengegangen ist, bei der die Finanzblase endlos aufgebläht wurde und schließlich explodierte, in auffällig hohem Maß an das Vorgehen eines Verbrechers erinnert. Gewinnmaximierung ohne jegliche Gedanken an die Konsequenzen. Aber wer ist eigentlich der Verbrecher? Und worin genau besteht dieses große und eigentümliche Verbrechen, in dessen Mitte wir unser Leben weiterleben?

Die vier Züge waren zu einem einzigen geworden und skandierten: »Build a bonfire, put the bankers on top.« Sie forderten die verschreckten Banker, die durch die Fenster der Zentralbank des Vereinigten Königreichs hinausschauten, lautstark auf, zu springen. Eine Stunde später waren die Demonstranten eingekesselt. Es dauerte sieben Stunden, dem Kessel wieder zu entschlüpfen. Der Beobachter benötigte immerhin fast eine Viertelstunde, um einem vor Adrenalin strotzenden Polizisten das Wort »Europol« begreiflich zu machen, bevor der ihn aus dem engen Kessel entweichen ließ. Danach pfiff er auf London, machte sich auf den Rückweg in sein mikroskopisch kleines Hotelzimmer und surfte weiter im Internet.

Während des »Financial Fool’s Day« fand eine Reihe weiterer Demonstrationen statt. Dreitausend Menschen waren unterwegs zum »Clima Camp in the City« in der Bishopsgate, und Hunderte Mitglieder der »Stop the War Coalition« marschierten von der amerikanischen Botschaft zum Trafalgar Square, wo sie sich mit anderen Demonstrationszügen vereinten. Insgesamt wurden viele Tausend Aktivisten eingekesselt.

Gegen Abend, als sein Magen ernsthaft zu knurren begann, kam dann auch die Meldung, dass ein Mann gestorben sei, ein unschuldiger Fußgänger wurde von der Polizei so stark misshandelt, dass er kurz darauf starb.

Je mehr er von dem Ganzen sah, desto erleichterter war er, lediglich Beobachter zu sein. Und in dem Moment, als ihn die Proteste seines Magens regelrecht dazu zwangen, sein Hotelzimmer zu verlassen, entdeckte er das Gerücht. In einer Twitter- Meldung, die wohl der Organisation »Stop the War Coalition« zuzuschreiben war, wurde jedenfalls behauptet, dass es sich um ein Gerücht handelte. Der Verfasser meinte, den Ort lokalisieren zu können, an dem ein gewisser »BO« aus seiner Limousine steigen und sich den Leuten stellen würde. Es wurde behauptet, die Information käme aus dem innersten Kreis.

Der Beobachter suchte fieberhaft weiter, um eine Bestätigung des Gerüchts zu erhalten oder es zumindest auf einer anderen Seite noch einmal zu entdecken. Doch es gelang ihm nicht. Es war nur ein einziges Mal herausgetwittert worden.

 

 

Dennoch steht er heute an der besagten Stelle, nicht weit von der Umzäunung entfernt, die den gesamten hässlichen Betonklotz an der Themse umgibt. Zahllose Demonstranten sind vor Ort, umringen ihn von allen Seiten. Er steht an der Straße, die, mit soliden Absperrungen gesichert, direkt zum ExCeL führt, dem Exhibition Centre. Mehrere Limousinen mit den Staatsoberhäuptern der zwanzig reichsten Nationen der Welt sind bereits vorbeigefahren. Obendrein werden handverlesene Gäste erwartet.

Sein Blick schweift zwischen der Straße und der Menschenmenge hin und her. Er beobachtet.

Die Mächtigen der Welt versammeln sich in dem hässlichen Betonklotz und werden versuchen, ein System zu bandagieren, das sich erneut selbst in den Fuß geschossen hat und wie ein fahrlässiges, psychopathisch veranlagtes Kind verbunden werden muss – ein System, von dem behauptet wird, dass es absolut notwendig für den Fortbestand der Menschheit sei. Aber dieses Mal ist nicht nur der Fuß verletzt, ein normaler staatlicher oder supranationaler Druckverband reicht nicht aus. Diesmal hat der Schuss obendrein das Bein getroffen, und ob die große Oberschenkelarterie unversehrt geblieben ist, ist noch unklar.

Eigentlich müssten die da drinnen die Existenzberechtigung dieses Wirtschaftssystems diskutieren. Aber sie diskutieren lediglich, wie viele Billionen aus Hilfs-, Ausbildungs-, Pflege-, Kultur- und Umweltfonds überführt und geradewegs in eine Bankenwelt gepumpt werden können, die auf diese Weise dafür belohnt wird, dass sie schlimmsten Raubbau betrieben hat. Nicht einmal die Bonifikationen der Chefs werden eingefroren. Der Beobachter spürt, dass er für einen kurzen Moment seinen klaren neutralen Blick verliert. Wir leben wahrhaftig in einer merkwürdigen Zeit, denkt er jetzt. Genau in dem Augenblick, in dem die Weltwirtschaft kollabiert, kommt im größten Wirtschaftsimperium ein Politiker an die Macht, der das, was er sieht, keineswegs gutheißt. Der tatsächlich zu Veränderungen bereit zu sein scheint. Dem es gelingen könnte, eine Art Ideal mit dem Inferno der Realpolitik zu vereinen. Der dem Rest der Welt eine, wenn auch paradoxe, Hoffnung vermittelt.

Aber ist er wirklich der richtige Mann, um die Apokalypse zu verhindern? Ist er nicht nur eine Galionsfigur? Ein letztes machtloses Symbol unserer Träume. Wirkt er als mächtigster Mann der Welt nicht erstaunlich machtlos?

Der Beobachter steht auf der Straßenseite, wo sich die Menschenmenge nicht ganz so dicht drängt, ziemlich nahe am Straßenrand. Verschiedene Instanzen der »Operation Glencoe«, kurz gesagt viele Bullen, säumen die Straße, während eine weitere Limousine vorbeirauscht. Die türkische Flagge weht im Aprilwind. Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Der Beobachter mustert die Menschenmenge, während der Wagen passiert. Er nimmt wahr, wie sich der kollektive Zorn für einen Augenblick verstärkt. Wie Fäuste in die Luft gereckt werden, die aufgebrachten Rufe einen anderen, verzweifelteren Klang annehmen. Erdogan hält nicht an. Bislang hat keiner angehalten.

Als die Limousine das ExCeL Exhibition Centre erreicht, sieht der Beobachter einen Schatten hinaus- und auf die geöffneten Wagentüren zutreten. Allem Anschein nach handelt es sich um Premierminister Gordon Brown. Der Gastgeber des G20-Treffens. Gestern Abend hat er zu einem Dinner in Downing Street Number 10 geladen. Brown ist ein untadeliger Gastgeber. Und vielleicht sogar ein Mann, dem es mit diesem Treffen ernst ist.

Eine weitere Limousine fährt vorbei. Diesmal weht die französische Flagge im Wind. Auch Präsident Nicolas Sarkozy hält nicht an, um die Menschen zu grüßen, deren Aggressivität erneut explodiert und in deren Gesichtern sich derartige Verzweiflung widerspiegelt.

Würde er es dennoch tun? Würde »BO« wirklich so dumm sein? Wäre das tatsächlich Barack Obamas Stil?

 

 

Der Schwitzende steht unten an der Themse. Er schaut in das braune Wasser hinab und ahnt, dass er der Einzige in ganz London ist, der sich nach einem erfrischenden Bad sehnt. Er sieht einen ganz anderen Fluss vor sich, wunderbar kühl und erquickend. Damals war er das noch. Er sieht seine Freundin vor sich. Sie steigen gemeinsam hinunter in den Fluss, nackt. Das waren andere Zeiten.

Er nimmt sein Handy aus der Hosentasche. Betrachtet es. Das letzte Lebenszeichen. Dann lässt er es aus der Hand gleiten. Es versinkt rasch im braunen Wasser.

Ein letzter Augenblick des Innehaltens, denkt er und macht sich auf den Weg.

Er schiebt sich durch die Menschenmenge. Er weiß, dass es seine letzte und einzige Chance ist. Er wird ihn nur hier erreichen können. Nur hier.

Er ist immer noch weit von der Straße entfernt, steht tief im Inneren der Menge. Sie wogt. In ihr wogt der Wille nach Veränderung. Der Wille, die Welt mit klaren Augen zu sehen. Zu sehen, was tatsächlich mit ihr geschieht.

Es ist so eng, dass ihm heiß wird. Dabei ist es erst Anfang April, die Leute haben sich ordentlich eingepackt. Dennoch scheint keiner von ihnen zu schwitzen. Keiner außer ihm.

Der Schwitzende ist nicht gerade groß gewachsen, er kann kaum erkennen, was sich auf der Straße abspielt. Also muss

er unbedingt noch näher heran. Er hastet vorwärts, aber die Menschenmenge scheint ihn zurückzudrängen, ihn geradezu zu erdrücken. Er spürt spitze Ellenbogen, den einen oder anderen Tritt, hört Beschimpfungen, die er nicht versteht. Aber er muss nach vorn. Er muss ganz nach vorn.

Schließlich steht er so zentral, dass er eine weitere Limousine vorbeifahren sehen kann – vorher hat er sie lediglich gehört. Sie fährt weiter, ohne anzuhalten. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, stehen zu bleiben. Er erkennt die Flagge wieder. Es ist ein groteskes Paradox. Die rot-gelbe Flagge. Im Wagen sitzt Hu Jintao, der Präsident. Aber jetzt kann er ihn nicht mehr sehen. Die Limousine hat die Absperrungen bereits passiert und befindet sich auf dem Weg hinunter zum ExCeL.

Der Schwitzende bebt innerlich. Er schiebt sich weiter voran. Er stößt mit einer Frau zusammen, die ebenso energisch vorwärtsstrebt wie er. Ihre Blicke begegnen sich für einen kurzen Moment. Hätte er es nicht eilig, würde er kurz innehalten. Irgendetwas an dem Blick der Frau kommt ihm bekannt vor. Er hat etwas Absolutes. Etwas Endgültiges. Es ist, als schaue er genau in dem Moment in die Augen eines Menschen, als der sein Leben aushaucht. Maximale Lebensenergie, gefolgt von der Ewigkeit des Todes, vereint in ein und demselben Blick.

Aber er hat keine Zeit. Sie auch nicht. Sie arbeitet sich weiter durch die Menge hindurch. Er ebenfalls, in seine Richtung. Der Schweiß brennt ihm inzwischen nicht mehr in den Augen, blendet ihn nicht mehr. Er ist jetzt fast an der Straße angekommen. Nur noch drei Reihen, aber das sind die standhaftesten, die mit den fanatischsten Aktivisten.

Weit in der Ferne sieht er, wie sich wieder eine Limousine nähert. Mit ungeahnter Deutlichkeit, als halte ihm jemand ein Fernglas vor die Augen, kann er die amerikanische Flagge ausmachen, die über dem Kotflügel des Wagens weht.

 

 

Sie spürt keinerlei Unbehagen mehr. Vermutlich hat sie es die ganze Zeit über nicht gespürt. Die Empfindungen, die sie hatte, als sie das Röhrchen eingeführt hatte, entsprachen eher dem Gefühl, sich des Lebens zu erinnern, als einem realen Unbehagen.

Das Wichtigste war, dass sie ungehindert vorankam, und das kam sie, den ganzen Weg durch die Menschenmenge hindurch, bis sie geradewegs mit dem Chinesen zusammenstieß.

Chinese?, denkt sie und lächelt bitter. Vorurteile. Durch und durch.

Sie erinnert sich an seinen Blick. Wie es war, genau in dem Moment geradewegs in die Augen eines Menschen zu schauen, als der sein Leben aushaucht. Für den Bruchteil einer Sekunde fragt sie sich, was er hier wohl macht. Dann fokussiert sie den Blick wieder nach vorn. Schärft ihre Aufmerksamkeit aufs Äußerste. Wie sie es schon seit Langem tut. Blendet alles um sich herum aus. Alles, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hat.

Inzwischen ist sie fast an der Straße angekommen. Sie hört den Wagen, noch bevor sie ihn erblickt. Ein diffuses Gefühl vermittelt ihr den Eindruck, dass sich dieses Motorengeräusch anders anhört. Lange bevor sie in der Ferne die amerikanische Flagge auf der Motorhaube der Limousine erkennt, weiß sie, dass er es ist.

Ihre einzige Chance.

Sie arbeitet sich bis zur Absperrung vor. Die skandierenden Aktivisten lassen sie jedoch nicht durch, sie brennen geradezu für etwas, dass sie selbst noch nie empfunden hat. Wie ist sie eigentlich hier gelandet? Sie ist wahrhaftig keine von ihnen. Sie war noch nie Feuer und Flamme für irgendeine Sache und ist es nicht einmal jetzt. Aber ihre Entschlossenheit ist stärker als die der anderen. Sie wird es irgendwie schaffen, an ihnen vorbeizukommen. Sie scheinen zu merken, dass sie anders ist. Dass es für sie um so viel mehr geht.

Sie hängt genau in dem Moment mit dem Oberkörper über der Absperrung, als die Limousine in ungefähr fünfzig Meter Entfernung sichtbar wird. Ihr Winken kommt ihr so pathetisch vor. Sie kann nur darauf hoffen, dass er erkennt, wie andersartig es ist.

Hoffen.

Als könnte ihre Hoffnung in diesem Fall irgendetwas ausrichten.

Die Limousine nähert sich Meter um Meter, so schnell, wie die letzten Sandkörner in einem Stundenglas herunterrinnen, und dennoch kommt es ihr ziemlich langsam vor. Alles geschieht extrem langsam. Wie in Zeitlupe.

Sie sieht ihre eigene verzweifelt winkende Hand sich bewegen wie in einem durchsichtigen Gelee oder als befände sie sich

auf dem Mond. Umgeben von einer ätherischen, beschaulichen Langsamkeit. Ein Walzer im Universum.

Die Limousine nähert sich ruckartig. Wie die Filme auf You-Tube, wenn sie noch nicht vollständig geladen sind. Langsam und in gewisser Weise Stück für Stück.

Und fährt vorbei.

Die Limousine fährt an ihrer von Gelee umschlossenen Hand vorbei.

Steht sie womöglich doch an der falschen Stelle?

Hat sie sich derart getäuscht?

Dann scheint es, als würde die Limousine einige Meter weiter doch noch stehen bleiben. Eine unerwartete Hoffnung erfüllt sie.

Hoffnung.

Sie hört die Bremsgeräusche ganz deutlich.

Aber sie kommen aus der falschen Richtung.

In dem Moment begreift sie es.

Sie lässt die Hand sinken, und die Welt wird zu einem Stillleben.

 

 

Der Schwitzende steht zwei Reihen von der Straße entfernt,

als die Limousine vorbeifährt. Sie fährt tatsächlich vorbei, hält nicht an. Er zwängt sich zwischen die vorn stehenden laut brüllenden Aktivisten und schaut ihr nach. Sie muss jeden Moment anhalten.

Sie muss.

Doch bereits in dem Moment, als die Limousine vorbeifuhr, begriff er es. Ihm ist klar geworden, dass sie nicht anhalten würde. Jetzt passiert sie die Absperrungen und fährt weiter hinunter in Richtung des ExCeL Exhibition Centre.

Er schaut ihr hinterher und schwitzt.

Und lässt die Hoffnung fahren.

Doch plötzlich weigert er sich, aufzugeben. Gewiss, er hatte all seine Hoffnung in das gesetzt, was gerade nicht eintraf, aber er will dennoch nicht aufgeben. Irgendetwas in ihm schaltet um auf Plan B. Es gibt zwar keinen Plan B, aber er entwickelt einen. In diesem Moment entwickelt er ihn.

Er schaut sich um. Überall stehen sie, die Uniformierten und Kampfbereiten, aber sich an sie zu wenden wäre regelrecht dumm. Es sind keine Menschen, mit denen man reden kann. Er lässt seinen Blick hinüber zur anderen Straßenseite schweifen, wo weniger Leute stehen. Irgendetwas bewirkt, dass sein Blick an einer bestimmten Person hängen bleibt. Warum, weiß er nicht genau, aber er beschließt, mit dieser Person zu reden. Diesem Mann will er alles erzählen. Und der wird ihn verstehen.

Er ist etwas größer als die anderen und beugt sich gerade zu einem Bereitschaftspolizisten hinunter, der in seine Papiere schaut. Er sagt etwas zu ihm. Und der Schwitzende begreift, dass der Mann Polizist ist, allerdings eine andere Art Polizist. Einer, dem der uniformierte Polizeibeamte nicht uneingeschränkt vertraut. Mit ihm muss er reden.

Denn jetzt muss er es loswerden. Unbedingt. Jetzt muss es die Menschheit erfahren.

Er heftet seinen Blick auf den groß gewachsenen Polizisten mit dem hellweißen Haar, schiebt sich unter der Absperrung hindurch und rennt quer über die Straße.

Der Weißhaarige schaut auf, und ihre Blicke begegnen sich.

 

 

»Mister Sadestatt?«, fragt der übereifrige Polizeibeamte der »Operation Glencoe« skeptisch und betrachtet den Ausweis durch seine Schutzmaske hindurch. Es gelingt ihm mit seinen dicken Handschuhen kaum, die Ausweispapiere festzuhalten.

»Actually«, entgegnet der Beobachter mit so liebenswürdiger Stimme wie möglich, »I am Chief Inspector Arto Söderstedt. From Europol in Den Haag. I’m here as an observer.«

Der Bereitschaftspolizist schüttelt den Kopf und mustert die eigentümlichen Ausweispapiere, die offenbar wichtiger sind als die Observierung der Demonstranten und die Bewachung der Route des Präsidenten der USA. Mit einer inneren Gereiztheit sieht Arto Söderstedt gerade noch die Limousine von Barack Obama hinter den Absperrungen verschwinden und in Richtung der grotesken Konferenzanlage hinunterfahren. Er verspürt eine gewisse Enttäuschung, weil die Twitter-Meldung ein Fake war. An dem Gerücht war nichts dran, vielleicht existierte es noch nicht einmal, vielleicht handelte es sich auch nur um einen dummen Witz. Doch er empfindet nicht nur Enttäuschung, sondern auch Erleichterung. Erleichterung darüber, dass der amerikanische Präsident nicht so dumm ist. Andernfalls hätte er ihn auch nicht für zukunftstauglich gehalten.

Sein Beobachterblick bleibt an einem anderen Punkt hängen. Er sieht, wie sich ein asiatisch aussehender Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter der Absperrung hindurchschiebt und losrennt.

Auf ihn zu.

Er hat seinen Blick fest auf Arto Söderstedts Augen gerichtet. Zweifellos ist er auf dem Weg zu ihm. Beinahe hat er ihn erreicht, ist nur noch ein paar Meter entfernt, als der Beobachter plötzlich begreift, dass er kein anonymer Beobachter mehr ist. Ein unerwarteter Schrecken erfasst ihn, ein kurzer Augenblick des Entsetzens, den er später ein ums andere Mal analysieren wird, eine Furcht vor dem Fremden, vor Selbstmordattentätern, vor Asiaten, eine Furcht, die seiner Person nicht angemessen ist.

Aber das Gefühl hält nur einen sehr flüchtigen Moment an.

Dann hört er ein Geräusch. Ein Motorengeräusch. Doch die nachfolgenden Ereignisse sind für ihn alle tonlos. Als das grafitgraue Auto dem Chinesen die Beine bricht, dringt kein Geräusch in sein Bewusstsein. Auch der nachfolgende fast senkrechte Flug durch die Luft ist lautlos. Nicht einmal, als der Körper hart, knochenhart auf dem Asphalt aufschlägt, hört Arto Söderstedt einen einzigen Laut.

Dann kommen alle Geräusche auf einmal. Als wären sie komprimiert worden und würden nun in einem einzigen Augenblick alle gleichzeitig herausgepresst werden. Das Quietschen der Bremsen, der Knall der Kollision, der Aufprall des Körpers auf dem Asphalt, die entsetzten Schreie der Aktivisten und sogar die unkontrollierten Ausrufe des Fahrers hinter der Scheibe des grafitgrauen Wagens. Söderstedt identifiziert den Wagen als Zivilstreife, während er dem Bereitschaftspolizisten seine Papiere aus der Hand reißt und unerwartet geschmeidig im Schersprung die Absperrung überwindet. Er geht neben dem stark blutenden Chinesen in die Hocke, traut sich jedoch nicht, ihn zu berühren. Der Mann lebt. Er sieht Arto Söderstedt wieder geradewegs in die Augen. Als wäre der ein Auserwählter.

Söderstedt hebt den Blick und lässt ihn über die Szenerie schweifen. Zu seiner Linken sieht er, wie zwei Männer in feinen Anzügen zögerlich aus dem grafitgrauen Wagen steigen. Rechts von ihm hat auf der anderen Straßenseite in einiger Entfernung ein weiteres Auto angehalten, um das herum ein gewisser Tumult entstanden ist.

Aber vor allem blickt er auf die Menschenmenge, die Friedenseiferer von »Stop the War Coalition«, er sieht den Schrecken in ihren Augen, und ihm wird klar, wie ähnlich sie einander alle sind, wie ähnlich sie reagieren. Die Polizisten der »Operation Glencoe« wie die Demonstranten. Ihre Blicke. Diese stummen geöffneten Münder hinter vorgehaltenen Händen. Er hat keine Ahnung, warum ihm das ausgerechnet jetzt durch den Kopf geht.

Er beugt sich hinunter zu dem verletzten Mann und sieht in seinem Blick, dass er kurz davor ist zu sterben. Zitternd schaut er einem Menschen genau in dem Moment in die Augen, als der sein Leben aushaucht. Der Mann hält sich gerade noch, mit einem letzten Quäntchen Willenskraft, am Leben. Und der Wille erscheint Arto Söderstedt plötzlich so zielgerichtet.

Er beugt sich über das Gesicht des Sterbenden. Es ist, als sei dessen ganzer Körper zerbrochen. Wie ein heißer Geysir speien die röchelnden Atemzüge des Mannes Blut in Söderstedts Ohr. Dennoch weicht er nicht zurück. Dieser Mann will ihm etwas mitteilen. Jetzt noch.

Söderstedt zittert und lauscht. Er schlottert immer stärker und hört, wie eine Anzahl merkwürdiger Silben mit dem Blut hervorsprudeln. Es ist so offensichtlich, dass der Mann etwas sagen will, dass sich hinter den fremden Silben ein gewisser Sinn verbirgt. Söderstedt schaut dem Mann in die Augen, als der stirbt. Er sieht, dass der Chinese in der Gewissheit stirbt, der Auserwählte habe seine Worte gehört.

Arto Söderstedts Kinn sinkt auf seine bebende Brust. Er spürt, wie ihm das Blut eines Fremden sachte aus dem Ohr tropft. Als er die Augen schließt, merkt er, wie entsetzlich kalt es ist. Gewiss, der April ist der heftigste Monat, aber nicht deswegen geht ihm ein Schauder durch Mark und Bein.

Er spürt einen eisigen Februarwind, einen harschen Wind des Verrats, der von dem verlassenen Tal herunterbläst.

 

 

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