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Wisting und der fensterlose Raum

Kriminalroman

Paperback
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Wisting und der fensterlose Raum — Inhalt

William Wisting bekommt einen äußerst heiklen Auftrag: Im idyllischen Wochenendhaus eines an Herzinfarkt plötzlich verstorbenen Spitzenpolitikers wurden Umzugskisten mit achtzig Millionen Kronen gefunden. Die Kisten standen im innersten, fensterlosen Raum des Hauses. Stammt das Geld etwa aus einem Raubüberfall, der fast zwanzig Jahre zurückliegt? Unterstützung bekommt Wisting von Adrian Stiller, der sich gerade mit dem ungeklärten Verschwinden des möglichen Täters befasst. Doch wie gelangte das Geld in den Besitz des Politikers? Oder stammt es gar aus einer ganz anderen Quelle?

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 03.01.2020
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
432 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06142-1
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 11.01.2021
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
432 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31672-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.01.2020
Übersetzt von: Andreas Brunstermann
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99506-1

Leseprobe zu „Wisting und der fensterlose Raum“

1
Es war drei Minuten vor zehn am Montag, dem 18. August.
William Wisting wurde in das große Büro geführt. Es war anders, als er es sich vorgestellt hatte. Er hatte an wuchtige Möbel, Leder und Mahagoni gedacht, doch das Büro war schlicht und praktisch eingerichtet. Ein Schreibtisch mit hohen Papierstapeln dominierte den Raum. Der dazugehörige Stuhl hatte verschlissene Armlehnen. Um den Computer standen Familienporträts in verschiedenen Größen und unterschiedlichen Rahmen.
Die Frau, die ihn im Vorzimmer empfangen hatte, folgte Wisting und stellte Tassen, [...]

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1
Es war drei Minuten vor zehn am Montag, dem 18. August.
William Wisting wurde in das große Büro geführt. Es war anders, als er es sich vorgestellt hatte. Er hatte an wuchtige Möbel, Leder und Mahagoni gedacht, doch das Büro war schlicht und praktisch eingerichtet. Ein Schreibtisch mit hohen Papierstapeln dominierte den Raum. Der dazugehörige Stuhl hatte verschlissene Armlehnen. Um den Computer standen Familienporträts in verschiedenen Größen und unterschiedlichen Rahmen.
Die Frau, die ihn im Vorzimmer empfangen hatte, folgte Wisting und stellte Tassen, Gläser, eine Wasserkaraffe und eine Kaffeekanne auf den Tisch vor der kleinen Sitzgruppe.
Wisting schaute aus dem Fenster, während er darauf wartete, dass die Frau wieder ging. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Auf der Karl Johans gate herrschte zunehmend dichter Verkehr.
Die Vorzimmerdame hielt sich das leere Tablett vor die Brust, lächelte und verließ den Raum.
Erst vor knapp zwei Stunden war Wisting gebeten worden, sich hier einzufinden. Er war dem norwegischen Generalstaatsanwalt bislang noch nie begegnet. Zwar hatte er einmal einen Vortrag von ihm über die Qualität von Ermittlungsarbeit gehört, ihn aber nie persönlich kennengelernt oder gar mit ihm gesprochen.
Johan Olav Lyngh war groß, hatte graue Haare und ein markantes Gesicht. Die Falten und die eisblauen Augen vermittelten den Eindruck eines Mannes, der mit allen Wassern gewaschen war.
„Bitte nehmen Sie doch Platz“, sagte er mit einer Handbewegung.
Wisting setzte sich auf das Sofa an der Wand.
„Kaffee?“
„Ja gern, danke.“
Der Generalstaatsanwalt füllte die Tassen. Seine Hand zitterte leicht, aber das schien kein Anzeichen von Sorge oder Unruhe zu sein, sondern war vermutlich dem Alter geschuldet. Johan Olav Lyngh war zehn Jahre älter als Wisting. Seit einundzwanzig Jahren bekleidete er das Amt des obersten Leiters der Anklagebehörde. In einer Zeit, in der sich alle vertrauten Strukturen bei der Polizei im Umbruch befanden, schien Lyngh Sicherheit und Beständigkeit zu verkörpern. Ein Mann, der seinen Kurs nicht den Ideen irgendwelcher Berater anpasste, die den öffentlichen Dienst nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien ausrichten wollten.
„Danke, dass Sie so schnell kommen konnten“, sagte er.
Wisting nahm seine Kaffeetasse und nickte. Er hatte keine Ahnung, warum man ihn herbeordert hatte, ihm war nur klar, dass sich ihr Gespräch um äußerst vertrauliche Dinge drehen würde.
Der Generalstaatsanwalt füllte sein Wasserglas und nahm einen Schluck, als müsste er zunächst seine Kehle befeuchten.
„Bernhard Clausen ist am Wochenende gestorben“, sagte er dann.
Wisting ergriff ein Gefühl von Unruhe und banger Vorahnung, und sein Magen verkrampfte sich. Bernhard Clausen war ein pensionierter Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei, der in verschiedenen Regierungen Ministerämter innegehabt hatte. Große Teile des Sommerhalbjahrs verbrachte er in Stavern. Am Freitag war ihm in einem Restaurant am Hafen plötzlich schlecht geworden. Er war sofort ins Krankenhaus gebracht worden, doch am Sonntag hatte die Parteiführung bekannt geben müssen, dass er im Alter von achtundsechzig Jahren gestorben sei.
„Es war von einem plötzlichen Herztod die Rede“, sagte Wisting. „Gibt es einen Grund, etwas anderes zu vermuten?“
Der Generalstaatsanwalt schüttelte den Kopf.
„Er hat im Krankenhaus einen schweren Infarkt erlitten“, berichtete er. „Im Laufe des Tages wird es eine Obduktion geben. Aber es deutet nichts darauf hin, dass es sich um einen unnatürlichen Tod handelt.“
Wisting behielt die Kaffeetasse in der Hand, während er auf die Fortsetzung wartete.
„Walter Krom hat sich gestern Abend bei mir gemeldet“, führte der Generalstaatsanwalt weiter aus. „Er war im Krankenhaus, als Clausen gestorben ist.“
Die Rede war vom Parteisekretär der Sozialdemokraten.
„Nach dem Tod seines Sohnes hatte Clausen keine direkten Angehörigen mehr. Krom war als Bezugsperson angegeben. Er hat sich um Clausens persönliche Besitztümer gekümmert, als dieser ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Unter anderem um den Schlüssel zu seiner Hütte in Stavern.“
Wisting wusste, dass die Hütte bei Hummerbakken lag, genau genommen näher an Helgeroa als an Stavern. In Clausens Zeit als Außenminister war die Hütte Bestandteil des polizeilichen Rahmenplans für Objektsicherungen gewesen.
„Krom ist gestern noch zur Hütte rausgefahren, um nachzusehen, ob Türen und Fenster verschlossen sind. Natürlich hatte er auch den Gedanken, dass da vielleicht vertrauliche Parteidokumente liegen könnten. Denn obwohl Clausen pensioniert war, gehörte er zu einer Beratergruppe um die Parteiführung.“
Wisting beugte sich vor.
„Und was hat er gefunden?“, fragte er.
„Es ist eine ältere, recht geräumige Hütte“, fuhr der Generalstaatsanwalt fort, als benötige er noch etwas Zeit, um zum entscheidenden Punkt zu kommen. „Sein Schwiegervater hat sie in den Fünfzigerjahren errichtet, und als Clausen in die Familie einheiratete, hat er ihm dabei geholfen, sie auszubauen. Wie Sie vielleicht wissen, hat er ursprünglich als Verschalungstechniker und Stahlbetonbauer gearbeitet, bevor er Vollzeitpolitiker wurde.“
Wisting nickte. Bernhard Clausen war einer der wenigen sozialdemokratischen Politiker gewesen, die einen Hintergrund als Industriearbeiter hatten. Sein Interesse für Politik war seinerzeit durch die Gewerkschaftsarbeit geweckt worden.
„Die Hütte wurde damals so gebaut, dass sie eine große Familie beherbergen konnte, mit Kindern und Enkelkindern. Insgesamt gibt es sechs Schlafzimmer.“
Der Generalstaatsanwalt glättete eine Falte an seiner grauen Anzughose.
„Einer der Räume war verschlossen“, fuhr er fort. „Krom hat ihn aufgesperrt. Es war ein kleines Zimmer mit nur einem Etagenbett. Auf den Betten standen Pappkartons. Ich weiß nicht, wie viele. Walter Krom hat sie untersucht. Sie waren voller Geld. Bargeld.“
Wisting richtete sich auf. Im Laufe der Unterhaltung waren ihm manche Gedanken durch den Kopf gegangen, aber so etwas hatte er sich nicht vorgestellt.
„Pappkartons mit Geld? Von wie viel reden wir denn hier?“
„Es sind ausländische Währungen“, erklärte der Generalstaatsanwalt. „Euro und Dollar. Grob geschätzt je fünf Millionen.“
Wisting öffnete den Mund, doch es fiel ihm nichts ein, was er hätte sagen sollen.
„Also insgesamt zehn Millionen Kronen?“
Der Generalstaatsanwalt schüttelte den Kopf.
„Fünf Millionen Euro und fünf Millionen Dollar“, korrigierte er.
Wisting versuchte, die Gesamtsumme auszurechnen. Es musste sich um etwa achtzig Millionen Kronen handeln.
„Woher kommen die?“, fragte er.
Johan Olav Lyngh zuckte mit den Schultern.
„Wir wissen es nicht. Und das ist der Grund, warum ich Sie hergebeten habe. Ich möchte, dass Sie es herausfinden.“
Im Büro des Generalstaatsanwalts wurde es still. Wisting blickte zum Fenster hinaus, in Richtung des Osloer Doms.
„Sie verfügen über Ortskenntnis“, fuhr Lyngh fort. „Die Hütte liegt in Ihrem Polizeidistrikt. Außerdem sind Sie für diese Aufgabe gut geeignet. Die Ermittlungen müssen vertraulich erfolgen. Der Fall hat große Sprengkraft. Clausen war vier Jahre Außenminister und hat eine zentrale Rolle im Verteidigungsausschuss gespielt. Hier können nationale Interessen auf dem Spiel stehen.“
Wisting dachte über die Bedeutung dieser Worte nach. In Clausens Händen hatten Entscheidungen über Fragen gelegen, die Norwegens Beziehungen zu fremden Regierungen beeinflussten.
„Ich habe Ihren Polizeipräsidenten gebeten, Sie von allen anderen Aufgaben freizustellen. Er weiß nicht, wie Ihr Auftrag lautet“, fuhr der Generalstaatsanwalt fort und erhob sich. „Sie haben natürlich freien Zugang zu allen Ressourcen, fachlich und finanziell. Die Labore der Kripo sind angewiesen, Ihre Anfragen vorrangig zu behandeln.“
Lyngh trat an seinen Schreibtisch und griff nach einem großen Umschlag.
„Wo ist das Geld jetzt?“, wollte Wisting wissen.
„Immer noch in der Hütte“, erwiderte der Generalstaatsanwalt und reichte ihm den Umschlag.
Wisting spürte, dass er unter anderem ein Schlüsselbund enthielt.
„Ich möchte, dass Sie eine kleine Gruppe aus qualifizierten Leuten zusammenstellen und sich darum kümmern“, sagte Lyngh und blieb stehen. „Krom hat übrigens Georg Himle in Kenntnis gesetzt. Er war Ministerpräsident, als Clausen das Amt des Außenministers innehatte. Ansonsten weiß niemand von dieser Geschichte. Und dabei muss es auch bleiben.“
Wisting erhob sich. Die Unterredung näherte sich dem Ende.
„Die Alarmanlage der Hütte stammt noch aus Clausens Zeiten als Regierungsmitglied. Inzwischen wurde ein neuer Zugangscode generiert, übrigens auch für sein Haus. Ist alles in den Unterlagen verzeichnet“, erklärte der Generalstaatsanwalt und deutete auf den Umschlag. „Ich schlage vor, dass Sie sich als Erstes um das Geld kümmern.“

2
Draußen vor dem großen Gebäude schlug ihm die spätsommerliche Hitze entgegen. Wisting atmete tief ein, überquerte die Karl Johans gate und steuerte direkt auf das Parkhaus zu, wo er den Wagen abgestellt hatte. Bevor er losfuhr, kippte er den Inhalt des Umschlags auf den Sitz neben sich.
Auf einer Karte stand der neue Zahlencode für die Alarmanlage, 1705. Außer dem Schlüsselbund befanden sich eine schwarze Geldbörse, eine goldene Uhr, ein Mobiltelefon und ein paar lose Münzen im Umschlag. Bernhard Clausens Habseligkeiten aus dem Krankenhaus.
Das Handy war ein älteres Modell. Solide, benutzerfreundlich und mit großer Akkukapazität. Es war noch geladen. Das Display zeigte zwei verpasste Anrufe, verriet aber nicht, von wem sie stammten.
Wisting legte das Telefon zur Seite und warf einen Blick auf die Geldbörse. Sie war abgenutzt und bog sich in der Mitte leicht durch. Er öffnete sie und entdeckte neben vier Kreditkarten einen Führerschein, die Versichertenkarte, Bonuskarten verschiedener Hotelketten sowie den Mitgliedsausweis der sozialdemokratischen Partei. Im Geldscheinfach befanden sich siebenhundert Kronen, ein paar Quittungen und die Visitenkarte eines Journalisten von Aftenposten. Hinter einer Folie steckten Fotos seiner verstorbenen Frau und seines Sohnes.
Lisa Clausen war zu der Zeit gestorben, als ihr Mann Gesundheitsminister war. Es lag mindestens fünfzehn Jahre zurück, doch Wisting erinnerte sich noch gut an den Medienrummel. Lisa Clausen hatte beim Gewerkschaftsdachverband gearbeitet und war an einer seltenen Krebsform erkrankt. Es hätte damals eine kostspielige Behandlungsmethode gegeben, die sich allerdings noch im Teststadium befand und von der norwegischen Gesundheitsbehörde nicht zugelassen war. Als Gesundheitsminister war Bernhard Clausen indirekt dafür verantwortlich, dass seiner Frau die lebensverlängernde Behandlung versagt blieb.
Lisa Clausen war ein paar Jahre jünger als ihr Mann gewesen. Ihr gemeinsamer Sohn, der damals Mitte zwanzig gewesen sein dürfte, war ein Jahr später bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Bernhard Clausen war in kurzer Zeit von zwei Tragödien überrollt worden. Eine Weile hatte er sich aus der Öffentlichkeit und der Politik zurückgezogen, ehe er dann als Außenminister wieder die politische Bühne betrat.
Wisting legte Telefon, Schlüssel und Geldbörse zurück in den Umschlag und nahm die goldene Uhr genauer in Augenschein. Auch das Armband war aus Gold oder zumindest vergoldet. Das Zifferblatt trug das rote Logo der sozialdemokratischen Partei.
Er ließ den Sekundenzeiger eine ganze Runde kreisen und dachte dabei nach. Dann legte er auch die Uhr in den Umschlag zurück und ließ den Wagen an.
Als Ersten musste er Espen Mortensen in sein Team berufen. Er war ein erfahrener Kriminaltechniker, ein Praktiker, der etwas von seinem Fach verstand, aber auch durchsetzungsfähig war und über den Tellerrand schauen konnte. Außerdem war er loyal. Wisting konnte sicher sein, dass er nicht mit anderen über den Fall reden würde. Er war Mortensen am frühen Morgen auf dem Gang im Polizeipräsidium begegnet und wusste daher, dass sein dreiwöchiger Urlaub beendet war.
Während Wisting über die E 18 die Hauptstadt verließ, wählte er Mortensens Nummer. Der Kriminaltechniker meldete sich, wirkte aber sehr beschäftigt.
„Na, hast du dir nach den Ferien schon einen ersten Überblick verschafft?“, fragte Wisting.
„Noch nicht ganz“, erwiderte Mortensen. „Aber da liegt eine Menge rum und wartet auf mich.“
„Das musst du liegen lassen“, sagte Wisting. „Ich brauche dich für ein Projekt.“
„Aha?“
„Ich bin in anderthalb Stunden wieder in Larvik“, erklärte Wisting und sah auf die Uhr am Armaturenbrett. „Pack deine Ausrüstung ein und komm zum Parkplatz an der Stavernhalle, dann fahren wir von da aus zusammen weiter.“
„Was ist denn los?“, wollte Mortensen wissen.
„Ich erklär es dir später. Und erzähl bitte niemandem davon.“
„Was ist mit Hammer?“
Nils Hammer war Wistings Stellvertreter in der Abteilung.
„Mit dem rede ich noch“, versicherte Wisting.
Er beendete das Gespräch und wählte Hammers Nummer.
„Ich habe ein Engagement, das meine zeitweilige Abwesenheit erfordert“, erklärte er. „Du musst in der Zwischenzeit die Abteilung übernehmen.“
„Was denn für ein Engagement?“, wollte Hammer wissen.
„Ein Projekt auf hohem Niveau.“
Hammer war erfahren genug, um es dabei bewenden zu lassen.
„Wie lange wird das denn dauern?“
„Ich weiß es noch nicht“, antwortete Wisting. „Für die Anfangsphase nehme ich Mortensen mit. Ich denke, du musst mindestens eine Woche auf ihn verzichten.“
Er wusste, dass er Hammer damit in eine schwierige Situation brachte. Die Ressourcen waren ohnehin schon knapp.
„In Ordnung“, sagte Hammer. „Muss ich sonst noch etwas wissen?“
Wisting vertraute Hammer. Was er ihm erzählte, wurde nicht weitergegeben. Dennoch gab es keinen Grund, ihn jetzt genauer zu informieren. Es gab weder eine konkrete Bedrohung noch eine unmittelbar bevorstehende Gefahr, die eine Bitte um Unterstützung erforderlich gemacht hätte.
„Ich weiß selbst noch nicht so viel“, gab Wisting zurück.
„In Ordnung“, sagte Hammer noch einmal. „Ich bin hier, falls du noch was brauchst.“
Als Wisting den Anruf beendete, schaltete sich das Radio ein. Er drehte es ab. Jetzt waren nur noch das Motorengeräusch und der gleichmäßige Klang von Reifen auf Asphalt zu hören. Schon nach kurzer Zeit kamen Wisting ein paar Ideen, woher das Geld stammen könnte.
Bernhard Clausen war ein Parteiveteran mit einer langen politischen Karriere gewesen und hatte zahlreiche Machtkämpfe überstanden. Er war ein Freund der USA und hatte sich während des Irakkriegs dafür eingesetzt, dass Norwegen den Angriff der USA unterstützen sollte. Dies hatte zu Unstimmigkeiten in der Regierung geführt. Clausen hatte den Kürzeren gezogen, als verabschiedet wurde, dass Norwegen nicht am Angriffskrieg teilnehmen, jedoch militärische Unterstützung für die spätere Stabilisierung des Landes leisten würde. Als Leiter des parlamentarischen Verteidigungsausschusses spielte er später eine zentrale Rolle, als der Ankauf von amerikanischen Kampfflugzeugen für das Militär beschlossen wurde. Der Vertrag umfasste ein geschätztes Volumen von über vierzig Milliarden Kronen.
Wisting verstärkte den Griff um das Lenkrad. Geld war meistens die Ursache von allem, was nach Korruption, Habgier und Machtmissbrauch roch. Die Ermittlungen würden sich auf einem Niveau abspielen, das Wisting bislang nicht näher kannte. Aber dafür hatte er den besten Ausgangspunkt: Er hatte das Geld. Geld hinterließ immer Spuren. Sie mussten nur bis zum Ursprung zurückverfolgt werden.

3
Der unauffällige weiße Kleintransporter, in dem sich Mortensens Ausrüstung befand, wartete im Schatten vor der Sporthalle. Mortensen saß hinter dem Lenkrad und aß einen Apfel.
Wisting parkte seinen Wagen, stieg aus und trat an das geöffnete Autofenster. Ein paar Jungen spielten draußen auf dem Kunstrasen Fußball.
„Wir fahren zur Hütte von Bernhard Clausen“, sagte er statt einer Begrüßung.
Fluchend warf Mortensen das Kerngehäuse auf die Fußmatte vor dem Beifahrersitz.
„Es geht nicht um den Todesfall“, fügte Wisting schnell hinzu, „sondern um etwas ganz anderes.“
Wisting berichtete vom Treffen mit dem Generalstaatsanwalt und dem Geld, das der Parteisekretär gefunden hatte.
„Ich kenne den Weg“, schloss er. „Fahr einfach hinter mir her.“
Wisting kehrte zu seinem Wagen zurück, fuhr los und kontrollierte im Spiegel, dass Mortensen ihm folgte, bevor er auf die Straße Richtung Küste einbog.
Die Besiedelung wurde spärlicher, und schon bald war er von üppigen Kornfeldern umgeben. Nach einigen Kilometern bog er ab in Richtung Küste und Hüttengebiet. Der alte Asphalt hatte Risse bekommen. Hier und da ragten Steine aus dem Untergrund hervor. An einer Abbiegung musste er die Landkarte auf seinem Handy zurate ziehen, ehe er schließlich in einen schmaleren, unbefestigten Weg einbog, der vor einer ockerfarbenen Hütte mit Schieferdach und einer zum Wasser ausgerichteten Glasveranda endete.
Ein Wagen stand vor der Hütte. Ein älterer Toyota, der vermutlich Clausen gehört hatte. Er war am Freitag von einem gleichaltrigen Parteigenossen abgeholt worden und mit ihm nach Stavern hineingefahren.
Wisting stellte seinen Wagen etwas abseits ab, damit Mortensen seinen Transporter nahe der Tür parken könnte.
Dann fischte er das Schlüsselbund aus dem Umschlag und trat auf die Hütte zu. Ein Wimpel flatterte träge an einem Flaggenmast. Vom Wasser her konnte Wisting das Geräusch eines Motorboots hören.
Die Hütte lag ein wenig abseits und konnte von den Nachbarhütten nicht unmittelbar eingesehen werden. Alte, gekrümmte Kiefern spendeten Schatten. Eine grasbewachsene Fläche zog sich hinunter zu einer flachen Bucht und ein paar Felseninseln. Zwei Kinder lagen bäuchlings auf einem Steg und hatten Angeln ausgelegt. Eine Wolkenbank thronte reglos über ihnen am Himmel.
Wisting ging zur Haustür, zog die Schlüssel hervor und fand gleich beim ersten Versuch den richtigen.
Die Alarmanlage blinkte und stieß ein paar warnende Pieptöne aus. Wisting gab den Code ein, woraufhin eine grüne Diode aufleuchtete und die Töne verstummten.
An der Garderobenleiste hingen zwei Jacken. Auf dem Boden standen ein Paar Gummistiefel sowie Sandalen.
Das Wohnzimmer enthielt einen offenen Küchenbereich. Ein Kochtopf auf dem Herd wurde von einigen Fliegen summend umkreist, und auf der Arbeitsplatte stand ein Teller mit Essensresten. Im Wohnzimmer befand sich ein großer offener Kamin. Eine Tür führte auf die Glasveranda, von wo aus man über eine breite Treppe nach draußen gelangte. An einer Wand hing ein großes Foto von Clausen, auf dem er im Unterhemd und mit einer Axt neben einem großen Stapel frisch gehackten Holzes abgebildet war, während er sich mit einem karierten Taschentuch die Stirn abwischte. Ein ikonisches Bild, das in vielen Zusammenhängen verwendet worden war. Für gewöhnlich trat Bernhard Clausen nur im Anzug auf, aber so wie auf dem Bild kannten ihn die Menschen. Ein Mann, der die Wurzeln der Partei repräsentierte. Er sprach die Sprache der Arbeiter, war aber auch geübt im Umgang mit höheren Gesellschaftsschichten. Eine Eigenschaft, die ihn äußerst wichtig für die Partei machte. Ohne ihn würde der bevorstehende Wahlkampf nicht mehr der gleiche sein.
Die anderen Fotos an der Wand waren kleiner. Sie zeigten Clausen zusammen mit bekannten Politikern, denen er, überwiegend in seiner Zeit als Außenminister, begegnet war. Nelson Mandela, Wladimir Putin, Dick Cheney, Gerhard Schröder, Jimmy Carter bei der Verleihung des Friedensnobelpreises und verschiedene norwegische Ministerpräsidenten. Clausens graue Mähne sah auf diesen Fotos noch etwas fülliger aus als in den darauffolgenden Jahren, doch der stahlblaue Blick war derselbe.
Vom Wohnraum gelangte man in einen Gang mit Schlafzimmern zu beiden Seiten. In dem Raum, der Bernhard Clausens Schlafzimmer gewesen sein dürfte, war das Bett gemacht. Auf dem Nachttisch lag ein Buch. Ein paar Kleidungsstücke lagen zusammengefaltet auf einem Stuhl. Eine große Reisetasche stand auf dem Fußboden. Auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs gab es ein kleines Badezimmer.
Ganz hinten im Gang lag das Zimmer, das Wisting suchte. Im Inneren roch es anders als in der übrigen Hütte. Trocken und staubig, die Luft war warm und abgestanden. Der Raum war mit lackiertem Fichtenholz getäfelt. Ein Etagenbett, ein Nachttisch und ein in die Wand zum Nebenzimmer eingelassener Schrank bildeten das Mobiliar. An den Wänden hingen verschiedene Poster. Idole aus den Neunzigern neben politischen Parolen. U2 und Metallica und dazwischen Slogans wie Kurs halten, Sicherheit im Alltag und Vorrang für Sozialfürsorge. Ein Flickenteppich lag auf dem Boden, und am Fußende des Bettes befand sich ein Fenster mit dünnen, geblümten Vorhängen. Es war von außen mit einem Laden fest verschlossen, dafür gab es hoch oben an der Wand zwei Lüftungsventile.
Insgesamt waren es neun Pappkartons. Fünf im oberen Bett und vier im unteren. Dort lag außerdem ein Benzintank mit Schlauch, Pumpe und Kupplung für Außenbordmotoren.
Die Kartons hatten verschiedene Größen und Formen. Einige waren schlichte Bananenkisten, die man in Lebensmittelgeschäften bekam, wenn man danach fragte.
Mortensen bereitete seine Fotoausrüstung vor. Wisting drückte sich an die Wand und wechselte den Standort je nachdem, welchen Blickwinkel Mortensen wählte. Dabei stieß er mit der Schulter an eines der alten Wahlplakate. Es löste sich an einer Ecke von der Wand und gab den Blick frei auf ein rundes Loch von etwa einem Zentimeter Durchmesser. Wisting blickte hindurch. Er sah nichts, entdeckte aber ein weiteres Loch.
„Was ist das?“, fragte Mortensen. „Ein Guckloch?“
„Keine Ahnung.“ Wisting entfernte das Plakat vollständig von der Wand.
Zwei weitere Löcher kamen zum Vorschein. Er zog einen Kugelschreiber aus der Hemdtasche, bohrte ihn in das Loch und stieß auf dünnes Papier.
Mortensen richtete die Kamera auf die Wand. Wisting trat auf den Gang und dann ins Nebenzimmer. Auch hier hing altes Wahlkampfmaterial an den Wänden. Sozialdemokratie – weil wir einander brauchen. Mehr Wachstum für Norwegen. Senioren und Gesundheit zuerst. Wisting entfernte ein Plakat mit der Aufforderung JA zur EU. Dahinter befanden sich vier Löcher, die Aussicht auf verschiedene Bereiche des Nebenzimmers boten.
Mortensen war Wisting gefolgt.
„Eigenartig“, kommentierte er und hob die Kamera.
„Lass uns mal weitermachen“, sagte Wisting und ging zurück in den Raum mit dem Etagenbett.
Mortensen zog sich Latexhandschuhe über, bevor er einen der Kartons vom Bett nahm und auf den Boden stellte. Er war schwerer als ein Karton mit Kopierpapier. Ursprünglich hatte sich einmal ein Computer von Siemens Nixdorf darin befunden.
Die Deckelklappen des Kartons waren mit braunem Klebeband verschlossen gewesen. Wisting wusste nicht, ob der Parteisekretär es aufgeschlitzt hatte oder Clausen selbst.
Nachdem er ebenfalls Latexhandschuhe übergezogen hatte, klappte Wisting den Deckel auseinander. Der Karton war bis zum Rand mit Hundertdollarscheinen gefüllt, von denen einige mit grauer Paketschnur zu Banknotenbündeln verschnürt waren.
Wisting nahm ein Bündel heraus und schätzte, dass es sich um einhundert Scheine handelte. Zehntausend Dollar. Etwa zweihundert solcher Bündel lagen in dem Karton. Zwei Millionen.
Er legte das Geld zurück, nahm einen der Kartons vom oberen Bett und öffnete ihn. Darin befanden sich stapelweise Euro-Banknoten zu verschiedenen Nennwerten: zwanzig, fünfzig und hundert.
„Die müssen ja hier schon jahrelang gestanden haben“, bemerkte Mortensen. „Die reinsten Staubfänger. Sieht jedenfalls nicht so aus, als hätte er davon was verwendet.“
Wisting stimmte ihm zu. Bernhard Clausen hatte immer den Eindruck erweckt, als führte er ein eher bescheidenes Leben.
Mortensen trat einen Schritt vor und nahm ein Geldbündel in die Hand.
„Ist das vielleicht so eine Art heimliche Geldreserve, über die er als Außenminister verfügte?“, mutmaßte er. „Geld, um norwegische Soldaten freizukaufen, die von irgendwelchen Terrororganisationen als Geiseln gehalten werden, oder so ähnlich?“
Wisting zuckte mit den Schultern. Das war nicht ausgeschlossen. Geld für solche Krisen existierte durchaus, aber es wurde wohl kaum in Pappkartons in der Hütte eines pensionierten Politikers aufbewahrt.
Er trat an den Schrank und öffnete ihn. Stapelweise alte Zeitungen und Zeitschriften lagen darin. In einem der Fächer standen verschiedene Spraydosen, von Insektenmittel bis Haarspray, und am Boden des Schranks befanden sich zwei Behälter mit Propangas. Wisting beugte sich hinunter und schaute unter das Bett. Dort standen zwei Benzinkanister und ein weiterer Pappkarton. Staub wirbelte auf, als er ihn hervorzog.
Der Karton enthielt alte Comic-Hefte. Wisting nahm ein paar davon heraus und entdeckte darunter zwei deutschsprachige Pornomagazine. Er ließ sie liegen, schob den Karton zurück, stand auf und wischte sich die Hände an der Hose ab.
„Lass uns anfangen“, sagte er mit einem Kopfnicken in Richtung der Betten. „Wir registrieren und dokumentieren alles und nehmen es dann mit.“
„Wohin sollen wir das denn bringen?“, fragte Mortensen.
„Zu mir nach Hause“, erwiderte Wisting.
„Zu dir nach Hause? Willst du das alles wirklich da unterbringen?“
„Vorläufig“, sagte Wisting. „Bis wir wissen, worum es hier überhaupt geht.“
„Dann hoffe ich mal, dass du eine gute Alarmanlage hast.“
Wisting zog sein Handy aus der Tasche und verließ den Raum, damit der Kollege die Kartons in aller Ruhe versiegeln und beschriften konnte.
Er streifte die Latexhandschuhe ab, ging aus dem Haus und lief zum Wasser hinunter. Hinter einem Felsen gab es eine kleine windgeschützte Terrasse mit offenem Kamin, Grill, Biergartentisch und Wärmelampen. Wisting kehrte der Hütte den Rücken zu und scrollte durch die Kontaktliste auf seinem Handy. Sie war lang geworden und enthielt etliche Namen von Menschen, mit denen er seit Jahren nicht gesprochen hatte. Schließlich fand er die gesuchte Nummer und wählte sie.
Wisting und Olve Henriksen kannten sich seit Ewigkeiten. Sie hatten sich gemeinsam bei der Polizeischule beworben, doch Olve war wegen seiner unzureichenden Sehstärke nicht angenommen worden. Heute gehörte ihm einer der größten Sicherheitsdienste des Landes, der alles von Türsteherdiensten bis hin zu Werttransporten anbot, und vermutlich verdiente er dreimal so viel wie Wisting.
Olve Henriksen meldete sich nach dem ersten Klingeln.
„Ich brauche eine Alarmanlage“, erklärte Wisting.
Olve Henriksen bot ihm an, dass ein Monteur ihn zwecks Besichtigungstermin zurückrufen könne.
„Ich brauche die Anlage aber noch heute“, fiel Wisting ihm ins Wort.
„Verstehe“, erwiderte Olve.
Eine kleine Pause entstand. Wisting wartete ab. Kleine schwarze Ameisen folgten einem Pfad über die Schiefersteine zu seinen Füßen und verschwanden in einer Mauerritze.
„Ich kann dir um vier jemanden vorbeischicken“, sagte Olve schließlich.
Wisting bedankte sich und nannte ihm seine Privatadresse.
„Ach, und noch was“, sagte er dann.
„Ja?“
Wisting zögerte. Er befürchtete, dass Olve Henriksen zwei und zwei zusammenzählen könnte, war aber zugleich überzeugt, dass sich sein alter Bekannter diskret verhalten würde.
„Habt ihr vielleicht eine Geldzählmaschine?“, fragte er.
„Ja, in der Zentrale“, bestätigte Olve.
„Ist die fest montiert oder beweglich?“
„Wir haben drei. Zwei davon sind für den Transport geeignet. Die dritte haben wir nur als Reserve.“
„Könnte ich mir eine davon ausleihen?“
„Du kannst mit dem Geld hierherkommen“, bot Olve an.
„Lieber nicht“, meinte Wisting. „Ich könnte vorbeikommen und sie abholen.“
„In Ordnung.“
Sie verabredeten Zeit und Treffpunkt, dann ging Wisting zurück zur Hütte.
Mortensen saß in einem Sessel im Wohnzimmer und blätterte im Gästebuch. Er trug noch immer Handschuhe.
„Hans Christian Mukland war vorige Woche hier“, sagte er und deutete auf eine Unterschrift auf einer der letzten Buchseiten. „Er war Justizminister, als ich zur Polizeischule ging.“
Er reichte Wisting das Gästebuch.
„Da stehen noch vier weitere im Regal“, sagte Mortensen. „Alle Gäste haben etwas hineingeschrieben. Seit den Fünfzigerjahren.“
Auch Wisting blätterte im Gästebuch herum. Bekannte Politiker hatten vermerkt, wann sie zu Besuch gewesen waren, und einen kurzen schriftlichen Gruß hinterlassen. An einigen Stellen waren auch Fotos eingeklebt.
„Die nehmen wir mit“, sagte er.
Draußen war ein Auto zu hören, und die beiden Polizisten wechselten einen Blick. Wisting ging zur Tür, zog die Gardine vor dem kleinen Fenster zur Seite und schaute hinaus. Ein großer schwarzer SUV wendete gerade vor der Hütte.
„Kommt da jemand?“, fragte Mortensen.
Der Wagen fuhr weiter. Wisting schüttelte den Kopf. Seine Augen waren zu schlecht, um das Nummernschild erkennen zu können.
„Der fährt wieder weg“, sagte er und blickte dem Wagen nach. „Vermutlich nur jemand, der sich verfahren hat. Die Hütte liegt ja am Ende des Wegs.“
„Oder ein paar Neugierige, die von Clausens Tod gehört haben“, mutmaßte Mortensen. „Wollen wir die Kartons jetzt raustragen?“
Wisting nickte und zog frische Latexhandschuhe über.
Mortensen hatte die Kartons zum Schutz mit Plastikfolien versehen. Mit Wisting trug er sie durchs Wohnzimmer hinaus zu den Autos.
„Ich brauche seine Fingerabdrücke“, sagte Mortensen, während er den ersten Karton abstellte. „Damit ich sehen kann, ob noch andere das Geld in den Händen hatten oder nur er.“
„Er liegt im Ullevål-Krankenhaus“, gab Wisting zurück. „Darum kümmern wir uns morgen.“
„Wir brauchen auch eine biologische Probe, um ein DNA-Profil zu erstellen“, fügte Mortensen hinzu.
Wisting nickte.
„Erledigen wir alles zusammen“, sagte er und blieb stehen, um auf die Wagen aufzupassen, während Mortensen wieder hineinging, um die restlichen Kartons zu holen.
Eine leichte Meeresbrise brachte die Blätter eines wilden Himbeerstrauchs zum Rascheln. Unten am Wasser ging ein Mann mit einer Angel in Begleitung eines Jungen in roter Rettungsweste. Eine Frau zog ihren Hund zu sich, als die drei aneinander vorbeigingen. Etwas weiter entfernt kam ihr ein Mann in langer Hose, hellem Kurzarmhemd und Sonnenbrille entgegen.
Schließlich brachte Mortensen den letzten Karton.
„Wir müssen noch mal zurück und uns das alles genauer ansehen“, sagte er und deutete mit dem Kopf auf die Hütte. „Da drinnen gibt es einen Schreibtisch mit jeder Menge handschriftlicher Notizen. Könnten vielleicht interessante Dinge sein, die uns auf eine Spur bringen.“
Wisting nickte und sah zur Hütte.
„Warte mal kurz“, meinte er.
Dann ging er wieder hinein, trat an den Herd und verscheuchte ein paar umherirrende Fliegen. Die Überreste in dem Topf sahen nach einem Eintopfgericht aus. Er nahm eine Plastiktüte und gab die Essensreste hinein, ehe er den Topf ins Spülbecken stellte und mit Wasser füllte. Daraufhin öffnete er den Kühlschrank, nahm die Lebensmittel heraus und kippte den Inhalt eines Milchkartons in den Ausguss. Abschließend nahm er die Essensabfälle mit hinaus und aktivierte die Alarmanlage, bevor er die Tür hinter sich schloss.

4
In der Herman Wildenveys gate fuhr Wisting so dicht wie möglich rückwärts an die Haustür heran. Mortensen folgte seinem Beispiel. Wisting hatte beschlossen, die Pappkartons im Keller unterzubringen, den er ansonsten nicht nutzte. Der Raum war gemauert, und hoch oben an der Wand befanden sich zwei kleine Fenster.
Jedes Mal, wenn er einen Karton hineintrug, blickte Wisting zum Haus seiner Tochter am anderen Ende der Straße. Er hätte vermutlich keine einleuchtende Antwort parat, falls sie auftauchen und Fragen stellen sollte.
Der Monteur für die Alarmanlage war pünktlich. Wisting entschied sich für eine einfache Einbruchsicherung. Es wäre viel zu kompliziert und zeitaufwendig gewesen, gleichzeitig noch einen Feueralarm zu installieren. Er erklärte dem Monteur, wie er den Kellerraum mit Magnetkontakten an Tür und Fenstern gesichert haben wollte, und bat darum, auch Kameradetektoren anzubringen. Der Bedienungsschalter sollte an der Wand angebracht werden, gleich neben der Tür. Er verzichtete auf ein Warnschild. Im Fall des Falles sollte der Alarm auf seinem und Mortensens Mobiltelefon angezeigt werden und eine Sirene im Inneren des Hauses aktivieren.
Mortensen blieb im Haus, während die Anlage installiert wurde und Wisting unterwegs war, um die Geldzählmaschine abzuholen. Ehe er sie einlud, ließ er sich die Verwendung des Geräts kurz erklären. Man musste zunächst die Währung eingeben, dann konnte die Maschine durch eingebaute Sensoren feststellen, welchen Nennwert die Banknoten hatten. Mithilfe von Infrarotstrahlen und UV-Licht konnten gefälschte Scheine automatisch identifiziert werden. Pro Minute konnte die Maschine eintausendzweihundert Banknoten zählen. Das Gesamtergebnis der Zählung wurde von einem separaten Drucker ausgespuckt.
Auf dem Rückweg fuhr Wisting auf Mortensens Wunsch bei einem Geschäft für Bürobedarf vorbei und kaufte zehn große Pappkartons und Paketklebeband. Als er nach Hause kam, war der Monteur schon fertig. Wisting betrachtete die Detektoren, die an zwei Stellen oben an der Decke angebracht waren.
„Ich musste einen Code festlegen“, sagte Mortensen und gab vier Ziffern auf dem Bedienungsfeld ein. „1808. Das ist der heutige Tag. 18. August.“
Die Anlage gab einen kurzen Piepton von sich und blinkte rot auf. Mortensen gab den Code erneut ein. Die Anlage verstummte, und eine grüne Lampe leuchtete auf.
Sie schoben den Tisch mit dem Geld an die Wand. Wisting stellte die Zählmaschine an den Rand der Tischplatte, während Mortensen die neuen Pappkartons nahm und sein geplantes Vorgehen erklärte.
„Wir zählen das Geld und legen es in die neuen Kartons, damit wir den Überblick behalten“, sagte er. „Die alten Kartons und das Geld kann ich gleich hier auf Fingerabdrücke untersuchen, aber wir stellen auch eine Auswahl von Banknoten zusammen, die sich das Labor anschauen soll.“
Bevor sie anfangen konnten, klingelte es an der Tür.
Wisting lief die Kellertreppe hinauf, trat in den Flur und schaute durch die Glasscheibe neben der Tür. Draußen standen Line und Amalie.
„Hast du abgeschlossen?“, fragte seine Tochter.
Wisting widmete sich sofort seinem Enkelkind, das sich freudig an ihn drückte. Für gewöhnlich verschloss er die Haustür nicht. Line und Amalie gingen einfach hinein, wenn sie zu Besuch kamen.
„Mortensen und ich sind gerade mit etwas beschäftigt“, erwiderte Wisting und hob Amalie in die Höhe. Sie kreischte auf und lachte.
„Wir haben Eistee gemacht“, sagte Line und hielt einen Krug hoch. „Und wir haben dir was mitgebracht.“
Die Eiswürfel klirrten, als Wisting den Krug mit der freien Hand übernahm.
„Wunderbar“, sagte er und blieb in der Türöffnung stehen.
Eine kleine Pause entstand.
„Sie ist eine kleine Diebin“, sagte Line und deutete mit dem Kopf auf ihre Tochter.
Wisting stellte den Krug ab und sah seiner Enkelin in die Augen.
„Was erzählt Mama da?“, fragte er mit ernster Stimme.
Normalerweise redete Amalie wie ein Wasserfall und erfand ständig neue Wörter. Jetzt schwieg sie und wich seinem Blick aus.
„Sie hat im Kinderwagen gesessen, als wir im Laden waren“, erklärte Line. „Als wir wieder rauskamen, hatte sie eine Bonbontüte dabei.“
„Und was habt ihr gemacht?“
„Wir mussten wieder rein und sie zurückgeben. Das Regal mit den Bonbons stand direkt neben der Kasse.“
„Blöder Laden“, sagte Wisting und rieb seine Nase an der Wange seiner Enkeltochter, die daraufhin zu lachen anfing.
„Sag so was nicht“, bat Line und streckte die Hände nach Amalie aus. „Sonst versteht sie nicht, dass sie etwas falsch gemacht hat.“
Wisting wurde wieder ernst und sah seiner Enkelin abermals in die Augen.
„Opa wird traurig, wenn du so was machst“, sagte er und reichte seiner Tochter die Kleine. „Aber für eine Zweijährige ist das mit dem Bezahlen wirklich nicht so einfach zu verstehen“, fügte er hinzu.
„Sie versteht schon, was richtig und was falsch ist“, sagte Line.
Wisting lächelte. Line war eine gute Mutter.
„Miezekatze“, sagte Amalie.
„Miezekatze?“, wiederholte Wisting fragend.
„Wir haben manchmal eine Katze im Garten zu Besuch“, erklärte Line.
„Aha“, sagte er und lächelte.
„Wenn du gerade beschäftigt bist, kommen wir vielleicht heute Abend noch mal vorbei“, schlug Line vor.
„Schön!“
Wisting wartete, bis die beiden wieder gegangen waren, schloss dann die Tür und verriegelte sie.
Die beiden Polizeibeamten zogen sich Latexhandschuhe über. Wisting entfernte die Plastikfolie und öffnete den ersten Pappkarton. Die Banknoten schienen in aller Eile hineingestopft worden zu sein. Mortensen sammelte die zuoberst liegenden Scheine ein und legte sie für eine spätere Analyse der Fingerabdrücke beiseite.
„Sehen nicht sonderlich benutzt aus“, meinte Wisting und legte den ersten Stapel Dollarscheine in die Zählmaschine. Ein rasselndes Geräusch erklang, als das Gerät die Banknoten durchzählte.
Mortensen inspizierte das fertige Bündel.
„Die stammen aus den Jahren 2001 und 2003“, stellte er fest und legte die Scheine in einen leeren Karton. „Normalerweise kursieren Geldscheine etwa zehn Jahre, bis sie zu alt sind und aussortiert werden müssen.“
Wisting setzte seine Lesebrille auf und untersuchte das nächste Bündel. Auch hierbei handelte es sich um mehr oder weniger unbenutzte Scheine.
„Alle von 2003“, sagte er.
„Immerhin gibt uns das einen Hinweis, wie weit wir in die Vergangenheit zurückmüssen, um Antworten auf unsere Fragen zu finden“, bemerkte Mortensen.
Wisting inspizierte ein weiteres Bündel Banknoten.
„2001 und 2003“, sagte er. „Bei den Nummern gibt es auch kein System. Anscheinend stammen die Scheine nicht aus derselben Serie. Jedenfalls sind die Nummern nicht fortlaufend.“
Er fütterte die Zählmaschine mit einem neuen Geldbündel. Mortensen googelte währenddessen nach amerikanischen Hundertdollarnoten.
„Die haben da drüben ein etwas anderes System“, referierte er und sah dabei auf sein Handydisplay. „2003 ist das Jahr, in dem das Design der Scheine entworfen wurde. Die 2003er Serie wurde so lange gedruckt, bis 2006 die Gestaltung der Scheine geändert wurde.“
„Das heißt, auch wenn 2003 auf den Scheinen steht, können sie aus dem Jahr 2006 stammen?“, erkundigte sich Wisting.
„Nicht ganz. Im Mai 2005 bekam das amerikanische Finanzministerium eine neue Leiterin. Danach wurden die Banknoten mit ihrer Unterschrift versehen und in einer 2003-A-Serie gedruckt, bis der Hundertdollarschein im Jahr 2006 ein neues Design erhielt.“
„Sind irgendwelche 2003-A-Banknoten dabei?“, fragte Wisting.
Gleich einem Kartenspiel fächerte Mortensen ein weiteres Geldbündel auf.
„Momentan noch nicht“, gab er zurück.
Wegen der manuellen Kontrolle dauerte der Zählvorgang länger, als Wisting veranschlagt hatte. Erst nach einer Dreiviertelstunde hatten sie den Boden des ersten Pappkartons erreicht. Der Ausdruck zeigte, dass es sich um zwei Millionen achtundvierzigtausend Dollar handelte, verteilt auf Hundert- und Fünfzigdollarnoten.
„Der Kurs liegt bei etwas über acht Kronen“, sagte Mortensen und überprüfte die Angabe im Internet. „8,17 um genau zu sein“, fügte er hinzu und rechnete den Betrag in norwegische Kronen um: „16,7 Millionen.“
Wisting versah den ersten Karton mit Paketklebeband.
„Keine A-Banknoten“, konstatierte er. „Wir müssen also zurück vor Mai 2005.“
Mortensen nickte.
„Lass uns mal eine Kiste mit Euroscheinen raussuchen“, sagte er und entfernte die Schutzfolie von einem der anderen Kartons, die sie bisher noch nicht geöffnet hatten.
Wisting griff nach einem Messer, um das Klebeband aufzuschlitzen.
„Das sind Pfund“, sagte er. „Britische Fünfzigpfundnoten.“
„Steht eine Jahreszahl drauf?“, fragte Mortensen und nahm eines der Bündel, um es selbst zu untersuchen.
„1994“, las Wisting vor.
Er langte etwas tiefer in den Karton hinein, um ein anderes Bündel herauszuziehen, und entdeckte plötzlich etwas, das daraus hervorragte. Ein schwarzes Kabel.
Mit zwei Fingern fischte er es heraus.
Es war ein abgerissener Kabelrest mit einer kürzeren roten und einer blauen Leitung, die aus der schwarzen Ummantelung herausragten, und einem Klinkenstecker am anderen Ende.
„Eine Miniklinke“, stellte Mortensen fest. „Zur Übertragung von Tonaufnahmen.“
Er zog einen Beweisbeutel hervor. Wisting musterte die kleine elektrische Komponente eingehend, bevor er sie in den Beutel fallen ließ.
„Ziemlich weit verbreitet“, fuhr Mortensen fort und beschriftete den Beutel. „Die findest du bei allen Kopfhörern, Ohrstöpseln, Funkgeräten …“
Wisting nickte. Es war zu früh, etwas aus dem Fund herauszulesen, aber er musste sofort daran denken, dass es sich um eine geheime Operation gehandelt haben könnte, bei der alles schnell passieren musste und etwas schiefgegangen war.
Er nahm ein weiteres Geldbündel und inspizierte es.
„Auch 1994“, sagte er. „Das gilt für alle Scheine in diesem Bündel, soweit ich sehe.“
Er änderte die Währungseinstellung an der Zählmaschine und ließ das erste Geldbündel durchlaufen. Mortensen machte sich auf der Website der Bank of England schlau.
„Die Jahreszahl hängt offenbar von der Gestaltung ab“, sagte er. „2011 wurde eine neue Pfundnote herausgegeben. Alle Scheine, die zwischen 1994 und 2011 hergestellt wurden, tragen den Aufdruck 1994.“
Nach fünfundvierzig Minuten hatten sie die Summe von 186 000 Pfund beisammen.
„Etwas über 1,9 Millionen Kronen“, rechnete Mortensen aus.
Durch den Papierstaub in der Luft hatte Wisting einen ganz trockenen Hals. Der Krug von Line stand im Regal neben der Haustür, die Eiswürfel waren längst geschmolzen. Wisting ging in die Küche hoch, holte zwei Gläser und schenkte ein.
„Wir müssen auch was essen“, sagte er. „Ich bestelle Pizza.“
Während sie auf das Essen warteten, widmeten sie sich dem nächsten Karton. Er enthielt Euroscheine zu verschiedenen Nennwerten.
„Wann wurde der Euro eigentlich eingeführt?“, fragte Wisting und änderte abermals die Währungseinstellung an der Maschine.
Mortensen zog erneut sein Handy zurate.
„Die Scheine kamen im Januar 2002 in den Umlauf“, sagte er.
„Das grenzt es etwas ein“, bemerkte Wisting. „Bis jetzt stammt das Geld aus dem Zeitraum zwischen Januar 2002 und Mai 2005.“
„Aber das sagt nichts darüber aus, wann es in Clausens Besitz gekommen ist“, wandte Mortensen ein. „Nur dass es frühestens 2003 passiert sein kann, als die Dollarnoten gedruckt wurden.“
Schweigend arbeiteten sie weiter. Nach einer halben Stunde hörten sie draußen einen Wagen halten.
„Das Essen“, sagte Wisting.
Im selben Moment gab die Zählmaschine einen Ton von sich, den sie noch nie gehört hatten, und stellte den Betrieb ein.
„Was ist los?“, fragte Mortensen.
Wisting untersuchte die Maschine.
„Ein Papierzettel“, sagte er und nahm ihn aus dem Zählwerk. „Muss zwischen den Scheinen gelegen haben.“
Der Zettel war so groß wie eine Streichholzschachtel und hatte zwei glatte und zwei abgerissene Seiten, als sei er von der Ecke eines größeren Bogens abgerissen worden. Auf einer Seite stand mit blauer Schrift etwas geschrieben.
Es klingelte an der Tür. Wisting reichte Mortensen den Zettel, streifte die Latexhandschuhe ab und öffnete dem Pizzaboten die Tür.
„Sieht aus wie eine Telefonnummer“, sagte Mortensen, als Wisting zurückkam.
„Norwegisch?“
„Acht Ziffern, ohne Landesvorwahl.“ Mortensen überprüfte die Nummer im Internet. „Registriert auf eine Gine Jonasen in Oslo.“
„Lass uns draußen essen“, schlug Wisting vor.
Mortensen legte den Zettel mit der Nummer in einen Beweisbeutel und versiegelte ihn. Dann aktivierten sie die Alarmanlage, verschlossen den Raum und gingen zur Terrasse auf der Rückseite des Hauses.
Sie aßen direkt aus den Pizzaschachteln und tranken dazu Cola aus der Dose. Die fernen Geräusche der Stadt drangen ab und an zu ihnen herauf. Wisting richtete den Blick auf ein Segelboot, das auf dem Weg in den Sund am Stavernsodden war.
„Irgendeine Idee, was das für Geld sein könnte?“, fragte er.
„Vielleicht wird es von Behörden eingesetzt, um sich gewisse Probleme vom Hals zu schaffen“, mutmaßte Mortensen. „Anschließend landet es bei somalischen Piraten, den Taliban oder dem IS.“
Wisting hatte den gleichen Gedanken gehabt.
„Clausen war Außenminister in der Regierung Himle“, sagte er. „Der Parteisekretär hat ihn über das Geld informiert. Georg Himle hätte sicherlich gewusst, wenn eine größere Geldreserve abhandengekommen wäre. Und dann wären sie damit nicht zum Generalstaatsanwalt gegangen, sondern hätten ganz einfach dafür gesorgt, dass jemand aufräumt.“
Mortensen streckte die Hand nach einem weiteren Pizzastück aus.
„Ich habe keine Ahnung von Politik“, sagte er. „Und von Geld auch nicht.“
„Ich bin mir auch gar nicht sicher, dass die Antwort in der Politik zu finden ist“, erwiderte Wisting. „Wenn wir Antworten wollen, müssen wir mit Menschen reden, die Clausen gekannt haben.“
„Das lässt sich nicht so ohne Weiteres mit einer verdeckten Ermittlung in Einklang bringen“, wandte Mortensen ein. „Für uns zwei wäre das außerdem viel zu viel Arbeit.“
„Ich könnte entsprechende Leute engagieren“, sagte Wisting.
„Denkst du an jemand Bestimmten?“
Wisting nickte, sagte aber weiter nichts.
Irgendwo im Garten zirpte eine Grille.
Nachdem sie aufgegessen hatten, stand Wisting auf.
„Wollen wir weitermachen?“, fragte er.
Mortensen nickte und folgte ihm in den Keller.
Wisting fuhr mit dem Geldzählen fort, während Mortensen nach eventuellen Fingerabdrücken Ausschau hielt. Er klappte die Kartons zusammen, sodass sie flach auf dem Tisch lagen, besprühte sie mit einer Flüssigkeit und ließ sie ein paar Minuten trocknen. Dann legte er ein spezielles Tuch darauf und machte die Fingerabdrücke mit einem Dampfbügeleisen sichtbar.
Jeder Abdruck wurde fotografiert, registriert und für einen Abgleich mit dem Fingerabdruckregister vorbereitet.
„Es gibt ältere und neuere Abdrücke“, berichtete Mortensen. „Die neuen stammen vermutlich vom Parteisekretär, die schwächsten wohl von Clausen selbst. Sie sehen jedenfalls aus, als wären sie schon einige Jahre alt.“
Schweigend arbeiteten sie weiter. Kurz vor zehn Uhr waren sie so gut wie fertig. Wisting hatte fast den Boden des letzten Kartons erreicht, als er zwischen den Geldscheinen etwas hervorblitzen sah.
„Ein Schlüssel“, sagte er und hielt ihn hoch.
Er sah aus wie ein ganz normaler Haustürschlüssel. An einigen Stellen war das Metall angerostet.
Mortensen griff danach und nahm ihn genauer in Augenschein.
„Scheint kein Sicherheitsschlüssel zu sein“, konstatierte er. „Ein Herstellername steht auch nicht drauf.“
„Ein nachgemachter Schlüssel also?“, meinte Wisting.
Mortensen nickte.
„Der lässt sich nicht zurückverfolgen.“
Er legte den Schlüssel in einen weiteren Beweisbeutel, versiegelte ihn und legte ihn zusammen mit den anderen Beuteln, die das Kabel und die Telefonnummer enthielten, auf den Tisch.
Wisting zählte die restlichen Scheine. Das Zählen des Geldes hatte fast sechs Stunden in Anspruch genommen. Nachdem er die Summen auf den Ausdrucken der Maschine zusammengezählt hatte, notierte er sie auf seinem Notizblock.
5 364 400 Dollar
2 840 800 Pfund
3 120 200 Euro
Umgerechnet ergab das eine Gesamtsumme von über 80 Millionen Kronen.

5
In Lines Krug war noch etwas Eistee übrig. Wisting gab ein paar Eiswürfel hinzu und nahm den Krug mit auf die Veranda. Inzwischen war die Sonne untergegangen. Er schob einen Stuhl unter die Außenbeleuchtung und setzte sich mit dem Notizblock und dem iPad hin, das er zu Weihnachten von seinem Sohn Thomas bekommen hatte.
Mithilfe einiger Artikel im Internet konnte er sich schnell einen Überblick über Clausens politisches Leben verschaffen: Er war kurz nach dem Krieg in Oppegård im Regierungsbezirk Akershus in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Als Jugendlicher begann er, für einen Bauunternehmer zu arbeiten, der Wohnblöcke in Groruddalen errichtete. Durch seine Mitarbeit innerhalb der Gewerkschaft bekam er eine Festanstellung im Gewerkschaftsdachverband und engagierte sich in der Bewegung, die Norwegens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unterstützte. 1975 wurde er in den Kommunalrat der Region Oppegård gewählt, und nach zwei Legislaturperioden als stellvertretender Abgeordneter war er ab 1982 Mitglied des Stortings.
Nach einigen Jahren im parlamentarischen Gesundheits- und Sozialausschuss trat er zunächst dem Komitee für Außenpolitik und Verfassungsfragen und später dem Verteidigungsausschuss bei. Beim Regierungswechsel 2001 wurde er zum Gesundheitsminister ernannt. Ein Jahr später verstarb seine Frau, und 2003 kam sein Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Im Zuge von weiteren Regierungsumbildungen gab er sein Amt auf, nahm ab 2005 aber wieder aktiv am Wahlkampf teil und wurde im Herbst desselben Jahres zum Außenminister nominiert. In dieser Eigenschaft war er zeitweilig auch Vorsitzender im Ministergremium des Europäischen Rats. Nach der norwegischen Parlamentswahl 2009 wurde er zum Parlamentspräsidenten gewählt und bekleidete dieses Amt bis zu seiner offiziellen Pensionierung. Den neuesten Artikeln war zu entnehmen, dass er auch weiterhin politisch aktiv sei und den Wahlkampf im Herbst tatkräftig unterstützen wolle.
Eine plötzliche Bewegung am äußeren Rand des Gartens ließ Wisting aufblicken. Line tauchte aus der Dunkelheit auf.
„Wie geht’s denn der kleinen Diebin?“, fragte Wisting und legte sein iPad beiseite.
„Sie schläft“, entgegnete Line und zeigte ihm das Telefondisplay. Eine Kamera im Kinderzimmer sorgte dafür, dass Line ihre Tochter jederzeit sehen und hören konnte.
Wisting wollte etwas über Schlafen und Sündigen sagen, besann sich aber eines Besseren und ging hinein, um seiner Tochter ein Glas zu holen.
„Ich habe mir überlegt, dass ich einen Artikel über Kinder und Diebstahl schreiben könnte“, sagte Line, als er zurückkam.
„Gute Idee“, pflichtete ihr Wisting bei und füllte das Glas.
Line war ausgebildete Journalistin und hatte schon während des Studiums in diesem Beruf gearbeitet. Nach der Geburt von Amalie war sie von Oslo zurück in ihren Heimatort gezogen, und nach einer ausgedehnten Elternzeit hatte sie schließlich bei der VG gekündigt. Jetzt war sie freiberuflich tätig und schrieb Porträts für verschiedene Zeitungen sowie Beiträge in diversen Zeitschriften, in denen sie die praktischen Probleme schilderte, mit denen sie als alleinerziehende Mutter konfrontiert war.
„Das ist vermutlich der einzige kriminalistische Stoff, mit dem ich in letzter Zeit zu tun hatte“, sagte Line und lächelte dabei.
„Vermisst du es?“, fragte Wisting.
Line gab keine Antwort.
„Was treibt ihr da eigentlich, du und Mortensen?“, fragte sie stattdessen und nahm einen Schluck Eistee.
Wisting drehte sein Glas zwischen den Fingern.
„Wir haben Geld gezählt.“
Line sah ihn abwartend an.
„Wir haben es da mit einem Fall zu tun, bei dem es am besten ist, wenn die Polizei keine Fragen stellt“, sagte er schließlich.
„Was denn für einen Fall?“
„Einen Fall, für den ich ein ausführliches persönliches Porträt einer bekannten Person benötige. Um neue und unbekannte Seiten an ihm herauszufinden.“
„Von wem reden wir denn?“
Wisting schlug nach einer Mücke, die an seinem Ohr vorbeigesaust war.
„Könntest du dir vorstellen, das zu übernehmen?“, fragte er.
Line lächelte.
„Ich bin nicht bei der Polizei“, antwortete sie.
„Ich würde dich mit den nötigen Vollmachten ausstatten“, entgegnete Wisting.
Line lachte, begriff aber, dass ihr Vater es ernst meinte.
„Das geht nicht“, sagte sie dann und schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht als Journalistin ausgeben und in Wirklichkeit Informationen für die Polizei zusammentragen.“
Wisting lehnte sich zurück und lauschte den zirpenden Grillen.
„Du kannst natürlich veröffentlichen, was du herausfindest, aber es spricht auch nichts dagegen, wenn wir Informationen austauschen. Zusatzinformationen. Was du von mir erfährst, kann ohne Freigabe nicht publiziert werden, aber die Informationen wären exklusiv. Presse und Polizei gehen andauernd solche Vereinbarungen ein. Außerdem bist du keiner Redaktion verantwortlich.“
Wisting brachte seine Tochter in ein presseethisches Dilemma, doch er merkte, dass sie nicht uninteressiert war.
„Was wären denn das für Vollmachten?“, fragte sie.
„Du erhältst begrenzte und nur für den Einzelfall geltende Polizeivollmacht. Und bezahlt wirst du auch.“
„Was ist mit der Schweigepflicht, für den Fall, dass ich etwas veröffentlichen möchte?“
Wisting dachte nach.
„Wenn sich herausstellen sollte, dass dieser Fall aus irgendwelchen Gründen erst mal nicht an die Öffentlichkeit darf, kannst du natürlich nicht darüber schreiben. Andererseits hat die Polizei kein Interesse daran, irgendetwas zu verheimlichen, solange die laufenden Ermittlungen nicht gestört werden.“
„Das heißt also, ich kann schreiben, was ich will, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind?“
„Sofern die Informationen nicht als vertraulich eingestuft sind“, erwiderte Wisting und nickte.
Line blickte aufs Meer hinaus. Der Svenner-Leuchtturm sendete ein träges Signal aus.
„Gut“, sagte sie. „Um wen geht es?“
„Bernhard Clausen.“
„Den Politiker? Der ist doch tot! Gibt es einen Verdacht, dass …“
Wisting schüttelte den Kopf und unterbrach sie.
„Er ist an Herzversagen gestorben“, erklärte er. „Aber er hat ein ungeheures Vermögen hinterlassen. Ich leite eine inoffizielle Ermittlergruppe, die herausfinden soll, woher das Geld stammt.“
Wisting konnte förmlich sehen, wie es in Lines Kopf arbeitete.
„Von wie viel Geld reden wir denn?“, fragte sie.
„Es ist eine gute Story“, sagte er und lächelte. „Er hatte in seiner Hütte bei Hummerbakken etwa achtzig Millionen liegen.“
Line riss die Augen auf und wiederholte den Betrag. Wisting erläuterte, wie sich die Summe auf verschiedene Währungen verteilte, und beschrieb, wie viel Arbeit sie das Zählen gekostet hatte.
„Clausen wird irgendwann in der nächsten Woche beigesetzt“, fuhr er fort. „Daraus ergibt sich ein Zeitfenster, in dem es ganz natürlich wäre, mit Menschen über seine Vergangenheit zu sprechen.“
„Falls er das Geld im Lotto gewonnen hat, darf ich darüber schreiben, wenn es aber etwas mit irgendwelchen amerikanischen Militäroperationen zu tun hat, dann ist es vertraulich?“
Wisting leerte sein Glas und zerbiss den Rest des Eiswürfels.
„In beiden Fällen geht es darum, die Wahrheit zu finden“, sagte er. „Lass uns damit anfangen.“
Lines Handy gab einen Ton von sich. Amalie war wach geworden.
„Ich sollte jetzt gehen.“
Wisting erhob sich und sammelte die Gläser ein.
„Morgenbesprechung um acht Uhr“, sagte er und deutete auf die Küche.
Line lächelte ihm zum Abschied zu und ging dann nach Hause. Wisting stellte die Gläser in die Spülmaschine und beobachtete seine Tochter durch das Küchenfenster. Eine schwarze Katze schlüpfte unter ihrem Gartenzaun hindurch. Das Tier rieb sich an einem Laternenmast und lief weiter. Als die Dunkelheit es verschluckt hatte, setzte sich Wisting mit dem Notizblock an den Küchentisch.
Eine Telefonnummer, ein Klinkenstecker, ein Schlüssel, ein paar nicht identifizierte Fingerabdrücke und eine ungefähre Zeitangabe. Das war alles. Natürlich gab es auch noch Bernhard Clausen. Irgendwo in seiner Vergangenheit verbarg sich die Antwort. Ein Ereignis oder eine Situation, die es ihm ermöglicht hatte, sich diesen unfassbar großen Geldbetrag anzueignen. Wie bei allen anderen Fällen, die Wisting untersucht hatte, gab es irgendwo einen Schnittpunkt. Dort lag die Lösung.
Er blieb am Tisch sitzen und betrachtete die Zeitleiste, die er gezeichnet hatte. Zu Beginn einer Ermittlung notierte er sich Zeitpunkte, Stichwörter, lose Gedanken und Dinge, die er sich merken wollte. An einigen Stellen hatte er gedankenverloren mit dem Kugelschreiber kleine Muster und Kringel aufs Papier gekritzelt.
Bernhard Clausen hatte ein langes und abwechslungsreiches Leben geführt. Wisting interessierte sich allerdings insbesondere für etwas, das mit Politik nichts zu tun hatte. Den Sohn Lennart Clausen.
Nach seiner Rückkehr in die Politik hatte Bernhard Clausen in einem Interview über das Unglück gesprochen. Sein Sohn war am 30. September 2003 bei einem Motorradunfall am Kolsås in Bærum ums Leben gekommen. Er war mit zwei Freunden unterwegs gewesen und hatte beim Überholen die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Noch an Ort und Stelle war er für tot erklärt worden.
Mit dem Tod seines Sohnes hatte Clausen den letzten nahen Angehörigen verloren. Seitdem gab es niemanden mehr, mit dem er ganz selbstverständlich seine Gedanken oder Geheimnisse hätte teilen können. Und damit niemanden, den man fragen könnte. Ungeachtet dessen hatte Wisting sich die Namen zweier Personen notiert.
Guttorm Hellevik, der langjährige Fraktionsvorsitzende der sozialdemokratischen Stadtverordneten in Oslo, war Clausens Trauzeuge gewesen und hatte ihm anscheinend nahegestanden. Der zweite Name, der in einigen Artikeln auftauchte, lautete Edel Holt. Clausen hatte sie einmal als treue politische Gefolgsfrau bezeichnet. In einem anderen Artikel wurde sie als die Frau beschrieben, die hinter dem großen Mann stehe.
Es war schon nach Mitternacht, als Wisting sich erhob. Er holte seine Zahnbürste aus dem Bad und putzte sich die Zähne, während er durchs Haus lief und überprüfte, ob alle Fenster und Türen geschlossen waren.

Jørn Lier Horst

Über Jørn Lier Horst

Biografie

Jørn Lier Horst, geboren 1970 in Bamble/Norwegen, war Kriminalhauptkommissar bei der norwegischen Polizei, bevor er 2004 als Kriminalschriftsteller debütierte. Seitdem schrieb er sich mit seinen Romanen um den Polizisten William Wisting in die erste Liga der norwegischen Krimiautoren.

 

Pressestimmen
Podcast „Krimikiste“

„Jørn Lier Horst kann vor allem mit der feinen, erfrischend ungewöhnlichen Ausarbeitung seiner Charaktere in der Kombination mit einer spannenden, verwickelten Geschichte überzeugen. Das aber auf ganzer Linie!“

Ruhr Nachrichten

„Wieder ein spannender Krimi in bester skandinavischer Tradition. Mit eher ungewöhnlichen Ermittlern. Sehr lesenswert.“

buchszene.de

„Das Vater-Tochter Gespann gibt einmal mehr ein Dreamteam ab. Die Handlung überzeugt gleich in mehrerlei Hinsicht: durch ihre zum Teil sehr liebenswerten Protagonisten, durch authentische Ermittlungen und auch wegen Lines beeindruckendem journalistischem Einsatz.“

blog.buecher.de

„Ein Norwegen-Krimi der Extraklasse“

Luzerner Zeitung (CH)

„Ein großartiges Stück zeitloser Kriminalliteratur, das spielend einlöst, was Patricia Highsmith einmal für den gelungenen Krimi einforderte, dass ›ein guter Krimi ein Sprungbrett zu einem unvermuteten Höhepunkt ist‹.“

magazin-koellefornia.com

„[Jørn Lier Horst] versteht es in seiner individuellen Erzählweise ein kluges sowie spannendes Buch zu fertigen. Bravo!“

Kommentare zum Buch
Geldsuche
Lesemone am 24.01.2020

Der neue Fall für Wisting beginnt sehr unspektakulär. Doch schnell wird klar, dass die Suche nach dem gefundenen Geld Kreise in die Vergangenheit zieht. So stößt Wisting auf einen neuen Cold Case Fall. Mir hat gut gefallen, dass wieder seine Tochter Line mit in die Ermittlungen einbezogen wurde. Ich fand, dass sie dieses Mal fast mehr im Mittelpunkt stand, als ihr Vater. Die beiden harmonieren sehr gut. Wobei ich die ganze Gruppe, die an den Ermittlungen beteiligt war, sehr harmonisch fand. Niemand fällt aus dem Rahmen oder ist, wie in anderen Krimireihen, als Ermittler ein Häufchen Elend. Ich finde die Krimireihe sehr stimmig und man kann die Bände unabhängig voneinander lesen, da jeder Fall in sich abgeschlossen ist. Für mich hätte es etwas spannender sein können, denn die Ermittlung gestaltet sich doch eher klassisch und ohne große Aufreger. Jedoch gefällt mir der Schreibstil des Autors sehr gut und daher bin ich gespannt, auf einen weiteren Cold Case Fall für Wisting.

Spannung aus Norwegen
JD am 18.01.2020

Den ersten Band dieser Reihe kenne ich nicht, aber das hat meine Lesefreude keineswegs getrübt. Wisting wird zum Generalstaatsanwalt gerufen und dieser entbindet ihn sofort von sämtlichen Aufgaben. Er soll sich ein kleines Team zusammen stellen und herausfinden, was es mit dem riesigen Geldfund auf sich hat, der im Sommerhaus des kürzlich verstorbenen Politikers Bernhard Clausen aufgetaucht ist. Recht bald bindet Wisting neben dem Techniker Mortensen auch seine Tochter Line, eine Journalistin, mit in die Ermittlungen ein. Nach und nach nimmt der Fall immer größere Ausmaße und es gibt Verbindungen zu anderen Fällen. Die Erzählart ist eher ruhig, es wird viel Zeit in die Ermittlungen gesteckt, zwischen durch passiert mal etwas, aber es geht mehr darum, die richtigen "Puzzleteile" zu finden und an die richtigen Stellen zu setzen. Ich habe an manchen Stellen gemerkt, dass ich mich in der Geografie Norwegens zu wenig auskenne, aber das hat auf das Buch keine negativen Auswirkungen. Das Ende ist logisch und wartet noch mit einigen Überraschungen auf, die jedoch alle nachvollziehbar sind. Ich bin gespannt auf weitere Fälle.

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