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Wunderbare Wünsche

Wunderbare Wünsche

Roman

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Wunderbare Wünsche — Inhalt

Als Margo zufällig einen Ring findet, ahnt sie nicht, dass sie damit einen Flaschengeist der besonderen Art an sich gebunden hat: Oliver. Er ist weder aus blauem Nebel noch trägt er einen Turban. Stattdessen ist er überaus stofflich - und gut aussehend! - und raubt Margo den letzten Nerv. Es scheint, als könne er mit seinen wundervollen Augen direkt in ihr Innerstes sehen - was Margo um jeden Preis vermeiden will! Auch drei Wünsche können sie von den ständigen Streitereien mit ihm nicht abhalten. Aber dann taucht Olivers Erzfeind Xavier auf, der Jagd auf Dschinn macht, und auch Margo bedroht. Langsam wird ihr klar, dass es mehr als drei Wünsche braucht, um Oliver zu retten. Viel mehr ...

Erschienen am 13.10.2014
Übersetzer: Andreas Decker
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96822-5

Leseprobe zu »Wunderbare Wünsche «

Prolog

 

Der Plan war ganz einfach: Ich würde auf diese Bühne steigen und das verflixt beste Vorsingen abliefern, das sie je erlebt hatten. Dann würde ich abgehen, mit dem Wissen, dass die Rolle, die ich haben wollte, mir gehörte.

Als man mich in den Zuschauerraum rief, lief alles genau wie geplant.

Ich ging zum Klavier und gab George meine Noten. »Kennst du das?«, fragte ich ihn.

Er warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt, nickte und sagte: »Yup.«

Natürlich kannte er es. Dumme Frage.

George lockerte die Finger. Ich schritt die kleine Treppe an der [...]

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Prolog

 

Der Plan war ganz einfach: Ich würde auf diese Bühne steigen und das verflixt beste Vorsingen abliefern, das sie je erlebt hatten. Dann würde ich abgehen, mit dem Wissen, dass die Rolle, die ich haben wollte, mir gehörte.

Als man mich in den Zuschauerraum rief, lief alles genau wie geplant.

Ich ging zum Klavier und gab George meine Noten. »Kennst du das?«, fragte ich ihn.

Er warf einen flüchtigen Blick auf das Blatt, nickte und sagte: »Yup.«

Natürlich kannte er es. Dumme Frage.

George lockerte die Finger. Ich schritt die kleine Treppe an der Seite hinauf und betrat die Bühne. Helles Licht flutete mir entgegen, aber daran war ich gewöhnt. Ich beschattete die Augen, damit ich mich auf die einsame Gestalt in der ersten Reihe konzentrieren konnte. Miss Delisio, tagsüber Mathematiklehrerin und abends Musicalregisseurin. Ich lächelte sie freundlich an. Das war die Frau, die meine Traumrolle mit mir besetzen würde.

»Margo McKenna«, sagte sie zur Begrüßung. »Ich liebe Einserschüler in Trigonometrie mit Bühnenpräsenz. Wie behandelt dich die Infinitesimalrechnung denn so?«

Ich rümpfte die Nase. »Dieses Jahr gab es nur eine Eins minus. Infinitesimalrechnung ist schwer. Wer hätte das gedacht?«

Miss Delisio lachte. »Warum unterrichte ich das wohl nicht, was glaubst du? Also gut, was singst du uns denn heute vor?«

»Ich singe ›Last Midnight‹ aus Into the Woods von Stephen Sondheim.«

»Tolles Lied«, sagte sie. »Leg los, wenn du so weit bist.«

Der Augenblick war da. Ich gönnte mir einen Moment, um mich zu sammeln, dann nickte ich George zu. Auf mein Zeichen fing er an zu spielen. Ich passte meinen Körper dem Song an, und die Worte strömten aus mir heraus, als wären es meine eigenen. Für diese wenigen Minuten verwandelte ich mich in jemanden, der sich in jeder Hinsicht von meinem wahren Ich unterschied. Der erfahren und manipulativ war. Der über echte Macht verfügte.

Wegen dieser Macht hatte ich »Last Midnight« gewählt. Und als sich das Lied in seiner Intensität steigerte und sich meine Darstellung daran anpasste und die Luft im Theater zum Rhythmus von Georges Klavierspiel zu tanzen schien und meine Stimme … Ich wusste, dass ich die richtige Wahl getroffen hatte.

Als ich fertig war, vergingen ein paar Atemzüge, bevor jemand die Stille brach.

»Das war wunderschön, Margo«, sagte Miss Delisio. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, aber ich hörte das Lächeln in ihrer Stimme. »Wirklich, wirklich wunderschön.«

»Yup«, sagte George.

»Danke«, erwiderte ich atemlos.

Ich hörte das Rascheln einer Notizbuchseite, die umgeschlagen wurde. »Bleib noch eine Weile in der Nähe, okay?«, sagte Miss Delisio. »Wir teilen dir jemanden zu und lassen dich aus dem Skript lesen.«

»Klingt gut. Ich bin dann im Flur.«

Naomi Sloane, meine beste Freundin und Miss Delisios Bühnenmanagerin, bewachte die Tür, die sich zwischen mir und dem Korridor voller nervöser Schüler draußen befand. Sie reckte den Daumen nach oben.

»McKenna, du warst einfach perfekt«, sagte sie. »Behalte es für dich, aber du hast das beste Vorsingen abgeliefert, das ich bis jetzt gesehen habe.«

Ich schenkte ihr ein bescheidenes Lächeln. »Ich wette, das sagst du allen Mädchen.«

Sie lachte und hielt mir die Tür auf, und ich schwebte hinaus in den Flur, während sie den Namen der nächsten Schülerin aufrief. Klar, ich musste noch immer den Schauspielteil des Castings bewältigen, aber das war eine Kleinigkeit. Der schwierige Teil – der wichtige Teil – war geschafft. Und Naomi hatte recht.

Ich war einfach perfekt gewesen.

 

 

1. Kapitel

 

Sweeney Todd ist ein Musical über Kannibalismus. Genauer gesagt ist es ein Musical über einen Barbier namens Benjamin Barker alias Sweeney Todd, der seine Kunden umbringt und die Leichen seiner Hauswirtin Mrs. Lovett überlässt, die sie zu Fleischpasteten verarbeitet, um sie dann der Kundschaft zu servieren. Natürlich passiert noch eine Menge mehr – es gibt Liebe und Besessenheit und Rache, also alles, was ein gutes Musical braucht –, aber für die meisten Leute ist der Kannibalismus der wichtigste Faktor des Stücks.

Mir jedoch ging es nur um die Musik. Nichts macht mich glücklicher, als mich in einen wirklich mitreißenden Song zu verbeißen und ihn allen vorzutragen, die ihn hören wollen – und von allen Musicals, die ich je geliebt habe, war Sweeney Todd die unübertroffene Quelle für mitreißende Songs. Vor allem, wenn man Mrs. Lovett spielte, also genau das, was ich vorhatte.

Eine Woche nach dem Casting verkündete Miss Delisio, dass sie mit der Rollenbesetzung fertig sei und die Liste am Ende des Schultags aushängen würde. Als der letzte Gong ertönte, rannte ich aus dem Kurs zum Theater. Vor dem Eingang drängte sich bereits die Meute aus der Theatergruppe. Ein Stück Klebeband fixierte ein hellgrünes Blatt Papier.

Ich fing an, mich durch die Menge zu kämpfen, aber eine Hand auf der Schulter hielt mich auf, bevor ich weit gekommen war. »Glückwunsch, mein Mädchen!«, sagte Naomi und zog mich in eine schnelle Umarmung. »Du hast eine der Hauptrollen. Ich hab’s dir doch gesagt, nicht wahr?«

Naomi hatte sich nie für Schauspielerei interessiert, aber seit unserem ersten Jahr auf der Highschool als Freshman hatte sie die Aufgaben der Bühnenmanagerin übernommen. Darin war sie ein echtes Naturtalent: vernünftig, laut und beliebt genug, damit die Leute ihr tatsächlich zuhörten, wenn sie ihnen sagte, was sie zu tun hatten.

»Wirklich?« Ich erwiderte ihr Grinsen. »Warte, nicht verraten. Ich will es selbst sehen.«

Vielleicht war es ja Aberglaube, aber sogar in so einem Fall, in dem ich ohne den Hauch eines Zweifels wusste, welche Rolle ich bekommen hatte, musste ich es schriftlich vor mir sehen, bevor es für mich real war. Margaret McKenna – Mrs. Lovett. Seit Miss Delisio angekündigt hatte, dass unser Frühlingsmusical Sweeney Todd sein würde, hatte ich mir diese Worte im Kopf vorgestellt und sie immer wieder beschworen, damit sie Realität wurden.

Ich schob mich an Naomi vorbei und wich eilig ein paar Jungs aus, die sich abklatschten, bis ich die Besetzungsliste erreicht hatte. Meinen Namen zu finden, dauerte nur ein paar Sekunden, er stand ungefähr in der Mitte der grünen Seite. Ich folgte der Linie, die mich zum Namen meiner Rolle führen würde.

Margaret McKenna – Tobias Ragg.

Das war unmöglich.

Das Geplapper um mich herum verwandelte sich in weißes Rauschen, und ich blinzelte ein paar Mal, nur um sicherzugehen, dass ich keine Halluzinationen hatte. Ich strich mit dem Finger über die Zeile. Nein, ich war tatsächlich als Tobias Ragg besetzt worden. Toby, der nur ein paar Lieder hatte. Toby, der jung und einfältig war, das genaue Gegenteil von der verschlagenen und aufregenden Mrs. Lovett, deren Rolle ich eigentlich hätte spielen sollen. Davon war ich fest überzeugt gewesen.

Toby, der ein Junge war.

Sicher, ich war klein und irgendwie flachbrüstig, aber mal ernsthaft …

»Ich bin Toby«, sagte ich laut und versuchte, mich mit der Vorstellung anzufreunden. Aber es klappte nicht.

»Ja«, ertönte Naomis Stimme hinter mir. Anscheinend war sie mir durch die Menge gefolgt. Ich drehte mich zu ihr um, und als sie mein Gesicht sah, fror ihr beglückwünschendes Lächeln ein. »Hör mal, ich weiß, dass du Mrs. Lovett spielen wolltest, aber Toby ist eine wirklich gute Rolle. Du wirst so toll sein!«

Ihr Versuch, mir den Trostpreis schmackhaft zu machen, schwappte bedeutungslos an mir vorbei. »Wer spielt denn Mrs. Lovett?«, fragte ich. Ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, danach zu suchen. »Warte. Sag nichts.«

Also sagte sie es mir nicht. Sie biss sich bloß auf die Lippe und wartete darauf, dass ich den Namen fand. Ihn zu finden, war kein Problem. Ihn zu erkennen schon, denn er war mir unbekannt.

»Verdammt, wer ist Victoria Willoughbee?«

Einen Augenblick lang wurde Naomi ganz still, und ihre Miene erstarrte zu einem Ausdruck, aus dem ich nicht schlau wurde. »Du kennst doch Vicky«, sagte sie schließlich. »Sophomore? Spielt in der Band Klarinette?«

Bei mir klingelte nichts, also schüttelte ich nur den Kopf.

Naomi zuckte mit den Schultern. »Nun, sie ist nett.«

»Aber warum …«

»Woo-hoo!« Der Jubelschrei ertönte so nahe, dass er mich zusammenzucken ließ. Direkt hinter mir stand Simon Lee, der über meinen Kopf hinweg auf die Besetzungsliste blickte. »Ich bin Sweeney Todd, ihr Nasen! Ich bin der asiatische Johnny Depp! Das habe ich ja schon immer gesagt! Habe ich das gesagt? Habe ich das nicht schon immer gesagt?«

Er boxte in die Luft, und ein paar Leute riefen ihm ihren Glückwunsch zu oder rissen ihn in eine dieser Jungsumarmungen und klopften ihm auf den Rücken. Niemand schien ihm die Hauptrolle zu missgönnen oder den bizarren Siegestanz, den er aufführte, albern zu finden. Hauptsächlich, weil wir alle wussten, dass er der talentierteste Junge der ganzen Schule war. Ganz zu schweigen davon, dass er auch der süßeste war.

Simon entdeckte mich in der Menge und schenkte mir ein schiefes Grinsen, bei dem sich meine Brust immer wie ein winziger Heißluftballon anfühlte. Das war der Augenblick, in dem es mir plötzlich klar wurde.

Ich würde nicht Simons Costar sein.

Plötzlich war ich sicher, jeden Moment die Beherrschung zu verlieren. Ich musste hier weg. Ich durfte nicht zulassen, dass mich alle Leute wegen einer Rolle in einem Highschool-Musical weinen sahen. Erst recht nicht Simon.

»Glückwunsch«, würgte ich hervor und rannte auf die Mädchentoilette zu.

Den Jungen, der um die Ecke bog, sah ich erst, als ich in ihn hineinlief. Meine Schulter krachte mit genug Schwung gegen seinen Arm, um mich fast von den Füßen zu reißen.

»Entschuldigung!«, sagte er automatisch und trat mir behutsam aus dem Weg, während ich alarmiert aufschaute. Ich kannte ihn nicht.

Dafür riss er die Augen auf, als er auf mich heruntersah. »Margo«, sagte er. »Oh. Es tut mir wirklich, wirklich leid.«

Ich musterte ihn schnell von Kopf bis Fuß – dunkles Haar, helle Augen, dünn und drahtig, auf eine unscheinbare Art durchaus süß – aber nein, ich kannte ihn definitiv nicht. »Was tut dir leid? Wer bist du?«

»Niemand«, sagte er schnell und hielt die Hände wie eine weiße Flagge hoch. »Ich bin niemand. Vergiss es.«

Ich schoss an ihm vorbei. Aus dem Augenwinkel bekam ich noch mit, wie er sich umdrehte, um mir nachzusehen.

Die Toilette roch leicht nach Marihuana und Zigaretten, und die Schulleitung hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, die rüden Graffiti an der Wand zu entfernen, aber wenigstens war sie menschenleer. Ich schloss mich in einer Kabine ein, zog die Knie ans Kinn, kniff die Augen zusammen und kam mir vor wie eine Neunjährige.

Miss Delisio gab die Hauptrollen immer der Abschlussklasse. So lief das nun einmal. In den unteren drei Jahrgängen, also als Freshman, Sophomore oder Junior, erfüllte man brav seine Pflicht im Chor oder vielleicht auch in kleinen Rollen, wenn man Glück hatte, und dann bekam man als Senior kurz vor dem Abschluss die guten Rollen. Also warum waren die Regeln für diese Vicky Willoughbee anders?

Ich kam erst wieder aus der Kabine, nachdem ich mich ausreichend beruhigt hatte, um einen neuen Schlachtplan zu entwerfen. Wenn ich schon nicht Mrs. Lovett sein konnte, würde ich eben die Sorte Mensch sein, die nicht das geringste Problem damit hatte, nicht Mrs. Lovett zu sein. Ich lächelte mich im Toilettenspiegel an, bis es echt aussah, dann holte ich tief Luft und ging zurück zum Theater, wo die erste Probe stattfand.

Miss Delisio saß bereits steif auf der Bühne. Zusätzlich zu ihrer Funktion als meine Trigonometrielehrerin in der zehnten Klasse hatte sie bei jedem Musical Regie geführt, in dem ich seit meinem ersten Jahr auf der Highschool mitgemacht hatte. Eigentlich mochte ich sie – aber neben ihr saß das echte Talent in engen Jeans, klobigen Stiefeln und einer schwarzen Bikerjacke. George, der Musik-Ninja.

Selbst wenn George während der Pausen auf dem Klavier herumklimperte, war es, als hörte man einem verrückten Musikgenie zu. Ganz zu schweigen von seinem anderen Job. Wenn er nicht gerade Musikregie bei unseren Musicals führte, war er der Frontmann einer Indieband namens Apocalypse Later. Zwar schrieb er die Musik nicht, was vermutlich erklärte, warum ich ihren Sound nicht ganz so toll fand, aber sein Gesang und die Gitarrensoli waren überirdisch.

»Schnappt euch euer Skript und setzt euch«, verkündete Miss Delisio in ihrem üblichen heiteren Tonfall. »Sobald alle da sind, fangen wir an.«

Einer nach dem anderen gingen wir auf die Bühne, wo ein Stapel Skripts lag, jedes mit dem Namen des Darstellers und seiner Rolle versehen. Ich ließ Miss Delisio nicht aus den Augen und fragte mich, ob sie wohl etwas sagen würde. Sie wusste, dass ich Mrs. Lovett hatte spielen wollen. Als ich das letzte Mal mit ihr sprach, hatte sie mir die Rolle tatsächlich so gut wie versprochen. Ob sie mir wohl erklären würde, warum sie sie einer anderen gegeben hatte?

Anscheinend nicht. Während ich auf der Bühne mein Skript aus dem Haufen fischte, waren sie und George in eine Unterhaltung vertieft. Ich holte tief Luft und rief mir ins Gedächtnis zurück, dass es nicht mehr wichtig war. Vorbei war vorbei. Ich hatte kein Problem damit. Nein, mehr noch, ich würde mit dieser Rolle alle umhauen.

Die meisten Darsteller mit Hauptrollen hatten es sich in der ersten Reihe bequem gemacht: Callie Zumsky als Johanna, MaLinda Jones als Pirelli, Dan Quimby-Sato als Anthony, Ryan Weiss als Richter Turpin, Jill Spalding als die Bettlerin. Natürlich alles Seniors. Ich gesellte mich stattdessen zu Naomi in die zweite Reihe.

»Alles okay mit dir, McKenna?«, flüsterte Naomi, als ich mich neben sie setzte.

»Warum nicht?«, flüsterte ich zurück. »Nur weil Sophomore McWieauchimmer die Lovett bekommen hat und ich nicht?«

Naomi kicherte. »Du meinst Willoughbee«, sagte sie und versuchte missbilligend zu klingen, womit sie kläglich scheiterte.

Ich grinste. »Sag ich doch. Wie dem auch sei. Ich bin drüber hinweg.«

»So siehst du aber nicht aus.«

Ich hob eine Braue. »Vielleicht täuscht dich dein Blick ja.«

Sie schien das Thema keineswegs für erledigt zu halten, aber Simons Ankunft rettete mich. Er ließ sich auf den leeren Sitz an meiner anderen Seite fallen. »Hey, Toby«, sagte er grinsend.

Darauf gab es bestimmt eine passende Antwort. Davon war ich fest überzeugt. Leider brachte mein Verstand nichts Besseres zustande als: »Eigentlich heiße ich Margo.«

Er täuschte Überraschung vor und klatschte sich die Hand gegen die Stirn. »Ha, ich mache es doch immer wieder. Nenne Leute einfach Toby. Wann lerne ich das endlich?«

Etwas Schlagfertiges. Etwas Schlagfertiges. Ich brauchte etwas Schlagfertiges.

Aber sein Arm rieb sich an meinem, während er seine Sachen am Boden zurechtrückte, und das reichte schon, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ich wollte gerade schon aufgeben, schlagfertig zu sein, und irgendetwas Blödes von mir geben wie »Vermutlich nie«, als Miss Delisio uns zum Schweigen brachte.

»Es sind fast alle da«, sagte sie und warf einen stirnrunzelnden Blick auf die Skripts. »Wir warten nur noch auf Vicky … ach, da kommt sie ja!«

Ihr Blick glitt in den hinteren Teil des Zuschauerraums, und alle schauten in die Richtung, um zu sehen, von wem die Rede war. Da, oben am linken Gang, stand ein Mädchen, von dem ich mir ziemlich sicher war, es noch nie zuvor gesehen zu haben. Sie drückte sich einen kleinen Bücherstapel gegen die Brust und zögerte, als hätte man sie dabei erwischt, wie sie … ja, was? Den Raum betrat?

Das war also das Mädchen, das die Rolle ihres Lebens bekommen hatte?

»Hier«, sagte Miss Delisio und hielt das Skript hoch. Die Bücher noch fester umklammernd, rannte Vicky den Gang entlang, um es sich zu holen. Strahlend sagte Miss Delisio etwas, das ich nicht mitbekam, und Vicky reagierte darauf mit einem angespannten Lächeln. Miss Delisio deutete auf die erste Reihe.

Aber die war bereits gefüllt. Vicky zögerte wieder, und einen erleichternden Augenblick lang war ich davon überzeugt, sie würde nach hinten zu den anderen Schülern der unteren Klassen gehen.

Da winkte Simon ihr zu. »Ich habe dir hier einen Platz frei gehalten!«, rief er zu meiner Bestürzung.

Vicky setzte sich neben ihn, während er ihr sein patentiertes Lächeln mit den hochgezogenen Augenbrauen schenkte. Das ließ mein Herz immer etwas schneller schlagen. Das letzte Mal hatte dieses Lächeln vergangenen Frühling zu einem grandiosen Kuss bei der Castparty von Bat Boy: The Musical geführt. Der Kuss war nie wiederholt worden. Tatsächlich hatte er ihn nach diesem Abend nie wieder erwähnt. Trotzdem. Es war grandios gewesen.

Vicky schien gegen seinen Flirtversuch immun zu sein.

»Margo, richtig?«, flüsterte sie mir an Simon vorbei zu.

»Das bin ich.«

»Ich habe dich letztes Jahr als Ruthie in Bat Boy gesehen. Du warst wirklich gut.«

»Danke«, sagte ich und lächelte genau so, wie ich es vor dem Toilettenspiegel geübt hatte. Ich hatte kein Problem damit. Es war mir nicht erlaubt, Vicky Willoughbee zu hassen.

Sobald wieder Ruhe eingekehrt war, stellte Miss Delisio George vor, als würde ihn hier irgendjemand nicht kennen. Er schenkte uns ein Grinsen und machte es sich am Klavier bequem. Heute würden wir nicht singen, da wir die Lieder offiziell noch nicht gelernt hatten, aber das hieß nicht, dass er uns nicht mit Musik unterstützte. Er spielte die Eröffnungstakte des Stücks, und eine kleine Gänsehaut kroch meinen Rücken herauf.

Naomi las die Regieanweisungen vor, und wir stürzten uns mit Feuereifer darauf. Wie immer kam es einem merkwürdig vor, die Liedtexte zu sprechen, denn ohne Melodie und Rhythmus klingen sie wie wirklich schräge Gedichte. Aber so war die erste Probe immer: einfach nur eine Leseprobe, damit wir uns alle zusammen mit der Geschichte vertraut machen konnten. Die meisten von uns kannten das schon. Einige Leute wie Simon schafften es sogar, es irgendwie gut klingen zu lassen.

Aber Vicky war nicht Simon. Sie las alles schrecklich monoton, als würde sie gar nicht richtig verstehen, was die Worte eigentlich bedeuteten. Und es waren nicht nur die Songs. Die Dialoge dazwischen las sie genauso schrecklich. Es kostete mich große Mühe, mir nicht die Ohren zuzuhalten und schreiend aus dem Theater zu laufen.

Als wir endlich am Ende des ersten Akts waren, verkündete Miss Delisio eine zehnminütige Pause. Ich spielte mit dem Gedanken rauszugehen, aber als Vicky das tat, entschied ich mich zu bleiben. Ihr im Korridor zu begegnen und ihr versehentlich eins auf die Nase zu geben, war definitiv kein Teil meines Plans, kein Problem mit der ganzen Situation zu haben.

Ich blätterte in der zweiten Hälfte des Skripts herum und sah zufällig, wie ein Schüler auf Miss Delisio zutrat. Ein Schüler, der nicht zur Besetzung gehörte, was etwas ungewöhnlich war. Es brauchte eine Minute, aber dann erkannte ich ihn als den Jungen von vorhin. Der, den ich auf meinem Weg zur Toilette beinahe umgerannt hatte.

Er sprach kurz mit Miss Delisio und George, bevor er zuerst in den Taschen seines Hoodies herumwühlte und dann in dem Rucksack, den er über die Schulter geschlungen hatte. Er holte etwas heraus, das wie eine Kameratasche aussah. Irgendjemand in meiner Nähe ließ das Wort Jahrbuch fallen, und ich stöhnte leise, als mir klar wurde, was hier vor sich ging. Sie wollten jetzt schon Fotos von den Proben machen? Das war nicht fair.

Als sich alle wieder auf ihre Plätze begeben hatten und still waren, nahm sich Miss Delisio einen Augenblick, um meine Befürchtungen zu bestätigen.

»Leute, das hier ist Oliver Parish.«

Der Junge winkte nervös in die Runde.

»Er ist gerade erst im Januar zu uns gewechselt. Er wird unsere Proben für den Abschnitt der Theatergruppe im Jahrbuch fotografieren. Und wenn wir Glück haben, bekommt er vielleicht genug für eine Diashow bei unserer Castparty zusammen.«

Naomi stieß mir in die Rippen und verdrehte die Augen, was mich grinsen ließ. Ich sah Simon an, um herauszufinden, was er von dieser Wendung der Ereignisse hielt, aber er war fleißig damit beschäftigt, eine SMS in sein Handy zu tippen. Vicky neben ihm beobachtete Oliver und zeigte keineswegs diesen verzagten, panischen Ausdruck von eben. Stattdessen strahlte sie jetzt über das ganze Gesicht.

Ich sah den Fotografen an. Er erwiderte Vickys Lächeln, als gäbe es in diesem Raum ein Geheimnis, das nur sie kannten.

 

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, waren die Lichter auf der Veranda bereits eingeschaltet, und der Wagen meiner Mom stand Unheil verkündend in der Einfahrt. Das Haus glich wie befürchtet einem Saustall. Mäntel lagen über der Sofalehne, Schuhe waren über den ganzen Boden verteilt, und im Korridor standen vier Koffer, von denen einer geöffnet war. Der Inhalt lag überall verstreut herum. Ich versuchte nicht daran zu denken, dass ich hier gerade erst vor drei Tagen aufgeräumt hatte.

Ziggy begrüßte mich als Erste, als ich zur Tür reinkam, sprang vom Sofa und rieb sich an meinen Beinen. Ich bückte mich und streichelte ihren kleinen Katzenkopf, was sie mit einem Schnurren quittierte. »Sind Mommy und Daddy wieder zu Hause?«, flüsterte ich ihr zu. »Haben sie daran gedacht, dich zu füttern?«

»Margo?«, ertönte Moms Stimme aus der Küche. »Liebling, bist du das?«

Ich verdrehte die Augen. »Nein, es ist ein Einbrecher. Ich bin gekommen, um dein Silber und deinen Schmuck zu stehlen. Und deine Katze«, fügte ich hinzu und schenkte Ziggy noch eine Streicheleinheit.

»Solange du nicht unsere Tochter stiehlst«, erwiderte sie. Sie stürzte mit einem breiten Grinsen aus der Küche, und Dad folgte ihr. Sie umarmte mich flüchtig und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

»Wie war die Kreuzfahrt?«, fragte ich, öffnete den Reißverschluss meiner Stiefel und stellte sie ordentlich auf dem Schuhständer neben der Tür ab. Um die Schuhe meiner Eltern würde ich mich später kümmern.

Sie seufzte dramatisch. »Absolut himmlisch. Vielleicht sogar besser als die letzte. Ich weiß, alle sagen, man sollte bis zum Sommer warten, um nach Alaska zu fahren, aber was ist schon schlimm an ein bisschen Kälte?«

»Ob kalt oder nicht«, fügte Dad hinzu. »Dafür gibt es doch Parkas. Ganz zu schweigen von der Kabine.«

Mom schenkte ihm ein kleines, verstohlenes Lächeln. »Du meinst wohl die Flitterwochensuite.«

»Noch immer die Flitterwochensuite?«, fragte ich und gab mir alle Mühe, die innigen Blicke zu ignorieren, die sie sich zuwarfen. »Waren das jetzt nicht die dritten Flitterwochen seit eurer Heirat?«

Mom dachte kurz nach. »Die vierten, wenn man die Fahrt zum Grand Canyon dazurechnet.«

»Was ich tue«, sagte Dad. »Oh, und wir haben Bilder mitgebracht!« Er lief zu dem geöffneten Koffer und kramte darin herum. »Warte, bis du die gesehen hast, Margo. Ein paar von denen, die deine Mutter gemacht hat, sind einfach nur wow.«

Seit der Hochzeit im vergangenen Mai war unser Leben ein nicht enden wollender Kreislauf, in dem Mom und Dad eine Reise planten, zu dieser Reise aufbrachen, ein oder zwei Wochen Ruhe und Frieden herrschten, sie von ihrer Reise zurückkehrten und das große Finale kam, bei dem sie mir die Bilder präsentierten. Natürlich zeigten diese Fotos immer das Gleiche: Mom tat so, als stürzte sie gleich über die Reling eines Kreuzfahrtschiffs. Dad trug ein kitschiges Hawaiihemd und so weiter. Manchmal fühlte es sich so an, als wären sie die Teenager und ich die Erwachsene.

»Was macht die Schule?«, fragte Mom. »Irgendwas Aufregendes passiert, während wir weg waren?«

»Nein«, antwortete ich schnell. »Immer das Gleiche.«

Ich dachte daran, ihr von dem Fiasko mit der Rollenbesetzung zu erzählen, aber das war nicht der richtige Augenblick. Bestenfalls würden sie beide ein »Oje, das ist aber schade« von sich geben und sofort wieder mit ihrem Flitterwochengerede weitermachen. Schlimmstenfalls würden sie nicht einmal verstehen, warum ich so aufgebracht war. Soweit es sie betraf, war es völlig egal, welche Rolle ich spielte, solange ihre Tochter nur auf der Bühne stand. Immerhin ist hier die Rede von den Leuten, die für mich eine Party gegeben hatten, weil ich in der ersten Klasse in einem Musical über Abraham Lincoln die Ängstliche Theaterbesucherin Nummer zwei gespielt hatte.

»Wo habe ich bloß diese Kamera gelassen?«, murmelte Dad.

»Roter Koffer, Innentasche, neben den Zahnbürsten«, erwiderte Mom gedankenverloren und wandte sich dann wieder mir zu. »Du kommst nie darauf, welchen Film es heute im Flugzeug gab. Ein Zwilling kommt selten allein! Ist das zu glauben?«

»Ach, das hätte ich ja beinahe vergessen!«, sagte Dad und öffnete den roten Koffer.

»Aber das Original mit Hayley Mills«, fuhr Mom fort. »Die gute Version, nicht das Remake mit dieser schrecklichen Drogensüchtigen.«

Ich wollte sie darauf hinweisen, dass Lindsay Lohan zur Entstehungszeit des Films vermutlich keine Süchtige gewesen war, aber Mom war nicht zu bremsen. »Und wir beide haben gleich gesagt, streich das mit den Zwillingen und dem Ferienlager, und wir haben unsere Margo! Die uns wieder zu einer großen, glücklichen Familie gemacht hat.«

»Genau genommen war nicht ich das«, erwiderte ich, aber sie schienen nicht zuzuhören.

»Ach, Celia«, sagte Dad. Er hatte die Kamera endlich gefunden, trat auf uns zu und zog uns in eine innige Umarmung. Mom erwiderte die Umarmung genauso heftig, ich ebenfalls.

Wäre ich eine Figur in einem Musical gewesen, wäre das auf meine Eltern fallende Licht gedimmt worden, und sie hätten im Hintergrund langsam als lebende Szenerie getanzt, während ich für mein großes Solo nach vorn in das einsame Spotlight trat. Es wäre eine schrullige Ballade, vermutlich mit einem Titel wie »Ich bin nicht Hayley Mills« oder so ähnlich, und die Zuschauer würden am Ende applaudieren. Vielleicht würde es sogar stehende Ovationen geben.

Für gewöhnlich bekommt keiner in seinem Wohnzimmer stehende Ovationen, trotzdem spielte ich mit dem Gedanken, nach oben zu laufen, mir meine Gitarre zu schnappen und diesen Song zu schreiben. Aber es war die Mühe nicht wert. Ich hatte eine Million Mal versucht, eine Million verschiedene Songs über eine Million verschiedene Dinge zu schreiben, aber es war die Zeit nie wert gewesen. Meine Lieder waren immer nur Mist.

Lindsay Ribar

Über Lindsay Ribar

Biografie

Lindsay Ribar wurde 1982 im Süden Kaliforniens geboren. Schon als Kind war sie begeistert vom Theater, später entdeckte sie ihre Liebe zum Musical und studierte daher Musical Theatre in New York. Eine Stelle bei einer Off-Broadway-Show ergatterte sie jedoch nur ein Mal - als Beleuchterin....

Pressestimmen

Münchner Merkur

»Wer sich weit weg träumen und magische Stunden erleben will, der sollte in die Seiten von ›Wunderbare Wünsche‹ eintauchen. Doch Obacht: Man sollte einen Hang zu rosaroten Romanen mitbringen. Aber keine Angst, auch auf eine gute Dosis Tiefgang und Spannung muss man nicht verzichten.«

golden-letters.blogspot.de

»›Wunderbare Wünsche‹ ist ein ganz wunderbarer Auftakt!«

Kommentare zum Buch

3,5 ----- Ein wunderbar leichtes Buch für zwischendurch
resa82 am 12.11.2014

Cover:   Das Cover ist ein absoluter Blickfang ,ich finde es einfach wunderschön.   Meine Meinung:   "Wunderbare Wünsche" von Lindsay Ribar ist ja der Auftakt eine Reihe, obwohl ich sagen, muss das, das Buch auch gut und gerne als Einzelband durchgehen könnte.   Die Protagonistin Margo ist ein sympathischer und authentischer Charakter und auch Oliver entwickelt sich im Laufe der Geschichte, am Anfang fand ich ihn eher unscheinbar und oberflächlich beschrieben doch ab der Hälfte des Buches wird er zu einem angenehmen und liebeswürdigen Charakter.   Am Anfang plätschert die Geschichte so vor sich hin und kommt nicht so richtig in die Gänge aber so ab der Hälfte wird es dann wirklich spannend.   Der Schreibstil ist sehr einfach gehalten und ich muss ehrlich sagen, dass es mir an Emotionen gefehlt hat.   "Wunderbare Wünsche" ist kein Buch, das mich als Leser jetzt vom Hocker reißt aber es hat mich gut unterhalten und mir eine angenehme Lesezeit verschafft. Somit werde ich auf jeden fall den 2 Teil lesen.   Fazit:   Ein wunderbar leichtes Buch für zwischendurch.   Reihe   1.Wunderbare Wünsche 2. eng. The Fourth Wish   3,5 von 5 Sterne

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