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Zu zweit tut das Herz nur halb so wehZu zweit tut das Herz nur halb so weh

Zu zweit tut das Herz nur halb so weh

Roman

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Zu zweit tut das Herz nur halb so weh — Inhalt

Zwei gegen den Rest der Welt.

Kentucky, Ende der 1930er: Isabelle will dem engen Korsett ihrer Familie entfliehen. Ausgerechnet der farbige Sohn der Hausangestellten eröffnet ihr eine neue Welt. Eine Welt allerdings, die sie nicht betreten darf. Doch Isabelle ist entschlossen, ihre verbotene Liebe zu leben, gegen alle Konventionen – und gegen den erbitterten Widerstand ihrer Familie...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzer: Sonja Hauser
320 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30238-8
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzer: Sonja Hauser
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95829-5

Leseprobe zu »Zu zweit tut das Herz nur halb so weh«

Für meine Großmutter und für alles,
was hätte sein können.

 

But all lost things are in the angels’ keeping,
Love;
No past is dead for us, but only sleeping,
Love;
The years of Heaven with all earth’s little pain
Make Good,
Together there we can begin again
In babyhood.

 

Alles Verlorne liegt in der Engel Hände,
Liebe;
Vergangenheit ruht nur für uns, sie hat kein Ende,
Liebe;
Jahre des Himmels machen kleinen Schmerz der Erde
wett,
Zusammen schaffen wir dort ein neues Werde
in der Kinder Bett.

 

Helen Hunt Jackson, At Last (Auszug)


EINS


MISS ISABELLE, [...]

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Für meine Großmutter und für alles,
was hätte sein können.

 

But all lost things are in the angels’ keeping,
Love;
No past is dead for us, but only sleeping,
Love;
The years of Heaven with all earth’s little pain
Make Good,
Together there we can begin again
In babyhood.

 

Alles Verlorne liegt in der Engel Hände,
Liebe;
Vergangenheit ruht nur für uns, sie hat kein Ende,
Liebe;
Jahre des Himmels machen kleinen Schmerz der Erde
wett,
Zusammen schaffen wir dort ein neues Werde
in der Kinder Bett.

 

Helen Hunt Jackson, At Last (Auszug)


EINS


MISS ISABELLE, GEGENWART

 

Als Dorrie und ich uns vor ungefähr zehn Jahren kennenlernten, war ich nicht gerade freundlich zu ihr. Als alter Mensch wird man ziemlich direkt, weil einem vieles gleichgültig ist. Dorrie dachte, ihre Hautfarbe sei schuld. Falsch gedacht. Ich war ungehalten, weil meine Friseurin – heutzutage nennen sie sich Stylistinnen, was in meinen Ohren viel zu überheblich klingt – gekündigt hatte, ohne mir ein Wort zu sagen. »Aber Dorrie könnte Sie gleich drannehmen«, teilte man mir im Salon mit.
Dorrie war meines Wissens die einzige Afroamerikanerin in dem Salon. Womit ich kein Problem hatte. Aber ich hasse Veränderungen. Und Menschen, die nicht wissen, wie ich meine Haare möchte. Menschen, die mir die Haube im Nacken zu eng binden. Menschen, die ohne Vorwarnung verschwinden.
Ich brauchte eine Weile, um mich mit der neuen Situation anzufreunden. Ich bin ein Gewohnheitstier; im Alter verstärkt sich das noch. Mit meinen inzwischen neunzig Jahren könnte ich Dorries Urgroßmutter sein. Sie ahnt vermutlich nicht, dass sie für mich fast zu der Tochter geworden ist, die ich nie hatte. Ziemlich lang habe ich sie von Salon zu Salon begleitet, bis sie endlich ihren eigenen hatte. Inzwischen kommt sie zu mir nach Hause – wie eine Tochter es tun würde.
Anfangs redeten wir noch übers Wetter, die Nachrichten und Fernsehsendungen, während sie mir die Haare wusch und frisierte. Wenn man Woche um Woche, Jahr um Jahr eine Stunde oder länger mit derselben Person zusammen ist, werden die Gespräche zwangsläufig intensiver. Irgendwann fing Dorrie an, von ihren Kindern zu erzählen, von ihrem verrückten Exmann, von ihrem Traum, eines Tages ihren eigenen Salon zu eröffnen, und später von der vielen Arbeit, die das mit sich brachte. Ich kann gut zuhören.
Aber einige Male bat sie auch mich, von mir etwas zu erzählen. Als sie zum Beispiel das erste Mal zu mir nach Hause kam, wollte sie etwas über die Menschen auf den Fotos und die Erinnerungsstücke, die bei mir herumstehen, erfahren. Und über diesen Teil meines Lebens fiel es mir nicht schwer zu sprechen.
Schon merkwürdig, wie man manchmal – gegen alle Erwartungen und an den ungewöhnlichsten Orten – einen Freund findet. Oft genug muss man nach der ersten Begegnung mit einem Menschen feststellen, dass man eigentlich keine Gemeinsamkeiten hat. Oder man glaubt, dass sich nie mehr als eine Bekanntschaft entwickeln wird, weil man so unterschiedlich ist. Aber dann geht die Sache länger als erwartet weiter, und die Beziehung vertieft sich, bis man diese Person besser kennt als viele andere. Man hat einen echten Freund gewonnen.
So ist es bei Dorrie und mir. Wer hätte gedacht, dass wir nach zehn Jahren noch miteinander zu tun hätten? Dass wir nicht nur über Fernsehsendungen reden, sondern sie uns sogar miteinander anschauen würden? Dass ihr immer ein Grund einfallen würde, bei mir vorbeizukommen und mich zu fragen, ob sie etwas für mich erledigen soll – brauche ich Milch oder Eier? Muss ich zur Bank? Oder dass ich beim Einkaufen ihre Lieblingslimonade für sie mitnehmen würde?
Vor ein paar Jahren wurde sie plötzlich verlegen, als sie mir eine Frage stellen wollte.
»Was ist?«, sagte ich. »Hat’s dir die Sprache verschlagen? Das wär ja mal was Neues.«
»Ach, Miss Isabelle, das interessiert Sie sicher nicht.«
»Wenn du meinst.« Ich neige nicht dazu, andere Leute zu drängen, wenn sie mir etwas nicht verraten wollen.
»Na ja, wenn Sie darauf bestehen …« Sie grinste. »Stevie hat am Donnerstagabend ein Konzert. Er spielt ein Trompetensolo. Sie wissen doch, dass er Trompete spielt, oder?«
»Wie hätte mir das entgehen können, Dorrie? Davon erzählst du seit drei Jahren, seitdem er angefangen hat.«
»Ja, Miss Isabelle. Ich bin einfach schrecklich stolz auf meine Kinder. Hätten Sie Lust mitzukommen?«
Ich schwieg. Nicht, weil ich überlegen musste, sondern weil ich erstaunt war. Anscheinend zu lange.
»Schon okay, Miss Isabelle. Sie müssen sich nicht verpflichtet fühlen. Ich bin deswegen nicht eingeschnappt …«
»Nein, nein! Sehr gern. Ich wüsste nichts, was ich am Donnerstag lieber tun würde.«
Sie lachte. Ich ging sowieso nie weg, und am Donnerstagabend kamen im Fernsehen nur langweilige Sendungen.
Seitdem hat sie mich immer mal wieder zu besonderen Terminen ihrer Kinder mitgenommen. Ihr Vater vergisst ja meistens, dort zu erscheinen. Normalerweise ist auch Dorries Mutter dabei, und wir unterhalten uns nett, aber sie mustert mich stets neugierig, als könnte sie nicht verstehen, wieso Dorrie und ich befreundet sind.
Und tatsächlich gibt es noch so vieles, was Dorrie nicht weiß. Dinge, die niemand ahnt. Wenn ich überhaupt jemandem davon erzählen würde, dann Dorrie. Ich glaube, es wird allmählich Zeit dafür. Sie würde sich über mich und die Ereignisse kein Urteil erlauben.
Deshalb bitte ich sie jetzt, mich von Texas nach Cincinnati zu chauffieren, durchs halbe Land. Ich gebe ungern zu, dass ich das nicht allein schaffe, obwohl ich das meiste in meinem Leben allein bewerkstelligt habe.
Aber das? Nein; das schaffe ich nicht allein. Und ich will es auch nicht. Ich brauche meine Tochter; ich brauche Dorrie.


ZWEI


DORRIE, GEGENWART

 

Bei unserer ersten Begegnung war Miss Isabelle ganz schön mürrisch, aber nicht wegen meiner Hautfarbe. Auf den Gedanken wäre ich gar nicht gekommen. Immerhin mache ich den Job schon eine ganze Weile, und das kann ich an den Gesichtern meiner Kundinnen ablesen. Es war auf den ersten Blick klar, dass Miss Isabelle andere Sorgen als meine Hautfarbe hatte. So gut sie für eine Achtzigjährige auch aussah: Hinter ihrer hübschen Aufmachung lauerte ein dunkles Geheimnis, das dafür sorgte, dass sie nicht gerade eine sanfte Frau war. Ich fragte sie nicht danach, weil ich in meinem Metier gelernt habe, dass Menschen schon reden, wenn sie so weit sind. Im Lauf der Jahre wurde sie viel mehr als eine Kundin. Laut hätte ich das natürlich nicht gesagt, aber sie war für mich eher eine Mutter als meine leibliche.
Dennoch überraschte mich Miss Isabelles Bitte. Natürlich hatte ich ihr hin und wieder geholfen, Sachen für sie besorgt, sie zu Terminen gefahren oder kleine Reparaturen an ihrem Haus ausgeführt. Ich habe nie Geld dafür angenommen, denn ich erledigte diese Dinge gerne für sie.
Aber das? Das war etwas anderes. Sie hatte mir kein Geld dafür angeboten. Ohne Zweifel würde sie mich bezahlen, wenn ich sie danach fragen würde, aber ich hatte das Gefühl, dies sei nicht einfach nur ein Job – sie von Arlington nach Cincinnati zu chauffieren. Nein, sie wollte mich unbedingt dabeihaben, mich, das war mir klar.
Als sie mit ihrer Bitte herausrückte, legte ich meine Hände auf ihre Schultern. »Miss Isabelle, ich weiß nicht recht. Sind Sie sich sicher? Warum ausgerechnet ich?« Fünf Jahre zuvor war sie schlimm gestürzt, der Arzt hatte ihr das Fahren verboten, also mache ich ihr seitdem die Haare bei ihr zu Hause – ich hab sie nicht im Stich gelassen, bloß weil sie nicht mehr zu mir kommen kann. Außerdem fühle ich mich ihr verbunden.
Sie musterte mich in dem Spiegel über ihrer altmodischen Kommode, jeden Montagmorgen die Behelfsfrisierstation. Und in ihre silberblauen Augen traten Tränen, etwas, das ich in all den Jahren noch nie bei ihr erlebt habe. Ich war unschlüssig, ob ich meine Hände wegziehen oder ihre Schultern fester drücken sollte. Schließlich war sie sonst immer so stark.
Mit feuchten Augen langte sie nach dem winzigen Silberfingerhut auf der Frisierkommode. Er stand dort immer, aber ich hatte das Ding nie für wichtig gehalten, war ja bloß ein Fingerhut. »So sicher wie noch nie.« Sie umklammerte den Fingerhut fest, und in diesem Moment verstand ich, dass dieses Ding, sei es auch noch so winzig, eine Geschichte erzählte. »Und jetzt mach mir die Haare, Dorrie, damit wir alles Weitere besprechen können.«
Jeder andere hätte sie als herrisch empfunden, aber ich wusste, sie meinte es nicht so. Stattdessen gab mir das die Gelegenheit, meine Hände von ihren Schultern zu nehmen.
Als ich später im Laden meinen Terminkalender durchblätterte, entdeckte ich eine Menge Lücken. Es war gerade eine ruhige Zeit: keine schicken Frisuren für die Ferien, den Schülerball oder Familientreffen; die kamen erst in ein oder zwei Monaten. Nur Alltagsgeschäft. Männer zum Stutzen oder Färben des Schnurrbarts, Frauen zum Nachschneiden des Ponys – das mache ich gratis, damit sie nicht selbst daran herumschnipseln –, ein hübscher Bubikopf für die Mädchen zu Ostern.
Die Männer konnte ich vertrösten, denn die waren froh, wenn sie Fremden nicht erklären mussten, wie sie die Haare geschnitten haben wollen. Und die wenigen Kunden mit Termin konnte ich telefonisch bitten, gleich am Nachmittag zu kommen. Das ist das Schöne an einem eigenen Laden – ich mache die Regeln. Und noch besser: Niemand kann mich anbrüllen oder feuern, wenn ich mir freinehme.
Momma würde sich um die Kinder kümmern, solange ich mit Miss Isabelle unterwegs war. Das war sie mir schuldig, schließlich sorgte ich dafür, dass sie ein Dach über dem Kopf hatte. Stevie junior und BiBi waren aus dem Gröbsten raus. Sie musste sie eigentlich nur noch pünktlich aus dem Haus scheuchen und im Notfall die Feuerwehr rufen oder den Klempner holen. Was der Himmel verhüten möge.
Mir fielen keine Ausreden ein. Und ehrlich gesagt konnte ich eine Auszeit zum Nachdenken gebrauchen.
Außerdem schien Miss Isabelle mich wirklich zu brauchen.
Also griff ich zum Telefon.
Drei Stunden später waren alle geschäftlichen Termine geregelt, und Momma würde tatsächlich auf die Kinder aufpassen. Die Sache mit Teague war noch so neu – so unsicher, dass ich sie Miss Isabelle gegenüber noch gar nicht erwähnt hatte. Ich wollte sie mir ja selbst fast nicht eingestehen. Wie kam ich auf die Idee, wieder einem Mann eine Chance zu geben? Hatte ich den Verstand verloren?
Das Klingeln des Festnetzapparats riss mich aus meinen Gedanken.
»Dorrie? Packst du schon?«, bellte Miss Isabelle mir ins Ohr. Fast hätte ich den Hörer vor Schreck fallen lassen. Wieso brüllen alte Leute eigentlich immer ins Telefon, als wäre ihr Gegenüber taub?
»Was ist los, Miss Izzy-belle?« Manchmal ritt mich der Teufel, und ich spielte mit ihrem Namen. Das machte ich bei jedem, zumindest bei denjenigen, die ich mochte.
»Dorrie, hör auf damit.« Sie atmete schwer, als würde sie gerade versuchen, ihren Koffer zu schließen.
»Ich glaube, ich kann mir die Zeit freinehmen«, sagte ich. »Aber ich packe noch nicht. Sie müssten doch wissen, dass ich nicht zu Hause bin, immerhin haben Sie mich im Laden angerufen.« Sie rief mich immer über das Festnetz an, wenn sie meinte, ich wäre im Salon, obwohl ich ihr Hunderte Male gesagt hatte, dass sie ruhig die Handynummer wählen könnte.
»Wir haben nicht viel Zeit, Dorrie.«
»Okay. Wie weit ist es überhaupt von hier nach Cincinnati? Und verraten Sie mir, was ich mitnehmen soll.«
»Mehr als sechzehnhundert Kilometer. Zwei Tage Fahrt hin und zurück. Ich hoffe, das schreckt dich nicht ab. Ich hasse Flugzeuge.«
»Nein, nein, ist schon in Ordnung. Ich bin noch nie geflogen, Miss Isabelle.« Und hatte auch nicht vor, das in absehbarer Zeit zu ändern, obwohl der Flughafen Dallas-Fort Worth nicht weit entfernt lag.
»Alltagskleidung. Nur für einen Anlass brauchst du was Besseres. Besitzt du überhaupt ein Kleid?«
Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Sie glauben, mich zu kennen, was?«
Ich konnte mich nicht erinnern, ob sie mich je in etwas anderem gesehen hatte als in meiner Arbeitskleidung, einer einfachen Bluse und Jeans, dazu Schuhe, die nicht drückten, wenn ich acht Stunden am Tag stand. Und ein schwarzer Kittel, damit an den anderen Sachen nicht überall Haare hingen. Der einzige Unterschied zwischen Arbeits- und Nicht-Arbeitskleidung war der Kittel.
»Tja, Überraschung, ein oder zwei Kleider habe ich sogar. Die stecken wahrscheinlich noch in der Folie von der Reinigung und hängen mit Mottenkugeln hinten im Schrank, und bestimmt sind sie mir zwei Nummern zu klein, aber ich hab welche. Wozu das Kleid? Wo wollen wir hin? Zu einer Hochzeit?« Es gab nicht mehr allzu viele Anlässe, für die eine schicke Hose und ein elegantes Top nicht reichten. Mir fielen eigentlich bloß zwei ein. Miss Isabelles Schweigen brachte mich auf den zweiten. »Oje, tut mir leid, das konnte ich ja nicht ahnen. Sie haben nicht gesagt, dass …«
»Ja, eine Beerdigung. Wenn du nichts Passendes hast, halten wir unterwegs. Ich spendiere dir gern …«
»Nein, nein, Miss Isabelle. Ich find schon was. Die Mottenkugeln waren ein Scherz.« Während ich hörte, wie sie weiter ihre Sachen packte, überlegte ich, welches meiner Kleidungsstücke für eine Beerdigung geeignet war. Keines. Aber ich könnte auf dem Heimweg bei J. C. Penney’s vorbeischauen. Miss Isabelle gab mir immer ein großzügiges Trinkgeld, aber so nahe wir uns auch standen, ein Kleid würde ich mir nicht von ihr kaufen lassen. Es würde eine Grenze überschreiten. Warum hatte sie nicht erwähnt, dass wir zu einer Beerdigung fuhren? Sie hatte gesagt, sie müsste sich »um ein paar Dinge kümmern«, und ich war davon ausgegangen, dass sie irgendwelche Dokumente persönlich unterschreiben müsste, vielleicht für einen Immobilienverkauf. Geschäftliches eben. Nicht eine Beerdigung. Zu der ich sie bringen sollte. Ich. Und ich hatte geglaubt, sie gut zu kennen! Auf einmal sah ich sie wieder vor mir, wie sie sich vor zehn Jahren zum ersten Mal die Haare von mir hat machen lassen. Als ich geahnt hatte, dass sich hinter ihrer hübschen Aufmachung etwas Dunkles versteckte, ihr etwas tiefen Kummer bereitete. Und plötzlich fiel mir auf, dass ich nichts – absolut nichts – über ihre Kindheit wusste. Nicht einmal, wo sie aufgewachsen war. Wie hatte ich das in all den Jahren übersehen können? Rätsel über Rätsel … Dabei war mir Rätsel genug herauszufinden, wie ich die Rechnungen bezahlen konnte.
Miss Isabelle schien ihre Sachen fertig gepackt zu haben. »Können wir morgen um Punkt zehn losfahren?«
Knapp, aber machbar. »Ja, gut. Um zehn.«
»Wir nehmen meinen Wagen. Keine Ahnung, wie ihr jungen Leute heute mit diesen Blechautos zurechtkommt. Ist doch nichts dran an den Dingern.«
»Ich fahr gern mit Ihrem Riesenschiff.« Nur schade, dass CD-Player damals noch Sonderausstattung waren, als sie 1993 ihren Buick erstanden hatte. Und ich hatte alle meine Kassetten weggeworfen. »Miss Isabelle, tut mir leid, dass ich …«
»Bis morgen früh dann«, fiel sie mir ins Wort. Sie wollte also nicht über die Beerdigung reden. Und wusste, dass ich nicht nachhaken würde.
»Benzin?«, fragte Miss Isabelle am nächsten Morgen.
»Okay.«
»Öl? Keilriemen? Filter?«
»Okay. Okay. Okay.«
»Snacks?«
»O-K-A-Y.«
Ich hatte Miss Isabelle eine Stunde vor der geplanten Abfahrt abgeholt, um den Wagen in der Werkstatt von Jiffy Lube durchchecken zu lassen. Dann hatte ich getankt und alles Nötige besorgt, unter anderem Miss Isabelles Snacks.
»Mist«, sagte sie jetzt und schnippte mit den Fingern. »Eins hab ich vergessen. Halt bitte bei Walgreen’s am Ende der Straße.«
Was konnte so wichtig sein, dass wir anhalten mussten, noch bevor wir richtig losgefahren waren? Ich legte den Rückwärtsgang ein und lenkte den Buick Miss Isabelles Auffahrt hinunter. Dort wartete ich geduldig, bis alle Autos vorbei waren, und bog in die Straße ein.
»Wenn du die ganze Zeit so fährst, kommen wir nie an«, beklagte sich Miss Isabelle. »Meinst du, weil du eine alte Frau zu einer Beerdigung chauffierst, musst du dich auch wie eine alte Frau benehmen?«
Ich schmunzelte. »Ich wollte Ihren Blutdruck nicht zu früh rauftreiben, Miss Isabelle.«
»Um meinen Blutdruck kümmere ich mich schon selbst. Sorg du lieber dafür, dass wir vor Weihnachten in Cincy sind.«
»Ja, Ma’am.« Ich salutierte kurz und trat aufs Gaspedal. Gott sei Dank war sie trotz des Todesfalls mürrisch wie immer. Der Tod konnte die Menschen verändern. Bis jetzt wusste ich nur, dass sie einen Anruf von einer alten Freundin erhalten hatte und zu einer Beisetzung in der Nähe von Cincinnati, Ohio, sollte. Und natürlich, dass sie nicht allein fahren wollte.
Bei Walgreen’s zog sie einen nagelneuen Zehner aus ihrer Brieftasche. »Hol mir bitte zwei Kreuzworträtselhefte.«
»Was?« Ich sah sie mit offenem Mund an. »Kreuzworträtsel?«
»Ja. Schau nicht so entgeistert. Die halten mein Hirn auf Trab.«
»Wollen Sie die während der Fahrt lösen? Soll ich was gegen Reisekrankheit mitbringen?«
»Nein, danke.«
Als ich vor den Zeitschriftenregalen stand, hätte ich mir ein paar mehr Informationen gewünscht. Zur Sicherheit wählte ich ein Heft in Großdruck und ein normales. Wer kauft schon Rätselhefte? Höchstens Leute, die im Krankenhaus warten mussten. Obwohl meine Großmutter auch immer Rätsel gelöst hat, als ich klein war. Wahrscheinlich eine Vorliebe von alten Leuten.
Ich trug die Hefte zur Kasse. Es war mir fast so peinlich, als hätte ich einem männlichen Kassierer eine Großpackung Damenbinden vorlegen müssen. Doch die Kassiererin fragte nur: »Ist das alles?« Sie sah weder mich noch die Heftchen an, während sie sie über den Scanner zog. »Sechs Dollar fünfzig.«
Im Wagen beäugte Miss Isabelle meine Erwerbungen mit ausgestrecktem Arm. »Gut, jetzt haben wir genug Gesprächsstoff für die Fahrt.«
Ich konnte mir schon denken, was für spannende Themen sich aus einem Kreuzworträtsel ergeben würden. Vier waagerecht, acht Buchstaben: rosafarbener Vogel.
Flamingo.
Wir würden ziemlich lange unterwegs sein.
Ich lenkte den Wagen durch den vormittäglichen Verkehr von Dallas, ohne laut zu fluchen. Die erste Stunde schwiegen wir, weil wir gedanklich noch mit anderen Dingen beschäftigt waren. Ich dachte an den gestrigen Abend, an die Zeit, als Ruhe einkehrte. Mein neues Kleid hatte ich an die Badezimmertür gehängt, nachdem ich das Preisschild entfernt hatte. BiBi hatte sich bereits mit einem Buch ins Bett verkrochen, und Stevie junior war in ein Videospiel vertieft, wie eigentlich immer, es sei denn, er tippte gerade eine SMS an seine Freundin.
Und ich dachte an Teague – oder vielmehr, warum es mir so schwerfiel, ihn anzurufen. Vielleicht weil in meinem Kopf stets ein Stimme sang: »Teague, Teague, out of your league!«
Er hatte mir den Anruf abgenommen; sein Klingelton, den ich ihm einige Wochen nach unserer ersten Verabredung zugewiesen hatte, ertönte: Let’s get it on … Mein Gott, wie abgedroschen!
»Wie geht’s meiner Lady?«
Bei jedem anderen hätte ich schreiend das Weite gesucht. Lady, pah! Aber bei Teague? Er gab mir tatsächlich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.
»Gut, danke. Und dir?«, antwortete ich. Ich versuchte möglichst kühl zu klingen, damit er wusste, dass er mich nicht mit ein paar Worten zum Dahinschmelzen bringen würde. Seit einigen Jahren hielt ich Männer auf Distanz, weil ich eine ganze Menge Beziehungschaos hinter mir hatte – durch meine und ihre Schuld. Während die anderen Kerle meine Weigerung, mit ihnen ins Bett zu gehen, als Zurückweisung und abartiges Spielchen interpretierten, mich prüde nannten und sich schleunigst davonmachten, blieb Teague bei der Stange. Ein paarmal hatte ich ihn hinter die Fassade blicken lassen und ihm die Frau gezeigt, die sich nach einem Mann in ihrem Leben sehnt. Ich hatte den Eindruck, dass er bereit war zu warten, bis diese Frau sich entschied.
Als ich zehn Minuten später auflegte, musste ich mich in den Arm zwicken, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. »Verstehe«, hatte Teague erwidert. »Du musst deiner Isabelle helfen. Du wirst mir fehlen, aber ich freu mich auf deine Rückkehr. Und gib deiner Mom meine Nummer, falls sie Hilfe braucht. Ich kenn mich mit Kindern aus.« In der Tat, er war alleinerziehender Vater von drei Kindern, und ich wollte nur zu gern glauben, dass er, falls nötig, zur Stelle war.
Ich hatte mich gefragt, wie er reagieren würde, wenn ich ihm sagte, dass ich so kurzfristig verreisen müsste. Bei meinem Ex Steve war mir die Reaktion klar gewesen, noch bevor ich seine Nummer wählte. Steve hatte gejammert und mich beschimpft und mich gefragt, wie ich meine Kinder tagelang allein lassen konnte. Komisch, dass er sich nicht an die eigene Nase fasste.
Und die anderen Typen von früher? Wenn ich mit meinen Kindern irgendwo hinfuhr, hieß es immer: »Baby, ich kann nicht ohne dich sein, lass mich nicht im Stich.« Doch sobald ich aus der Stadt war, hieß es wahrscheinlich: Gentlemen – im weitesten Sinne des Wortes –, das ist die Gelegenheit!
Sie lachten sich eine Ersatzfreundin an. Wenn ich zurückkam, den Lippenstift an ihrem Kragen entdeckte und das billige Parfüm in ihrem Wagen roch, sagten sie: »Sorry, Mädchen, aber was soll ich denn machen, wenn du mich allein lässt?«

Julie Kibler

Über Julie Kibler

Biografie

Julie Kibler wurde in Kentucky geboren und lebt heute in Texas, wo sie als freie Autorin arbeitet. »Zu zweit tut das Herz nur halb so weh« ist ihr erster Roman, der international großes Aufsehen erregte und noch vor Erscheinen in zwölf Länder verkauft wurde.

Medien zu »Zu zweit tut das Herz nur halb so weh«

Pressestimmen

Walgaublatt

»Ergreifend.«

Wochenspiegel

»Der Roman ist süffig zu lesen und eignet sich bestens, aus der eigenen in eine andere Welt abzutauchen.«

Bücher Pick

»Warmherzig, bittersüß und lebensnah.«

Züriberg

»Süffig zu lesen und eignet sich bestens, aus der eigenen in eine andere Welt abzutauchen.«

BücherPick

»Warmherzig, bittersüß und lebensnah.«

Grazia

»Feinfühlig geschrieben und mit Heldinnen, die einem sofort ans Herz wachsen.«

Grazia

»Feinfühlig geschrieben und mit Heldinnen, die einem sofort ans Herz wachsen.«

Ostthüringer Zeitung

»Ein überzeugendes soziales Porträt der Dreißiger und Vierziger des 20. Jahrhunderts. (...) warmherzig und lebensecht erzählt.«

Der Landanzeiger

»Gepaart mit viel Lebensweisheit, Humor und Spannung ein sehr lesenswerter Roman!«

Berliner Morgenpost

»Ein bittersüßer Schmöker mit Tiefgang.«

News (Stadtmagazin)

»Eine wunderbare, feinfühlige Familien- und Liebesgeschichte. Das bezauberndste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe.«

Bücherschau

»Eine bittere Südstaatenromanze aus der Perspektive der beiden Frauen, spannend, unterhaltsam und mitreißend geschrieben.«

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