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Zu guter LetztZu guter Letzt

Zu guter Letzt

Roman

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Zu guter Letzt — Inhalt

Endlich ist sie tot. Doch wird der Tod seiner Rabenmutter die Befreiung sein, die Patrick sich erhofft hat? Während Freund und Feind sich auf ihrer Trauerfeier versammeln, stellt er sich ein letztes Mal seinen Dämonen. "Bitterwitzig und extrem klug " lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung diesen finalen Melrose-Roman des "Meisterstilisten" Edward St Aubyn.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 17.09.2013
Übersetzt von: Sabine Hübner
240 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30322-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
Übersetzt von: Sabine Hübner
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97042-6

Leseprobe zu »Zu guter Letzt«

Für Bo

 

1

 

» Überrascht ? «, sagte Nicholas Pratt, pflanzte seinen Gehstock auf den Krematoriumsteppich und starrte Patrick grundlos ein wenig verächtlich an, eine überflüssig gewordene, aber längst nicht mehr zu ändernde Angewohnheit. »Ich bin ja in letzter Zeit geradezu auf Trauerfeiern abonniert. Das wird man in meinem Alter zwangsläufig. Bringt ja nichts, zu Hause herumzusitzen, lauthals über die Unwissenheit der jugendlichen Nachrufschreiber zu lachen, oder dem eher eintönigen Vergnügen zu frönen, die täglichen Abgänge unter seinen Altersgenossen [...]

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Für Bo

 

1

 

» Überrascht ? «, sagte Nicholas Pratt, pflanzte seinen Gehstock auf den Krematoriumsteppich und starrte Patrick grundlos ein wenig verächtlich an, eine überflüssig gewordene, aber längst nicht mehr zu ändernde Angewohnheit. »Ich bin ja in letzter Zeit geradezu auf Trauerfeiern abonniert. Das wird man in meinem Alter zwangsläufig. Bringt ja nichts, zu Hause herumzusitzen, lauthals über die Unwissenheit der jugendlichen Nachrufschreiber zu lachen, oder dem eher eintönigen Vergnügen zu frönen, die täglichen Abgänge unter seinen Altersgenossen zu zählen. Nein! Man muss ›das Leben abfeiern‹: Da geht es hin, unser Schulflittchen! Es heißt, er habe sich mit Anstand geschlagen, aber ich weiß es besser! – so was in der Art, damit die gesamte Lebensleistung angemessen gewürdigt wird. Wohlgemerkt, ich sage nicht, das alles sei nicht sehr bewegend. Diese letzten Lebenstage haben etwas vom Effekt anschwellender Orchestermusik. Und natürlich graut einem fürchterlich. Auf meinen täglichen Runden vom Krankenbett zur Trauerbank und wieder zurück muss ich immer an jene Öltanker denken, die früher alle vierzehn Tage an irgendeinem Felsen zerschellten, und an die Schwärme von Vögeln, die mit verklebten Flügeln am Strand krepierten und verwirrt aus den gelben Augen blinzelten. «
Nicholas schaute sich kurz im Raum um. »Spärlich besucht«, murmelte er, als wolle er jemandem die Situation schildern. »Sind das die Glaubensfreunde deiner Mutter? Fabelhaft. Wie würdest du die Farbe des Anzugs da drüben nennen? Aubergine? Aubergine à la crème d’oursin? So einen muss ich mir bei Huntsman machen lassen. Wie? Aubergine führen Sie nicht? Bei der Feier für Eleanor Melrose trug das einfach jeder – ordern Sie schleunigst eine ganze Meile!
Deine Tante wird wohl bald hier sein. Ein nur allzu vertrautes Gesicht unter diesen Auberginen. Ich habe sie letzte Woche in New York getroffen und darf zu meiner Freude sagen, dass sie die tragische Nachricht über deine Mutter von mir erfahren hat. Sie ist in Tränen ausgebrochen und hat sich ein Croque Monsieur bestellt, um damit ihre zweite Portion Diätpillen runterzuschlucken. Sie hat mich gedauert, deshalb habe ich ihr eine Einladung zum Dinner bei den Blands verschafft. Kennst du Freddie Bland? Er ist der derzeit kleinste lebende Milliardär. Seine Eltern waren praktisch Zwerge, wie General und Mrs. Tom Thumb. Sie betraten den Raum stets mit einem gewaltigen Tusch, und dann verschwanden sie unter einem Konsolentisch. Baby Bland gibt sich jetzt seriös, wie so viele Leute, wenn sie den senilen Dämmerzustand erreichen. Sie will ein Buch über den Kubismus schreiben, der Gipfel der Albernheit. Ich glaube, das gehört zu ihrer Rolle als perfekte Ehefrau. Sie weiß ja, dass Freddie immer Zustände bekam, wenn ihr Geburtstag nahte; dank ihres neuen Hobbys muss er sich jetzt nur noch bei Sothebys irgendein abscheuliches Gemälde einpacken lassen – eine Frau mit einem Gesicht wie ein Stück Wassermelone von diesem Erzhochstapler Picasso – und er weiß, dass er sie damit überglücklich macht. Weißt du, was Baby zu mir gesagt hat? Beim Frühstück – meine Güte! –, als ich nahezu wehrlos war.« Nicholas äffte sie nach:
»Diese göttlichen Vögel beim späten Braque sind ja doch eigentlich nur ein Vorwand für den Himmel!«
»Ein exzellenter Vorwand«, habe ich geantwortet und mich am Kaffee verschluckt, »viel besser als etwa ein Rasenmäher oder ein Paar Holzpantinen. Das zeigt doch, dass er wusste, was er tat.«
»So viel zur Seriosität. Nein, gegen dieses Schicksal werde ich mich noch mit dem letzten Funken Verstand stemmen, es sei denn, Doktor Alzheimer übernimmt die Regie. Dann würde ich wohl ein Buch über islamische Kunst schreiben müssen, um zu zeigen, dass die Turbanköpfe schon immer viel zivilisierter gewesen sind als wir ; oder ich würde in einem dicken Band erläutern, wie wenig wir eigentlich über Shakespeares Mutter und ihren streng geheimen Katholizismus wissen. Ein seriöses Thema eben.
Wie auch immer, Tante Nancy ist bei den Blands wohl leider total durchgefallen. Ein hartes Los, wenn einem die Gesellschaft alles bedeutet, man aber keine Freunde hat. Die Ärmste. Aber weißt du, was mir auffiel, außer Nancys lebhaftem Selbstmitleid, das sie dreisterweise als Trauer verkaufen wollte – Folgendes: die beiden Mädchen, also deine Mutter und deine Tante, sind, waren – mein Leben pendelt zwischen den Zeiten – wirklich vollkommen amerikanisch. Eine Verbindung ihres Vaters zu den Highlands gab es, seien wir ehrlich, sowieso nur in flüssiger Form, und nachdem deine Großmutter ihn vor die Tür gesetzt hatte, hat man ihn ja kaum mehr gesehen. Den Krieg hat er mit den beiden dämlichen Windsors in Nassau verbracht; nach dem Krieg dann Monte Carlo, und schließlich ist er an der Bar von White’s versackt. Unter dem Stamme derer, die tagtäglich vom Lunch bis spätnachts sinnlos betrunken sind, war er mit Abstand der Liebenswürdigste, aber als Vater wohl eine Enttäuschung. Bei diesem Grad der Trunkenheit versucht man ja eigentlich, einen Ertrinkenden zu umarmen. Die gelegentlichen Anfälle von Sentimentalität, die der Alkohol bei ihm dann zwanzig Minuten lang bewirkte, waren sicher kein Ersatz für den stetigen Strom aufopferungsvoller Güte, der mich in meinen Bemühungen als Vater von jeher beseelt hat. Mit, zugegebenermaßen, gemischten Ergebnissen. Wie du sicher weißt, redet Amanda seit fünfzehn Jahren kein Wort mehr mit mir. Ich gebe ihrem Therapeuten die Schuld. Er hat ihr das kleine, ohnehin noch nie besonders helle Köpfchen mit Freud’schen Ideen über ihren vernarrten Papa vollgestopft.«
Nicholas’ volltönender Vortrag verflachte zu immer eindringlicherem Geflüster, und die Anstrengung, sich aufrecht zu halten, ließ die Knöchel seiner blau geäderten Hände weiß hervortreten. »Schön, schön, mein Lieber, wir können ja nach der Zeremonie noch ein wenig plaudern. Fabelhaft, dich in so guter Verfassung anzutreffen ! Mein tief empfundenes Beileid und so weiter, aber wenn der Tod je als gnädige Erlösung kam, dann zu deiner armen Mutter. Ich bin auf meine alten Tage ja zu einer Art Florence Nightingale geworden, aber selbst die ›Dame mit der Lampe‹ müsste angesichts dieses fürchterlichen Verfalls panisch zum Rückzug blasen. Es mag meine Heiligsprechung verzögern, aber ich besuche lieber Menschen, die sich noch an einer bissigen Bemerkung und einem Glas Champagner erfreuen können.«
Nicholas schien weitergehen zu wollen, drehte sich aber noch einmal um. »Ärgere dich nicht wegen des Gelds. Schon einige meiner Freunde, die in dieser Hinsicht alles vermasselt haben, sind in staatlichen Krankenhäusern gestorben, und ich muss sagen, dass mich die Menschlichkeit des überwiegend ausländischen Personals dort zutiefst beeindruckt hat. Wohlgemerkt kann man mit Geld ja auch nichts anderes tun, als es auszugeben, wenn man es hat, oder sich darüber zu ärgern, dass man es nicht hat. Es ist ein sehr beschränktes Gut, über das die Menschen sich viel zu sehr ereifern. Was ich eigentlich sagen will, ist: Doch, ärgere dich wegen des Gelds! Wenigstens als Ventil, um Ärger abzulassen, taugt es etwas. Gutmenschen monieren gelegentlich, ich hätte zu viele bêtes noires, aber ich brauche meine bêtes noires, um das noir aus mir heraus und hinein in die bêtes zu schaffen. Außerdem hat deine Familie diesbezüglich doch einen fabelhaften Lauf gehabt. Wie lange geht das schon? Sechs Generationen, und sämtliche Nachkommen, nicht nur die ältesten Söhne, waren im Grunde genommen Müßiggänger. Sie haben vielleicht zur Tarnung gearbeitet, vor allem in Amerika, wo jeder ein Büro haben muss, und sei’s nur, um vor dem Lunch eine halbe Stunde lang auf dem Drehsessel herumzulümmeln, mit den Schuhen auf dem Schreibtisch, aber eine Notwendigkeit gab es nie. Auch wenn ich nicht aus Erfahrung sprechen kann, es muss für dich und deine Kinder ziemlich spannend sein, nach so langer Befreiung vom Wettbewerb wieder so richtig mit dabei zu sein. Weiß Gott, was ich aus meinem Leben gemacht hätte, wenn ich meine Zeit nicht zwischen Stadt und Land, Inland und Ausland, Ehefrauen und Geliebten aufgeteilt hätte. Ich habe die Zeit zerteilt und jetzt zerteilt sie mich, wie? Ich muss mir diese religiösen Fanatiker, die deine Mutter um sich geschart hat, mal aus der Nähe ansehen.«
Nicholas humpelte davon und erwartete offenbar keine weitere Antwort als fasziniertes Schweigen.
Wenn Patrick sich ins Gedächtnis rief, wie Krankheit und Sterben Eleanors fadenscheinige schamanistische Phantasien zerfetzt hatten, kamen ihm Nicholas’ »religiöse Fanatiker « eher wie gutgläubige Wehrdienstverweigerer vor. Eleanor hatte am Ende ihres Lebens einen gnadenlosen Crash-Kurs in Sachen Selbsterkenntnis absolvieren müssen, ausgerüstet nur mit einem Krafttier in der einen Hand und einer Rassel in der anderen. Zurückgeworfen auf die strengste Übung überhaupt: ohne Sprache, ohne Bewegung, ohne Sex, ohne Drogen, ohne Reisen, ohne Geldausgeben, kaum Essen; nur die einsame, stille Betrachtung ihrer Gedanken. Wenn Betrachtung das passende Wort war. Vielleicht hatte sie das Gefühl, ihre Gedanken betrachteten sie wie hungrige Raubtiere.
»Haben Sie gerade an sie gedacht?«, fragte eine sanfte irische Stimme. Annette legte lind die Hand auf Patricks Unterarm und neigte verständnisvoll den Kopf zur Seite.
»Ich dachte gerade, unser Leben ist die Geschichte derjenigen Dinge, denen wir uns widmen«, sagte Patrick. »Der Rest ist Verpackung.«
»Oh, das finde ich zu krass«, meinte Annette. »Maya Angelou sagt, der Sinn unseres Lebens liege in unserer Wirkung auf andere Menschen, ob wir ihnen guttun oder nicht. Eleanor hat anderen Menschen immer gutgetan, das gehörte zu den Geschenken, die sie der Welt machte. Oh«, sagte sie plötzlich ganz aufgeregt und packte Patricks Unterarm, »vorhin, beim Reinkommen, wurde mir folgende Querverbindung klar: Wir sind hier im Mortlake-Krematorium, um uns von Eleanor zu verabschieden, und nun raten Sie mal, was ich ihr vorgelesen habe, als ich sie das letzte Mal sah? Da kommen Sie nie drauf. The Lady of the Lake. Das ist ein Krimi aus der Artussage, kein besonders guter übrigens. Aber das sagt doch alles, nicht? Lady of the Lake – Mortlake. Wenn man Eleanors Beziehung zum Wasser und ihre Freude an den Artuslegenden bedenkt.«
Patrick konstatierte verblüfft, wie sehr Annette an die tröstliche Wirkung ihrer Worte glaubte und stellte fest, dass Verzweiflung seinen Ärger verdrängte. Die Vorstellung, dass seine Mutter freiwillig unter diesen ausgemachten Narren gelebt hatte! Welcher Erkenntnis hatte sie sich so unbedingt verweigern wollen ?
» Wer kann schon sagen, warum ein Krematorium und ein schlechter Roman entfernt ähnliche Namen haben?«, sagte Patrick. »Es ist überaus verlockend, die Grenzen des rationalen Denkens so weit zu überschreiten. Ich verrate Ihnen, wer ausgesprochen viel Sinn für solche Querverbindungen hat: Sehen Sie da drüben den alten Mann mit dem Gehstock? Erzählen Sie ihm das. Er liebt so etwas. Er heißt Nick.« Patrick erinnerte sich dunkel, dass Nicholas diese Abkürzung hasste.
»Seamus lässt Sie herzlich grüßen«, sagte Annette und akzeptierte es fröhlich, weggeschickt zu werden.
»Danke.« Patrick senkte den Kopf und versuchte, nicht die Kontrolle über seine maßlose Rücksichtnahme zu verlieren.
Was tat er da? Das war doch alles längst überholt. Der Krieg mit Seamus und der Stiftung seiner Mutter gehörte der Vergangenheit an. Jetzt wo er Waise war, schien alles perfekt. Es kam ihm vor, als habe er sein ganzes Leben lang auf dieses Gefühl der Vollständigkeit gewartet. Wie gut hatten es doch all die Oliver Twists dieser Erde, die von Anfang an in diesem beneidenswerten Zustand lebten, dessen Erlangung ihn fünfundvierzig Jahre gekostet hatte – doch der relative Luxus, von Bumble und Fagin erzogen worden zu sein, statt von David und Eleanor Melrose, musste zwangsläufig zu einer Schwächung der Persönlichkeit führen. Das geduldige Ertragen potenziell tödlicher Einflüsse hatte Patrick zu dem Mann gemacht, der er heute war; einem Mann, der allein in einem Einzimmerapartment lebte und dessen letzter Aufenthalt im Suizidbeobachtungsraum der Depressionsstation des Priory Hospital knapp ein Jahr zurücklag. Das Delirium tremens, sich der verheerenden Banalität des Alkohols zu unterwerfen, hatte er nach seiner renitenten Jugend als Junkie als Erbteil empfunden. Als Rechtsanwalt widerstrebte es ihm mittlerweile, sich auf illegale Weise umzubringen. Alkohol floss bis in die tiefsten Wurzeln seines Stammbaums. Patrick erinnerte sich noch genau, wie er als Fünfjähriger auf einem Esel durch die Kasinogärten Monte Carlos geritten war, zwischen Palmen und strotzenden rot-weißen Blumenbeeten, und sein Großvater unkontrollierbar zitternd auf einer grünen Bank gesessen hatte, festgepinnt von der Sonne, während sich auf den perlgrauen Hosen seines perfekt geschnittenen Anzugs langsam ein Fleck ausbreitete.
Mangels Versicherung musste Patrick seinen Aufenthalt in der Priory selbst bezahlen und erschöpfte in einem dreißigtägigen Hasardspiel um Heilung seine gesamten Mittel. Ein Monat, vom psychiatrischen Standpunkt aus betrachtet unnütz kurz, genügte ihm trotzdem, sich Hals über Kopf in eine zwanzigjährige Patientin namens Becky zu verlieben. Sie sah aus wie Botticellis Venus, schöner noch dank des blutigen Gitters aus Rasierklingenschnitten, das sich kreuz und quer die schlanken, weißen Arme hinaufzog. Als er sie im Aufenthaltsraum der Depressionsstation zum ersten Mal erblickte, sandte ihre strahlende Schwermut einen flammenden Pfeil ins Pulverfass seiner frustrierten Leere.
»Ich bin eine autoaggressive, therapieresistente Depressive«, erzählte sie ihm. »Man hat mich auf acht verschiedene Tabletten gesetzt. «
»Acht«, sagte Patrick bewundernd. Er selbst bekam nur noch drei : das Antidepressivum für den Tag, das Antideressivum für die Nacht und die zweiunddreißig Oxazepam-Tranquilizer täglich, die er gegen das Delirium tremens schluckte.
Soweit er bei einer so hohen Dosis Oxazepam überhaupt noch denken konnte, dachte er nur noch an Betty. Am nächsten Tag hievte er sich von seiner raschelnden Matratze und latschte zur Selbsthilfegruppe der Depressiven, in der Hoffnung, Becky wiederzusehen. Sie war nicht da, aber Patrick konnte dem Kreis der Depressiven in ihren Trainingsanzügen nicht mehr entrinnen. » Was den Sport betrifft, möge unser Outfit für die Tat stehen«, seufzte er und sackte auf den nächsten Stuhl.
Ein Amerikaner namens Gary eröffnete den Reigen persönlicher Bekenntnisse mit den Worten: »Folgendes Szenario: Mal angenommen, ihr lebtet aus beruflichen Gründen in Deutschland, und angenommen, ein Freund, von dem ihr lange nichts gehört habt, ruft euch aus den Staaten an und will euch besuchen …« Nach einer Geschichte skandalöser Ausnutzung und Undankbarkeit fragte er die Gruppe, was er diesem Freund sagen solle. »Streich ihn aus deinem Leben«, sagte der verbitterte, radikale Terry, »wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr!«
»Okay«, Gary kostete diesen Moment aus, »und wenn ich euch jetzt eröffnen würde, dieser ›Freund‹ sei meine Mutter, was würdet ihr dann sagen? Wo läge da der Unterschied?«
Schlagartig machte sich in der Gruppe Betroffenheit breit. Ein Mann, der sich »total euphorisch« fühlte, seit seine Mutter ihn am Sonntag abgeholt hatte, um ihm ein Paar neue Hosen zu kaufen, appellierte an Gary, seine Mutter niemals zu verlassen. Aber es gab auch eine Frau namens Jill, die »einen langen Spaziergang am Fluss« gemacht hatte, »von dem ich eigentlich nicht mehr zurückkommen sollte – na ja, sagen wir mal so, ich bin klatschnass zurückgekommen und hab zu Dr. Pagazzi, den ich wahnsinnig gerne mag, gesagt, das hätte wohl etwas mit meiner Mutter zu tun, und er hat gemeint: ›Damit fangen wir gar nicht erst an.‹« Jill riet Gary, so wie sie jeden Kontakt zu seiner Mutter abzubrechen. Am Ende der Sitzung versuchte der weise Leiter, ein Schotte, die Gruppe vor dieser Flut egozentrischer Ratschläge zu schützen.
»Jemand hat mich mal gefragt, warum Mütter immer genau wissen, auf welchen Knopf sie bei uns drücken müssen«, sagte er, »und ich habe geantwortet: ›Weil sie es ja waren, die uns die Knöpfe eingepflanzt haben.‹«
Alle nickten düster, und Patrick fragte sich, nicht zum ersten Mal, wie es wohl wäre, frei zu sein, ein Leben ohne die Tyrannei von Sucht, Konditionierung und Groll zu führen.
Nach der Selbsthilfegruppe sah er Becky mit hängenden Schultern, verbotenerweise rauchend, barfuß die Treppe hinter der Wäscherei hinuntertappen. Er folgte ihr und fand sie auf einer Stufe zusammengekauert, die riesigen Pupillen in Tränen schwimmend. »Es ist grässlich hier«, sagte sie. »Die wollen mich rauswerfen, weil ich angeblich negativ eingestellt bin. Aber ich bin nur im Bett geblieben, weil ich so deprimiert bin. Keine Ahnung, wo ich hinsoll, zu meinen Eltern zurück, das pack ich nicht.«
Sie bettelte geradezu darum, gerettet zu werden. Warum lief er nicht einfach mit ihr weg und nahm sie mit in sein Einzimmerapartment? Sie zählte zu den wenigen lebenden Menschen, die noch suizidgefährdeter waren als er. Sie könnten als Priory-Flüchtlinge nebeneinander auf dem Bett liegen, von denen sich der eine in Krämpfen wand und die andere sich ritzte. Warum brachte er sie nicht einfach dorthin und ließ sie die Sache für ihn zu Ende bringen? Er würde ihre blauen Venen bandagieren, ihre erbleichenden Lippen küssen. Nein nein nein nein nein. Es ging ihm zu gut, zumindest war er zu alt.

 

Mittlerweile konnte er sich nur noch mit einer bewussten Anstrengung an Becky erinnern. Er hatte schon oft beobachtet, dass seine Obsessionen ihn wie Erröten überkamen, und wenn er sie einfach ignorierte, sah er sie wieder verblassen. Dass er nun Waise war, glich einem Aufwind, der dieses neue Freiheitsgefühl womöglich immer höher trug. Er musste nur den Mut haben, die Chance, die sich ihm dadurch bot, ohne Schuldgefühle zu nutzen.
Patrick ließ sich zu Nicholas und Annette hinübertreiben, neugierig auf das Resultat seiner Kuppelei.
»Stellen Sie sich ans Grab oder neben den Verbrennungsofen«, belehrte Nicholas soeben Annette, »und wiederholen Sie diese Worte: ›Lebewohl, altes Haus. Einer von uns musste als Erster sterben, und ich bin entzückt, dass du es warst!‹ Das ist meine spirituelle Praxis, und Sie können sie gerne übernehmen und in Ihren höchst amüsanten ›spirituellen Werkzeugkasten ‹ legen. «
»Ihr Freund ist wirklich einmalig!«, sagte Annette, als sie Patrick kommen sah. »Nur hat er noch nicht erkannt, dass wir in einem liebenden Universum leben. Und es liebt auch Sie, Nick«, versicherte sie Nicholas und legte ihm, der eine ausweichende Bewegung machte, die Hand auf die Schulter.
»Ich habe Bibesco ja bereits zitiert«, blaffte Nicholas, »und zitiere ihn gerne noch einmal: ›Für den Mann von Welt ist das Universum nichts als ein Vorort.‹«
»Er ist wohl nie um eine Antwort verlegen«, sagte Annette. »Vermutlich witzelt er sich später mal direkt in den Himmel hinein. Sankt Petrus liebt Leute mit Esprit.«
»Ach ja?«, sagte Nicholas, überraschenderweise besänftigt. »Das ist das Beste, was ich je über diesen trotteligen Privatsekretär gehört habe. Als würde das Höchste Wesen einwilligen, die Ewigkeit unter lauter Nonnen, Armen und halbgar gekochten Missionaren zu verbringen und sich seine herrlichen Konzerte durch das Klappern schamanischer Rasseln und das Geschrei der Gläubigen verderben zu lassen, die mit ihrer Kreuzigung prahlen! Welch eine Erleichterung, dass den Pförtner an der Himmelstür endlich ein aufgeklärter Befehl erreichte: ›Schickt uns um Himmelswillen einen geistreichen Gesprächspartner ! ‹ «
Annette betrachtete Nicholas mit mildem Vorwurf.
»Ah«, sagte er und nickte Patrick zu, »ich hätte nie gedacht, dass ich beim Anblick deiner unmöglichen Tante einmal solche Dankbarkeit empfinden würde.« Er hob den Stock und schwenkte ihn in Richtung Nancy. Sie stand in der Tür und wirkte erschöpft vor lauter Hochmut, als werde es ihr zu anstrengend, ständig die Augenbrauen hochzuziehen.
»Hilfe!«, sagte sie zu Nicholas. »Wer sind diese seltsamen Leute ? «
»Zeloten, Moonies, Schamanen, verhinderte Terroristen, religiöse Fanatiker jeder Couleur«, erklärte Nicholas und bot Nancy seinen Arm. »Meide jeden Blickkontakt, halte dich bei mir, dann überlebst du vielleicht und hast hinterher was zu erzählen. «
Als Nancy Patrick sah, fuhr sie ihn wütend an. »Gerade heute hätte die Beerdigung keinesfalls stattfinden dürfen!«, sagte sie.
»Wieso?«, fragte er verwirrt.
»Heute ist die Hochzeit von Prince Charles. Die einzigen Leute, die vielleicht sonst noch gekommen wären, sind in Windsor Castle ! «
»Und du wärst garantiert auch dort, wenn man dich eingeladen hätte«, sagte Patrick. »Schau doch einfach mal mit einem Union Jack und einem Periskop aus Pappe vorbei, wenn du glaubst, dort sei es amüsanter.«
»Wenn ich daran denke, wie man uns erzogen hat«, jammerte Nancy, »es ist doch absolut lächerlich, was meine Schwester mit …« Ihr fehlten die Worte.
»… dem goldenen Adressbuch getan hat«, säuselte Nicholas und umklammerte seinen Gehstock fester, als sie gegen ihn sank.
»Ja«, sagte Nancy, »was sie mit dem goldenen Adressbuch getan hat. «

Edward St Aubyn

Über Edward St Aubyn

Biografie

Edward St Aubyn wurde 1960 in England geboren und wuchs dort und in Südfrankreich auf. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt in Notting Hill, London. Er etablierte sich als einer der wichtigsten englischsprachigen Autoren der Gegenwart mit seinen Romanen um die Familie Melrose. Für »Muttermilch«,...

Pressestimmen

Zuhause Wohnen

»Edward St Aubyns brillante literarische Abrechnung – emotionsgeladen, scharf geschliffen und rabenschwarz – nimmt einem zuweilen den Atem, ist aber Leseglück pur.«

Westdeutsche Allgemeine

»Der Brite Edward St. Aubyn nimmt die stilistische Kurve mit einer sprachlichen Brillanz und tiefen Charakterzeichnung, dass es den Leser vom blanken Entsetzen ins größte Vergnügen und wieder zurück treibt.«

Schweriner Volkszeitung

»Der Roman, brillanter Höhepunkt der Melrose-Saga, ist eine starke literarische Auseinandersetzung mit dem Trauma Familie, ein Meisterwerk und eine funkelnde schwarze Komödie voller tiefer, emotionaler Wahrheit.«

Oberösterreichische Nachrichten

»Edward St Aubyn hat mit dem letzten Teil seiner Melrose-Romane schwarzen Humor neu definiert.«

HörZu

»Mit diesem Roman schließt der Brite St Aubyn seine Melrose-Saga versöhnlich ab – die autobiografisch gefärbte, rabenschwarz ironische Schilder einer aristokratischen Kindheit und Jugend.«

Stern

»Ein sarkastisches Feuerwerk, eine böse schillernde Typenparade, bei der man zwischen bitterem Amüsement und blankem Entsetzen schwankt.«

Ruhr Nachrichten

»Mit bestem schwarzen Humor schildert der Meister-Erzähler in dem brillanten Abschluss-Roman ›Zu guter Letzt‹, der aber auch ohne die Vorgänger zu kennen, köstlich zu lesen ist, die Beerdigung der Ex-Millionärin und Rabenmutter. «

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Spätestens seit er mit ›Muttermilch‹ dem vorletzten Band seiner autobiographisch getönten Melrose- Saga, dem Booker-Preis knapp entkam, ist Edward St. Aubyn, Hochadelsspross und Nestbeschmutzer aus uraltem Geschlecht, ein Liebling der britischen Feuilletons. Schmeichelhafte Vergleiche mit der bissigen Gesellschaftssatire von Evelyn Waugh und Martin Amis sind an der Tagesordnung. (…) Doch für den Ruhm St. Aubyns ist nicht nur seine unleugbare stilistische Meisterschaft verantwortlich, sondern auch das ebenso unleugbare voyeuristische Interesse des Publikums.«

Madame

»Köstlich-lakonische Saga. (…) Witzige und tiefgründige literarische Abrechnung«

Der Spiegel

»Vorsicht: Diese scharfgeschliffene, funkelnde Prosa kann zum Suchtstoff werden.«

Kölnische Rundschau

»Das nennt man wahres Leseglück.«

Neue Zürcher Zeitung

»Ein vollendeter Roman über die Bedingungen des menschlichen Lebens: klar, einfach, tief.«

Der Tagesspiegel

»Stilistisch auf höchstem Niveau.«

Brigitte

»Erbarmungslos pointierte Beobachtungen und rabenschwarzer Humor (...). Klug und wunderbar böse.«

Kulturspiegel

»Schockierend elegant.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein Wunder an Stil, Komik und Esprit.«

Spiegel

»St Aubyns autobiografische Romane gehören zum Besten der Gegenwartsliteratur. Es sind schillernde Wunder an psychologischer Einsicht, Gesellschaftsbeobachtung und Reflexion; sprachlich virtuos, ohne je manieriert zu sein, ironisch und zugleich voller Empathie- und ganz einfach spannend sind sie außerdem.«

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