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Wind

Die Chroniken von Hara 1

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Wind — Inhalt

Viele Menschen würden den Bogenschützen Ness und seine Frau Lahen lieber tot sehen – schließlich sind sie die berüchtigsten Meuchelmörder des Landes. Doch als plötzlich auch die Verdammten, die Anhänger der schwarzen Kunst, Lahen verfolgen, wird klar, dass sie sich ihrer magischen Gabe bemächtigen wollen. Zusammen müssen Lahen und Ness verhindern, dass der dunkle Funke erneut entzündet und Hara ins Chaos gestürzt wird. Es beginnt ein Wettlauf um ihr Leben – und der Kampf um die Magie in ihrer Welt …

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 12.05.2014
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
496 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-26983-4
€ 11,99 [D], € 11,99 [A]
Erschienen am 16.04.2012
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
448 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95550-8

Leseprobe zu »Wind«

Wer Wind sät,
wird Sturm ernten.

 

PROLOG

 

Luk hatte eine Stinklaune: Diese Nacht hatte er unvermutet Wache schieben müssen. Jetzt war er hundemüde, zitterte in der morgendlichen Kälte, stampfte mit den Füßen auf und zog die Jackenärmel über die klammen Finger. Morgen – genauer gesagt heute – würde der Geburtstag des Imperators gefeiert. Bei ihnen in der Burg dürfte das Spektakel wahrscheinlich schon in aller Frühe losgehen – wenn er noch immer seinen Dienst versah!
»Da platzt doch die Kröte!«, brummte er und zog die Nase hoch.
Hier gab es weit und [...]

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Wer Wind sät,
wird Sturm ernten.

 

PROLOG

 

Luk hatte eine Stinklaune: Diese Nacht hatte er unvermutet Wache schieben müssen. Jetzt war er hundemüde, zitterte in der morgendlichen Kälte, stampfte mit den Füßen auf und zog die Jackenärmel über die klammen Finger. Morgen – genauer gesagt heute – würde der Geburtstag des Imperators gefeiert. Bei ihnen in der Burg dürfte das Spektakel wahrscheinlich schon in aller Frühe losgehen – wenn er noch immer seinen Dienst versah!
»Da platzt doch die Kröte!«, brummte er und zog die Nase hoch.
Hier gab es weit und breit keine Feinde. Trotzdem bestand ihr Hauptmann auf Wachtposten! Unsinn! Warum befahl er dann nicht einfach, das Tor zu schließen? Aber nein, das stand seit ein paar Jahren ja sogar nachts sperrangelweit offen. Allerdings hatte es dennoch nie auch nur eine Ratte gewagt, durch den vierzig Yard hohen Eingang zu huschen!
Verflucht seien sie alle, der kreuzdämliche Hauptmann, der Sergeant und das Schicksal!
Verdrossen stiefelte Luk auf dem Wehrgang zwischen dem Eisturm und dem Feuerturm entlang. Ab und an nickte er seinen Gefährten unten im Hof zu, die dem heißen Shaf zusprachen, diesem mit Kräutern gewürzten Hopfentrank. Die ihrerseits konnten es sich natürlich nicht verkneifen, ihn auch noch aufzuziehen. Deshalb ging Luk rasch weiter, bevor einer von ihnen womöglich noch darauf kam, ihn an seine Spielschulden zu erinnern.
Die Burg der Sechs Türme war die größte Festung, die es in Hara gab, geschaffen vom Skulptor selbst. Wer den einzigen Pass über die Westflanke der Buchsbaumberge nahm, musste durch sie hindurch. In ihrer tausendjährigen Geschichte war sie oft angegriffen, aber nie genommen worden. Selbst die Armee Nabators hatte sich an den grauen Mauern die Zähne ausgebissen. Denn um diese Festung zu stürmen, bedurfte es einer Waffe, die härter war als Stahl. Und einer unglaublichen Verwegenheit.
O nein, solange die Burg existierte, brauchte niemand um den weichen Bauch des Imperiums zu fürchten.
Gerade traten aus dem Regenturm zwei Frauen auf den Wehrgang hinaus, eine Schreitende und eine Glimmende. Da die beiden Magierinnen eifrig über etwas sprachen, wandte sich Luk von ihnen ab, um sie nicht zu stören. Er trat an eine Schießscharte heran und ließ den Blick durch die Gegend schweifen.
Er stammte aus einem kleinen Dorf in der Steppe, und selbst heute, sechs Jahre nachdem er die ersten schneebedeckten Gipfel gesehen hatte, konnte er die Schönheit der Berge nicht genug bestaunen.
Einst waren zahllose Karawanen durch die Burg und über den Pass gezogen, um aus fernen Landen Waffen, Seide, Teppiche, Gewürze, Pferde und hunderterlei andere Waren nach Süden zu bringen. Doch diese goldenen Zeiten gehörten der Vergangenheit an. Heute lag die Straße verödet da. Nur die Hirten der Umgegend sowie Kundschafter, die trotz allem von ihren Kommandanten ausgeschickt wurden, trauten sich noch, über die alte Straße in die unwirtlichen Berge vorzudringen.
Allerdings mussten die jede Disziplin vergessen haben: Bereits die zweite Einheit war wie vom Erdboden verschluckt. Mittlerweile tobte der Kommandant und herrschte die Hauptleute an, die ihrerseits die Standpauken an die Sergeanten und einfachen Soldaten weitergaben.
Luk wiederum war ganz froh, dass die rothaarigen Nordländer, darunter auch Ga-nor, nach wie vor durch die Gegend streiften, denn er schuldete dem Kundschafter noch Geld – das er nicht besaß. Neulich hatte er beim Würfelspiel sogar fast seinen ganzen Monatssold verloren! Nur ein lausiger Sol, eine dieser winzigen Silbermünzen, fristete noch sein Dasein in seinem Lederbeutel. Mit dem würde sich Ga-nor aber nie zufriedengeben. Doch begleichen musste er, Luk, seine Schuld, denn mit den Nordländern war nicht zu spaßen. Dafür saß denen allen die Faust zu locker.
Luk schob den Kopf durch die Schießscharte und spuckte aus. In der Hoffnung, der Speichel möge jemanden treffen, verfolgte er den Flug. Es trieb sich jedoch leider gerade niemand da unten herum. Zum zigsten Mal in dieser frühen Morgenstunde stieß er sein »Da platzt doch die Kröte!« aus, ehe er sich wieder daranmachte, die Gegend auszuspähen.
Nicht weit von der Burg entfernt lag eine kleine Stadt. Die niedrigen Häuser waren aus runden Steinen und Lehm errichtet, der von den Ufern des nahen Bergflusses stammte. Dort wohnten die Familien von Hirten, Fellhändlern und Silbersuchern. Angst, unmittelbar an der Grenze zu leben, zeigten diese Menschen keine. Warum auch? Die Festungsmauern waren uneinnehmbar, die Soldaten tüchtig. Die Bergstämme wagten sich nicht mehr hierher, dazu hatten sie in der Vergangenheit zu oft Prügel bezogen. Dazu hatten sie ihre Lektion zu gründlich gelernt: Jetzt würden sie eher einen Tunnel durch die Berge nagen, als noch einmal versuchen, die mächtigen Mauern der Burg einzureißen.
Obwohl der Sommer bereits nahte, roch die Luft immer noch ein wenig nach Frost. Die Sonnenstrahlen tauchten die nebelumwölkten, schneebedeckten Gipfel in rosafarbenes Licht. Unaufhaltsam kroch die Sonne hinter dem Kamm im Osten hervor. Schließlich funkelte der Schnee auf den Bergspitzen so grell, dass Luk die Augen zusammenkneifen und abermals seine Kröte zitieren musste.
Als er die Augen wieder öffnete, sah er, dass auf der leeren morgendlichen Straße zwei ausgemergelte Maultiere dahertrotteten, die einen alten Wagen zogen. Aus dieser Höhe war das Fuhrwerk nicht größer als ein Handteller, aber Luk war für seine Luchsaugen bekannt und konnte ausgezeichnet erkennen, dass auf dem Kutschbock eine Frau saß.
Sie trug zerlumpte Kleidung und sah wie die reinste Vogelscheuche aus. Ungläubig verzog Luk das Gesicht. Wollte sie etwa nach Tannenfurt? Dann lagen noch fünfzehn League vor ihr. Aber wenn sie Fell zum Markt brachte, der zu Ehren des Geburtstags vom Imperator abgehalten wurde, hätte sie schon vor sechs Stunden aufbrechen müssen. Jetzt träfe sie, selbst wenn sie die Tiere noch so antrieb, erst ein, wenn der Markt bereits geschlossen würde.
Überhaupt war das ein seltsames Vehikel. Obwohl er fast alle aus Tannenfurt kannte, hatte er es noch nie gesehen. Und auch dieses Weibsbild nicht. Bestimmt eine Bettlerin.
Damit blieben nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Frau war in der Stadt eingetroffen, als er keine Schicht gehabt hatte. Oder sie kam über den Pass – und damit aus Nabator.
Der seltsame Karren hatte sich dem Tor bis auf zweihundert Yard genähert, als Luk einem Gefährten, der sich gerade mit zwei anderen Soldaten unterhielt, zurief: »He, Rek!«
»Was is’?«, antwortete dieser mürrisch.
»Sieh mal da!«
Rek brummte etwas, drehte sich aber doch in die Richtung, in die Luk wies. »Und?«, fragte er schließlich.
»Kennst du die Vettel?«
»Nein.«
»Eben! Ob die aus Nabator ist?«
Kaum fiel dieser Name, da streckten die drei Soldaten auch schon den Kopf zu den Schießscharten heraus.
»Du solltest dem Hauptmann Meldung machen«, brachte Rek hervor.
»Mach das doch selbst«, knurrte Luk, um dann hinzuzufügen: »Die Männer unten sollen mal nachsehen, was es mit der auf sich hat!«
Daraufhin legte Rek die Hände trichterförmig an den Mund und brüllte den Soldaten im äußeren Festungshof etwas mit donnernder Stimme zu. In diesem Augenblick tauchte auch der Hauptmann auf, mit zwanzig Soldaten im Schlepptau, die ebenfalls das Pech hatten, am Feiertag Dienst schieben zu müssen.
Inzwischen verließen bereits zwei Soldaten die Festung und hielten langsam auf den Wagen zu. Ein weiteres Dutzend, überwiegend Neugierige, versammelte sich am Tor. Die Frau zog die Zügel an und antwortete auf eine Frage der Soldaten. Luk hätte viel dafür gegeben zu hören, was sie sagte. Stattdessen sah er nur, wie acht Männer aus dem Wagen sprangen. Sechs von ihnen trugen Rüstung und waren schwer bewaffnet. Beim Anblick der anderen beiden gefror ihm das Blut in den Adern. Weiße Umhänge!
Nekromanten aus Sdiss!
Luk setzte zu einem Warnruf an, um die Aufmerksamkeit der Schreitenden auf sich zu lenken, doch in seiner Angst versagte ihm die Stimme. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie die Männer in den Farben des Königreichs Nabator die benommenen Soldaten mordeten und zur Festung stürmten.
Dort entbrannte ein Kampf.
Etwas grollte, heulte und zischte. Danach zeugten vom Hauptmann und seinen Leuten nur noch blutige Fetzen, die über den gesamten äußeren Festungshof verteilt waren. Und die ganze Zeit über leuchtete der Stock eines der Sdisser Zauberer mit einem grauen Licht.
Dann donnerte es abermals, obendrein viel lauter als gerade eben – und von einem der beiden Nekromanten sowie dem Nabatorer an seiner Seite blieb nicht das Geringste übrig: Die Schreitende hatte ihre Gabe angerufen, unterstützt von der Glimmenden an ihrer Seite, die beide Hände fest auf den Rücken ihrer Herrin presste.
»Das Tor! Da platzt doch die Kröte!«, brüllte Luk. »Schließt das Tor!«
Unterdessen preschten von der Stadt her Hunderte von Gestalten heran. Und zwar nicht nur Reiter aus Nabator, sondern auch magere, skelettgleiche schwarze Geschöpfe.
Untote!
Die jedoch keinen Schritt hinter den Pferden zurückblieben.
Rek hatte endlich das große Horn erreicht, holte tief Luft und blies hinein. Ein dumpfes Heulen hallte über die Türme und schlug Alarm. Von allen Seiten liefen Soldaten herbei. Die meisten konnten sich jedoch keinen Reim auf den Befehl machen und trugen nicht einmal Waffen.
Nun setzten sich auch die beiden Flügel des Tors in Bewegung, um sich langsam zu schließen.
Viel zu langsam.
Die fünf Nabatorer hielten sich mithilfe des verbliebenen Zauberers bis zum Eintreffen der Hauptstreitmacht. Selbst als erst das eine, dann das zweite Fallgitter am Tor krachend heruntergelassen wurde, hatte das bloß zur Folge, dass kurz darauf der Warnschrei durch den Hof hallte, der Nekromant verbrenne die Gitter.
Unternimm etwas, Schreitende!, flehte Luk inständig. Sonst ist das unser aller Ende.
Als würde Luks inneres Gebet erhört, flackerte über den beiden Frauen nun die Luft auf, verdichtete sich und formte sich zu einer gigantischen Eislanze, die sogleich auf den Sdisser zuschoss.
Gleichzeitig aber riss die Vogelscheuche auf dem Kutschbock einen Arm hoch.
Ein ohrenbetäubender Donner folgte.
Für den Bruchteil einer Sekunde meinte Luk, er sei gestorben und fände sich unter der Trommel Ugs, des Gottes aus dem Norden, wieder. Doch als er den dichten Staubvorhang um sich gewahrte, begriffer, dass er nur zu Boden geschleudert worden war.
Benommen schüttelte er den Kopf und richtete sich auf alle viere auf. In seinen Ohren rauschte es, über sein Gesicht lief Blut. Er spuckte den Sand aus, der ihm in den Mund geraten war, und hustete keuchend, ehe er sich mit Mühe erhob und zu der Stelle hastete, an der bis eben die Schreitende gestanden hatte.
Aus den Festungsmauern waren einige der gewaltigen Steinquader, die der Skulptor für ihren Bau verwendet hatte, herausgerissen und Hunderte von Yards weit auseinandergesprengt worden. Einer der Blöcke war auf die Kaserne der zweiten Kompanie niedergegangen und hatte sie in eine Ruine verwandelt. Ein anderer hatte die Fassade des Regenturms eingerissen, ein dritter auf der Straße fünf Nabatorer zusammen mit ihren Pferden und drei Untote unter sich begraben.
Trotz des verheerenden Schadens, den die Magie dieser Fremden auf dem Kutschbock angerichtet hatte, lebte die Schreitende noch. Luk überwand seine Scheu vor allen Adeptinnen der Gabe und stürzte auf die Frau zu. Er erschauderte. Solche Wunden hatte er während all seiner Dienstjahre nicht gesehen. Er versuchte, nur auf das Gesicht zu blicken, das unversehrt geblieben war. Die Schreitende zählte keine neunzehn Jahre und hatte himmelblaue Augen.
Sie lächelte ihn an und sagte mit sehr leiser, aber erstaunlich klarer Stimme: »Überbringe meinen Schwestern, dass die Verdammte Scharlach zurückgekehrt ist.«
»Seid Ihr sicher, Herrin?«, hauchte Luk, dem die Furcht schier die Luft zum Atmen nahm.
Doch die Schreitende antwortete nicht mehr. Ihr brachen die Augen, und Luk hätte am liebsten losgeweint.
Nach wie vor gingen magische Schläge auf die Burg nieder. Schließlich war eine Bresche geschlagen. Die Reiter und Untoten stürmten den inneren Festungshof.
Das Gemetzel begann. Und während der ganzen Zeit leuchtete der Stock des Sdissers in grauem Licht.
Die Verdammte Scharlach jedoch beobachtete mit gelangweilter Miene vom Kutschbock aus, wie sich das endlose blauschwarze Band der Nabatorer in die gefallene Burg schlängelte.

 

KAPITEL 1

 

Der Tag war heiß, und die Kühe, die gemütlich wiederkäuten, hatten sich vor der mittäglichen Glut im Schatten der Weiden in Sicherheit gebracht. Ein einjähriges Kalb stand, von Bremsen gepeinigt, bauchtief im Fluss und stapfte immer mal wieder weiter ins Wasser hinein, um ganz unterzutauchen und sich von den lästigen Insekten zu befreien. Seine gescheckte Mutter versuchte, durch wiederholtes Muhen ihr Söhnchen zurück an Land zu treiben. Das Junge war jedoch zu sehr mit dem Kampf gegen die Bremsen beschäftigt, als dass er auf die beständigen Rufe geachtet hätte.
Pork stieß einen schweren Seufzer aus und legte die selbstgeschnitzte Flöte beiseite. Wie sollte er bei diesem Gemuhe ein ordentliches Lied zustande bringen? Warum gab diese blöde Kuh nicht endlich Ruhe? Ob er das Kalb aus dem Fluss jagen sollte? Aber wozu? Es würde ja doch gleich wieder hineintapsen.
Die Stunden zogen sich endlos dahin. Den Milchkrug hatte Pork bereits halb geleert, das Brot jedoch noch nicht angerührt. Er hatte keinen Hunger. Und auch keine Lust, auf die Kühe aufzupassen – während alle anderen Kinder aus dem Dorf Forellen angelten und Ritter spielten! Aber die wollten ihn, den Dorftrottel, der schon so viel älter war als sie, sowieso nie dabeihaben. Pork hegte deswegen einen unglaublichen Groll auf sie, vor allem da er nicht einmal verstand, warum sie ständig über ihn lachten und ihm einen Vogel zeigten.
Gerade als er sich noch ein, zwei Stündchen im Schatten der Sträucher aufs Ohr hauen wollte, bemerkte er in der Ferne vier Reiter auf der Straße. Ohne Eile überquerten sie die solide, von den Bauern geschaffene Holzbrücke und hielten auf den Kahlen Stein zu. Diese Steine standen an allen Wegkreuzungen und sollten das Böse von den Häusern fernhalten. Die vier Männer schlugen die Abzweigung zum Dorf ein.
Pork stülpte die Unterlippe vor, worauf prompt Speichel auf seinen Hemdsärmel tropfte, und beobachtete die Reiter.
Nach Hundsgras, dem Dorf im Waldsaum vor den Buchsbaumbergen, verirrte sich nur selten jemand.
Wie die Steuereintreiber des Statthalters sahen diese Reiter nicht aus, denn sie trugen nur grobe, lederne Jacken und einfache Leinenhemden, nicht die wunderschöne rot-weiße Uniform, die Pork nur zu gern selbst angezogen hätte.
»Und einen Herold mit Trompete haben sie auch nicht dabei«, murmelte er. »Echt wahr, die Soldaten des Statthalters gefallen mir viel besser. Aber wenigstens haben sie Schwerter. Die sind scharf, das seh ich. Viel schärfer als Vaters Messer, mit dem er Pork bis aufs Blut ritzt. Das tut weh! Einer hat sogar eine richtige Armbrust, keine zum Spielen. Wenn du mit der schießt, gibt’s ein Loch. Wenn Pork eine Armbrust hätte, würden ihn die anderen Kinder nie wieder auslachen. Gnuth hat einen Bogen, und über den lacht niemand. Echt wahr. Und die Mädchen lieben ihn. Jawoll. Die Pferde dieser Onkels sind auch gut, viel besser als die bei uns im Dorf. Wenn die dich damit überrennen, bleibt nichts von dir übrig. Weil das echte Ritterpferde sind. Wenn Pork das Dorf verlässt, wird er auch Ritter. Und rettet Mädchen. Trotzdem sind diese Onkels keine Ritter. Die haben nämlich keine bunten Wappen, Federbüsche und Rüstungen! Das sind höchstens falsche Ritter. Oder vielleicht Räuber. Aber eigentlich sehen sie nicht so aus. Sogar ein Kind weiß doch, dass Räuber nie auf offener Straße reiten. Sonst hängen die Soldaten des Statthalters sie gleich an der nächsten Espe auf. Außerdem haben Räuber keine Ritterpferde. Die sind nur böse, feige, dreckig und haben rostige Messer quer im Mund. Aber die Onkels kommen ohne Messer. Und klauen könnten sie bei uns auch gar nichts. Höchstens ein paar Steckrüben von der alten Rosa.«
Pork malte sich aus, wie eine Bande von ungewaschenen, bärtigen Männern mit einer Machete zwischen den Zähnen über den Zaun der gemeinen Rosa kletterte, sich nach allen Seiten ängstlich umsah und dann die Steckrüben ausbuddelte. Dabei stand Rosa die ganze Zeit auf der Vortreppe, fuchtelte wild mit ihrem Krückstock und ließ die schlimmsten Flüche auf die Halunken hageln. Vielleicht würde die alte Schachtel sogar den Stock nach ihnen schmeißen. Genau das hatte sie nämlich getan, als Pork einmal ihren Zaun eingerissen hatte. Eine schöne Beule hatte das gegeben. Sein Vater war damals der Ansicht gewesen, jetzt würde Pork bestimmt schlauer werden. Aber da hatte er sich zu früh gefreut. Die Kinder lachten immer noch über ihn, nannten ihn Trottel und wollten nicht mit ihm spielen.
Als einer der Reiter den Hirten bemerkte, machte er seine Gefährten auf ihn aufmerksam. Daraufhin ritten alle vier von der Straße hinunter und kamen quer übers Feld auf Pork zu.
Der wäre in seiner Angst am liebsten Hals über Kopf davongestürzt, hätte das nicht bedeutet, die Kühe unbeaufsichtigt zu lassen. Die würden dann bestimmt alle weglaufen – und er könnte sie wieder einfangen! Falls die Scheckige auch noch in die Felsspalte lief, würde er sie selbst mit dem lautesten Gebrüll nicht wieder hervorlocken. Dann würde ihn sein Vater entsetzlich verbläuen, mit Nesseln oder mit der Gerte, und er könnte sich eine ganze Woche lang nicht auf seine vier Buchstaben setzen. Abgesehen davon war es bis zum Wald noch ein ordentliches Stück, da würden ihn die Reiter mit Sicherheit einholen – und vermutlich verprügeln. Damit galt es, zwischen einer klaren und einer vagen Gefahr zu wählen, und Pork entschied sich zu bleiben.
Als ihn die Reiter erreichten, zogen sie die Zügel an.
»Bist du aus dem Dorf, Meister?«, fragte der Älteste von ihnen, ein hagerer, hochgewachsener Mann mit scharfkantigem Gesicht und tiefliegenden, klugen Augen. Er sah Pork freundlich an. Und ein wenig spöttisch.
Nie zuvor war Pork von jemandem Meister genannt worden. Die Anrede gefiel ihm. »Ja«, sagte er.
»Aus Hundsgras?«
»Ja.«
»Ist es noch weit bis dahin?«
»Nö. Nicht sehr, Onkel. Gleich hinter dem Hügel da.«
»Na endlich! Hätten wir ihn also doch gefunden«, bemerkte ein pockennarbiger Mann. »Ein guter Unterschlupf, oder, Knuth?«
»Überrascht dich das etwa, Bamuth?«, fragte dieser zurück. Er war es, der Pork Meister genannt hatte. »Schließlich hat Moltz nichts anderes behauptet.«
Der dritte Reiter, der Jüngste von allen, brummte nur zustimmend. Pork fand ihn auf Anhieb unsympathisch, mürrisch und böse. So einer prügelt ohne jeden Grund los. Und lacht dich aus.
»Gibt es dort eine Schenke?«
»In dem Nest?!«, polterte der Mürrische. »Bis zu den Bergen sind es keine zehn League mehr, was erwartest du da für Schenken?!«
»Wir haben aber eine Schenke«, mischte sich Pork ein. »Gleich an der Straße, die durchs Dorf führt. Es ist das große Haus mit dem roten Schornstein. Da gibt’s leckeren Kuchen. Und Shaf. Den hat mein Vater mich mal kosten lassen. Was wollt ihr eigentlich hier bei uns? Und sind das richtige Schwerter? Darf ich mal eins haben? Eure Pferde sind Rudesser, oder? Die Ritter haben genau die gleichen. Das weiß ich, weil ich später auch Ritter werde. Schnelle Tiere, oder? Ihr seid aber keine Ritter?«
»Halt, halt, nicht alles auf einmal, Meister!«, erwiderte Knuth. »Erst hätte ich mal ein paar Fragen. Sind das deine Kühe?«
»Nö, ich pass bloß auf sie auf.«
»Gefällt dir das?«
Daraufhin blickte der Hirte Knuth nur schmollend an.
Machte der sich also auch über ihn lustig. Dabei hatte er ihn doch Meister genannt. Da hatte Pork angenommen, sie seien Freunde.
Knuth lachte auf, während die drei anderen steinerne Mienen wahrten.
»Wie viele Höfe gibt es in dem Dorf?«
»Viele.« Pork streckte die Finger beider Hände hoch. »Sechs Mal so viele.«
»Bist ein kluger Junge«, lobte ihn Knuth. »Dass du sogar zählen kannst.«
»Kann ich nicht. Das hat mir mein Vater gesagt.«
»Und jetzt verrat mir mal, Meister, ob bei euch im Dorf Fremde leben.«
»Meinst du die Männer des Statthalters?«
»Kommen die denn hierher?«
»Sie waren da, Anfang Frühling. Schöne Männer. Wichtige. Mit Pferden. Jetzt rechnen wir aber erst wieder Ende Herbst mit ihnen. Sonst leben hier nur unsere Leute. Und manchmal noch die Holzfäller.«
»Die Holzfäller?«, hakte Bamuth nach.
»Klar«, sagte Pork, der es sehr genoss, sich so ernsthaft mit den Männern zu unterhalten. »Die fällen Bäume, und dann bringen sie das Holz über den Fluss nach Alsgara. Aus unserem Holz kann man nämlich die besten Schiffe machen. Die gehen nicht unter. Jawoll!«
»Und wo leben die Holzfäller?«
»In Erdhütten, hinter dem Erdbeerbach. Aber nur jetzt. Die sind böse, die Holzfäller. Einmal haben sie mich sogar verprügelt und mein neues Hemd zerrissen. Danach hat mich mein Papa noch verbläut wegen dem Hemd. Jawoll. Im Herbst gehen die Holzfäller dann wieder weg. Die wollen nicht bei uns überwintern. Wenn die Straßen erst mal voller Schnee sind, sitzt man hier nämlich bis zum Anfang des Sommers fest.«
»Ich habe ja gesagt, das ist das reinste Sumpfland«, bemerkte der Mürrische.
»Nö, stimmt nicht. Wir haben auch Berge. Und die Burg der Sechs Türme ist auch nicht weit, aber da bin ich noch nie gewesen. Und bis zum Sumpf muss man erst mal ein paar Tage durch den Wald. Aber wenn du das machst, gehst du unter!«
»Ich glaube nicht, dass unser Freund unter die Holzfäller gegangen ist«, bemerkte der vierte Mann, der bisher geschwiegen hatte und irgendwie an einen Iltis erinnerte.
»Seh ich auch so. Sag mal, Meister, kennst du alle Leute im Dorf?«
Misstrauisch runzelte Pork die Stirn. Was waren das bloß für merkwürdige Männer? Da erzählte er ihnen von den bösen Holzfällern, und die kamen wieder aufs Dorf zu sprechen. Und nach den Soldaten des Statthalters hatten sie auch gefragt.
»Weißt du, wir suchen einen Freund. Er ist so alt wie er«, sagte Knuth und zeigte auf Bamuth. »Und hat blonde Haare und graue Augen. Er lacht fast nie und ist der beste Bogenschütze, den es gibt. Kennst du den?«
»Der beste Bogenschütze ist Gnuth, aber der hat schwarze Haare. Außerdem fehlt ihm ein Auge.«
»Unser Freund hat auch eine Frau, die ist groß und sehr schön. Sie hat langes blondes Haar und blaue Augen. Na? Gibt es hier im Dorf so ein Paar?«
»Vielleicht«, druckste Pork. »Ich kann mir nicht alles merken, schließlich muss ich auf die Kühe aufpassen, sonst schimpft mein Vater.«
»Ob das hier deinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft?« Knuth schnippte Pork eine Münze zu.
Der fing sie auf – und begaffte sie mit offenem Mund. Dieser dumme Onkel hatte ihm einen ganzen Sol gegeben! Jetzt konnte er sich Süßigkeiten kaufen und sie heimlich ganz allein aufessen. Das hatten die anderen davon, dass sie ihn immer Trottel nannten! Pork biss auf die Münze und steckte sie schnell in seinen Rucksack, damit die Männer sie ihm nicht wieder wegnahmen.
»So wie du sie beschrieben hast, sind das Pars und seine Frau Ann.«
Die Männer wechselten beredte Blicke.
»Und wo finden wir die?«
»Das ist ganz leicht. Das Haus liegt am Dorfrand, gleich bei der Schmiede. Ihr erkennt es sofort, denn das Tor hat sehr schöne Pferde mit Flügeln. So ein Tor hätte ich auch gern.«
»Wohnen sie schon lange bei euch?«
»Weiß nicht.« Pork runzelte die Stirn. »Aber eine ganze Weile schon.«
»Mach’s gut, Meister«, sagte Knuth.
Die Unbekannten wendeten die Pferde. Als sie wieder auf der Straße waren, erreichte sie Porks Schrei. »He, Onkels! Aber Pars kann nicht mit dem Bogen schießen! Er ist Zimmermann!«
»Was musstest du dich unbedingt mit diesem Trottel einlassen, Knuth?«, fragte der Mann, den Pork bei sich den Mürrischen genannt hatte. »Wir hätten im Dorf doch jeden anderen fragen können.«
»Willst du dich hier als Lehrer aufspielen? Jeder andere ist ja gerade kein Trottel, den du für einen Sol kaufst. Du kennst diese Dörfler nicht. Wenn denen unsere Visagen nicht gefallen, holst du nichts aus ihnen raus.«
»In dem Fall könnten wir sie ja ein wenig mit dem Messer kitzeln.«
»Nur wärst dann der Trottel du, Shen«, erwiderte Knuth grinsend. »Wie stellst du dir das vor? Wir vier gegen so und so viele Dörfler? Das hier ist nicht Alsgara mit seinen bangigen Männern. Die Leute stürmen nicht gleich Hals über Kopf davon, wenn du dein Messerchen zückst. Die machen nicht viel Federlesens mit dir. Das sind Wilde. Von denen steht jeder mit Beilen und Stöcken für sich selbst ein.«
»Dann hätten wir eben allen Häusern einen Besuch abgestattet! Irgendwo hätten wir euren guten alten Freund schon gefunden!«
»Bei dir klingt alles immer so verflucht einfach. Sechzig Höfe! Was glaubst du, wie viel Zeit uns das gekostet hätte!«
»Ein Stündchen, vielleicht zwei.«
»Eben! Was, wenn sich in der Zeit eine gute Seele findet, die ihn warnt? Und er beschließt, sich nicht mit uns zu unterhalten. Was dann? Wie willst du das Moltz erklären?«
Dieses Argument nahm Shen den Wind aus den Segeln. Verdrossen presste er die Lippen aufeinander, sagte aber keinen Ton mehr.
Unterdessen hatten die Reiter den Hügel erklommen, von dem aus sie Hundsgras vor sich sahen. Das Dorf erstreckte sich zu beiden Seiten eines kleineren Flusses. Allerdings hatte ihnen der Trottel Unsinn erzählt, es gab weit mehr als sechzig Höfe. Rechts der Straße lag ein Friedhof, dahinter ein abgeholztes Stück Land. Auf der anderen Uferseite zogen sich Felder dahin, bis sie auf die finster dräuende Mauer des Waldes stießen. Wälder, kleine Hügel und unzählige Schluchten nahmen das Dorf förmlich in die Zange.
Von Alsgara bis hierher war es für Knuth und seine Männer ein langer Weg gewesen. Die letzten Tage mussten sie unter freiem Himmel schlafen, da sie im Umkreis von einer League nicht eine Schenke gefunden hatten. Von einem anständigen Essen, Wein oder Weibern ganz zu schweigen. Stattdessen durften sie die Bekanntschaft von Mücken und Fliegen machen. Stattdessen folgte ihnen ein sonderbares Heulen. Immerhin war ihnen kein Waldgeist oder einer dieser kleinen Dämonen, ein Gow, begegnet. Wilde Tiere waren ihnen allerdings nicht erspart geblieben. Erst vorgestern hatte sie ein stattlicher Bär angegriffen. Bamuth hatte sofort nach seiner Armbrust gegriffen, das Tier aber verfehlt. Daraufhin hatten sie das braune Monstrum mit Feuer verjagt. Und sie konnten von Glück sagen, dass niemand von ihnen zu Schaden gekommen war.
»Dieser … äh, Einfaltspinsel hat uns leider verschwiegen, auf welcher Seite des Flusses unser Zimmermann lebt«, brachte der pockennarbige Bamuth nun heraus.
»Wir finden ihn schon«, erwiderte Knuth und trieb sein Pferd an. »Der entkommt uns nicht mehr.«
Sie ritten am Friedhof entlang, der nicht einmal eine Einfriedung besaß, kamen an einem Brunnen vorbei, an dem zwei Frauen darüber stritten, welche von beiden als Erste Wasser schöpfen dürfe, und gelangten schließlich in den westlichen Teil des Dorfes.
Zwar richteten sich allenthalben neugierige Blicke auf sie, denn hier tauchten nur selten Fremde und schon gar keine Reiter auf, doch niemand sprach sie an.
Die Schenke fanden sie mühelos. Das Haus war in der Tat auffällig und groß und hatte einen roten Schornstein und ein bemaltes Tor. Der Wirt hätte sich beim Anblick der Fremden beinahe am Shaf verschluckt. Er stierte sie mit derart weit aufgerissenen Augen an, dass Knuth schon befürchtete, er werde gleich einem Schlag erliegen.
Natürlich waren noch Zimmer frei.
»Wir haben nur selten Gäste«, murmelte der Wirt, während er mit einer geschickten Geste den goldenen Soren in Sicherheit brachte, den Knuth ihm zugesteckt hatte. »Also immer rein. Wenn sich mal jemand in unsere Gegend verirrt, will er meist nach Tannenfurt. Wir sind hier fernab von allem. Wollt Ihr etwas essen? Wir machen was zurecht, eh Ihr Euch’s verseht.«
»Wie kannst du dich hier halten? Wenn’s nur wenig Gäste gibt.«
»Wegen der Holzfäller. Und weil die Leute aus dem Dorf herkommen, um Shaf und Wein zu trinken. Allerdings erst abends. Also, werte Herren, Ihr könnt Euch nach Belieben ausbreiten, alle Zimmer sind frei. Meloth sei gepriesen, dass er Euch an meinen bescheidenen Herd geführt hat!«
»Gibt es im Dorf einen Schmied?«, fragte Knuth beiläufig. »Mein Pferd lahmt.«
»Aber sicher, den alten Morgan. Da müsst Ihr immer die Straße rauf, dann nach rechts, über den großen Platz und weiter bis zum Ende des Dorfs. Er lebt unmittelbar am Waldrand, Ihr könnt sein Haus nicht verfehlen.«
Shen und Bamuth verständigten sich mit einem Blick und saßen wieder auf. Knuth und der iltisgesichtige Mann folgten ihrem Beispiel.
»Bereite unsere Zimmer und etwas zu essen vor«, verlangte Knuth. »Wir sind bald zurück.«
Der Wirt versicherte ihnen, sie würden alles zu ihrer vollsten Zufriedenheit vorfinden, und eilte davon, um sich an die Arbeit zu machen. Nicht eine Sekunde dachte er darüber nach, warum alle vier zum Schmied ritten, wenn doch nur das Pferd des einen lahmte.

 

»Der Trottel hat gesagt, es ist gleich neben dem Schmied.«
»Falls er nicht gelogen hat«, sagte Shen.
Knuth schnaubte bloß. Natürlich hoffte Shen darauf, dass der Blödmann sie angelogen hatte. Dann hätte er endlich einen handfesten Beweis für seine, Knuths, Fehlbarkeit.
Er grübelte noch immer darüber nach, warum Moltz ihr eingeschworenes Terzett um einen vierten Mann erweitert hatte. Shen war viel zu jung, um besonnen zu handeln. Nie vergegenwärtigte er sich vorab die Folgen seines Tuns. Was von ausgesprochener Dummheit zeugte. Falls er sich das nicht abgewöhnte, würde er seinen Kopf nicht mehr lange auf dem Hals tragen.
»Wenn er gelogen hat, mache ich kehrt und ertränke ihn im Fluss«, antwortete Knuth gelassen. »Aber warum sollte er?«
Während sie langsam die Straße hinunterritten, spähten sie aufmerksam nach links und rechts. Einmal sprang ein dreckiger, räudiger Köter mit keifendem Gebell über einen Zaun, traute sich dann aber nicht an die Pferde heran. Deshalb schickte er den Reitern nur so lange sein Gekläffhinterher, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden waren.
»Da wären wir ja.« Knuth deutete mit einem Nicken auf ein Tor. »Da sind die Pferde.«
In der Tat zeigte das hölzerne Tor die Form von schlankbeinigen Pferden mit Schwanenflügeln. Sie hatten das Haus, das sie suchten, gefunden. Es war groß und hell und bestand aus Kiefernbalken.
»Siehst du, Shen«, bemerkte Knuth, »manchmal lohnt es sich, den Menschen zu trauen. Auch den Trotteln.«
Shen verzog die Lippen zu einem Grinsen.
»Bamuth, du bleibst hier und passt auf die Pferde auf«, befahl Knuth.
»Und wenn … er uns angreift?«
»Was hast du bloß für eine schlechte Meinung von unserem guten alten Freund.«
»Die Menschen ändern sich im Laufe der Jahre. He! Finger weg von der Armbrust!«
Die letzten Worte galten Shen, der nach seiner Waffe griff, die am Sattel hing.
»Weshalb das?«, fragte er zurück.
»Tu, was er dir sagt«, befahl Knuth. »Wir wollen nur mit ihm reden. In aller Ruhe. Dieses kleine Spielzeug da könnte alles verderben.«
»Aber was … wenn er nicht ruhig und friedlich reden will?!« »Zerbrich du dir darüber nicht den Kopf«, mischte sich der iltisgesichtige Mann ein. »Denk lieber dran, den Mund zu halten!«
Der Iltisgesichtige, der auf den Namen Gnuzz hörte, war von Anfang an nicht gut auf Shen zu sprechen gewesen. Wahrscheinlich würden die beiden früher oder später aneinandergeraten – und danach bliebe einer von ihnen für immer am Boden liegen. Und nach Knuths Ansicht dürfte das nicht Gnuzz sein. Jahrelange Erfahrung, gepaart mit Grausamkeit und List, machten ihn geradezu unschlagbar. Moltz allein wusste, wie viele Seelen aufs Konto dieses Mörders gingen.
»Haltet jetzt beide die Schnauze!«, brüllte Knuth, als er sah, dass Shen die Armbrust nach wie vor umfasst hielt und Gnuzz nach dem Messer griff. »Beharken könnt ihr euch, wenn wir wieder in Alsgara sind. Sofern ihr das dann noch wollt. Jetzt haben wir einen Auftrag zu erledigen. Da können wir getrost auf jede Messerstecherei verzichten. Sollte einer von euch beiden trotzdem Streit anfangen, fliegt er schneller aus der Gilde, als Moltz seinen Namen aussprechen kann. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, ihr Hohlköpfe?«
»Alles klar, Chef.« Gnuzz nahm die Hand vom Messer. »Tut mir leid, ich hab die Beherrschung verloren.«
»Kommt nicht wieder vor«, sagte auch Shen und reichte Bamuth die Armbrust.
»Dann wollen wir uns jetzt um das kümmern, weshalb wir hierhergekommen sind. Ich werde sprechen. Ihr verhaltet euch ruhig. Das gilt vor allem für dich, Shen.«
»Ich hab’s ja verstanden! Behandle mich also nicht wie einen Rotzlöffel!«
»Es ist eine Sache, einen Kohl mit einem Messer zu zerhacken, aber eine ganz andere, mit dem Gärtner zu reden.«
Nach diesen Worten öffnete Knuth das Tor und betrat den Hof – um sofort denjenigen zu erblicken, den sie suchten.
Der Mann hackte mit nacktem Oberkörper Holz. Shen hatte von den anderen dreien bereits etwas über ihn gehört, ihn sich jedoch völlig anders vorgestellt: gesund, stark, mit gewaltigen Pranken und riesigen Fäusten. Aber der Mann vor ihnen, der in Alsgara unter dem Namen der Graue bekannt war, entsprach in keiner Weise dieser Vorstellung. Das war kein Kraftbolzen, kein massiver Gigant, der einem fünfjährigen Stier mit einer einzigen Bewegung das Genick brach. Von ihm ging keine Bedrohung aus. Vor sich sah Shen einen sehnigen, schlanken Mann ohne ein Gramm Fett, aber auch ohne Muskelpakete.
Diesen Typus kannte er. Denen merkte man ihre Kraft nicht an. Obendrein hielten sie so viel aus wie hundert dieser elenden Sumpfbewohner von Blasgen zusammen. Jedenfalls sauste die schwere Axt des Mannes durch die Luft, als wäre sie eine Feder.
Gerade unterbrach er seine Arbeit und richtete den Blick auf die Besucher. Er verengte die grauen Augen zu Schlitzen und packte die Axt mit einer lässigen Bewegung fester. Das entging den dreien nicht. Shen verlangsamte den Schritt, Gnuzz sah sich rasch nach allen Seiten um. Nur Knuth blieb ruhig. Er lächelte, sein wachsamer Blick verriet jedoch, dass auch er gespannt wie eine Armbrust war. Fünf Yard vor dem Mann blieb Moltz’ Abgesandter stehen. »Sei gegrüßt, Grauer.«
Der schwieg sich erst hartnäckig aus, bevor er erwiderte: »Sei gegrüßt, Knuth.«
»Wie geht’s dir?«
»Nicht schlecht«, antwortete der Graue grinsend. »Bis eben jedenfalls.«
»Du hast dir ein hübsches Plätzchen ausgesucht«, überging Knuth die spöttische Bemerkung. »Abgeschieden, mitten im Wald, in der Nähe ein Fluss und ohne das Gewusel der Stadt. Und ein hübsches Häuschen hast du auch.«
»Kann nicht klagen«, sagte der Graue. »Was willst du?«
»Jemand hat mich zu dir gesandt. Können wir irgendwo in Ruhe reden?«
»Ich würde sagen, das tun wir schon.«
»Willst du uns nicht reinbitten?«
»Ich hab nicht aufgeräumt.«
»Sechs Jahre sind vergangen, und du hast dich kein bisschen verändert«, bemerkte Knuth grinsend. »Für Gäste hast du also immer noch nichts übrig.«
»Es sind sieben Jahre, um genau zu sein. Guten Tag, Gnuzz.«
»Guten Tag, Ness. Ich hätte nicht geglaubt, dich je wiederzusehen. Du bist geschickt abgetaucht.«
»Nicht geschickt genug, sonst hättet ihr mich nämlich nicht gefunden«, sagte Ness. »Bamuth wartet am Tor, nehm ich an.«
»Du kennst ihn doch. Er macht nicht gern Besuche. Ich soll dich von Moltz grüßen.«
»Ach ja, der gute alte Moltz«, presste Ness heraus. »Dem entkommt so schnell niemand.«
Als Ness das zerhackte Holz umrundete und vortrat, wich Gnuzz prompt genauso viele Schritte zurück. Im Unterschied zu Shen zog es der iltisgesichtige Mörder vor, zwischen sich und dem Grauen Abstand zu wahren. Daraufhin lächelte Ness zum ersten Mal während ihres Gesprächs und rammte die Axt in den Holzblock. Er fuhr sich mit der Hand durch das strohblonde Haar.
Von allen fiel nun die Anspannung ein wenig ab.
In diesem Augenblick erschien eine hochgewachsene Frau auf der Vortreppe. Die hellen, fast weißen Haare waren zu einem festen Zopf zusammengebunden. Sie trug einen langen schwarzen Rock und ein Leinenhemd. Sobald sie die drei Besucher sah, funkelte in ihren blauen Augen Zorn auf, während sich die feinen Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpressten. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Unwillkürlich griff Knuth nach dem Lederbeutel an seinem Gürtel. Der enthielt einen Talisman, den ein Priester Meloths geweiht hatte. Knuth wusste zwar, dass dieses Amulett gegen die Frau nichts würde ausrichten können, doch der Aberglaube erwies sich als stärker. »Guten Tag, Lahen«, sagte er.
Die überhörte seinen Gruß und sah ausschließlich ihren Mann an. Der versank für den Bruchteil einer Sekunde förmlich in ihren Augen. Das Ganze wirkte, als verständigten sie sich in Gedanken miteinander. Dann wandte sich Lahen ab und ging ins Haus. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, warf sie den ungebetenen Gästen einen letzten warnenden Blick zu.
Kaum dass sie verschwunden war, atmete Gnuzz erleichtert durch, nachdem er in Anwesenheit der Frau die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte.
»Habt ihr früher nicht bloß zu dritt gearbeitet?«, wollte Ness von Knuth wissen.
»Stimmt«, antwortete dieser und setzte eine gallige Miene auf, um sein Glück darüber, einen vierten Mann aufgedrückt bekommen zu haben, zum Ausdruck zu bringen.
»Weshalb seid ihr gekommen?«, fragte Ness, während er sich ein Hemd überstreifte.
»Moltz entbietet dir einen Gruß.«
»Ich kaufe dir nie im Leben ab, dass er dich auf diese lange Reise geschickt hat, nur um mir einen Gruß zukommen zu lassen.«
»Stimmt, nicht nur deswegen«, bestätigte Knuth. »Wir sollen dir noch ausrichten, dass auf deinen Kopf fünftausend Soren ausgesetzt sind. Und genauso viel auf Lahens.«
»Du willst mir meinen Tag doch nicht mit der Mitteilung vergällen, Moltz bräuchte Geld?«
»Nein. Er will dich warnen. Aus alter Freundschaft.«
»Wie gütig von ihm. Wie hat er mich gefunden?«
»Woher soll ich das wissen? Irgendein Vogel wird es ihm gezwitschert haben. Er hat mir den Dorfnamen genannt, und ich bin los. Das Kopfgeld wurde vor zwei Wochen ausgesetzt. Da kam das Gerücht auf, du seist noch am Leben. Offenbar gab es solide Beweise dafür, sonst hätte man dich nicht zur Jagd ausgeschrieben. Und du musst zugeben, dass sich für dieses Sümmchen bestimmt jemand findet, der dich erledigt.«
»Oh, gewiss.« Dann wandte er sich an Gnuzz. »Nimm die Hand vom Messer.«
»Tut mir leid, eine alte Angewohnheit«, entschuldigte sich dieser sofort und zog sich zum Zeichen seiner Friedfertigkeit sogar ein Stück in Richtung Tor zurück.
»Bei so viel Geld hat sich die Sache schnell rumgesprochen. Euer Leben ist in Gefahr.«
»Was lässt mir mein alter Freund Moltz sonst noch ausrichten?«
»Nichts weiter. Übrigens hat Yokh Dreifinger das Kopfgeld ausgesetzt.«
In den grauen Augen loderte eine Flamme auf – nur um sofort wieder zu erlöschen. »Dann vielen Dank für die Warnung. Übermittel auch Moltz meine Dankbarkeit.«
»Er hat eigentlich damit gerechnet, dass du das persönlich erledigst.«
»Meine Sehnsucht nach Alsgara hält sich in Grenzen.«
»Aber hier ist es jetzt zu gefährlich. Jede Ratte kennt euch. Und wieder abtauchen … Pass auf, wir bleiben noch fünf, sechs Tage in der Schenke. Wenn du es dir überlegst, lass es uns wissen.«
»Soll das heißen, ich kriege eine Ehreneskorte?«
»Etwas in der Art. Mach’s gut.«
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, wandte sich Knuth zum Tor um. Als Letzter verließ Gnuzz den Hof. Im Rückwärtsgang, wie es seine Art war.

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. »Die Chroniken von Siala« wurden zu millionenfach...

Pressestimmen

BIZZ! Magazin

»Ebenso wie in den Chroniken von Siala fesselt Pehov den Leser mit Spannung und Einfallsreichtum.«

LARPzeit

»Nervenkitzel pur. (...) fulminanter Auftakt einer faszinierenden Reihe.«

www.Literatopia.de

»Auch Alexey Pehovs zweite Reihe ist eine Leseempfehlung. Kreativität, Spannung und Humor sind vorhanden und bieten dem leser damit eine gute Mischung für vergnügliche Lesestunden.«

Abenteuer & Phantastik

»Von der ersten bis zur letzte Seite befindet man sich in einer archaischen Welt voll Magie und Krieg. (...) Alexey Pehovs High-Fantasy-Trilogie beschreibt ein magisches Reich mit neuartigen Strukturen. Eine tolle Einleitung für eine aufregende Reise durch kommende Schlachten.«

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