Das Who is Who der Mythos Academy
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Mittwoch, 23. Oktober 2013 von


Das Who is Who der Mythos Academy

Die Schüler

Gwen (Gwendolyn) Frost: Gwen ist ein Gypsymädchen mit der Gabe der psychometrischen Magie, oder anders gesagt, der Fähigkeit, die Geschichte eines Gegenstandes zu erfahren, indem sie ihn einfach berührt. Gwen ist ein wenig verdreht, da sie ihre Magie sehr mag, vor allem die Tatsache, dass sie damit die Geheimnisse anderer aufdecken kann – egal, wie sehr die anderen versuchen, sie zu verstecken. Außerdem ist sie ein ziemliches Schleckermaul, liest gerne Comics und trägt, wo immer sie hingeht, Jeans, T-Shirts, Kapuzenpullis und Turnschuhe.

Daphne Cruz: Daphne ist eine Walküre und eine angesehene Bogenschützin. Außerdem kann sie ziemlich gut mit dem Computer umgehen. Sie liebt Designerklamotten und teure Handtaschen. Daphne ist ziemlich besessen von der Farbe Pink. Sie trägt fast immer Pink, und ihr gesamtes Zimmer ist in verschiedenen Schattierungen von Rosa eingerichtet.

Logan Quinn: Dieser total süße und absolut tödliche Spartaner ist der beste Kämpfer der Mythos Academy – und Gwen muss einfach ständig an ihn denken. Aber Logan hat ein Geheimnis, das er niemandem verraten will – besonders nicht Gwen.

Carson Callahan: Carson ist Tambourmajor in der Marschkapelle der Mythos Academy. Er ist ein Kelte und stammt Gerüchten zufolge aus einer langen Reihe von Kriegerbarden. Er ist ruhig, scheu und einer der nettesten Kerle, die man sich vorstellen kann. Aber wenn es nötig ist, kann Carson knallhart sein.

Oliver Hector: Oliver ist ein Spartaner und ein Freund von Logan und Kenzie, der bei Gwens Waffentraining hilft. Außerdem ist er seit den Vorkommnissen während des Winterkarnevals mit Gwen befreundet.

Kenzie Tanaka: Kenzie ist ein Spartaner, der mit Logan und Oliver befreundet ist. Er hilft bei Gwens Waffentraining und geht im Moment mit Talia aus.

Savannah Warren: Savannah ist eine Amazone, die eine Weile mit Logan zusammen war – zumindest vor dem Winterkarneval. Jetzt sind die beiden kein Paar mehr, worüber Savannah nicht allzu glücklich ist – und sie macht Gwen dafür verantwortlich.

Talia Pizarro: Talia ist eine Amazone und eine der besten Freundinnen von Savannah. Talia hat mit Gwen zusammen Sportunterricht, und die beiden treten in Trainingskämpfen gegeneinander an. Momentan geht sie mit Kenzie.

Helena Paxton: Helena ist eine Amazone, die auf dem besten Weg ist, das neue gemeine Mädchen der Akademie zu werden, oder zumindest das gemeine Mädchen des zweiten Jahrgangs, in dem auch Gwen ist.

Morgan McDougall: Morgan ist eine Walküre. Sie war eines der beliebtesten Mädchen der Akademie – bevor ihre beste Freundin Jasmine Ashton versuchte, sie eines Nachts in der Bibliothek der Altertümer dem bösen Gott Loki zu opfern. Zurzeit bleibt Morgan eher für sich, obwohl es aussieht, als hätte sie sich mit Savannah und Talia angefreundet.

Jasmine Ashton: Jasmine war eine Walküre und das beliebteste Mädchen des zweiten Jahrgangs der Mythos Academy – bis sie versucht hat, Morgan Loki zu opfern. Gwen hat in der Bibliothek der Altertümer gegen Jasmine gekämpft und Morgan gerettet, obwohl Logan derjenige war, der Jasmine tatsächlich getötet hat. Bevor sie starb, hat Jasmine Gwen erzählt, dass ihre gesamte Familie aus Schnittern besteht – und dass es viele Schnitter auf der Mythos Academy gibt …

Preston Ashton: Preston ist Jasmines älterer Bruder, der Gwen für den Tod seiner Schwester verantwortlich macht. Preston hat während des Winterkarnevals im Powder Skiresort versucht, Gwen umzubringen. Nachdem Gwen, Logan und Vic den Schnitter besiegt haben, wurde Preston in das Gefängnis der Akademie gesperrt.

Die Erwachsenen

Trainer Ajax: Ajax ist der Sportleiter der Akademie und verantwortlich für das Kampftraining der Schüler auf Mythos. Logan Quinn und seine Spartaner-Freunde gehören zu Ajax’ besten Schülern.

Geraldine (Grandma) Frost: Geraldine ist Gwens Grandma und eine Gypsy mit der Macht, in die Zukunft zu blicken. Grandma Frost verdient sich ihren Lebensunterhalt als Wahrsagerin, in einer Stadt, die nicht allzu weit von Cypress Mountain entfernt liegt. Mehrmals die Woche schleicht sich Gwen vom Schulgelände, um ihre Grandma zu besuchen und die süßen Verlockungen zu genießen, die Grandma Frost immer bäckt.

Grace Frost: Grace war Gwens Mom und eine Gypsy, welche die Macht besaß, allein durch Zuhören zu bestimmen, ob jemand die Wahrheit sagte oder nicht. Zuerst dachte Gwen, ihre Mom sei bei einem Autounfall von einem betrunkenen Fahrer getötet worden. Aber dank Preston Ashton weiß sie nun, dass Grace in Wirklichkeit von einem Schnittermädchen ermordet wurde, das Lokis Champion ist. Gwen ist entschlossen, dieses Mädchen zu finden und sich zu rächen – komme, was wolle.

Nickamedes: Nickamedes ist der oberste Bibliothekar in der Bibliothek der Altertümer. Er liebt die Bücher und die Artefakte in der Bibliothek mehr als alles andere, und Gwen scheint er überhaupt nicht zu mögen. Tatsächlich bemüht er sich sogar, Gwen möglichst viel Arbeit aufzu- halsen, wann immer sie nach der Schule in der Bibliothek Schicht hat. Außerdem ist Nickamedes Logans Onkel, auch wenn der verkniffene Bibliothekar seinem lockeren Neffen charakterlich kaum ähnelt. Zumindest denkt Gwen das.

Professor Aurora Metis: Metis ist eine Professorin für Mythengeschichte, die den Schülern alles über die Schnitter des Chaos, Loki und den Chaoskrieg beibringt. Außerdem war sie zu Schulzeiten die beste Freundin von Gwens Mom Grace. Metis ist der Champion von Athene, der griechischen Göttin der Weisheit, und sie ist zu Gwens Mentorin auf der Mythos Academy geworden.

Raven: Raven ist eine alte Frau, die gewöhnlich den Kaffeewagen in der Bibliothek besetzt. Gwen hat sie auch im Gefängnis der Akademie gesehen. Offensichtlich ist das ein weiterer von Ravens Gelegenheitsjobs auf dem Schulgelände. An Raven ist definitiv mehr dran, als man auf den ersten Blick meint …

Die Mächtigen von Mythos: Ein Gremium aus verschiedenen Mitgliedern des Pantheons, das alle Aspekte der Mythos Academy überwacht, von der Speisefolge im Speisesaal bis zur Bestrafung von Schülern. Gwen hat, soweit sie weiß, noch nie eines der Mitglieder des Gremiums getroffen, und sie weiß auch nicht, wer sie sind. Aber das könnte sich ändern – früher, als sie denkt.

Vic: Vic ist das sprechende Schwert, dass Nike Gwen geschenkt hat. Vics Heft sieht aus wie das Gesicht eines Mannes. Gwen weiß nicht allzu viel über Vic, abgesehen davon, dass er wirklich, wirklich blutrünstig ist und sich nichts mehr wünscht, als Schnitter zu töten.

Götter, Monster und mehr

Artefakte: Artefakte sind Waffen, Schmuckstücke, Kleidung, Rüstungsgegenstände, die über die Jahre von den verschiedenen Kriegern, Göttern, Göttinnen und mythologischen Kreaturen getragen wurden. Es gibt den Gerüchten zufolge Dreizehn Artefakte, die besonders mächtig sind, auch wenn sich die Leute nicht einigen können, um welche Artefakte es sich dabei handelt und wie sie während des Chaoskrieges eingesetzt wurden. Die Mitglieder des Pantheons schützen die Artefakte vor den Schnittern, die ihre Macht einsetzen wollen, um Loki aus seinem Gefängnis zu befreien. Viele der Artefakte werden in der Bibliothek der Altertümer aufbewahrt.

Champions: Jeder Gott und jede Göttin hat einen Champion, jemanden, den sie auserwählt haben, um an ihrer Stelle in der Welt der Sterblichen zu handeln. Champions besitzen die verschiedensten Kräfte und Waffen und können gut oder böse sein, je nachdem, welchem Gott sie dienen. Gwen ist Nikes Champion, genauso wie vor ihr ihre Mom und ihre Grandma.

Der Chaoskrieg: Vor langer Zeit haben Loki und seine Gefolgsleute versucht, alles und jeden zu versklaven, und so wurde die gesamte Welt in den Chaoskrieg gestürzt. Es war eine dunkle, blutige Zeit, die fast zum Ende der Welt geführt hätte. Die Schnitter wollen Loki befreien, damit er sie in den nächsten Chaoskrieg führt. Es dürfte klar sein, warum das ziemlich übel wäre.

Fenriswölfe: Diese Kreaturen sehen aus wie Wölfe – nur viel, viel größer. Sie haben aschegraues Fell, rasiermesserscharfe Krallen und brennend rote Augen. Schnitter setzten sie ein, um Mitglieder des Pantheons zu beobachten, zu jagen und zu töten. Man könnte Fenriswölfe als hundeartige Meuchelmörder bezeichnen.

Loki: Loki ist der nordische Gott des Chaos. Einst verursachte er den Tod eines anderen Gottes und wurde dafür eingesperrt. Doch Loki entkam aus seinem Gefängnis und fing an, andere Götter, Göttinnen, Menschen und Kreaturen zu rekrutieren und davon zu überzeugen, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Er nannte seine Gefolgsleute die Schnitter des Chaos, und sie versuchten, die Welt zu übernehmen. Doch Loki und seine Schergen wurden schließlich besiegt, und der böse Gott wurde zum zweiten Mal eingesperrt. Bis heute versucht er, aus seinem Gefängnis zu entfliehen und die Welt in einen zweiten Chaoskrieg zu stürzen. Er ist der ultimative Bösewicht.

Mythos Academy: Die Akademie liegt in Cypress Mountain, North Carolina, einem schicken Vorort von Asheville hoch in den Bergen. Sie ist ein Schul- und Hochschul-Internat für Krieger-Wunderkinder – die Nachkommen mythologischer Krieger, wie Spartaner, Walküren, Amazonen und mehr. Die Schüler auf Mythos bewegen sich im Alter zwischen sechzehn im ersten Jahr und einundzwanzig im sechsten Jahr. Die Jugendlichen gehen nach Mythos, um zu lernen, wie sie ihre jeweilige Magie und ihre Fähigkeiten im Kampf gegen Loki und seine Schnitter einsetzen können. Es gibt weitere Ableger der Akademie, die auf der gesamten Welt verteilt sind.

Nemeische Pirscher: Diese Kreaturen sehen aus wie Panther – nur wieder viel, viel größer. Sie haben ein schwarzes Fell mit rötlichem Schimmer, rasiermesserscharfe Krallen und brennend rote Augen. Schnitter setzen sie ein, um Mitglieder des Pantheons zu beobachten, zu jagen und zu töten. Man könnte Nemeische Pirscher als riesige Killerkätzchen bezeichnen.

Nike: Nike ist die griechische Göttin des Sieges. Sie war diejenige, die Loki im letzten Kampf des Chaoskrieges im Duell besiegte. Seitdem kämpfen Nike und ihre Champions gegen die Schnitter des Chaos und versuchen sie davon abzuhalten, Loki aus seinem Gefängnis zu befreien. Sie ist die ultimative Heldin.

Das Pantheon: Das Pantheon besteht aus Göttern, Göttinnen, Menschen und Kreaturen, die sich zusammengeschlossen haben, um Loki und seine Schnitter des Chaos zu bekämpfen. Die Mitglieder des Pantheons sind die Guten.

Schnitter des Chaos: Schnitter heißen alle Götter oder Menschen, alle Göttinnen oder Kreaturen, die Loki dienen und den bösen Gott aus seinem Gefängnis befreien wollen. Schnitter sind dafür bekannt, dass sie Loki Menschen opfern, in der Hoffnung, dass dies sein Gefängnis schwächt und er sich eines Tages befreien und in die Welt der Sterblichen zurückkehren kann. Das Unheimliche ist, dass jeder auf der Mythos Academy oder in der restlichen Welt ein Schnitter sein kann – Eltern, Lehrer, selbst Mitschüler. Die Schnitter sind die Bösen.

Schwarze Rocks: Diese Kreaturen sehen aus wie Raben – nur wieder viel, viel größer. Sie haben glänzende schwarze Federn, die von roten Streifen durchzogen sind, lange, scharfe, gebogene Klauen und schwarze Augen, in deren Tiefe ein rotes Feuer glüht. Rocks sind in der Lage, Leute hochzuheben und mit ihnen davonzufliegen – bevor sie sie in Stücke reißen.

Sigyn: Sigyn ist die nordische Göttin der Hingabe. Außerdem ist sie Lokis Frau. Als Loki zum ersten Mal eingesperrt wurde, hatte man ihn unter einer gigantischen Schlange angekettet, deren Gift auf sein gut aussehendes Gesicht tropfte. Sigyn hat viele Jahre damit verbracht, ein Artefakt über Lokis Kopf zu halten, das die Schale der Tränen genannt wurde, um so viel Gift wie möglich aufzufangen. Aber wann immer die Schale voll war, musste Sigyn sie ausleeren, sodass das Gift wieder auf Lokis Gesicht tropfen konnte und ihm schreckliche Schmerzen verursachte. Schließlich überlistete Loki Sigyn, damit sie ihn befreite, und kurz darauf stürzte der böse Gott die Welt in den langen, blutigen Chaoskrieg. Niemand weiß, was danach mit Sigyn geschehen ist …


Blick ins Buch
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Mythos Academy 3

Gwen wurde von ihrer Göttin Nike mit einer äußerst schwierigen Mission betraut: Sie soll verhindern, dass die Schnitter das letzte Siegel am Gefängnis des grausamen Gottes Loki brechen und damit einen neuen Chaoskrieg entfachen. Doch dazu muss Gwen den Helheim-Dolch finden, jenes göttliche Artefakt, das vor Jahren auf dem Campus der Mythos Academy verschwunden ist. Ihre einzigen Hilfsmittel sind ein altes Tagebuch und ihre magische Gypsy-Gabe. Aber noch bevor die Suche beginnt, sieht sich Gwen mit zahlreichen Problemen konfrontiert: einem ausgewachsenen Fenriswolf, den sie in ihrem Zimmer verstecken muss, einer zornigen Walküre, die ihre neu erworbenen Heilkräfte hasst, und einem unbekannten Mädchen mit Loki-Maske, das nicht nur schuld am Tod von Gwens Mutter ist, sondern nun auch ihr selbst nach dem Leben trachtet.
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Kapitel 1


»Wenn ihr beide nicht aufhört, rumzuknutschen, wird mir schlecht.«

Meine beste Freundin Daphne Cruz kicherte und drückte ihrem Freund Carson Callahan den nächsten dicken, schmatzenden Kuss auf den Mund. Prinzessinnenrosa Funken stoben aus Daphnes Fingerspitzen, um in der Luft um sie herum zu verlöschen. Die kleinen farbigen Lichter leuchteten fast so sehr wie Carsons Gesicht.

Ich verdrehte die Augen. »Richtig, ernsthaft schlecht.«

Daphne ließ lang genug von Carson ab, um mich anzusehen. »Oh, hör auf zu meckern, Gwen. Wir knutschen gar nicht rum. Nicht in diesem muffigen alten Museum.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wirklich? Wieso trägt Carson dann mehr von deinem Lipgloss als du?«

Carson errötete noch mehr, bis seine braune Haut fast die Farbe einer Tomate angenommen hatte. Der Musikfreak schob seine dunkle Brille höher auf die Nase und wischte sich in dem Versuch, die Reste von Daphnes Lipgloss zu entfernen, mit der Hand über den Mund. Er erreichte damit nur, dass das rosa Glitzerzeug auch noch an seinen Fingern klebte. Daphne kicherte, dann drückte sie ihrem Freund den nächsten Kuss auf die Lippen.

Ich seufzte. »Hey, hey. Hört auf, ihr Turteltäubchen. Das Museum macht um fünf zu, und wir haben noch nicht mal die Hälfte der Artefakte gesehen, die wir uns für Mythengeschichte anschauen sollen.«

»Schön.« Daphne zog einen Schmollmund und löste sich von Carson. »Dann sei eben eine Spielverderberin.«

Ich verdrehte wieder die Augen. »Na ja, diese Spielverderberin macht sich zufällig Gedanken um ihre Noten. Also, lasst uns in den nächsten Raum gehen. Da soll es laut Broschüre ein paar wirklich coole Waffen geben.«

Daphne verschränkte die Arme vor der Brust. Sie kniff die Augen zusammen und starrte mich böse an, weil ich ihr Vorschriften machte. Aber letztendlich folgten sie und Carson mir, als ich durch eine Tür trat und damit den Hauptteil des Museums verließ.

Es war ein paar Tage nach Silvester, und wir befanden uns im Kreios-Kolosseum, einem Museum am Rand von Asheville, North Carolina. Museumsbesuche standen auf meiner Hitliste für unterhaltsame Freizeitbeschäftigungen nicht gerade weit oben, aber alle Mythos-Schüler im zweiten Jahr hatten den Auftrag, sich irgendwann während der Winterferien ins Kolosseum zu schleppen, um sich eine besondere Ausstellung von Artefakten anzuschauen. Da der Unterricht in der Akademie morgen wieder anfing, war heute unsere letzte Chance, diesen Arbeitsauftrag zu erledigen. Es war schon schlimm genug, dass ich und alle anderen Krieger-Wunderkinder auf Mythos ausgebildet wurden, um gegen Schnitter des Chaos zu kämpfen, die echte, schreckliche Bösewichter waren. Aber Hausaufgaben über die Ferien! Das war so unfair.

Daphne, Carson und ich waren gegen drei Uhr hier angekommen, und wir wanderten jetzt seit neunzig Minuten von einem Schaukasten zum nächsten. Von außen sah das Kreios-Kolosseum aus wie jedes andere Gebäude – wie ein Museum eben, eines von Dutzenden, die um die Stadt und in den Appalachen verteilt lagen.

Was das Innenleben anging, lagen die Dinge allerdings ganz anders.

Das Museum zu betreten war, als reise man durch die Zeit zurück ins alte Rom. So weit das Auge reichte, beherrschte weißer Marmor das Dekor, nur unterbrochen von aufragenden Säulen. An den Wänden glitzerten hier und dort Gold, Silber und Bronze, um dann die gesamte Decke mit überwältigenden Farbmustern zu überziehen. An den ausgestellten Ketten und Ringen funkelten Saphire und Rubine, während in den Vitrinen feine Seide und andere Kleidungsstücke schimmerten, die wirkten, als wären sie aus Spinnweben gefertigt worden. Sogar die Angestellten des Museums trugen fließende weiße Togen, was den Gesamteindruck nur noch verstärkte.

Aber die Ausstellung beschäftigte sich nicht nur mit dem alten Rom. Jeder Raum enthielt Artefakte aus einer anderen Kultur, vom hohen Norden über die Perser bis nach Japan, und natürlich auch alle Länder und Völker dazwischen. Das Kolosseum war nämlich den Mitgliedern des Pantheons gewidmet. Götter, Göttinnen, sagenumwobene Krieger, mythologische Kreaturen – im Grunde war das Pantheon eine Ansammlung magisch begabter Helden, die sich zusammengeschlossen hatten, um die Welt zu retten.

Vor langer Zeit hatte der böse nordische Schelmengott Loki versucht, alle zu versklaven, und hatte die Welt in den langen, blutigen Chaoskrieg gestürzt. Aber die Mitglieder des Pantheons hatten sich erhoben, um Loki und seine bösartigen Gefolgsleute, die Schnitter des Chaos, aufzuhalten. Letztendlich hatten die anderen Götter und Göttinnen Loki in ein mythologisches Gefängnis gesperrt, das weit von der Welt der Sterblichen entfernt lag. Und jetzt waren im Kolosseum verschiedenste Artefakte – Schmuckstücke, Kleidung, Rüstungen, Waffen und mehr – ausgestellt, die beide Seiten während des Chaoskrieges verwendet hatten. Obwohl Loki eingesperrt war, ging der Kampf zwischen dem Pantheon und den Schnittern immer weiter, mit neuen Generationen von Kriegern und Kreaturen.

Natürlich wussten die meisten Leute nicht, dass Loki so verdammt nah dran war, aus seinem Gefängnis auszubrechen und den nächsten Chaoskrieg anzuzetteln. Ich allerdings dachte die ganze Zeit darüber nach – besonders weil ich es irgendwie schaffen musste, die Flucht des bösen Gottes zu verhindern.

»Der ist cool«, sagte Daphne.

Sie deutete auf einen geschwungenen Bogen in einer der Vitrinen. Er bestand aus einem einzigen Stück Onyx, in das goldene Verzierungen eingelassen waren. Bespannt war er mit mehreren dünnen goldenen Fäden. Daneben lag ein passender, schmaler Köcher aus Onyx, in dem allerdings nur ein einziger Pfeil steckte.

Daphne lehnte sich vor und las die Bronzeplakette neben der Waffe. »Hier steht, dieser Bogen hat einst Sigyn, der nordischen Göttin der Hingabe, gehört. Jedes Mal, wenn man den Pfeil aus dem Köcher zieht, erscheint der nächste, um seinen Platz einzunehmen. Okay, das ist total cool.«

»Das hier gefällt mir besser«, sagte Carson und deutete auf ein gebogenes Horn aus Elfenbein, das ein wenig an eine winzige Tuba erinnerte. Auf der Oberfläche glänzten Intarsien aus Onyx. »Hier steht, das sei Rolands Horn. Ich bin mir allerdings nicht sicher, was es tut.«

Ich blinzelte. Ich war so tief in meine Gedanken an Loki, Schnitter und das Pantheon versunken gewesen, dass ich einfach nur herumgewandert war, statt mir die Artefakte anzusehen, wie ich es eigentlich tun sollte.

Wir standen in einem riesigen, runden Raum voller Waffen. Schwerter, Kampfstäbe, Speere, Dolche, Bögen, Wurfsterne und mehr glitzerten sowohl in den Vitrinen als auch zwischen großen Ölbildern von mythologischen Schlachten an den Wänden. Die gesamte hintere Wand bestand aus demselben weißen Marmor wie der Rest des Museums, nur dass man hier eine Auswahl mythologischer Figuren in den Stein geschlagen hatte. Greifen, Wasserspeier, Drachen, Chimären und Gorgonen mit schlangenartigem Haar und grausamem Lächeln.

In der Mitte des Raums saß auf einem Podest ein Ritter in voller Rüstung auf einem ausgestopften Pferd. Der Ritter hielt eine Lanze in der Hand und sah aus, als wollte er jeden Moment vorwärtsstürmen und die Wachsfigur eines römischen Zenturios durchbohren, der ebenfalls auf dem Podest stand, das Schwert erhoben, um den angreifenden Ritter abzuwehren. Im Raum verteilt standen noch weitere Figuren, unter anderem ein Wikinger mit einem Hörnerhelm, der im Begriff war, seine riesige Streitaxt auf den runden Bronzeschild des Spartaners neben ihm zu schmettern. Ein paar Schritte entfernt hielten zwei weibliche Figuren, eine Walküre und eine Amazone, Schwerter in der Hand und beobachteten mit gleichgültigem Blick den epischen, nie enden wollenden Kampf des Wikingers mit dem Spartaner.

Ich starrte die beiden kämpfenden Männer an. Für einen Moment flackerten sie und schienen sich zu bewegen. Ihre Wachslippen verzogen sich zu wütenden Grimassen, ihre Finger packten die Waffen fester, die Körper spannten sich für den kommenden Kampf an. Mir lief ein kalter Schauder über den Rücken, und ich wandte den Blick ab. Meine Gypsygabe, meine psychometrische Magie, spielte schon verrückt, seit wir das Museum betreten hatten.

»Hmpf. Also ich finde diesen Bogen nicht allzu außergewöhnlich«, murmelte eine Stimme mit hochnäsigem, englischem Akzent. »Er ist sogar ziemlich langweilig. Gewöhnlich, eigentlich.«

Ich sah nach unten zur Quelle der Stimme – Vic, das Schwert, das in seiner schwarzen Lederscheide an meiner Hüfte hing. Vic war kein typisches Schwert. Zum einen hatte er kein normales Heft, sondern das wurde bei ihm von einer Art halbem Gesicht gebildet. Ein einzelnes Ohr, eine Hakennase, ein Mund, zusammen mit der Rundung eines Auges. Auf mich wirkte es immer, als wäre in dem silbernen Metall ein Mann gefangen, der versuchte, daraus zu entkommen. Ich wusste nicht genau, um wen oder was es sich bei Vic handelte, nur dass er unhöflich, rechthaberisch und blutrünstig war. Das Schwert redete ununterbrochen darüber, dass wir endlich ein paar Schnitter zum Töten finden sollten.

Aber in Wahrheit gab es nur einen Schnitter, den ich umbringen wollte – das Mädchen, das meine Mom ermordet hatte.

Ein zerschmettertes Auto. Ein Schwert, das durch den Regen sauste. Und Blut – so viel Blut.

Die Erinnerung an den Mord an meiner Mom stieg in mir auf und drohte mich zu überwältigen, aber ich drängte sie zurück und zwang mich dazu, mich auf meine Freunde zu konzentrieren, die immer noch den Onyxbogen und das Elfenbeinhorn anstarrten.

Ich hatte Vic heute mitgenommen, weil ich dachte, es würde ihm vielleicht Spaß machen, sich die Ausstellung anzusehen. Außerdem brauchte ich jemanden, mit dem ich mich unterhalten konnte, während Daphne und Carson kicherten oder Zungenringkämpfe austrugen. Die beiden waren so scharf aufeinander, dass es mich manchmal schon anwiderte, besonders wenn man den traurigen Zustand meines eigenen Liebeslebens bedachte.

»Es ist schließlich nur ein Bogen«, fuhr Vic fort. »Nichts Wichtiges. Keine echte Waffe.«

Ich verdrehte die Augen. O ja. Vic redete auch – und zwar meistens darüber, wie toll er war.

»Na ja, ein paar von uns mögen Bögen«, schnaubte Daphne mit einem Blick auf mein Schwert.

»Und das ist es, was mit dir nicht stimmt, Walküre«, antwortete Vic.

Das Schwert starrte sie böse an. Vic besaß nur ein Auge, und das hatte eine seltsame Farbe – nicht wirklich Purpur, aber auch nicht wirklich Grau. Es erinnerte mich an die Farbe der Dämmerung, dieser sanfte Ton des Himmels, bevor die Welt für die Nacht dunkel wird.

»Und du, Kelte«, sagte Vic und richtete seine Aufmerksamkeit auf Carson. »Gwen hat mir erzählt, dass du am liebsten einen Kampfstab schwingst. Einen Stab! Der hat ja nicht mal eine verdammte Spitze am Ende. Es ist wirklich jämmerlich, was sie euch Kriegerkindern heutzutage auf Mythos beibringen.«

Jeder Jugendliche, der auf die Mythos Academy ging, war irgendeine Art von Krieger, inklusive uns dreien. Daphne war eine Walküre, Carson ein Kelte und ich eine Gypsy. Wir alle stammten von den Kriegern des Pantheons ab, die als Erste gegen Loki und seine Schnitter gekämpft hatten. Nun trugen wir diese Tradition in die moderne Zeit, indem wir auf die Akademie gingen und alles an Fähigkeiten und Magie lernten, was nötig war, um Schnitter zu bekämpfen. Und wir waren nicht die Einzigen. Wikinger, Römer, Ninjas, Samurai, Spartaner, Perser. Alle diese Kriegertypen und noch weitere konnte man auf der Akademie finden.

»Beschämend, finde ich«, tönte Vic wieder.

Carson sah mich an. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich besaß Vic erst seit ein paar Monaten, aber ich hatte schnell gelernt, dass es unmöglich war, die große Klappe des Schwertes zu bändigen. Vic sagte, was er wollte, wann immer er wollte, so laut er es eben wollte. Und wenn man es wagte, ihm zu widersprechen, bereitete es ihm die größte Freude, das Thema weiter zu diskutieren – während man seine Klinge an der Kehle hatte.

Vic und Daphne starrten sich noch einen Moment böse an, bevor sich die Walküre wieder zu Carson umdrehte und weiter mit ihm darüber sprach, wie cool der Bogen war. Ich wanderte durch den Rest des Raumes und musterte die anderen Artefakte. Vic monologisierte weiter darüber, dass die einzig wahren Waffen Schwerter waren, und bei ihm handelte es sich natürlich um das beste Schwert, das je gefertigt worden war. Ich gab zustimmende Geräusche von mir, wann immer es angebracht schien. Das war einfacher, als mit ihm zu diskutieren.

Daphne und Carson sahen sich immer noch den Bogen an, und Vic beendete schließlich seine Tirade und hielt wieder den Mund. Ich las gerade die Plakette zu einem silbernen Fadenknäuel, das Ariadne gehört hatte. Sie war eine griechische Jungfrau gewesen, die Theseus dabei geholfen hatte, den Weg durch das Labyrinth zu finden, in dem der Minotaurus gehalten worden war. Da hörte ich hinter mir Schritte, und jemand trat neben mich.

»Gwendolyn Frost«, raunte eine bissige Stimme. »Was für eine Überraschung, dich hier zu treffen.«

Ich drehte mich um und stand einem Mann in den Mittvierzigern gegenüber mit schwarzem Haar, kalten blauen Augen und einer Haut, die so weiß war wie der Marmorboden. Er trug einen dunkelblauen Anzug und ein paar Lederschuhe, die stärker glänzten als die meisten Vitrinen im Raum. Ich hätte ihn als gut aussehend bezeichnet, wenn ich nicht genau gewusst hätte, wie pedantisch und zimperlich er war – und dass er mich hasste.

Ich seufzte. »Nickamedes. Was tun Sie hier?«

»Ich beaufsichtige natürlich die Ausstellung. Die meisten Artefakte hier sind Leihgaben aus der Bibliothek der Altertümer.«

Nickamedes war der Obermacker der Bibliothek der Altertümer, die ein paar Kilometer entfernt auf dem Gelände der Mythos Academy in Cypress Mountain, North Carolina, stand. Zusätzlich zu den Büchern war die riesige Bibliothek für ihre unvergleichliche Sammlung von Artefakten berühmt. Auf ihren sieben Stockwerken standen Hunderte und Aberhunderte Vitrinen, in denen Dinge ausgestellt waren, die einst den Göttern und Göttinnen oder ihren Champions oder sogar den Schnittern gehört hatten, die sie bekämpft hatten.

Ich hätte mir denken können, dass das Kreios-Kolosseum einige Artefakte von der Bibliothek geliehen hatte – das war wahrscheinlich der Grund, warum die Mythos-Schüler überhaupt hierherkommen sollten. So waren sie gezwungen, sich die Gegenstände anzusehen und kennenzulernen, die sie in der Bibliothek täglich ignorierten.

Nickamedes starrte mich an und schien kein bisschen glücklicher, mich zu sehen, als ich darüber war, ihm zu begegnen. Er verzog den Mund. »Ich sehe, dass du und deine Freunde wie viele eurer Klassenkameraden den letztmöglichen Moment abgewartet habt, um eure Hausaufgabe für Mythengeschichte zu erledigen.«

Morgan McDougall, Samson Sorensen, Savannah Warren, Talia Pizarro. Ich hatte schon mehrere Leute im Kolosseum entdeckt, die ich kannte. Sie waren alle – wie ich, Daphne und Carson auch – siebzehn, im zweiten Jahr auf Mythos und versuchten ebenfalls noch schnell den Museumsbesuch hinter sich zu bringen, bevor morgen wieder der Unterricht begann.

»Ich war beschäftigt«, murmelte ich.

Nickamedes schnaubte nur ungläubig. »Sicher.«

Ich wurde wütend. Ich war beschäftigt gewesen. Sehr beschäftigt, um genau zu sein. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich erfahren, dass die Schnitter nach dem Helheim-Dolch suchten, einem der Dreizehn Artefakte, die während des letzten Kampfes im Chaoskrieg eingesetzt worden waren. Die Dreizehn Artefakte besaßen eine Menge Macht, weil sie alle in dieser großen Schlacht Verwendung gefunden hatten. Aber so richtig wichtig – und das machte mir wirklich Angst – wurde der Dolch dadurch, dass man ihn dazu nutzen konnte, Loki aus seinem Gefängnis zu befreien.

Ich war entschlossen, den Dolch vor den Schnittern zu finden, also hatte ich während der Ferien alles über die Waffe gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Wer den Dolch vielleicht geschaffen hatte, wie er eventuell während des Chaoskrieges eingesetzt worden war, welche Kräfte er besitzen könnte. Aber all diese Bücher und Artikel hatten mir nicht verraten, was ich wirklich wissen wollte: wo meine Mom, Grace Frost, den Dolch versteckt hatte, bevor sie ermordet worden war – oder wie ich es schaffen sollte, ihm vor den Schnittern auf die Spur zu kommen.

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