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Wunderherzen

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Roman

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Wunderherzen — Inhalt

Schon immer treffen sich Kirsty, Clare, Janice und Patsy regelmäßig in ihrem Lieblingscafé in Ballyfergus. Sie haben gemeinsam geweint, vor Kummer wie vor Glück, unzählige Tassen Tee und ebenso viele Gläser Wein geleert. Doch jetzt wird die Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe gestellt: Die verwitwete Kirsty verliebt sich in den falschen Mann. Patsys Tochter macht ein erschütterndes Geständnis. Janice muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Und Clare will ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzt von: Ursula C. Sturm
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98014-2

Leseprobe zu »Wunderherzen«

Leseprobe

Kapitel 1

Es heißt, die Zeit heile alle Wunden, doch Janice Kirkpatrick wusste, dass das nicht stimmte. Auch heute noch erinnerte sie sich schmerzlich an jede einzelne Minute jenes Neujahrsfestes damals, kurz nach ihrem elften Geburtstag. Sie biss sich auf die Unterlippe, schloss die Augen und verdrängte die Gedanken daran, genau wie sie es die vergangenen siebenundzwanzig Jahre getan hatte.

Dann zwang sie sich, wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Es war der einunddreißigste Dezember, und sie hatte sich mit ihren drei besten Freundinnen [...]

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Leseprobe

Kapitel 1

Es heißt, die Zeit heile alle Wunden, doch Janice Kirkpatrick wusste, dass das nicht stimmte. Auch heute noch erinnerte sie sich schmerzlich an jede einzelne Minute jenes Neujahrsfestes damals, kurz nach ihrem elften Geburtstag. Sie biss sich auf die Unterlippe, schloss die Augen und verdrängte die Gedanken daran, genau wie sie es die vergangenen siebenundzwanzig Jahre getan hatte.

Dann zwang sie sich, wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Es war der einunddreißigste Dezember, und sie hatte sich mit ihren drei besten Freundinnen Clare, Patsy und Kirsty im Badezimmer eingeschlossen. Unten war die Party in vollem Gange, und im Moment ließ ein Glam-Rock-Hit aus den Siebzigern die dicken Mauern ihres Hauses erbeben.

»Okay, Zeit für die Neujahrsvorsätze«, verkündete die blonde, gertenschlanke Patsy von ihrem Platz auf dem Bidet aus. »Wer will als Erste?« Sie hickste, und die anderen kicherten.

Janice, die mit einem Champagnerglas in der Hand in der leeren Löwenfußbadewanne lag, fühlte sich plötzlich unwohl in ihrer Haut. Es war nicht ihre Art, gute Vorsätze zu fassen, und schon gar nicht vor Publikum.

»Muss man die nicht für sich behalten?«, fragte Clare, die auf dem zugeklappten Toilettendeckel saß und mit fünfunddreißig die Jüngste im Bunde war. Sie gehörte zu den Frauen, die mit dem richtigen Make-up absolut atemberaubend aussehen können, und Janice hatte sie im Laufe der Jahre schon oft entsprechend beraten und ermutigt, doch Clare war einfach nicht der Typ für glamouröse Auftritte. Heute trug sie ein schlichtes schwarzes Kleid und halbhohe Pumps, und einzig eine mit Strasssteinen besetzte Spange in ihrem streng zurückgekämmten braunen Haar zollte dem festlichen Anlass Tribut.

»Ach, was«, tat Patsy den Einwand mit einer Handbewegung ab und kippte sich dabei beinahe den Champagner auf ihren Bleistiftrock. »Wenn schon wir vier einander keinen reinen Wein einschenken können« – sie hickste erneut –, »wem dann?«

Janice konnte dem Jahreswechsel und dem damit einhergehenden Hang zu nostalgischer Retrospektive nicht viel abgewinnen, und sie hatte noch nicht genug getrunken, um ihre düsteren Gedanken zu verdrängen. Die rauschende Silvesterparty, die sie alljährlich veranstaltete, hatte nur einen einzigen Zweck, nämlich den, jedwede deprimierende Sentimentalität im Keim zu ersticken. Doch Janice war sich bewusst, dass ihre Freundinnen den Jahreswechsel ungleich optimistischer sahen als sie, und sie wollte keine Spielverderberin sein.

»Warum fängst du nicht an?«, sagte sie zu Kirsty, die im Schneidersitz auf der aus Thailand importierten Wäschetruhe aus massivem Teakholz thronte, und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: »Eigentlich weiß ich schon, wie dein Vorsatz lauten sollte.«

»Ach, ja? Lass mich raten: Du findest, es ist an der Zeit, dass ich mir einen Mann suche, richtig?« Kirsty verdrehte ihre leuchtend grünen Augen. Im Gegensatz zu Clare war sie dank ihrer natürlichen Schönheit nicht auf ein raffiniertes Make-up angewiesen. Sie war lediglich mit Wimperntusche und etwas Lipgloss geschminkt und sah umwerfend aus in ihrem Neckholder-Kleid, das von derselben Farbe war wie ihre Augen und ihr schulterlanges rötliches Haar hervorragend zur Geltung brachte. Wäre sie eine Spur dünner und ein paar Zentimeter größer gewesen, hätte sie durchaus das Zeug zum Model gehabt.

»Na ja, ich würde mir zumindest für dich wünschen, dass du dich ein bisschen amüsierst und mal wieder mit ein paar Männern ausgehst.«

»Da hat Janice recht«, warf Patsy ein. Sie war die älteste von ihnen und betrachtete sich gern als eine Art Kummerkastentante. »Es täte dir bestimmt ganz gut, wenn du mal ein paar neue Leute kennenlernen würdest«, sagte sie mit gespielter Harmlosigkeit, und ihre graugrünen Augen funkelten dabei wie die See an einem bewölkten Tag. Mit »Leute« waren natürlich Männer gemeint. Sie setzte sich aufrecht hin, sodass die graue Satinbluse über ihrem üppigen Busen spannte.

Kirsty seufzte leise. »Ihr habt ja recht.« Ihre Augen glänzten verdächtig, und Janice bereute es sofort, das Thema angesprochen zu haben. Doch Kirsty räusperte sich, hob ihr Glas und gelobte artig: »Also gut, ich nehme mir für das kommende Jahr vor, dass ich … wieder mehr ausgehen und mich mit Männern verabreden werde.«

»Das ist zu allgemein«, bemängelte Clare.

Kirsty ließ die Hand sinken und blickte fragend zu Janice und Patsy. »Wie würdet ihr es denn formulieren?«

»Clare hat recht«, sagte Janice. »Du musst schon etwas konkreter werden. Wie wär’s zum Beispiel, wenn du dir vornimmst, mit mindestens zehn Männern auszugehen?«

»Zehn?«, wiederholte Kirsty entgeistert.

»Jetzt übertreib mal nicht, Janice«, japste auch Patsy und verschluckte sich beinahe an ihrem Champagner. »Wo soll sie denn bitte schön zehn anständige Männer hernehmen? Hast du dir schon mal überlegt, was in Ballyfergus als heiratsfähiger Junggeselle durchgeht?«

»Auch wieder wahr.« Janice kicherte. »Okay, dann eben fünf.« Patsy schnaubte erneut, und Janice verdrehte die Augen. »Also gut, vier. Einer pro Vierteljahr. Das sollte doch zu schaffen sein, oder? Es sei denn, du lernst gleich beim ersten Mal deine neue große Liebe kennen, dann sind die anderen drei Dates natürlich hinfällig.«

»Schön wär’s.« Kirsty lächelte schief. »Also, meinetwegen«, fuhr sie dann etwas optimistischer fort, »ich werde dieses Jahr mit mindestens vier Singlemännern ausgehen.«

»Sehr gut, Kirsty«, lobte Patsy.

»Dann ist jetzt die Nächste dran!« Kirsty klang so erleichtert, als hätte sie soeben einen unangenehmen Zahnarztbesuch hinter sich gebracht.

»Kirsty, sei so gut und gib mir noch einen Schluck.« Janice schwenkte ihr leeres Kristallglas. Kirsty griff nach der Flasche Bollinger, die unter einem Berg Eiswürfeln im Waschbecken lag, und schenkte ihr nach.

»Danke, Süße.«

»Sonst noch jemand?«, fragte Kirsty und füllte auf das zustimmende Gemurmel ihrer Freundinnen hin die Gläser auf, mit jener übertriebenen Vorsicht, die so typisch ist für leicht angetrunkene Menschen. Dann deponierte sie die Flasche wieder im Waschbecken, neben der, die sie bereits geleert hatten.

»Was ist denn zum Beispiel mit dir, Patsy?«, fragte Kirsty. »Was nimmst du dir für das neue Jahr vor?«

»Na ja, wie ihr wisst, wollte ich immer mal eine Safari in Afrika machen.«

»Ja!«, rief Clare. »Davon hast du schon damals gesprochen, als wir uns im Malkurs kennengelernt haben. Wie lange ist das jetzt her?«

»Im September werden es fünfzehn Jahre«, sagte Janice wie aus der Pistole geschossen. Auch sie hatte sich seinerzeit zu dem Kurs angemeldet. Sie war damals neu in Ballyfergus, jener geschäftigen Hafenstadt an der Küste der irischen Grafschaft Antrim, und hatte sich erhofft, auf diese Weise rasch Anschluss zu finden.

»Du hast ein gutes Gedächtnis«, staunte Clare.

Janice lächelte. Es stimmte – leider. Wie oft sehnte sie sich danach, manche Erinnerungen einfach auszulöschen, so, wie man es heutzutage mit Digitalfotos tun konnte.

»Das sollten wir feiern«, beschloss Clare mit feierlichem Ernst. »Es ist schließlich etwas Besonderes, so lange befreundet zu sein, oder etwa nicht?«

»Gute Idee! Was haltet ihr von einem Wochenendtrip nach London?«, schlug Patsy vor.

»Oder nach New York!«, rief Janice. »Denkt doch nur an die vielen Shoppingmöglichkeiten!«

»Immer langsam«, bremste Clare sie mit einem nervösen Lachen. »Nicht alle hier haben eine Platin-Kreditkarte.« Sie lief rot an, und Janice schämte sich erneut für ihre Gedankenlosigkeit. Clare war Hausfrau und Mutter zweier kleiner Kinder, und ihr Mann Liam verdiente sich als Buchhalter bestimmt nicht gerade eine goldene Nase.

»Hm, Clare hat recht«, grübelte Patsy, die Stirn in Falten gelegt. Sie stützte das Kinn in die Hand und schürzte nachdenklich die Lippen. Dann richtete sie sich auf und rief: »Ich weiß, was wir machen! Wir könnten bestimmt in der Wohnung meines Schwagers Eamonn in London übernachten. Die steht an den Wochenenden leer. Er hat es Martin und mir schon mehrmals angeboten.«

»Und du meinst wirklich, er hätte nichts dagegen, wenn wir zu viert dort einfallen würden?«, fragte Kirsty vorsichtig.

»Aber nein!« Patsy lachte.

»Wir könnten einen von diesen Billigfliegern nehmen.« Clare knabberte nachdenklich am Nagel ihres kleinen Fingers.

»Also gut, abgemacht«, sagte Janice entschieden.

»Großartig! Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.« Patsy erhob sich etwas wackelig und strich sich den Rock glatt, der über ihre schlanken Hüften hochgerutscht war. »Ich werde Eamonn gleich mal fragen, ob das in Ordnung geht. Er ist heute auch hier.«

»Moment, Moment«, rief Kirsty. »Bis jetzt bin ich die Einzige, die einen Vorsatz gefasst hat. Was ist mit euch?«

»Hoppla.« Patsy ließ sich wieder auf den Bidetdeckel plumpsen und grinste. »Das hatte ich schon ganz vergessen.«

»Du hast doch vorhin von der Safari gesprochen«, erinnerte sie Clare, die als Einzige so wirkte, als könnte sie noch einigermaßen klar denken. Doch das konnte auch täuschen – Clare erweckte selbst mit reichlich Alkohol im Blut oft noch einen relativ nüchternen Eindruck.

»Ach, richtig«, rief Patsy begeistert. »Davon habe ich schon als kleines Mädchen geträumt. Martin und ich feiern im September unseren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag. Es soll eine Art zweite Hochzeitsreise werden, wobei wir im Grunde genommen gar keine richtige erste hatten.« Sie starrte mit einem hintergründigen Lächeln ins Leere.

»Wo wart ihr denn in den Flitterwochen?«, wollte Kirsty wissen.

»Im Seengebiet von Fermanagh.«

»Klingt romantisch.«

»War es auch.« Patsy zwinkerte Kirsty vielsagend zu, sodass diese errötete. »Für luxuriöse Auslandsreisen hat uns damals das Geld gefehlt. Wir haben beide nicht viel verdient, und Martin war gerade erst stellvertretender Filialleiter seiner Bank geworden. Die ersten vier Jahre unserer Ehe haben wir nur für unser Haus gespart, und dann bin ich schwanger geworden. Wir hatten nie das nötige Kleingeld für eine exotische Reise. Und wenn dann auch noch Kinder dazukommen, gibt man nun mal jeden Penny für sie aus, stimmt’s?«

Kirsty nickte energisch. »Das kannst du laut sagen.«

»Aber jetzt werden wir uns endlich etwas gönnen«, fuhr Patsy verträumt fort. »Ich weiß, es wird teuer, aber ich lege schon seit Langem etwas von dem Geld beiseite, das die Galerie abwirft. Hach, das wird toll!«

»Weiß Martin es schon?«, fragte Janice, von Patsys Begeisterung angesteckt.

»Das ist es ja gerade – er hat keine Ahnung. Ich werde ihn damit überraschen, wenn alles gebucht ist.«

»Aber er wird sich impfen lassen müssen«, gab die reiseerfahrene Janice zu bedenken. »Spätestens da wird er Verdacht schöpfen.«

»Na, dann verrate ich ihm eben wenigstens nicht, wo wir hinfahren. September ist für Botswana die ideale Reisezeit, da regnet es nicht so oft.«

»Dann werden wir wohl danach nach London fliegen müssen«, sagte Janice. »Vielleicht im Oktober.«

Kirsty sah zu Clare. »Und, was nimmst du dir fürs neue Jahr vor?«

»Ich werde wieder anfangen zu malen«, erwiderte Clare, als hätte sie nur auf die Frage gewartet. »Und zwar nicht hobbymäßig, sondern diesmal ernsthaft.«

Einen Augenblick herrschte Stille.

»Clare McCormack, du bist einfach immer für eine Überraschung gut«, stellte Patsy verblüfft fest. »Das hast du uns ja noch gar nicht erzählt.«

»Ich habe es schon eine ganze Weile vor«, erklärte Clare, den Blick auf ihr leeres Glas gerichtet. Es klang wie ein Geständnis. »Ich habe lange genug die Mutti gespielt, jetzt ist es allmählich an der Zeit, dass ich mich mal wieder in die Welt da draußen wage.«

Spätestens jetzt war Patsys Interesse als Kunstkennerin und Galeriebesitzerin geweckt, ungeachtet dessen, dass auch sie schon ziemlich einen in der Krone hatte. »Und, hast du vor, deine Bilder zu verkaufen?«

»Meinst du denn, ich bin gut genug?«, fragte Clare eine Spur zu hastig. Ihr mangelndes Selbstbewusstsein ließ sie erneut erröten.

»Natürlich! Du bist eine großartige Malerin!«, rief Patsy und fügte hinzu: »Die Aquarelle, die du gemalt hast, bevor die Kinder kamen, sind bei der jährlichen Kunstausstellung immer weggegangen wie warme Semmeln.«

Janice nickte bestätigend.

»Schon, aber damals habe ich das noch ziemlich … amateurhaft betrieben«, winkte Clare ab. »Jetzt möchte ich versuchen, damit Karriere zu machen.«

»Was dir garantiert gelingen wird, nicht wahr, Mädels?« Kirsty blickte Zustimmung heischend von einer zur anderen.

Alle nickten. »Womöglich wirst du der neue Sam McLarnon«, sagte Janice. McLarnon war ein hoch angesehener ortsansässiger Aquarellmaler, der sich wie Clare auf Motive an der Ostküste von Antrim spezialisiert hatte.

»Pfff. Ich wäre schon froh, wenn ich nur halb so gut wäre wie Sam«, winkte Clare ab.

Sie unterhielten sich eine Weile über die Preise, die McLarnons Bilder erzielten, doch Janice hörte nur mit halbem Ohr hin. Sie würde als Nächste mit ihrem Neujahrsvorsatz herausrücken müssen, und sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Clares ehrgeiziger Plan führte ihr wieder einmal die Nutzlosigkeit ihres Daseins vor Augen. Gute Vorsätze fasste sie schon aus Prinzip nicht, denn eines wusste sie aus eigener Erfahrung: Das Leben war wie ein langer Ritt auf dem Surfbrett – man musste jede Welle nehmen, wie sie kam, musste versuchen, sich nicht abwerfen zu lassen und nicht unterzugehen. Genau so hatte sie es schon immer gemacht. Das Schicksal verteilte die Karten, und es war töricht, ja geradezu anmaßend, zu glauben, man könnte tatsächlich Einfluss darauf nehmen.

Der Blick in die Zukunft war ihr mindestens so zuwider wie der Blick zurück. Sie hatte schon vor Langem festgestellt, dass man am besten fuhr, wenn man wie ein Kind ganz im Hier und Jetzt lebte. Wer gute Vorsätze fasste, ging davon aus, dass man das Leben kontrollieren konnte, und Janice wusste, dass das ein Trugschluss war.

Doch sie würde sich hüten, ihre fatalistischen Ansichten vor Patsy, Clare und Kirsty kundzutun, zumal sich gerade heute alles darum drehte, optimistisch und voller Hoffnung in die Zukunft zu blicken.

»Du bist dran, Janice«, sagte Clare wie auf ein Stichwort.

»Äh, ich …« Janice räusperte sich. »Ich werde dieses Jahr … ein neues Projekt angehen.«

Die anderen warteten schweigend auf weitere Details; Patsy nickte ihr aufmunternd zu.

Zum Glück klopfte es in diesem Augenblick an die Tür. »Janice! Bist du da drin?«, ertönte eine Männerstimme.

»Ja, Keith!«, antwortete sie hastig.

Ihre Freundinnen kicherten wie Teenager, die man hinter dem Geräteschuppen der Schule beim Rauchen erwischt hat.

»Wer ist denn da bei dir?«, fragte Keith. Er klang verärgert.

»Nur meine Mädels, Keith«, rief Janice.

»Du bist schon seit einer Ewigkeit verschwunden. Die Leute fragen schon nach dir.«

Janice warf einen Blick auf die goldene Rolex an ihrem Handgelenk und flüsterte theatralisch: »Mist! Schon so spät?« Sie rappelte sich auf, zog sich ihr langes schwarzes Samtkleid über die Knie und kletterte umständlich aus der Wanne. »Wir kommen gleich!« Sie schob ihre Freundinnen zur Tür. »Los, los, es ist schon nach elf.«

Die vier verließen etwas kleinlaut im Gänsemarsch das Bad. Keith erwartete sie mit einem kühlen Lächeln. Er war zweiundfünfzig, vierzehn Jahre älter als Janice, hatte aber nach wie vor die Statur eines Rugbyspielers – breite Schultern, muskulöse Arme und kräftige Beine. Seine grauen Schläfen und das sonnengebräunte Gesicht machten ihn zu dem, was man gemeinhin einen attraktiven Mann nennt. Er trug ein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, dazu dunkelblaue Jeans und einen schokoladenbraunen Gürtel, dessen Farbton exakt zu seinen Velourslederschuhen passte.

Er bedeutete den anderen Frauen mit einer Handbewegung, vorauszugehen, dann dirigierte er Janice am Ellbogen in Richtung Treppe und flüsterte: »Was habt ihr denn da drin die ganze Zeit getrieben?«

»Nicht so schnell, Keith.« Janice schüttelte seine Hand ab. »Ich kann in diesen hohen Schuhen kaum gehen.«

»Du kannst dich doch nicht einfach so absetzen und mich mit den Gästen allein lassen!«

Janice blieb am Treppenabsatz stehen. Von unten drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr, durchsetzt vom rhythmischen Beat der dröhnend lauten Musik. Mit Stö­ckelschuhen war Janice etwa gleich groß wie Keith, und ein Blick in seine sanften haselnussbraunen Augen machte ihr klar, dass er nicht wirklich richtig sauer war, nur etwas verstimmt. »Entschuldige«, sagte sie. »Mir war gar nicht klar, dass wir schon so lange im Bad waren.«

»Wie dem auch sei, du vernachlässigst die anderen Gäste.«

Die anderen Gäste waren ihr eigentlich ziemlich egal. Sie wollte sich mit ihren Freundinnen amüsieren. Die meisten Anwesenden waren Geschäftskontakte ihres Mannes – gut betuchte Anwälte, Ärzte und dergleichen mehr. Alles, was in Ballyfergus Rang und Namen hatte. Sie fühlte sich unwohl in der Gegenwart dieser Leute und kam sich geistig unterlegen vor, auch wenn sie das Keith gegenüber nie und nimmer zugegeben hätte.

»Wozu haben wir denn den Partyservice engagiert?« Sie hatten eine Cateringfirma damit beauftragt, die Gäste mit Essen und Getränken zu versorgen.

»Darum geht es nicht, Janice. Es ist unhöflich, wenn die Hausherrin ihre Gäste sich selbst überlässt.«

Janice öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, schloss ihn dann aber schnell wieder. Er hatte natürlich recht. Wie an jedem einzelnen Tag in den vergangenen fünfzehn Jahren rief sie sich in Erinnerung, was sie ihm alles verdankte. Während er selbst kaum je einen Gedanken daran zu verschwenden schien, richtete Janice ihr gesamtes Tun und Denken danach aus. Sie war ihm unendlich dankbar, und es störte sie nicht im Geringsten, dass sie so tief in seiner Schuld stand. Auch wenn sie sich dessen ständig bewusst war.

»Janice?«

»Hm?«

»Woran hast du gerade gedacht?«

»An nichts, ich …« Sie lächelte. »Tut mir leid, du hast recht, das war unhöflich von mir. Komm, lass uns runtergehen.«

»Warte.« Er streifte ihr eine kastanienbraune Locke von den Schultern. »Habe ich dir schon gesagt, wie toll du heute Abend aussiehst?«

»Danke«, erwiderte sie automatisch mit einem aufgesetzten Lächeln. Er hatte sie mit seinen zahlreichen Komplimenten so verwöhnt, dass sie inzwischen schon gar nicht mehr richtig hinhörte, wenn er ihr sagte, dass er sie liebte oder schön fand. Nicht, dass sie an der Aufrichtigkeit seiner Worte gezweifelt hätte. Doch sie prallten an ihr ab wie Pfeile, die für ein anderes Ziel bestimmt waren. Sie hatte sie nicht verdient.

»Janice! Keith!«, ertönte Patsys Stimme vom Fuß der Treppe. »Kommt runter! Das müsst ihr euch ansehen. Beeilt euch!«

»Dann mal los.« Ohne sich noch einmal umzudrehen, trat Janice vorsichtig den Weg nach unten an. Kaum war sie im Erdgeschoss angekommen, zog Patsy sie an der Hand hinter sich her in das geräumige Wohnzimmer. Als Janice einen Blick über die Schulter warf, war Keith schon nirgendwo mehr zu sehen; sie hatte ihn im Gedränge verloren.

Kapitel 2

Patsy führte Janice in Petes ehemaliges Kinderzimmer, das sie, da ihr Sohn inzwischen fast achtzehn war, vor einer Weile zu einer gemütlichen Fernsehecke umgebaut hatten. Etwa elf oder zwölf Menschen hatten sich im Raum versammelt, und jemand hatte die beiden schwarzen Ledersofas in die Mitte des Zimmers geschoben, sodass der große Flachbildschirm in der Ecke etwas verwaist wirkte.

»Fangt ja nicht ohne uns an!«, rief Patsy. Sie ließ Janice los und stakste über den weißen Flokati zu dem Sofa, auf dem ihr Mann Martin saß und gerade ein paar Tasten an seinem Mobiltelefon drückte. Als sich Patsy auf der Armlehne niederließ und ihn auf den zerzausten braunen Haarschopf küsste, hob er den Kopf und zwinkerte ihr mit einem strahlenden Lächeln zu.

Martin war so dünn wie die Stehlampe in der Ecke, und es sah reichlich unbequem aus, wie er da mit seinen langen Beinen auf dem niedrigen Sofa kauerte und die knochigen Knie rechts und links von seinem Gesicht in die Höhe ragten. Rein optisch fand Janice ihn nicht sonderlich anziehend, aber er war eine Seele von einem Menschen. Und allen körperlichen Unterschieden zum Trotz passten seine kurvige Gattin und er perfekt zusammen.

Patsy winkte sie zu sich, und Janice kam der Aufforderung nach und postierte sich so hinter den beiden, dass sie freie Sicht auf den Couchtisch hatte.

»Das funktioniert nie«, sagte Martin.

»Sei doch nicht so negativ«, rügte ihn Liam, der Ehemann von Clare, der ihm gegenüber auf dem anderen Sofa saß.

Liam war schon Ende dreißig, doch seine schmächtige Statur, die lavendelblauen Augen und sein knabenhaftes Gesicht ließen ihn bedeutend jünger wirken. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt von seiner Stimme, die, wenn er aufgeregt war, noch eine Oktave höher klang als sonst. Hinter ihm standen Clare und Kirsty. Von den vier Freundinnen waren die beiden einander ganz besonders nahe, und das nicht nur, weil sie etwa im selben Alter waren. Sie hatten je ein volles Glas Weißwein in der Hand und unterhielten sich, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Janice war zwar nur ein paar Jahre älter als die beiden, doch sie hatte weit mehr mit Patsy gemeinsam, wahrscheinlich, weil sie im Gegensatz zu Clare und Kirsty beide schon fast erwachsene Kinder hatten.

Jetzt hatte Liam sie entdeckt. »Tolles Fest, Janice«, rief er ihr zu und deutete dann auf die drei Mobiltelefone, die vor ihm auf dem Tisch lagen. »Hier, das musst du dir ansehen.«

»Was soll denn das werden?«, erkundigte sich Janice.

»Ein Partyexperiment«, erläuterte Liam überdreht. »Ah, da bist du ja, Pete. Vielen Dank.«

Als der Name ihres Sohnes fiel, blickte Janice sich erstaunt um. Pete hatte erzählt, er wolle bei Freunden feiern, aber offensichtlich hatte er seine Pläne geändert.

Sie beobachtete, wie ihr Sohn ein paar karamellfarbene Maiskörner in Liams Hand fallen ließ und dabei der Ansatz eines Lächelns über sein sommersprossiges Gesicht huschte. Man hätte es allerdings auch als spöttisches Grinsen bezeichnen können.

»Okay, dann wären wir jetzt so weit«, verkündete Liam. »Wir benötigen allerdings noch ein weiteres Handy.«

Sogleich reichte ihm jemand ein viertes Mobiltelefon. Er legte es zu den anderen, sodass sie ein Kreuz bildeten. Pete beobachtete ihn mit hochgezogener Augenbraue, die Arme vor der Brust verschränkt.

Janice beschloss, sich von der Anwesenheit ihres Sohnes nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, und hielt den Blick auf das Geschehen am Tisch geheftet.

»Also, auf mein Signal werden jetzt gleich vier Leute diese vier Telefone klingeln lassen. Tippt schon mal die Nummern ein«, sagte Liam und streute die Maiskörner auf die freie Fläche in der Mitte.

»Okay, jetzt wählen!«, befahl Liam seinen Assistenten, und nach einigen Sekunden begannen die Telefone zu klingeln.

Doch abgesehen davon passierte gar nichts. Alle starrten auf die vibrierenden Telefone. Selbst Clare und Kirsty hatten ihr Gespräch unterbrochen, um zuzusehen.

»Und was soll jetzt passieren?«, fragte Janice, doch niemand antwortete. Die Telefone klingelten noch eine Weile weiter, dann verstummten sie nacheinander, wohl, weil die Anrufe auf die jeweilige Mailbox umgeleitet wurden. Pete hielt sich die Hand vor den Mund, als wollte er sein Lachen verbergen. Janice sah sich im Raum um und blickte allenthalben in ratlose Gesichter.

»Das verstehe ich nicht«, murmelte Liam mit einem flüchtigen Blick zu Martin. Dieser schüttelte ebenfalls den Kopf und zuckte die Achseln. »Eigentlich hätten die Maiskörner durch die frei werdende Energie zu Popcorn werden sollen. Ich habe es erst neulich auf YouTube gesehen.«

Jetzt prustete Pete los. »Oh, Mann!« Er krümmte sich vor Lachen und klatschte sich dabei theatralisch auf die Schenkel. Alle starrten ihn an. Als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte, richtete er sich auf. »Ich kann nicht fassen, dass du tatsächlich auf diesen Mist hereingefallen bist. Dabei weiß doch jeder, dass dieses Video ein Fake war. Es ist uralt.« Er verzog hämisch den Mund. »Du bist echt ein Schwachkopf, Liam.«

Liam biss sich verärgert auf die Unterlippe, dann griff er nach seinem Telefon und steckte es wieder ein. Als Janice sah, wie Clare Pete mit einem bitterbösen Blick bedachte, schloss sie flüchtig die Augen und spürte, wie sie vor Scham feuerrot anlief.

Pete benahm sich wie ein frecher kleiner Rotzlümmel, dabei wurde er demnächst achtzehn. Sie hätten ihm bessere Manieren beibringen müssen. Sie wusste das schon längst, und nun wussten es auch alle anderen im Raum. Sie bedeckte mit der Hand ihre Augen.

»Möchte noch jemand einen Drink?«, rief eine fröhliche Stimme, und ein junger Mann vom Partyservice trat ein. Er hielt ein Tablett voller Weißwein- und Champagnergläser in den Händen. Die Anwesenden stürzten sich förmlich auf ihn, und im Nu löste sich die angespannte Stimmung in Luft auf.

»Tja, Liam, da wirst du dir wohl doch eine Mikrowelle zulegen müssen, um Popcorn zu machen«, feixte jemand.

»Das kommt auch viel billiger als vier Mobiltelefone«, bemerkte ein weiterer Gast, während Pete unbemerkt nach draußen schlenderte.

»Und du kannst mehr als vier Maiskörner auf einmal nehmen«, fügte ein Dritter hinzu, worauf Patsy einen Lachanfall erlitt und beinahe vom Sofa rutschte.

»Ja, ja, schon gut.« Liam grinste schief und hob ergeben die Hände. »Aber ich wette, ich bin nicht der Einzige, der darauf hereingefallen ist«, fügte er zähneknirschend hinzu.

»Ich war auch überzeugt, dass es funktionieren würde.« Clare legte ihrem Mann die Hand auf die Schulter. »Undganz sicher weiß man es eben erst, wenn man es ausprobiert hat, stimmt’s?«, sagte sie, wie um ihn zu verteidigen.

»Richtig«, pflichtete Patsy ihr bei. »Ich schätze, man muss schon Physiker sein oder ein richtiger Intelligenzbolzen, um zu wissen, dass so etwas nicht klappen kann.«

»Soll das etwa heißen, dass wir nicht intelligent genug sind?«, fragte Martin und grinste gutmütig.

Janice war Pete unterdessen zur Tür gefolgt und sah ihn den Korridor entlang in Richtung Küche schlurfen. Sie war schlagartig nüchtern geworden, und ihre gute Laune war verpufft. Sie schnappte sich ein Glas Bollinger, leerte es in einem Zug und trat dann hinaus in den Korridor.

»Janice!«, rief Keith in diesem Augenblick. »Kommst du mal kurz?«

»Bin gleich wieder da«, erwiderte sie mit eiserner Stimme, ohne Pete aus den Augen zu lassen.

Er hatte vor der Küchentür haltgemacht, wo zwei seiner Freunde standen. Janice fragte sich, warum sie wohl hier waren, kam aber dann schnell auf die naheliegende Antwort: wegen der Gratisgetränke natürlich. Al hatte eine Bierdose in der Hand, Ben ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit – und seinem unsteten Blick nach zu urteilen, war es nicht sein erstes. Doch das war im Augenblick ihre geringste Sorge.

Janice sah, wie eines der Serviermädchen, eine schüchterne Blondine mit einem strengen Pferdeschwanz, zu den dreien trat, um an ihnen vorbei in die Küche zu gehen. Sie war ungeschminkt und kaum älter als sechzehn. Da keiner der Jungs Anstalten machte auszuweichen, hob sie ihr Tablett in die Höhe und versuchte, sich mit leicht verlegener Miene seitwärts an Pete vorbeizuschieben. Janice traute ihren Augen kaum, als sie sah, wie seine Hände nach oben schnellten und sie grob in die Brüste kniffen, worauf das Mädchen entsetzt aufquiekte und in die Küche stürmte, das Tablett wie einen Schutzschild vor dem Körper.

Sekunden später war Janice bei ihrem Sohn. Sie packte ihn am Arm und bohrte ihm die Fingernägel so fest ins Fleisch, dass er vor Schmerz das Gesicht verzog. Doch er wirkte keineswegs überrascht, im Gegenteil; sein wissendes Grinsen weckte in ihr sogar den Verdacht, dass er mit ihrem Auftauchen gerechnet hatte. Sie riss die Tür zur begehbaren Garderobe auf. »Hier rein mit dir. Sofort.« Seine Freunde hatten immerhin den Anstand, das Lachen einzustellen und betreten auf den Boden zu stieren.

Pete verdrehte die Augen und seufzte, dann musterte er seine Mutter mit einem anmaßenden Blick.

»Sofort«, wiederholte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

»Wenn’s unbedingt sein muss.« Sie ließ seinen Arm los, und er folgte ihr betont gemächlich in die Kammer. Janice knipste das Licht an und schloss die Tür hinter ihnen. Es roch nach Rugbyschuhen und feuchter Wolle.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe genau gesehen, was du gerade getan hast.«

Er verzog keine Miene.

»Bist du betrunken?«

»Nein«, antwortete er, und als sie ihm in die Augen sah, wusste sie, dass er die Wahrheit sagte. Janice hätte es vorgezogen, wenn er sternhagelvoll gewesen wäre – dann hätte sie die Szene gerade eben sowie seine Unhöflichkeit gegenüber Liam wenigstens zum Teil auf den Alkohol schieben können.

»Wie kannst du es wagen, dem Mädchen einfach so an den Busen zu fassen!«, zeterte sie aufgebracht. »Das arme Ding ist höchstens sechzehn Jahre alt!«

Noch immer keine Reaktion. »Dir ist doch hoffentlich klar, dass dir dafür eine Anzeige wegen sexueller Belästigung blühen könnte.«

»Ich habe sie nicht angerührt. Sie hat mich beim Vorbeigehen gestreift, das war alles.«

»Du lügst!«

Er zuckte die Achseln und wandte den Blick ab.

»Und was erlaubst du dir, gegenüber Liam McCormack einen solchen Ton anzuschlagen?«, fauchte Janice. Sie hatte sich inzwischen wieder einigermaßen unter Kontrolle, doch ihr Herz raste vor Wut, und das Blut rauschte ihr in den Ohren.

Wieder zuckte Pete die knochigen Schultern. »Ich werde doch wohl noch ein bisschen Spaß machen dürfen. Mach dich mal locker, Janice.« Er hatte im Alter von neun Jahren aufgehört, sie Mum zu nennen, was sie bis heute kränkte und irritierte.

»Abgesehen von dir hat aber niemand gelacht. Du hast ihn zu einem Experiment ermuntert, von dem du genau wusstest, dass es nicht funktionieren würde. Du hast ihn absichtlich auflaufen lassen, und dann warst du auch noch so unglaublich unverschämt zu ihm.«

»Ach, komm, du musst doch auch zugeben, dass es lustig war.«

»Es war nicht lustig, es war gemein.«

»Al und Ben haben sich schiefgelacht, als ich es ihnen erzählt habe.«

»Wieso sind die zwei überhaupt hier?«, fragte Janice. »Ich dachte, ihr wolltet auswärts feiern.«

»Das tun wir auch. Später.«

»Jetzt braucht ihr auch nicht mehr loszufahren; es ist gleich Mitternacht. Außerdem hat Ben genug getrunken. Es wird Zeit, dass die beiden nach Hause gehen.«

Pete drehte sich um.

»Wo willst du hin?«, fauchte Janice.

»Ich gehe.« Er öffnete die Tür. »Das ist es doch, was du wolltest, nicht wahr, liebstes Mamilein?«

Janice unterdrückte den Impuls, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, wie sie es zu ihrer Schande gelegentlich getan hatte, als er noch jünger gewesen war. Pete war seit jeher ein Meister im Austesten von Grenzen gewesen. So bunt wie er trieben es andere in seinem Alter garantiert nicht, davon war Janice überzeugt. Sie trat einen Schritt nach vorn und drückte mit der flachen Hand die Tür zu.

»Du wirst dich erst bei diesem Mädchen entschuldigen gehen. Und dann bei Liam.«

Er grunzte verächtlich, dann legte er die Stirn in Falten, als würde er angestrengt über ihre Forderung nachdenken. »Weißt du was?«, sagte er schließlich. »Ich glaube, das werde ich nicht tun.«

»Das werden wir ja sehen«, entgegnete Janice forsch, obwohl sie wusste, dass sie die Schlacht bereits verloren hatte. Sie hatte keinerlei Möglichkeit, Druck auf Pete auszuüben. Er ließ sich von ihr schon längst keine Befehle mehr erteilen.

Pete verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer zwingt mich denn dazu?«

»Wart’s ab, bis dein Vater davon erfährt«, knurrte Janice, wohl wissend, dass auch diese Drohung unwirksam war. Sie hatte verloren, und das war ihr genauso klar wie Pete. Frustriert angesichts ihrer Machtlosigkeit riss sie die Tür auf und marschierte in den Korridor hinaus.

»Da bist du ja, Janice!«, rief Keith ihr über die Köpfe mehrerer Gäste hinweg aufgekratzt zu. Seine Wangen glühten bereits vom Alkohol. »Hier!« Er drängte sich an ein paar ins Gespräch vertieften Leuten vorbei und drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand. »Du brauchst doch etwas zu trinken. Komm mit.«

Janice war selten so froh gewesen, ihren Ehemann zu sehen. Sie folgte ihm in das stickige Wohnzimmer, wo sie an einer Wand eine Bar aufgebaut hatten. Eigentlich war es bloß ein Tisch mit einem weißen Laken, das nun von Weinflecken, Kronenkorken und schmutzigen Gläsern übersät war. Darunter standen mehrere große Eiskübel voller Weißwein-, Bier- und Champagnerflaschen. Ein dünnes, blasses Mädchen eilte mit einem Tablett voller Champagnergläser an ihnen vorüber. Sie hielt es vorsichtig in beiden Händen und biss sich konzentriert auf die Unterlippe.

»Hat jetzt jeder ein Glas Champagner?«, fragte Keith sie.

»Ja, ich glaub schon, Mr Kirkpatrick. Emma ist vorhin schon mal die Runde gegangen.« Emma. Das musste das Mädchen sein, das Pete gerade begrapscht hatte.

»Sehr gut. Hervorragende Arbeit«, sagte Keith, woraufhin das Mädchen lächelte und dabei zwei unregelmäßige Zahnreihen entblößte. Keith verstand es immer, den Menschen, mit denen er zu tun hatte, das Gefühl zu geben, dass sie stolz auf sich sein konnten.

»Kann ich kurz mit dir reden, Keith?«, fragte Janice. Ihre Wut wich allmählich einer wachsenden Verzweiflung. Sie war den Tränen nahe, nahm sich jedoch fest vor, nicht zu weinen. Wenn sie weinte, hatte Pete gewonnen. Schon wieder. »Es geht um Pete. Du kannst dir gar nicht vorstellen …«

»Nicht jetzt, Janice«, wehrte Keith ab. »Es ist gleich zwölf. Jungs!«, rief er einigen seiner Arbeitskollegen zu. »Gleich sind die Glocken dran.«

Jemand musste den Fernseher angeschaltet haben. Aus dem ehemaligen Kinderzimmer drang bereits der Countdown herüber und schwappte sogleich wie eine Welle auf den Rest des Hauses über.

»Aber …«, wandte Janice ein.

»Fünf … vier …«, rief Keith und schlang ihr einen Arm um die schlanke Taille, so fest, dass es wehtat. Er hob sein Glas wie eine Trophäe in die Höhe.

»Drei … zwei … eins!« Janice stimmte in den Chor mit ein und zwang sich zu lächeln, damit wenigstens Keith den Augenblick gebührend genießen konnte. Sie war wütend auf Pete, weil er ihr die Laune verdorben hatte. Aber diesmal würde sie dafür sorgen, dass er nicht ungeschoren davonkam.

»Frohes neues Jahr!«, rief Keith und stieß so kräftig mit ihr an, dass Janice fürchtete, die Gläser könnten springen. Dann drückte er sie an sich.

»Huch! Vorsicht!« Sie wackelte bedenklich auf ihren Stilettoabsätzen. »Du verschüttest noch deinen Champagner.«

Keith lockerte seinen Griff und drückte ihr einen feuchten Kuss auf den Mund.

»Frohes neues Jahr, Liebling«, sagte sie zu ihm und küsste ihn ebenfalls. Er strahlte sie an. Oh, wie sie ihn um sein heiteres Gemüt beneidete, um seine Fähigkeit, dem Leben und den Menschen immer voller Zuversicht zu begegnen! Genau das liebte sie so an ihm, und genau deshalb hatte sie ihn geheiratet.

Sie hatte gehofft, dass ein klein wenig von seinem unerschütterlichen Optimismus auf sie abfärben würde, als könne sie durch seine bloße Gegenwart ein glücklicherer Mensch werden. Doch ihr Plan war nicht aufgegangen. Inzwischen hegte sie sogar die Befürchtung, das Gegenteil könnte eintreten, wenn sie nicht vorsichtig war. Keith wäre bestimmt am Boden zerstört, wenn er wüsste, wie pessimistisch sie war. Schlimmer noch, er würde womöglich aufhören, sie zu lieben. Deshalb sprach sie mit ihm nicht über ihre düsteren Gedanken und über ihre wahren Gefühle, was Pete anging. Doch was sich ihr Sohn heute wieder geleistet hatte, durfte auf keinen Fall ungestraft bleiben.

»Keith?«

»Ja, Liebling?«

»Ich weiß, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, aber wir müssen uns über …«

»Ach, hier bist du!«, kreischte Patsy, die wie aus dem Nichts neben ihnen aufgetaucht war, und schlang die Arme um sie. »Frohes neues Jahr!«, brüllte sie Janice ins Ohr.

»Frohes neues Jahr, Patsy.« Janice drückte ihre Freundin an sich und wollte sie am liebsten gar nicht mehr loslassen. Patsys weicher, mütterlicher Körper fühlte sich tröstlich an, und ihr Parfum hüllte sie ein wie eine Decke.

Schon bald war Janice von Gästen belagert, die mit ihr anstoßen wollten, und als sie zu Keith hinüberblickte, sah sie, wie er, ebenfalls von Freunden umringt, den Kopf in den Nacken legte und jovial lachte. Janice spähte hinaus in den Korridor, wo Pete und seine Freunde eben noch gestanden hatten. Sie waren weg. Wie es aussah, musste das Thema Pete warten.

Dann standen plötzlich Clare und Liam vor ihr, Liam bereits im dunkelblauen Sportsakko, Clare mit ihrem schwarzen Wollmantel über dem Arm.

»Geht ihr etwa schon?«, fragte Janice enttäuscht.

»Ja, leider«, erwiderte Clare. »Wir müssen nach Hause, der Babysitter wartet.«

Liam nickte. »Unser Taxi sollte jeden Moment kommen.« Die Menschen um sie herum verdrückten sich einer nach dem anderen, bis nur noch sie drei übrig geblieben waren.

»Tja, danke für den schönen Abend, Janice«, hob Liam an.

»Ja, vielen Dank. Es war toll«, sagte Clare.

»Wir sollten schon mal rausgehen, Liam; nicht, dass wir das Taxi verpassen«, drängte sie und fügte mit gekünstelter Heiterkeit hinzu: »An Neujahr sind freie Taxis ja ungefähr so selten wie ein Sechser im Lotto.«

Wenn sich Pete nicht entschuldigt, werde ich es eben tun müssen, dachte Janice. »Hör mal …«

Sie musterten sie erwartungsvoll.

»Ich möchte mich für Petes Verhalten vorhin entschuldigen.«

»Ach was, nicht nötig«, murmelte Liam. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und starrte angestrengt auf seine Schuhspitzen.

»Ist doch nicht weiter schlimm.« Clare schüttelte den Kopf, sah Janice dabei aber nicht in die Augen.

»Er war eben ein bisschen angeheitert«, winkte Liam ab.

Clare nickte. »Genau. Ist uns doch allen schon mal passiert, oder?«

»Oh, ja«, stimmte Liam ihr zu. »Ich beleidige regelmäßig Leute, wenn ich angetrunken bin, nicht wahr, Schatz?« Er lachte und fügte dann hastig hinzu: »Nicht, dass ich beleidigt wäre. Überhaupt nicht. Ich meine bloß … Ich …«

Er verstummte, und es entstand eine peinliche Gesprächspause. Ihr Versuch, Petes Verhalten zu verharmlosen, brachte Janice nur noch mehr in Verlegenheit. Die beiden waren zu gutmütig, um ihrem Ärger Luft zu machen. Janice atmete tief durch.

»Er war furchtbar unverschämt zu dir, Liam, und dafür möchte ich mich entschuldigen«, sagte sie. »Ich wünschte, ich könnte es auf den Alkohol schieben, aber ich befürchte, nicht mal das ist mir vergönnt. Pete war vollkommen nüchtern. Ich habe ihm aufgetragen, sich bei dir zu entschuldigen, aber er hat sich einfach geweigert«, berichtete sie, obwohl die Versuchung groß war, Ausreden für das Verhalten ihres Sohnes zu erfinden.

In diesem Augenblick dröhnte eine Männerstimme durch den Korridor. »Taxi für McCormack!« Liam und Clare wirkten sichtlich erleichtert.

»Dann mal los, Clare«, drängte Liam. »Wir müssen gehen.«

»Tja, wie gesagt, Janice, vielen Dank für die großartige Party«, verabschiedete sich Clare mit einem breiten Lächeln. Sie drückte Janice einen Kuss auf die Wange.

Sobald sie weg waren, machte sich Janice entschlossen auf den Weg in die Küche, um Emma zu suchen, doch die war bereits gegangen; angeblich, weil sie Kopfschmerzen hatte.

Später saß Janice allein im Wohnzimmer, während Keith die letzten Gäste zur Tür brachte. Sie hielt ein Glas Wasser in den Händen und hatte die Schuhe abgestreift. Die Bar war längst abgebaut und Gläser und Flaschen abgeräumt worden. Sie mussten nur noch die Möbel an ihren Platz rücken und all die Vasen und Schmuckstücke wieder aufstellen, die sie vorsichtshalber weggeräumt hatten. Und natürlich einmal ordentlich durchputzen. Zum Glück gab es, abgesehen von ein paar Teppichflecken, keine nennenswerten Schäden. Nichts, was sich nicht mit ein paar Handgriffen beheben ließe.

Sie wünschte, sie könnte dasselbe von Pete behaupten. Wenn man seine Makel doch einfach auswaschen könnte wie einen Fleck im Teppich! Die Erkenntnis, dass es dafür womöglich längst zu spät war, traf sie wie ein Schlag. Sie hatte bis jetzt immer die Hoffnung gehegt, dass es irgendwann besser werden würde.

Pete hatte schon als Baby die anderen Kinder so kräftig gebissen, dass sie blaue Flecken davontrugen, doch bis zum heutigen Tag hatte sich Janice erfolgreich eingebildet, sein Verhalten wäre bloß eine »Phase«, der er irgendwann entwachsen würde. Auch Keith war diesem Irrtum bereitwillig aufgesessen. Sie hatten die Boshaftigkeiten ihres Sohnes für Lausbubenstreiche gehalten, seine gerissene Art für Intelligenz und seine Heimtücke für ein Zeichen von Frühreife. Sie hatten nicht wahrhaben wollen, dass sich sein Verhalten auch mit den Jahren nicht zum Besseren verändert hatte. Er war lediglich raffinierter geworden und hatte herausgefunden, was man ihm durchgehen lassen würde und womit er sich ernstlichen Ärger einhandelte.

Da die erhofften Geschwister ausgeblieben waren, hatten sie ihn verhätschelt, insbesondere Keith. Janice fragte sich, ob alles anders gekommen wäre, wenn sie mit Keith Kinder gehabt hätte. Bestimmt hätten sie Pete dann nicht derart verwöhnt. Aber ob seine Persönlichkeit eine andere geworden wäre … Sie bezweifelte es. Hing der Charakter nicht zu einem großen Teil von den Genen ab? Janice biss sich auf die Unterlippe und blinzelte die Tränen weg. Früher einmal hatte sie sich eingeredet, eine gute Erziehung müsste ausreichen, um den Fluch von Petes Vermächtnis zu überwinden. Was für ein Trugschluss.

Keith kam herein und ließ sich mit einem langen, müden Seufzer auf das elegante grüne Sofa gegenüber Janice plumpsen. Er stützte den Ellbogen auf der Armlehne auf und fuhr sich mit Zeigefinger und Daumen über die Stirn, als wollte er etwaige Falten wegmassie-ren.

»Ich bin hundemüde«, stellte er gähnend fest, schlüpfte aus den Schuhen und legte die Füße auf den Couchtisch.

Janice rieb die geröteten Stellen, die die Stöckelschuhe an ihren Zehen hinterlassen hatten. »Ich auch.« Die emotionale Achterbahnfahrt der vergangenen Stunden hatte ihren Tribut gefordert.

»Was meinst du, haben sich alle gut amüsiert?«, fragte Keith.

»Ich denke schon … einmal abgesehen von Clare und Liam, und von Emma, der Kellnerin«, sagte Janice, und ihr Zorn flammte von Neuem auf.

»Wovon redest du?«

Janice fröstelte. Sie griff nach der beigefarbenen Kaschmirdecke, die über der Rückenlehne des Sofas hing, und breitete sie sich über die Schultern. »Von Pete.«

Keith stöhnte. »Was hat er denn jetzt schon wieder ausgefressen?« Sein desinteressierter Tonfall ärgerte Janice. In seinen Augen war Pete stets unschuldig.

Janice rollte ein wenig die verspannten Schultern, dann holte sie tief Luft und erzählte Keith, was geschehen war, wobei sie darauf achtete, möglichst wenig von ihrer persönlichen Meinung in ihren Bericht einfließen zu lassen.

»Ach, und deshalb bist du vorhin so wutschnaubend aus der Garderobe gestürmt?«, wollte Keith wissen, als sie geendet hatte. »Also, für mich klingt es ganz danach, als hätte er bloß etwas herumgealbert. Das ist an Neujahr doch kein Verbrechen, oder?«

Janice zählte im Stillen bis fünf. Es war kein Leichtes, Keith davon zu überzeugen, dass mit Pete etwas nicht stimmte. »Er hat sich vor meinen Augen an einem der Serviermädchen vergriffen. Und es geht mir auch nicht darum, was er zu Liam gesagt hat, sondern wie. Mir ist durchaus klar, dass es wie ein harmloser Streich klingen mag, und vielleicht hätte es unter Umständen sogar lustig sein können. Aber so, wie er es angestellt hat, war es nicht lustig. Er hat einen unserer besten Freunde vor allen anderen blamiert.«

»Du übertreibst mal wieder.«

»Tut mir leid, Keith«, widersprach Janice steif, »aber du warst nicht dabei. Es war plötzlich totenstill, und die Leute wussten gar nicht, wo sie hinsehen wollten. Und Liam war stinksauer.«

»Das redest du dir doch bloß ein.«

»Tu ich nicht.«

»Okay.« Keith nahm die Füße vom Couchtisch und beugte den Oberkörper nach vorn. »Haben sich Clare und Liam bei dir beschwert? Ich habe gesehen, wie ihr euch unterhalten habt, bevor sie gegangen sind.«

»Natürlich nicht. Sie sind viel zu höflich, als dass sie den Sohn der Gastgeber kritisieren würden. Ich habe mich trotzdem bei ihnen entschuldigt.«

»Und, wie haben sie reagiert?«, fragte Keith.

»Sie haben getan, als wäre es nicht weiter tragisch«, musste Janice zugeben.

»Na, siehst du.« Er lehnte sich zurück.

Wieder einmal wurden Janice die Tücken eines Streitgesprächs mit einem Anwalt bewusst. Keith konnte einen einfach in die Ecke drängen, wie ein Schäferhund. Und ehe man sich’s versah, stand man da wie ein dämliches Schaf, hilflos mit dem Rücken zur Wand.

»Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du dich von Pete nicht so leicht aus der Fassung bringen lassen sollst. Du darfst dich einfach nicht so sehr von ihm provozieren lassen, Janice.«

Sie beschloss, diesen Einwand zu ignorieren. »Und was sagst du dazu, dass er eines der Serviermädchen begrapscht hat? Willst du das etwa auch als harmlos abtun?«

»Ehrlich gesagt glaube ich, dass du da auch ein wenig überreagiert hast. Vielleicht haben sie ja bloß ein bisschen Quatsch gemacht. Ich weiß es auch nicht. Jedenfalls fällt ein bisschen Grapschen im Korridor wohl kaum unter sexuelle Belästigung.«

»Sie hat nicht darum gebeten, falls du darauf hinauswillst, Keith. Ganz im Gegenteil. Pete hat wirklich über die Stränge geschlagen, und die Kleine war total geschockt. Als ich später mit ihr reden wollte, hieß es, sie sei nach Hause gegangen.«

»Das muss doch nicht unbedingt mit Pete zu tun haben.«

Janice ballte die Fäuste. »Du nimmst mich nicht ernst, oder? Nie glaubst du mir, wenn es um Pete geht.«

»Nie glaube ich dir, wenn es um Pete geht«, wiederholte Keith und nickte bedächtig. »Hmm.« Das war sein liebstes Argumentationswerkzeug. Er versuchte, die Diskussion auf ein Abstellgleis zu fahren, indem er die Aufmerksamkeit auf ihren Hang zur Verallgemeinerung lenkte. Sie wusste bereits, was er als Nächstes sagen würde: »Bist du dir da wirklich ganz sicher?«

»Gut, das war übertrieben«, sagte Janice hastig, doch sie war entschlossen, sich dieses Mal nicht vom Thema abbringen zu lassen. »Aber du weigerst dich hartnäckig, zur Kenntnis zu nehmen, dass Pete … Dass mit ihm einfach etwas nicht stimmt.«

Keith fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, sodass es ihm senkrecht vom Kopf abstand. »Er ist ein ganz normaler Siebzehnjähriger, Janice. Zugegeben, hin und wieder benimmt er sich ganz schön daneben, aber das wird noch. Allerdings muss ich auch sagen, wie du manchmal von ihm sprichst, könnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass du ihn nicht ausstehen kannst.«

»So ein Unsinn. Er ist mein Sohn«, protestierte Janice.

Keith seufzte. »Hör zu, wenn du willst, werde ich dafür sorgen, dass er Liam morgen anruft.«

»Danke«, sagte sie ungnädig. Sie war zwar froh über diesen Etappensieg, andererseits aber auch frustriert, weil sie so hart dafür hatte kämpfen müssen.

»Obwohl ich ganz sicher bin, dass sich Liam darüber wundern wird.«

»Das wird er nicht«, erwiderte Janice.

»Ich sagte doch, ich werde dafür sorgen, dass er sich bei Liam entschuldigt. Was willst du noch, Janice?«

»Was ist mit der Kellnerin?«

»Ich rede mit ihm. Es wäre … unklug« – er wählte das letzte Wort mit Bedacht – »wenn er sie anrufen würde. Nur für den Fall, dass sie beschließt, gerichtlich gegen ihn vorzugehen. Aber ich werde ihm klarmachen, dass sein Verhalten inakzeptabel war.«

Janice seufzte. Das war immerhin ein Erfolg. »Okay«, sagte sie leise – besänftigt, aber nicht hundertprozentig zufrieden.

»Gut. Wollen wir es dann dabei belassen?«, fragte Keith.

Sie nickte.

»Komm, lass uns ins Bett gehen.« Er erhob sich und streckte ihr die Hand hin. Janice ließ sich von ihm hochziehen und auf die Stirn küssen. Ohne ihre Stöckelschuhe war sie fast zehn Zentimeter kleiner als er. »Ich weiß, du machst dir Sorgen wegen Pete, aber es ist normal, dass er hin und wieder ein bisschen aneckt. Er wird sich schon noch mausern, da bin ich ganz sicher. Lass uns nicht mehr über ihn reden.«

Janice lehnte den Kopf an seine Schulter und schluckte den Kloß hinunter, der ihr im Hals steckte. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass demnächst etwas Schreckliches geschehen würde. Besser gesagt, dass Pete etwas Schreckliches anstellen würde. Doch sie wusste, dass ihr dieser Gedanke, würde sie ihn einmal aussprechen, sofort lächerlich vorkommen würde. Sie schloss die Augen und versuchte mit aller Kraft, den Worten ihres Mannes zu glauben.

»Ach, Keith«, seufzte sie. »Ich liebe dich.«

»Das weiß ich doch«, erwiderte er mit der unerschütterlichen Zuversicht eines Menschen, der davon überzeugt ist, dass ihm nur Gutes widerfahren wird – schlicht und ergreifend deshalb, weil er es nicht anders verdient hat.

Kapitel 3

Es war Samstagnachmittag, und die Ruhe im Haus hatte fast schon etwas Zermürbendes. Kirsty stand am Schlafzimmerfenster und versuchte, sich der Realität des Vorsatzes zu stellen, den sie vor zwei Wochen auf der Silvesterparty gefasst hatte. Sie hatte sich von Janice zu ihrem ersten Blind Date überreden lassen – genauer gesagt, zu ihrem ersten Date überhaupt seit mehr als fünfzehn Jahren. Und obwohl Janice und Keith mit von der Partie sein würden und sie sicher war, dass die beiden sie nicht mit einem Ekel verkuppeln würden, hatte sie panische Angst. Sie waren zu viert in einem Restaurant in der Stadt verabredet, und ihr Date namens Robert war ein Kollege von Keith.

Die Versuchung, einfach telefonisch abzusagen war groß, doch das wäre feige gewesen. Kirsty wollte Janice und Keith nicht enttäuschen und Robert nicht beleidigen. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben, versuchte sie sich zu überzeugen. Bestimmt ist er sehr charmant. Doch wenn sie ehrlich war, war es nicht Robert, der ihr Kopfzerbrechen bereitete, sondern sie selbst.

Sie hatte längst vergessen, wie man sich bei einer Verabredung benahm. Sie konnte nur spärlich mitreden, wenn es um aktuelle Ereignisse ging, sie hatte keine Ahnung, welche Musik zurzeit in war, und die wenigen Male, die sie mit ihren Freundinnen ins Kino ging, sahen sie sich ausschließlich romantische Komödien an. Im Grunde fielen ihr nur zwei potenzielle Gesprächsthemen ein: ihre Söhne Adam und David und die Wiederholungen ihrer Lieblingsserien CSI, Dr. House und Numb3rs – Die Logik des Verbrechens.

Nicht zum ersten Mal sagte sich Kirsty, dass sie sich endlich eine Stelle suchen sollte, und sei es nur, damit sie auch endlich mal wieder etwas zu erzählen hatte. Wobei sie weiß Gott auch die Einnahmen gut gebrauchen könnte, denn das Geld von Scotts Lebensversicherung ging allmählich zur Neige. Diesmal würde sie Ernst machen. Ein neuer Job musste her. Das wäre ein guter Vorsatz fürs neue Jahr gewesen, dachte sie.

Andererseits war Arbeit allein auch kein Allheilmittel. Sie war mit keinem Mann mehr zusammen gewesen, seit Scott an einem Sonntagmorgen im November vor drei Jahren tödlich verunglückt war. Ein älterer Herr, der mit seinem klapprigen Peugeot 107 auf dem Weg zur Messe gewesen war, hatte ihn angefahren. Scott hatte beim Aufprall den Helm verloren – der Verschluss war nicht richtig eingeschnappt gewesen – und war dem Polizeibericht zufolge noch am Unfallort gestorben.

Wenigstens war er nicht allein gewesen. Kirsty tröstete sich mit der Vorstellung, dass seine Freunde vom Radklub bei ihm gewesen waren. Sie hoffte nur, dass er sofort das Bewusstsein verloren hatte. Dass er keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, an seine beiden Jungs zu denken und daran, dass er sie nie wiedersehen würde.

Drei Jahre waren eine lange Zeit, in der Kirsty vollauf damit beschäftigt gewesen war, sich um die Kinder zu kümmern – und um Scotts Eltern, die den Verlust ihres Sohnes nur schwer verkraftet hatten. Doch mit der Zeit hatte sie sich zusehends eingeengt gefühlt, und mittlerweile war sie wieder bereit, sich dem Leben zu stellen. Sie wollte arbeiten gehen, unter Leute kommen, mit Kollegen lachen und irgendwo dazugehören. Aber vor allem wollte sie sich wieder verlieben.

Janice hatte das instinktiv erkannt, und Kirsty hatte sich zu dem Date heute Abend überreden lassen, weil sie – ihrer Angst und ihrer entsetzlichen Schüchternheit zum Trotz – endlich wieder jemanden kennenlernen wollte. Und Janice hatte recht – wenn sie nur zu Hause vor dem Fernseher saß oder mit ihren verheirateten Freundinnen ausging, würde das garantiert nicht passieren.

Kirsty drehte sich um und betrachtete den langen Glockenrock mit den farblich abgesetzten Ziertaschen, der auf dem Bett lag. Sein grau-schwarz karierter Wollstoff erinnerte sie an ihre schottischen Wurzeln und sein unkonventioneller Schnitt an ihr Studium an der Universität für Kunst und Design in Glasgow, wo sie gleich im ersten Semester Scott Elliott aus dem Jahrgang über ihr kennengelernt hatte.

Sie lächelte bei der Erinnerung daran und ließ zärtlich die Finger über den Stoff gleiten, als könnte sie sich auf diese Weise in die Vergangenheit zurückversetzen. Sie hatte sich damals auf die Bereiche Textil und Keramik spezialisiert; Scott hatte Produktdesigner werden wollen und mit ansteckendem Enthusiasmus von all den körpergerechten Gebrauchsgegenständen erzählt, die er entwerfen würde. Er war überzeugt gewesen, dass er die Welt zu einem gesünderen Ort machen und damit ein reicher Mann werden würde.

Kirsty hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Zwei Jahre lang waren sie unzertrennlich gewesen. Leider hatte Scott nach seinem Abschluss keine Stelle gefunden, und so hatte er sich dazu überreden lassen, in seine Heimatstadt Ballyfergus zurückzukehren und in der Papiermühle seines Vaters zu arbeiten. Doch ihre Beziehung hatte auch das überlebt, und unmittelbar nach der Beendigung ihres Studiums war Kirsty ihm gefolgt.

Sie fuhr zusammen, als das Telefon klingelte.

Es war Patsy. »Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Janice hat dich doch hoffentlich nicht überfahren mit dieser Verabredung heute Abend?«

Kirsty lachte. »Na ja, ein bisschen.«

»Du musst nicht hingehen«, versicherte ihr Patsy. »Sag ihr einfach, dass dir nicht gut ist.«

»So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich bin zwar unglaublich nervös, aber Janice hat ja recht – ich würde wirklich gern jemanden kennenlernen, und darauf kann ich lange warten, wenn ich immer nur zu Hause sitze. Sie hat mir nur den nötigen Schubs verpasst. Ich überlege gerade, was ich anziehen soll. Es ist verflixt kalt heute Abend.« Sie spähte durchs Fenster zum grauen Himmel empor.

»Hast du dir schon etwas rausgesucht?«, erkundigte sich Patsy. Kirsty beschrieb ihr den Wollrock. »Klingt schick. Und was noch?«

»Ich hatte da an mein schwarzes Spitzentop gedacht …«

»Hmm … ich weiß nicht recht«, unterbrach Patsy sie.

Kirsty verstummte und sank auf das Bett. Nicht genug damit, dass sie nicht wusste, wie man sich bei einer Verabredung verhielt, sie war noch nicht einmal in der Lage, sich angemessen zu kleiden.

»Also, wenn du mich fragst, passt zu dem Rock am besten ein schlichter schwarzer Rollkragenpulli. Hast du irgendetwas in dieser Richtung?«

»Ja«, sagte Kirsty, dankbar für Patsys Engagement. »Hoffentlich ist er nicht in der Schmutzwäsche.« Sie ging zum Schrank. Nein, da war er, zum Glück.

»Okay, und dazu solltest du eine deiner auffälligen bunten Halsketten tragen. Und deine schwarzen Wildlederstiefel; die mit dem Keilabsatz. Ach, und die ärmellose graue Pelzjacke und einen breiten schwarzen Gürtel. Den trägst du dann am besten über der Jacke, das ist gerade total in.«

Kirsty seufzte erleichtert auf, als sie das Ensemble vor ihrem geistigen Auge sah. Es würde elegant, aber nicht aufgetakelt wirken. Sie wusste schon genau, welche Kette sie nehmen würde. Und kombiniert mit dem Gürtel, den eine ihrer Freundinnen von der Uni entworfen hatte … Ja, das entsprach exakt ihrem etwas extravaganten Stil. »Danke, Patsy. Ein unpassendes Outfit wäre jetzt wirklich das Letzte gewesen, was ich brauchen kann.«

»Du könntest bei deinem Aussehen zwar auch einen Kartoffelsack tragen, Kirsty, aber in diesen Klamotten wirst du garaniert allen Männern den Kopf verdrehen.« Es entstand eine kurze Pause. »Wo sind die Jungs?«

»Sie übernachten bei Dorothy und Harry. Die beiden haben sie nach dem Mittagessen abgeholt, um mit ihnen ins Kino und dann zu McDonald’s zu gehen.«

Patsy gluckste. »Da waren David und Adam bestimmt hellauf begeistert. Bessere Schwiegereltern kann man sich eigentlich nicht wünschen, oder?«

»Du sagst es.« Kirsty schätzte die Eltern ihres verstorbenen Mannes sehr, wenngleich sie sich von ihrer Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gelegentlich ein wenig erdrückt fühlte. Doch das war ein verhältnismäßig kleiner Preis in Anbetracht der grenzenlosen Zuneigung, die Dorothy und Harry ihren Enkeln entgegenbrachten. Sie hatten Kirsty in den vergangenen drei Jahren stets bereitwillig unterstützt, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten.

»Wie haben sie reagiert, als du ihnen von deinem Date erzählt hast?«, wollte Patsy wissen.

Kirsty zögerte. »Ich habe es ihnen nicht gesagt. Sie glauben, ich verbringe den Abend bei Janice.«

»Oh.«

»Ich weiß auch nicht, warum ich es ihnen verschwiegen habe«, sagte Kirsty hastig, um die verlegene Pause zu füllen. »Ich hatte einfach ein komisches Gefühl dabei. Ich weiß, das ist lächerlich.«

»Es ist weiß Gott nicht so, als würdest du Scott betrügen, falls das deine Sorge ist«, bemerkte Patsy.

»Nein, darum geht es nicht …«

»Und Scott würde wollen, dass du glücklich bist.«

»Ich weiß.« Kirsty stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Aber seine Eltern … Ach, ich weiß auch nicht. Ich schätze, ich will einfach ihre Gefühle nicht verletzen.«

»Du solltest es ihnen sagen. Du bist doch erst sechsunddreißig, da ist es nur verständlich, dass du dich irgendwann wieder ins Leben stürzen möchtest. Damit werden sie sich wohl oder übel abfinden müssen. Irgendwann wirst du einen neuen Mann kennenlernen, und dann wird sowieso alles anders.«

»Das ist genau das, wovor sie sich fürchten, glaube ich. Sie wünschen sich, dass alles so bleibt, wie es ist. Und ich muss gestehen, dass mir das zum Teil auch lieber wäre. Ich habe mich so an mein unaufgeregtes, bequemes, enthaltsames Leben gewöhnt …«

»Du hast aber mehr als das verdient«, sagte Patsy.

»Genau deshalb gehe ich doch heute Abend zu dieser Verabredung, sosehr mir auch davor graut.«

»Es wird bestimmt nett«, beruhigte Patsy sie. »Versuch einfach, ganz entspannt und du selbst zu sein … Oh, ich muss auflegen, gerade ist jemand in die Galerie gekommen. Also, viel Spaß, und vergiss nicht, dass wir uns am Mittwoch im No. 11 treffen. Ich bin gespannt auf deinen Bericht. Bis dann!«

Kirsty warf das Telefon auf das Bett und rieb sich mit den Handballen die Stirn. Patsy hatte recht – sie sollte Dorothy und Harry von ihrer Verabredung erzählen. Ballyfergus war ein Nest, und es wäre unfair, wenn sie es von jemand anderem erfahren würden. Und außerdem war es schließlich ihr gutes Recht auszugehen, mit wem auch immer es ihr beliebte. Doch warum war ihr dann so unwohl bei dieser Vorstellung? Warum plagten sie solche Schuldgefühle?

Sie seufzte und erhob sich. Es war später Nachmittag, die Dämmerung war bereits hereingebrochen. Ihr blieben noch mehrere Stunden, um sich ausgehbereit zu machen, und ansonsten gab es ausnahmsweise einmal nichts zu tun. Ein ungewohnter Luxus für eine alleinstehende Mutter wie sie. Andere Frauen wären froh gewesen über diese Gelegenheit, sich wieder einmal ein ausgiebiges Verwöhnprogramm zu gönnen, doch Kirsty wusste nichts mit sich anzufangen.

Sie ging zum Fenster, legte die Handflächen an das kalte Glas und ließ den Blick über den Garten schweifen, der unter einem zarten Frostschleier seinen Winterschlaf hielt. Die Straßenlaternen gingen an und warfen helle Kreise auf den Weg vor ihrem Grundstück. Weiße Kristalle glitzerten bereits auf dem Asphalt, und am Fenster formten sich die ersten Eisblumen. Kirsty schauderte, knipste die Nachttischlampe an und zog die Vorhänge zu.

Dann dachte sie an die zahlreichen teuren Glasflakons, die sie bei Janice und Keith im Badezimmer gesehen hatte. Janice verstand es hervorragend, sich zu verwöhnen; Kirsty konnte hier noch einiges von ihr lernen.

»Okay«, sagte sie und klatschte in die Hände. »Jetzt leg dich mal ein bisschen ins Zeug, Mädel.«

Sie ließ sich ein heißes Bad ein, kippte einen duftenden Badezusatz ins Wasser, zündete ein paar Kerzen an und legte eine CD von Mariah Carey auf. Während sie wartete, dass sich die Wanne füllte, entfernte sie den abblätternden Nagellack. Dann zog sie sich aus und stieg vorsichtig in das Schaumbad. Das Wasser war heiß, hart an der Grenze zwischen Genuss und Schmerz, doch als es über ihren Schultern zusammenschlug, fühlte es sich an wie eine Liebkosung. Sie schloss die Augen, konzentrierte sich auf die Musik und bemühte sich aktiv um eine positive Gemütsverfassung.

Im allerschlimmsten Fall würde sich dieser Robert als ein Langweiler herausstellen, aber selbst wenn, konnte sie sich ja immer noch mit Janice und Keith unterhalten. Mit den beiden war es immer lustig. Doch unabhängig davon, wie sich dieser Abend entwickeln würde, musste sie zuerst ihren Schuldgefühlen den Garaus machen. Was leichter gesagt war als getan. Denn sie hatten nichts damit zu tun, dass sie sich um ihre Schwiegereltern oder ihre Kinder Sorgen machte. Und sie gründeten auch nicht auf dem Gefühl, dass sie Scott betrog.

Ihr schlechtes Gewissen rührte vielmehr daher, dass Kirsty in den vergangenen drei Jahren eine Lüge gelebt hatte. Sie hatte die Rolle der trauernden Witwe nur gespielt, und diese Vortäuschung war ihr unheimlich schwergefallen – vor allem in der Gegenwart von Harry und Dorothy, die so schrecklich unter dem Verlust ihres einzigen Sohnes litten.

Natürlich war Kirsty nach Scotts Tod traumatisiert gewesen – sie hatte sogar ein halbes Jahr lang Beruhigungstabletten einnehmen müssen. Doch der entscheidende Unterschied zwischen ihren Schwiegereltern und ihr selbst war, dass sie Scott zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr geliebt hatte. Nach dem Unglück hatte sie sich eine ganze Weile einzureden versucht, es wäre anders gewesen. Sie hatte sich auch beinahe davon überzeugen können, dass sie und Scott nur eine schwierige Phase durchgemacht hatten. Doch mit der Zeit hatte sie sich eingestehen müssen, dass sie sich etwas vormachte. Sie hatte Scott geliebt, leidenschaftlich geliebt, aber gegen Ende war ihre Ehe nur noch Fassade gewesen. Es hatte keine großen Dramen gegeben, keine lautstarken Auseinandersetzungen, kein Türenknallen, keine Prü­geleien. Nur das aufreibende Hickhack zwischen zwei Menschen, die sich auseinandergelebt hatten und einander nichts mehr zu sagen hatten. Vor seinem Tod hatten sie ein halbes Jahr nicht mehr miteinander geschlafen. Das Einzige, was sie noch zusammengehalten hatte, waren die Kinder gewesen.

Eines rief sie sich immer wieder in Erinnerung: Es war nicht allein ihre Schuld gewesen, dass sie irgendwann aufgehört hatte, ihn zu lieben. Auch Scott hatte sich verändert. Nicht, dass er sich über Nacht in ein Monster verwandelt hätte. Er hatte weiterhin für seine Familie gesorgt und nicht ein einziges Mal die Hand gegen sie oder die Kinder erhoben. Doch die Arbeit im väterlichen Betrieb war ihm zusehends verhasst gewesen, und in seinem Frust hatte er mehr als einmal angedeutet, er wäre längst über alle Berge, wenn er nicht für sie und die Kinder sorgen müsste. Wobei Kirsty nie herausgefunden hatte, ob er nur Ballyfergus den Rücken kehren wollte oder auch ihr und den Jungs. Jedenfalls war er ständig mürrisch und gereizt gewesen, und sie hatte nicht das Geringste dagegen ausrichten können.

Statt mit ihr darüber zu reden, hatte er Trost im Radfahren gesucht und immer häufiger ausgedehnte Wochenendtouren unternommen, und Kirsty war mit ihrem Drängen, er solle mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, bei ihm auf taube Ohren gestoßen. Sie war zutiefst erschrocken gewesen, als sie eines Tages mit den Kindern nach Belfast in den Zoo gefahren war und irgendwann festgestellt hatte, dass sie den ganzen Tag noch nicht ein einziges Mal an Scott gedacht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war ihr klar geworden, dass sie ihn nicht mehr liebte.

Harry und Dorothy lobten sie ständig für ihre Kraft und ihren Mut; dafür, dass sie für sie und die Kinder da war, obwohl sie doch um ihren Ehemann trauerte. Kirsty hätte ihnen gern gesagt, wie die Dinge zwischen ihr und Scott gestanden hatten, wollte ihnen aber zugleich nicht noch mehr Kummer bereiten.

Also behielt sie die Wahrheit für sich. Nicht einmal ihren besten Freundinnen erzählte sie davon, weil sie Scott nicht schlechtmachen und die Erinnerung an ihn nicht beschmutzen wollte. Schließlich war das ja alles, was ihr von ihm geblieben war. Und abgesehen davon war er nicht allein für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich gewesen; bestimmt hatte auch sie ihren Beitrag dazu geleistet.

Kirsty tauchte den Kopf unter Wasser und versuchte, ihre Gedanken zu verdrängen. Sie zerfleischte sich wegen etwas, das sie nicht ändern konnte. So gern sie sich das alles von der Seele geredet hätte, ihr blieb nichts anderes übrig, als weiterhin zu schweigen.

Drei Stunden später stand sie geschniegelt und gestriegelt, geschminkt und parfümiert vor dem Spiegel und betrachtete sich zufrieden. Ihre Fingernägel waren dunkelrot lackiert, ihre schulterlangen rotbraunen Locken glänzten. Sie trug das Outfit, zu dem ihr Patsy geraten hatte, und die Stiefel mit den fünf Zentimeter hohen Keilabsätzen ließen sie schlanker wirken, als sie es tatsächlich war. Wobei sie sich noch nie ernsthaft Sorgen um ihr Gewicht gemacht hatte. Sie lächelte der Frau im Spiegel zu. Patsy wäre stolz auf sie gewesen.

Sie war selbst stolz auf sich. Da stand sie nun, bereit für ihre Verabredung, und obwohl die Wahrscheinlichkeit nicht besonders groß war, konnte sie nicht ausschließen, dass der Mann, den sie gleich kennenlernen würde, womöglich ihre nächste große Liebe war. Schon bei der Vorstellung fühlte sich Kirsty wieder lebendig. Es klingelte an der Tür.

»Wünsch mir Glück«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild und zwinkerte sich aufmunternd zu.

Izzy saß an Clares Küchentisch, das Kinn in die Hand gestützt, und kaute an einem Hannah-Montana-Bleistift. Auch das Federmäppchen und der aufgeschlagene Ordner vor ihr waren mit den Bildern und Insignien dieses Teeniestars bedruckt. So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben, dachte Clare. Als sie in Izzys Alter gewesen war, hatte man sich noch mit schlichten No-Name-Schulsachen und ramponierten Denim-Umhängetaschen zufriedengegeben. War das nun wirklich schon dreiundzwanzig Jahre her?

Izzy zwirbelte eine ihrer blonden Locken zwischen Daumen und Zeigefinger und starrte auf ihre unordentlich hingekrakelten Mitschriften aus dem Unterricht. Sie hatte sich die winzigen Kopfhörer ihres iPods in die Ohren gesteckt – angeblich weil Musik ihre Konzentration förderte, doch soweit Clare das beurteilen konnte, wirkte ihre Miene eher abwesend als inspiriert. Die Seiten des vor ihr liegenden Schulhefts waren jedenfalls noch jungfräulich weiß. So lief das immer, wenn Izzy »ihre Hausaufgaben machte«. Clare biss sich auf die Unterlippe. Izzy war zwölf und entstammte Liams erster Ehe, und es stand Clare nicht zu, ihr Befehle zu erteilen, so gern sie es auch getan hätte.

Sie widmete sich wieder ihrer zwanzig Monate alten Tochter Rachel, die zufrieden in ihrem Kindersitz saß, das Gesicht mit Tomatensoße verschmiert. Rachel grinste fröhlich, als Clare die Augen verdrehte, und schaufelte sich mit den Fingern eine weitere Handvoll Bohnen in den Mund. Ihr gelber Plastiklöffel lag längst an seinem angestammten Platz auf dem Fußboden unter ihr. Der vierjährige Josh hatte seinen noch halb vollen Teller einfach stehen lassen, um auf dem Kinderkanal Space Pirates zu gucken. Eigentlich hätte Clare ihn wieder an den Tisch rufen müssen, aber heute fehlte ihr dazu einfach die nötige Energie. Sie schabte die übrig gebliebene Pampe in den Mülleimer und stellte den Teller in den Geschirrspüler.

Wenn sie Izzy so untätig herumsitzen sah, verspürte sie oft den Drang zu intervenieren, doch das wäre aus Izzys Sicht einer Verletzung ihrer Menschenrechte gleichgekommen. Sie wurde nicht müde, Clare darauf hinzuweisen, dass sie nicht ihre Mutter war und deshalb »nicht das Recht hatte, sie herumzukommandieren«. Was Clare das Leben ganz schön erschwerte, wenn sie, wie heute, allein auf Izzy aufpassen musste. Eigentlich hätte Liam längst zu Hause sein müssen. Wo steckte er nur wieder?

Clare sah erst auf die Uhr und dann zu Izzy. Draußen war es bereits dunkel. Hoffentlich beeilte sich Liam – und zwar nicht nur wegen Izzy. Es war Mittwochabend, und sie wollte mit ihren Freundinnen ausgehen. Seit zwei Wochen machte er nun schon fast jeden Tag Überstunden. Clare schüttelte den Kopf und seufzte, als sie an ihren Neujahrsvorsatz dachte. Bis auf ein, zwei Stunden hie und da hatten ihre Anstrengungen, wieder mit dem Malen anzufangen, noch keine nennenswerten Erfolge gebracht. Ohne Liams tatkräftige Unterstützung würde sie sich ihren Traum nicht erfüllen können.

Izzy trommelte im Takt der Musik mit dem Bleistift auf ihr Heft. Sie hatte noch immer keine Zeile geschrieben. Doch Clare würde sich hüten, deswegen etwas zu sagen. Soll sich doch Zoe nachher mit ihr herumärgern!, dachte sie hämisch.

Clare fand, dass Izzys Mutter Zoe viel zu glimpflich davonkam, denn Izzy verbrachte nicht nur drei Wochenenden pro Monat bei ihnen, sondern zusätzlich auch noch jeden Mittwochabend. Normalerweise blieb sie über Nacht und wurde von Liam am Donnerstag zur Schule gefahren, doch morgen musste er bereits um neun in Londonderry sein. Clare fragte sich etwas neidisch, was Zoe eigentlich mit ihrer vielen Freizeit anstellte.

»Rachel!«, kreischte Izzy plötzlich und sprang von ihrem Stuhl auf.

Im selben Moment nahm Clare aus dem Augenwinkel wahr, wie Rachel ihre blaue Plastikschüssel vom Tisch fegte.

»Mist!« Sie hechtete instinktiv von der Spüle zum Tisch, in dem Versuch, das drohende Desaster noch abzuwenden. Zu ihrer eigenen Überraschung bekam sie das Geschoss sogar zu fassen. Doch dann entglitt die glitschige Schüssel ihren Fingern und segelte in hohem Bogen durch die Luft, wobei das Gemisch aus Bohnen und Tomatensoße auf sie herniederregnete. Mit lautem Geklapper landete sie schließlich auf dem Boden. Rachel klatschte verzückt in die Hände.

Clare sah entgeistert an sich hinunter. An ihrer frisch gewaschenen, blau gepunkteten Schürze klebten Bohnen, von ihrer Hand tropfte Tomatensoße. Alles war mit roten Spritzern übersät – der Tisch, Izzys Hausaufgabenheft und Federmäppchen, die elfenbeinweiße Wand, die Sockelleiste, die Stuhlbeine, die Schranktüren ihrer schönen eierschalenfarbenen Landhausküche und nicht zuletzt der geflieste Fußboden. Nicht zu fassen, was für eine Schweinerei ein paar Löffel Heinz-Tomatensoße verursachen konnten.

Nur Izzy, die barfuß mit dem Rücken zum Kühlschrank stand, war wie durch ein Wunder verschont geblieben. Sie hielt sich beide Hände vor den Mund und blickte mit vor Schreck geweiteten Augen von Rachel zu Clare und wieder zurück.

Dann begann sie zu kichern. »Oh, Rachel, du kleiner Schlingel!«, gackerte sie und ließ die Hände sinken. Sie lachte und lachte, die Arme in die Hüfte gestemmt, das Gesicht rot angelaufen. Sie wirkte wie ausgewechselt, wenn sie – wie jetzt – im Überschwang des Augenblicks einmal ihr sonst so cooles Gehabe vergaß.

Vom Lärm angelockt, erschien Josh in der Tür und deutete feixend auf seine Mutter, der just in diesem Augenblick eine kalte Bohne über die Nase rutschte. Clare fing sie mit der Zunge auf, steckte sie sich kurz entschlossen in den Mund und verspeiste sie. Josh johlte begeistert, und auch Rachel quietschte vor Freude und hämmerte mit ihren kleinen Fäusten auf den Tisch. Ihre hohen Stimmen erfüllten den Raum wie Weihnachtsglocken.

Beim Anblick der verwüsteten Küche musste Clare auf einmal selbst lachen. Wenn das Leben mal wieder so richtig garstig war, nahm man es am besten mit Humor.

»Und ich muss in zwei Stunden weg.« Sie schüttelte den Kopf, klaubte sich eine weiße Bohne aus dem Haar und sah dann mit einem schiefen Lächeln zu Izzy.

»Entschuldige, Clare, aber das war jetzt echt witzig«, keuchte diese atemlos.

»Ja, ja, so witzig, dass ich mir jetzt erst mal die Haare waschen muss«, schmunzelte Clare, worauf Izzy erneut losgluckste.

Sie waren rar, die Augenblicke wie diese, in denen sie beide einfach nur sie selbst waren. Clare schenkte ihrer Stieftochter ein breites Grinsen und wurde mit einem Lächeln belohnt, das nicht ganz so reserviert wie sonst wirkte. Ein richtig offenes, warmes Lächeln konnte man Izzy nie entlocken.

Clare hatte Izzy erst kennengelernt, als Liam schon geschieden war, und in ihren Augen war es offensichtlich, dass die Kleine von der Trennung seelische Schäden davongetragen hatte. Zoes Feindseligkeit gegenüber Liam und Clare tat ein Übriges. Dabei hatte Zoe gar keinen Grund, einen Groll gegen Clare zu hegen. Liam hatte bereits in Scheidung gelebt, als sich ihre Wege gekreuzt hatten.

Izzy war ein kluges Mädchen mit einem hohen Grad an emotionaler Intelligenz. Sie hatte schnell gelernt, sich auf dem Minenfeld des Familienlebens zurechtzufinden. Soweit Clare das beurteilen konnte, bestand ihr Ziel in erster Linie darin, ihrer Mutter die Stange zu halten. Und sie hatte rasch begriffen, dass sie das am besten erreichen konnte, indem sie Clare nicht allzu freundlich gegenübertrat. Auf diese Weise meisterte sie den Drahtseilakt, zu dem ihr Leben geworden war. Das Ganze war nicht fair, fand Clare. Kein Kind sollte einen ständigen Eiertanz aufführen müssen. Clare empfand aufrichtiges Mitleid mit ihr, und sie versuchte – schon wegen Liam – möglichst gut mit Izzy auszukommen. Doch sosehr sie sich auch bemühte, sie fand es nahezu unmöglich, Izzy in ihre Familie zu integrieren. Die Kleine war stets distanziert und auf der Hut. Deshalb erschien Clare dieser Augenblick unbeschwerter Heiterkeit wie ein Durchbruch.

Josh machte sich, noch immer lachend, vom Acker, und Rachel rutschte von ihrem Hochsitz, um ihm nachzulaufen.

»Nicht so schnell, junge Dame«, rief Clare und hob ihr Töchterchen hoch. Nachdem sie Gesicht und Hände energisch mit einem nassen Lappen bearbeitet hatte, setzte sie das sich windende Kind auf dem Boden ab und ließ es lostappen.

Izzys Lachanfall war mittlerweile abgeebbt. Sie seufzte und wischte sich die Tränen von den Wangen.

Clare hielt ihr eine Schachtel Kosmetiktücher hin. »Deine Wimperntusche ist ganz verlaufen.«

»Oh, echt?« Izzy zupfte ein Tuch aus der Schachtel.

»Mhm.«

Izzy tupfte ein wenig an den schwarzen Flecken unter ihren Augen herum. »Besser?«

Clare nickte. Schweigen. Izzy wandte den Blick ab und spielte mit ihren Haaren. »Und, wie kommst du mit den Hausaufgaben voran?«, fragte Clare in dem Versuch, den Moment der Vertrautheit noch etwas zu verlängern. Sie bereute ihre Frage sofort.

»Gut«, erwiderte Izzy gleichgültig und trat einen Schritt zurück. Schon hatte sie die Schotten wieder dicht gemacht.

Clare spürte, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog. »Hier, damit kannst du deine Sachen abwischen«, sagte sie betont fröhlich, als hätte sie den Stimmungsumschwung nicht bemerkt, und warf Izzy ein feuchtes Geschirrtuch zu. »Aber ich fürchte, aus dem Heft werden die Flecken nicht rausgehen«, fuhr sie nervös fort. »Du wirst wohl die obersten Seiten herausreißen müssen.«

Izzy ergriff wortlos das Tuch und wischte damit den Tisch und ihre Schulsachen ab, wobei die Tomatensoße hässliche orangefarbene Spuren in ihrem Hausaufgabenheft hinterließ. Dann setzte sie sich. Sie machte keine Anstalten, die beschmutzten Seiten aus dem Heft zu entfernen.

»Willst du die nicht lieber rausreißen?«, insistierte Clare mit einem gezwungenen Lachen. »Darauf kannst du doch keine Hausaufgaben abliefern.«

»Willst du nicht lieber die Küche putzen?«, konterte Izzy mit einem Blick über die Schulter.

»Ich wäre bestimmt schneller fertig, wenn mir jemand zur Hand gehen würde«, blaffte Clare, die Fäuste in die Hüften gestemmt.

Izzy grunzte. »Ich bin nicht hier, um zu putzen. Das ist schließlich die Aufgabe von euch Hausfrauen und Müttern.«

Clare kniff die Augen zu und zählte bis zehn, fest entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen. Zweifellos plapperte Izzy nur das nach, was sie von Zoe gehört hatte, aber das machte ihre Bemerkung nicht weniger beleidigend.

Clare öffnete die Augen und sah auf die Uhr. Mist! Sie musste die Küche aufräumen, die Kinder baden und ins Bett bringen und sich selbst ausgehfertig machen. Warum musste Liam ausgerechnet heute später kommen? Er hatte einfach keine Ahnung, wie stressig das Leben zu Hause sein konnte, vor allem, wenn seine hormongesteuerte, aufmüpfige Tochter hier war.

Wie sollte sie unter diesen Umständen jemals genügend Zeit finden, um zu malen?

»Hast du Lust, Rachel und Josh zu baden, Izzy?«, fragte sie, wohl wissend, wie gern sich Izzy mit den beiden beschäftigte, vor allem, wenn Clare nicht dabei war. »Dann könnte ich in der Zwischenzeit die Küche in Ordnung bringen.«

»Tut mir leid, aber ich muss meine Hausaufgaben machen.« Izzy steckte sich mit einem listigen Seitenblick das Ende des Bleistifts in den Mund. Und das, nachdem sie vierzig Minuten untätig am Tisch gesessen hatte! Clare hätte ihr am liebsten eine Ohrfeige verpasst.

»Verstehe.« Sie hob die Plastikschüssel auf, pfefferte sie ins Spülbecken und holte dann einen Schwamm aus dem Schrank darunter, um damit die Wand abzuwischen.

»Wo bleibt Dad?«, fragte Izzy nach einigen Minuten. Es klang vorwurfsvoll, als wäre es Clares Schuld, dass Liam so spät dran war.

»Du weißt doch, dass er zurzeit Überstunden machen muss«, keuchte Clare verärgert, während sie in gebückter Haltung die Tischbeine abwischte. »Wenn es nach ihm ginge, wäre er bestimmt längst zu Hause.«

»Wozu komme ich eigentlich her, wenn er gar nicht da ist? Ich dachte, es geht darum, dass ich Zeit mit ihm verbringe.«

»Und mit deinen Geschwistern.«

»Sie sind nicht meine Geschwister.«

»Dann eben deine Stiefgeschwister«, fauchte Clare und fuhr dann bissig fort: »Wie war das jetzt mit dem Hausaufgabenmachen?«

Keine Antwort. Izzy lächelte in sich hinein, griff zum iPod, stöpselte sich die Ohren zu und begann zu schreiben. Clare musterte sie erbost, doch plötzlich war Izzy auf wundersame Weise voll und ganz bei der Sache und kritzelte eifrig vor sich hin.

Als Zoe um acht an der Tür klingelte, stand Clare gerade in Unterwäsche und schwarzen Kniestrümpfen im Schlafzimmer. Irgendwie hatte sie es geschafft, Josh und Rachel zu Bett zu bringen, zu duschen, sich die Haare zu waschen und zu föhnen und sogar Make-up aufzulegen. Sie hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde. Dann drang Zoes schrille Stimme durch das Haus. »Was? Er ist noch nicht da? Und seit wann sitzt du hier mutterseelenallein rum und siehst fern?«

Clare ging hinaus in den Korridor, um der Unterhaltung zu lauschen.

»Seit Clare um kurz nach sechs raufgegangen ist, um Rachel und Josh zu baden.«

»Hol deinen Mantel, wir fahren.«

So nicht, dachte Clare. Das würde sie Izzy nicht durchgehen lassen. Sie rannte zurück ins Schlafzimmer, schnappte sich den erstbesten Morgenmantel und zog ihn sich über. Dann marschierte sie ins Erdgeschoss.

Zoe stand am Fuß der Treppe, die Stirn missbilligend in Falten gelegt und die Arme vor der Brust verschränkt. Sie sah wieder einmal aus wie aus dem Ei gepellt in ihren schicken schwarzen Designerklamotten und den hochhackigen Stiefeln aus glänzendem Leder. Alles an ihr strahlte Erfolg aus – nicht von ungefähr gehörten ihr drei Boutiquen in unterschiedlichen Städten.

»Izzy hat beschlossen, mir heute nicht beim Baden der Kinder zu helfen«, sagte Clare anstelle einer Begrüßung und straffte die Schultern. Dann musterte sie ihre Stieftochter kühl. »Sie musste ihre Hausaufgaben machen. Nicht wahr, Izzy?«

Die Kleine hielt den Blick gesenkt und hatte zumindest den Anstand, zu erröten. Nicht, dass es ihrer Mutter aufgefallen wäre – denn die war viel zu sehr damit beschäftigt, Clare zu taxieren.

»Ich wünsche dir auch einen guten Abend, Clare«, sagte sie spitz.

Unter Zoes kritischem Blick fühlte sich Clare plötzlich unbehaglich. Sie zog den alten Flanellmorgenmantel enger und sah an sich hinunter. Durch ein Loch im rechten Strumpf lugte ihr großer Zehennagel hervor, gelbstichig und unlackiert. »Ich wollte mich gerade umziehen; ich muss gleich los«, sagte sie und spürte, wie sie rot anlief.

»Wohin soll’s denn gehen?«, erkundigte sich Zoe.

»Nur mit ein paar Freundinnen ins No. 11.«

»Tja, verlass dich mal lieber nicht darauf, dass Liam das Babysitten übernimmt. Mich hat er damals ständig hängen lassen.«

Mittlerweile war Clare auf Liam mindestens genauso sauer wie auf Zoe und Izzy. Nicht genug damit, dass er sie mit Josh und Rachel alleingelassen hatte, obwohl er wusste, dass heute ihr Weiberabend war, er hatte sie auch noch in diese unangenehme Situation mit seiner Exfrau gebracht.

Wie auf ein Stichwort schwang die Haustür auf, und Liam trat ein, begleitet von einem eisigen Windstoß. »Wenn man vom Teufel spricht …«, sagte Zoe mit sichtlicher Genugtuung.

Er ließ die Aktentasche auf den Boden plumpsen und schlug die Tür hinter sich zu. Dann rieb er sich die Hände und pustete hinein, während er die drei weiblichen Wesen musterte, die ihn aus unterschiedlichen Gründen bitterböse anfunkelten.

»Oh, Izzy.« Er trat zu seiner Tochter und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie schüttelte ihn ab und wich einen Schritt zurück.

»Wo warst du, Dad?«, fragte sie weinerlich.

»Tut mir schrecklich leid, Mädels«, sagte Liam. Er wirkte müde, wie er da mit hängenden Armen vor ihnen stand, das jungenhafte Gesicht von Falten durchzogen. Als er hilflos die Achseln zuckte und Izzy ein schiefes Lächeln schenkte, war Clare hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verärgerung. »Ihr werdet nicht glauben, was mir passiert ist«, sagte er überdreht. »Ich war auf dem Parkplatz und wollte gerade ins Auto steigen, da ist direkt neben mir ein Raumschiff gelandet, und ratet mal, wer …«

»Dad!«, sagte Izzy warnend, ohne den Anflug eines Lächelns.

»Okay, okay.« Er seufzte. »Ich bin nicht früher losgekommen. Ich hab’s versucht, aber es gab ein Problem, und … da konnte ich nicht einfach gehen.«

»Ach, das konntest du nicht?« Zoes Stimme triefte vor Verachtung. »Izzy ist nur einen Tag die Woche bei dir, Liam, da kann man doch wohl erwarten, dass du dich danach richtest, oder?«

»Du weißt genau, dass das nicht immer so leicht zu bewerkstelligen ist, Zoe«, murmelte Liam.

»Aber Hexerei ist es eigentlich auch keine«, ätzte Zoe.

Clare biss sich auf die Unterlippe. Wie konnte Zoe es wagen, so mit Liam zu reden? Und warum ließ er es sich gefallen?

»Lass uns deswegen nicht streiten«, lenkte er mit einem Blick zu Izzy ein. Es war immer er, der klein beigab und zu beschwichtigen versuchte.

»Wir sollten jetzt wirklich fahren«, sagte Zoe, zu Izzy gewandt, und legte ihrer Tochter besitzergreifend die Hand auf den Rücken. »Hast du etwas zu essen bekommen, Schätzchen?«

»Bohnen auf Toast«, murmelte Izzy.

»Das hat sie sich selbst gewünscht«, beeilte sich Clare zu erklären, doch Zoe beachtete sie gar nicht.

»Ts, ts. Na, gut, Liebes, dann kriegst du etwas Anständiges, sobald wir zu Hause sind … Dürfen wir mal durch?« Letzteres war an Liam gerichtet und von einem kühlen Blick begleitet. Er trat zur Seite.

»Tut mir echt leid, Izzy«, sagte Liam, während Zoe die Haustür öffnete und ihre Tochter hinausschob. »Ich mach’s wieder gut«, rief er ihnen nach, doch da hatte seine Exfrau bereits die Tür zugeschlagen. Er seufzte erneut und rieb sich die Augen.

»Entschuldige, Liebes«, stöhnte er.

Clare hatte so viele Gründe, wütend auf ihn zu sein, dass sie gar nicht wusste, welchen sie zuerst nennen sollte.

»Hast du das gehört?«, echauffierte sie sich. »Sie hat angedeutet, Izzy würde bei uns nichts Vernünftiges zu essen bekommen! Ich hatte einen Auflauf gemacht, aber Izzy wollte Bohnen auf Toast!«

Liam zuckte die Achseln. »Sie hat Izzy doch bloß gefragt, was sie gegessen hat. Das kannst du Zoe nun wirklich nicht zum Vorwurf machen.«

»Du verstehst es nicht, oder?«, fragte Clare. »Du kannst einfach nicht zwischen den Zeilen lesen. Das war ein gezielter Angriff gegen mich.«

»Reg dich doch deswegen nicht so auf, Clare. Sie ist es nicht wert«, sagte Liam, während er seinen Mantel aufhängte. »Du solltest nicht zulassen, dass sie einen Keil zwischen uns treibt.«

»Du lässt zu, dass sie einen Keil zwischen uns treibt! Warum hast du dich überhaupt von ihr scheiden lassen, wenn du sie immer verteidigst?«

»Hey.« Er hob abwehrend die Hände und runzelte verärgert die Stirn. »Jetzt mach mal halblang.«

Clare errötete, wohl wissend, dass sie zu weit gegangen war, doch wenn sie erst einmal in Fahrt war, hörte sie nicht so bald wieder auf. »Du hast Angst vor ihr, stimmt’s?«

»Ich habe keine Angst vor Zoe, ich ziehe es lediglich vor, nicht mit ihr auf Konfrontationskurs zu gehen.«

»Aber du lässt zu, dass sie dich behandelt wie den letzten Dreck, noch dazu vor Izzy.«

»Das bildest du dir ein.«

»Tu ich nicht.«

Wieder seufzte er. »Ich will mich eben vor Izzy nicht mit ihr streiten, Clare. Du weißt doch, Zoe ist allein, und sie hat es nicht einfach. Sie hat nicht viele Freunde, und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich sie damals verlassen habe. Wahrscheinlich tut sie mir leid. Es wäre schön, wenn du ihr auch ein bisschen Mitgefühl entgegenbringen könntest.«

»Mitgefühl?«, wiederholte Clare fassungslos. »Ich soll Mitgefühl mit ihr zeigen? Also, falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, Liam, Zoe ist kein bemitleidenswertes Opfer, sondern ein richtiges Miststück.« Die letzten Worte klangen hart und gemein.

»Das reicht jetzt«, wies Liam sie scharf zurecht, und Clare biss sich verärgert auf die Unterlippe, weil sie sich zu einer Boshaftigkeit hatte hinreißen lassen, die noch dazu von ihrem eigentlichen Problem ablenkte, nämlich dass er sie nicht ausreichend gegen Zoes Beleidigungen verteidigte. »Hör zu«, sagte er in etwas versöhnlicherem Tonfall. »Ich will einfach nur, dass wir alle einigermaßen gut miteinander auskommen, okay? Ich hatte einen richtigen Scheißtag.«

»Ich auch, und zwar dank dir. Wehe, du tust mir das noch einmal an.«

»Was?«

»Na, dass du mich so lange warten lässt, wenn ich doch eigentlich mit den Mädels ausgehen will. Ich gönne mir ohnehin bloß ein- oder zweimal im Monat einen Abend mit meinen Freundinnen, Liam – ist es da zu viel verlangt, dass du rechtzeitig nach Hause kommst?«

»Du weißt genau, dass ich eher gekommen wäre, wenn ich es geschafft hätte.« Er rieb sich mit den Händen das Gesicht.

»Und dann hatte ich auch noch Izzy an der Backe!«

»Ach, komm. Izzy macht doch keine Mühe.«

»Sie hat es faustdick hinter den Ohren, Liam«, schnaubte Clare. »Wenn du in der Nähe bist, spielt sie das süße, brave Töchterlein, und wenn nicht, ist sie eine freche Göre.«

»Was hat sie denn so Schlimmes angestellt?«

»Sie … sie hat sich geweigert, mir mit den Kindern zu helfen.«

»Na ja, ehrlich gesagt ist das auch nicht ihre Aufgabe, Clare.« Liam hob die Augenbrauen und legte den Kopf schief, wie er es immer tat, wenn er fand, dass sie sich zu Unrecht beschwerte. Eine Geste, die Clare nur noch mehr erzürnte.

»Du hast ja keine Ahnung, was hier los war. Rachel hat ihre Schüssel Bohnen mit Tomatensoße vom Tisch geworfen, und die Küche sah danach aus wie ein Schlachtfeld.« Clare gestikulierte beim Reden wild mit den Armen, sodass ihr Morgenmantel auseinanderklaffte. Entschlossen zog sie ihn wieder zu. »Izzy hat sich geweigert, mir beim Aufräumen zu helfen, und dann Zoe gegenüber behauptet, ich hätte sie zwei Stunden allein gelassen.«

Liam schüttelte den Kopf, ohne ihr wirklich zuzuhören. »Entschuldige, Clare, aber ich bin gerade erst nach Hause gekommen …« – er sah auf die Uhr – »und du solltest schon seit zehn Minuten im No. 11 sein. Lass uns doch ein andermal darüber reden, ja?«

»Meinetwegen.« Clare hätte die Angelegenheit einerseits gern ausdiskutiert, andererseits wollte sie los, ehe der Abend endgültig ruiniert war. Als ihr auffiel, wie erschöpft Liam aussah, verflog ihre Wut. »Iss doch erst einmal etwas«, schlug sie vor. »Der Auflauf steht im Backofen, und das Weißbrot ist in der Brottruhe.«

»Mach ich. Danke, Schatz.«

»Was ist denn in der Firma so Schlimmes passiert?«, erkundigte sich Clare.

»Ach, das Übliche. Büropolitik. Das willst du gar nicht so genau wissen.«

Er hatte recht – sie wollte es nicht wissen. Und er wollte offensichtlich auch nicht darüber reden. »Tut mir leid, dass ich dich wegen Zoe genervt habe.«

»Schon gut. Ich weiß ja, wie sie ist. Glaub mir, ich würde es hundertmal lieber mit der versammelten Armada aus der irischen Sagenwelt aufnehmen als mit ihr.«

Clare kicherte. Liam hob eine Augenbraue, und seine Mundwinkel wanderten nach oben. »Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du in diesem Aufzug ganz reizend aussiehst?«, fragte er mit seinem unwiderstehlichen Lächeln. Er legte ihr die Arme um die Taille und zog sie an sich. »Ich finde es immer äußerst sexy, wenn eine Frau die Kleider ihres Mannes trägt«, murmelte er ihr ins Ohr.

»Aber doch nicht diesen uralten Fetzen!« Clare sah grinsend an sich hinunter. »Ich werde dir einen neuen besorgen und diesen hier schnurstracks in den Mülleimer werfen.«

»Wie du willst«, sagte Liam und verpasste ihr einen Klaps auf den Hintern. »Und jetzt verzieh dich, bevor ich über dich herfalle!«

Clare trabte kichernd hinauf ins Bad. Auf einmal fiel ihr wieder ein, warum sie sich damals in Liam verliebt hatte: Weil er es immer wieder schaffte, sie zum Lachen zu bringen.

Kapitel 4

Mit einer halben Stunde Verspätung traf Clare im No. 11 ein. Das kleine Bistro befand sich im Erdgeschoss eines ehemaligen Hotels in der Quality Street, dessen restliche Räume längst zu Wohnungen umfunktioniert worden waren. Das Interieur des Lokals war in warmen Brauntönen gehalten, und der abgetretene Holzboden wurde von geschickt platzierten Lampen golden erleuchtet. Im Sommer wurden die großen französischen Fenster geöffnet, und dann konnte man wie in Südeuropa an einem der Tische draußen auf dem Bürgersteig in der Sonne sitzen. An diesem bitterkalten Januarabend jedoch waren die Fenster geschlossen.

Clare ging zu dem Tisch in der Ecke, an dem Janice, Kirsty und Patsy bereits auf sie warteten.

»Hallo Clare! Setz dich.« Patsy klopfte auf den freien Stuhl neben sich. »Wir haben uns schon gefragt, wo du bleibst.«

Clare begrüßte jede ihrer Freundinnen mit einem Wangenkuss, setzte sich und entschuldigte sich für ihr Zuspätkommen.

»Was möchtest du trinken?«, erkundigte sich Janice, die in ihrem rosa Kaschmirpulli mit V-Ausschnitt und der karierten grauen Hose wie üblich tadellos gekleidet war.

»Weißwein, bitte.«

»Ich begnüge mich zur Abwechslung mit Sodawasser«, sagte Patsy stolz und hob wie zum Beweis ihr Glas. »Entgiftungskur.«

»Ja, ja«, winkte Janice ab. »Voriges Jahr hast du das ganze fünf Tage durchgehalten.«

»Freches Biest«, stieß Patsy mit gespielter Empörung hervor. Die anderen lachten.

»Also, ich kann definitiv ein Glas Wein vertragen, nach all dem, was heute passiert ist.«

»Das klingt aber gar nicht gut«, sagte Janice und begab sich sogleich zur Bar am anderen Ende des Lokals. Bei Denny, dem schmächtigen Barkeeper, der mit seiner blonden Igelfrisur und dem Engelsgesicht aussah wie ein kleiner Junge, der versucht, erwachsen zu wirken, erstand sie zwei Gläser Weißwein, mit denen sie gleich darauf zu ihren Freundinnen zurückkehrte. »So. Und jetzt erzähl mal.«

»Warte, einen Moment noch.« Clare nahm einen ausgiebigen Schluck Wein und spürte augenblicklich seine beruhigende Wirkung. Sie stellte das Glas auf einem Untersetzer ab. »Es fing beim Abendessen an …«

Ihre Freundinnen lauschten aufmerksam ihrem Bericht.

»Du Ärmste«, sagte Kirsty, nachdem Clare geendet hatte, und legte ihr tröstend die Hand auf das Knie. Sie tat derlei häufig, und Clare hatte sich noch immer nicht so recht daran gewöhnt. Auch jetzt war sie etwas befangen, nicht zuletzt deshalb, weil ihr die solidarische Geste ihrer Freundin die Tränen in die Augen trieb. Ihr Selbstmitleid kam ihr albern vor, und zugleich ärgerte sie sich über sich selbst. Warum ließ sie bloß zu, dass sie Zoes Verhalten derart aus der Bahn warf?

»Diese Zoe Campbell ist eine dämliche Kuh«, stellte Janice fest. »Du solltest den Umgang mit ihr einfach verweigern.«

»Das geht nicht«, wandte Clare missmutig ein. »Wegen Izzy.«

»Aber diese Hexe hat Izzy total gegen dich aufgehetzt«, sagte Patsy, »und ich wette, die Kleine hat panische Angst, etwas zu tun, das ihrer Mutter nicht in den Kram passen könnte.«

»Hm«, machte Clare. Ihre Freundinnen hatten vermutlich recht. Zoe hatte Izzy eindeutig gezwungen, Stellung zu beziehen. Sie seufzte. »Ich bin einfach enttäuscht. Ich habe mir so gewünscht, ein gutes Verhältnis zu Izzy aufzubauen. Mir war nicht klar, wie schwer es sein würde, sie einigermaßen in unsere Familie zu integrieren.«

»Es ist nicht deine Schuld«, beruhigte sie Kirsty mit ihrer bedächtigen Art. »Die Beziehung zu Stiefkindern ist immer kompliziert. Du musst dich einfach damit abfinden, dass du nicht immer alles richtig machen kannst.«

Aber genau das war das Problem. Clare wünschte sich eine perfekte Familie. Sie war ein Einzelkind, und ihre Eltern hatten sich ständig gezankt. Clare hatte den beiden nie verziehen, dass sie ihr eine so einsame, freudlose Kindheit beschert hatten. Selbst jetzt telefonierte sie nur höchst selten mit ihren Eltern, von Besuchen bei ihnen ganz zu schweigen. Wieder spürte sie, wie ihr die Tränen in den Augen brannten.

»Ich bin jetzt seit fünfeinhalb Jahren mit Liam verheiratet. Ich kenne Izzy, seit sie sieben Jahre alt war, und seitdem hat sich unser Verhältnis kontinuierlich verschlechtert.« Sie zupfte an einem Faden, der von ihrer schwarzen Wollhose abstand.

»Sie ist in einem schwierigen Alter«, sagte Patsy und nickte energisch. »Mit zwölf sind Mädchen der reinste Albtraum, aber irgendwann wird es besser. Ehrlich.« Sie wusste, wovon sie redete, denn sie hatte selbst zwei Töchter großgezogen. Patsys Einschätzung überzeugte Clare nicht wirklich, doch sie behielt ihre Zweifel für sich. Sie führte das Glas an die Lippen und nahm einen weiteren Schluck Wein.

Soweit sie das beurteilen konnte, hatte Izzy sie vom ersten Tag an gehasst und würde ihr nie verzeihen, dass sie ihren Vater geheiratet hatte. Wahrscheinlich hegte Izzy insgeheim noch immer die Hoffnung, dass ihre Eltern irgendwann wieder zusammenfinden würden. Zoe war nach wie vor Single, und sie hatte seit der Scheidung keine Beziehung mehr gehabt. Vielleicht würde es ja ihre Wut auf Liam – und Clare – dämpfen, wenn sie endlich jemanden kennenlernte, der sie glücklich machte.

»Im Endeffekt ist es doch Zoe, die ein Problem mit der Situation hat, nicht du«, warf Janice ein.

»Mit Zoe allein könnte ich ja noch fertigwerden«, sagte Clare und ballte die Fäuste, als ihr auffiel, dass sie schon wieder an ihrem Zeigefingernagel herumknabberte. »Aber Izzy verbringt so viel Zeit bei uns …«

»Hast du schon versucht, mit Liam darüber zu reden?«, wollte Patsy wissen.

Clare lachte hohl. »Er hält mich für paranoid, weil Izzy in seiner Gegenwart immer ein Engel in Person ist. Aber wenn nur ich da bin, benimmt sie sich ganz anders. Dann ist sie unhöflich und bockig, so wie heute.«

»Und was sagt Liam zu all dem?«, fragte Kirsty. »Ich meine, schließlich ist Izzy seine Tochter.«

Clare zuckte die Achseln. »Er versteht meine Probleme mit ihr einfach nicht. Seiner Meinung nach sind das alles ganz normale Teenagerattitüden. Ich weiß auch nicht – vielleicht hat er ja recht.«

Patsy nickte. »Es ist nur eine vorübergehende Phase«, versicherte sie ihr. »Du wirst schon sehen.«

Es entstand eine lange Pause, dann wechselte Kirsty dankenswerterweise das Thema. »Wie läuft es denn mit dem Malen?«

Clare seufzte. »Gar nicht.«

»Warum nicht?«, wollte Patsy wissen.

»Ich habe ein paar Versuche gestartet, aber da ich kein Atelier habe, male ich in Liams Arbeitszimmer, und das ist so klein, dass ich meine Staffelei hinterher jedes Mal wieder wegräumen muss. Was total unpraktisch ist, weil ich wegen der Kinder sowieso schon immer nur ein, zwei Stunden Zeit erübrigen kann. Außerdem habe ich Angst, Flecken auf dem Teppichboden zu hinterlassen. Es ist echt frustrierend.«

»Das tut mir leid zu hören.« Patsy runzelte die Stirn. »Lass mich mal überlegen, vielleicht fällt mir ja irgendetwas ein, wo du …«

»Ich weiß was!«, rief Janice. »Was ist mit Keiths Büro?«

»Keiths Büro?«, wiederholte Clare.

»Ja! Du weißt doch, er hat sich vor einigen Jahren in der alten Garage hinten in unserem Garten ein Büro eingerichtet, weil er ein paarmal die Woche von zu Hause aus arbeiten wollte. Doch dann hat sich herausgestellt, dass er das eigentlich nie tut.«

Ihre Worte ließen Clare aufhorchen. »Ja, ich erinnere mich.« Janice hatte ihr das »Büro« damals gleich nach dem Umbau gezeigt. Es handelte sich um einen großen, nach Norden ausgerichteten Raum, dessen ehemaliges Garagentor durch Fenster ersetzt worden war, die vom Boden bis zur Decke reichten.

»Warum benutzt du nicht das als Atelier? Es hat übrigens auch einen Steinboden, wegen Flecken im Teppich müsstest du dir also keine Gedanken machen.« Janice wurde immer aufgeregter. »Es gibt eine Heizung und Strom und eine eigene Toilette. Und eine kleine Küche hinten in der Ecke, mit Spülbecken und Wasserkocher, weißt du noch?«

Clare nickte begeistert. Es war fast, als wäre es von Anfang an als Atelier geplant gewesen.

»Es ist alles da, was du brauchst. Es wäre perfekt für dich.« Janice klatschte in die Hände. »Warum habe ich nicht schon früher daran gedacht?«

»Oh, Janice, das klingt traumhaft«, sagte Clare. Dieses Atelier wäre die Antwort auf all ihre Gebete. Wenn sie es sich nur leisten könnte. »Ich fürchte nur, ich habe im Augenblick nicht genug Geld, um ein Atelier zu mieten.«

»Wer hat denn etwas von mieten gesagt?«, rief Janice mit strahlenden Augen. »Ich will kein Geld von dir. Es wird sowieso nicht genutzt, und heizen müssen wir es ohnehin, damit es nicht feucht wird.«

»Was ist, wenn Keith doch einmal dort arbeiten will?«

»Das glaube ich kaum. Es ist ja nichts drin, abgesehen von einem verstaubten Schreibtisch und einem alten Bürostuhl. Wenn Keith tatsächlich mal daheim arbeitet, dann tut er das im Arbeitszimmer im Haus. Ganz ehrlich, Clare, es wäre mir lieber, wenn jemand den Raum benutzen würde, statt ihn die ganze Zeit leer stehen zu lassen.«

»Also …« Clare fehlten die Worte. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Janice.« Sie legte sich die kühlen Handflächen auf die geröteten Wangen. Die Pessimistin in ihr konnte gar nicht glauben, was sie da hörte.

»Sag einfach Ja, Clare«, meinte Janice.

»Ich kann es nicht fassen.« Clare sah zu Kirsty und Patsy, als müsste sie sich versichern, dass sie nicht träumte. Die beiden lächelten sie an.

»Mein eigenes Atelier. Das ist ein lang gehegter Traum von mir. Ich kann dir gar nicht genug danken«, sagte Clare. Sie konnte nur mit Müh und Not die Tränen der Dankbarkeit zurückhalten.

»Ich wollte schon immer Künstler fördern, und dank dir wäre ich endlich eine waschechte Mäzenin. Ich setze große Hoffnungen in dich, Clare McCormack!«

»Ich hoffe nur, ich enttäusche dich nicht.« Clare legte sich eine Hand auf den Bauch, der vor Aufregung grummelte.

»Das wirst du nicht«, erwiderte Janice entschieden. »Also, komm gleich morgen früh bei mir vorbei, dann gebe ich dir den Schlüssel.«

Clare schluckte. »Ich bin sprachlos, ehrlich. Du ahnst ja gar nicht, was das für mich bedeutet.«

Janice lachte. »Ich glaube, ich kann es mir so ungefähr vorstellen.«

Clare legte sich die rechte Hand aufs Herz. »Ich habe so ein Glück, dass ihr meine Freundinnen seid. Ihr alle.«

Sie sah von einer zur anderen.

Einen Augenblick herrschte verlegenes Schweigen. Kirsty lief rot an, wie so oft, und Clare fragte sich, ob die drei eigentlich wussten, wie viel ihr die Freundschaft mit ihnen bedeutete. Sie waren ihr wie Schwestern, allen Unterschieden zum Trotz. Sie waren die Familie, nach der sie sich früher stets gesehnt hatte.

»Okay, jetzt haben wir eine halbe Stunde lang nur über mich geredet«, stellte Clare schließlich fest. »Was ist aus euren Neujahrsvorsätzen geworden?«

»Kirsty hat etwas zu berichten«, verkündete Janice mit einem spitzbübischen Seitenblick auf ihre Freundin. »Sie hatte ein Date.«

Bei diesen Worten begannen Kirstys Wangen förmlich zu glühen. Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Selbst in der Gegenwart ihrer engsten Freundinnen war sie still und reserviert und bevorzugte die Rolle der Beobachterin.

»Ach, richtig! Wie ist es gelaufen?«, rief Patsy.

»Muss das sein?« Kirsty erinnerte sich nur äußerst ungern an den betreffenden Abend. Ihre Verabredung war ein totaler Reinfall gewesen, und sie war noch nicht so weit, dass sie darüber lachen konnte.

»Ja!«, riefen die anderen im Chor.

»Na gut, okay. Also, wie ihr wisst, waren wir im Alloro.« Das Alloro war ein Nobelitaliener in der High Street. »Ich war zum ersten Mal dort, und das Essen war eine Wucht. Ich hatte …«

»Das Essen interessiert uns nicht«, unterbrach Patsy sie. »Wie war der Kerl?«

»Also, er ist ein Anwalt aus Keiths Kanzlei.«

»Oho, ein Anwalt!«, wiederholte Patsy übertrieben beeindruckt, um sie zu foppen.

»Und, wie war er?«, fragte Clare.

Kirsty dachte an die Enttäuschung, die sich in ihr breitgemacht hatte, als sie Robert zum ersten Mal gesehen hatte – sein dunkles, schon etwas schütteres Haar und sein reserviert und überheblich wirkendes Lächeln. Als sie das Restaurant betreten hatte, hatte er sie durch eine dicke Brille hindurch mit seinen spülwassergrauen Augen taxiert, ohne zu blinzeln. Wie ein Goldfisch.

»Durchschnittlich, würde ich sagen. Mittelgroß, kräftig gebaut …« Kirsty wählte ihre Worte mit Bedacht. Sie wollte nicht unfreundlich klingen, und außerdem konnte sie sich nicht leisten, allzu anspruchsvoll zu sein. Die Auswahl an verfügbaren Männern war sichtlich begrenzt.

»Dick also«, unterbrach Clare sie.

»Nein, nicht richtig dick, bloß … ein wenig beleibt.« Tatsache war: Mit seiner Stämmigkeit und seinem Stiernacken bewegte sich Robert hart an der Grenze zur Übergewichtigkeit. Kirsty bevorzugte Männer, die schlank und sportlich waren.

Clare sah zu Patsy, formte die Hände zu einem Trichter und flüsterte laut und vernehmlich: »Fett.«

Patsy grinste. »Ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Mann ein bisschen Fleisch auf den Rippen hat. Aber was ich viel wichtiger finde: War er dir sympathisch?«

»Nicht besonders«, gab Kirsty zu. »Er hat mich praktisch den ganzen Abend ignoriert.«

Als Janice zustimmend nickte, legte Clare die Stirn in Falten. »Was soll das heißen?«

»Na, dass er sich nicht die Bohne für mich interessiert hat.« Kirsty spürte, wie die Verärgerung erneut in ihr aufstieg. »Er hat mehr mit Keith geredet als mit Janice und mir zusammen. Einmal wollte ich etwas zu ihm sagen, und er hat den Ellbogen auf dem Tisch aufgestützt, ungefähr so …« – sie imitierte seine Haltung – »sodass ich total von seinem Gespräch mit Keith ausgeschlossen war. Außerdem ist er mir ins Wort gefallen, als ich ihm erzählt habe, dass ich nicht gerne Lamm esse. War es nicht so?«, fragte Kirsty und wandte sich an Janice.

»Leider, ja«, antwortete diese. »Wie sich herausgestellt hat, will Robert unbedingt zum Partner ernannt werden und hat vermutlich angenommen, das wäre die ideale Gelegenheit, um sich bei Keith einzuschleimen. Tut mir leid, Kirsty. Wenn ich das geahnt hätte, dann hätte ich dieses Doppeldate garantiert nicht organisiert.«

Kirsty zuckte die Achseln, als wäre es keine große Sache. Als hätte Robert sie mit seinem abweisenden Verhalten nicht verletzt. Ihr erstes Date seit fünfzehn Jahren, und der Mann, mit dem sie verabredet gewesen war, hatte sie kaum wahrgenommen. Sogar Keith hatte irgendwann ihr Aussehen kommentiert. Robert dagegen hatte sie praktisch keines Blickes gewürdigt, von Komplimenten ganz zu schweigen.

»Zum Teufel mit dem Kerl!«, rief Patsy aufgebracht. »Es gibt noch genügend andere Männer dort draußen. Du hast etwas Besseres verdient als dieses Ekel. Stimmt’s, Mädels?«

»Kann allerdings gut sein, dass du noch ein paar Frösche küssen musst, ehe dein Traumprinz des Weges kommt«, witzelte Janice.

»Hör bloß auf.« Kirsty fasste sich an die Kehle und verzog das Gesicht. »Bei der bloßen Vorstellung, diesen Kerl küssen zu müssen, wird mir direkt übel.«

Die anderen lachten schallend, und Kirstys Laune hob sich ein wenig.

Die Erfahrung war ein Dämpfer für ihr Selbstbewusstsein gewesen, auch wenn sie versuchte, es leichtzunehmen. All ihre sorgfältigen Vorbereitungen … Was für eine Zeitverschwendung. Sie hätte es sich stattdessen lieber mit einer Packung Häagen-Dazs vor dem Fernseher gemütlich machen und Dr. House gucken sollen.

Als wieder Ruhe eingekehrt war, sagte Kirsty, zu Patsy und Janice gewandt: »Und, was ist mit euch? Du hast uns ja noch nicht einmal verraten, worin dein Projekt fürs neue Jahr genau besteht, Janice.«

»Ich werde ein paar neue Geräte für unseren Fitnessraum besorgen und meinen Körper ein bisschen in Form bringen.« Janice tätschelte ihren beneidenswert flachen Bauch. Kirsty setzte sich automatisch etwas aufrechter hin und spannte die Bauchmuskeln an, wobei sie es tunlichst vermied, zu Clare zu sehen, die mit Kleidergröße 40 die »dickste« von ihnen war.

»Ach, komm, du bist doch spindeldürr«, winkte Patsy denn auch gleich ab. »Du musst dir nun wirklich keine Gedanken um dein Gewicht machen. Ganz im Gegensatz zu mir.« Sie spähte missmutig auf ihre Brüste hinunter, die in dem flauschigen Pulli, den sie heute trug, noch größer als sonst wirkten.

»Ich muss trainieren, sonst werde ich fett«, widersprach Janice und fuhr dann eilends fort: »Aber jetzt erzähl doch mal von eurer Safari, Patsy …«

Als Clare nach Hause kam, war Liam noch wach und studierte irgendwelche Geschäftsberichte. Sie ließ sich neben ihm auf die braune Tagesdecke fallen, komplett angezogen, die hochhackigen Stiefel noch an den Beinen. Sämtliche Gesichtsmuskeln schmerzten ihr schon vom Lächeln, und doch konnte sie seit eineinhalb Stunden einfach nicht damit aufhören.

Liam hob den Kopf. »Na, war’s schön?«

»Es war toll! Du wirst nicht glauben, was passiert ist.«

Er legte die Unterlagen auf dem Nachttisch ab. »Was denn?« Höchst ungewöhnlich für einen Mann, aber Liam hörte sich immer gerne den Tratsch und Klatsch an, den sie von ihren Weiberabenden mitbrachte.

Clare drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. »Etwas absolut Wundervolles, Liam.« Sie sah ihn an. »Janice hat mir angeboten, Keiths Büro bei ihnen hinten im Garten als Atelier zu verwenden. Und zwar – halt dich fest – mietfrei.«

Liam runzelte die Stirn. »Im Ernst?«

»Ja. Unglaublich, nicht?« Sie schilderte ihm die umgebaute Garage.

Als sie geendet hatte, sagte er: »Das ist ein sehr großzügiges Angebot.«

»Ja, nicht wahr?«

»Du hast natürlich abgelehnt, oder?«

Clare war sofort auf hundertachtzig. Es war eine Abmachung zwischen Freundinnen, von der beide Seiten nur profitieren würden. Was konnte Liam dagegen einzuwenden haben? Sie drehte sich zur Seite, auf einen Ellbogen aufgestützt. »Nein, ich habe angenommen, was sonst?«

»Ich bin nicht sicher, ob wir das tun sollten, Clare.«

»Was heißt da ›wir‹? Sie hat das Atelier nur mir angeboten.«

»Aber ohne sich mit Keith abzusprechen, richtig? Womöglich ist ihm das gar nicht recht.«

»Janice hätte mir das Angebot nicht unterbreitet, wenn sie nicht ganz sicher gewesen wäre, dass er einverstanden ist.«

»Ich habe trotzdem ein ungutes Gefühl dabei.«

»Tja, ich aber nicht. Ich kann es mir nicht leisten, Miete zu bezahlen, und das weiß Janice auch.« Clare ließ sich wieder auf den Rücken sinken und starrte neuerlich an die Decke. Sie ballte die Fäuste. »Janice will kein Geld, Liam, und sie braucht es auch nicht. Sie will mich einfach unterstützen. Du hättest sie sehen sollen – sie hat sich so darüber gefreut, dass sie in der Lage ist, mir zu helfen. Es wäre geradezu unhöflich gewesen, das Angebot nicht anzunehmen.«

»Und wozu das alles?«

Clare musterte ihn verärgert von der Seite. Wie oft hatte sie ihm schon von ihrem Traum erzählt? »Das weißt du doch«, sagte sie mit schmalen Augen. »Ich möchte mich als Malerin etablieren.«

»Du meinst, es soll mehr sein als bloß ein Hobby?«

»Wenn alles nach Plan läuft, ja. Patsy meinte, meine Arbeiten seien genauso gut wie die von Sam McLarnon. Aber ich kann keine Bilder verkaufen, wenn ich keine produziere, und ich kann nur welche produzieren, wenn ich ein ordentliches Atelier habe. Warum stellst du mir all diese Fragen? Du kennst doch die Antworten bereits.«

»Versteh das nicht falsch, Clare, aber …« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: »Wie willst du jemals genügend Zeit dafür finden? Du bist doch mit Rachel und Josh und dem Haushalt schon jetzt mehr als ausgelastet. Ich kann mir nicht vorstellen, wie du da auch noch malen willst.«

»Hmm.« Clare zog die Nase kraus. »Ich schätze, ich werde abends malen müssen und die Kinder ein paar Vormittage die Woche in eine Kinderkrippe geben.Oder zu einer Tagesmutter.«

»Das ist nicht ganz billig«, bemerkte Liam, ganz der Buchhalter.

»Ich weiß, aber wir müssen es eben als Investition in die Zukunft sehen. Sobald sich meine Bilder verkaufen, fließt ja wieder Geld herein.«

»Es geht mir nicht nur um die Kosten«, sagte er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

»Du willst nicht, dass ich es tue, weil du Angst vor den Auswirkungen auf dein Leben hast, richtig?«

»Nicht auf mein Leben, sondern auf das der Kinder, Clare.«

»Was soll das heißen?«

»Ich will nicht, dass sie bei wildfremden Leuten aufwachsen«, sagte er mit einem harten Blick. Sein rechtes Augenlid zuckte. »Ich dachte, wir wären uns in diesem Punkt einig gewesen, als du damals aufgehört hast zu arbeiten. Ich dachte, es wäre klar, dass du bei den Kindern bleiben würdest. Zumindest bis sie in die Schule kommen.«

Clare biss sich auf die Lippen und wandte den Blick ab. Das hatten sie damals tatsächlich vereinbart. Aber es war ja auch nicht Liam gewesen, der eine gute Stelle in der Kulturabteilung der Stadtgemeinde aufgegeben hatte, um daheim das Hausmütterchen zu spielen. Hätte sie geahnt, was es bedeutete, Vollzeitmutter zu sein, hätte sie damals nicht so voreilig eingewilligt. Sie wäre zumindest wieder halbtags arbeiten gegangen, und sie hätte definitiv weiterhin gemalt.

»Izzy ist praktisch nur bei Tagesmüttern aufgewachsen«, fuhr Liam fort. »Ich will nicht, dass Rachel und Josh das Gleiche widerfährt.«

»Ich auch nicht, aber ich rede ja auch bloß von ein paar Stunden pro Woche. Außerdem hat sich seit unserer Abmachung damals einiges geändert, Liam. Es ist allmählich an der Zeit, dass ich wieder zu arbeiten anfange, und das Malen wäre ideal für meinen beruflichen Wiedereinstieg. Überleg doch mal: Ich wäre mein eigener Chef und zeitlich total flexibel. Das ist meine große Chance, und ich will sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.«

»Du übertreibst, Clare. Janice hat dir eine mietfreie Garage als Atelier angeboten, das ist alles. Bestimmt steht ihr Angebot auch in drei Jahren noch.«

»So lange kann ich nicht warten.«

»Warum nicht?«

»Ich kann einfach nicht.«

»Du meinst, du willst nicht.«

Clare seufzte. »Du weißt ja gar nicht, wie das ist, wenn man den lieben langen Tag mit zwei kleinen Kindern zu Hause hockt, Liam. Man verkümmert geistig regelrecht.«

»Und du hast offenbar vergessen, wie anstrengend das Berufsleben sein kann, Clare.« Er nahm die Unterlagen vom Nachttisch zur Hand, warf einen düsteren Blick darauf und ließ den Stapel sinken. »Glaubst du etwa, mir macht es Spaß, abends im Bett diesen Mist hier durchzuackern?«

»Nein«, antwortete Clare automatisch, doch eigentlich war sie überrascht. Sie war stets davon ausgegangen, dass Liam seinen Job über alles liebte. Und sie war immer froh darüber gewesen, dass er seinen Beruf mit Leidenschaft ausübte und nicht unter den vielen Überstunden litt.

»Bist du unglücklich im Büro?«, fragte sie. Diese Möglichkeit hatte sie bislang noch nie in Betracht gezogen.

Liam rieb sich seufzend das stoppelige Kinn. »Nein, das nicht. Aber manchmal … manchmal würde ich eben gern etwas anderes tun. Mehr Zeit mit den Kindern verbringen, zum Beispiel.«

Das ist auch nicht immer ein Honiglecken, dachte Clare, konnte seinen Wunsch aber durchaus nachvollziehen.

»Ich weiß, dass ich mich glücklich schätzen sollte, ›nur‹ Hausfrau und Mutter zu sein«, sagte sie vorsichtig, »aber manchmal hasse ich es regelrecht.« Liam schnappte nach Luft, was sie geflissentlich ignorierte. »Ich weiß, das klingt widersprüchlich, aber man kann wirklich beides gleichzeitig empfinden. Zumindest ich. Wahrscheinlich gibt es auch Frauen, die voll und ganz in der Mutterschaft aufgehen und dabei nicht das Gefühl haben, sich selbst aufzugeben. Aber zu dieser Sorte Frau gehöre ich nun mal nicht. Verstehst du, was ich meine?«

Seiner ratlosen Miene nach zu urteilen, war das ganz offensichtlich nicht der Fall. Clare war verzweifelt. Wie konnte sie ihm nur begreiflich machen, was in ihr vorging und was das Malen für ihr geistiges Wohlbefinden bedeutete?

Sie schloss die Augen und sagte: »Ich verspüre einfach einen unbändigen Drang, mich auszudrücken. Ich habe keinen Pinsel mehr in der Hand gehabt, seit Josh zur Welt gekommen ist, und es fühlt sich so an, als würde jeden Tag ein bisschen mehr von mir … verschwinden. Ich habe Angst, dass ich bald nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin, wenn ich nichts dagegen unternehme.«

»Das ist traurig«, stellte Liam nüchtern fest. »Du hast zwei gesunde Kinder und bist nicht in der Lage, dich an ihnen zu erfreuen.«

Da offenbarte sie ihm ihre Gefühle, und ihm fiel nichts Besseres ein, als mit Zynismus darauf zu reagieren. Die Enttäuschung schmerzte sie wie eine frische Brandwunde. Clare war zum Weinen zumute, aber diese Genugtuung wollte sie Liam nicht gönnen. Es dauerte einen Augenblick, bis sie sich so weit gefangen hatte, dass sie weitersprechen konnte.

»Du irrst dich, Liam. Das tue ich durchaus«, sagte sie mit eiserner Stimme. »Ich liebe sie, und ich weiß jeden Augenblick mit ihnen zu schätzen. Aber ist es denn so falsch, dass ich zwischendurch auch gern ein bisschen Zeit für mich hätte? Ist es falsch, dass ich mir mehr vom Leben wünsche? Wenn wir keine Träume mehr haben, Liam, was bleibt uns dann noch?« Eine einzelne Träne stahl sich aus ihrem Augenwinkel und tropfte auf das Kissen.

»Die Realität, Clare.« Seine Antwort klang säuerlich, wie verdorbene Milch.

»Du hattest doch auch einmal Träume, Liam.«

»Die habe ich immer noch. Ich bin bloß etwas realistischer als du, wenn es darum geht, sie zu verwirklichen.«

»Ich verlange doch nicht die Welt, Liam. Alles, was ich will, sind ein paar Stunden pro Woche, damit ich in mein Atelier gehen und malen kann. Es wird keine großen Kosten verursachen und niemandem schaden. Und es ist sehr gut möglich, dass es uns früher oder später auch ein wenig Geld einbringen wird.«

Liam knipste die Nachttischlampe aus und zog sich die Decke bis zum Kinn.

»Wenn du das unbedingt willst, Clare, dann lass dich nicht von mir abhalten.« Er drehte ihr demonstrativ den Rücken zu.

Clare lag noch eine gute halbe Stunde lang im Dunkeln da und dachte nach. Als Liam eingeschlafen war, zog sie sich aus und kuschelte sich unter die Decke. Es dauerte nicht lange, und sie sah sich in ihrem Atelier stehen, erst in der stillen Einsamkeit der geisterhaften Wintermonate, dann im Frühling, wenn im Garten das frische Grün spross und sich das Licht durch die Fensterfront in den Raum ergoss … Sie konnte förmlich die Stille hören und den Pinsel in der Hand spüren und sah auf dem Blatt auf ihrer Staffelei ein Stück Küstenstraße in der Nähe von Ballyfergus entstehen. Sie lächelte.

Und als sie allmählich eindöste, wusste sie, dass sie an ihrem Plan festhalten musste, mit oder ohne Liams Unterstützung. Sie brauchte das Malen fast genauso dringend wie die Luft zum Atmen. Wen sie ihm das doch nur begreiflich machen könnte!

Kapitel 5

Alles in allem, dachte Patsy und versuchte, das Gezeter ihrer beiden Töchter auszublenden, haben wir bei der Erziehung unserer Kinder ziemlich gute Arbeit geleistet. Die beiden waren ausgeglichen, warmherzig und liebenswürdig. Da gab es auch ganz andere Beispiele. Pete Kirkpatrick zum Beispiel. Sie kannte ihn schon, seit er zwei Jahre alt gewesen war, und hatte sich nie so recht für ihn erwärmen können.

Patsy goss den Reis ab, schaltete den Backofen aus und ging in den Flur, um vom Fuß der Treppe aus nach oben zu rufen: »Wollt ihr wohl aufhören? Ihr seid doch keine kleinen Kinder mehr!« Stille. Gut. »Gleich gibt es Essen«, fügte sie hinzu. »Also, kommt runter.« Sie ging zurück in die Küche, nahm den brutzelnden Hühnchen-Brokkoli-Auflauf aus dem Backofen und stellte ihn auf einen Untersetzer auf den Tisch, neben die Schüsseln mit den Beilagen.

Gelegentlich gingen ihr die Mädchen ganz schön auf die Nerven, so wie jetzt, aber sie würde sie trotzdem niemals hergeben wollen. Patsys Leben war mehr als ausgefüllt – neben dem Job in der Galerie und dem Haushalt blieb ihr kaum genügend Zeit für ihre drei treuen Freundinnen. Sie konnte mit Fug und Recht stolz auf ihren beruflichen Erfolg sein, den sie jahrelanger harter Arbeit verdankte. Wegen der Mädchen war sie lange zu Hause geblieben, doch dann hatte sie vor sieben Jahren beschlossen, eine Galerie zu eröffnen. Sie hatte bei der Bank einen kleinen Geschäftskredit aufgenommen und dann bei null angefangen. Mittlerweile hatte sie sich einen loyalen Kundenstamm aufgebaut und präsentierte in ihrer Galerie ein breites Spektrum an Künstlern. Und doch war es ihre Familie, die Patsys Leben einen Sinn gab. Für Martin und ihre Töchter hätte sie alles getan.

Martin hatte vorhin angerufen und angekündigt, er werde sich verspäten, also schöpfte Patsy eine Portion Auflauf auf einen Teller, breitete Alufolie darüber und stellte sie zum Warmhalten in den Ofen.

Die Galerie trug nicht nur einen beträchtlichen Anteil zum Familieneinkommen bei, sie würde auch einmal dafür sorgen, dass Patsy nicht am Empty-Nest-Syndrom litt, wenn Sarah und Laura endgültig flügge wurden.

Im Augenblick war ihr Nest aber noch alles andere als leer, und daran würde sich, wie es aussah, in absehbarer Zeit auch nicht viel ändern. Gelegentlich scherzte Patsy bei einem Glas Wein, dass ihnen ihre Kinder womöglich bis an ihr Lebensende auf der Pelle sitzen würden. Dabei wollte sie, wenn sie ganz ehrlich war, gar nicht, dass Laura und Sarah irgendwann von zu Hause auszogen.

Nicht, dass sie das je offen zugegeben hätte – nicht einmal Martin gegenüber. Sie wollte nicht den Anschein erwecken, dass sie die beiden irgendwie zurückhielt. Doch die Familie war nun mal ihr Ein und Alles, und da ihre Eltern bereits gestorben waren und ihre Geschwister in Übersee lebten, bestand diese Familie im Grunde nur noch aus Martin und den Mädchen.

Sarah hatte im Laufe der vergangenen drei Jahre an der Queen’s University in Belfast eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, doch nach dem Abschluss vergangenen Sommer hatte sie Belfast wegen der niedrigen Gehälter und der hohen Lebenshaltungskosten wieder den Rücken gekehrt. Sie hatte eine Stelle in einem Krankenhaus in Antrim angenommen und pendelte seitdem hin und her. Obwohl sie zu Hause keine Miete zahlte, blieb bei all den Ausgaben für Kleider, Vergnügungen und das Auto am Monatsende nichts von ihrem Lohn übrig. Patsy ermutigte sie trotzdem, ihr Geld auszugeben, und stopfte bereitwillig die Löcher in ihrem Budget. Auf diese Weise ermöglichte sie ihrer Tochter ein bequemes Leben, das diese bestimmt nicht allzu bald aufgeben würde, um in einer schäbigen Absteige in Antrim zu hausen, die sie sich ohnehin kaum leisten konnte.

Und während Sarah bereitwillig wieder in das heimatliche Nest zurückgekehrt war, rüstete sich Laura im Geiste bereits für ihr Studium an der University of Ulster in Londonderry.

Oben wurde eine Tür zugeknallt. Patsy setzte sich, schaufelte sich seelenruhig Auflauf auf ihren Teller und begann zu essen. Gleich darauf tappte Sarah herein, ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und füllte sich ihren Teller voll. Mit ihren ein Meter siebenundsiebzig war sie größer als Patsy und mager wie eine Katze. Und genauso geräuschlos bewegte sie sich auch. Was die Figur anging, kamen beide Mädchen zum Glück nach ihrem schlaksigen Vater und nicht nach Patsy, die stets mit ihrem Gewicht zu kämpfen hatte. Sarah zog die Ärmel ihres Kapuzenpullis lang, als hätte sie kalte Hände. Sie trug eine Jogginghose und dazu ausgetretene sandfarbene Velourslederstiefel, und ihr langes, rotbraunes Haar bildete den perfekten Rahmen für ihr makelloses Gesicht mit den grünen mandelförmigen Augen und dem schmalen Mund.

Einen Moment später gesellte sich auch ihre jüngere Schwester zu ihnen. Laura war kleiner als Sarah, blond und zierlich, in der Oberweite allerdings ähnlich gut gebaut wie ihre Mutter. Mit ihren Barbiepuppen-Proportionen sorgte sie häufig dafür, dass sich die Männer auf der Straße den Kopf verrenkten, das hatte Patsy mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem war Laura keine klassische Schönheit wie Sarah, sondern punktete bei ihren Mitmenschen eher mit ihrer lebhaften Persönlichkeit, die sich auch in ihrer Kleidung – in diesem Fall hautenge Jeans und ein knallgelber Angorapulli – widerspiegelte.

Beim Anblick des Auflaufs seufzte Laura. »Sieht lecker aus, Mum, danke.«

»Ja, danke, Mum«, pflichtete Sarah ihr bei.

»Gern geschehen«, sagte Patsy. »Aber es wäre nett von euch, wenn ihr euch nicht ständig kabbeln würdet. Davon bekomme ich Magenschmerzen.«

Woraufhin Laura, die stets als Erste einlenkte, sogleich zu Sarah sagte: »Kann ich mir bitte dein Glätteisen borgen?«

»Klar«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück.

Laura starrte ihre große Schwester ungläubig an. Ihre haselnussbraunen Augen waren weit aufgerissen. »Und wieso hast du dann gerade eben so einen Aufstand gemacht?«

»Weil du nicht bitte gesagt hast«, erklärte Sarah und grinste listig.

»Also weißt du, Sarah, du bist echt ein Kindskopf.« Patsy schnaubte belustigt, und es dauerte nicht lange, da kicherten und lachten sie alle drei aus vollem Halse. »Ihr zwei seid wirklich zum Schießen.« Patsy hielt sich den Bauch und stöhnte.

Als sie sich wieder etwas beruhigt hatten, nahm sich auch Laura eine Portion Auflauf. »Wann kommt eigentlich Dad?«, fragte sie.

Patsy sah auf die Uhr. »Keine Ahnung. Er macht mal wieder Überstunden.«

»Das tut er in letzter Zeit aber ganz schön oft«, bemerkte Sarah mit vollem Mund. Patsy ließ sich ihre Worte durch den Kopf gehen. Sarah hatte recht, Martin kam mittlerweile selten vor acht nach Hause. Er machte die viele Arbeit in der Bank dafür verantwortlich und die Tatsache, dass man auf der Hauptverkehrsachse zwischen Belfast und Ballyfergus ständig im Stau stand.

»Ist alles okay, Mom?«, fragte Laura und nahm sich noch etwas Huhn. »Mit Dad, meine ich.«

»Aber natürlich. Er hat viel zu tun, das ist alles«, erwiderte Patsy leichthin, damit sich ihre Tochter keine Sorgen machte.

Doch plötzlich lag ihr das Essen wie ein Stein im Magen. Sie schob ihren Teller von sich. Die Mädchen aßen schweigend. Es stimmte, seit Weihnachten war Martin tatsächlich ungewöhnlich ruhig und in sich gekehrt. Sie hatte es auf die trüben Januartage geschoben, war im Grunde aber so beschäftigt gewesen, dass sie dieser Tatsache nicht allzu viel Bedeutung beigemessen hatte. War er wirklich bloß in der Arbeit eingespannt, wie er stets behauptete, oder steckte mehr dahinter? Sie blickte erneut auf die Uhr. Konnte es sein, dass er eine Affäre hatte? Ihr Herz setzte einen Takt aus. Sie schüttelte den Gedanken ab.

»Und, wo geht’s heute Abend hin?«, erkundigte sich Sarah bei ihrer kleinen Schwester.

»Catherine hat ein paar Leute zum DVD-Gucken eingeladen.«

»Wenn ihr euch bloß einen Film anseht, wozu willst du dir dann die Haare glätten?« Sarah zwinkerte ihrer Mutter zu. »Kommt Kyle Burke etwa auch?«

Laura errötete. Sie schwärmte in der Tat für Kyle, den hübschesten Jungen an der St. Patrick’s School, und sie war noch in dem Alter, wo ihr so etwas peinlich war. »Schon möglich. Keine Ahnung«, sagte sie betont beiläufig und starrte auf ihren Teller.

»Lass sie in Ruhe, Sarah«, ermahnte Patsy ihre Tochter. Sie erhob sich und stellte ihren Teller in die Spüle. »Los, helft mir beim Abräumen.«

Laura sammelte die Gläser ein, Sarah stapelte die Teller aufeinander. »Gehst du heute nicht aus, Sarah?«, wollte Patsy wissen.

»Nein, ich bin müde.« Sarah trug die Teller zum Geschirrspüler und gähnte. »Ich werde ein bisschen fernsehen und dann früh schlafen gehen.«

Wenn sie mit einundzwanzig schon müde ist, wie soll das dann erst werden, wenn sie einmal in meinem Alter ist?, fragte sich Patsy und rieb sich das Kreuz. Sie hatte Rückenschmerzen, weil sie den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war. Sie beobachtete ihre ältere Tochter nachdenklich, während diese die Spülmaschine einräumte.

Sarah war verschlossen und gern für sich, und Patsy wurde manchmal nicht ganz schlau aus ihr. Sie war stolz auf sie, und sie liebte sie, natürlich, aber es fiel ihr schwer, sich mit ihr zu identifizieren. Laura dagegen war wie Patsy ein lebenslustiger, geselliger Mensch und immer dort anzutreffen, wo Rauch aufging. Sie hasste es, allein zu Hause zu sein.

Patsy hatte praktisch von Anfang an gewusst, dass Laura ihr Liebling war. Sie hatte diese Erkenntnis gelassen hingenommen – nicht, dass sie Laura mehr lieben würde als Sarah, sie hatte lediglich mehr Freude an ihr, weil sie auf derselben Wellenlänge waren. Trotzdem sorgte Patsy peinlich genau dafür, dass sie die Mädchen gleich behandelte.

»Du kannst doch unmöglich an einem Freitagabend zu Hause bleiben«, schalt Laura ihre Schwester. Sie ging heute schon zum vierten Mal in Folge aus.

»Es sind nicht alle wie du, Laura«, sagte Sarah spitz. Sie nahm eine Kirsche aus der Obstschüssel und steckte sie sich in den Mund. »Manche Menschen sind mit ihrer eigenen Gesellschaft eben vollauf zufrieden.«

»Oh Gott, so spät schon!«, rief Laura entsetzt. »Höchste Zeit, dass ich mich fertig mache. Louise holt mich um acht ab.« Sie deponierte klirrend die Gläser in der Spüle und eilte aus der Küche.

Sarah öffnete den Mülleimer, spie den Kern aus und ließ den Deckel zuklappen. »Sie geht zu oft aus«, bemerkte sie. »Sie sollte lieber mal ein bisschen lernen.«

»Ach, was. Soll sie sich doch amüsieren, solange es noch geht«, erwiderte Patsy nachsichtig.

»Mal sehen, ob du das auch noch sagst, wenn sie bei den Prüfungen durchgefallen ist«, murmelte Sarah finster.

»Sie wird sich schon hineinknien, wenn es nötig ist.« Patsy hängte die Schürze an einen der Messinghaken auf der Hinterseite der Küchentür und fragte sich, wie es kam, dass zwei Schwestern, die exakt dieselbe Erziehung genossen hatten, so grundverschieden waren. »Und, was kommt in der Flimmerkiste?«

»NCIS und Numb3rs.« Sarah stand schon an der Tür zum Korridor. »Leistest du mir Gesellschaft?«

»Ich kann nicht; ich habe noch einiges zu tun, und ich würde es gern erledigen, bevor dein Vater nach Hause kommt.«

Eine halbe Stunde später war Patsy an ihrem PC in die Suche nach Kunstmessen in Irland vertieft. Vielleicht konnte sie Janice, Clare und Kirsty ja überreden, sie Ende März zur Art Ireland zu begleiten. Das wäre die perfekte Gelegenheit, gemeinsam ein Wochenende in Dublin zu verbringen, quasi als kleiner Vorgeschmack auf den geplanten London-Trip im Herbst.

Laura hopste herein. Die Jeans, die sie jetzt trug, waren noch enger, und dazu hatte sie ihre maßlos überteuerten gestrickten Ugg-Stiefel angezogen, die sie sich so sehnlich zu Weihnachten gewünscht hatte.

»Ich geh dann jetzt«, verkündete sie. Ihr Gesicht strahlte vor Jugendlichkeit und Vitalität.

»Okay, Schätzchen. Viel Spaß! Und … pass auf dich auf. Sag Louise, sie soll vorsichtig fahren.«

Es klingelte. Laura drückte ihre Mutter kräftig an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich muss los. Tschü-hüss«, flötete sie und galoppierte los. Patsy lachte und erhob sich, um ihr zu folgen.

Am Treppengeländer blieb sie stehen und verfolgte, wie Laura nach unten trabte, die Haustür aufriss und verschwand. Wie immer ohne Mantel. Patsy zog ihre Wolljacke enger um sich und rief sich lächelnd in Erinnerung, wie aufregend sie das Ausgehen in diesem Alter gefunden hatte. Dieses Gefühl, dass einem die ganze Welt offenstand, dass alles möglich war und man das ganze Leben noch vor sich hatte …

Da hörte sie einen Wagen draußen vorfahren. Eine Autotür wurde zugeschlagen, und gleich darauf trat Martin ein. Er hatte keine Ahnung, dass Patsy ihn beobachtete. Er stellte leise die Aktentasche ab und steckte den Schlüsselbund in die Jackentasche, dann bedeckte er das Gesicht mit den Händen. So verharrte er einen Augenblick. Es sah aus, als würde er weinen.

Patsy fasste sich entsetzt an die Kehle. Martin ließ sich seine Gefühle nur selten deutlich anmerken. Sie hatte ihn noch nie weinen gesehen, nicht einmal bei der Geburt der Mädchen oder nach dem Tod seines Vaters. Plötzlich kam sie sich vor wie ein Voyeur. Sie wich lautlos ein paar Schritte zurück, damit er sie nicht sehen konnte, falls er zufällig den Kopf hob, und wartete ab.

Es dauerte nicht lange, dann rief er: »Patsy, ich bin zu Hause!« Seine Stimme klang wie immer.

Sie atmete tief durch und trat ans Geländer.

»Tag, Schatz«, begrüßte sie ihn heiter und ging zu ihm hinunter. »Laura ist gerade losgefahren. Hast du sie noch gesehen?«

»Ja, sie saß bei Louise im Auto«, antwortete er und versuchte dabei zu lächeln. Er wirkte erschöpft, mehr noch, richtiggehend unglücklich, doch er tat, als wäre alles in bester Ordnung. »Was haben die beiden denn vor?«

»Ach, sie wollten bloß rüber zu Catherine.«

Patsy trat zu ihm und legte die Arme um seine Taille. Sie lehnte den Kopf an seine Brust und fragte: »Was ist los?«

»Nichts. Ich bin müde«, erwiderte er und straffte kaum merklich die Schultern. »Und ich habe einen Bärenhunger.«

Patsy schluckte den Kloß hinunter, der ihr im Hals steckte, und machte sich von ihm los. »Du kannst sofort essen. Oder willst du dich erst noch umziehen?«

»Nein«, sagte er, zerrte an der dunkelblauen Krawatte mit den schmalen grünen Streifen und dem Logo seiner Bank – eine goldene Harfe mit einem irischen Kleeblatt – und ließ sie auf den nächstbesten Stuhl fallen. »Ich esse so.« Er schlüpfte aus dem Sakko und warf es achtlos über einen Haken auf dem Kleiderständer.

Was um alles in der Welt verschwieg er ihr? Wie ferngesteuert begab sich Patsy in die Küche. Martin folgte ihr, holte eine Flasche Beck’s aus dem Kühlschrank, ließ sich damit am Tisch nieder und nahm einen großen Schluck.

Patsy stellte behutsam seinen Teller auf dem geflochtenen Platzset vor ihm ab und entfernte die Alufolie, mit der sie ihn zugedeckt hatte. »Achtung, heiß.«

»Sieht gut aus. Danke, Schatz.«

»Ich muss noch schnell etwas fertig machen.« Sie streifte die Topfhandschuhe ab, legte sie wortlos auf die Granitarbeitsplatte und verließ die Küche. Sie hätte es nicht ertragen, jetzt Belanglosigkeiten mit ihm auszutauschen, wo er sie gerade ganz offensichtlich angelogen hatte.

Sie ging nach nebenan, setzte sich zu Sarah aufs Sofa und starrte auf den Fernsehbildschirm, doch in Gedanken war sie weit weg. Was konnte Martin bloß vor ihr verheimlichen? Sie ging die üblichen Laster durch, gegen die selbst vernünftige, ausgeglichene Menschen wie er nicht gefeit waren: Drogen, Alkohol, Spielschulden … Keines davon wollte so recht zu ihm passen. Nicht zu dem Martin, den sie kannte. Auch dass er sie betrog, konnte sie sich nicht vorstellen. Es musste irgendwelche schlimmen Neuigkeiten geben. Aber warum wollte er nicht mit ihr darüber reden? Ging es um seine Gesundheit?

Bei diesem Gedanken erhob sie sich sogleich und kehrte in die Küche zurück, wo er soeben den leeren Teller von sich schob.

»Sehr lecker«, sagte er lächelnd und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Doch gegen seine besorgte Miene konnte er damit nicht viel ausrichten.

Patsy nahm ihm gegenüber Platz, die Ellbogen aufgestützt, die Finger wie zum Gebet verschränkt. »Du hast doch etwas, Martin. Willst du mich weiter anlügen, oder sagst du mir jetzt endlich, was los ist?«

Er starrte sie eine ganze Weile schweigend an. Patsy wurde immer unbehaglicher zumute.

»Bist du krank?«, fragte sie leise. Als er nicht gleich antwortete, streckte sie einen Arm aus und ergriff seine Hand. »Was auch immer es ist, Martin, wir stehen das gemeinsam durch. Das weißt du doch, nicht?«

Er lachte etwas nervös und schnalzte mit der Zunge. »Nein, ich bin nicht krank. Es geht mir bestens. Ich bin bloß müde, das ist alles.«

Er stand auf und ging zum Kühlschrank, um sich ein weiteres Bier zu holen. »Heute sind die Aktienkurse wieder gefallen.«

»Schon wieder?« Sie hatten fast ihre gesamten Ersparnisse in Bankaktien investiert, mit dem Ziel, sie später zu verkaufen und mit ihrem Erlös Lauras Studium zu finanzieren. So hatten sie es schon bei Sarah gemacht. Doch in den vergangenen Monaten hatten sie hilflos mit ansehen müssen, wie die Aktienkurse immer weiter in den Keller rutschten und ihre Anlagen zusehends an Wert verloren hatten.

»Mittlerweile sind sie nicht einmal mehr ein Pfund wert, dabei waren es vor ein paar Wochen noch knappe sechs.«

»Aktienkurse schwanken ständig«, zitierte sie ihn. »Irgendwann wird ihr Wert schon wieder steigen. Wir dürfen sie nur nicht vorher verkaufen. Vielleicht ist die Talsohle ja bereits durchschritten.«

Martin schüttelte den Kopf. »Es kann noch Jahre dauern, bis sich der Markt erholt. Ich kann nicht fassen, dass ich so dämlich war, Patsy«, sagte er aufgebracht. »Wir hätten nicht alles in Bankaktien investieren sollen. So ein Risiko gehen doch nur Anfänger ein. Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe.«

»Bitte, Martin, mach dir deswegen keine Vorwürfe. Es war … unsere gemeinsame Entscheidung«, sagte Patsy matt. »Es konnte doch niemand vorhersehen, dass so etwas passieren würde.«

»Doch. Ich hätte es besser wissen müssen.«

Patsy widersprach ihm nicht. Es stimmte, er war der Finanzexperte, und sie hatte alle Entscheidungen über ihre Geldbelange stets ihm überlassen. Sie hatte keine Ahnung von Investitionen, wusste aber immerhin so viel, dass es unklug war, alles auf eine Karte zu setzen. Sie hatte sich auf ihn verlassen, und er hatte einen Fehler gemacht. Ganz plötzlich verspürte sie Wut auf ihn.

Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen und nicht allzu vorwurfsvoll zu klingen. »Nun, jetzt ist es ohnehin zu spät. Es hat keinen Sinn, dass du dich deswegen quälst. Wir werden es trotzdem irgendwie schaffen, Laura ihre Ausbildung zu finanzieren. Es wird knapp, aber notfalls können wir die Kosten auch mit unserem Einkommen bestreiten. Dann müssen wir eben auf den einen oder anderen Luxus verzichten. Und falls es wirklich hart auf hart kommt, kann sie immer noch einen Studentenkredit aufnehmen, den wir dann an ihrer Stelle zurückzahlen.«

Martin gab nur ein bedrücktes »Hmm« von sich.

»Lass den Kopf nicht hängen, Schatz«, sagte Patsy. »Das ist doch kein Weltuntergang. Irgendwann werden die Aktienkurse auch wieder steigen. Es könnte schlimmer sein – denk nur daran, wie viele Leute zurzeit überall entlassen werden.«

Sie nahm Martins Teller und sein Besteck, um sie kurz abzuspülen. Dabei summte sie laut vor sich hin und dachte nervös an die Anzahlung, die sie für ihre Safari geleistet hatte. Sie sah zu Martin, der bereits das dritte Bier in Arbeit hatte. Er hatte sich wieder hingesetzt, die langen Beine weit von sich gestreckt, und starrte auf das schwarz-weiße Plakat des Eiffelturms, das an der gegenüberliegenden Wand hing. Es stammte noch von der Zeit, als sie alle zusammen nach Paris geflogen waren, damals, als die Mädchen dreizehn, vierzehn gewesen waren.

In fünfundzwanzig Ehejahren waren sie kein einziges Mal zu zweit in Urlaub gefahren. Erst hatte das Geld gefehlt, und dann standen stets die Kinder im Mittelpunkt. Disneyland, Eurocamping … In den letzten Jahren waren sie meist vierzehn Tage lang in irgendein viel zu kleines Club-Med-Apartment gepfercht gewesen, nur, damit die Mädchen zu ihrer lang ersehnten Sonnenbräune kamen. Es war allerhöchste Zeit für einen romantischen Urlaub zu zweit.

Patsy dachte an Martins schütter werdendes Haar und an ihre chronischen Rückenschmerzen. Sie wurden älter, und zwar schneller, als ihr lieb war. Außerdem waren sie sich nicht mehr so nahe wie früher. Sie sehnte sich nach etwas Romantik, nach den intensiven Gefühlen von damals, als sie sich kennengelernt hatten.

Vermutlich war es nicht besonders klug, ausgerechnet in einer Phase wirtschaftlicher Ungewissheit einen Luxusurlaub zu planen, aber wenn nicht dieses Jahr, wann dann? Der ideale Zeitpunkt dafür würde ohnehin nie kommen. In ein paar Jahren würden sie ihr Geld womöglich schon für Hochzeiten oder Enkelkinder benötigen. Es lag ihr unendlich viel an diesem Urlaub, und sie hatte eisern dafür gespart – ihr eigenes, hart verdientes Geld. Die Devise lautete also: Jetzt oder nie.

»Du brauchst Urlaub, Schatz«, sagte sie.

»Beim derzeitigen Stand der Dinge werden wir vermutlich eine ganze Weile nicht verreisen können«, erwiderte Martin verdrießlich und nahm einen Schluck aus der Flasche.

»Ach, komm schon.« Patsy setzte sich auf den Stuhl neben ihm. Sie tätschelte sein knochiges Knie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Wir hatten uns doch vorgenommen, nicht so pessimistisch zu sein.«

»Ich bin nicht pessimistisch, sondern realistisch«, sagte er mit einem lakonischen Lächeln.

»Aber irgendwann musst du dir doch auch mal freinehmen, oder?«, fragte Patsy.

»Ja, schon.« Er zuckte die Achseln und wandte den Blick ab.

»Was hältst du davon, wenn du einfach mal einen Urlaubsantrag für die letzten drei Septemberwochen stellst?«

»Warum gerade drei Wochen? Und warum ausgerechnet im September?«, wollte er wissen. Er klang gereizt.

»Ach, bloß so … Ich dachte, das wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt. Laura wird dann schon angefangen haben zu studieren.«

»Also, wenn du mich fragst, ist das der denkbar schlechteste Zeitpunkt.«

»Wir könnten zusammen wegfahren. Bloß wir zwei«, fuhr sie fort, als hätte sie seinen Einwand nicht gehört.

»Ich weiß nicht.« Er klang so desinteressiert, dass Patsy sich fragte, ob er überhaupt mit ihr in Urlaub fahren wollte. Hatte er vergessen, dass sie im September ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag feierten? Sie versuchte, sich seine Gleichgültigkeit nicht zu Herzen zu nehmen.

»Lass uns lieber nichts überstürzen«, sagte Martin. »Am besten warten wir erst einmal ab, wie … wie sich die Wirtschaftslage entwickelt.«

Patsy erhob sich, um die Küche sauber zu machen. Sie dachte daran, wie verzweifelt er vorhin im Korridor gewirkt hatte. Zugegeben, er hatte eine Fehlentscheidung getroffen, was ihre Aktien anging, aber so verheerend war das nun auch wieder nicht. Es musste noch irgendetwas anderes sein, was ihn derart bedrückte. Etwas, das er ihr nicht erzählen wollte.

Als Martin aufstand, um die Küche zu verlassen, ging sie zu ihm und umarmte ihn. Sie sah zu ihm hoch, doch ehe sie den Mund aufmachen konnte, um etwas zu sagen, murmelte er schon, er müsse sich umziehen und ließ sie einfach stehen.

Patsy stiegen Tränen in die Augen. Sie blinzelte heftig, um sie zurückzuhalten. Da war doch irgendetwas im Busch! Hatte er irgendeine Dummheit begangen? Doch was könnte das sein? Sie zermarterte sich das Hirn. Dann packte sie die kalte Angst. Sollte sich ihre erste Vermutung womöglich doch bestätigen? Hatte er eine Affäre? Sie dachte an all die Abende, an denen er angeblich Überstunden gemacht hatte, und sank auf den nächstbesten Stuhl. Sosehr sich ihr Herz dagegen sträubte, ihr Verstand sagte ihr, dass es nicht ausgeschlossen war.

Sie dachte an den Treueschwur, den sie einander vor so vielen Jahren geleistet hatten. Für sie hatten diese Worte nach wie vor Gültigkeit. Doch wie stand es bei Martin? Sie hatte gehofft, dass sie sich im Laufe der Safari wieder etwas näherkommen würden. Aber jetzt sah es auf einmal danach aus, als stünde nicht nur die erhoffte Romantik, sondern ihre gesamte Ehe auf dem Spiel.

Kapitel 6

»Hallo, Dorothy«, begrüßte Kirsty ihre Schwiegermutter. »Danke, dass David und Adam schon wieder bei euch übernachten können.«

»Überhaupt kein Problem, meine Liebe«, erwiderte Dorothy Elliott, eine mollige Frau mit schwarz gefärbtem Haar, die stets nach Gesichtspuder und Chanel No. 5 duftete. Sie hatte einen schicken schwarzen Rock, eine gemusterte Bluse und eine knallrote Wolljacke an, passend zu ihrem Lippenstift. Dazu trug sie eine Perlenkette und dezente Diamantohrstecker.

Sie standen in der Eingangshalle des hübschen Hauses im viktorianischen Baustil, das Dorothy und Harry gehörte und in dem Scott aufgewachsen war. Die Jungs waren seit Mittag hier, und Kirsty hatte nun auf dem Nachhauseweg vom Einkaufen kurz bei ihren Schwiegereltern vorbeigeschaut, um ihnen noch ein paar Sachen zu bringen.

Die Blumentapeten an den Wänden, die inzwischen wieder en vogue waren, kannte Kirsty noch von ihrem ersten Besuch vor fast achtzehn Jahren, als Scott sie seinen Eltern vorgestellt hatte. Als sie damals zurück nach Schottland gefahren war, hatte sie den Eindruck gehabt, dass Dorothy und Harry nicht allzu viel von ihr hielten.

Inzwischen fühlte sich Kirsty von ihren Schwiegereltern nicht nur akzeptiert, sondern geliebt, und auch sonst war, einmal abgesehen von der Tapete und der hohen Pendeluhr neben der Treppe, nichts mehr wie früher. Die Trauer hatte andere aus ihnen gemacht.

David und Adam rannten aus dem Garten herein, wo sie Ball gespielt hatten. »Hallo, Mum!«, riefen sie wie aus einem Mund, schlüpften aus den schlammigen Stiefeln und luden Jacken, Mützen und Handschuhe auf einem Haufen neben der Tür ab.

David, ein stämmiger Junge mit sandfarbenem Haar, hatte Ohren wie Fragezeichen und eine Spur zu eng stehende graue Augen. Sein etwas schlankerer kleiner Bruder Adam entsprach mit seinen vollen Lippen, den porzellanblauen Augen und dem dunklen Haar schon eher dem klassischen Schönheitsideal. Keiner der beiden sah Scott sonderlich ähnlich, aber Dorothy wurde nicht müde zu betonen, dieses oder jenes Erkennungsmerkmal sei »typisch Elliott«.

Kirsty musterte ihre Söhne mit schmalen Augen. Sie sahen irgendwie anders aus. »Eure Haare …!«

»Ja, ich habe sie ihnen ein bisschen nachgeschnitten«, erklärte Dorothy.

Kirsty schluckte und rang sich ein Lächeln ab. Adams Stirnfransen waren schief geschnitten, und Davids dichtes Haar war über den Ohren etwas zu kurz geraten. Kein totales Desaster, aber auch alles andere als ein Meisterwerk.

»Ich wollte eigentlich nächste Woche mit ihnen zu Alison bei Faith’s. Da lasse ich ihnen immer die Haare schneiden«, stieß Kirsty matt hervor.

»Ach, wozu gutes Geld verschleudern, wenn ich es hier gratis erledigen kann. Scott habe ich auch immer die Haare geschnitten, als er noch ein Junge war.«

»Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn du das in Zukunft bleiben lassen würdest«, sagte Kirsty leise und spürte, wie sie errötete.

Dorothy musterte sie, dann zuckte sie die Achseln. »Wie du meinst«, sagte sie knapp und fuhr Adam über den dunklen Haarschopf. »Euer Großvater ist oben. Stattet ihm doch mal einen Besuch ab und seht nach, was er treibt. Ich glaube, er hat etwas für euch.«

»Süßigkeiten!«, rief Adam. »Stimmt’s, Gran?«

»Komm, wir gehen zu ihm rauf«, sagte David, der stets der Anführer war.

Auf allen vieren flitzten sie begeistert die Treppe hoch. Dorothy und Harry vergötterten ihre Enkel – und verwöhnten die beiden nach Strich und Faden. Kirsty hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Wenn es ihre Schwiegereltern doch nur nicht immer so übertreiben würden!

»Du weißt doch, wie gern wir sie hierhaben. Wir würden alles tun für die beiden Racker«, sagte Dorothy wie auf ein Stichwort.

»Sicher? Ich könnte mir sonst auch gern einen Babysitter suchen.« Kirsty umklammerte die Tasche für die Jungs. Sie enthielt lediglich frische Kleidung für den morgigen Tag, denn bei Dorothy lagen stets Schlafanzüge und Zahnbürsten für Adam und David bereit.

»Sei nicht albern, Kirsty. Wo willst du denn um diese Uhrzeit noch einen Babysitter für heute auftreiben? Außerdem sind wir ihre Großeltern. Sie gehören hierher.«

Nein, das tun sie nicht, sie gehören zu mir, dachte Kirsty entsetzt und legte sich unwillkürlich eine Hand auf den Mund, als hätte sie es laut ausgesprochen. Es war ein Augenblick, in dem sich ihr Verhältnis zu Dorothy nachhaltig veränderte.

Die Trauer um Scott hatte sie alle zusammengeschweißt. Obwohl sie nicht unter einem Dach lebten, hatten Dorothy und Harry in den vergangenen drei Jahren für Kirsty genauso zur Familie gehört wie ihre Kinder, und sie waren mindestens ebenso stark in ihre Erziehung eingebunden gewesen wie sie selbst. Sie holten sie oft von der Schule ab, halfen ihnen bei den Hausaufgaben, spielten und machten Ausflüge mit ihnen. Adam und David aßen regelmäßig bei ihren Großeltern väterlicherseits und hatten mit ihnen sogar schon zweimal je eine Woche in Portrush Urlaub gemacht. Sie hatten alle gemeinsam ihre Energien darauf konzentriert, mit Scotts Tod fertigzuwerden und die Auswirkungen für die Jungs zu minimieren. Und sie hatten ihre Sache hervorragend gemacht. Die Kinder wirkten ausgeglichen, fröhlich und gut erzogen, und auch ihre schulischen Leistungen waren mehr als zufriedenstellend. Ohne Dorothy und Harry wäre Kirsty völlig hilflos gewesen, und ihre Dankbarkeit kannte keine Grenzen. Doch in letzter Zeit hatte sich ihre Beziehung verändert. Weil sich Kirsty verändert hatte.

Sie sehnte sich plötzlich nach etwas mehr Unabhängigkeit für sich und die Jungs. Das war egoistisch von ihr, denn Adam und David liebten Scotts Eltern. Leider kannten sie ihre Großeltern mütterlicherseits kaum, denn diese waren schon alt und kränklich und verließen nur höchst ungern ihre Heimatstadt Cumnock an der Ostküste von Schottland.

Doch Kirsty störte sich zusehends an der Tatsache, dass Dorothy und Harry eine derart zentrale Stellung in ihrem Leben einnahmen. Es wurde höchste Zeit, dass sie sich etwas von ihnen emanzipierte, sonst würde sie es nie schaffen, einen neuen Mann kennenzulernen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Doch wie um alles in der Welt sollte sie das bewerkstelligen, ohne Dorothy und Harry vor den Kopf zu stoßen? Die beiden lebten nur für ihre Enkel.

Kirsty zuckte zusammen, als Dorothy den Arm ausstreckte und fragte: »Darf ich?«

»Ach so, ja, natürlich.« Sie drückte ihrer Schwiegermutter die Tasche in die Hand. »Und noch einmal vielen Dank.«

Bis vor Kurzem war alles ganz unkompliziert gewesen, doch heute hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, als würde sie jeder Gefallen, den ihre Schwiegereltern ihr taten, nur noch mehr in ihrer Unabhängigkeit beschneiden.

»Was hast du heute Abend eigentlich vor?«, erkundigte sich Dorothy. »Du hast etwas von Ballymena gesagt.«

»Ja, Patsy und Clare wollen zur Paul-Holmes-Ausstellung in der Cornerstone Gallery. Janice und ich fahren nur zum Spaß mit.«

»Hmm.« Dorothy hörte ihr nur noch mit halbem Ohr zu. Sie hatte Kirstys Begeisterung für alles, was mit Kunst zu tun hatte, noch nie so recht nachvollziehen können. Für sie waren Bilder nur dazu da, leere Wände zu füllen.

»Hast du trotzdem noch Zeit für eine Tasse Tee?«, fragte sie mit einem Blick auf das reich verzierte Ziffernblatt der Pendeluhr.

»Ja.« Kirsty zögerte einen Augenblick, dann platzte sie heraus: »Ich wollte ohnehin etwas mit euch besprechen.«

»Aha?« Dorothy musterte sie verwundert.

»Ah, da ist sie ja …«, ertönte Harrys Stimme von oben, und gleich darauf kam er vorsichtig die Treppe herunter, das Geländer fest umklammert. Er trug eine rostbraune Samtcordhose, ein grünes Karohemd und abgewetzte braune Velourslederpantoffeln. Mit seinem ergrauenden Haar und dem Schnurrbart wirkte er wie ein Bilderbuchgroßvater.

Seine Haut fühlte sich dünn und papierartig an, als er Kirsty einen Kuss auf die Wange gab. »Meine Lieblingsschwiegertochter.« Das war ihr privater Running Gag – Harry hatte gar keine anderen Schwiegertöchter. Scotts Schwester Sophie war mit einem Arzt verheiratet und lebte in Dublin.

»Kirsty bleibt noch auf eine Tasse Tee«, verkündete Dorothy und ging voran in die gemütliche Küche.

Dort bereitete sie mit viel Getöse den Tee zu, während Harry und Kirsty Small Talk betrieben.

Schließlich stellte Dorothy drei zerbrechliche Porzellantassen und einen Teller mit Teegebäck auf den Tisch, schenkte ein und fragte: »Also, worüber wolltest du mit uns reden, Kirsty?«

Kirsty rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse, obwohl sie keinen Zucker hineingetan hatte. Sie holte tief Luft. »Ich ziehe in Erwägung, wieder arbeiten zu gehen.«

»Aber das ist doch gar nicht nötig, Kirsty«, sagte Harry mit jenem nachsichtigen Lächeln, mit dem er sonst die Jungs bedachte, wenn sie eine Dummheit von sich gegeben hatten. »Nicht wahr, Dorothy? Das kann warten, bis die Jungs groß sind.«

»Sie sind groß genug«, murmelte Kirsty in ihre Teetasse, ohne ihn anzusehen. »Ich bin die meiste Zeit allein zu Hause, und meine Tage sind mit Kochen und Putzen und Kaffeekränzchen einfach nicht ausgefüllt.« Sie nahm sich ein Plätzchen und brach es in der Mitte entzwei. Goldene Krümel fielen auf den blitzblanken Tisch. »Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach«, sagte sie. »Seit Adams Einschulung im vergangenen Jahr.«

»Verstehe.« Dorothy führte die Tasse zum Mund und nippte an ihrem Tee. Harry strich sich über seinen Schnurrbart und starrte sein Spiegelbild im Fenster an. Er wirkte verwirrt. Enttäuscht.

»Es wäre nur halbtags, zwanzig Stunden die Woche«, versicherte Kirsty den beiden.

Dorothy legte den Kopf schief und stellte ihre Kaffeetasse so sorgfältig auf der Untertasse ab, als würde sie ein Puzzle zusammensetzen. »Hast du an etwas Bestimmtes gedacht?«

»Es ist gerade eine Stelle im Museum ausgeschrieben.«

Das kleine Heimatmuseum von Ballyfergus befand sich in der alten Carnegie Library in der Victoria Road. Das Gebäude stammte aus dem Jahr 1906 und beherbergte mittlerweile eine Reihe moderner, heller Ausstellungsräume mit Artefakten aus der Stadt und der näheren Umgebung.

»Und was ist in den Ferien oder wenn die Jungs krank sind?«, wollte Dorothy wissen.

»Ich werde mir eben eine Kinderbetreuerin suchen müssen.«

»Aber Dorothy und ich übernehmen das doch gern«, wandte Harry gekränkt ein.

»Ich … Ich … Nun, das ist ein sehr großzügiges Angebot, aber ich kann nicht von euch erwarten, dass ihr ständig alles liegen und stehen lasst, nur um auf die Jungs aufzupassen. Ihr habt doch auch ein Leben«, sagte Kirsty wider besseres Wissen. Das Leben ihrer Schwiegereltern drehte sich nur noch um David und Adam.

»Dafür sind wir doch da, nicht wahr, Dorothy?« Jetzt klang Harry fast schon verärgert.

Dorothy nickte, und er fuhr fort: »Sie sind meine Enkel, und ich möchte nicht, dass irgendwelche wildfremden Menschen auf sie aufpassen.«

»Also gut, meinetwegen, wenn ihr unbedingt wollt …« Kirsty hatte erneut das Gefühl, dass sie sich zu etwas überreden ließ, das sie gar nicht wollte. Aber sie konnte ihren Schwiegereltern den Kontakt mit den Jungs schließlich nicht verbieten. Nun, sie würde sich auf irgendeine Weise dafür erkenntlich zeigen. Vielleicht, indem sie für die beiden einen Urlaub buchte.

Harry schien sich allmählich doch für ihren Einfall zu erwärmen, denn plötzlich sagte er: »Vielleicht hat Kirsty recht, Dorothy. Es würde ihr bestimmt ganz gut tun, wenn sie mal ein bisschen rauskommt.«

Kirsty wurde gleich etwas leichter ums Herz. Wer hätte gedacht, dass ihr Ansinnen ausgerechnet bei Harry Unterstützung finden würde?

»Aber das kannst du auch einfacher haben«, fuhr er mit einem selbstgefälligen Lächeln fort. »Du kannst bei mir in der Papierfabrik arbeiten, Kirsty«, erklärte er gönnerhaft.

Kirsty schluckte schwer und versuchte zu lächeln. Sie dachte an Harrys Firma, die InverPapers-Papiermühle, an das unablässige Brummen und Summen der Maschinen, an den eklig-süßlichen Gestank der Chemikalien, die bei der Herstellung verwendet wurden. Scott hatte immer ein wenig danach gerochen, ganz gleich, wie oft er sich geduscht hatte oder wie oft Kirsty seine Kleidung gewaschen hatte.

»Sie könnte im Büro arbeiten, Dorothy, genau wie du damals. Bei der Buchhaltung und den Gehaltsabrechnungen helfen. Du kannst doch mit einem Computer umgehen, nicht?«

Harry spielte noch immer eine aktive Rolle im Unternehmen, dabei war er eigentlich schon halb in Rente. Kirsty erstarrte vor Entsetzen, als sie an das muffige Büro mit seinem abgenutzten Achtzigerjahremobiliar und den undichten Fenstern dachte.

Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie in einem Büro gearbeitet, und sie konnte sich kaum etwas Deprimierenderes vorstellen. Die Fabrik beschäftigte hundertfünfzig Menschen und stellte Toilettenpapier her. Toilettenpapier! Millionen von Rollen jedes Jahr. Kirsty biss sich auf die Unterlippe, um nicht in Tränen auszubrechen.

»Ich glaube nicht …«, setzte sie leise an.

»Hmm«, sagte Dorothy, als hätte Kirsty nichts gesagt. »Das ist gar keine schlechte Idee. Du könntest dir deine Arbeitszeiten frei einteilen und jederzeit Urlaub nehmen, Kirsty.«

Harry ergriff Kirstys schweißnasse Hand. »Es ist die perfekte Lösung. Im Schoß der Familie ist man doch immer noch am besten aufgehoben, und außerdem bist du auf diese Weise total flexibel. Scott hätte das sicher auch so gesehen.«

Kirsty hielt den Blick gesenkt. Sie hätte Scott so einiges zur Last legen können, aber er hätte sie garantiert nicht dazu verdonnert, in der Firma seines Vaters zu arbeiten, die er selbst so abgrundtief gehasst hatte.

Harry rieb sich die Hände, als hätte er soeben ein Geschäft abgeschlossen. »Und ich würde natürlich dafür sorgen, dass du anständig entlohnt wirst.«

Sie schwiegen eine Weile. Schließlich fragte Dorothy: »Na, was hältst du davon, Kirsty?«

»Ich … Ich weiß nicht recht … Ehrlich gesagt reizt mich dieser Job im Museum ein bisschen mehr. Er klingt nach einer interessanten Tätigkeit.«

»Die Papierindustrie ist auch interessant«, versicherte ihr Harry.

»Das ist sie bestimmt, und ich weiß das Angebot zu schätzen, aber ich bin nicht sicher, ob ich es annehmen kann.«

»Natürlich kannst du das.« Er verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich habe viel eher den Eindruck, dass sie das nicht will«, schaltete sich Dorothy ein. »Stimmt’s, Kirsty?«

Kirstys Wangen glühten, aber sie wollte ihren Schwiegereltern demonstrieren, dass es ihr diesmal ernst war. Sie hatte schon viel zu oft klein beigegeben. Allerdings war es dabei bislang meist um Nebensächlichkeiten gegangen, etwa wenn sie darüber diskutierten, wie viel die Jungs fernsehen durften oder wann sie zu Bett gehen sollten, wenn sie hier schliefen. Doch jetzt ging es um ihr Leben. Ihre Zukunft.

Sie setzte sich aufrecht hin und sagte: »Stimmt.«

Harry stieß einen langen Seufzer aus und fiel sichtlich in sich zusammen. Er schniefte beleidigt auf, rieb sich mit dem Handrücken die Nase und verschränkte dann erneut die Arme vor der Brust. »Ich hatte gehofft, die Jungs würden die Firma irgendwann übernehmen«, murmelte er. »Ich wäre längst in Rente, wenn Scott …«

»Harry«, sagte Dorothy sanft. »Das hat doch jetzt nichts mit Scott zu tun.«

Er zuckte die Achseln und starrte aus dem Fenster, obwohl dort wegen der rasch hereinbrechenden Dunkelheit nicht mehr allzu viel zu sehen war. Kirsty legte ihm eine Hand auf den Arm. »Harry?« Er blickte kurz auf ihre Finger und sah dann wieder aus dem Fenster. Sie hatte ihn beleidigt, und es tat ihr aufrichtig leid. Aber es hatte sich nicht vermeiden lassen. Er würde ihre Ansichten nie verstehen.

»Musst du nicht allmählich los?«, fragte Dorothy mit einem Blick auf die Wanduhr. »Es ist schon nach fünf.«

»Tatsächlich?«, sagte Kirsty, ohne Harry aus den Augen zu lassen. Sie wollte nicht, dass das Gespräch so unversöhnlich endete.

Doch im Moment war sie hier offenbar nicht mehr erwünscht. Als sie aufstand, um sich zu verabschieden, war ihr zum ersten Mal seit über drei Jahren unwohl dabei. Sie lief nach oben, um den Jungs Auf Wiedersehen zu sagen, und als sie wieder herunterkam, wartete Dorothy an der Tür auf sie. »Mach dir wegen Harry keine Gedanken, Liebes. Er ist bloß …«

»Gekränkt?«

»Ja, das auch. Und er trauert nach wie vor um Scott.«

Kirsty schlüpfte seufzend in ihren Mantel. »Ich wollte ihn nicht beleidigen.«

»Ich weiß.«

Kirsty knöpfte ihren Mantel zu und zog ihre schwarzen Lederhandschuhe an.

»Bewirb dich ruhig um die Stelle im Museum, Kirsty. Und sag Bescheid, wenn du Hilfe mit den Jungs brauchst.«

»Danke, das ist sehr großzügig«, erwiderte Kirsty steif. Sie umarmte Dorothy, dann trat sie in die feuchtkalte Nacht hinaus. Schneeflocken schwebten vom Himmel und wirbelten im Wind umher. Kirsty stellte fröstelnd den Mantelkragen auf und eilte zu ihrem Auto.

»Eines noch«, rief Dorothy ihr nach.

Kirsty fuhr herum. Der Kies knirschte unter ihren Sohlen.

»Denk immer daran, wie sehr wir die beiden lieben«, sagte Dorothy.

»Mach ich«, erwiderte Kirsty, dann drehte sie sich um und marschierte entschlossen zum Auto. Doch kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, blieb sie stehen und wandte sich ein letztes Mal zu dem Haus mit seinen hell erleuchteten Fenstern um, in dem ihre Jungs so wohlbehütet und glücklich waren. Sie kamen ihr so weit weg vor, und es fühlte sich so an, als befände sich weit mehr zwischen ihnen und ihr als bloß die Mauern der alten viktorianischen Villa.

Die Ausstellung fand im Erdgeschoss einer zweistöckigen Galerie in der Mill Street direkt gegenüber dem Rathaus von Ballymena statt. Es war voll und laut; die zahlreichen Anwesenden standen Ellbogen an Ellbogen und hielten sich an ihren Gratisgetränken fest. Kirsty hatte nicht die Mittel, um sich eines der meisterhaft gefertigten Aquarelle im Wert von mehreren Hundert Pfund zu kaufen. Doch sie erfreute sich an ihrem Anblick und an der belebten Atmosphäre und bekam sogar eine Gelegenheit, ein paar Worte mit dem Maler zu wechseln. Sie blieben jedoch nicht allzu lange, denn der Heimweg über die Shane’s Hill Road war auch schon bei guten Wetterverhältnissen gefährlich genug. Die Straße war streckenweise sehr abgeschieden und führte über einige Erhebungen, auf denen der Schnee oft noch lange liegen blieb.

Gegen neun waren sie wieder in Ballyfergus und saßen an ihrem angestammten Platz im No. 11. In der Bar wimmelte es von ortsansässigen Geschäftsleuten, wie jeden Freitag nach Feierabend. »Gut, dass du reserviert hattest, Janice, sonst hätten wir unseren Tisch nie und nimmer bekommen«, stellte Patsy fest. Sie strich die Falten ihres Wollrocks glatt und fuhr sich mit den Fingern durch das kurze, blond gefärbte Haar. Solange Kirsty sie kannte, hatte Patsy schon diese jugendliche Kurzhaarfrisur, die ihre feinen Züge gut zur Geltung brachte. In ihren Ohrläppchen blitzten große Diamantohrstecker.

»Wir sollten gleich bestellen; die Küche schließt bald«, sagte Janice, die heute einen schwarzen Kaschmir-Rollkragenpulli, einen engen schwarzen Rock und Stiefel trug. Sobald sie sich etwas ausgesucht hatten und mit Getränken versorgt waren, fragte Kirsty: »Na, was hältst du von deinem Konkurrenten, Clare?«

Clare kippte gut ein Drittel ihres Weißweins in einem Zug herunter, ehe sie antwortete. Sie war legerer angezogen als die anderen – sie trug schwarze Jeans und ein gemustertes Top und um den Hals ein grünes Lederband mit einem blumenförmigen Anhänger aus rosa Perlmutt. Im Laufe der Jahre hatte sie ordentlich zugelegt, und es stand ihr nicht besonders gut zu Gesicht. Früher war sie hübscher gewesen. »Tja, Holmes hat Talent, so viel steht fest.« Sie seufzte. »Ich bin nicht sicher, ob ich da mithalten kann.«

»Ach, komm«, rügte Kirsty sie. »Du malst mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser.« Clares größter Makel war zweifellos ihr geringes Selbstvertrauen. Ständig stellte sie ihr Licht unter den Scheffel. »Wie gefällt es dir in deinem Studio?«

»Es ist großartig«, schwärmte Clare. »Absolute Ruhe, keine Unterbrechungen durch schreiende Kinder … Bis jetzt war ich immer ein paar Abende unter der Woche und ein paar Stunden an den Sonntagen dort.«

Janice lächelte breit.

»Und wie kommst du mit dem Malen voran?«, wollte Patsy wissen.

Clare zog die Nase kraus. »Sagen wir mal, ich bin etwas eingerostet.«

»Dann musst du eben ein bisschen geölt werden«, rief Janice und hob lachend ihr Glas. Clare prostete ihr zu, nahm einen weiteren Schluck und hatte ihren Wein damit schon fast ausgetrunken.

Janice warf einen Blick in die Runde und sagte: »Mal im Ernst, Clare hat mir und Patsy ein paar von ihren Bildern gezeigt, und sie waren gut. Genauso gut wie vor vier Jahren, Clare. Hab ich nicht recht, Patsy?«

Patsy schüttelte abwesend den Kopf. »Entschuldige, was hast du gesagt?«

»Ich sagte, Clares Bilder sind echt gut, nicht?«

»Ja, das sind sie.« Patsy umklammerte ihr Glas und starrte Clare an. »Ich finde, du bist wieder mal viel zu streng mit dir selbst, Clare.«

Clare errötete und starrte auf einen Fleck auf dem Fußboden.

»Ich weiß, was wir tun sollten!«, rief Patsy, und die anderen drei fragten neugierig im Chor: »Was denn?«

»Wir sollten eine Ausstellung für dich organisieren.«

Clare schnappte nach Luft und hielt sich eine Hand vor den Mund. »Nein.« Ihre Fingernägel waren abgekaut und ihre Hände gezeichnet von der Arbeit; das Los von Hausfrauen und Künstlern gleichermaßen.

Patsy legte den Kopf schief. »Nur eine ganz kleine, vielleicht zusammen mit einem anderen Künstler. Jemand, der mit anderen Materialien arbeitet. Lass mich nachdenken …« Sie überlegte einen Augenblick. »Ich weiß! Ich wollte im Frühjahr eine Ausstellung mit Bronson machen.« Sie sprach von Bronson Gaffney, einem Künstler aus der Gegend, der sich mit seinen Ölgemälden – Landschaften im traditionellen Stil – einen Namen gemacht hatte. »Ich werde ihn fragen, ob er Lust auf eine gemeinsame Ausstellung hat. Ich bin sicher, er hat nichts dagegen. Auf diese Weise hättest du ein Ziel, auf das du hinarbeiten kannst, und du könntest deinen Bekanntheitsgrad etwas steigern, ohne dich gleich einem allzu großen Druck auszuliefern. Und Bronson ist ein unglaublich netter Kerl.«

Clares Augen leuchteten auf. »Meinst du wirklich, das könnte ich schaffen?«

»Aber klar!«, versicherte ihr Patsy. »Mehr noch, ich bin überzeugt, dass du jedes einzelne Bild verkaufen wirst.«

Clare benötigte nur ein paar Sekunden Bedenkzeit, dann sagte sie: »Also gut, wenn das so ist, bin ich dabei!«

Ihre Freundinnen applaudierten.

»Dann rufe ich dich morgen an, und wir besprechen alles Weitere«, versprach Patsy.

»Ich finde, das sollten wir begießen. Wer will noch etwas trinken?«, frage Clare, deren Wangen vor Aufregung gerötet waren. Sie stand auf, um zur Bar zu gehen. Patsy, die fahren musste, lehnte dankend ab. Als Clare zurückgekommen war, fragte Kirsty: »Und, was machen eure Neujahrsvorsätze?«

»Ich habe ein neues Laufband für unseren Fitnessraum bestellt«, berichtete Janice.

Patsy legte sich unwillkürlich eine Hand auf den Bauch. »Aber du bist doch ohnehin nur ein Strich in der Landschaft! Wenn du noch mehr trainierst, verschwindest du irgendwann ganz.«

»Es geht immer noch ein bisschen schlanker, meine Liebe«, erwiderte Janice gutmütig.

Bei ihren Worten fragte sich Kirsty, wie es kam, dass Janice, die stets so elegant und selbstsicher wirkte, derart darauf versessen war, ständig etwas an sich zu verbessern. Es gab weiß Gott nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand versuchte, das Beste aus sich zu machen, und in puncto Eitelkeit war Kirsty nicht besser als andere Frauen. Aber Janice trieb die Sache wirklich auf die Spitze. Konnte es sein, dass sie nicht ganz so glücklich war, wie es den Anschein hatte? Verbarg sich hinter ihrem Fitnesswahn der Versuch, irgendwelche Geister der Vergangenheit abzuschütteln? Sie waren zwar schon seit fünfzehn Jahren befreundet, aber wie gut kannte sie Janice wirklich?

»Hattest du irgendwelche weiteren Verabredungen, Kirsty?«, erkundigte sich Patsy.

Kirsty stöhnte vernehmlich und grinste schief. »Ich weiß noch nicht einmal, ob das Date mit Robert überhaupt zählt. Ich glaube, ich brauche noch ein paar Wochen Zeit, um diesen Reinfall zu verarbeiten, ehe ich mich zu einem neuen Versuch aufschwingen kann. Ich hätte mir etwas anderes vornehmen sollen«, fuhr sie ernst fort. Sie hatte es schon jetzt gründlich satt, von den anderen ständig deswegen gelöchert zu werden. »Dass ich mir einen Job suche, zum Beispiel.« Das war wenigstens ein einigermaßen realistisches Ziel.

»Ah, du willst also wieder arbeiten gehen?«, fragte Janice.

»Ja. Im Museum ist gerade eine Stelle ausgeschrieben«, berichtete Kirsty.

»Klingt aufregend. Was müsstest du tun?«, fragte Clare.

»Ich würde am Empfang arbeiten und wäre für die Betreuung der Besucher zuständig. Außerdem müsste ich verschiedenste administrative Aufgaben erledigen, E-Mails und telefonische Anfragen beantworten und so weiter. Ehrlich gesagt war die Stellenbeschreibung etwas schwammig formuliert, was allerdings den Vorteil hat, dass ich mir meine Tätigkeiten wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad selbst aussuchen könnte.«

Patsy nickte. »Ja, sobald du dich ein bisschen eingearbeitet hast.«

»Richtig«, sagte Kirsty. Je länger sie darüber redete, desto größer wurde ihr Wunsch, diesen Job zu bekommen. »Es ist lediglich eine Teilzeitstelle, und Dorothy und Harry wollen mich unterstützen, aber sie haben kein Hehl daraus gemacht, dass sie alles andere als begeistert sind. Harry jedenfalls.«

Patsy bedachte sie mit einem verständnisvollen Blick. »Nicht, dass ihn das irgendetwas angehen würde.«

»Und nachdem er sich einigermaßen damit angefreundet hatte, kam er prompt auf die glorreiche Idee, dass ich ja bei InverPapers arbeiten könnte.«

»Und darauf hast du keine Lust?«, hakte Janice nach.

»Du lieber Himmel, nein!«, stieß Kirsty hervor und schüttelte derart heftig den Kopf, dass etwas Wein aus ihrem Glas auf den Tisch schwappte. »Ich würde sterben vor Langeweile. Er meinte, ich könnte in der Buchhaltung und bei den Gehaltsabrechnungen aushelfen. Doch davon verstehe ich nichts, und ganz abgesehen davon interessiert es mich auch nicht die Bohne.«

»Er hat es bestimmt gut gemeint«, sagte Janice sanft und tätschelte ihr die Hand.

»Zweifellos, aber er versteht ganz offensichtlich nicht, dass ich etwas mehr Freiraum brauche. Das können sie beide nicht nachvollziehen.«

»Ich nehme an, du hast abgelehnt?«, fragte Clare.

»Ja, habe ich, und er war eingeschnappt.«

»Er wird drüber wegkommen«, beruhigte Patsy sie. »Ich kann mir vorstellen, wie schwer das alles für die beiden ist, und ich kann auch verstehen, dass sie möglichst viel Zeit mit den Jungs verbringen wollen. Was ja eigentlich toll ist – genau das wünscht man sich doch von seinen Schwiegereltern. Aber sie müssen natürlich respektieren, dass du ein Recht auf ein eigenes Leben hast.«

»Finde ich auch.« Clare nickte.

Dein Wort in Gottes Ohr, dachte Kirsty, aber das bedeutet leider, dass ich auf Konfrontationskurs gehen muss.

»Im Museum ist die Wahrscheinlichkeit, einen akzeptablen Kerl kennenzulernen, natürlich weit höher als in der Papierfabrik«, bemerkte Janice.

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Kirsty konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Janice ging an das Projekt »Ein neuer Mann für Kirsty« mit weit mehr Ehrgeiz heran als sie selbst. »Aber du hast recht.« Und diese Aussicht bestärkte sie nur noch zusätzlich in ihrem Entschluss.

»Dann bewirbst du dich also um die Stelle?«, fragte Clare.

»Ich bringe gleich Montagmorgen meine Unterlagen hin. Wünscht mir Glück!«

»Auf Kirsty«, rief Clare, der jeder Grund recht war, das Glas zu erheben. Die anderen taten es ihr nach. Dann kam das Essen, und sie betrieben eine Weile Small Talk, während sie sich darüber hermachten.

Als Janice fertig gegessen hatte – sie ließ wieder einmal die Hälfte übrig –, beugte sie sich über den Tisch und sagte verschwörerisch zu Patsy: »Erzähl, was gibt es Neues wegen eurer Safari?«

Patsy schrak zusammen, und ihre Serviette rutschte auf den Boden. Sie bückte sich, um sie aufzuheben, und wirkte etwas fahrig, als sie sie ausschüttelte und wieder über ihren Schoß breitete.

»Na ja, ich habe eine Anzahlung geleistet«, sagte sie.

Alle warteten darauf, dass sie fortfuhr. Es war ganz untypisch für Patsy, dass sie sich so zugeknöpft gab. Kirsty fragte sich gerade, ob womöglich irgendetwas nicht in Ordnung war, da setzte Patsy ihr gewohntes Lächeln auf. »Es ist gar nicht so einfach, es vor Martin zu verheimlichen, das kann ich euch sagen. Ich musste die Kataloge unter dem Bett verstecken, und ich habe jedes Mal panische Angst, dass mal jemand vom Reisebüro anruft, wenn das Telefon klingelt und Martin zu Hause ist.«

»Und, wie sieht die Reiseroute aus?«, wollte Janice wissen. Patsy zog einen dünnen Prospekt aus der Handtasche und reichte ihn ihr. Janice blätterte kurz darin und nickte wohlwollend.

»Erst geht’s zum Central Kalahari Game Reserve – das ist das zweitgrößte Game Reserve der Welt – und zum Chobe-Nationalpark, in dem sechzigtausend Elefanten leben. Und dann besuchen wir die Makgadikgadi-Salzpfannen, angeblich eine atemberaubend schöne Gegend.«

»Makgadikgadi-Salzpfannen?«, wiederholte Kirsty und nahm den Reiseprospekt zur Hand, sobald Janice ihn weggelegt hatte. Sie betrachtete die Bilder der riesigen weißen Ebene. Auf einem der Fotos saß ein wettergegerbter Abenteurer auf einem traktorähnlichen Geländefahrzeug, das sich Quad nannte. Zwei schlanke Arme waren von hinten um seine Taille geschlungen.

»Ich weiß, es ist bloß ein Urlaub«, sagte Patsy und sah die anderen mit glänzenden Augen an. »Aber für mich geht damit ein Traum in Erfüllung. So etwas macht man nur einmal im Leben. Martin und ich jedenfalls. Ich bezweifle, dass wir je wieder eine so aufregende, teure Reise unternehmen werden. Das wird die Hochzeitsreise, die wir nie hatten. Ich habe sogar schon überlegt, ob wir nicht unser Ehegelübde erneuern sollen.«

Über Erin Kaye

Biografie

Erin Kaye wurde 1966 in Larne, Nordirland, geboren, als Tochter eines polnisch-amerikanischen Vaters und einer anglo-irischen Mutter. Sie arbeitete viele Jahre erfolgreich in der Finanzwirtschaft, ehe sie sich dem Schreiben widmete. Heute lebt sie mit ihrem Mann, den beiden Söhnen und Hund Murphy...

Pressestimmen

Closer Magazine

Wunderschön geschrieben – über die Herausforderungen und Bewährungsproben dieser Frauen zu lesen, ist ebenso fesselnd wie bewegend.

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