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Wunschtag — Inhalt

Es ist Tradition in Nataschas Heimatort Willow Hill: In der dritten Nacht des dritten Monats nach dem dreizehnten Geburtstag kann man drei Wünsche äußern. Der erste ist ein unmöglicher Wunsch. Der zweite ist ein Wunsch, den man sich selbst erfüllen kann. Und der dritte ist der tiefste Wunsch, verborgen im eigenen Herzen. Ein schöner Brauch, findet Natascha, als ihr Wunschtag angebrochen ist. Sie glaubt zwar nicht an Magie, aber was kann schon passieren? Und sie weiß genau, was sie sich wünscht:

1. Der unmögliche Wunsch: dass meine Mutter noch am Leben ist

2. Der Wunsch, den man sich selbst erfüllen kann: dass ich geküsst werde

3. Der tiefste Wunsch, verborgen im eigenen Herzen: dass ich für jemanden etwas ganz Besonderes bin

Was kann schon passieren? 

 

Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Andreas Decker
368 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-492-70449-6
Erschienen am 02.10.2017
Übersetzer: Andreas Decker
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97851-4

Leseprobe zu »Wunschtag«

Kapitel 1


Es war die dritte Nacht des dritten Monats nach Nataschas dreizehntem Geburtstag. Am Himmel leuchtete der Vollmond. Die Winterluft war klar und kalt. Natascha stand vor dem uralten Weidenbaum, der sie hoch überragte. Fast nahe genug, um die eisbedeckten Äste zu berühren. Aber noch fehlten ein paar Schritte bis dorthin.
Gleich.
Vielleicht.
Sie hatte sich noch nicht entschieden.
Ihre Tanten sahen vom Rand der Lichtung zu, vielleicht drei oder vier Meter weit entfernt. Sie waren mit ihr zusammen den Willow Hill, den Weidenhügel, hinaufgestiegen. [...]

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Kapitel 1


Es war die dritte Nacht des dritten Monats nach Nataschas dreizehntem Geburtstag. Am Himmel leuchtete der Vollmond. Die Winterluft war klar und kalt. Natascha stand vor dem uralten Weidenbaum, der sie hoch überragte. Fast nahe genug, um die eisbedeckten Äste zu berühren. Aber noch fehlten ein paar Schritte bis dorthin.
Gleich.
Vielleicht.
Sie hatte sich noch nicht entschieden.
Ihre Tanten sahen vom Rand der Lichtung zu, vielleicht drei oder vier Meter weit entfernt. Sie waren mit ihr zusammen den Willow Hill, den Weidenhügel, hinaufgestiegen. Nicht, dass sie sie darum gebeten hätte. Nicht, dass sie sich die Begleitung gewünscht hätte. Aber als sie oben angekommen waren, ließen sie Natascha allein zum Baum gehen. Außerdem hatten sie aufgehört, sich zu streiten. Sie sprachen überhaupt nicht mehr. Die Stille war eine Erleichterung, aber jetzt, wo der Augenblick gekommen war, machte sie Natascha nervös.
Tu es oder lass es.
Tu es oder lass es.
Es tun … oder es lassen?
Natascha hörte deutlich das Pochen ihres Herzens. Sie spürte das Heben und Senken ihrer Brust. Sie fühlte sich außerordentlich unwohl. Es war genau wie damals in der sechsten Klasse, als sie sich für den Sportunterricht umgezogen hatte und das Gelächter losgegangen war. Als sie aufgeschaut hatte, hatte jeder betont weggesehen. Später hatte sie dann erfahren, dass sie den falschen BH trug. Einen Kinder-BH.
Jetzt war sie in der siebten Klasse und entschlüsselte die Mädchenregeln gut genug, um sich anzupassen. Aber wenn es um den Wunschtag eines Mädchens ging, gab es andere Regeln. Oder vielmehr gar keine. Am Wunschtag eines Mädchens gab es vielleicht eine Torte, eine Party, vielleicht auch einen ganz besonderen Abend in einem schicken Restaurant. Oder es feierte seinen Wunschtag gar nicht. Oder behauptete, es nicht zu tun, und tat es trotzdem. Oder genau andersherum.
Vermutlich unternahmen die meisten Mädchen in ihrer Klasse irgendetwas an ihrem Wunschtag. Selbst wenn sie nicht zu dem Weidenbaum gingen. Natascha dachte da an Kerzen und Schleifen, Hoffnungen und Wünsche, die in kleine, eng beschriebene Briefe gekritzelt waren.
Nataschas beste Freundin Molly hatte dafür nur Verachtung übrig. Sie war eines der wenigen Mädchen aus ihrer Bekanntschaft, die die Idee des Wunschtages unerschütterlich und offen ablehnten. Um ihren Standpunkt klarzumachen, hatte sie ihren Wunschtag Anfang Dezember damit verbracht, die Sockenschublade aufzuräumen.
Sie hatte jedes Paar zusammengerollt und dann aufrecht in die Schublade gestellt. »Das macht sie fröhlich«, hatte sie behauptet.
»Aha«, erwiderte Natascha. »Socken können also auch glücklich sein. Socken. Aber die Vorstellung, dass sich Wünsche erfüllen, ist völlig verrückt, ja?«
»Ja! Gibt es abgesehen von Willow Hill irgendwo auf der ganzen Welt einen Ort, an dem Mädchen einen Wunschtag haben? Nein, weil Wunschtage unsinnig sind. Womit ich deine Urur-was-auch-immer-Großmutter keineswegs beleidigen will.«
»Ihr Name war Nadja«, murmelte Natascha.
»Womit ich Nadja nicht beleidigen will. Aber sie hat sich diese ganze Sache nur ausgedacht!« Molly nahm mehrere tiefe Atemzüge, um sich zu beruhigen (ziemlich offensichtlich beruhigende Atemzüge, weil Molly gern dramatisch war). Dann lächelte sie. »Aber ich weiß, dass dein Wunschtag bald kommt, also weißt du was?«
»Was?«
»Hiermit gebe ich dir die Erlaubnis, am besagten Wunschtag zu tun, wozu immer du Lust hast.« Sie fuchtelte mit der Hand in der Luft herum. »So ist es verkündet, so soll es sein!«
»Ist ja toll. Muss ich mich jetzt bedanken?«
Molly hatte finster die Stirn gerunzelt, ein deutliches »Schäm dich«-Stirnrunzeln. Dann hatte sie gelacht und ihr aus einer dieser übergroßen Plastikröhren Feenstaub auf den Kopf geschüttet. Für den Rest des Tages hatte Natascha Zucker im Haar geschmeckt.
Heute Abend war Nataschas langes Haar zu einem Zopf geflochten, den sie in den Mantel gesteckt hatte. Sie trug einen flauschigen Hut, ihr war trotzdem kalt an den Ohren. Genau wie an Fingern, Zehen und Nasenspitze. Sie schaute den Weidenbaum an. Mondlicht schien durch seine Äste und kleidete sie in einen silbrigen Schimmer. Natascha fröstelte.
»Natascha, entscheide dich«, rief Tante Vera. »Es ist eiskalt.«
»Vera, pst«, tadelte sie Tante Elena. Dann sagte sie mit lauterer Stimme: »Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst, Natascha. Das ist dein Wunschtag, nicht unserer.«
Tante Vera schnalzte mit der Zunge, und so wie es sich anhörte, gab Tante Elena ihr einen Schubs von der Art, wie ihn Schwestern niemals verlernten. Tante Vera und Tante Elena hatten sehr unterschiedliche Ansichten, was die Tradition des Wunschtages anging, und sie waren sich bis zum heutigen Tage nicht einig geworden.
Tante Elena glaubte mit ganzem Herzen an Magie, so wie gewisse Kinder an Magie glaubten. So wie Nataschas jüngste Schwester daran glaubte. Aber Ava war erst elf. Tante Elena war eine Erwachsene.
Nataschas Schwester Darya war zwölf, aber es stand zu bezweifeln, dass Darya jemals an Magie geglaubt hatte. Wie Molly hielt sie den Wunschtag für lächerlich. Nur dass Molly den Humor darin erkannte, vor allem in den Geschichten, die sich darum drehten. »… und dann erfüllte er sich! Sie wünschte sich am Wunschtag ein Kätzchen, und schon am nächsten Tag bekam sie es! Nur dass es eigentlich ein Hund war, wenn man es genau nimmt, und das Mädchen passte lediglich darauf auf, und am Ende hatte sie eine Million Flohbisse. Aber trotzdem!«
Darya war viel zu cool, um über Willow Hills Tradition des Wunschtages zu scherzen – aber vielleicht war es ihr auch einfach zu peinlich, wenn man ihre Familiengeschichte berücksichtigte. Darya teilte Tante Veras Meinung, dass Aberglaube »der Unsinn geistig Minderbemittelter« war. Darya teilte auch noch andere Eigenschaften Tante Veras – gute Eigenschaften, so wie hart sein zu können, wenn es die Situation erforderte.
Aber hätte Natascha die beiden offen miteinander verglichen, hätte Darya energisch widersprochen. Darya wollte keineswegs wie Tante Vera sein, denn Vera war die langweilige Tante. Sie glaubte an einen Geschirrspüler, der streng nach Vorschrift gefüllt wurde, und zwei Untersuchungen beim Zahnarzt im Jahr für Natascha, Darya, und Ava. Gut, es war auch ihre Aufgabe, schließlich zog sie die Kinder zusammen mit Tante Elena groß.
Papa zog sie natürlich ebenfalls groß, aber …
Nun …
Papa war Papa und Mama war fort, also waren Tante Vera und Tante Elena eingesprungen.
Die Tanten waren so unterschiedlich. Tante Elena erschien jünger als die anderen Mütter von Willow Hill, während Tante Vera so schrecklich viel älter erschien. Wäre Mama da gewesen, hätte sie richtig zu den beiden gepasst, so wie in Goldlöckchen und die drei Bären.
Eine flüchtige Erinnerung flatterte am Rand ihrer Gedanken und Natascha verspürte einen tiefen, vertrauten Schmerz. Sie unterdrückte ihn.
Ein Nachtfalke stieß seinen kurzen, rauen Schrei aus und sie schaute auf, verfolgte seinen Flug anhand der weißen Streifen, die die dunkleren Federn seiner Schwingen unterbrachen.
»Natascha!«, rief Tante Elena drängend. Natascha hörte sie herankommen, denn der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln.
»Schatz, du kannst dir doch keine Zeit lassen. Ein Mann, der einen Nachtfalken zu Beginn des Vollmondes sieht, sollte sich sofort etwas wünschen, denn dieser Wunsch erfüllt sich mit Sicherheit.«
»Aber ich bin kein Mann, sondern ein Mädchen«, erwiderte Natascha. »Und habe ich nicht eigentlich drei Wünsche frei?«
»Aber wenn der Nachtfalke eine Runde dreht und zurückkehrt, bevor der Wunsch geäußert wurde, kann der Mann oder das Mädchen sämtliches Glück für die Zukunft abschreiben«, behauptete Tante Elena. Ihre Miene war besorgt.
Tante Vera stapfte auf sie zu. »Elena, hör auf mit diesem Unsinn. Natascha, glaube nicht ein Wort, das sie sagt. Man muss sich nicht schämen, wenn man keine Wünsche hat, das ist dir doch hoffentlich klar.«
»Und trotzdem hast du selbst an deinem Wunschtag drei Wünsche geäußert«, sagte Tante Elena.
»Und könnte ich in der Zeit zurückreisen, würde ich es ungeschehen machen«, erwiderte Tante Vera. »Das ist alles völliger Blödsinn.« Ihre Stimme geriet ins Stocken, als sie das Wort Blödsinn aussprach. Ihre Blicke schweiften unruhig hin und her.
»Geh«, drängte Tante Elena und schob Natascha auf den Weidenbaum zu.
Natascha stolperte vorwärts. Ein süßer Geschmack füllte ihren Mund.
Wie seltsam.
Sie machte einen zweiten Schritt. Eine gefrorene Astspitze strich leicht über ihre Schläfe und der süße Geschmack wurde stärker. Wie Ahornsirup. Oder … Weidensirup? Gab es überhaupt Weidensirup?
Natascha verschränkte die Arme vor ihrem Körper. Sie würde das Darya niemals verraten – oder gar Tante Vera, wenn sie darüber nachdachte –, aber tief in ihrem Inneren wollte sie an Magie glauben. Sie wollte glauben, dass ihre Familie etwas Besonderes war, dass sie selbst etwas Besonderes war. Wäre es nicht wunderbar, wenn das stimmte?
Der Wind strich über die Spitze des Weidenbaums, und viele Eiszapfen schlugen aneinander. Sie klangen wie kleine Glöckchen. Nataschas Herz schlug schneller, denn Mamas Ohrringe hatten immer wie kleine Glöckchen geklirrt. Schon seit Ewigkeiten hatte sie nicht mehr an diese Ohrringe gedacht.
Okay, dachte sie. Okay, dann los.
Sie duckte sich und schob sich durch die Äste, die sich wie ein Vorhang hinter ihr schlossen. Sie berührte den dicken Stamm der Weide. Ihre Sinne kribbelten und in weiter Ferne hörte sie Gebimmel.
(Glöckchen, winzige bimmelnde Glöckchen)
Ihr Atem stockte, denn in einer plötzlichen, überwältigenden Erkenntnis wusste sie, dass Magie tatsächlich existierte. Sie fühlte es in dem Baum. Er strahlte Andersweltlichkeit aus wie ein Licht.
Natascha, grollte die Weide und sprach ohne Worte.
Die Welt fiel von ihr ab. Ihre Tante, ihre Schwestern. Papa. Die ganze Stadt Willow Hill. Alles verblich außer Natascha und der Weide. Es gab keine Zeit. Es gab keinen Raum. Wenn sie atmete, trieben kleine Wölkchen durch die Luft; das war alles.
In Gedanken ging sie noch einmal die Einzelheiten der Tradition durch:
Ein unmöglicher Wunsch.
Ein Wunsch, den sich der Wünschende selbst erfüllen kann.
Und schließlich der sehnlichste Wunsch aus der verborgenen Tiefe ihres Herzens.
Äußerte ein Mädchen diese Wünsche an ihrem Wunschtag, gingen sie in Erfüllung.
Oder auch nicht.
Natascha fühlte sich wie erstarrt; da war mehr als nur etwas Panik. Sollte sie sich der wirklich starken Anziehungskraft des Baumes ergeben oder sich jetzt umdrehen, gehen und jegliche Enttäuschung vermeiden?
Enttäuschung war ebenfalls ein starkes Gefühl. Enttäuschungen taten weh.
Ihre unausgesprochenen Wünsche für sich zu behalten würde eine vernünftige Entscheidung sein, und man erwartete von ihr, vernünftig zu sein. Sie war die vernünftige Schwester, Darya war die hübsche Schwester und Ava war die alberne, überschwängliche einfallsreiche Schwester.
Aber sie war auf den Hügel gestiegen. Sie war hier, es war Vollmond, und die vielen Voraussetzungen, die an diesem Abend zeitlich zusammenkamen, würde es nur ein Mal geben. Ihre Hand blieb gegen den Baum gedrückt.
Nun mach schon, befahl sie sich. Du willst diese Wünsche äußern, das weißt du genau. Du weißt nur nicht, was genau du dir wünschen willst.
Ihre Liste der »unmöglichen Wünsche« war schier endlos. So schön wie Darya zu sein. Oder sogar noch schöner zu sein, ohne deswegen hochnäsig zu werden. Gut in der Schule zu sein, ohne sich dafür Mühe geben zu müssen. Gut in der Schule zu sein, aber nicht dafür verspottet zu werden. Mehr Freunde zu haben. Weniger Verantwortung. Sich nicht immer wie eine Erwachsene verhalten zu müssen, wo sie doch erst in der siebten Klasse war. Nicht so sehr von ihren Tanten und Papa und ihren Schwestern gebraucht zu werden …
Nein, halt!
Das hatte sie nicht so gemeint. Sie war ein schreckliches Mädchen. Natürlich wollte sie von ihrer Familie gebraucht werden.
Das nehme ich zurück, dachte sie. Sie legte die andere Hand ebenfalls auf die Weide und drückte die Stirn gegen die kalte Rinde. Sie ließ zu, dass sie sich an den dunklen Ort in ihrem Inneren begab, einen zarten und wahrhaftigen Ort, und sprach, bevor sie den Mut verlor.
»Ich wünsche mir, dass Mama noch lebt.« Ihre Stimme war dünn und leise.
Die Aufregung machte sie schwindelig und schnell sprach sie ihren zweiten Wunsch aus.
»Ich wünsche mir … ich wünsche mir, geküsst zu werden«, sagte sie und ärgerte sich auf der Stelle über sich selbst. Denn das war eine echte Verschwendung! Es war ihr völlig egal, ob sie geküsst wurde oder nicht. Zwar hätte sie sich dafür interessieren sollen, denn sie war schließlich dreizehn und ein Mädchen, und es gab einige Jungs, die auf beunruhigende Weise süß waren. Wie Benton Hale. In letzter Zeit war er ihr auf eine ganz neue Weise aufgefallen, die sich völlig davon unterschied, wie sie über ihn gedacht hatte, als sie beide sieben Jahre alt gewesen waren und sich gegenseitig mit Klebstoff beschmiert hatten.
Da waren zum Beispiel die hellen Härchen in seinem Nacken. Er war im Footballteam und bei den Ringern und er ging mit einem frechen Schritt durchs Leben. Aber diese flaumigen Härchen ließen ihn verletzlich erscheinen – erst recht, weil er sich ihrer garantiert nicht bewusst war.
Aber sie war nicht hier, um über Benton nachzudenken. Sie war hier, um ihren dritten Wunsch zu äußern. Den sehnlichsten Wunsch aus der verborgenen Tiefe ihres Herzens. Ihr Magen verkrampfte sich. Kannte sie den sehnlichsten Wunsch aus der verborgenen Tiefe ihres Herzens überhaupt? Woher sollte sie ihn kennen? Wie konnte sie ihn kennen, wenn er doch verborgen war?
Sei still, Kind, schien die Weide zu sagen.
Natascha verspürte Empörung. Sie war kein Kind. Wie konnte man ein Kind sein, wenn man um jeden Preis zu verhindern hatte, dass die Familie auseinanderbrach? Sie deckte den Frühstückstisch, während Tante Vera Eier und Schinken briet. Sie half Ava mit den Hausaufgaben. Sie saugte Staub, bevor Tante Elena sie darum bat, und sie war diejenige, die daran dachte, neue Staubsaugertüten zu kaufen, wenn sie ihnen ausgingen. Papa bekam einen Ausschlag, wenn seine Kleider nicht mit dem richtigen Waschmittel gewaschen wurden, also war es auch ihre Aufgabe, das besondere Waschmittel zu kaufen. Und um Himmels willen, sie war diejenige, die am Winteranfang den Heizungsfilter ersetzt hatte. Den Heizungsfilter! Welches »Kind« tat denn so etwas?
Die Weide summte. Nataschas Großmutter hatte als Kind darunter gespielt, genau wie die Großmutter ihrer Großmutter, und es war ihre Urururgroßmutter gewesen, die sie gepflanzt hatte. Zumindest erzählte man sich das. Natascha war sich nicht sicher, was die Einzelheiten anging. Aber so lange sie sich zurückerinnern konnten, hatten alle Mädchen aus ihrer Familie hier am Wunschtag ihre Wünsche geäußert.
Sie hielt die Hände weiter gegen den Baumstamm gedrückt.
Konzentriere dich wieder auf die Dinge, die wichtig sind, wisperte eine leise Stimme ihr zu. Diesmal war es ihre eigene, stellte sie fest. Nicht den Kuss, was blöd war. Dring zum Herz der Dinge vor.
Du weißt schon.
Tränen brannten in Nataschas Augen, und einen winzigen Augenblick lang ließ sie zu, dass sie sich selbst leidtat. Sie hielt die Dinge doch so gut zusammen. Sie arbeitete schwer, war immer fleißig und kümmerte sich um andere. Niemals beschwerte sie sich.
»Was würden wir nur ohne dich tun?«, pflegte Papa oft zu sagen, legte seine Hand auf ihre Schulter und lächelte sein ewig müdes Lächeln.
Diese Frage war nie ernst gemeint. Mit Sicherheit erwartete er keine Antwort. Aber manchmal stellte sich Natascha vor … einfach wegzugehen. Nicht zu verschwinden! Nun ja, vielleicht doch zu verschwinden, aber nur für einen Tag, damit ihre Abwesenheit ihn zu der Erkenntnis zwingen würde, wie sehr er sie brauchte. Das Gleiche galt für ihre Schwestern und ihre Tanten.
Obwohl, nein. Es war nahe dran, andererseits traf es nicht genau zu, denn es war ja nicht so, dass man nicht sah, wie sehr sie allen half. Das taten sie. Das Problem war, dass man kaum etwas anderes sah.
So wie die Leute in der Stadt sahen, wie höflich sie doch war. Ihre Lehrer sahen, wie sie sich in die Arbeit hineinkniete. Selbst Molly sah nur eine Version von ihr, die nicht ganz vollständig war. Molly war eine gute Freundin. Sie hatten viel Spaß zusammen. Würde sie an einer Brücke hängen und gleich abstürzen, würde Molly versuchen, sie zu retten, selbst wenn das bedeutete, sich dadurch selbst in Gefahr zu bringen. Jedenfalls vermutlich.
Aber gelegentlich kollidierte sie mit etwas in Molly, mit dem sie einfach nicht umgehen konnte. So fragte sie sich, wie sehr es Molly genoss, die beste Freundin dieses »armen Mädchens, das seine Mutter verloren hat« zu sein.
Zum Beispiel kümmerte Molly sich ständig um Nataschas Äußeres. Zog ihre Bluse zurecht oder wies sie an, ihren Pferdeschwanz zu richten, weil es Knoten im Haar gab. Einmal hatte sie ihr mit einem lauten Flüstern aufgetragen, »ihr Deo aufzufrischen – nichts für ungut!«.
Nachdem sie Nataschas Ausdruck bemerkt hatte, war sie beschämt gewesen. »Entschuldige, es ist nur … so drückt das meine Mom aus, wenn sie meint, dass ich verschwitzt rieche. Und das ist mir total peinlich, aber ich würde es lieber wissen, als es nicht zu wissen. Du nicht?«
Sofort hatte sich Natascha schuldig gefühlt. Natürlich würde sie es lieber wissen wollen. Auf keinen Fall wollte sie das stinkende Kind sein! Aber es laut ausgesprochen zu hören war ebenfalls peinlich gewesen. Das war alles.
Aber! Sie war nicht nur die »arme Natascha«. Sie war nicht nur die verantwortliche Natascha oder die höfliche Natascha und auch nicht die lerneifrige Natascha. An ihr war viel mehr als alles das.
Die Gedanken und Gefühle, mit denen sie kämpfte, kamen mit plötzlicher Klarheit zusammen.
Sie wollte nicht verschwinden. Sie wollte gesehen werden.
Also. Ihr dritter und letzter Wunsch.
»Ich wünsche mir, ich wäre für jemanden etwas Besonderes«, flüsterte sie dem Baum zu. »Nicht für alle. Nur für eine Person.« Sie hielt den Atem an. Sie schloss die Augen.
Für jemanden, der alle Seiten von mir wahrnimmt, fügte sie stumm hinzu.
Sie öffnete die Augen und nahm die Hände von der Weide. Ihre Wangen waren taub und sie wollte sich die aufgesprungenen Lippen lecken, tat es aber nicht. Das machte es nur noch schlimmer, das wusste sie.
»Natascha?«, hörte sie. Das war Tante Elena.
»Natascha!«, rief Tante Vera.
Andere Laute wurden ihr wieder bewusst. Äste raschelten. Holz ächzte. Irgendwo bellte ein Hund und wollte sich nicht beruhigen.
Sie blinzelte sich zurück in ihre Welt. Sie musterte den Stamm der Weide, der mit zahllosen Spalten und Furchen übersät war. Sie legte den Kopf nach hinten und blickte in den sternengefüllten Himmel, der zwischen den silbernen Ästen in kleinen, unregelmäßigen Ausschnitten sichtbar war.
Sie fühlte, wie die Magie verschwand. Die Weide war nur eine Weide und Natascha war nur Natascha. Sie kam sich albern vor.
Sie schob sich durch den Blättervorhang und betrat die Lichtung.
Es war vollbracht.

Über Lauren Myracle

Biographie

Lauren Myracle, 1969 in North Carolina geboren, lehrte mehrere Jahre Englisch und Kreatives Schreiben an der Universität und am College, bevor sie ihre Leidenschaft zum Beruf machte und sich ganz dem Schreiben widmete. Zahlreiche ihrer Kinder- und Jugendromane wurden zu Bestsellern.

Unser Blog zu Lauren Myracle

Pressestimmen

goood-reading.blogspot.de

»›Wunschtag‹ ist ein Buch zum Träumen. Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit einer blühenden Fantasie kommen hier voll auf ihre Kosten.«

lovinbooks.de

»Auch ich möchte gerne an Magie glauben. Zumindest glaube ich an die Magie der Bücher und dieses wundervolle Exemplar ist voll davon!«

Kommentare zum Buch

Wunschtag
Enya Platzer am 14.11.2017

Die Leseprobe finde ich sehr toll, weil sie neugierig macht. 

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