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Zu den heiligen Quellen des Islam

Zu den heiligen Quellen des Islam

Als Pilger nach Mekka und Medina

Taschenbuch
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Zu den heiligen Quellen des Islam — Inhalt

Unter Hunderttausenden muslemischer Pilger nimmt der Bestsellerautor Ilija Trojanow an der Hadsch teil, der größten Glaubensbezeugung des Islam. Sein spannender, zeitloser Bericht steht in der großen Tradition der Reiseerzählungen über diese Wallfahrt: Ein europäischer Schriftsteller vollzieht die innersten Rituale des Islam. Dabei erlebt er eine mehr als tausend Jahre alte Tradition und eine persönliche Pilgerschaft als Höhepunkt aller Sehnsüchte, als einzigartige Auszeit, so reich an Mühsal und Zermürbung wie an Belohnung und Beglückung.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 19.01.2015
176 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-40569-0

Leseprobe zu »Zu den heiligen Quellen des Islam«

AUFBRUCH

 

Vor der ersten Kontrolle wartete eine lange Schlange von Menschen, die alle gleich gekleidet waren. Die Schlange wand sich durch das Terminal, bis zum Ausgang und darüber hinaus. Wenige Schritte entfernt trennte eine gläserne Wand die Wartenden von ihren Verwandten, die, in den Farben des Alltags gewandet, aufgeregt, ausgelassen, dichtgedrängt Ausschau hielten nach einem letzten Winken, einer letzten Geste der Zuversicht. Draußen war es – obwohl mitten in der Nacht – warm und feucht, drinnen blies der kühle Atem der Klimaanlage, und den [...]

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AUFBRUCH

 

Vor der ersten Kontrolle wartete eine lange Schlange von Menschen, die alle gleich gekleidet waren. Die Schlange wand sich durch das Terminal, bis zum Ausgang und darüber hinaus. Wenige Schritte entfernt trennte eine gläserne Wand die Wartenden von ihren Verwandten, die, in den Farben des Alltags gewandet, aufgeregt, ausgelassen, dichtgedrängt Ausschau hielten nach einem letzten Winken, einer letzten Geste der Zuversicht. Draußen war es – obwohl mitten in der Nacht – warm und feucht, drinnen blies der kühle Atem der Klimaanlage, und den Wartenden war kalt, denn die Männer trugen nur zwei weiße Tücher, das eine um die Hüfte geschlungen, das andere um die Schultern gelegt. Die Frauen waren in ihren langen weißen Kleidern, die ihren ganzen Körper bedeckten, etwas besser geschützt. Draußen, inmitten eines Basars aus Erwartung und Erregung – das Gepäck umringt von Großfamilien, der Weg versperrt von Reissäcken und Körpern –, herrschte laute Festlichkeit, durchsetzt von einem schleichenden Gefühl der Ungewißheit. Drinnen war die feierliche Atmosphäre ausgedünnt: Wir standen in einer einzigen ordentlichen Reihe und schoben unsere Wägen ruckweise voran, ruhig, als wüßten wir, was uns erwartet. Stunden zuvor hatten sie mich zu Hause abgeholt. Sie waren bewegt, überdreht, aufgeregter noch als es Verwandte oder Freunde bei einem solchen Anlaß sind, denn sie selbst hatten mich in den Monaten zuvor auf diese Reise vorbereitet, sie hatten meine Fragen beantwortet und meine Vorfreude mit mir geteilt – sie waren Zeugen meiner Entwicklung zum Pilger gewesen. Sie hatten den Ihram, jene zwei weißen Tücher aus Frottee, für mich gekauft; nun halfen sie mir, ihn anzulegen. Sie umringten mich für das obligate Foto und verscheuchten das Lächeln aus ihren Gesichtern wie ein aufsässiges Kind. Nach einem kurzen einsamen Gebet stand ich mitten im Zimmer und fühlte mich ausgeliefert; die Freunde begutachteten mich, äußerten ihre Zufriedenheit, und doch spürte ich zwischen uns eine gewisse Distanz. Mit dem Anlegen des Ihram war ich in den Zustand des Pilgers getreten und als solcher ihnen nicht mehr gleich. Nicht nur, weil ich in beneidenswerter Weise gesegnet war, für mich galten von nun an in vielem die umgekehrten Regeln als für sie, die »normalen« Gläubigen. Im Ihram war es mir verboten, Haare und Nägel zu schneiden, genähte Kleidung oder Kopfbedeckung, feste Schuhe oder Socken zu tragen, Parfüm zu benutzen, das Gesicht zu verdecken, Geschlechtsverkehr zu haben, Tiere zu töten (von einigen gefährlichen und giftigen Ausnahmen abgesehen), zu kämpfen und zu streiten. Mit dem Ende der Pilgerschaft würde ich zu den Freunden und den gewohnten Normen zurückkehren, ausgezeichnet allerdings als Hadschi, als jemand, dem Respekt gebührt, weil er die Pilgerreise nach Mekka abgeleistet hat. Kannst du das Labbayk* aufsagen? fragte mich einer der Freunde, und ich stimmte die erste Zeile an, etwas zaghaft anfangs, aber zunehmend sicherer, sobald die anderen in meine Rezitation einfielen und wir gemein-sam, im sechzehnten Stock eines Hochhauses in Bombay, den Pilgerruf sprachen: Labbayk, Allahumma, labbayk; labbayk, laa scharika laka, labbayk; inna-l-hamda wa nimata laka walmulk; laa scharika laka! Auf der Fahrt zum Flughafen sammelte ich die Gebetswünsche meiner Brüder ein. Gebete, die für einen Mitmenschen gesprochen werden, sind wirkungsvoller als Gebete, die man ichbezogen formuliert. Am mächtigsten aber sind die Gebete, die für einen anderen Muslim vor der Kaaba in Mekka und am Grab des Propheten (Sallallahu alaihi wa-sallam – saw) in Medina vorgetragen werden. Ich versprach, für die Mutter und die hochschwangere Frau, für die frisch Verheirateten und den jüngst Verstorbenen zu beten. Am Terminal 2, zu dieser Jahreszeit »Hadsch-Terminal« genannt, verabschiedeten wir uns voneinander. Burhan, der mir bei der Vorbereitung sehr geholfen hatte, nahm mich konspirativ zur Seite. Du wirst Sachen erleben, sagte er, die dir seltsam vorkommen werden. Die Hadschis benehmen sich manchmal wie Verrückte. Vielleicht wirst du den Sinn mancher Rituale anzweifeln: das Hinundherlaufen zwischen den Hügeln oder das Bewerfen der Säulen mit Steinen. Und du wirst dich über das Verhalten mancher Hadschis wundern. Aber du mußt verstehen, daß alles aus Liebe geschieht. Der Liebende tut manchmal unvernünftige Dinge, um seine Gefühle zu äußern, um dem Geliebten zu gefallen. Er ist heftig und hemmungslos. Worauf mich Burhan heftig umarmte, und ich mich der Warteschlange anschloß. Zuerst fiel mir die grüne Farbe auf, dann die Aufschrift: Cosmic Travel. Vor mir der Herr mit kleinem Sohn – sein Wohlstand äußerte sich in einem Ihram aus feinem Stoff und einer eleganten Brille – schob einen Wagen mit grünem Gepäck. Eine Familie saß etwas abseits auf dem Boden, umringt von Cosmic-Travel-Taschen. Um mich herum waren viele, die so wie ich eine größere und eine kleinere grüne Tasche mit der Aufschrift des Reisebüros trugen. Wir gehörten alle zu einer Gruppe, wir waren alle abhängig von unseren Reiseleitern, die das Privileg hatten, jedes Jahr auf Hadsch zu fahren. Am vertrautesten von ihnen war mir Hamidbhai, ein Kettenraucher mit Tränensäcken und einer vorstehenden Unterlippe, der beim Reden den Eindruck erweckte, sogleich in den Schlaf der Gerechten zu fallen, selbst wenn es um ihn herum tobte. Er konnte schmunzeln; tief in seinen Augen schlummerte eine grundsätzliche Belustigung über die Menschen und die Welt, die gelegentlich – eher selten – in wachen Witzen zu Tage trat. Es war nicht einfach, ihn auf Anhieb sympathisch zu finden, und es war unmöglich, ihn nach einiger gemeinsam verbrachter Zeit nicht zu mögen. Hamidbhai stand am Check-in-Schalter und dirigierte die Gepäckaufnahme. So leichtbekleidet die Pilger waren, so schwerbeladen machten sie sich auf den Weg. Handel zu treiben während der Hadsch ist seit jeher erlaubt; in vorislamischer Zeit strömten die Beduinen nach Mekka, nicht nur um die Götterschreine, sondern auch um den großen Markt zu besuchen, und der Prophet (saw) – die menschlichen Bedürfnisse mehr bedenkend als viele andere Religionsstifter – erlaubte diese Tätigkeit, die geeignet war, die Reise zu motivieren und zu finanzieren. Die Basmati-Säcke stapelten sich vor dem Air-India-Schalter; die Gepäckwagen waren so überladen, daß sie sich kaum bewegen ließen. Und es waren so viele, daß die nicht handeltreibenden Pilger über Kisten und Säcke steigen mußten, um zum Schalter zu gelangen. Auch in einer Epoche, in der man in wenigen Stunden ganze Zeitzonen überspringen kann, war der Weg nach Mekka mit einigen Hindernissen gepflastert. Hamidbhai überreichte mir eine der besseren Bordkarten. Obwohl bei Hadsch-Flügen formell nicht zwischen Business und Economy unterschieden wird, sind die Sitze auf dem oberen Deck der Boeing 747 stets bequemer; ich freute mich über das Versprechen einer geruhsamen ersten Nacht auf einer Reise, die Schlaflosigkeit garantierte. Ein Mitarbeiter des Reisebüros, der sich von Herzen mit mir gefreut hatte, als ich das Visum erhielt, bat mich inständig um ein Gebet darum, daß es ihm vergönnt sein möge, im nächsten Jahr auf Hadsch zu gehen. Ich nahm die Aufgabe an – es würde reichlich Gelegenheit geben, alle Versprechen einzuhalten. Die anderen Passagiere im Terminal 2 – Geschäftsleute mit Destination Singapur, Yoga-Touristen, die nach Paris heimkehrten – starrten uns an, verblüfft über die Männer in archaischer Bekleidung, die auf ihren Handys letzte Telefonate erledigten, während sie sich in die gewundene Schlange vor der Paßkontrolle einreihten. *** Jede Reise beginnt vor ihrem Antritt, auf die Hadsch aber, die Pilgerfahrt nach Mekka, bereitet sich der Gläubige ein Leben lang vor. Von Kindesbeinen an, wenn er zum ersten Mal vernimmt, daß die Hadsch zu den Pflichten eines jeden Muslim gehört, sehnt er sich danach. Verspürt er die Verpflichtung nicht aus freien Stücken, von innen heraus, so helfen seine Nächsten nach, indem sie ihn wie jeden Muslim, der es sich leisten kann, so lange zur Hadsch drängen, bis er sich in die Notwendigkeit ergibt. Täglich wird ihm mit der Richtung jedes seiner Gebete Mekka vergegenwärtigt. Einmal im Jahr erlebt er die Aufregung und Anspannung beim Aufbruch der Verwandten mit, die er am Flughafen feierlich verabschiedet (früher am Bahnhof, am Hauptmarkt). In den Wochen vor den festgelegten Tagen der Pilgerschaft spricht der Imam in der Khutbah, seiner Predigt am Freitag, von der Bedeutung der Hadsch und von den Pflichten des Pilgers. Das göttliche Gesetz verlangt, erklärt er, daß man seine familiären und geschäftlichen Verhältnisse in Ordnung bringt, bevor man aufbricht. Der Pilger sollte ausreichend Geld für seine Familie hinterlassen, und keine Schulden; selbst wenn sein Nachbar Not leidet, sagt ein Hadith, muß er die Reise aufschieben. Denn die Hadsch ist nicht nur eine individuelle Pilgerschaft, sondern auch eine Versammlung Gleicher, eine Beschwörung der Umma, der muslimischen Gemeinschaft. Am wichtigsten aber ist, daß der Gläubige sich vorab von seinen Lastern und Schwächen befreit (Und verseht euch mit Zehrung; aber wahrlich, die beste Zehrung ist Rechtschaffenheit. 2:197).
Die Hadsch wird ihn zwar von allen Sünden reinigen, aber sie wird nicht einen besseren Menschen aus ihm machen. Wer als Lügner oder Heuchler aufbricht, wird als Lügner oder Heuchler heimkehren. Die Hadsch ist kein Selbstzweck, sie wirkt nicht an sich. Eine falsch durchgeführte Hadsch ist weniger wert als keine Hadsch. Deswegen und weil die Hadsch nicht nur ein Höhepunkt im Leben ist, sondern auch einen beachtlichen finanziellen Aufwand bedeutet, muß der Gläubige lange, manchmal jahrzehntelang, darauf sparen und in dem Jahr vor seinem Aufbruch eine Reihe spezieller Gebete und Rituale erlernen.


* Ich stehe vor Dir, Allah, ich stehe vor Dir; ich stehe vor Dir, es gibt neben Dir keinen, ich stehe vor Dir. Gewiß sind Lob und Segen Dein, und alle Herrschaft; es gibt neben Dir keinen!

Ilija Trojanow

Über Ilija Trojanow

Biografie

Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, floh 1971 mit seiner Familie über Jugoslawien und Italien nach Deutschland und erhielt dort politisches Asyl. Er lebte zehn Jahre in Kenia, fünf Jahre in Bombay, zog 2003 nach Kapstadt und lebt heute in Wien. Von 1985 bis 1989 studierte Ilija Trojanow...

Pressestimmen

Kurier Wien

»Ilija Trojanows Bericht seiner Pilgerreise ist eine Reiseerzählung vom Feinsten - nah und direkt und kritisch, aber weit weg von Gehässigkeit.«

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