Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Zu lieben und zu sterben

Zu lieben und zu sterben

Roman

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Zu lieben und zu sterben — Inhalt

Die Deutschen haben die Villa der Familie Spada requiriert. Auch wenn dieeinquartierten Offiziere zur selben gesellschaftlichen Schicht gehören –spätestens als sie im Dorf Zivilisten hinrichten lassen und die Kirchegeschändet wird, steht fest: Dieser Krieg ist unmenschlich, und der alteEhrenkodex gilt nicht mehr. Der siebzehnjährige Paolo und seine schöne,exzentrische Cousine beschließen, dem Verwalter des Hofgutes zu helfen,der den regionalen Widerstand gegen die Besatzung anführt. Was wie einspannendes Cowboy-und-Indianer-Spiel beginnt, wird bitterer Ernst, als sieverraten werden. Nach kaum einem Jahr wird Paolo zu lieben und zu sterbengelernt haben – alles, was ein Leben ausmacht. Gleichermaßen tragischund wunderbar humorvoll erzählt ist dieser große Roman, der in Italien einüberwältigender Erfolg war.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Übersetzer: Petra Kaiser, Barbara Kleiner
302 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95849-3

Leseprobe zu »Zu lieben und zu sterben«

Erster Teil

 

Vorspiel

 

Freitag, 9. November 1917

 

Er löste sich aus der Dunkelheit, aber einen Moment lang unterschied ihn nichts von dem Dunkel. Doch dann, als die Frau die Laterne vor dem Pferdemaul in die Höhe hielt, blitzte sein Monokel auf. Der Mann sprach ein tadelloses Italienisch, allein der spröde, metallische Klang verriet, dass seine Muttersprache Deutsch war. In dem flackernden Licht hatte sein Gesicht etwas Strahlendes und Finsteres zugleich, so als würden sich Sterne und Staub dort ein Stelldichein geben.
»Ich rufe die Herrin«, sagte [...]

weiterlesen

Erster Teil

 

Vorspiel

 

Freitag, 9. November 1917

 

Er löste sich aus der Dunkelheit, aber einen Moment lang unterschied ihn nichts von dem Dunkel. Doch dann, als die Frau die Laterne vor dem Pferdemaul in die Höhe hielt, blitzte sein Monokel auf. Der Mann sprach ein tadelloses Italienisch, allein der spröde, metallische Klang verriet, dass seine Muttersprache Deutsch war. In dem flackernden Licht hatte sein Gesicht etwas Strahlendes und Finsteres zugleich, so als würden sich Sterne und Staub dort ein Stelldichein geben.
»Ich rufe die Herrin«, sagte Teresa, die, mit dem Benehmen von Herrschaften durchaus vertraut, versuchte, sich die Angst nicht anmerken zu lassen. Sie ließ die Laterne sinken, und der Hauptmann und sein Pferd verschwanden wieder im Dunkel.
Ein, zwei, drei Fackeln warfen Schatten in das Gewölbe des Säulengangs. Fröstelnd zog Teresa den Schal enger um die Schultern. Auf der Straße vor dem Tor noch mehr Fackeln, Wagenrattern, Soldatengeschrei, die Scheinwerfer eines Lastwagens und die stumme Verstocktheit der Maultiere im eisigen Nieselregen. Als sie die schwere Eichentür hinter sich schloss, bemerkte Teresa, dass ich am Fenster in der Eingangshalle hockte und sie beobachtete. Sie legte den Finger auf den Mund und knurrte mir ihr Missfallen ins Gesicht.
Tante Maria war noch auf. Ganz in Schwarz, den Kragen von einer Elfenbeinbrosche geschlossen, stand sie am Fenster und beobachtete, wie die Truppen allmählich den Platz füllten, wo der Schein diverser Feuer das Licht der Scheinwerfer verschluckte. Als wir eintraten, drehte sie sich zu uns um.
»Paróna, paróna …«
»Ruhig, Teresa, ganz ruhig, ich kümmere mich darum. Geh und sag dem Mann auf dem Pferd, ich komme gleich.«
Mit gesenktem Blick, die Laterne auf Kniehöhe, schlurfte die Köchin aus dem Zimmer. Mit den Augen gab die Tante mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Ruhig im Sattel sitzend, nur darauf bedacht, sein Pferd im Schutz des Säulengangs zu halten beobachtete der Hauptmann den Zustrom der Soldaten, ohne einen Finger zu rühren: In seiner distanzierten Reglosigkeit sandte er stumme Befehle aus, die offenbar von allen – Offizieren, Maultieren, Soldaten – ohne die geringste Unsicherheit verstanden wurden.
»Die Paróna«, ein Husten, »die Herrin hat gesagt, dass sie gleich kommt.« Teresa wich einen Schritt zurück, um dem Gestank des Pferdes auszuweichen. Die Soldaten luden die Maultiere ab und verstauten die Maschinengewehre unter den Bögen, wobei sie Schaufeln und Rechen, die dort an der Wand lehnten, Fußtritte versetzten. Die Köchin stieß ein Knurren aus, in das sie ihre ganze Verachtung legte: In ihren Augen waren diese schlichten, aber unentbehrlichen Arbeitsgeräte wie treue Hunde, die nun von Wölfen verjagt wurden. Die Feldspaten brachen eine Tür nach der anderen auf, und die Soldaten drängten mit ihren schweren Tornistern ins Haus; dort machten sie sich über die Schränke her, rissen alles heraus, machten Dinge kaputt und grölten dabei laut, ein Wirrwarr aus abgehackten Silben. Einer, dem noch nasses Laub am Helm klebte, fuhr laut knatternd mit dem Motorrad in den großen Saal und machte erst einen Schritt vor dem Eichentisch halt.
Tante Maria trat hinaus.
»Herr Hauptmann.«
Der Hauptmann salutierte, ohne zu lächeln. »Hauptmann Korpium«, sagte er. »Wir machen hier Quartier, wir sind insgesamt achtzehn Mann, Offiziere und Burschen.« Dann holte er sein Monokel aus dem Etui. »Wenn Ihr der Ansicht seid, dass Ihr uns nicht unterbringen könnt«, fügte er hinzu und klemmte das Monokel zwischen Augenbraue und Backenknochen, »dann müsst Ihr das Haus räumen.« Seine Stimme klang ruhig, kalt. Er sprach abgehackt, jede Silbe einzeln, so als bräuchte er all diese winzigen Pausen, um seine Gedanken zu ordnen.
Ein halbes Dutzend Fahrräder passierte das Tor. Das Pferd des Hauptmanns schüttelte den Kopf.
»Ihr mögt ein großer Krieger sein«, sagte die Tante, »aber ein Gentleman seid Ihr sicher nicht.«
»Meine Unteroffiziere übernachten im Gasthof an der Piazza, die Offiziere in der Villa, die Soldaten in den umliegenden Häusern. In Eurem Park werden wir Zelte aufschlagen und die Feldküche einrichten.« Er rückte das Monokel zurecht. »Vielleicht überschreiten wir morgen den Piave, und dann wird hier ohnehin nichts mehr sein wie zuvor.«
»Vielleicht«, sagte die Tante. »Aber vielleicht reißt Euch der Krieg auch das Fleisch von den Knochen«, fügte sie leise hinzu, um nicht gehört zu werden.
Der Hauptmann drückte dem Pferd die Fersen in die Flanke, machte kehrt und ritt in Richtung der Maultiere und Soldaten, die weiterhin herbeiströmten und von Unteroffizieren mit Laternen und gebrüllten Befehlen eingewiesen wurden.
In der Ferne bellte ein Hund, dann noch einer mit kläglicher Stimme. Dann ein Gewehrschuss, noch einer und weiter weg noch einer. Auch im großen Saal roch es jetzt nach Maultier. Die Soldaten zertrümmerten Tische und Stühle, um mit dem Holz die Kamine anzuheizen. Doch als die beiden Frauen, die kerzengerade vor mir hergingen, den Raum durchquerten, machten sie Platz, und einer von ihnen, ein Strohblonder mit Froschaugen, salutierte sogar.
»Diese Tragödie«, murmelte die Tante, »hat etwas Lächerliches.«
»Der Hintern eines Maultiers hat mehr Anstand als die«, sagte Teresa. »Diese Rotzbengel sind schlimmer als die Tiere!«
»Morgen ziehen sie wieder ab. Sag Renato, er soll gut aufpassen. Du und Loretta, ihr schlaft oben bei mir, wir legen zwei Strohsäcke auf den Boden und verbarrikadieren uns in meinem Schlafzimmer. Du, Paolo, schläfst bei Großvater.« Sie sah die Köchin an: »Hast du das Kupfergeschirr gut versteckt?«
»Wie Ihr es angeordnet habt, paróna.«
»Gut.« Die Stimme der Tante verriet keinerlei Regung, sie behielt die Nerven und einen kühlen Kopf: die Köchin sollte wissen, wem sie zu gehorchen hatte. »Waffen bedeuten nicht viel, aber das weiß dieses Pack ja nicht.« Sie schwieg einen Augenblick, um Teresa Gelegenheit zu geben, das Gehörte zu verstehen und zu verdauen. »Wir schaffen das schon.«
Die Köchin hob die Laterne und leuchtete auf die abgetretenen Treppenstufen.

 

1

 

Der Dritte Verlobte der Großmutter hatte zu große Füße um als kluger Kopf zu gelten. Dumm war er nicht, denn er verstand sich darauf, mit Würde und Ausdauer dem Müßiggang zu frönen, aber wenn einer so große Füße hatte, konnte es mit dem Kopf nicht weit her sein. Großvater Guglielmo, der selbst mit diversen Geliebten angab, pflegte über seinen Rivalen zu sagen, wenn der da – der Name kam ihm nie über die Lippen – den Mund auftut, dann nur, um ihn durchzulüften: »Dummköpfe stellen gern ihre Dummheit zur Schau, und zu diesem Zweck gibt es nichts Besseres als Worte.«
Mit solchen Sentenzen brachte Großvater gern Ordnung in die Dinge der Welt. Wenn er sie verkündete, kaute er auf seiner Zigarre herum und gab den weit gereisten Seemann, ausgerechnet er, der Wasser verabscheute, selbst das aus der Waschschüssel. Als eingefleischter Liberaler machte er sich gern über Großmutters zarte Sympathien für die Sozialisten lustig: »Du brauchst nur drei von deinen Leuten in ein Zimmer zu sperren, und ein halbe Stunde später vertreten sie vier verschiedene Meinungen.« Viele Stunden am Tag brachte er damit zu, an seinem Roman zu arbeiten, der jedoch nie fertig wurde; Großmutter behauptete sogar, er habe nie auch nur eine Zeile zu Papier gebracht: »Das ist alles nur eine Masche, um sich Rotznasen und Pächter vom Hals zu halten.« Dabei wagte es ohnehin niemand, in seine Denkerklause einzudringen, ein Kämmerchen, wo er fast den ganzen Tag zubrachte, außer wenn es regnete, dann ging er nämlich spazieren, ohne Regenschirm, nur mit einem Filzhut mit ausgefranster Krempe auf dem Kopf. Er war Buddhist, auch wenn er von Buddha kaum etwas wusste. Dafür verstand er sich aufs Kartenspielen, kannte sich in Geschichte gut aus und schrieb Leserbriefe an den Gazzettino, die nie abgedruckt wurden, weil er darin die Politiker der Lagunenstadt mit Beschimpfungen überhäufte: in seinen Augen alles »schmierige Nachkommen von albernen Pfaffen«.
Großmutter dagegen brauste wegen jeder Kleinigkeit auf. Immer wenn es darum ging, eine halbe Lira auszugeben, sagte sie: »Lieber nicht«, und das ungefähr zwei Dutzend Mal am Tag. Trotz ihrer siebzig Jahre hielt sie sich kerzengerade, war schön und kraftvoll wie ein weißhaariger Panther. Ihr Bad war ein Gedicht, geschmückt mit Klistieren in Beige, Ocker und Schwarz: An jedem Haken des emaillierten Kleiderständers hingen zwei oder drei davon, während Pyjamas und Unterhosen in eine grüne Kommode verbannt waren, auf der eine Schale aus Muranoglas ein Dutzend Halsketten aus falschen Perlen oder Glaskugeln verwahrte. In den besten Zeiten stieg die Zahl der Klistiere auf sechzehn, dazu vier Beutel in den gängigen Größen von ¼, ½, ¾ und 1 Liter Inhalt. Die Beutel aus Wachstuch hatten die Form von Birnen, Kürbissen, Melonen, und wenn sich die dunklen Gummischläuche im blassen Mosaikboden spiegelten, sahen sie aus wie Fangarme von Meerestieren mit gebogenen Schnäbeln.
Die drei Dienstboten – Teresa, deren Tochter Loretta und Renato – zählten für sechs. Die zwanzigjährige Loretta war zwar hübsch, hielt den Blick jedoch stets gesenkt, weil sie schielte; aber wenn sie dich doch einmal ansah, wusstest du, dass sie dich hasste, zu etwas anderem war sie gar nicht fähig. Bei Renato war ein Bein kürzer als das andere, und er hinkte. Ihn mochte ich am liebsten, denn er konnte alles, wusste, wie man mit Harpune und Messer im Fluss Fische fängt, aber auch, wie man Hühner rupft, die dann in Teresas Kochtopf landeten. Teresa selbst war ein Wunder. Von seltener Hässlichkeit, hatte sie sich für ihre fünfzig Jahre gut gehalten, war stark wie ein Muli und ebenso starrköpfig. Tante Maria hingegen – für Fremde Donna Maria – war eine schöne Frau, dabei aber Gefangene ihres Stolzes, sodass sie die Männer faszinierte und zugleich abschreckte: Deshalb wagten es nur die kühnsten und leidenschaftlichsten Geister, ihr diskret den Hof zu machen, was kein leichtes Los war.
Und dann war da noch Giulia. Giulia war verrückt, schön, rothaarig. Mit unzähligen Sommersprossen. Sie hatte Venedig wegen eines Skandals verlassen, über den aber niemand zu sprechen wagte: Im Dorf gab es nicht wenige, die vor ihr ausspuckten, wenn sie vorbeiging, und es fehlten auch nicht die Betschwestern, die sich bekreuzigten, um den Satan fernzuhalten. Sie war sechs Jahre älter als ich, und sobald sie auch nur von ferne auftauchte, wurde ich rot. Giulia kam nicht ins Irrenhaus, weil sie eine Candiani war; so war das damals, die Herrschaft kam nicht hinter Schloss und Riegel, und war auch nicht verrückt, sondern allenfalls exzentrisch: Ein Herr war kein Dieb, sondern litt unter Kleptomanie, eine Dame war keine Hure, sondern Nymphomanin.
In der Nacht jenes 9. November, als die Deutschen sich meines Zimmers bemächtigten, ging ich zum Schlafen auf den Dachboden, einen großen Raum von neun mal fünf Metern, mit vier Gauben und einem Dachstuhl aus Lärchenholz, dessen Balken so niedrig waren, dass ich den Kopf einziehen musste. Dort teilte ich mir mit Großvater einen Strohsack, der direkt auf dem splittrigen Holzboden lag, während Großmutter in ihrem Zimmer bleiben durfte.
Die Niederlage der italienischen Armee war eine Schmach, die uns jeder fremde Soldat stets von Neuem vor Augen führte: Ich war siebzehn, fast achtzehn, und mit ansehen zu müssen, wie sich der Feind im eigenen Haus als Herr aufspielte, war mir einfach unerträglich. Der Jahrgang 99 lag schon in den Schützengräben: Ein paar Monate noch, und ich wäre auch dran.
»Es dauert nicht mehr lang, dann sind sie in Rom, um den Papst zu befreien, so sagen sie jedenfalls, tja … Gesindel ist sich halt immer einig, das sage ich dir.« Für Großvater rangierten Priester nur geringfügig über den Steuereintreibern: »Diese Kerle in ihren Röcken haben die Phantasie eines Truthahns, sind aber so schlau wie Fuchs und Schlange, sie sind der Hohn der Schöpfung, von wegen Hiob und seine Qualen … deshalb hat Buddha keine Priester«, er schaute mir in die Augen, was er nur noch sehr selten tat, seit ich meine Eltern verloren hatte, »und wenn, dann jedenfalls keine Österreich-Freunde.« Daraufhin spuckte er in die Hand und wischte sie mit einem großen Taschentuch wieder ab.
Ich mochte Großvater sehr. Normalerweise setzte er seine Nachtmütze erst gegen zehn Uhr morgens ab, und auch dann nur widerwillig. Doch in dieser Nacht hatte er ohne sie Reißaus genommen. Ein Soldat und ein Gefreiter hatten ihn an einen Stuhl gefesselt, einer strich ihm mit der Bajonettklinge über die Kehle, während der andere ihm den Gewehrkolben aufs Brustbein setzte, und so hatten sie aus ihm herausgebracht, wo der Familienschmuck versteckt war. Zum Glück war es Großmutter noch rechtzeitig gelungen, die wertvollsten Stücke – und eine Handvoll englische Pfundmünzen in Gold – ohne sein Wissen in einem ihrer Klistierbeutel zu verstecken – zu unscheinbare Gegenstände und zu nah an der Scheiße, als dass sie die Begehrlichkeiten der Plünderer hätten wecken können.
»Ich mach mir Sorgen um Maria … andrerseits, wenn irgendwer den Deutschen einen Schreck einjagen kann, dann sie«, sagte Großvater und ließ sich auf den Strohsack sinken. Die Füllung aus Maisstroh knisterte. Er hatte Tränen in den Augen, doch um seine Angst vor mir zu verbergen, starrte er zu den Dachbalken hinauf: unser Leben, unser Eigentum, alles war in der Gewalt des Feindes. »Krieg und Beute sind so unzertrennlich wie ein treues Ehepaar«, sagte er.
Ich legte mich neben ihn. Großvater mochte die Tante, »sie ist eine Frau voller Energie und Anmut«, sagte er. Sie war die Tochter seines Bruders, der im Mai 1914 beim Untergang der Empress of Irelandums Leben gekommen war, zusammen mit seiner Frau und meinen Eltern, auf jener Reise, die bei uns in der Familie nur noch das »Große Unglück« genannt wurde. Seither führte die Tante die Geschäfte der Villa, vielleicht auch, weil sich Großmutter zwar lustlos, aber beständig meiner Ausbildung widmete. »Hast du deiner Tante schon einmal in die Augen gesehen? Sie sind grün und reglos wie Steine. Weißt du, was die Seeleute sagen? Sie sagen, wenn das Wasser bei Sturm grün wird, verschluckt es dich.« Obwohl Großvater noch nie auf See gewesen war, waren seine Geschichten mit Redensarten und Flüchen gespickt, wie erfahrene Kapitäne sie benutzten: »Kurs halten«, »vorwärts«, »wenn ich dich erwische, lass ich dich am Großmast aufhängen«; dieser Satz war jedoch aus seinem Repertoire verschwunden, seitdem er unmittelbar nach dem »Großen Unglück« verlangt hatte, dass ich ihn duzte.
Nach dem Untergang der Empress behandelten mich alle ausnehmend freundlich, und ich genoss das sehr; das Schönste war, dass ich unter dem Verlust gar nicht so sehr litt, jedenfalls weniger, als man erwartet hätte. Für mich waren meine Eltern Fremde, oder so gut wie. Sie hatten mich ins Internat geschickt, um ein Problem weniger zu haben oder – um es wohlwollender auszudrücken – weil sie der Ansicht waren, dass die Erziehung junger Menschen eine Angelegenheit ist, für die Vater und Mutter ungeeignet sind. Mein Internat wurde von Dominikanern geführt, und bei den Brüdern stand das körperliche Wohl mindestens ebenso hoch im Kurs wie das Seelenheil, dem gegenüber sie – was nicht wenig erstaunte – , durchaus geneigt waren, eine gewisse Unkenntnis zuzugestehen.
An jenem schicksalsträchtigen Tag ließ mich der Direktor rufen. Er war ein Gelehrter, der die Schriften des heiligen Dominikus von Guzmán studierte, und wegen seines schlohweißen Bartes und seines krummen Rückens schien er uns Schülern hundert Jahre alt. Sein Büro, das ganz mit ledergebundenen Folianten ausgekleidet war, hatte eine Größe von drei mal vier Schritten, und diverse Gerüche – der Gestank nach Schimmel, Papier, Tinte, Achselschweiß und Grappa – wetteiferten darin um die Vorherrschaft. Er hob den Blick von dem Manuskript, in dem er gerade las, und musterte mich mit seinen blauen Augen, durch eine Brille stark vergrößert: »Setzt Euch, junger Mann.« Er kam gleich zur Sache und versuchte auch nicht, das Gravierende der Nachricht durch Gerede vom ewigen Leben herunterzuspielen. Er sprach mit fester Stimme und ohne Pause. Ich gab mir keine Mühe, den Trauernden zu spielen, und sagte: »Ich werde sie wohl kaum vermissen.« Er kniff die Augen zusammen und sah mich mit harter Miene an. »Manches versteht man erst viel später«, sagte er nur, bevor er seine Nase wieder in das Manuskript steckte. Vielleicht hörte er nicht einmal mehr, wie ich den Raum verließ, aber seine Worte sind mir im Gedächtnis geblieben: Er sollte recht behalten, der eigentliche Schlag kam später, die Wunde riss nach und nach auf und vernarbte auch erst nach und nach wieder.
Großvater starrte mich unentwegt an.
»Und jetzt, Großvater, wie geht’s jetzt weiter?«
»Jetzt halten wir schön den Mund, mein Kleiner, und lassen uns ausrauben; mit denen ist nicht zu spaßen, die fackeln nicht lange, uns notfalls einen Kopf kürzer zu machen; hast du nicht gehört, was sie mit den Landarbeitern gemacht haben? Sie stellen sie an die Wand, und um Kupferkessel und andere Wertsachen aufzuspüren, schütten sie rings um die Häuser Wasser aus … dort, wo der Boden umgegraben wurde, versickert das Wasser sofort.« Er grinste, denn immer wenn er Angst hatte, grinste er. »Zwei Kilo Kupfer sind so viel wert wie ein Ferkel … aber ich verlasse mich auf Großmutter. Sie hat mir nur das Versteck des falschen Schmucks genannt und mich in dem Glauben gelassen, es sei der echte. Den echten werden sie aber nicht finden, und wenn sie den ganzen Garten umgraben.« Er seufzte. »Zum Glück ziehen sie morgen ab.«
»Aber die Front … du meinst, auch die Front am Piave wird nicht halten?«
»Der Krieg ist verloren, Kleiner.«

 

Donna Maria hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, das erzählte sie mir am nächsten Morgen. Doch für Angst war in ihrem Kopf noch nie Platz gewesen. Sie fürchtete weder für sich, noch für uns: »Diese Schakale haben anderes im Sinn, wenn sie erst nach Venedig kommen, dann gibt das ein Plündern ohne Ende. Aber jetzt sind sie hier, in meinem Garten, in meinem Haus, in meiner Küche, und sie heben Latrinen aus, in der Erde, in der meine Mutter ruht, und deine auch.« Das stimmte nicht. Die deutsche Gründlichkeit war noch nicht so weit gediehen, sich mit dem Abwasserproblem des Feldlagers zu befassen, aber die Tante hatte eine minutiös arbeitende Phantasie, die sich genüsslich vor allem die unangenehmsten Details ausmalte.
Mitten in der Nacht hatte sie ein Pferd wiehern gehört. Das kam aus dem Säulengang. Bei Pferdegewieher bekam sie immer eine Gänsehaut, sie liebte Pferde. Sie hatte gesehen, wie sie die letzten Wagen der Nachhut zogen, hatte gesehen, wie sie sich gegen die Trense wehrten, den Kopf schüttelten und scheuten, wenn sie an Maultierkadavern vorbeikamen, denen hungrige Soldaten mit dem Bajonett Fleischstücke aus dem Schenkel geschnitten hatten. »Den Tod eines Artgenossen empfinden sie als schlechtes Vorzeichen, genau wie wir.« Es war so ungerecht, dass sie leiden mussten. »Der Krieg wird von Menschen gemacht, Tiere haben damit nichts zu tun, und außerdem … vielleicht stehen sie Gott näher … sie sind so einfach … so direkt.«
Gegen drei Uhr morgens war Donna Maria vorsichtig aufgestanden, um Teresa nicht zu wecken, die am Fußende ihres Bettes schlief, und ans Fenster getreten. Überall brannten Lagerfeuer. Soldaten schleppten große Kisten mit dem savoyischen Wappen: Das Munitionslager im Rathaus war nur zum Teil abgebrannt. Zwischen den Zelten sah sie den Hauptmann zu Pferd. Die Fenster im Erdgeschoss waren vom gelben Licht der Petroleumlampen erhellt. Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Sie drehte sich um. Einen Schritt hinter ihr stand Loretta, reglos, die sehr langen Haare offen, und sah sie an. »Was ist los?«
Die Dienerin senkte den Kopf.
»Sie werden uns nichts tun«, flüsterte Donna Maria, »sie werden die Villa und die Häuser der Pachtbauern plündern, aber uns wird nichts geschehen. Geh wieder schlafen.« Als Loretta sich hinlegte, ächzte der Strohsack.

 

Großvater hatte immer ein lachendes Gesicht, auch wenn er traurig war. Auch er konnte nicht schlafen, hatte aber das Laken bis übers Kinn hochgezogen und tat so, als würde er leise schnarchen. Im Dunkeln sah ich ihn an.
Sein Schnurrbart war ein Borstenkamm, dessen Enden sich kühn in die Höhe schwangen wie ein Fahrradlenker. Diese Barttracht war seine Form, sich über die guten Manieren lustig zu machen, die er ansonsten mit seinem fülligen, sorgfältig rasierten Kinn durchaus befolgte. Seine kindischen Späße amüsierten mich, auch weil Großmutter sich immer wieder darüber ärgerte und zur Strafe stets den Dritten Verlobten zum Abendessen einlud.
Das Türenknallen hatte aufgehört, die Stimmen der Deutschen klangen gedämpfter, gedämpfter war auch der Lärm der Stiefel und Hufe, ja sogar das Geknatter der Motorräder.
Ich hing meinen Gedanken nach, die im Halbschlaf wirr umherschweiften. Ich dachte in großen Zusammenhängen, an ferne Dinge, die gerade so abstrakt waren, dass ich mich nicht verantwortlich fühlen musste. Ich dachte nicht an die besetzte Villa, sondern an den Untergang der 2. Armee, ließ den endlosen Strom von Flüchtlingen und Soldaten an mir vorüberziehen: die Fuhrwerke der Armen, die Autos der Generäle, die in den Gräben zurückgelassenen Verwundeten. Noch nie hatte ich so viele Blicke voller Schrecken und Entsetzen gesehen. Die Blicke von Frauen mit Bündeln auf dem Rücken, leblose Bündel und wimmernde Bündel; ich konnte es kaum glauben, wie sehr mich das alles berührte; ein ganzes Volk auf der Flucht, ein Volk, dem anzugehören mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen war, und doch ging mir dieses Leid fremder Menschen so nahe, dass ich es wie mein eigenes empfand. An Cadorna, Capello und den Zeitungen konnte man zweifeln, an diesem Leid nicht. Schwer wie ein Stein lastete es auf der Brust. Ich hatte die Sprache der Barbaren noch im Ohr, die barschen Befehle, das Quietschen der Bremsen, das Plumpsen beim Absetzen schwerer Lasten. Ich sah noch einmal das Getrappel von Maultieren und Menschen, die aufgebrochenen Türen; meine Lippen waren trocken, und meine Zunge war ein Stück Rinde. Ich war eine große, in einem umgestülpten Glas gefangene Fliege, ich wälzte mich im Bett umher und schlug gegen das Glas.

Andrea Molesini

Über Andrea Molesini

Biografie

Andrea Molesini, 1954 geboren in Venedig, ist bislang als literarischer Übersetzer und Kinderbuchautor in Erscheinung getreten. »Zu lieben und zu sterben« ist sein erster eigener Roman, für den er sogleich den Premio Supercampiello bekam, mit dem Leser und Buchhändler per Abstimmung den besten...

Pressestimmen

Wilhelmshavener Zeitung

»Dank großer sprachlicher Fähigkeiten hat der Italiener ein atmosphärisch dichtes Faszinosum gestaltet, das menschliche, zwischenmenschliche und unmenschliche Züge des Krieges beschreibt, ohne sie grell zu überzeichnen oder den Leser im ausufernden Leid des Krieges ertrinken zu lassen.«

Deutschlandfunk

»Andrea Molesini ist ein fesselnder Roman über den ersten Weltkrieg gelungen. Am Beispiel des zusammenbrechenden Alltagslebens in einer italienischen Villa führt er die Gräuel des Krieges eindrucksvoll vor Augen.«

MDR - Kleine Buchnacht

»Ein mitreißend erzählter Anti-Kriegs-Roman, der für Hitzewallungen und Schüttelfrost sorgt.«

SR2 - BücherLese

»Ein höchst sinnlicher Roman, dessen Protagonisten lebendig vor Augen treten.«

Altmühl-Bote

»Eine fesselnde Geschichte, von den italienischen Buchhändlern und Lesern zum besten Buch des Jahres gekürt.«

Süddeutsche Zeitung (Landkreisausgaben)

»Eine Geschichte über Liebe, Mut und Scheitern in Zeiten des Krieges.«

Reutlinger General-Anzeiger

»Dem Autor Andrea Molesini ist ein ansprechender, unaufdringlich intensiver Roman gelungen. Er kleidet die Geschichte in wunderbar nostalgische Bilder, umweht von einem längst vergangenen dekadenten Geist.«

Buchkultur

»Ein brillanter, fröhlicher und lebensbejahender, gleichzeitig nachdenklich stimmender Roman über ein dunkles Kapitel der Geschichte.«

Thüringische Landeszeitung

»Das Buch fesselt mit seinem über dem Abgrund der Kriegsgräuel balancierenden Witz und der niemals trivialen Liebesgeschichte eines Heranwachsenden.«

Tiroler Tageszeitung

»Molesinis Bestseller verknüpft Remarques 'Im Westen nichts Neues' mit Lampedusas 'Leoparden'.«

Buchjournal

»Molesini ist ein Erzähler von archaischer Kraft, der mit zu Herzen gehender Unerbittlichkeit über die Kriegsgeschehnisse wie das Erwachsenwerden seines Protagonisten zu berichten weiß.«

Belletristik-Couch.de

»Ein sprachfeiner, ein leiser, ein leichter Anti-Kriegs-Roman.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden