Comassario Roberto Serra – ein Außenseiter, der sich in die Geschichte des Dorfes einmischt
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Mittwoch, 25. Juni 2014 von


Comassario Roberto Serra – ein Außenseiter, der sich in die Geschichte des Dorfes einmischt

In Case Rosse, einem verschlafenen 1.000-Seelen-Kaff im nördlichen Apennin, hat Roberto Serra das Sagen.
Er hat seinen Dienst bei einer Spezialeinheit in Rom quittiert und sich ins kleinste Kommissariat Italiens zurückgezogen, um vor seinen Erinnerungen zu fliehen. Der Commissario wird von den Einheimischen jedoch als Außenseiter behandelt.
Doch am Neujahrstag 1995 zwingt ein Dreifach-Mord Serra, sich in die Angelegenheiten der Dorfbewohner einzumischen: Die Familie Zanarini – Vater, Mutter und die neunjährige Tochter – wird durch Genickschüsse hingerichtet und auf dem Monte della Liberta abgelegt: Die drei »Toten im Schnee« und sein kriminalistischer Spürsinn führen Serra tief in die Geschichte von Case Rosse und zu jenem Tag, als SS-Einheiten 20 Bewohner des Dorfes hinrichteten. Ein Überlebender des Massakers gehört zu den Tatverdächtigen. Hat er aus Rache getötet?


Die Toten im Schnee

Kriminalroman

Case Rosse, ein Bergdorf im Apennin, ist Sitz des kleinsten Kommissariats Italiens. Hier hat Roberto Serra das Sagen; er ist aus Rom gekommen und wird von den Einheimischen als Außenseiter behandelt. Doch am Neujahrstag des Jahres 1995 zwingt ein Mordfall Roberto, sich in die Angelegenheiten der verschlossenen Bewohner des Ortes zu mischen: Auf einem Hügel vor dem Dorf liegen drei Leichen im Schnee. Wer sind diese Toten? Für den Kommissar beginnt eine Ermittlung, die ihn tief in die Geschichte von Case Rosse führt, den Ort, an dem er eigentlich Zuflucht vor seinen eigenen Dämonen suchte ...
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NEUJAHR 1995, SONNTAG

KEINE ZUFLUCHT IST SICHER GENUG

 

1

Das Telefon klingelt, kaum dass die Glocken des nahen Klosters von Braglie aufgehört haben, sieben Uhr zu läuten. Valerio Manzini ist schon auf den Beinen. Neujahr ist der einzige Morgen des Jahres, an dem er für Teresa und die Mädchen das Frühstück macht; die Bezeichnung Mädchen stimmt freilich nicht mehr ganz: Sie gehen in Bologna auf die Universität.

Er hebt ab. Hört ein Stöhnen, ein ersticktes Luft-holen.

» Wer … «, will er fragen, kommt aber gar nicht dazu.

Ein Mann schreit los: » Trì mòrt ! Trì mòrt ! « Drei
Tote !

Mehr sagt er nicht.

Manzini ist dreiundfünfzig Jahre alt, von denen er dreißig im Kommissariat von Case Rosse Dienst tat, einem winzigen Dörfchen am Hang des Apennins zwischen Modena und Bologna. Er erkennt jede der tausend Seelen des Dorfes an ihrer Stimme: Es ist Berto Guerzoni, ein alter Bauer, der auf einem Hof mitten im Wald lebt. Ein verschrobener Typ, der sich allein betrinkt und nicht wie alle anderen beim Kartenspiel in der Wirtschaft. Die drei Toten könnten auch gespenstische Ausgeburten des Alkohols sein, die ihn in der vergangenen Nacht heimgesucht haben.

» Beruhige dich, Berto … «, versucht er ihn zur Vernunft zu bringen.

Der andere hört nicht zu, die Angst hat ihn fest im Griff.

» Drei Tote am Prà grand ! Es ist auch ein Kind dabei, ’na cìna. «

Diese Worte ändern Manzinis Stimmung schlagartig. Ohne sich etwas überzuziehen, stürzt er aus dem Einfamilienhaus am Hang des Monte San Giacomo und reißt dabei fast den Weihnachtsbaum um. Für ihn und seine Familie würde es heute kein gemütliches Neujahrsfrühstück geben. Wenn Guerzoni recht haben sollte, dann würde es für irgendjemanden überhaupt kein neues Jahr mehr geben.

Drei Tote am Prà grand. Darunter ein Kind. Una cìna – ein kleines Mädchen.

 

2

Die gewundene Straße verschwindet im Nebel. Manchmal erscheint ein Stückchen der Seitenlinie, um gleich wieder zu verschwinden, und strukturiert die unendlich scheinende Fahrt nach oben. Die Mittellinie ist eine Vorstellung in der Phantasie, die auf dem vereisten, glatten Asphalt niemals real wird.

Der Wagen der Polizei klettert mühsam bergauf, immer einen Gang niedriger, als der Motor es gerne hätte. In jeder Kurve gerät der Fiat Campagnola ins Rutschen und droht die Fahrbahn zu verlassen. Die mächtigen Stämme der Kastanien stehen am Straßenrand bereit, jeden Fehler zu bestrafen.

Roberto Serra, stellvertretender Kommissar, kann sich nicht konzentrieren. Immer wieder geht ihm Manzinis tonlose Stimme durch den Kopf, während er -versucht, sich vorzustellen, was ihn am Monte della -Libertà erwartet.

Hinter einer Spitzkehre taucht plötzlich eine rote Ente aus dem Nebel auf, laut hupend, in großer Eile. Im nächsten Augenblick drängt sie ihn schon an den Straßenrand, lässt ihm kaum Zeit abzubremsen, sodass er den Motor abwürgt.

Während ihm das Herz bis zum Halse schlägt, startet er das Auto wieder. Nach den letzten quälenden Kilometern bergauf erscheint endlich wieder der tief hängende, undurchdringlich weiße Himmel, der die Welt seit Beginn dieses eisigen und schneelosen Winters bedeckt.

Er stellt den Wagen vor der halbkreisförmigen Wiese am Gipfel des Hügels ab, den die Einheimischen aus Case Rosse Prà grand nennen, große Weide, auch wenn der Ort auf den Karten Monte della Libertà, Berg der Freiheit, heißt. Er nimmt sich nicht einmal die Zeit, den Mantel über die Uniform zu ziehen. Er setzt sich die Mütze auf, macht sich auf den Weg und zählt die Sekunden rückwärts, die ihn noch vom Horror trennen. Seine Nasenlöcher prickeln in der eisigen Luft. Und von einem Geruch, der nicht zu dem Wintermorgen gehört.

Autoabgase.

Das reifüberdeckte Gras knistert unter seinen Füßen. Etwa fünfzig Meter entfernt stehen Menschen, unwirkliche Gestalten, die aus dem tief hängenden Nebel ragen. Unbeweglich, als könnten sie den Blick nicht von der Gedenkmauer lösen, mitten auf der Wiese, umarmt von den Ästen einer alten Eiche.

Roberto mustert die Autos, mit denen sie gekommen sind. Niemand war so umsichtig gewesen, seinen Wagen in vernünftiger Entfernung abzustellen, nicht einmal Manzini. Am Rand des Kastanienwalds steht sogar ein kleiner Traktor, ein orangefarbener Landini.

Der Kollege löst sich aus dem Grüppchen. Er trägt Cordhosen, einen grauen Pullover und das Barett und sieht so bleich aus, als wäre er über Nacht erfroren. In den zweifarbigen Augen, blau das rechte und braun das linke, ist überhaupt kein Gefühl zu sehen. Es scheint, als habe er sich an irgendeinen weit entfernten Ort geflüchtet.

» Komm. « Mehr sagt er nicht.

Die kleine Gruppe öffnet sich feierlich. Niemand sagt etwas. Roberto schluckt ein paarmal, während die Bilder, die seine Albträume füllen, sich in seinem Kopf verfestigen.

In ein Leichentuch aus weißem Nebel gehüllt, liegen drei Tote neben dem grauen Sockel des Denkmals. Ein Mann, eine Frau und ein Mädchen, wie man es ihm gesagt hatte. Niemand hatte ihn jedoch darauf vorbereitet, dass man ihnen zusammen mit dem Leben auch noch die Hälfte der Gesichter genommen hat, sodass nur ein Loch aus Fleisch und Knochen übrig war. Das Mädchen hat nur noch ein Auge, ein kastanienbrauner Edelstein, der respektlos in den weißen Himmel
starrt.

Feuerwaffe. Ziemlich kraftvoll. Aus unmittelbarer Nähe. Er hat die in der römischen Spezialeinheit Gewaltverbrechen entwickelten Automatismen nicht abgelegt. Die Gesichter der entstellten Leichen legen sich über die vielen anderen, die er in jenem Leben gesehen hat, das er so gern hinter sich lassen möchte.

Darauf war ich nicht vorbereitet, es schmerzt zu sehr. Questore Augusto Bernini, Befehlshaber der Spezialeinheit, behauptete, die einzige Möglichkeit, seine geistige Gesundheit zu bewahren, bestünde darin, die Leichen als Lumpensäcke anzusehen, als bloße Gegenstände. Roberto war das nie gelungen. Er war sicher, dass die -Opfer nicht in Frieden ruhen konnten, solange die Mörder sich noch auf freiem Fuß befanden.

Er konzentriert sich auf die kleine Hand, zur Faust geballt, als wollte sie etwas Wichtiges umklammern. Vielleicht das Leben selbst, das ihr jemand entriss.
Du ruhst jetzt bestimmt nicht in Frieden, aber ich werde es nicht sein, der sich mit dir beschäftigt. Ich würde es nicht aus-halten.

Er ist wütend. Und hat Angst, dass alles, vor dem er geflohen ist, erneut über ihn hereinbricht. Er konzentriert sich auf die Lebenden. Die Neugierigen. Die hier nicht hergehören und jetzt stumm und erschüttert dastehen. In diesem Moment bemerkt er, dass er seine Dienstwaffe nicht dabeihat. Immer dieselben Fehler.

Er erkennt den stattlichen Alver Govoni, den Wirt des Dorfes. Ungeachtet der Kälte trägt er ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln. An seinen Arm klammert sich seine Mutter Argìa, gebeugt, als drückten die Jahre und der Wollschal um ihre Schultern sie nieder. Links von den beiden ein Mann mit Schnurrbart, der sich auf einen Stock stützt: Luigi Raimondi, der Bürgermeister von Case Rosse. Etwas abseits ein Mann in den Siebzigern, untersetzt, mit rotem Gesicht. In den Händen knetet er eine Art dunkle Baskenmütze.

» Berto Guerzoni «, murmelt Manzini, der an Robertos Seite geblieben ist. » Wohnt hier in der Nähe. Er war’s, der mich angerufen hat. Ich hab ja noch gehofft, er wäre bloß betrunken. Aber … «

Er ist der Einzige, der nicht auf die Leichen starrt. Dann, laut: » Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Geht nach Hause. «

Guerzoni stößt einen Laut aus, irgendetwas zwischen Stöhnen und hysterischem Lachen, der den Bann löst, der die Wiese, die Gedenkmauer, die Eiche, die Menschen eingefroren zu haben schien.

Alle gehen zu den viel zu nah geparkten Autos. Langsam, ohne Protest, kaum einen leise gemurmelten Gruß auf den Lippen. Die einzigen Worte, seit Roberto gekommen ist. Sie sehen aus, als wären sie von einer schweren Aufgabe entbunden worden. Als wäre es irgendwie ihre Pflicht gewesen, herzukommen.

Alver hilft seiner Mutter in einen alten militärgrünen Range Rover, der Bürgermeister wirft den Stock auf den Beifahrersitz eines schwarzen Ford Fiesta, der alle Bedienelemente am Lenkrad hat. Auch Berto Guerzoni macht Anstalten, zu seinem Traktor zu gehen.

» Sie bleiben hier «, hält ihn Roberto auf.

 

3

Bevor er sich mit dem Bauern beschäftigt, beugt -Roberto sich vor. Das Gras hinter dem Vorhang aus Nebel ist von Reifen und Schuhen plattgedrückt. Spuren, übereinander, unbrauchbar.

Leise sagt er vor sich hin: » Die Zahl der verwertbaren Spuren ist umgekehrt proportional zur Anzahl der Personen, die nach der Tat den Tatort durchqueren. « Noch so was, was Bernini immer gesagt hat.

Manzini hört es. Er nimmt das Barett ab, zieht einen Hornkamm aus der Hosentasche und führt ihn durch sein weißes, gewelltes Haar. Die verschiedensten Gefühle blitzen in seiner Miene auf. Nervosität, Beschämung.

» Ich bin sofort losgerannt, als Berto mich angerufen hat «, murmelt er mit gesenktem Blick. » Das ist das erste Mal, dass ich in dreißig Jahren bei der Polizei mit so was zu tun hab. «

Für mich nicht, leider, denkt Roberto. Er zwingt sich, wie eine Maschine zu sein, kalt und effizient. Er will nur raus aus diesem Albtraum.

» Hast du einen Arzt gerufen ? «, fragt er.

» Nützt doch nichts. Hast du nicht gesehen, wie sie zugerichtet sind ? «

» Es gibt Abläufe, die eingehalten werden müssen. Benachrichtige den Notarzt für die erste Aufnahme, dann die Questura und die Kriminaltechnik. «

Manzini, einen Kopf größer als Roberto, klemmt sich in den Sitz seines Fiat Marea, der absurd nah an den Leichen geparkt ist. Er wird aus dem Auto heraus anrufen. Die Rettungswache und die anderen öffentlichen Einrichtungen von Case Rosse verfügen über Funk; selbst in gewöhnlichen Wintern können die Schneefälle die Telefonverbindungen wochenlang lahmlegen.

 

4

Alice Capelveneri steht in Jeans und Büstenhalter vor

 dem Spiegel in der Umkleide der Rettungswache. Ihre Schicht als Notarzt in Case Rosse ist zu Ende.

Sie schneidet ihrem Spiegelbild eine Grimasse. Sie gefällt sich nicht. Die Haut ist zu hell, überall sind Sommersprossen verstreut. Ganz zu schweigen von der Unmenge roter Locken und der schiefen Nase.

Sie ist aufgeregt. Ein Teil von ihr ist sich sicher: Wenn sie schon bis hierher gekommen ist, wenn sie schon diese ungeheuerliche Dummheit begangen hat, sich in dieses verlorene Örtchen schicken zu lassen, dann sollte sie es jetzt auch zu Ende bringen. Doch eine lästige innere Stimme sagt ihr, dass es keinen Sinn hat, dass es besser wäre, wieder nach Bologna zurückzufahren, eine schöne heiße Schokolade zu trinken und alle sonderbaren Ideen beiseitezuschieben. Menschen ändern sich nicht. Es gibt Wunden, die nicht verheilen.

So bleibt sie unbeweglich stehen und sieht sich weiter im Spiegel an, um die Entscheidung noch ein wenig hinauszuzögern.

» Signorina, entschuldigen Sie … «, sagt eine Stimme mit eindeutig sizilianischem Akzent.

Sie fährt herum. Durch eine Tür, von der sie sicher war, dass sie sie geschlossen hatte, schaut ein alter Mann in der schreiend rot-orangefarbenen Uniform der Freiwilligen. Seine Augen, unter den dichten Brauen kaum zu sehen, sind fest auf Alices Brüste gerichtet.

Sie bedeckt sich nicht. Im Gegenteil, sie stemmt herausfordernd die Hände in die Hüften. » Klopft man nicht eigentlich an ? «

Der Mann ist ziemlich kräftig, trotz seiner siebzig Jahre. Der kahle Schädel ist umgeben von einem Kranz weißer Haare, die so lang sind, dass sie ihm bis auf die Schultern reichen. Vielleicht wegen dieser seltsamen Haartracht, vielleicht aber auch, weil er für jede Situation das passende Sprichwort parat hat, nennt man ihn hier auch » den Philosophen «, wie sie gehört hat.

» Entschuldigen Sie, Signorina, ich … «

Die ganze Nacht schon haben die Freiwilligen sie so genannt. Als müssten in ihrer Vorstellung alle Ärzte aussehen wie Fosco Cherubini, der Amtsarzt von Case Rosse. Alt, unscheinbares Äußeres. Und männlich.

» Meine Güte, nennen Sie mich Dottore, wenn’s Ihnen nichts ausmacht «, fährt sie ihn an. » Das bin ich schließlich. «

Die Augen des Mannes werden zu dunklen Teichen. » Das beste Wort ist immer noch das, welches man nicht ausspricht, Signorina Dottoressa. Sie können mich aber gern beim Namen nennen. Ich wiederhol ihn Ihnen noch mal: Ich heiße Salvatore. «

» Was willst du, Salvatore ? «

Er holt Luft und reißt seinen Blick los, um ahnen zu lassen, dass er mit schlechten Nachrichten gekommen ist. » Wir müssen los. Es hat eine Tragödie gegeben. «

Innerhalb von Sekunden hat sie einen schlichten weißen Pullover übergezogen und eine Windjacke in derselben Farbe. » Komm «, fordert sie ihn auf, während sie an ihm vorbeirauscht. » Du erklärst es mir, während wir zum Rettungswagen gehen. «

Das Schicksal hat für sie entschieden.

 

5

Guerzoni hat nicht einen Augenblick aufgehört, die Baskenmütze zu misshandeln. Er hebt den Blick erst, als Roberto neben ihm steht. Es scheint im schwerzufallen, ihn direkt anzusehen. Dann gibt er plötzlich einen weiteren schrillen Laut von sich und bricht in einen unzusammenhängenden Redeschwall aus: » Ich weiß nichts, comisàri ! Ich schwör’s Ihnen. Ich hab nur ein bisschen Holz gesammelt. Wo’s doch immer so kalt ist in meinem Haus. Wer soll das ertragen ? Ich nicht ! Povera cìna, povera cìna, das arme Mädchen. «

Roberto hat gelernt, sich nicht mehr über den Mischdialekt dieser Gegend aufzuregen, der weder Modena noch Bologna ist, weder Ebene noch Berge. Die herzzerreißende, nicht verlangte Rechtfertigung erregt seine Aufmerksamkeit.

» Vielleicht haben Sie etwas gesehen. Oder jemanden. «

» Niemanden, comisàri ! Gnìnta e gnisùn, nichts und niemanden. Ich schwör’s Ihnen bei meinem Leben ! Als ich diese Ärmsten hier gefunden hab, hab ich sofort im Haus des Polizisten angerufen ! « Sein Atem riecht sauer und ranzig. Das Netz der Äderchen in seinem Gesicht zeugt vom regelmäßigen Genuss der herben Weine der Emilia. Der Geruch seiner Kleidung verrät, dass er sie zum Wärmen trägt. Sein Blick sucht Manzini, der sich gerade zu ihnen umdreht.

Es ist kein Zufall, dass er nicht auf dem Kommissariat
angerufen hat. Für die Leute aus dem Dorf ist Manzini der Poli-zist. Einer von uns, un di nòster, wie sie hier sagen. Nach vier Jahren bin ich immer noch einer von außerhalb, un ed fora, ein Fremder. » Also, dann nehmen Sie Ihren Wagen und folgen Sie dem Agente. «

Der Bauer macht einen Satz nach hinten, als wäre er beinahe mit dem Fuß in ein Fangeisen getreten. Auch sein Blick ist der eines Tieres, das in eine Falle geraten ist.

» Ich weiß nichts, comisàri. Ich hab’s Ihnen doch gesagt. «

Roberto glaubt das Gegenteil. Dieser Mann verbirgt etwas. » So ist das üblich, Guerzoni. Sie haben die Leichen gefunden. Ihre Aussage ist von grundlegender Bedeutung. Nehmen Sie Ihren Wagen. «

Es fehlt nicht viel, und der Bauer bricht in Tränen aus. » Ich hab doch keinen, comisàri. Ich hab doch nicht mal den Führerschein. Nur den Trecker. « Er zeigt mit der Mütze zu dem alten Landini.

» Und den fahren Sie ohne Führerschein ? «

Guerzoni macht den Mund auf, gibt ein Stöhnen von sich und schließt ihn wieder. Manzini eilt ihm zu Hilfe.

» Komm, Berto. Ich fahr dich zum Kommissariat. Steig bei mir ein. «

Der andere fügt sich. Er setzt die verknautschte Baskenmütze auf den gelblichen Haarschopf und geht zu dem Fiat Marea hinüber.

Manzini murmelt: » Er hat keinen Führerschein, weil er ein bisschen zu viel trinkt, aber er braucht den Traktor, um seine Felder zu bewirtschaften. Im Dorf wissen das alle. «

Roberto breitet die Arme aus. Ende der Diskussion. » Nur ich weiß es nicht, weil ich einer von außerhalb bin. «

» Das hab ich nicht gesagt. «

» Ich hab das gesagt. Und das ist auch der Grund, weshalb ich möchte, dass du diesen Typen verhörst. Mir gegenüber würde er den Mund sowieso nicht aufkriegen. «

» Macht es dir nichts aus, hier zu bleiben, mit … -ihnen ? « Er zeigt auf die Leichen.

» Was sollen die mir denn noch tun ? Es sind die Lebenden, vor denen man sich fürchten muss. «

Manzini senkt den Kopf und flüstert: » Bondi war auch hier. Er ist schon wieder weg gewesen, bevor du gekommen bist. « Er tut sich schwer mit dem letzten Satz: » Er hat einen Menge Fotos geschossen. «

Roberto verdreht die Augen. Mattia Bondi ist ein Journalist, der nicht zögern würde, die Bilder der
gemarterten Toten auf der Titelseite der Gazzetta di -Modena zu bringen. Er war’s also in der Ente, die mich beinahe von der Straße gedrängt hat.

 

6

Schon während er den Marea hinter der ersten Kurve verschwinden sieht, sehnt Roberto das Kommen des Arztes und der Leute von der Kriminaltechnik herbei. Unabhängig davon, was er gerade gesagt hat, weiß
er nur allzu gut, dass auch die Toten etwas mit einem -machen können. Und wie.

Nervös geht er auf und ab. Wo er auch steht, fühlt er das tote Auge des Mädchens auf sich ruhen. Er kann ihm nicht entgehen. Dieser lichtlose Blick verschlingt ihn. Lässt ihn nicht los.

Als er merkt, was passiert, ist es zu spät. Ein Geruch hat sich ausgebreitet, der nur in seinem Geist existiert. Blumen. Verrottete Blumen. Vor den Leichen und vor dem Denkmal stehend, einer unförmigen Gedenk-tafel aus grauem Stein, murmelt er ein flehentliches: » Nein. «

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