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Wo warst Du?

Wo warst Du?

Ein Septembertag in New York

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Wo warst Du? — Inhalt

So ist über den 11. September noch nie berichtet worden: persönlich, berührend und manchmal sogar komisch. Alexander Osang, damals Spiegel-Korrespondent, erzählt von seiner Odyssee durch das geschockte New York, immer auf der Suche nach »seiner« Geschichte. Seine Frau und Kollegin Anja Reich sieht die schwarzen Wolken aus Manhattan auf ihr Haus in Brooklyn zukommen. Sie durchlebt diesen Tag mit den gemeinsamen Kindern und Nachbarn in der Straße ganz anders, nicht weniger dramatisch – und ohne Nachricht von ihrem Mann. Jeder von beiden schreibt nun seine eigene Geschichte über den längsten Tag von New York City. So entstehen zwei Erzählungen, die zusammen einen ungemein dichten, mitreißenden und farbigen Bericht eines Paares ergeben – über die Katastrophe und darüber, was diese mit ihnen macht.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 04.08.2011
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95381-8

Leseprobe zu »Wo warst Du?«

Ich sehe meiner Frau hinterher, wie sie in die Kueche geht, um sich einen Kaffee zu machen, und fuehle, wie ich wieder ankomme in meinem Leben zwischen den Zeiten. Ich renne so gern weg, aber das hier ist mein Zuhause. Ich hoere das Surren des kleinen batteriebetriebenen Milchaufschaeumers und die Schlussmelodie von Clifford, dem grossen roten Hund. Meine Tochter springt auf, laeuft in die Kueche, und ich denke nicht mehr an gestern und vorgestern, nicht mehr an den Regensturm und nicht mehr an Berlin, sondern an den Tag – an den Text, den ich heute, in [...]

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Ich sehe meiner Frau hinterher, wie sie in die Kueche geht, um sich einen Kaffee zu machen, und fuehle, wie ich wieder ankomme in meinem Leben zwischen den Zeiten. Ich renne so gern weg, aber das hier ist mein Zuhause. Ich hoere das Surren des kleinen batteriebetriebenen Milchaufschaeumers und die Schlussmelodie von Clifford, dem grossen roten Hund. Meine Tochter springt auf, laeuft in die Kueche, und ich denke nicht mehr an gestern und vorgestern, nicht mehr an den Regensturm und nicht mehr an Berlin, sondern an den Tag – an den Text, den ich heute, in meinem kleinen Arbeitszimmer unterm Dach, beginnen werde zu schreiben, an die gescheiterten Weltrevolutionaere Gysi, Bunke und mich und auch daran, dass meine Frau und ich in unserer Mittagspause vielleicht zu Yamato gehen koennten, dem besten japanischen Restaurant in Park Slope. Ich bin jetzt da oder fast da, in diesem Moment, als das Telefon klingelt und mir Kerstin, meine Kollegin aus dem Buero in Manhattan, sagt, dass ein Loch im World Trade Center ist.

Das Telefon klingelt. Alex geht ran.
»Hi, Kerstin«, sagt er.
Kerstin arbeitet im Spiegel−Buero in New York, so frueh ruft sie nur an, wenn Alex wieder irgendwo hinfahren oder jemand aus Hamburg unbedingt mit ihm sprechen muss. Kein gutes Zeichen, dieser Anruf, zumal Alex, noch mit Telefon in der Hand, zum Fernseher laeuft, die Fernbedienung vom Couchtisch nimmt und die Trickfilmfiguren wegschaltet.
»Daddy, Daddy!«, schreit Mascha.
»Was ist los? Warum laesst du sie nicht zu Ende sehen?«, frage ich, und noch waehrend ich Mascha auf den Arm nehme, um sie zu troesten, sehe ich ueber ihren roten Haarschopf hinweg auf dem Bildschirm die verwackelte Aufnahme eines Turmes mit einer Antenne oben drauf. In einer Seite des Turmes ist ein Loch, aus dem Loch schlagen Flammen. Ich kenne den Turm und die Antenne, vor ein paar Monaten habe ich mit meiner Schwester, ihrem Mann, ihren und meinen Kindern dort auf der Aussichtsplattform in der Sonne gestanden. Es muss auch so etwa um diese Tageszeit gewesen sein, meine Schwester und ihr Mann sind Fruehaufsteher.
»Guck mal, Mascha, da waren wir mit Tante Katrin und Anton«, sage ich.

Es ist kurz vor neun. Kerstin ist heute frueher im Buero, weil sie fuer ein paar Tage im Haus ihrer Eltern wohnt, um ihre kleine Schwester zu betreuen. Sie nimmt in dieser Zeit einen anderen Zug in die Stadt und ist gerade von Juliette angerufen worden, die zweimal die Woche in unser Buero in Midtown kommt, um die Buecher zu fuehren. Juliette wohnt 30 Meilen weiter noerdlich am Hudson River und schaltet, sobald sie die Augen aufschlaegt, das National Public Radio ein, den Deutschlandfunk Amerikas. NPR hat sofort vom Unfall im World Trade Center berichtet, Juliette hat Kerstin angerufen – und Kerstin hat die drei Redakteure informiert, die fuer den Spiegel in New York sind. Thomas im West Village, Jan in White Plains und mich in Brooklyn. Der Spiegel laeuft wie ein Uhrwerk, in dem sich Privates und Berufliches mischt, jeder fuehlt sich verantwortlich, jeder handelt irgendwie, und so schalte ich, am Ende der Informationskette des Spiegel, von Channel 13, wo jetzt Jay Jay laeuft, die naechste Kinder−Morgenshow, auf New York 1 um, den lokalen Nachrichtensender.
Und da ist das Loch.
Es sieht klein aus und nicht sehr beeindruckend, technisch irgendwie, was aber auch an der seltsamen Kameraperspektive liegen kann, die sich nicht veraendert. Es ist immer dasselbe Bild, starr, als wuerde man auf den Monitor einer UEberwachungskamera schauen wie ein Pfoertner. Darueber redet eine Moderatorin von einem Sportflugzeug, one−engined sagt sie, und das Wort »einmotorig« raubt mir jegliche Energie. Ich fuehle mich von dem Loch belaestigt. Es bedroht meinen kleinen Tagesplan, der mich nach dem Kaffee in mein Arbeitszimmer unters Dach fuehren sollte, wo ich mein Material sichten wollte, das Wichtige vom Unwichtigen trennen. All den Sand, den ich wochenlang gesammelt habe, wollte ich doch sieben, bis nur noch Gold da waere – die Geschichte.
»Was ist denn?«, fragt Anja.
»Kerstin sagt, da ist ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen«, sage ich. »Ein kleines.«
»Was?«
»Hier, guck doch mal.«
Wir schauen auf den Fernseher. Das Loch, klein, starr, technisch.
»Musst du da hin?«, fragt Anja.
Ich sage erstmal nichts. Ich habe keine Lust, da hinzufahren. Es ist Dienstag. Der naechste Spiegel erscheint am Montag. Sechs Tage. Bis dahin ist das Sportflugzeug im
World Trade Center eine Meldung im Vermischten, denke ich. Vielleicht sass ein Prominenter im Cockpit, aber auch das rettet es nicht. Es haette schon Praesident Bush sein muessen. Ich mache das, was ein Reporter eigentlich nicht machen sollte: Ich nehme die Geschichte vorweg, ich rede sie mir aus. Ich stelle mir vor, wie ich dort unten am Fuss des World Trade Centers stehe und hochschaue. Ich stelle mir vor, wie ich ein paar Statements von Feuerwehrleuten zusammentrage. Wie ich, weil sonst nichts passiert, die exakte Farbe des Himmels in meinen Block schreibe, Metaphern fuer die Form des Loches suche, die das Flugzeug in die Turmspitze gerissen hat. Ich werde dort unten stehen wie Egon Erwin Kisch an den brennenden Muehlen in Prag, weit weg, ohne Zugang, ohne Geschichte. Und deshalb werde ich nicht hinfahren, denke ich, aber ich spuere, wie etwas in mir zerrt. Etwas zerrt mich dorthin. Der Qualm auf dem Fernseher scheint dunkler zu werden, heftiger.
»Ich habe keine Lust«, sage ich.
»Versteh’ ich«, sagt meine Frau.

Alex hat mir versprochen, erstmal ein paar Tage Pause zu machen, bevor er wieder loszieht. Er will zu Hause schreiben und bei den Kindern sein, die er so lange nicht gesehen hat. Seit wir aus Deutschland zurueck sind, bin ich jeden Tag mit Mascha zu Hause gewesen, obwohl ich schreiben musste. Das ging gut, solange Ferien waren und Mascha mit ihrem Bruder und den anderen Nachbarskindern im Garten spielen konnte.
Aber nun hat Ferdinands Schule wieder auf und Maschas neuer Kindergarten Huggs immer noch zu, obwohl schon fast Mitte September ist. Morgen erst geht es los, mit einer Stunde Eingewoehnung von neun bis zehn Uhr. Am Donnerstag sind zwei Stunden vorgesehen, am Freitag drei, und ab naechsten Montag kann Mascha endlich wie vereinbart von 9 bis 16 Uhr dorthin gehen, voruebergehend, denn dann kommen die juedischen Feiertage: Dienstag und Mittwoch Rosch Haschana, das juedische Neujahr, und in der Woche darauf Yom Kippur – und Huggs hat wieder zu.
Wenn Alex wirklich nach Manhattan muss, koennte ich Mascha auch wieder zu Nina und Oksana bringen, denke ich. Das geht auch. Es geht ja immer irgendwie.

Wir schauen auf den Fernseher. Es zerrt in mir. Irgendwas muss ich machen. Ich bin Spiegel−Reporter. Irgendwas machen, tun, sich verhalten wie ein Reporter.
»Ich geh’ mal aufs Dach«, sage ich meiner Frau. Sie nickt
Ich klettere durch die Luke im dritten Stock auf das Dach, von dem aus man die Tuerme sehen kann. Da ist eine schwarze Wolke, klein nur, aber deutlich sichtbar, sie weht nach links wie eine schwarze Fahne, ein Faehnchen eher. Auf dem Dach des Eckhauses stehen auch zwei Maenner und schauen nach Manhattan. Ich habe etwas gemacht, eine kleine Szene, eine Beobachtung in einer Geschichte. Ich kann schreiben, dass ich auf dem Dach meines Hauses in Brooklyn stand und mich die Wolke an ein schwarzes Faehnchen erinnerte, ein Halbsatz fuer eine Kolumne. Ich fuehle mich ein wenig besser, aber noch nicht erleichtert.

CNN zeigt den brennenden Nordturm von allen Seiten, von Nahemund von Weitem. Eine Frau, die in Battery Park wohnt, sagt uebers Telefon, sie sehe aus ihrem Fenster, wie Menschen aus dem Gebaeude rennen und Feuerwehrleute hineinlaufen. Die Rauchwolke ist groesser geworden, es sieht so aus, als ob sie direkt zu uns nach Brooklyn rueberzieht. Alex sagt, er wuerde mal aufs Dach gehen. Waehrend er die Treppe hochlaeuft, gehe ich mit Mascha auf die Strasse, vielleicht ist von dort ja auch was zu sehen.
Draussen ist alles so ruhig wie immer um diese Zeit, wenn in der Berkeley Carroll School der Unterricht angefangen hat. Ein paar Muetter und Nannys stehen noch vor dem Eingang und reden – die Muetter mit den Muettern, die Nannys mit den Nannys. Ansonsten sieht die Strasse aus wie jeden Dienstagmorgen: Auf einer Strassenseite stehen Autos, auf der anderen keine. Auf dem Buergersteig versperren Muelltonnen den Weg, manche sind leer, manche voll, manche liegen quer ueber dem Gehweg.
Dienstag ist Grosskampftag in unserer Strasse. Erst kommt die Muellabfuhr, dann kommt die Strassenreinigung, und spaeter ruecken auch noch die blauen Recyclingfahrzeuge an, die Flaschen und Papier abholen. Im Gegensatz zu Berlin kommen die Muellmaenner nicht ins Haus, man muss die Tonnen selbst auf die Strasse stellen und rechtzeitig wieder reinstellen, bevor die Hundebesitzer die Chance bekommen, ihren Dogpoop reinzuwerfen, der, wenn es heiss draussen ist und die Muellmaenner nur die grossen Beutel aus den Tonnen nehmen, unter unserem Wohnzimmerfenster vor sich hinstinkt.
Nebenan faellt eine Tuer ins Schloss. Eine Sekunde spaeter taucht Kate, unsere Nachbarin, neben der Vortreppe ihres Hauses auf. Sie traegt Jeans und ein langes Shirt, in der Hand haelt sie einen Kaffeebecher. Ich winke ihr zu.
»Hi Anja, hi Mascha«, ruft Kate, »no Huggs today?«
Mascha schuettelt den Kopf.
»Morgen ist der erste Tag«, sage ich.
»Stimmt ja, Huggs faengt immer so spaet an. Maeve kommt um drei aus der Schule. Dann koennt ihr im Garten spielen.«
Kate fragt, wie es mir geht. Ich frage, wie es ihr geht.
»Gut«, sage ich.
»Not bad«, sagt sie.
Ich weiss nie so richtig, woran ich an ihr bin. Kate ist anders als Debbie, unverbindlicher. Das erste Mal habe ich sie ein paar Tage nach unserem Umzug nach New York gesehen, es war kurz vor Weihnachten. Ich ging gerade mit den Kindern aus dem Haus, als nebenan zwei Hunde, ein kleines blondes Maedchen und eine Frau mit einer Schuerze um den Bauch und einem Holzloeffel in der Hand aus der Tuer stuerzten. Die Frau hatte schulterlange mittelblonde Haare und erinnerte mich an Meg Ryan. Als sie uns sah, blieb sie stehen und begruesste uns ueberschwaenglich. Ja, sie habe schon gehoert, dass eine deutsche Familie nebenan einziehe. Es sei sooo schoen, uns endlich kennenzulernen. Sie sei Kate, das sei ihre Tochter Maeve und das seien Frieda und Maggie. Sie zeigte auf das blonde Maedchen und dann auf die beiden Hunde, einen kleinen wuscheligen schwarzen und einen gescheckten mit langen Ohren und Haengebauch. Kate buk gerade Gingerbreadmen, Lebkuchen mit Ingwer, sie werde uns spaeter welche rueberbringen, versprach sie.
Ich war fest davon ueberzeugt, gerade meine neue beste Freundin kennengelernt zu haben, aber irgendwie kamen wir nicht weiter. Immer, wenn ich dachte, wir waren uns naeher gekommen, ging sie wieder auf Distanz und fluechtete sich in »Wie geht es den Kindern?« - »Was fuer ein schoener Tag« - »Oh, ich wuenschte, es waere endlich Fruehling«−Smalltalk. Sie und ihr Mann sind Schauspieler, jeder in der Nachbarschaft kennt sie, vielleicht liegt es daran.
Terry ist gerade in der HBO−Serie Oz zu sehen. Kate spielt die Kommissarin in Law &Order. Normalerweise wird Kate morgens um sechs mit einer grossen schwarzen Limousine abgeholt und erst spaetabends wieder zurueckgebracht, waehrend ihre Nanny auf ihre Tochter aufpasst.
Heute ist kein Drehtag, heute muss Kate nach Manhattan zum Nachsynchronisieren einer Folge, sagt sie. Sie ist auf dem Weg zur Subway.

Anja steht auf dem Buergersteig. Sie redet mit Kate, unserer Nachbarin. Ich schaue die Strasse rauf und runter, man sieht nichts, alles ist wie immer. Dann gehe ich nach unten auf den Buergersteig zu den Frauen und erzaehle ihnen von der kleinen schwarzen Fahne, die man vom Dach aus sieht. Kate ist auf dem Weg nach Manhattan. Sie weiss von keinem Loch im World Trade Center. Sie hat nicht Juliette und nicht Kerstin und nicht das Spiegel-Getriebe. Sie hat Terry, ihren Mann, und der schlaeft noch.
Kate und Terry haben sich in der Steppenwolf Theatre Company in Chicago kennengelernt, die Terry zusammen mit John Malkovich und Gary Sinise gegruendet hat. Sinise und Malkovich waren schon mal fuer den Oscar nominiert, Terry noch nicht. Aber er ist trotzdem der beruehmteste Amerikaner, mit dem ich privat verkehre. Er hat bei Sleepers mitgespielt, wo auch Robert De Niro und Brad Pitt mitmachten, und er ist mit Matt Damon befreundet. Ich habe sowohl Kate als auch Terry schon in deutscher Synchronisation gehoert und ich habe mit den beiden mal einen Joint in ihrem Keller geraucht. Danach haben wir dort unten Tischtennis gespielt, was sehr lustig war. Wir kommen uns immer mal ganz nahe, reden, essen und trinken zusammen, aber dann ziehen sich Kate und Terry wieder zurueck. Ich vermute, es ist so eine Prominentensache, die Sehnsucht nach Wirklichkeit einerseits und die Angst davor andererseits. Es gibt Wochen, da scheinen sich die beiden regelrecht in ihrem Haus zu verschanzen. Als ich Kate das erste Mal sah, hat sie mir erzaehlt, wir sollten im Park vorsichtig sein, es gebe da boese Menschen. Sie hat wirklich BOESE Menschen gesagt. Terry betritt manche Etagen seines Hauses nicht gern, weil da schlechte Schwingungen herrschen, wie er sagt. Sie haben Kerzen aufgestellt, um den Geist des Vorbesitzers zu vertreiben, der in dem Haus gestorben war. Sie haben die aufwaendigste Alarmanlage im gesamten Block, aber weil sie so sensibel ist, dass selbst Terrys fast lahme Huendin Maggie sie manchmal mitten in der Nacht ausloest, stellt er das Geraet nachts ab. So ist ihr ganzes Erdgeschoss vor ein paar Wochen ausgeraubt worden, waehrend Kate, Terry und ihre Tochter schliefen, und ihre Huendin Maggie wohl auch. Manchmal steht Terry mit einer Zigarette in seinem Vorgarten und guckt die Strasse vorsichtig hoch und runter, als erwarte er, demnaechst von irgendjemandem angegriffen zu werden. Kate und Terry machen Aktionen. Sie nehmen sich Dinge vor, manchmal kleine Dinge, wie, sagen wir mal, weniger Wein zu trinken, manchmal groessere, wie ein aktiveres Sozialleben zu fuehren. Im vorletzten Sommer haben sie ihre Terrasse ausgebaut, im Garten ein paar Fackeln, eine kleine Sitzgruppe und eine antike Figur aufgestellt. Sie haben Freunde und Nachbarn eingeladen, um das zu feiern, es gab Champagner und ein Barbecue, und dann ist das Sozialleben von Kate und Terry sofort wieder eingeschlafen. Ich habe weder Terry noch Kate noch sonst irgendjemanden jemals auf der Sitzgruppe neben der antiken Figur sitzen sehen. Im letzten Fruehjahr hat Terry zusammen mit seiner Familie einen Baum auf dem Buergersteig gepflanzt, der fuer irgendetwas stehen sollte, wofuer, habe ich inzwischen vergessen. Kurz danach hat Terry sein Brownstonehaus hellblau anmalen lassen. Es sieht ganz furchtbar aus, und er weiss das auch. Er lacht darueber. Ich mag Kate und Terry sehr. Ich habe das Gefuehl, sie zu verstehen.
Kate muss in Manhattan eine Folge von Law & Order nachsynchronisieren, sagt sie. Wir erzaehlen ihr von dem Flugzeug im World Trade Center. »Dann faehrt die rote Subway sicher nicht«, sagt Kate. Das ist alles, was sie sagt. Sie denkt nicht an eine Katastrophe, sie denkt an die U−Bahn. »Die rote Linie fuehrt ja direkt unterm World Trade Center entlang«, sagt Kate. »Dann gehe ich besser zum R−Train.« Sie macht kehrt und geht die Carroll Street runter in Richtung 4th Avenue, wo die R−Linie der New Yorker Subway faehrt. Ich stehe mit Anja noch einen Moment da, ruhiger jetzt, da nicht mal Kate beunruhigt ist, Kate, die sofort anfaengt, Lebensmittel und Wasser in ihrem Keller zu bunkern, wenn der Wetterbericht Schnee vorhersagt. Ich glaube, ich muss nicht los. Wir gehen zurueck ins Haus, und als wir die Tuer schliessen, donnert es in der Ferne, ein dumpfer Knall. Fuer einen Moment scheint die Welt zu schwingen, ein leichtes Zittern faehrt in die alten Dielen und Waende unseres Hauses. Ich sehe Anja an, und Anja sieht mich an, es ist kein Schrecken in ihrem Blick, eher
Neugier und dann hoere ich, wie die Stimme der Moderatorin auf New York 1 lauter wird, sie kippelt und schriekst und dann klingelt das Telefon wieder.

Den Knall hoere ich, als wir ins Haus zurueckgehen, es ist ein dumpfes Geraeusch, das die Erde zittern laesst, als sei ein Blitz eingeschlagen oder ein paar Strassen weiter ein Haus gesprengt worden. Kurz darauf klingelt das Telefon. Kerstin schon wieder.
»Ach, du Scheisse«, sagt Alex und starrt auf den Fernseher, wo das World Trade Center jetzt nicht nur in den oberen Etagen brennt, sondern auch weiter unten und dahinter. Irgendwie muss das Feuer vom ersten Turm auf den zweiten uebergesprungen sein.
Alex sagt, Kerstin sei total aufgeloest gewesen, es habe noch eine Explosion gegeben. Er ist auch nicht mehr so ruhig wie gerade eben noch. Ein Flugzeug im World Trade Center ist vielleicht noch ein Unfall, ein Flugzeug und eine Explosion sind eine Katastrophe ± und eine Katastrophe ist eine Geschichte. Das veraendert die Lage, auch seine Lage. Alex rennt die Treppen nach oben und sucht seine Sachen zusammen.
Ich bleibe mit Mascha unten und fuehle mich wie gelaehmt, wie immer, wenn etwas passiert, worauf ich keinerlei Einfluss habe. Die Dinge ziehen an mir vorbei, alles bewegt sich um mich herum, und ich erstarre. Gerade schien noch alles unter Kontrolle zu sein, der Tag hatte eine Ordnung, einen Rhythmus. Jetzt faellt alles auseinander, so kommt es mir zumindest vor, als ich hier stehe und Alex da oben rumort. Ob ich da bin oder nicht, ob ich etwas sage oder schweige, die Dinge nehmen ihren Lauf. Ohne mich. Ich will auch etwas tun, mich bewegen, mitrennen, aber ich kann nicht. Es ist wie frueher im Sportunterricht, wenn zwei Kinder aus unserer Klasse Mannschaften auswaehlen mussten und ich instaendig hoffte, dass endlich mein Name genannt werden wuerde, dass mich jemand erloest.

Diesmal klingt Kerstin anders, schockiert und auch hilflos, ich habe das Gefuehl, sie weint, und das ist seltsam, weil ich mir Kerstin aus irgendeinem Grund nicht weinend vorstellen kann. Sie ist eine energische, junge Frau, die im Alter von 14 Jahren mit ihren Eltern aus Hessen nach New York gezogen ist und seitdem versucht, in der neuen Welt Fuss zu fassen, ohne die alte voellig zu verlassen. Sie krallt sich zwischen den Leben fest. Die Deutsche in ihr ist schwerbluetig und gruendlich, die Amerikanerin schnell und unverbindlich. Sie sitzt an einem winzigen Schreibtisch in dem Penthouse, das der Spiegel in der Fifth Avenue gemietet hat. Penthouse klingt beeindruckend, in Wirklichkeit ist es eher eine Art Kleinbungalow, der auf
einem alten fuenfzehnstoeckigen Haus steht. Pre−war building nennen sie das, die New Yorker Klassik. Der Bungalow ist eng, flach und verrumpelt, aber von einer grossen Terrasse umgeben. Man sieht im Osten auf die Grand Central Station und auf das Chrysler Building, im Westen erkennt man den Times Square und im Norden einen Zipfel vom Central Park, die Sicht nach Sueden allerdings ist verbaut. Man kann das World Trade Center von unserem Buero nicht erkennen, vielleicht sieht man den Rauch. Ich stelle mir vor, wie Kerstin dort am Fenster steht und nach Sueden schaut. Unsere Buerochefin Angelika ist in Deutschland, Kerstin fuehrt die Geschaefte von ihrem winzigen Schreibtisch aus. Es ist auch eine Chance, wie jede Katastrophe immer auch eine Chance ist. Man begreift es nicht sofort, aber man spuert es.
»Jetzt brennt auch der andere Turm«, sagt sie.
»Warum denn das?«, frage ich.
»Da ist irgendwas uebergesprungen«, sagt sie. »Eine Leitung soll explodiert sein.«
Ich schaue auf den Fernseher. Es qualmt jetzt viel staerker, man kann den zweiten Turm nicht richtig erkennen, er wird vom ersten halb verdeckt. Wahrscheinlich ist es schwer, eine Kameraperspektive zu finden, aus der man beide Tuerme zusammen und in voller Groesse filmen kann. Brooklyn Heights waere ein guter Standort, denke ich, die Promenade. Es war lange Zeit der beeindruckendste Platz in der Stadt, den ich kannte. Wir fuhren da in unserem ersten New Yorker Winter oft hin, um den Kindern und auch uns immer wieder zu zeigen, dass wir an einen ganz besonderen Ort gezogen waren. Es ist der Blick, den man braucht, wenn man in der neuen Welt ankommt. Der Blick vom Wasser auf die Stadt, der einem einredet, dass sich die Reise gelohnt hat. Vor ein paar Wochen bin ich so fotografiert worden, auf der Terrasse am Fusse der Brooklyn Bridge. Es sollte das Klappenfoto fuer ein kleines Buch mit meinen New Yorker Kolumnen werden, das im Oktober erscheint. Ich trage ein Jackett und ein weisses Hemd und hinter mir stehen die Tuerme des World Trade Centers. Ein bisschen symbolisch, aber man weiss sofort, dass es New York ist. Der Verlag hat dann aber ein anderes Foto genommen, das mich auf dem Times Square zeigt, etwas verwischt, zwischen lauter wirbelnden Menschen. Es sah nicht ganz so offiziell aus, sagte der Verleger. Wahrscheinlich wollen sie ein anderes Image von mir. Sie wollen jemand in der Stadt zeigen, nicht vor der Stadt. Sie wollten keinen, der ankommt, sondern einen, der schon da ist. Jemanden, der sich auskennt und trotzdem kein Sakko traegt. Vielleicht haette man das andere Foto jetzt auch gar nicht mehr verwenden koennen, denke ich. Es qualmt wirklich sehr.
»Ich glaube, ich fahr mal hin«, sage ich zu Kerstin.
»Thomas ist auch schon losgefahren«, sagt sie, und das gibt mir den letzten Schubs.
Thomas ist mein Reporterkollege beim Spiegel. Er war schon seit einem Jahr da, als ich im Herbst 1999 in New York ankam. Auch fuer ihn war es ein Traum, in dieser Stadt zu leben. Er hat lange darauf gewartet, hier arbeiten zu koennen - einmal hatte ihm jemand in letzter Sekunde die Stelle weggeschnappt. Ich glaube, er war ein wenig verwundert, als ich im Buero auftauchte. Wir sind fast gleich alt, wir interessieren uns fuer aehnliche Themen. Ich kam aus dem Nichts.
Er hat mir das nie gezeigt. Er hat mich empfangen wie ein guter Gastgeber. Er hat mich zu Konzerten mitgenommen und mir erzaehlt, worauf ich achten muss in der neuen Welt von Spiegel und New York. Zu meinem ersten Thanksgiving, als ich noch allein in Amerika war, hat mich Thomas nach Long Island eingeladen, wo er den Feiertag mit seiner Familie im Haus eines Freundes verbrachte. Wir trinken manchmal ein Bier zusammen, gucken ein Fussballspiel in einer englischen Kneipe auf der Lower East Side, gehen essen und einmal waren wir mit unseren Kindern im Giants Stadium in New Jersey, um uns Lothar Matthaeus anzuschauen. Was die Arbeit angeht, kommen wir uns nicht in die Quere. Es ist Platz genug fuer zwei Reporter im New Yorker Buero, aber natuerlich beobachten wir uns. Wir interessieren uns fuer aehnliche Dinge. Manchmal sehe ich, wie es hinter seiner Stirn arbeitet, waehrend wir miteinander reden, vor allem, wenn wir ueber die Arbeit reden. Ich erzaehle ihm irgendwas, und ich merke, wie es ihn in Gedanken wegtreibt. Neulich haben wir mitten in der Nacht eine Stunde lang darueber diskutiert, wer von uns beiden nach Idaho fliegt, wo sich ein verrueckter Familienvater mit einem Sack voll Kinder, seiner toten Frau und jeder Menge Waffen in einem Haus verschanzt hatte. Einer von uns sollte es machen, hatte unser Ressortleiter in Hamburg gesagt. Es war wirklich nachts um drei und wir konnten es nicht entscheiden. Gluecklicherweise hat der Verrueckte am naechsten Morgen aufgegeben, und wir haben nicht mehr darueber geredet. Aber jetzt, in diesem Moment, spuere ich den Druck, der von Kerstins Satz ausgeht: Thomas ist schon losgefahren. Es gibt nur dieses eine Ereignis. Ich habe immer noch keine Lust, dorthin zu fahren, ich sehe immer noch keine Geschichte, aber ich will auf keinen Fall zu spaet kommen. Das hoechste Haus der Stadt brennt. Ich will nicht auf der anderen Seite des Flusses stehen und zu ihm rueberschauen. Ich will mit im Bild sein.
Anja sieht mich an, dann den Fernseher, dann wieder mich. Sie sieht erregt aus, aber auch enttaeuscht. Ich glaube, sie weiss, dass ich nun doch losrenne. Ich habe noch das Telefon in der Hand. Ich wackle hin und her. Anja schaltet mit der Fernbedienung zu anderen Kanaelen, die brennenden Tuerme sind jetzt fast ueberall zu sehen, die Bilder selbst greifen ueber wie ein Buschfeuer. Sicher wird gleich jemand aus Hamburg anrufen, denke ich. Ich kann denen schlecht erklaeren, dass ich an einem Portraet ueber Gregor Gysi arbeite, waehrend das World Trade Center brennt. Ich kann es vor allem mir selbst nicht erklaeren. Das geht nicht, und das weiss auch Anja. Sie ist selbst Reporterin, und das ist, glaube ich manchmal, ein Grund, warum wir immer noch zusammen sind.
Wir haben uns bei der Arbeit kennengelernt. Sie begreift mich. Sie versteht mich im Herzen. Sie weiss, wie abwesend und asozial und ruecksichtslos man wird, wenn man einer Geschichte folgt. Sie weiss, dass all die schoenen Plaene manchmal von einer Sekunde auf die andere nichts mehr wert sind, die Tagesplaene, die Dinnerplaene, die Geburtstagsplaene und die Urlaubsplaene. Im letzten Sommer bin ich an unserem ersten Urlaubstag nach Kuba geflogen, um eine Geschichte ueber den Boxer Teófilo Stevenson zu recherchieren. Wir hatten Berliner Freunde zu Besuch, die mit uns nach Montauk fahren wollten, aber ich musste weg. Stevenson ist ein Held meiner Jugend und er konnte nur in jener Woche. Ich habe das meinem Freund erzaehlt, der ueber den Atlantik geflogen war, um mit mir zusammen zu sein. Er hat mich verstoert angesehen. Ich habe ihn flehend angesehen. Er hat den Kopf geschuettelt, und ich bin einfach gegangen. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Manchmal ist das so. Anja weiss das und ich weiss das – die Frage ist, ob wir es jetzt trotzdem nochmal durchspielen. Ob wir eines dieser Gespraeche beginnen, dessen Ende wir beide kennen, und es dennoch fuehren, um Luft abzulassen oder Claims fuer andere, spaetere Gespraeche abzustecken oder weil wir die Stille einfach nicht ertragen.
»Ich muss doch los, glaube ich«, sage ich, lege das Telefon weg und gehe nach oben, um mich fertig zu machen. Anja sieht mir hinterher. Sie sagt nichts. Ich bin dankbar, aber auch ein bisschen misstrauisch.


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Das Buch von Anja Reich und Alexander Osang »Wo warst du? Ein Septembertag in New York« finden Sie überall im Buchhandel.

Mehr Informationen zu weiteren Büchern aus dem Piper Verlag:

www.piper-verlag.de

Alexander Osang

Über Alexander Osang

Biografie

Anja Reich und Alexander Osang wuchsen in Ostberlin auf. Mit ihren beiden Kindern gingen sie 1999 nach New York, wo Osang Korrespondent für den Spiegel war und Reich für die Zeit und die Berliner Zeitung schrieb. 2006 kehrten sie nach Berlin zurück, seit 2013 leben sie wieder in New York. Alexander...

Anja Reich

Über Anja Reich

Biografie

Anja Reich und Alexander Osang wuchsen in Ostberlin auf. Mit ihren beiden Kindern gingen sie 1999 nach New York, wo Osang Korrespondent für den Spiegel war und Reich für die Zeit und die Berliner Zeitung schrieb. 2006 kehrten sie nach Berlin zurück, seit 2013 leben sie wieder in New York. Alexander...

Pressestimmen

Schweriner Volkszeitung

»Mitreißend und mit dem Mut, Privates preiszugeben, erzählen beide von ihrem 11. September.«

Die Zeit

»Merkwürdigerweise ist ein dezidiert unpolitisches Buch das aufwühlendste Dokument über die unabgeschlossene Geschichte von 9/11.«

Handelsblatt

»›Wo warst du?‹ lebt von einem Metier, dass Reich und Osang beherrschen wie nur wenige andere: der Reportage – auf Champions-League-Niveau. «

Bücher

»Sie lassen den Leser ganz dicht ran, offenbaren Zweifel und Unsicherheiten auch jenseits der brennenden Türme. Diese absolute Offenheit ist faszinierend und macht den ungemein dichten und mitreißenden Bericht auch über den 11. September hinaus zu einer sehr persönlichen Reflexion über den Zweispalt von Familie und Karriere und der ewigen Suche des Reporters nach einer Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt.«

Die Presse

»Dem schreibenden Paar, das seit 2006 wieder in Berlin lebt, ist nicht nur eine spannende Reportage, ganz ohne tränenseligen Pathos über diesen Katastrophentag gelungen, sondern in gleicher Weise eine über Kompromisse in einer Ehe mit kleinen Kinder und eine Beziehung, in der beide dieselbe Leidenschaft teilen: das Schreiben.«

WDR1 Live

»Nicht nur eine packende 9/11 – Reportage, sondern auch eine Geschichte über Ängste, Zweifel, Schwächen, die in Extremsituationen an die Oberfläche drängen. Spannend, bewegend, echt.«

Nordkurier

»Außerordentlich intensiv, geradezu atemberaubend. (...) Gratulation an Piper für ein Buch, das sich kaum wieder aus der Hand legen lässt.«

Madame

»Geradezu Pflichtlektüre in diesem bedeutenden Erinnerungsmonat!«

Ostthüringer Zeitung

»Eine psychologisch aufschlussreiche und ungemein fesselnde Lektüre.«

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