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Wo der Himmel aufhört

Wo der Himmel aufhört

Roman

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Wo der Himmel aufhört — Inhalt

Donald ist sechzehn, als er den halb so alten Jake kennenlernt – einen spindeldürren Außenseiter. Am liebsten würde Donald ihn beschützen. Er begleitet Jake in die Bibliothek und auf den Spielplatz, verwandelt ein verlassenes Haus in einen Zufluchtsort. Auch er selbst kann dort für kurze Zeit alles vergessen: den Unfall, seine Schuldgefühle, das Schweigen der Mutter. Doch dann will Jake plötzlich nichts mehr von ihm wissen … »Wo der Himmel aufhört« ist die Geschichte eines Jungen, dem es um alles geht: beklemmend, aufwühlend und ganz nah dran.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
260 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7666-3

Leseprobe zu »Wo der Himmel aufhört«

1

 

Die Polizei wurde nach dem Vorfall gerufen. Es musste sein. Am Anfang war ich leicht enttäuscht. Als Achtjähriger hatte ich mir Uniformen, Martinshorn und Handschellen vorgestellt. Rasende Autos und aufblitzende Revolver. Stattdessen erschien eine müde aussehende Frau im Kostüm, die ein langsames graues Auto fuhr und immer nach Kaffee roch. Sie wollte, dass ich Tracy zu ihr sage, aber ich hatte noch nie einen Erwachsenen beim Vornamen angeredet und konnte mich nicht dazu überwinden. Ich wollte es, aber es war ungefähr so unmöglich wie vor meiner Mum [...]

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1

 

Die Polizei wurde nach dem Vorfall gerufen. Es musste sein. Am Anfang war ich leicht enttäuscht. Als Achtjähriger hatte ich mir Uniformen, Martinshorn und Handschellen vorgestellt. Rasende Autos und aufblitzende Revolver. Stattdessen erschien eine müde aussehende Frau im Kostüm, die ein langsames graues Auto fuhr und immer nach Kaffee roch. Sie wollte, dass ich Tracy zu ihr sage, aber ich hatte noch nie einen Erwachsenen beim Vornamen angeredet und konnte mich nicht dazu überwinden. Ich wollte es, aber es war ungefähr so unmöglich wie vor meiner Mum »scheiße« zu sagen oder von einer hohen Mauer zu springen. Ein paar Mal war ich kurz davor, aber mein Gehirn funkte dazwischen, und am Ende war ich wieder bei »Miss«. »Tracy«, sagte sie daraufhin die ersten paar Male, aber irgendwann schüttelte sie nur noch den Kopf und gab auf.

Sie klopften erst abends an die Tür. Ich hatte mit einem Nachspiel gerechnet, das schon, aber nicht, dass dieses Nachspiel als Verhör auf der Polizeiwache stattfindet. Sie stellten viele Fragen, auf die ich wenig antwortete. Ich hatte keine Angst, denn sie waren ja nett und schrien nicht herum oder so, aber ich wollte nicht noch mehr Ärger, und je mehr ich sagte, umso mehr Ärger konnte ich kriegen, deshalb verstummte ich. »Ich habe nur gespielt«, sagte ich, aber das reichte ihnen nicht. Sie gingen immer wieder zum Anfang zurück und wollten alles, was am Morgen passiert war, bis auf die Sekunde genau wissen. Mir wurde schon langsam schwindlig. Ich glaube nicht, dass ich sie anlog, und sie logen mich auch nicht wirklich an, aber die ganze Wahrheit sagten sie mir zuerst nicht. Vermutlich wollten sie herausfinden, ob ich etwas verberge, wollten testen, wie viel ich wusste, aber selbst mit meinen acht Jahren war mir klar, wenn man zu viel sagt, handelt man sich Ärger ein. Worte können einen reinreißen. Ich war nicht hinterhältig mit meinen acht Jahren, davon war ich damals weit entfernt. Mum glaubt, dass ich seitdem hinterhältig geworden bin, und vielleicht hat sie recht, aber damals war ich nicht hinterhältig, nur vorsichtig.

Als klar wurde, dass mir etwas Wichtiges entging und die Sache nicht ganz so war, wie ich sie sah, drängte sich mir eine Frage auf. Aber als ich sie stellte, wurde ich von allen im Raum so komplett ignoriert, dass ich überlegte, ob ich vielleicht nicht laut gesprochen hatte. Ich wartete die nächste Gelegenheit ab und fragte noch mal. Alle reagierten wie vorher – nämlich gar nicht. Erst am späten Abend oder vielleicht auch am nächsten Tag rückten sie mit der großen Enthüllung heraus. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Einzelheiten, aber ich weiß noch genau, was ich anhatte, als sie es mir verkündeten. Es war Sommer, ich trug blaue Shorts und meine Schulschuhe. Ich kam mir blöd vor in der Aufmachung, aber meine Turnschuhe hatten sie mir zusammen mit den anderen Sachen weggenommen. Sie brachten mich in einen kahlen Raum mit grünen Plastikstühlen und einem grauen Tisch in der Mitte. Ich musste mich setzen, und dann beantworteten sie die Frage, die ich ihnen zuvor zweimal gestellt hatte. Tracy redete langsam und deutlich, alle beobachteten mich genau, als wäre ich ein Zauberer, der gleich einen Trick vorführt. Ich hörte ihr zu und bemühte mich, alles zu begreifen. Es war ein heißer Tag, und als sie die Hände vom Tisch hob, blieben feuchte Flecken zurück. Ich sah zu, wie die Flecken verschwanden. Als Tracy fertig war, schauten sie mich an und warteten, dass ich etwas sagte, deshalb sagte ich das Einzige, was mir einfiel: „Wann bekomme ich meine Turnschuhe wieder?“ Es war, als hätte ich die Hose runtergelassen und ihnen meinen Pimmel gezeigt. Alle schauten zur Seite, Mum fing zu weinen an, und irgendjemand sagte: »Heilige Scheiße, das ist vielleicht ein eiskalter Fisch.«

Am Abend musste ich mich mit Mum hinsetzen und sie sagte, ich würde keinen guten Eindruck machen. »Du musst ein bisschen Mitgefühl zeigen, Donald.« Ich versprach, mich mehr zu bemühen. Am nächsten Tag war ich wieder im Raum mit den grünen Stühlen und dem grauen Tisch. Wir nahmen alle Platz, und Tracy stellte wieder Fragen. Sie wollte wissen, was ich unter „Absicht“ verstand. Ich hörte ihr gut zu. »Wir müssen wissen, was du wirklich vorhattest, Donald, was du in den Sekunden, bevor es passiert ist, gedacht hast, und warum du hinterher so reagiert hast.« Sie benutzte das Wort »Absicht« noch mehrere Male, aber mein achtjähriger Kopf erinnerte sich nur an den Abend, als Matthew Thornton und ich bei ihm im Garten zelteten, und seine Eltern vom Schlafzimmerfenster aus abwechselnd nach uns sahen. Wahrscheinlich ahnten sie, dass wir die Nacht nicht durchhalten würden, und sie hatten recht. Eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit krochen wir aus dem Zelt und schliefen im Stockbett in Matthews Zimmer, heilfroh, im sicheren Haus zu sein. Das war alles, was ich damals unter »Absicht« verstand. Ich versuchte zu erklären, dass ich nichts Bestimmtes vorgehabt hatte – ich hatte nur draußen gespielt und etwas war schiefgelaufen. Aber Tracy schien nicht überzeugt. Offenbar glaubte sie, ich würde etwas verschweigen, ihr etwas vorenthalten, das sie wissen musste. Mit zunehmendem Alter ist mir klar geworden, dass irgendwas an mir andere misstrauisch macht, und dass ich schon als Achtjähriger nicht überzeugend wirkte. Letztendlich kamen sie zu dem Schluss, dass sie keine Fragen mehr hatten, und wir mussten nicht mehr auf die Polizeiwache. Am nächsten Tag ging ich dann wieder zur Schule.

Damit hatte sich die Sache, außer dass ich einmal pro Woche aus dem Unterricht geholt und quer durch die Stadt gefahren wurde, zu einem Haus, das Glückliche-Stunden-Zentrum hieß. Dort ging ich mit einer Frau namens Karen in ein Zimmer und spielte eine Stunde lang. Damals fand ich das nicht komisch, ich dachte nicht groß darüber nach; ich war einfach froh, nicht im Unterricht zu sein und spielen zu dürfen. Es gab ein paar Regeln – man musste mit leeren Händen kommen und mit leeren Händen gehen. Wenn man etwas schrieb oder malte, musste man es mit seinem Namen versehen in einer Schachtel zurücklassen. Und meine Mum durfte nicht mit in den Raum, nur Karen und ich. Draußen zu warten machte Mum wahnsinnig. Sie traute mir nicht, und sie traute ihnen nicht. »Was macht ihr denn da drin?«, fragte sie.

»Nur spielen«, antwortete ich.

»Na, dann spiel vorsichtig«, sagte sie. Und ich gab mir Mühe, vorsichtig zu spielen, obwohl ich bis heute nicht weiß, wie das gehen soll.

Sie hatten Marionetten, Plüschtiere, Spielzeugautos, eine Puppenküche, Modellsoldaten, Teddybären, Farben und Papier. Manchmal spielte ich mit den Spielsachen, manchmal malte ich. Karen kam oft dazu und malte auch ein Bild. Sie erzählte mir, was sie malen wollte, und fragte dann, was ich malte. Wenn ich mit den Spielsachen spielte, ließ sie mich allein und schaute zu. Manchmal wollte sie wissen, was in meinem Spiel passierte. Ich erzählte ihr das immer gern.

»Der Tiger hat den Freund des Soldaten gefressen, darum jagt ihn der Soldat durch die Puppenküche und will ihn aus Rache töten. Später trägt er zum Andenken an seinen Freund einen Tigerzahn um den Hals.«

Wahrscheinlich irgendwas Albernes in der Art. Damals hatte ich keine Ahnung, dass sie mich beobachteten. Sie wollten sehen, wie ich ticke, ob ich die Puppen erwürge und die Teddybären ersteche. Ich denke, das war verständlich, auch wenn es ziemlich hinterlistig ist, einen Achtjährigen auszuspionieren und ihn in dem Glauben zu lassen, er würde nur spielen.

 

*

 

Die Kinder in der Schule sagten nichts, als ich in den Unterricht zurückkam. Aber das hatte man ihnen wohl eingeschärft, denn das Summen des Nichtgesagten war allgegenwärtig. Ich war nur ein paar Tage weg gewesen, doch die Schule knisterte vor Aufregung. Mrs Walsh ließ jeden „Schön, dass du wieder da bist, Donald« sagen, und ich spürte die Augen meiner Mitschüler auf mir, neugierig, ob ich irgendwie anders aussah. Ich merkte an ihren angespannten Kiefern, wie gern sie mich ausgequetscht hätten, aber es bot sich keine Gelegenheit dazu. Selbst nicht auf dem Pausenhof, wo plötzlich doppelt so viele Lehrer Aufsicht hatten; sie standen nicht wie gewohnt mit ihren Kaffeebechern am Eingang, sondern drehten ihre Runden um den Hof wie Scaletrix-Autos auf einer Rennbahn. Erst in der Mittagspause kam jemand an mich ran. Die Hudson-Drillinge hatten mich anscheinend in die Toilette gehen sehen, denn die Tür war noch keine zwei Sekunden zu, da wurde sie aufgerissen, und noch ehe ich die Hände am Reißverschluss hatte, standen sie vor mir, eine drängelnde Miniarmee, die fragte: »Was ist passiert? Warst du im Gefängnis? Was hat deine Mum gesagt? Gab es viel Blut?« Ich hatte nicht die Gelegenheit zu antworten, denn Mr Barker stürmte durch die Tür, warf uns alle raus und schickte uns in verschiedene Richtungen, ohne meine dringende Bitte zu beachten, dass ich wirklich zur Toilette müsse. Die Aufsichtspflicht der Schule stand über allem, und rückblickend gesehen finde ich es schade, wie sie die Sache handhabten. Natürlich waren die Schüler neugierig, aber sie bläuten allen ein, dass es hier um etwas ging, über das weder vor, während, noch nach der Schule diskutiert werden durfte. Die Lehrer wollten mich vermutlich schützen, jedenfalls ein Teil von ihnen, aber das nützte nichts. Alle wussten, was passiert war, und alle nahmen sich vor mir in Acht. Als ich mich schließlich wieder mit Matthew zusammentat, meinem einzigen richtigen Freund vor dem Vorfall, holten sie ihn beiseite und sorgten dafür, dass er keine unangemessenen Fragen stellte. Ich galt ziemlich schnell als der Junge, mit dem man besser nicht reden sollte, weil man sonst Ärger bekam.

 

*

 

Eine Zeitlang wusste ich nicht, ob an dem Tag wirklich etwas Schlimmes passiert war. Ich hatte den Verdacht, man wollte mich reinlegen. Als ich auf mein Fahrrad gesprungen und nach Hause gerast war, hatte ich mich nicht von einer folgenschweren, schrecklichen Tat entfernt – so sah ich es. Ich wusste, es war etwas Schlimmes passiert, ich wusste, jemand war verletzt und ich könnte Ärger bekommen, aber ich hatte keine Ahnung, dass man die Polizei einschalten würde. Als Tracy mir erklärte, wie die Sache ausgegangen war, schien mir das unmöglich, es passte nicht mit meiner Sicht der Dinge zusammen. Ich glaubte ihnen nicht. Ich war in dem düsteren Alter, in dem man weiß, dass Erwachsene nicht immer die Wahrheit sagen. Jahrelang hatte man mir Geschichten vom Weihnachtsmann, von Zahnfeen und Karotten erzählt, mit deren Hilfe man im Dunkeln sehen könne, und am Ende erwies sich alles als Unsinn. Was man mir auf der Polizeiwache in Clifton aufgetischt hatte, schien mir so weit hergeholt wie der dicke Mann im roten Kostüm, der mit Geschenken durch den Kamin kam und Kinder in aller Welt beglückte.

Es zog mich an den Ort des Geschehens zurück. Ich wollte sehen, ob es Hinweise gab, die bestätigten, was man mir erzählt hatte, oder die meine Vermutung unterstützten, dass man mich täuschen wollte. Wenn wirklich etwas so Schlimmes passiert war, musste es Beweise geben, da war ich mir sicher. Aber es würde nicht leicht werden, denn seit dem Vorfall durfte ich nicht mehr allein aus dem Haus. Mit Mum ging ich zwar raus, aber sie führte mich durch die Gartenpforte, drehte mich scharf nach rechts und zwang mich den Hügel hoch, weg vom Ort des Geschehens, auch wenn wir nach links hätten gehen müssen, um unser Ziel zu erreichen. Wir liefen ungefähr vierhundert Meter die Hawthorne Street entlang, bogen irgendwann in eine Nebenstraße und gingen auf der Kemple Street zurück, um das Haus zu umgehen, wo der Vorfall passiert war. Auf diese Weise dauerten alle unsere Ausflüge gut zwanzig Minuten länger, aber mir war klar, ich durfte nichts dazu sagen. Selbst wenn ich müde war und wir uns der Gabelung näherten, an der die eine Straße in fünf Minuten nach Hause geführt hätte, während die andere ein mühsamer Umweg war, hielt ich den Mund. Seit die Polizei bei uns aufgetaucht war, neigte Mum zu Wut- und Heulanfällen gleichermaßen, und jede Bemerkung von mir konnte sie provozieren. Am besten war es, wenn ich schwieg. Worte können einen reinreißen.

Ich schmiedete einen Plan. Ich wollte warten, bis Mum im Bett lag, und mich dann eine Stunde später aus dem Haus schleichen. Ich würde zum Ort des Geschehens rennen und mich gründlich nach jedem möglichen Beweis umsehen, der ihre Behauptung unterstützte. Aber bei meinem ersten geplanten Versuch wurde ich morgens geweckt, um in die Schule zu gehen; ich hatte die ganze Nacht durchgeschlafen. Am nächsten Morgen passierte das Gleiche, deshalb wühlte ich, als Mum im Bad war, in den Schubläden und Schränken in der Küche, bis ich eine Zeitschaltuhr in Form eines Plastikhuhns fand. Als Mum am Abend ins Bett ging, stellte ich die Uhr auf eine Stunde ein und steckte sie unter mein Kopfkissen. Ich schlief zwar wieder ein, wachte aber auf, als das gedämpfte Klingeln unter meinem Kopf losging. Ich stellte die Uhr aus und schlich zu Mums Tür, horchte, und als ich ihr leises Schnarchen hörte, war meine Chance gekommen. Ich zog mich nicht um, denn ich wollte ja nicht lange weg bleiben. In Schlafanzug und Schulschuhen schlich ich aus dem Haus, in der Hand eine Taschenlampe.

Es war erst gegen Mitternacht, aber sehr dunkel, dunkler als ich es je erlebt hatte. Die Straße, in der ich aufgewachsen war, wirkte vollkommen fremd. Die Stille erschreckte mich und ließ mich am Gartentor innehalten. Ich überlegte, ob ich sie durchbrechen könnte, doch sobald ich das Tor hinter mir zugezogen hatte, war ich ein dunkler Schatten, der eine schwarze, ruhige Straße hinunterhuschte. Fünf Minuten später war ich am Fuß des Hügels, vor der Nummer fünf. Ich richtete meine Taschenlampe auf den Gehsteig. Ich suchte nach Blut. Ich bewegte den Strahl von links nach rechts, auf die Straße, den Rinnstein entlang. Ich versuchte es ein Stück weiter oben und unten, falls ich mich bei der Stelle verschätzt hatte. Aber nirgendwo waren dunkle getrocknete Blutflecken. Ich richtete die Taschenlampe aufs Gartentor und ließ den Strahl über den Weg zur Haustür gleiten. Auch dort war nichts. Ich verstand das nicht. Wenn ihre Behauptung stimmte, musste doch irgendwo Blut sein. Ich sah mich auf Augenhöhe um. Ich drehte mich einmal langsam im Kreis. Geradeaus, am Fuß des Hügels, war die Kreuzung, die einen entweder nach Clifton hinein oder heraus führte. Auf der anderen Straßenseite stand eine Reihe großer, imposanter Häuser mit steilen Treppen, die zu breiten Eingangstüren führten. Dort, wo ich hergekommen war, erhob sich die lange Steigung zu meinem Haus. Dann die letzte Drehung, und vor mir stand das Haus des kleinen Jungen. Nirgendwo sichtbare Spuren. Auf mich wirkte es nicht wie der Schauplatz eines tragischen Vorfalls. Ich fühlte mich darin bestätigt, dass die Erwachsenen mich täuschen wollten. Ich wollte gerade nach Hause gehen, mich ins Bett legen und alles noch mal überdenken, als mir die Karten im Fenster auffielen. Eine war mit der Rückseite gegen die Scheibe gefallen. Ich könnte lesen, was darauf geschrieben stand. Ich hatte nicht vorgehabt, zum Haus zu gehen, aber ich musste einfach wissen, was auf dieser Karte stand. Ich öffnete das Tor so leise wie möglich und schlich den Weg entlang zum Fenster, hielt die Taschenlampe an das schwarze Glas, beugte mich vor und las:

 

Liebe Becky, lieber Ian,

Unser aufrichtiges Beileid

Es gibt keine Worte dafür.

Er schläft jetzt bei den Engeln.

In aller Liebe,

Emma, Chris und Imogen

 

In diesem Augenblick wurde es Wirklichkeit. Ich begriff immer noch nicht, wie es passiert war, aber ich wusste, man hatte mir die Wahrheit gesagt. Ich drehte mich um und wollte zurückgehen. Nach einem Schritt sprang ein Licht über mir an und erleuchtete den vorderen Garten wie eine Bühne. Wenn ich losgelaufen und immer weiter gerannt wäre, wäre ich in Sekunden weg gewesen, aber in meiner Panik rannte ich mitten in den Garten und blieb stehen. Ich drehte mich um und überlegte, ob ich zum Haus zurücklaufen und mich an die Wand pressen sollte. In diesem Moment der Unentschlossenheit, als ich starr wie eine Salzsäule und sichtbar wie ein Turm auf einem Berg auf das Haus blickte, wurden die Vorhänge im oberen Fenster beiseite geschoben, und da war der Vater des kleinen Jungen. In der Mitte seines Gartens stand der Junge, der seinen zweijährigen Sohn vor zwei Wochen getötet hatte und starrte ihn an. Er wirkte verblüfft. Ich rannte los.

Über Robert Williams

Biografie

Robert Williams, 32, Sohn zweier Bibliothekare, verbrachte als Kind viel Zeit in der Stadtbibliothek einer nordenglischen Kleinstadt und las sich durch die Bestände, bis seine Eltern Feierabend hatten. Er arbeitete acht Jahre lang als Buchhändler und lebt heute in Manchester - obwohl ihm eine Stadt...

Pressestimmen

Siegessäule

»Robert Williams schildert einfühlsam die Lebenswelt eines Jungen, der um Anschluss bemüht ist, und wie dieser Wunsch missverstanden wird.«

Eselsohr

»Mit seiner Sprache, seinem sehr sensiblen Einfühlungsvermögen gibt Williams den Ängsten und den verschütteten Gefühlen den passenden Ausdruck, der den Leser Donalds Weg bis zum Ende atemlos folgen lässt. Eine intensive, sehr berührende Lektüre, der man sich nicht entziehen kann.«

Wienerin

»In Robert Williams aufwühlendem Roman geht es um die Versündigung an einer Kinderseele. Und so wünscht man am Ende Donald alles Glück der Welt, als sich ein tröstlicher Ausweg zu ergeben scheint.«

Bücher

»Intensiv und mitfühlend - ein Buch fast ohne Lichtblicke, aber dennoch mit ganz viel Herz.«

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