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Wir hatten Sex in den Trümmern und träumtenWir hatten Sex in den Trümmern und träumten

Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten

Die Wahrheit über die Popindustrie

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Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten — Inhalt

Nichts ist so sexy wie ein Hit – Insider erzählen von Mythen und Machern im Musikbusiness

Was macht einen Star wirklich aus? Wer ist gekommen, um zu bleiben, und wer nächstes Jahr schon weg vom Fenster? Wer verdient, und wer wird verheizt?

Tim Renner und Sarah Wächter wissen, wie das Musikgeschäft funktioniert. In »Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten« erklären sie, wie das Business nicht nur Töne, sondern auch Typen und Träume verkauft, wie Stars gemacht und versenkt werden – und wer wirklich an den Schalthebeln der Popmaschine sitzt.

Vor allem aber erzählen sie kuriose, grandiose und bewegende Storys aus der Sehnsuchtsfabrik: Wie Rammstein ihren US-Durchbruch der Bauweise amerikanischer Neonröhren (und dem blutigen Rücken ihres Sängers) verdankten, oder wie die Sex Pistols Pate standen für den fulminanten Publicity-Coup des Heino-Albums »Mit freundlichen Grüßen«. Marusha, Eminem, Annette Humpe und viele andere bekannte Künstler kommen zu Wort und berichten, was das Musikgeschäft im Innersten zusammenhält. Ein bissiges Liebeslied an und eine liebevolle Abrechnung mit dem Pop – ein Buch, das uns seine Stars aber auch die unzähligen Hintermänner und -frauen zeigt, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben.

€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 15.10.2013
336 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-8270-1161-9
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.10.2013
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7659-5
»Das Buch lässt sich im besten Sinne wie eine deftige Anekdotensammlung wegkonsumieren, aber genauso als kritisches Fachbuch und wohl auch als so etwas wie eine Gebrauchsanweisung studieren.«
booknerds.de
»Pop ist so tun als ob. Nur Insider kennen die Wahrheit. So wie Tim Renner und Sarah Wächter, die Licht ins Dunkel bringen.«
BILD am Sonntag
»Rock und Pop sind unverwüstlich und suchen sich wie Wasser stets einen Weg. Wo der heute verläuft, zeigen Branchenkenner Tim Renner und Sarah Wächter - cool und inbrünstig, wie sich das für Pop gehört.«
WDR 3 "Mosaik/Passagen"
»Der Musikmarkt gilt als Musterbeispiel dafür, wie man im Umgang mit Digitalisierung beinahe alles falsch machen kann. Bisher. Denn der Absturz ist vorbei. […]. Das Geschäft funktioniert wieder, so die Meinung der Autoren, weil die Musikindustrie die Logik der digitalen Netzte akzeptiert: Sie hat gelernt, mit dem Kontrollverlust zu leben. […] Nur wer versteht, dass es keinen privilegierten Vertriebskanal mehr gibt, sondern viele unterschiedlichen Zugänge, der kann sich behaupten.«
Der Spiegel
»Tim Renner und Sarah Wächter, zwei Profis der Musikindustrie, haben ihr gemeinsames Buch "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten" nach dem Refrain des Sterne-Songs "Trrrmmer" benannt. Beide schauen hinter die Kulissen der Musikbranche, aber auch nach vorne.«
Deutschlandfunk "Corso"
»Kaum eine Branche lebt so von Gerüchten, Gründungsmythen und Halbwahrheiten wie die Musikindustrie. Die beiden Branchen-Insider lassen uns hinter die Kulissen blicken und lüften einige Geheimnisse des Popgeschäfts.«
Glamour
»Kein Sex, keine Träume, viele Trümmer – eine Metapher für die Popindustrie. Lange lag sie am Boden, jetzt geht's wieder aufwärts. Das neue Buch von Tim Renner blickt hinter die Kulissen der Branche und macht Bands viel Mut. […]. So ist 'Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten' vor allem eines: Ein Plädoyer dafür, Sachen anzupacken. Sich nicht kleinkriegen zu lassen von der großen Industrie. Für Musiker gilt das erst recht.«
BR Puls
»Die Plattenfirmen haben die Digitalisierung der Musik verschlafen, der Musikmarkt hat im vergangenen Jahrzehnt die Hälfte seiner Größe eingebüßt. Doch das muss nicht unbedingt zum Schaden der Künstler sein, meint der Musikmanager Tim Renner. Es gibt Wege, diese Veränderungen zu nutzen - auch für kleine Künstler.«
Deutschlandradio Kultur
»Ein bissiges Liebeslied an und eine liebevolle Abrechnung mit dem Pop - ein Buch, das uns seine Stars aber auch die unzähligen Hintermänner und -frauen zeigt, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben.«
Radio Eins

Leseprobe zu »Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten«

Wir hatten Sex in den Trümmern und träumtenTim Renner, Sarah Wächter

Kapitel 1
Im Bann von Marion Aphrodite Gleiß –
Stars, Persönlichkeit und die Gabe des Charismas

No more fucking rock and roll


Es sei gleich mit dem ersten Satz dieses Buches klargestellt: Das historische
Verdienst des Rock ’n’ Roll besteht darin, dass er die Musik
frei von den Fesseln des Handwerks gemacht hat. Niemand muss
sich mehr durch Musikschulen quälen oder von Gesangslehrern
eine Technik vorgeben lassen, bevor er oder sie mitmachen darf.
Können ist eine Option und keine Pflicht. Die [...]

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Wir hatten Sex in den Trümmern und träumtenTim Renner, Sarah Wächter

Kapitel 1
Im Bann von Marion Aphrodite Gleiß –
Stars, Persönlichkeit und die Gabe des Charismas

No more fucking rock and roll


Es sei gleich mit dem ersten Satz dieses Buches klargestellt: Das historische
Verdienst des Rock ’n’ Roll besteht darin, dass er die Musik
frei von den Fesseln des Handwerks gemacht hat. Niemand muss
sich mehr durch Musikschulen quälen oder von Gesangslehrern
eine Technik vorgeben lassen, bevor er oder sie mitmachen darf.
Können ist eine Option und keine Pflicht. Die Idee des Rock ’n’ Roll
beruht auf Individualisten mit Charisma, nicht auf Virtuosen.
Doch dann kamen die Leute, die noch weiter gingen und auch
das Menschliche, das charismatische Element in Rock und Pop abschaffen
wollten. In diesem Sinne wurden die Grundpfeiler des
Rock ’n’ Roll Ende der achtziger Jahre in Berlin erschüttert. Man
kann sich gepflegt darüber streiten, ob die neue Musikbewegung
»Techno« nun zuerst in Detroit (durch Juan Atkins, Derrick May,
Kevin Saunderson und Underground Resistance), Belgien (als Fortsetzung
der »Electronic Body Music« des Brüsseler Labels Play It
Again Sam oder auf den Platten von R&S aus Gent), Frankfurt (im
Umfeld des »Technoclub« des DJs Talla 2XLC) oder im Berliner
Ufo-Club (mit DJs wie Dr. Motte, Tanith und Kid Paul) entstand.
Unstrittig ist, dass ihr theoretisches, den Heldenkult und das von
Max Frisch einst als Kraft »magischer Herkunft« beschriebene Charisma
des Rock ’n’ Roll verneinende Gerüst in einer Altbauwohnung
in Berlin-Charlottenburg definiert wurde.
Hier wohnte William Röttger. Der Münsteraner hatte als wissenschaftlicher
Assistent an der Kunstakademie Münster in den siebziger
Jahren die Frau seines Professors geschwängert und kümmerte
sich nun um die DJ-Karriere derer beider Söhne aus erster Ehe, Fabian
und Maximilian. Er war so etwas wie ihr Ersatzvater, Manager
und Chef der gemeinsamen Plattenfirma Low Spirit. Maximilian
legte als »DJ WestBam« auf, sein kleinerer Bruder Fabian folgte
ihm als »DJ Dick« nach. Beide produzierten und veröffentlichten
auch eigene Schallplatten.
Rhetorisch waren alle drei bestens geschult. William Röttger wegen
seines alten Jobs an der Uni, und die beiden Jungs ob der Tatsache,
dass sie auf dem »Kotten« genannten Bauernhof im Künstlerhaushalt
der Familie Lenz bereits von Kindheit an die erwachsenen
Gäste mit Vorträgen unterhalten mussten und stets in deren Diskussionen
eingebunden wurden. Parallel zu seinem musikalischen
Schaffen veröffentlichte Maximilian deshalb auch regelmäßig Aufsätze.
In einem Text namens »Techno Mittelalter« hieß es 1989: »Lebendig
wurde die Musik der 80er in der Disco. Dort wurde, im Live-
Mix der DJs, im besten Fall die Überraschung, die Disharmonie, die
Improvisation, kurz: das Spiel mit der Musik spürbar, dieses musikalische
Element, dessen Verlust Frank Zappa beklagt: ›You can’t do
that on stage no more‹.«*
Die Grundthese des jungen Maximilian Lenz war einerseits,
dass die Musik des Rock ’n’ Roll in doppelter Art und Weise über
die letzten fünfunddreißig Jahre pervertiert worden war. Erst hatte
sie ihre Grundlage, das gleichberechtigte Feiern, gegen eine Art
Führerkult eingetauscht. Das Ziel einer Band in den siebziger und
achtziger Jahren war nicht mehr dasselbe wie in der Frühzeit des
Rock ’n’ Roll. Die Leute sollten nicht primär miteinander tanzen,
man spielte nicht mehr die angesagten Hits, sondern nur eigene
Werke. Das Konzert war keine Party mehr, sondern vor allem die
Huldigung der Stars. Es ging nicht mehr um den gemeinschaftlichen
Spaß, sondern um die Verehrung der sich auf der Bühne inszenierenden
Profilneurotiker. Auf den Befehl »Hands in the air!«
ging es los, im Einheitsstakkato klatschend, die Händen über dem
Kopf, alle im vorgegebenen Takt. Statt Gleichheit und Freiheit sahen
die Techno-Revolutionäre im kontemporären Rock nur noch
Unterordnung und kollektiven Gehorsam.
Andererseits, so argumentierte Lenz weiter, hatte die Studioproduktion
das Live-Erlebnis längst obsolet gemacht. »Die Konzerte der
Bands verkamen zum bemühten Versuch, die 12-Inch-Versionen
ihrer Kompositionen einigermaßen nachzuspielen. Die Zuschauer
kamen nur noch, um nachzuprüfen, ob es die Musiker auch wirklich
gab«, erklärt sich DJ WestBam den Live-Markt am Ende des
zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Bruder und er setzten diesem, aus
ihrer Sicht hochgradig reaktionären und überflüssigen Tun die
»Record Art« entgegen. Die Person und das Charisma des Musikers
spielten keine Rolle mehr, der kulturelle Mehrwert entsprang
nicht dem eigenen Werk, sondern der Montage von verschiedenen
Platten zu einem neuen Ganzen im Club. Der DJ stand dabei im
Dunkeln einer undefinierten Ecke der Diskothek, die Gäste tanzten
miteinander zu dem von ihm definierten Klangbild. »Ein neues
Stück kündigt sich im vorherigen durch eine sequenzierte, rhythmische
Abfolge eines mehr oder minder charakteristischen Wortes,
Satzes oder Geräusches an […]. Das entspricht etwa dem Vermalen
zweier Farbflächen, die in einem Bild aufeinandertreffen.«
Konsequenterweise veröffentlichte Low Spirit 1990 die Single
»No More Fucking Rock And Roll«. Zusammen mit seinem Partner
Klaus Jankuhn dekonstruierte Maximilian Lenz darauf die Hymne
»Satisfaction« der Rolling Stones. Der Siegeszug des Techno schien
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aufzuhalten zu sein: Die Jugend
der untergehenden DDR begriff den Sound der Clubs als Klang der
Freiheit, und immer mehr sogenannte Technotempel entstanden
auch im Ostteil von Berlin. Einer davon war der Tresor am Potsdamer
Platz. Der Name war Programm – befand sich der Club doch
tatsächlich im ehemaligen Tresorraum eines Kaufhauses. Dietmar-
Maria »Dimitri« Hegemann, einer der Macher des Ufo-Clubs, inszenierte
dort ab 1991 einen Ort, der den DJ komplett im Nebel
verschwinden ließ. Selbst das Establishment entdeckte nun den
Techno: »Meine Haarwurzeln tanzten, ich verlor die Orientierung,
aber ich war glücklich«, hieß es in einem Bericht über den Tresor
und Low Spirit im Stern. William Röttger, der den Journalisten
auf der nächtlichen Techno-Kennenlerntour betreute, hatte sichergestellt,
dass dieser zuvor auch die Partydroge Ecstasy kennenlernte.
Die Gebrüder Lenz tourten durch die Republik. Wo sie auch auflegten,
füllten sie die Clubs. Trotz der Verweigerung des Heldenkults
wurden sie bald wie Stars hofiert, und vermeintliche Groupies
standen hinter dem DJ-Pult Schlange. Besonders lang war diese bei
DJ Dick, der seinen Namen wohl nicht zufällig gewählt hatte. Wirklich
absahnen taten dennoch andere. Allen voran der Hamburger
DJ-Promoter Alex Christensen. Als Angestellter der Plattenfirma
Teldec hatte er das Prinzip durchschaut: Er nahm sich den Song,
den Großraumdiskotheken damals nutzten, um der Landjugend zu
zeigen, wie viel ihre Laser-Lichtanlage gekostet hatte, legte einen
schnellen Technobeat darunter und ließ eine mit Vocoder verfremdete
Stimme »one, two, three, Techno« sagen, damit auch wirklich
jeder kapierte, worum es ging. Fertig war »Das Boot«. Recht kalkuliert
lieferte sein Projekt U96 damit den ersten echten Techno-Hit.
Vierunddreißig Wochen stand die am 6. März 1992 veröffentlichte
Nummer an der Spitze der Charts. Im Gegensatz zu den Lenz-Brüdern
hatte Christensen jedoch kein Problem damit, sich auf Bravo-
Plakaten zu zeigen und sich als Popstar feiern zu lassen.
Die Geschichte des Rock ’n’ Roll schien sich auch beim Techno
zu wiederholen: Die Avantgarde arbeitet sich daran ab, das Neue zu
etablieren, aber dann treten ein paar Macher aus den alten Strukturen
des Mainstreams auf den Plan, werfen einige Regeln über den
Haufen, bedienen bewährte Klischees und räumen ab. Egal ob es
sich dabei um Elvis Presley handelt, dessen Entdecker Sam Phillips
zuvor gesagt haben soll: »Wenn ich einen Weißen mit dem Feeling
und der Stimme eines Negers finden könnte, wäre ich Millionär«,
oder um die DDR-Schlagersängerin Nina Hagen, die in Deutschland
den Punk hoffähig machte – es sind immer die Vertreter der
alten Systeme, die am Neuen am besten verdienen.


Marusha kommt und bleibt
Doch dann kam Marusha. Eines Tages war sie einfach da. Sie hieß
eigentlich Marion Aphrodite Gleiß und war dem Ruf William Röttgers
aus Nürnberg nach Berlin gefolgt. Den hatte sie so dreist wie
naiv angehauen, ob sie DJ WestBam denn nicht auch für einen von
ihr selbst veranstalteten kleinen Rave buchen könne, was Röttger
zunächst nur ein müdes Lachen entlockte. Dann lud er die selbstbewusste
Industriekauffrau einfach zu sich ein. Gleiß verkaufte in
Nürnberg Schuhe. Die hatte sie nun stehen und liegen lassen und
machte sich in der Röttger’schen Küche in Berlin-Charlottenburg
breit. Seit ihrer Ankunft bestimmte und dominierte sie diesen Ort,
an dem sich alle trafen, die bei oder mit Low Spirit etwas zu besprechen
hatten. Sie backte Kuchen und mischte sich in jedes Gespräch
ein. »Eigentlich bin ich schüchtern, aber ich fühlte mich wohl, wie
in einer Familie …«, erinnert sie sich. Keinem war diese Dominanz
unangenehm, jeder kam lächelnd aus den Besprechungen heraus,
die sich jetzt fast nur noch um Marusha drehten.
Die junge Frau aus Franken war ein Phänomen. Nicht, weil sie
so wahnsinnig gut ausgesehen hätte, nicht weil sie so extrem charmant
gewesen wäre; einfach, weil sie eine unglaubliche Präsenz
hatte. War sie im Raum, konnte man sich ihr nicht entziehen. Auch
ohne dass sie etwas sagen musste, ging von ihr Energie aus. Sie
konnte keine Platten auflegen, sie konnte nicht produzieren, sie
konnte nicht singen, sie hatte keine Ahnung vom Journalismus –
dennoch traute ihr fast jeder alles zu.
Zu Recht, wie sich schon bald zeigen sollte. Nach nur ein paar
Wochen in der neuen Stadt besaß sie ihre eigene Radiosendung.
Ab November 1990 moderierte sie bei DT64 die Sendung Dancehall,
Deutschlands erste Radioshow über Techno. Um den Job zu
bekommen, hatte sie nur ihren Freund Fabian Lenz zum Interview
begleiten müssen. Den Machern des Radiosenders war sofort klar,
dass diese Frau die Leute auch über den Äther in ihren Bann ziehen
wird. Nur Marusha selbst war unsicher: »Ich fand mich katastrophal,
konnte mich selbst gar nicht hören.«
DT64 war ein Überbleibsel der DDR und sollte bald nach der
Wiedervereinigung eigentlich – wie so vieles – abgewickelt werden.
Die politischen Entscheider hatten aber nicht mit Marusha gerechnet.
Obwohl gerade mal ein Jahr auf Sendung, rief sie zum Widerstand
auf. Und ihr Lebensgefährte DJ Dick rief die, die mit Marusha
für den Erhalt des Senders kämpfen wollten, in die Halle Weißensee.
Weißensee liegt im damals noch recht unwirtlichen Nordosten
von Berlin. Große Techno-Veranstaltungen waren längst noch nicht
üblich, dennoch fanden sich am 14. Dezember 1991 über 5000 Leute
dort ein, um mit Marusha für DT64 zu demonstrieren. Dem todgeweihten
Sender half das zwar nichts (er wurde im Januar 1992
abgeschaltet), aber die »Mayday« war geboren – die erste Techno-
Großveranstaltung. Fortan veranstaltete Low Spirit zweimal im Jahr
einen »Mayday«-Event. Am 30. April des Folgejahrs legte Marusha
im Kölner Eisstadion zusammen mit Aphex Twin und anderen auf.
Das Album zur Veranstaltung beinhaltete den Song »Ravechannel
«, ihre erste eigene Single. 7000 Kölner jubelten den DJs zu, deren
Decks gut sichtbar in der Mitte des Raums positioniert waren.
Als sie dran war, hob Marusha die Arme und das Publikum tat es
ihr kreischend nach.
Marion Aphrodite Gleiß hatte erst blaue, dann grüne Augenbrauen
(»Grün passt einfach besser zu roten Haaren«). Doch das
war es nicht, weshalb das Mädchen, das sich selbst »eine Art Pipi
Langstrumpf« nennt, auffiel: Sie besaß einfach sehr viel Persönlichkeit.
Sie hatte etwas, das man nicht erlernen kann, eine Art natürlichen
Glamour. Manchmal schaut man auf, wenn jemand im
Raum ist, obwohl diese Person gar keinen Laut von sich gegeben
hat. Als sei man in ein natürliches, unsichtbares Kraftfeld geraten.
Oder man betritt eine große Ansammlung von Menschen, etwa bei
einer Party, und weiß intuitiv, dass eine bestimmte Person da ist.
Allein aufgrund ihrer ungeheuren Präsenz. Diese Präsenz, diese
Fähigkeit braucht es, um Menschen in den Bann zu ziehen, um
Bühnen zu füllen, um sich und sein Werk strahlen zu lassen.
William Röttger und die Gebrüder Lenz haben diese Kraft gespürt
und genutzt. Marusha hat sie gelehrt, die Theorien des Techno
zu modifizieren. Zuvor wäre es undenkbar gewesen, dass ein
DJ in seinen Videoclip andauernd zu sehen ist; undenkbar, dass
er dazu auch noch singt. Selbst Alex Christensen hatte sich das im
U96-Video verkniffen und war auch nur kurz aufgetreten. Aber Marusha?
Sie konnte nicht singen, tat es bei ihrer Version von »Somewhere
Over The Rainbow« dennoch. Und im Video ist sie mindestens
so präsent wie das kleine Duracell-Häschen, das wild auf die
Trommel hämmert. Der Song bescherte Low Spirit Anfang 1994
die erste Top-Ten-Platzierung und Marusha eine Platin-Schallplatte.
Im selben Jahr erhielt sie zudem den »Bravo Otto« in Gold und
wurde im nächsten Frühjahr mit dem »Echo« als erfolgreichste
deutsche Interpretin ausgezeichnet. Ihr Charisma hatte aus ihr in
einer Szene ohne Helden einen Superstar gemacht.


Χάρισμα, der Heilige Geist und die DJane Gottes
Das Wort »Charisma« stammt aus Griechenland. Genau wie Marusha.
Dort wuchs sie bei ihrer Großmutter auf, bis sie in Nürnberg
bei ihren Eltern eingeschult wurde. Charis bedeutet so viel wie Gabe
oder Geschenk, Charisma lässt sich als »Gottesgeschenk« übersetzen.
Sie ist die dritte Kraft, die in der Bibel mit dem Heiligen Geist
gleichgesetzt wird. Während Gott für Macht und Möglichkeit steht,
Jesus für Liebe und Fürsorge, ist der Heilige Geist als Dritter im
Bunde die schwer fassbare Erleuchtung. Laut Neuem Testament
»übergießt« Gott am jüdischen Schawuot-Fest fünfzig Tage nach
Christus’ Tod damit dessen Jünger. Dadurch macht er sie stark und
befähigt sie, in die Welt hinauszugehen, um den christlichen Glauben
zu verbreiten. Diesen Prozess der Popstarwerdung der zwölf
Apostel feiert die Kirche bis heute mit dem Pfingstfest.
Die Sehnsucht nach dieser unerklärlichen Ausstrahlung ist
groß. Je stärker die Dominanz unpersönlicher technokratischer
Systeme in einer Gesellschaft, desto stärker wird sie – sicher auch
ein Grund, der es Marusha in der auf Technologie basierenden Szene
der elektronischen Musik einfacher machte. Und sicher auch
ein Grund, warum in einer Zeit, da Deutschland vom Pragmatismus
regiert wird, Der Spiegel genau diesem Thema eine Titelgeschichte
widmet, die die charismatische Gabe Barack Obamas,
Angelina Jolies, Helmut Schmidts, Lady Dis, Joachim Gaucks und
selbst Adolf Hitlers diskutiert, wenn nicht gar feiert. Charisma findet
auch dort Zulauf, wo durch Umbrüche Unsicherheit entsteht.
Die »Charismatische Bewegung« (die sogenannten Pfingstgemeinden)
ist nicht von ungefähr die am stärksten wachsende religiöse
Strömung der Welt. Besonderen Zulauf findet sie in den Schwellenländern
Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.
Jugend bedeutet per Definition Umbruch und Unsicherheit.
Von der meist emotional abgesicherten Kindheit bewegt man sich
als Heranwachsender in die unsichere, noch unbekannte Welt der
Erwachsenen. Die bisher gültigen Autoritäten und Ideale werden
hinterfragt und neue Helden und Ziele müssen gefunden werden.
Natürlich ist es ideal, wenn dann einerseits eine Musik samt dazugehöriger
Jugendbewegung zur Stelle ist, die sich Lehrern und
Eltern verschließt (so wie dereinst Techno), und diese andererseits
von einer Persönlichkeit getragen wird, die man anhimmeln und
verehren kann – weil sie charismatisch ist.
Marusha ist natürlich ein besonders schönes Beispiel, weil Techno
genau das infrage stellte, was Marusha ausmachte. Aber auch
ein besonders signifikantes Beispiel, weil Marion Aphrodite Gleiß
ursprünglich wenig mehr mit an den (Küchen-)Tisch brachte als
ihr Charisma. Dennoch ist der Name austauschbar. Jede Musikrichtung
hat ihre Charismatiker. Und jede Band sollte versuchen, einen
solchen in ihren Reihen zu haben. Charisma kann man nicht erlernen,
aber man kann es erkennen. Prof. Richard Wiseman, Leiter
der psychologischen Abteilung der Universität von Hertfordshire,
hat sich darauf spezialisiert, paranormale Phänomene zu entlarven.
Eine charismatische Person empfindet laut Wiseman Emotionen
besonders intensiv und ist in der Lage, auch andere derart starke
Gefühle erleben zu lassen. Außerdem ist sie relativ resistent gegenüber
dem Einfluss anderer charismatischer Menschen.
Diese Definition zeigt aber auch auf, wo das potenzielle Problem
liegt: Nicht jeder Charismatiker ist so friedvoll und charmant wie
Marion Aphrodite Gleiß. Manche wirft die kleinste Kritik oder eine
schlechte Nachricht aus der Spur. Und dann beginnt eine Abwärtsspirale
der eigenen negativen Gefühle, die sich unmittelbar auf andere
übertragen kann. Und die von niemandem mehr zu stoppen
ist, so man Wiseman und seiner Theorie Glauben schenken darf.
Legendär in dieser Hinsicht war schon immer der Dortmunder
Indie-Rocker Phillip Boa: Die eigenen destruktiven Gefühle sind
fester Bestandteil seiner Musik und er legt es stets darauf an, diese
sogar dem Live-Publikum zu vermitteln. Er schreit »Kill Your Idols«
und scheint sich selbst zu meinen. Um sicherzustellen, diese Energie
auch bei jedem Konzert abrufen zu können, lässt er sich bis
heute gerne aus dem Graben als »Arschloch« beschimpfen. Mittlerweile
skandieren seine Fans die Beleidigungen wie Anfeuerungsrufe
im Fußballstadion. Bei seiner früheren Plattenfirma Polydor
füllten Faxe voller Schimpftiraden und Drohungen die Aktenordner
der Geschäftsleitung, der Abteilungsleiter und der Marketingleute.
Veröffentlichte er neue Alben, meldeten sich danach die zuständigen
Produktmanager und Promoter mit Gürtelrose oder Magenschleimhautentzündung
krank.


Tim Renner

Über Tim Renner

Biografie

Tim Renner, geboren 1964, ist einer der prominentesten deutschen Musikmanager, der u.a. Künstler wie Rammstein, Sportfreunde Stiller oder Element of Crime aufgebaut hat. Er begann seine Karriere 1986 als Talentscout bei Polydor und stieg 2001 bis zum CEO und Chairman von Universal Deutschland auf....

Sarah Wächter

Über Sarah Wächter

Biografie

Sarah Wächter, geboren 1984, legte bereits mit 18 Jahren als DJane in Kölner Clubs Platten auf und schrieb für diverse Musikmagazine. Nach dem Umzug nach Berlin kam sie 2008 zum Label Motor Music und arbeitete zudem als Radio-Promoterin, Künstlermanagerin und Texteschreiberin. Seit 2012 leitet sie...

Pressestimmen

booknerds.de

»Das Buch lässt sich im besten Sinne wie eine deftige Anekdotensammlung wegkonsumieren, aber genauso als kritisches Fachbuch und wohl auch als so etwas wie eine Gebrauchsanweisung studieren.«

BILD am Sonntag

»Pop ist so tun als ob. Nur Insider kennen die Wahrheit. So wie Tim Renner und Sarah Wächter, die Licht ins Dunkel bringen.«

WDR 3 "Mosaik/Passagen"

»Rock und Pop sind unverwüstlich und suchen sich wie Wasser stets einen Weg. Wo der heute verläuft, zeigen Branchenkenner Tim Renner und Sarah Wächter - cool und inbrünstig, wie sich das für Pop gehört.«

Der Spiegel

»Der Musikmarkt gilt als Musterbeispiel dafür, wie man im Umgang mit Digitalisierung beinahe alles falsch machen kann. Bisher. Denn der Absturz ist vorbei. […]. Das Geschäft funktioniert wieder, so die Meinung der Autoren, weil die Musikindustrie die Logik der digitalen Netzte akzeptiert: Sie hat gelernt, mit dem Kontrollverlust zu leben. […] Nur wer versteht, dass es keinen privilegierten Vertriebskanal mehr gibt, sondern viele unterschiedlichen Zugänge, der kann sich behaupten.«

Deutschlandfunk "Corso"

»Tim Renner und Sarah Wächter, zwei Profis der Musikindustrie, haben ihr gemeinsames Buch "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten" nach dem Refrain des Sterne-Songs "Trrrmmer" benannt. Beide schauen hinter die Kulissen der Musikbranche, aber auch nach vorne.«

Glamour

»Kaum eine Branche lebt so von Gerüchten, Gründungsmythen und Halbwahrheiten wie die Musikindustrie. Die beiden Branchen-Insider lassen uns hinter die Kulissen blicken und lüften einige Geheimnisse des Popgeschäfts.«

BR Puls

»Kein Sex, keine Träume, viele Trümmer – eine Metapher für die Popindustrie. Lange lag sie am Boden, jetzt geht's wieder aufwärts. Das neue Buch von Tim Renner blickt hinter die Kulissen der Branche und macht Bands viel Mut. […]. So ist 'Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten' vor allem eines: Ein Plädoyer dafür, Sachen anzupacken. Sich nicht kleinkriegen zu lassen von der großen Industrie. Für Musiker gilt das erst recht.«

Deutschlandradio Kultur

»Die Plattenfirmen haben die Digitalisierung der Musik verschlafen, der Musikmarkt hat im vergangenen Jahrzehnt die Hälfte seiner Größe eingebüßt. Doch das muss nicht unbedingt zum Schaden der Künstler sein, meint der Musikmanager Tim Renner. Es gibt Wege, diese Veränderungen zu nutzen - auch für kleine Künstler.«

Radio Eins

»Ein bissiges Liebeslied an und eine liebevolle Abrechnung mit dem Pop - ein Buch, das uns seine Stars aber auch die unzähligen Hintermänner und -frauen zeigt, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben.«

WDR 5 "Scala"

»Auf unterhaltsame Art und Weise schildern die beiden, was und wer einen Star zum Star macht. Das Buch liefert fundierte Einblicke in die Struktur des Systems Popindustrie. Außerdem gehen sie der Frage nach, wie sich die Industrie nach der digitalen Revolution verändert hat.«

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