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WolfsträumeWolfsträume

Wolfsträume

Erzählungen

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Wolfsträume — Inhalt

Seit seinen Romanen um »Die Elfen« gehört Bernhard Hennen zu den erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren. »Wolfsträume« ist eine exklusive Sammlung seiner besten Novellen und Erzählungen, inklusive einer nur für diesen Band geschriebenen Geschichte. Bernhard Hennen führt sowohl in mittelalterliche, phantastische als auch in futuristische Welten und beweist, dass er sich auch meisterhaft auf düstere Stoffe versteht. Mit historischen Schlachten, geheimnisvollen Morden im Zeichen des Werwolfmonds und Verschwörungen in dunkler Zukunft bietet dieser Band einen einzigartigen Blick auf das umfassende Werk des gefeierten Autors. »Wolfsträume« ist ein Muss für alle Hennen-Fans und solche, die es werden wollen.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.12.2017
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28138-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97570-4

Leseprobe zu »Wolfsträume«

Vorwort

Warum schreibe ich Erzählungen? Seit vielen Jahren gelten Anthologien im Buchhandel als schwer verkäuflich. Warum also nicht nur Romane schreiben, haben sie doch ungleich bessere Chancen am Markt? Die schnelle Antwort lautet: Eine Kurzgeschichte bedeutet Abwechslung. Sie gibt mir Gelegenheit zu zeigen, dass ich mehr bin als nur der Autor von Elfen-Romanen.

Wer es ausführlicher wissen will, ist eingeladen, mir über die nächsten Seiten zu folgen und neben Bibliografischem zu den Geschichten auch ein wenig Biografisches zu erfahren.

Die große Zeit [...]

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Vorwort

Warum schreibe ich Erzählungen? Seit vielen Jahren gelten Anthologien im Buchhandel als schwer verkäuflich. Warum also nicht nur Romane schreiben, haben sie doch ungleich bessere Chancen am Markt? Die schnelle Antwort lautet: Eine Kurzgeschichte bedeutet Abwechslung. Sie gibt mir Gelegenheit zu zeigen, dass ich mehr bin als nur der Autor von Elfen-Romanen.

Wer es ausführlicher wissen will, ist eingeladen, mir über die nächsten Seiten zu folgen und neben Bibliografischem zu den Geschichten auch ein wenig Biografisches zu erfahren.

Die große Zeit der Anthologien lag in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Als Jugendlicher habe ich solche Kurzgeschichten-Sammlungen mit großer Begeisterung verschlungen. Meine Lieblingsreihe waren die Gespenstergeschichten aus aller Welt, die damals im Fischer Verlag erschienen sind. Blicke ich in den Band »Englische Gespenstergeschichten« aus der Serie, sehe ich dort, dass im September 1978 eine Auflage von 182 000 erreicht wurde. Verkaufszahlen für eine Anthologie, von denen heute kein deutscher Verlag mehr zu träumen wagt.

Als ich Mitte der Neunzigerjahre begonnen habe, Storys und Erzählungen zu schreiben, war dieser Ruhm der Anthologien noch in guter Erinnerung, und es gab in Verlagen die Hoffnung, mit dem richtigen Konzept vielleicht wieder an einstige Erfolge anzuknüpfen. Bei mir sah es in jener Zeit so aus, dass ich meine ersten Gehversuche als Schriftsteller machte und auf keinen Fall nur als Autor von High-Fantasy festgelegt sein wollte. Meine erste Trilogie »Das Jahr des Greifen« war, dank der Unterstützung von Wolfgang Hohlbein, ein Erfolg. Gut leben konnte ich vom Schreiben aber bei Weitem noch nicht. Es waren die Jahre, in denen ich jeden Nebenjob angenommen habe, der sich bot, sei es als Weihnachtsmann zum Mieten, Schwertkämpfer auf Mittelaltermärkten, Filmvorführer, freier Journalist bei verschiedenen Radiosendern oder als Autor. Ganz gleich was ich getan habe, am Monatsende war das Konto meist überzogen. Damals waren Kurzgeschichten ein willkommenes Salär am Rande, auch wollte ich mich in dieser Zeit neben der Fantastik als ein Autor von historischen Romanen etablieren, und so war ich für jede Kurzgeschichte dankbar, die mir einen Ausflug in historische Epochen erlaubte. (Es dauerte ein paar Jahre, bis ich eingesehen habe, dass man – ohne Pseudonym – entweder das eine oder das andere ist, da die Leserschaft eine sehr geringe Schnittmenge bildet.)

Nach dem Erfolg von »Die Elfen«, bin ich viel freier geworden. Nun sind Kurzgeschichten für mich ein Experimentierfeld für Ideen, die ich in den Romanen der nächsten Jahre nicht umsetzen kann, aber dennoch nicht ganz begraben möchte. Ein wenig Urlaub vom Tagesgeschäft. Und doch gibt es zu vielen Erzählungen noch eine eigene Geschichte:

Mondträume, zuerst erschienen 1996, ist meine zweite Kurzgeschichte. Die Idee dazu wurde geboren, als mir befreundete Gaukler und Musiker von Burg Reuschenberg erzählten, die keineswegs erfunden ist. Ganz wie in der Geschichte drohte sie dem Braunkohlebagger zum Opfer zu fallen – was inzwischen auch geschehen ist. Mehrere Male habe ich die Burg besucht, habe mich von der Landschaft inspirieren lassen, war auf einem rauschenden Künstlerfest an einem romantischen Sommerabend, und langsam formte sich die Geschichte in mir. Und bis heute ist Mondträume eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich geschrieben habe.

Virus erschien 2013 in der Anthologie Vom Tod, die von den geschätzten Kollegen Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich herausgegeben wurde. Seit Langem brütete ich an dem Thema, unter welchen Bedingungen ein Computervirus auch für Menschen tödlich werden könnte. Ganz unmagisch, in einer sterilen Welt der nahen Zukunft, war es eine schriftstellerische Herausforderung, die mich weit weg von den üblichen Pfaden geführt hat.

Wolfsträume von 2003 führt zurück an die Grenzen des Braunkohletagebaus. Während der Arbeit an Mondträume hatte ich den Journalisten Manfred Junggeburth kennengelernt, der mir die Geschichte des Bauern Peter Stump aus Epprath erzählte, der am 31. Oktober 1589 in Bedburg als Werwolf hingerichtet wurde. Eine Geschichte, die damals in halb Europa Aufsehen erregte. Gemeinsam mit Manfred entstand das Büchlein »Wolfsspuren«, in dem er die historischen Hintergründe des Werwolffalls ausleuchtete und ich die Novelle Wolfsträume beisteuerte. Und natürlich spielte auch im historischen Fall ein Gürtel eine ganz besondere Rolle, der jedoch nie aufgefunden werden konnte.

Ruth entstand 1996, für Das Magazin, eine Autorenzeitschrift in der Schweiz. Wer meine Elfen-Romane kennt, die regelmäßig zwischen 800 und 1100 Seiten haben, ahnt, wo hier die Herausforderung lag. Ich glaube ich habe noch nie so lange an so wenigen Seiten gefeilt, denn der erste Entwurf übertraf die Textvorgabe um mehr als das Doppelte.

Verwunschenes China erschien erstmals 2010 im Fantastikmagazin Nautilus. Seit vielen Jahren habe ich eine enge Bindung zu China, lebt doch der größere Teil meiner Verwandtschaft dort. Regelmäßig genieße ich es, dieses wunderbare Land abseits ausgetretener Touristenpfade zu erkunden. Und so entstand Verwunschenes China, das sich in einer Hinsicht von allen anderen Erzählungen in diesem Buch unterscheidet. Es ist keine erfundene Geschichte, sondern der Bericht über einen Spaziergang im Nebel, den ich tatsächlich unternommen habe.

Tod im Labyrinth wurde bislang nur in der Anthologie »Götter, Sklaven und Orakel« (1996) veröffentlicht. Schuld an dem Setting dieser Geschichte ist das Schiffsfresko von Thera (Santorin), einer kleinen griechischen Insel, auf der vor etwa 3500 Jahren ein Vulkanausbruch eine Stadt konservierte. Die Bilder von Grabungen dort, zusammen mit den Illustrationen des Künstlers Peter Connolly, haben mich schon in meiner Jugend geprägt und den Wunsch in mir geweckt, dies alles eines Tages in einem Roman oder zumindest einer Kurzgeschichte lebendig werden zu lassen.

Zu meinen archäologischen Wurzeln führt auch die Geschichte Stürmische Zeiten aus dem Jahr 2000. Es war mein Kindheitstraum, Archäologe zu werden und nach versunkenen Städten zu suchen. Und so kam es, dass ich Jahre später Vorderasiatische Altertumskunde studierte. Im Institut bin ich nie von einem Zen-Bogenschützen bedroht worden, doch ist die Geschichte eine Hommage an diese Jahre und die WG, in der ich damals lebte. Und auch an jene Ballettlehrerin, deren im Herbstwind tanzenden Staubmantel ich nie vergessen werde.

Viele Jahre lang hatte ich den Plan, zwei große Kreuzzugs-Romane zu schreiben. Zu Recherchen reiste ich in die Türkei, den Libanon, nach Syrien und Israel, Jordanien, den Gaza-Streifen und Ägypten. Wunderbare Reisen, aus denen viele Eindrücke ihren Weg in andere Bücher fanden. Die Kreuzzugs-Romane sind nie entstanden, aber es blieben zwei Kurzgeschichten, die als Vorbereitung und zur Finanzierung eines Teils der Reisen dienten. Der Stab aus Elfenbein, aus der Anthologie »Von Mönchen, Mägden und Gesindel« (1995), und Das goldene Tor, erschienen in »Morde hinter Klostermauern« (1996).

Exklusiv für diese Anthologie entstand die Geschichte Die Verschlingerin der Toten. Meine jugendliche Begeisterung für Archäologie und Gespenstergeschichten fand hier eine Symbiose. Insbesondere war es mir ein Vergnügen, auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fantastik zu balancieren. Fast alle Schauplätze sind authentisch, und auch die verwickelten Familienverhältnisse Echnatons sind keineswegs erfunden. Und wer starke Nerven hat, mag sich über Google einmal auf die Bildersuche nach KV35YL machen. Doch Vorsicht, am Ende dieses Weges findet sich das Bild einer etwa 3300 Jahre alten Leiche.

Ebenfalls neu ist die Erzählung Geister lügen nicht. Lange schon brüte ich über Geschichten um einen »Inspektor« in einer Fantasywelt und darüber, wie ein Ermittler wohl arbeiten würde, wenn Totenbeschwörung eine Variante für die Aufklärung von Mordfällen wäre. Würde dies das Ende aller Morde bedeuten? Oder nur neue Varianten von Morden heraufbeschwören?

Heutzutage ist es ein Abenteuer für einen Verlag, eine Anthologie herauszugeben. Ich freue mich, im Piper-Verlag einen Lektor gefunden zu haben, der nicht davor zurückschreckt, abenteuerliche Wege zu gehen. Dieses Buch hat mich in den letzten Monaten noch einmal mit vielen alten und auch neueren Träumen konfrontiert. Es hat Spaß gemacht, in so viele verschiedene Welten abzutauchen, und ich hoffe, es finden sich immer noch viele Bücherfreunde, die facettenreiche Leseabenteuer so sehr zu schätzen wissen wie Carsten Polzin und ich.

Bernhard Hennen,

an einem Sommerabend 2016

 

 

 

MONDTRÄUME

Frank hatte den Lärm des Festes hinter sich gelassen. Die Mauern aus verwittertem Ziegelstein und die Stallungen schirmten ihn gegen die aufgesetzte Fröhlichkeit der anderen ab. Sie alle waren einmal seine Freunde gewesen … vor langer Zeit jedenfalls. Sie hatten gemeinsam studiert und sich dann fast zwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen. Wie hatte Rolf nur glauben können, dass sie noch zusammen feiern könnten! Sie prahlten damit, wie weit sie es im Leben gebracht hatten, oder tauschten hohle Höflichkeiten aus.

Frank schlenderte die Reihe der Autos entlang, die vor der Scheune standen – und lächelte. Sie sagten mehr über ihre Besitzer aus, als dies viele Worte vermocht hätten. Da war Annas alte Ente mit dem vergilbten Anti-Atomkraft-Aufkleber auf dem Heckfenster. Sie war eine geschiedene Sozialarbeiterin in Birkenstock-Schuhen und ließ auch heute noch keine Demonstration aus.

Gleich daneben stand Manfreds Porsche. Das neueste Modell. Na klar! Er leitete eine Werbeagentur in München. Hier gab es keine Aufkleber, keine Plüschfiguren … Das einzige individuelle Accessoire war das Handy, das auf dem Beifahrersitz lag.

Ein Stück weiter … sein alter Diesel. Die Sitze abgewetzt, eine Straßenkarte auf der Ablage über dem Armaturenbrett, zwei zerknüllte Strafzettel für Falschparken und eine leere Cola-Flasche auf der Rückbank. Was sagte das einem Fremden über den Charakter des Wagenbesitzers?

Doch der Wagen passte zu ihm. Frank trank einen Schluck aus der Weinflasche, die er vom Fest mitgenommen hatte. Zu den frustrierendsten Erkenntnissen des Älterwerdens gehörte, dass Klischees in der Regel stimmten. »Zeig mir dein Auto, und ich sage dir, wer du bist«, murmelte er leise und schlenderte weiter, bis er die Ecke der großen Scheune erreichte. Der Mond stand hoch am Himmel, man konnte weit über die abgeernteten Kornfelder sehen. Rechts von der Burg leuchtete ein zweites, fahles Auge am Nachthimmel: einer der Scheinwerfer des riesigen Braunkohlebaggers, der keinen Kilometer entfernt am Rand der großen Grube stand. Sein Schaufelrad zeigte drohend auf den Bergfried. Die Belagerung von Raubrittern, die marodierenden Söldnerhaufen des Dreißigjährigen Krieges und zwei Weltkriege, all das hatte die kleine Burg überstanden, und jetzt sollte sie mitten im Frieden zerstört werden. Ein Jahr noch, und der Bagger würde dort stehen, wo sie jetzt stand.

Darum hatte Rolf sie zu diesem Fest eingeladen. Er wollte Abschied nehmen von Burg Reuschenberg. Seit einem halben Jahr waren die Stallungen und Wirtschaftsgebäude schon verlassen, und er hatte das Grundstück ohne Schwierigkeiten anmieten können, um auf seine Art Abschied zu nehmen.

Like a sex machine dröhnte es über die niedrigen Dächer der Ställe. Ob Musik, ein bisschen Gras und Rotwein wohl reichten, um die alten Zeiten noch einmal heraufzubeschwören? Sie hatten die wilden 68er nur um drei Jahre verpasst, und obwohl die Uni noch das Flair der Hippiezeit atmete, hatten sie doch nicht mehr richtig dazugehört.

Hinter den Scheunen lag dichtes Unterholz, also musste Frank einen Bogen über den Acker machen, um auf die Rückseite der Burg zu gelangen. Dort standen alte Kastanien, deren Wipfel sich fast so hoch wie das spitze Schieferdach des Bergfrieds erhoben. An der Mauer vorbei lief ein ausgetrockneter Wassergraben. Er kletterte hinunter. Seine Finger strichen über die rissigen Mauersteine, und mit der Flasche prostete er den alten Ziegeln zu. Was diese Steine schon alles gesehen haben mochten.

»Ein schöner Platz, nicht wahr?«, erklang hinter ihm eine Stimme. Frank drehte sich um und spähte zu den Kastanien hinüber. Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten der Bäume und stieg die Böschung zu ihm hinab.

Rolf!

»Du bist nicht auf deinem Fest?«

»Du bist doch auch nicht dort. Es war mir zu laut und …« Er schüttelte den Kopf. »Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, die alten Zeiten noch mal raufbeschwören zu wollen? Ich weiß nicht. Aber ich glaube, ich hätte lieber allein Abschied nehmen sollen.« Er legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Vollmond hinauf. »Eine schöne Nacht. Ich liebe dieses Licht. Es gehört zu Feenmärchen, Geistergeschichten und … zur großen Liebe. Was glaubst du, wie viele Pärchen sich in dieser Nacht und unter diesem Mond ewige Treue schwören? Und wie viele Schwüre werden halten?«

Frank zuckte mit den Schultern. »Ich denke, die meisten werden schon bald Geschichte sein. Eine romantische Erinnerung …« Er nahm einen Schluck aus der Flasche.

»Ja, Geschichte …« Rolf seufzte leise. »Weißt du, manchmal glaube ich, dass im Mondlicht Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr so streng voneinander getrennt sind. Sie fließen ineinander über … jedenfalls an Orten, die eine lange Geschichte haben, so wie die Feenhügel in Irland oder eben diese Burg. Die Menschen und das Land, sie sind eins.«

Verstohlen musterte Frank seinen Freund und fragte sich, was für ein Kraut er wohl geraucht hatte. Für einen Endvierziger hatte sich Rolf ganz gut gehalten. Zumindest äußerlich … Er war schlank, fast schon hager. Sein schulterlanges schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, das Gesicht glatt rasiert. Ein wissendes, fast zynisches Lächeln spielte um seine Lippen und stand im Gegensatz zu seinen dunklen, melancholischen Augen. Er war ein ausgemachter Frauentyp, schien sich aber nichts daraus zu machen. Weder war er verheiratet, noch gab es Affären – er hatte sich ganz der Kunst verschrieben. Rolf liebte Klimt, Schiele und die Werke der Jahrhundertwende. Seine mystischen Bilder standen seit einigen Jahren bei den Kölner Galeristen hoch im Kurs, und er lebte gut von seiner Kunst.

Fast zärtlich strich er über die Mauer des Bergfrieds. »Jeder dieser Steine könnte dir eine Geschichte erzählen, Frank. Trotzdem wird man sie zu Staub zermahlen. Es gibt nichts, was sie vor dem Bagger dort hinten bewahren kann. Und so wie sie vergehen, werden auch die Geschichten aufhören zu bestehen. Siehst du das vermauerte Fenster da oben? Einer dieser Steine kennt meine Geschichte. Ich habe sie noch nie jemandem erzählt, und trotzdem bin ich sicher, dass es hier an diesem Ort etwas gibt, das zwar nicht greifbar ist, aber das um mich weiß.«

Ein Windstoß fuhr rauschend durch die Blätter der Kastanien. Frank fröstelte es. Er blickte den Bergfried hinauf. Das vermauerte Fenster war deutlich zu erkennen. Die Steine wirkten alt. »Willst du deine Geschichte nicht mit mir teilen? Dann wird sie weiterbestehen … zumindest für eine Weile.«

Rolf sah zu den Kastanien hinüber, als suchte er dort Rat. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Die Stille wurde beklemmend.

»Wie viel hast du eigentlich getrunken?«

»Was soll die blöde Frage?« Frank hielt die fast leere Flasche hoch. »Willst du jetzt die Zeche eintreiben?«

Rolf sah ihn mit versteinerter Miene an. Offenbar war ihm seine Frage sehr ernst. »Ich möchte wissen, wie betrunken du bist. Wenn du noch zu nüchtern bist, werde ich dir meine Geschichte nicht erzählen. Ich möchte, dass du mir glaubst. Trink auch den Rest, und dann sage ich dir, warum ich seit zwanzig Jahren immer wieder an diesen Ort komme.«

Einen Moment lang maßen sie einander mit Blicken. Rolf wirkte ganz ruhig.

»Ich kenne ein paar Leute, die dich für ziemlich verrückt halten würden.« Frank blickte auf die Flasche in seiner rechten Hand. Weniger als ein Glas voll war übrig geblieben. Er würde sich auf dieses Spiel einlassen. »Auf der anderen Seite habe ich schon immer was für Verrückte übrig gehabt.« Er lachte, hob die Flasche an die Lippen und leerte sie in einem Zug.

»Gut.« Rolf wirkte erleichtert. »Kannst du dich an Anna erinnern?«

»Was heißt hier, kannst du dich an Anna erinnern? Sie ist doch oben auf der Party! Ich hab sie erst vor einer halben Stunde gesehen.«

»Ich meine, ob du dich noch daran erinnerst, wie sie früher war. Sie war wie eine Göttin! Alle haben sie angebetet. Freie Liebe und Unschuld, Drogen, der Traum von Kalifornien … Sie war die Verkörperung aller Hippie-Ideale – für mich jedenfalls. Und einen Sommer lang waren wir beide zusammen!«

»Ich weiß …«, brummte Frank halblaut. Der Wein war ihm zu Kopf gestiegen. Er musste sich setzen und lehnte sich dabei an die Mauer. Durch sein dünnes Hemd spürte er die Wärme, die die Ziegelsteine den Tag über gespeichert hatten. Rolfs Stimme schien etwas Körperliches bekommen zu haben. Wie ein warmer, sanfter Strom spülte sie durch seinen Kopf und ließ ihn zu fremden Gestaden davontreiben. Rolf hatte recht gehabt. Die Vergangenheit schien plötzlich näher gerückt. Diese unbeschwerten Sommer …

»Am Ende des Sommers war sie dann auf einmal mit Janosch zusammen. Ich hab es damals nicht fassen können. Sie hat mich sitzen lassen. Einfach so. Er war in Indien gewesen … Er kannte die Welt, und ich, ich habe mich eine ganze Woche lang nur noch betrunken. Dann bin ich mit der Bahn raus aufs Land gefahren, weil ich es in der Stadt nicht mehr aushalten konnte. Dort hab ich weitergetrunken und bin von Kneipe zu Kneipe gezogen. Ich war völlig am Ende, wollte mir sogar das Leben nehmen. Mit einem Messer in der Hand lag ich irgendwann unter einem Baum. Ich sehe es noch so deutlich vor mir, als wäre es gestern gewesen. Ein Brotmesser. Das Mondlicht schimmerte silbern auf der Klinge. Ich kämpfte mit mir … Nicht, dass ich Angst vorm Sterben gehabt hätte. Ich hab mich nur davor gefürchtet, dass ich Schmerzen haben würde. Wahrscheinlich habe ich eine ganze Weile so dagesessen und auf das Messer gestarrt. Dann plötzlich … hinter mir … erklang eine Frauenstimme. Du musst die Hand in kaltes Wasser halten, dann wird es nicht wehtun, sagte sie.«

»Sie hat dir eine Anleitung zum Selbstmord gegeben! Sonst hat sie nichts gesagt?«

Rolf schüttelte den Kopf. »Sie stand einfach nur da und betrachtete das Messer. Sie war etwas kleiner als ich und von zierlicher Statur. Ihr rotblondes Haar fiel ihr über die Schultern bis auf den Rücken. Sie trug ein langes weißes Kleid, das hell im Mondlicht leuchtete. All meine Gedanken an den Tod waren mit einem Mal dahin. Sie erschien mir wie das Leben selbst. Ich habe das Messer weggeworfen, weil ich ihr keine Angst machen wollte.« Rolf lachte leise. »Was sie damals wohl von mir gehalten hat?« Schweigend blickte er zu den Kastanien hinüber.

»Und weiter? Was ist dann passiert?«

»Sie hat sich neben mir ins Gras gesetzt und mich in den Arm genommen. Ich weiß nicht, ob du so was schon einmal erlebt hast. Wir brauchten nicht zu reden, um uns zu verstehen. Sie hat mich bloß angesehen und wusste, was los war.«

»Und was ist aus deiner geheimnisvollen Fremden geworden? Das hört sich ja an, als hättest du in dieser Nacht deine Frau fürs Leben gefunden. Wie kommt es dann, dass du immer Junggeselle geblieben bist?«

Rolf ignorierte die Frage. »Ich war ziemlich betrunken in dieser Nacht. Irgendwann bin ich eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich nackt im Gras. Meine Kleider waren ordentlich zusammengefaltet, und darauf lag eine verwelkte, weiße Rose. Da vorn, unter der Kastanie, hatte ich gelegen.« Rolf zeigte auf einen der mächtigen Bäume, die am Burggraben wuchsen.

»Du, kannst dich an nichts mehr erinnern? Du weißt nicht mal, ob ihr miteinander geschlafen habt?« Frank lächelte. So betrunken könnte er niemals sein! »Was wurde aus ihr?«

»Als ich wieder halbwegs bei Sinnen war, bin ich losgezogen und habe sie gesucht. Auf der Burg kannte sie aber niemand. Auch in den Nachbardörfern hatte sie noch nie einer gesehen. Fast schien es, als wäre sie in jener Nacht genauso unter den Kastanien gestrandet wie ich. Ich hab dann sogar eine Suchmeldung in die Zeitung gebracht. Doch alles war vergebens. Sie blieb spurlos verschwunden. In den Dörfern ringsum fing man schon an, mich für einen Verrückten zu halten, aber das war mir egal. Auch wenn ich sie nicht wiederfinden konnte, hatte sie meinem Leben einen neuen Halt gegeben. Ich fing an zu malen und hatte ja auch einigen Erfolg. Nachts aber bin ich immer wieder zur Burg hinausgefahren und habe hier im Schatten des Turms gesessen und auf sie gewartet.«

»Hast du sie wiedergesehen?«

»Ja. Fast drei Monate später. Es war eine kalte Herbstnacht, und ich hockte wieder mal hier unter dem vermauerten Fenster. Der Mond stand hell wie eine Laterne am Himmel. Ich hatte mir einen Joint gedreht, um die Kälte zu vergessen, und wartete. Es muss weit nach Mitternacht gewesen sein, und ich wollte gerade gehen, als sie plötzlich zwischen den Bäumen stand und mir zuwinkte. Wir waren bis zur Morgendämmerung zusammen … Drei Tage später habe ich auf die Anzeige hin, die ich in die Zeitung gesetzt hatte, einen Brief bekommen. Er war von einem Bauern aus Angelsdorf. Neugierig bin ich zu ihm rausgefahren, denn obwohl ich schon zwei Nächte mit der schönen Fremden verbracht hatte, wusste ich noch nicht einmal ihren Namen. Alles Mögliche habe ich mir auf dem Weg zu dem Bauern ausgemalt. Dass sie seine Tochter sei und schwanger war oder dass er sie aus irgendeinem Grund einsperrte. Schließlich kannte sie ja niemand aus den Dörfern und von den Höfen. Aber es kam alles ganz anders. Der Bauer, ich glaub, er hieß Mertens oder so, hat mich freundlich empfangen. Er hat mich mit sich in ein kleines Zimmer voller Bücher und Antiquitäten genommen und mir einen ziemlich mörderischen Kaffee gekocht. Er war so was wie ein selbst ernannter Dorfschreiber, sammelte Geschichten über die Gegend und wetterte gegen die großen Bagger, die das Land zerstörten. Irgendwann hat er dann angefangen, mich über das Mädchen auszuhorchen, und je mehr ich ihm erzählte, desto ernster wurde er. Schließlich riet er mir eindringlich, mich nicht mehr mit ihr zu treffen. Sie sei mein Verderben. Dann erzählte er mir eine krause Geschichte über eine Isabelle, die vor über dreihundert Jahren auf der Burg gelebt hatte. Ich hab ihm natürlich nicht geglaubt. Trotzdem wirkten seine Worte wie ein schleichendes Gift. Ich fragte mich, warum sie sich nur bei Vollmond mit mir treffen wollte und warum sie niemand kannte.

Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich noch Traum von Wirklichkeit unterscheiden konnte. Zwar nahm ich mir vor, sie bei unserem nächsten Treffen genau zu befragen, doch als sie dann endlich wieder vor mir stand, waren meine Lippen wie versiegelt. Nur an meine Fragen zu denken, schnürte mir die Kehle zu und machte mir Angst. Ich ahnte schon damals, dass unsere Beziehung etwas Besonderes sein würde. Etwas, das sich nicht nach den gewöhnlichen Vorstellungen von Glück und von dem Zusammensein mit Frauen messen ließ. Natürlich war ich oft einsam in den vielen Nächten ohne sie. Aber ich hatte die Kunst … Ich habe gemalt, und seit ich sie kannte, habe ich jegliches Interesse an anderen Frauen, an sogenannten normalen Beziehungen verloren. Sie hat mich in die Geheimnisse dieses Landes eingeweiht, und ich habe gelernt, dass die Wunden, die der Bagger in die Erde reißt, nie mehr verheilen werden. Der Boden ist wie ein Geschichtsbuch, und jede Generation lässt ein paar Seiten in diesem Buch zurück, die der Kundige noch nach Jahrhunderten zu lesen vermag. Isabelle hat mich diese Art des Lesens gelehrt. Sie wusste, wo einst die Gutshöfe der römischen Grundherren gelegen hatten, kannte das verschwundene Dorf Kutzde und führte mich tief in den Wald zur Ottersenke, wo die bleichen Äste der abgestorbenen Eichen wie Knochenhände zum Himmel ragten. Vieles von dem, was ich in meinen Bildern gemalt habe, habe ich wirklich gesehen, wenn ich mit Isabelle nachts durch das Land streifte. Ich weiß, wo die Ubier zu ihren Göttern gebetet haben, ich kenne auch die Mithras-Schreine der Legionäre und die …«

Frank war der Kopf schwer vom Wein geworden. Die Stimme seines Freundes klang wie von ferne, und seine Geschichte erinnerte an die Märchen aus Kindertagen. Zuletzt glaubte er sogar, Isabelle hinter Rolf stehen zu sehen …

Bernhard Hennen

Über Bernhard Hennen

Biografie

Bernhard Hennen, 1966 geboren, ist einer der wichtigsten deutschen Fantasyautoren. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Vorderasiatischen Altertumskunde war er Rollenspielautor und Radiomoderator und bereiste als Journalist den Orient und Mittelamerika. Seine phantastischen und...

Pressestimmen

phantastik-couch.de

»›Wolfsträume‹ ist ein Muss für Hennen-Jünger und solche, die es werden wollen.«

Kommentare zum Buch

Wolfsträume
ChrissidieBüchereule am 22.11.2016

Das Cover ist sehr schön gemacht, ein echter Eye- Catcher. Es ist mir sofort ins Auge gefallen.   Es ist ein Sammelband der besten Stories und Novellen von Bernhard Hennen, darüber hinaus sind zwei Brandneue Geschichten dabei.   Meine Meinung:   Es ist ein Meisterwerk der Phantasie!!!! Das Buch lädt zum gruseln, träumen und abtauchen in Traumwelten ein!!!   Jede Geschichte ist sehr individuell und sehr detailliert ausgearbeitet. Ich war fasziniert von den Geschichten und konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu lesen.   Das Buch ist mit einem Vorwort aufgebaut, danach folgen die einzelnen Geschichten. Das Vorwort ist an uns Leser gerichtet. Der Autor beschreibt dort sehr detailliert und ehrlich , warum er Erzählungen schreibt und wie alles begann. Dies ist ein perfekter Einstieg in das Buch.   Meine absoluten Lieblingsgeschichten in diesem Buch waren Mondträume, Wolfsträume und Tod im Labyrinth!   Mondträume war eine Geschichte die mir Gänsehaut bescherte. Sie war magisch,sehr detailliert und lud denn Leser zum träumen ein. Die Geschichte war lebendig erzählt und der Leser war mitten in der Geschichte.Das Ende war unerwartet und ich wusste nicht mehr ob die Geschichte echt ist oder ob ich in einer Traumwelt bin. So sehr hat mich diese Geschichte mitgenommen, sie klang noch lange in mir nach und ich werde sie noch sehr oft lesen.Auch die Hauptprotaganisten waren in diesem Zwiespalt wo sie nicht wussten ist alles real oder ein Traum. Dies wurde hier sehr gut umgesetzt. Die Zerissenheit und Angst der Hauptcharaktere war hier sehr genau zu spüren. Auch in dieser Geschichte habe ich mich verloren, war mittendrin und sie lief wie ein Film vor meinem inneren Auge ab.   Tod im Labyrinth. Diese Geschichte war anders als die anderen beiden. Sie war sehr gruselig, spannend , jeder Satz wog in mir, und löste in mir Gefühle aus. Von Angst, Trauer, Spannung, entsetzen war alles dabei.   Auch die anderen Geschichten hatten alle ihr eigene Art und ihre Ausstrahlung. Jede Geschichte war individuell und auf ihre Arte einzigartig. Ich wollte nicht mehr verraten sonst habe ich Angst zu spoilern. Manche Geschichten sind definitiv nichts für die Nacht zum Lesen wenn man etwas empfindlich ist.   Eine absolute Empfehlung!! Das Buch ist einfach ein Schmuckstück!!! Der Autor schafft es auch bei wenigen Sätzen eine Botschaft zu vermitteln, denn Leser zu faszinieren und zu fesseln.

Vielseitige Anthologie
Karin Wenz-Langhans am 25.10.2016

Ich gebe zu, dass ich bisher von Bernhard Hennen nur die Phileasson-Romane kenne, die er zusammen mit seinem Autorenkollegen Robert Corvus verfasst. Aber mir ist auch bekannt, dass der Autor hauptsächlich durch seine Elfenromane breite Bekanntheit erlangt hat. Elfen jedoch wird man in dieser Sammlung abwechslungsreicher Geschichten vergeblich suchen. Und genau das hat mir gut gefallen, da ich dadurch einen guten Einblick auf das breite Können des Autors bekommen habe.   Das Buch umfasst elf Erzählungen aus den letzten beiden Jahrzehnten, wobei zwei Geschichten brandneu sind. Nicht alle Geschichten sind so phantastisch, wie man denken könnte. Aber auch wenn teilweise rational-nüchterne Gründe (scheinbar) vorliegen, spürt man den Hauch Mystik und Magie, der zwischen den Zeilen steckt.   Besonders beeindruckt hat mich, wie der Autor es schafft, bei den Erzählungen so eine dichte Erzählatmosphäre heraufzubeschwören, dass man ihnen die charakteristische Kürze überhaupt nicht anmerkt. Selbst bei der kürzesten Geschichte „Verwunschenes China“, welche nicht mal drei Seiten umfasst.   Ein weiterer Pluspunkt sind die wechselnden Settings: ein paar der Erzählungen spielen in der Gegenwart, einmal nimmt der Autor den Leser mit in die Zukunft, dann wieder geht die Reise zurück in die Zeit der Kreuzzüge oder nach Kreta zur Zeit der minoischen Kultur. Und eine Geschichte spielt in einer komplett fantastischen Welt.   Zu Beginn des Buches geht der Autor auf die Entstehung der einzelnen Geschichten ein – das finde ich immer sehr spannend, etwas über die Hintergründe der Erzählungen zu erfahren.   Mir haben die Geschichten spannende und teilweise gruselige Lesestunden beschert und ich hoffe, dass der Autor in den nächsten Jahren noch weitere Erzählungen veröffentlichen wird. 

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