Coverentwürfe für die ungeschriebenen Bücher
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Freitag, 02. Mai 2014 von


Coverentwürfe für die ungeschriebenen Bücher

Illustriert werden die einzelnen Texte mit Umschlägen, die diese nie realisierten Bücher hätten tragen können - entworfen von den Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.


Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger

Wer weiß, vielleicht wäre der Roman »Feuerwanzen« das bedeutendste Buch unserer Zeit geworden. Leider ist er nie geschrieben worden. Vielleicht vergilben ja die besten Geschichten in den Schubladen der Schriftsteller. Keiner kann es sagen. Sicher ist nur, dass längst nicht alles, was sich ein Dichter ausdenkt, auch das Licht der Welt erblickt. Wer dafür verantwortlich zu machen ist, auf welch kuriose Abwege literarische Werke geraten können, davon erzählen leidgeprüfte Autorinnen und Autoren in dieser einzigartigen »Bibliothek der ungeschriebenen Bücher«. In pointierten, knappen Beiträgen lesen wir darin von der rätselhaften Magie ungenutzter Titelformulierungen sowie der schamlosen Wiederverwertung verworfener Romanstoffe. Illustriert werden die einzelnen Texte mit Umschlägen, die diese nie realisierten Bücher hätten tragen können - entworfen von den Studenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.
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Verworfene Titel und ungeschriebene Bücher

Ein Vorwort

Titel sind eine Verlockung. In ihnen kündigt sich ein Textganzes an, das sich noch nicht zeigt, aber hinter dem Vorhang auf seinen Auftritt wartet: ein noch verborgenes Buch, eine noch zu entdeckende Phantasie. Titel öffnen Türen für noch nicht betretene Räume, aber nur einen Spaltbreit; sie sind das wortgewordene »noch nicht, aber gleich«. Jeder Leser hütet und sammelt Titel, die ihm eingeschrieben wurden; Buchtitel können Etiketten auf den Marmeladengläsern der Kindheit sein oder Wahlsprüche in wirren Zeiten, sie können wie der erste Ton einer Sinfonie daherkommen oder wie der schräge Auftakt eines Lieblingssongs. Da geht es den Autoren wie den Lesern. Und doch hat es mit den Titeln für die Schriftsteller eine besondere Bewandtnis, die niemand bisher so recht beachtet hat. Denn Titel scheinen einfach da zu sein, sie leuchten mit trügerischer Selbstverständlichkeit auf dem Cover, sie führen uns ins Buch, und damit scheint alles gesagt zu sein. Aber so ist es nicht. Denn hinter jedem gedruckten warten unzählige ungedruckte, verworfene Titel. In fast jeder Autorenlaufbahn gibt es heikle, dramatische, bizarre oder vergnügliche Titel-Verlustgeschichten, denen wir in diesem Buch auf den Grund gehen wollen. Nicht jeder Titel findet nämlich sein Buch, und nicht jedes Buch bekommt seinen Titel. Hinter Titeln tänzeln ungeschriebene Bücher, von denen wir Leser kaum zu träumen wagen.

Diese Sammlung macht in aller Bescheidenheit und mit einer Prise Größenwahn den ersten Schritt hin zur Würdigung dessen, was im Buch als Erstes kommt. 71 Schriftsteller der Gegenwart kommen hier zu Wort. Für unsere Bibliothek der ungeschriebenen Bücher haben sie uns Titel überlassen, die verworfen wurden: von den Autoren selbst – vor dem Schreiben, während oder am Ende des Schreibens – oder von den Verlagen. Über Gattungen, Sparten und Genres hinweg haben wir versucht, verworfene Titel und ihre dazugehörigen Geschichten zu bekommen. Angefragt haben wir über 200 Autoren – die Auswahl in diesem Band berücksichtigt alle eingegangenen Antworten. Die Reaktionen vieler Autoren auf unser Vorhaben waren emphatisch, das Thema schien geradezu im Raum zu stehen. Schriftsteller, zumindest diejenigen, die sich auf unser Projekt einließen, haben eine Beziehung zu ihren Titeln, die passioniert, obsessiv oder voller Reibung sein kann, aber eines niemals: leidenschaftslos. Denn: Wenn Autoren über ihre Titel nachdenken, ist das kein beiläufiges Detail. Es geht im Titel immer auch ums Ganze: um die Poetik, darum, wie der Text zum Leser sprechen soll. Titel sind eben nicht nur Garnitur oder Markenname, auch wenn viele Verlage mit ihnen oft so umgehen, als könnte man einen Text in beliebiges Geschenkpapier verpacken, je schmucker, luftiger und glänzender, desto besser.

In den Buchhandlungen sind die hier gesammelten Titel nie gelandet, entweder weil kein Text zu ihnen entstand oder weil das fertige Buch dann anders betitelt wurde. Dafür haben 71 junge Grafiker und Designer der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und des Fachbereichs für Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld den Titeln, die nie welche wurden, Umschläge geschenkt. Betreut wurden sie von Dr. Stephan Krass und Professor Urs Lehni sowie Andrew und Jeffrey Goldstein; künstlerisch eigenverantwortlich, aber in Rücksprache mit den Autoren haben sie Möglichkeiten entwickelt und eigene Bilder für die verborgenen Texte hinter den Titeln gefunden. Damit eröffnen sie Raum und geben den Titeln und ihren ungeschriebenen Büchern eine handfeste Erscheinungsform – wenn auch nur für den Augenblick dieser Anthologie. Der Piper Verlag hat sich dankenswerterweise auf unsere kühne Idee eingelassen, die Texte der Autoren und die fiktiven Umschläge in diesem Buch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Wir dürfen also nackte Titel betrachten, frisch geschlüpft oder lange im Verborgenen erwogen. Manche haben sich nie ausgeformt zum fertigen Text, wie etwa Gunther Geltingers Der Riss, der für einen umfangreichen, über sechs Jahre hinweg entstandenen fragmentarischen Textkörper steht, oder Thomas Lehrs Cortés landet oder Die Nacht der Herzesserin, der »auf die spezifische Weise verloren geht, in der Titel verloren gehen – man vergisst sie wie alte Schauspieler oder verwelkte Popstars, obgleich sie immer noch am Leben sind und man mit einigen von ihnen wirklich aufschlussreiche Gespräche führen kann«. Michael Krüger und Henning Ritter planen eine Anthologie der nicht erschienenen Bücher und deuten an, dass »die eigentliche Literatur nie das Licht der Welt erblickt« habe. Anderswo tauchen Titel nicht geschriebener Werke in Träumen auf und bedrängen den Autor (Jan Peter Bremer), oder sie werden dem fertigen Roman im Nachhinein wieder subtrahiert, weil die Welt »eines Tages, schleichend unbemerkt und doch plötzlich mit Händen zu greifen«, eine andere geworden ist (Matthias Politycki). Jedenfalls künden die Titel, so wie sie sich hier zeigen dürfen, immer von noch nicht auf den Markt hin gedachten, noch nicht von kommerziellen Vorgängen berührten Schreibvorhaben – es sind Titel frisch vom Schreibtisch, frei von buchhändlerischer Taktik.

So gewähren sie einen Blick in die Werkstatt, in die Konzeption, in die Gemütsverfassung und Poetik ihrer Erfinder. Viele Autoren in unserem Band entfalten Titel-Poetiken, so etwa Barbara Köhler mit ihrer Sammlung fiktiver Titel, in denen das Potenzial offengehaltener Sprache aufleuchtet, Thomas von Steinaecker mit seiner Poetik des Klappbuches oder Lutz Seiler, der der fruchtbaren Diskrepanz zwischen Titelverheißung und Textwirklichkeit hinterherdenkt.

Titel, so Adorno, seien der Mikrokosmos des Werkes selbst.1 Oft sind sie vor dem Werk da, stehen im Raum und verweisen auf einen Text, der überhaupt erst ersehnt wird, und sei es als leere Datei (Kathrin Passig). Manchmal tauchen aber auch rebellische Titel auf, »zu denen man sich lieber kein Buch vorstellen möchte« und die »niemals einen zugehörigen Text finden wollen« (Thomas Stangl). Titel sind Behauptungen, und wer ihrer Zumutung nachgehen will, muss ihnen ein Buch schreiben. Marcel Beyer und Marion Poschmann etwa skizzieren großartige ungeschriebene Romanszenarien, von denen man nur hoffen kann, dass sie sich eines Tages materialisieren.

Anderen Autoren wird der Titel zum geliebten Rufnamen für ihr Textkind, den sie nur unter größtem Widerstand aufgeben – sichert er doch die Realität des Textes ab: Ein Kind, das auf einen Namen hört, verschwindet so schnell nicht wieder von der Bildfläche, und man gibt sich alle Mühe, es gut zu versorgen. Thomas Lang verkündet sogar, er werde alle seine bisher erschienenen Bücher wieder mit ihren ursprünglichen Titeln benennen, sowieso nenne er den letzten Roman für sich schon längst »wieder bei seinem eigentlichen Namen. Nur wenn er den hört, hebt er den Kopf und spricht«. So kann ein »Arbeitstitel« weit mehr als nur Textverwaltung sein. Mit dem und über den Titel, der zum langjährigen Begleiter werden kann, arbeitet der Autor an seinem Material.

Zugleich sind Titel natürlich, und auch davon berichten unsere Autoren, die Schnittstelle zwischen Text und Außenwelt und die Eintrittskarte in den Literaturbetrieb.2 Über den Titel wird das Buch vermarktet, gegoogelt, bestellt, gelistet, rezensiert und diskutiert. Heutige Autoren wissen das nur allzu gut; Thomas Lehr beschreibt die »anerworbene, fürchterlich abgebrühte und mäkelnde Instanz, die man als professioneller Schreiber kaum mehr loswerden kann« und die sich zensorisch schon im Vorfeld allzu marktwidrigen Titeln (und nicht nur Titeln) in den Weg stellt. Sobald Autoren mit ihrem Werk an den Verlag herantreten, setzen sie sich einer hitzigen Debatte über die äußere Erscheinungsform ihres Buches aus, bei der es auf einmal nicht mehr um die ästhetische Angemessenheit, sondern um außerliterarische Erfolgsfaktoren geht. Zahlreiche Autoren in unserem Band beschreiben dezente bis heftige Auseinandersetzungen nicht nur mit Lektoren und Verlegern, sondern auch mit der bislang immer noch in ihrem Einfluss unterschätzten Berufsgruppe der Verlagsvertreter. Argumente von Verlagsseite gegen Titelentscheidungen sind erstaunlich vielfältig – sie reichen von der Sorge um die politische Brisanz (Annett Gröschner) bis hin zur Ablehnung bestimmter als anstößig empfundener Wörter. Verblüffend, dass mehrere Autoren mit den gleichen Titelworten auf Ablehnung stießen: »Feuerwanze« (Martin Gülich, Thomas Lang) und »Hunde« (Christoph Peters, Rolf Lappert). Indessen darf Tilman Rammstedt noch von einem Hundetitel träumen. Von seinem Romanprojekt Hüten fremder Hunde wissen Verlag und Lektor noch nichts.

Der Respekt vor der kaufsteuernden Wirkung von Titeln scheint auf Verlagsseite gigantisch zu sein. Adornos Hinweis, als verlegerische Tugend sei doch eigentlich die Fähigkeit zu definieren, »dem Text seinen Titel zu entlocken«,3 statt ihm einen griffigen Titel zu verpassen, wird offensichtlich allzu selten beherzigt. So gibt dieses Buch auch einen Einblick in die Mechanismen des Marktes. Viele Autoren haben trotzdem einen Weg gefunden, um ihren Titel in den Text zu schmuggeln, als Untertitel, Kapitelüberschrift oder sogar, gut versteckt wie bei Monika Rinck, in einer Gedichtzeile.

Dass auch der Titel dieses Projektes aus teils ähnlichen und teils ganz anderen Gründen verworfen wurde, entbehrt nicht einer eigenen Logik. Einer dieser Gründe lässt sich auf Seite 141 nachlesen.

Bei Titeln, gesteht selbst ein gestandener Strukturalist wie Gérard Genette, gerate man eben ins Träumen.4 Umso erstaunlicher, dass sich die zuständigen Textpfleger – Sprach- und Literaturwissenschaftler und Kritiker – ihrer noch nicht ausführlicher angenommen haben. Denn so, wie hier eine verborgene Literaturgeschichte der Gegenwart entstanden ist, könnte man auch die Literaturgeschichte als Geschichte der Titelfindung neu aufrollen – buchstäblich von Anfang an.

Im Barock fanden Schriftsteller für ihre Werke Titel von einer Länge und Eigenwilligkeit, um die sie der heutige Schreibende glattweg beneiden kann. Man beachte nur das hier abgebildete Titelblatt einer Robinson-Übersetzung aus dem Jahr 1724.

Neben der Formulierung des poetischen Vorhabens lieferten diese Titel gleich auch noch einen inhaltlichen Abriss und oft auch eine moralisch-didaktische Wertung. Denn neben Bücherzetteln und Bücherplakaten war das Titelblatt das einzige Werbemittel des Buches.5 Dagegen verwahrte sich spätestens Lessing: »Ein Titel muss kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalt verrät, desto besser ist er.«6 Je mehr wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr setzt sich der Trend zum verknappten Titel, zur Titel-Erosion7 durch – Ausnahmen bestätigen diese vom sich verändernden Markt diktierte Spielregel.

Um den französischen Literaturwissenschaftler Gérard Genette hat sich eine kleine, aber feine Forschungsrichtung entwickelt, die sich all der scheinbar marginalen, aber zugleich wesentlich mit dem erzählerischen Vorhaben verbundenen Textsorten annimmt: Klappentexte, Waschzettel, Ankündigungen und eben auch Titel.8 Titrologen wissen, wie tief Titel ihren Texten eingeschrieben sind, wie komplex die Titelfindung verläuft, wie wesentlich sie in den Schreibvorgang eingewoben ist.

Und eben davon erzählen die Autoren. In dieser Bibliothek der ungeschriebenen Bücher lässt sich vieles finden: Erkundungen des Möglichen in Wort und Bild, Einblicke in die Werkstatt der Autoren und hinter die Kulissen des Buchmarktes, Titel-Poetiken und Verlustmeldungen, Titrologie und Liebeserklärungen. Die Text-Mission hat damit eine ihrer Aufgaben erfüllt: vergessene und verworfene Texte aus der Babyklappe der Literaturgeschichte zu bergen und ihnen durch wärmende Bekleidung und Buchbehausung Schutz zukommen zu lassen. Es ist die längst ausstehende Würdigung eines glühend verehrten Paratextes.

Wir danken allen Beteiligten!

Freiburg, im Juli 2014

Die Text-Mission
(Annette Pehnt, Friedemann Holder & Michael Staiger)

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