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Willkommen zuhause!Willkommen zuhause!

Willkommen zuhause!

Roman

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Willkommen zuhause! — Inhalt

Kann es gutgehen, wenn alte Freunde zusammenziehen, um eine Ü40-Wohngemeinschaft zu gründen?

Renée ist 45, als sie ihren Mann verliert. Plötzlich sieht sie sich allein in ihrem über 300 m2 großen Kreuzberger Zimmer-Labyrinth, denn ihre Kinder gehen längst eigene Wege. In den Wochen der Trauer reift in Renée der Plan, die übergroße Eigentumswohnung doch nicht zu verkaufen, sondern stattdessen mit alten Freunden eine Wohngemeinschaft zu gründen. Katja Altenhoven erzählt liebevoll von dem tragikomischen Versuch, das Leben nicht allein, sondern gemeinsam zu meistern – mit Aussicht auf Erfolg.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 14.01.2016
336 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1045-4
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
336 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7708-0

Leseprobe zu »Willkommen zuhause!«

1.


„Gelb“, murmelt Renée und klebt gelbe Punkte auf die Rückseite der Stühle, die am Esstisch stehen. Stühle sind ungefährlich und nützlich. Ungefährlich, weil sie keinen Anlass geben, traurig zu sein. Bis auf den Stuhl, der an Martins Schreibtisch steht. Auf dem klebt ein roter Punkt, denn der muss weg. Renée hat beschlossen, sich von allen Sachen zu trennen, die sie so sehr an Martin erinnern, dass sie bei deren Anblick sofort zu heulen anfängt. Der Schreibtischstuhl gehört eindeutig dazu. Den hatte Martin auf einem Trödelmarkt gefunden und auf dem [...]

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1.


„Gelb“, murmelt Renée und klebt gelbe Punkte auf die Rückseite der Stühle, die am Esstisch stehen. Stühle sind ungefährlich und nützlich. Ungefährlich, weil sie keinen Anlass geben, traurig zu sein. Bis auf den Stuhl, der an Martins Schreibtisch steht. Auf dem klebt ein roter Punkt, denn der muss weg. Renée hat beschlossen, sich von allen Sachen zu trennen, die sie so sehr an Martin erinnern, dass sie bei deren Anblick sofort zu heulen anfängt. Der Schreibtischstuhl gehört eindeutig dazu. Den hatte Martin auf einem Trödelmarkt gefunden und auf dem hinteren Balkon restauriert. In einem Sommer der so heiß war, dass man es draußen kaum ausgehalten hatte.
Er hatte sich bei der Arbeit an dem Stuhl einen Sonnenbrand geholt und dabei zum ersten Mal festgestellt, dass ihm die Haare ausgingen, weil die Kopfhaut spannte. Renée war die kleine Tonsur längst aufgefallen, aber sie hatte nie etwas gesagt. Obwohl sie schon viele Jahre verheiratet waren, wusste sie nicht, ob es Martin stören würde zu wissen, dass ihm nun, mit siebenundvierzig, langsam die Haare ausfielen.
Der Schreibtisch bekommt ebenfalls einen roten Punkt. Auf dem hatten sie Pauline gezeugt. Martin hatte ihr das nie geglaubt, aber Renée war sich sicher. Sie war 1991 an einem verregneten Juniabend zu ihm ins Arbeitszimmer – das „Bienenzimmer“, wie sie es nannte – gegangen, um ihn zu überreden, mit ihr ins Kino zu gehen. Aber Martin hatte nicht gewollt.
„Ich habe acht Bestellungen für Bienenköniginnen. Die will ich heute Abend noch fertig machen.“
„Du betrügst mich mit deinen Königinnen“, hatte sie geklagt und sich auf seinen Schoß gesetzt. „Was haben die, was ich nicht habe?“ Sie hatte ihrem Mann das Hemd aufgeknöpft und ihm befohlen, ihr jetzt und sofort zu beweisen, dass er sie mehr liebe, als seine Königinnen.
„Sei nicht albern, Renée, das dauert nur noch eine Stunde, dann bin ich fertig, und wir können in die Spätvorstellung gehen.“ Aber er hatte nicht überzeugt geklungen.
„Schau“, hatte sie gesagt und ihre Bluse aufgeknöpft. „Paul ist bei meinen Eltern, wir haben einen freien Abend. Entweder du machst mir jetzt noch ein Kind oder wir gehen ins Kino.“
Sie hatten ein Kind gemacht. Mitten auf dem Schreibtisch, der dabei bedrohlich geknarrt und gequietscht hatte. Schon am nächsten Morgen war sie sich sicher gewesen, schwanger zu sein.
„Ich bin schwanger“, hatte sie am Frühstückstisch zu Martin gesagt. Der hatte genickt, ihre Hand gestreichelt und sie beruhigend angeschaut.
„Wir machen noch ein zweites Kind, Renée. Wenn du eins möchtest, machen wir eins.“
„Das müssen wir nicht mehr, ich bin wirklich schwanger.“
Er hatte gelächelt und sein Frühstücksei geköpft. Später hatte er immer behauptet, Renée habe schon länger vor diesem Morgen gewusst, dass sie ein Kind erwartete. Nur hätte sie es eben romantischer gefunden, Pauline auf dem Schreibtisch empfangen zu haben, auf einer bereits versandfertig gemachten Bienenkönigin sitzend, die den Schreibtischsex nicht überlebt hatte.
„Gelb“, sagt Renée und klebt Punkte auf alle Bücherregale. Auch die sind neutral. Was sie beherbergen, würde allerdings größere Schwierigkeiten bereiten und muss einzeln geprüft werden. Nicht die Bücher, aber all die Kleinigkeiten, die sich im Laufe einer Beziehung ansammeln und deren Bedeutung sich niemandem sonst erschließt.
Sie nimmt das sechs Jahre alte, noch immer verpackte Lebkuchenherz aus einem Regalfach, in dem es liegt, seit Renée es auf dem Weihnachtsmarkt in Celle für Martin gekauft hatte. Struppi, ich liebe dich steht auf dem Ding. Obwohl sie für ihn nie einen solch absurden Kosenamen benutzt hatte, war ihr dieses kitschige Stück ins Auge gefallen. Und nach dem sechsten Glühwein hatte sie es dann gekauft.
„Struppi“, hatte Renées Freundin Judith gejuchzt. „Das passt zu Martin. Weißt du, wie der Hund von Taddeus Punkt? So knurrt Martin doch auch manchmal rum.“
Wer war Taddeus Punkt?
„Der aus dem DDR-Kinderfernsehen. Beim Sandmann. Hast du nie den DDR-Sandmann geguckt als Kind? Der war doch viel besser als der aus dem Westen.“
Judith ist in diesem Punkt unverbesserlich. Sie hatte sich in der DDR nie wohlgefühlt und hing trotzdem an allen möglichen Hinterlassenschaften und Erinnerungen, die meist etwas mit Fernsehen, essbaren Dingen oder Musik zu tun hatten. Sie hatten sich auf dem Weihnachtsmarkt in Celle und beim achten Glühwein zumindest darauf einigen können, dass sie beide mit „Struppi“ einen Hund assoziierten. Judith hatte sich bei dem Wort assoziieren fast die Zunge gebrochen, betrunken wie sie war, aber darauf bestanden, es keinesfalls mit einem einfacheren Wort zu versuchen.
„Ich bin eine gebildete Sekretärin“, hatte sie gelallt und war selbst bei dem Wort Sekretärin ins Stolpern geraten.
Martin war tatsächlich zuerst etwas pikiert gewesen, als Renée ihm das Lebkuchenherz geschenkt hatte.
„Du willst mich jetzt aber nicht Struppi nennen“, hatte er gefragt.
„Nein, mein Bärchen“, hatte sie geantwortet und ihren Mann zum Lächeln gebracht. Danach hing das Lebkuchenherz drei Jahre an der Küchentür, bevor es ins Bücherregal kam. Aber weggeschmissen hatte Martin es nie.
Sie löst vorsichtig die Folie von dem Herz, das hart wie Beton ist, setzt sich auf den Fußboden und fängt an, den Schriftzug aus Zuckerguss abzupulen. Steckt sich Krümel und kleine Bröckchen in den Mund, wo sie sich nur sehr langsam auflösen. Schluckt und hat beim Schlucken jene Art von Halsschmerz, den man bekommt, will man alles, nur nicht anfangen zu weinen.
Struppi, ich liebe dich.
Renée isst die Erinnerung Stück für Stück auf. Bis am Ende nur noch das Komma aus Zuckerguss übrig bleibt, über das sie sich schon beim Kauf des Lebkuchenherzens gewundert hatte, weil Zeichensetzung ihrer Erfahrung nach nicht gerade die Stärke der Produzenten all dieser Scheußlichkeiten war. Dann steht sie auf, eine lang zurückliegende Liebeserklärung an Martin im Bauch, und arbeitet sich weiter mit roten, gelben und blauen Punkten durch die Wohnung.
„Blau.“ Die kleine Anrichte hatte Renée von ihrer Großmutter geerbt. Sie ist mit Erinnerungen verbunden und gefüllt, die nichts mit Martin zu tun haben und von der würde sich Renée deshalb nicht trennen müssen. Auch nicht von anderen Dingen, die sie gemeinsam mit ihm gefunden, erworben, angeschafft hatte. Aber mehr und mehr der zahllosen Sachen in dieser riesigen Wohnung, die einmal aus drei Einzelwohnungen zusammengelegt worden war, bekommen von Renée einen roten Punkt verpasst. Und dabei ist sie erst am Anfang ihrer Reise, hat einige Zimmer noch gar nicht betreten. Muss sich geradezu ermutigen, die Türen zu öffnen in Erwartung der Erinnerungen, die sie überfallen werden.
Zum Beispiel die metergroßen Schachfiguren in einem der hinteren Zimmer. Als Martin das erste Mal ein riesiges Stück Holz in die Wohnung geschleppt und ihr erklärt hatte, er würde ein Schachspiel schnitzen wollen, war Renée einmal mehr geneigt zu glauben, dass sie den sonderbarsten Kerl geheiratet hatte, der ihr jemals über den Weg gelaufen war. Nicht einmal Michael konnte Martin das Wasser reichen, obwohl der eindeutig zur Kategorie der sonderbarer Vogel zählte.
„Das sagst du nur, weil ich Bücher lese, Renée. Ein Arzt, der Romane liest, ist dir einfach noch nicht untergekommen.“ Ganz Unrecht hatte er damit nicht. Doch in erster Linie war Michael Vanroten in ihren Augen ein sonderbarer Vogel, weil er einfach nicht akzeptieren wollte, dass Hausärzte keine Lebensberater sind. Die meisten Patienten aber kamen zu ihm, um ihr Herz auszuschütten.
„Ich bin eben ein Waldundwiesendoktor mit Herz“, sagte Michael, wenn sie ihn darauf ansprach und ihm zu erklären versuchte, dass auch Hausärzte pleite gehen können, wenn sie gar keinen Sinn für die finanzielle Seite ihrer Arbeit haben. Ein Hausarzt lebt nicht von den Geschichten seiner Patienten, sondern davon, dass er sie untersucht, dabei möglichst viel medizinisches Gerät einsetzt, Diagnosen stellt und Rezepte verschreibt. Michael verschrieb nur dann Medikamente, wenn es unumgänglich war.
„Die meisten Krankheiten lassen sich mit einem Gespräch kurieren. Husten und Schnupfen gehen von allein wieder weg, Kummer braucht Zuwendung.“
Trotzdem hatte ihr Michael, kurz nachdem Martin tödlich verunglückt war, ein Beruhigungsmittel verordnet. „Bevor du anfängst, die Wohnung aus- und umzuräumen, musst du ein wenig ruhiger werden. Sonst schmeißt du entweder alles raus und grämst dich später, oder du wirst dich von nichts trennen können, was ein ebenso großer Fehler wäre.“
In der vergangenen Woche hatte er ihr die Erlaubnis erteilt, mit dem Sortieren anzufangen. Und sie war auf die Idee mit den blauen, gelben und roten Punkten gekommen. Will ich behalten, ist nützlich und löst keine guten oder schlechten Gefühle in mir aus, muss unbedingt weg, weil es mich jedes Mal, wenn ich es anschaue oder anfasse, traurig machen wird.
Renée starrt auf die Schachfiguren, die noch lange nicht vollständig waren. „Die Könige und Springer schnitze ich zum Schluss“, hatte Martin gesagt. „Die sind am schwierigsten, zumal ich vorhabe, Islandpferde zu schnitzen.“
„Wieso ausgerechnet Islandpferde“, hatte sie entgeistert gefragt.
„Weil wir seit Jahren nach Island fahren wollen und es nicht tun. Also versuche ich mich an Islandpferden, und du wirst bei deren Anblick eine so große Sehnsucht bekommen, dass wir es doch noch schaffen, dort Urlaub zu machen.“
Manchmal dreht die Geschichte fürchterliche Pirouetten. An dem Tag, als Martin mit zwei Bienenvölkern auf dem Rücksitz auf der Landstraße zwischen Rathenow und Stendal und mit ausreichend Sicherheitsabstand hinter einem Holztransporter herfuhr, war Renée in ein Reisebüro gegangen und hatte eine Reise nach Island gebucht. Sie hatte alles perfekt gemacht, den Flug, das Auto für die Rundtour um die Insel, Übernachtungen.
Möglicherweise hatten sich die zwei Baumstämme genau in dem Augenblick gelöst und waren Martin mit so hohem Tempo entgegengeflogen, dass er nicht mehr hatte ausweichen können, als sie ihre Kreditkarte gezückt hatte, um den gemeinsamen Urlaub zu bezahlen.
Als Feuerwehr und Krankenwagen endlich ankamen, fanden die Sanitäter einen toten Mann, an den sie sich nicht rantrauten, weil tausende Bienen ihn umschwirrten. Ein Bienenzüchter musste geholt werden, der aber sofort in Ohnmacht fiel, als er ins Auto schaute. Einer der Baumstämme, die vom Transporter gefallen waren, war wie ein Pfeil durch die Windschutzscheibe gegangen. Renée hatte ihren toten Mann erst sehen dürfen, als ein Bestattungsinstitut ihn hergerichtet hatte und auch da zeigte man ihr nur seinen Kopf. Der Körper blieb unter einem weißen Tuch verborgen, Renée hatte sich nicht getraut, es wegzunehmen um zu sehen, was der Holzstamm mit ihrem Mann gemacht hatte. Stattdessen hatte sie sich dem Idiotensatz des Bestattungsunternehmers gebeugt, den dieser wahrscheinlich schon hundert Mal in seinem Leben gesagt hatte: „Behalten Sie ihren Mann als lebenden Menschen in Erinnerung.“
„Wie sonst“, hätte sie den Typen am liebsten gefragt. „Mit meinem toten Mann habe ich ja nicht gelebt.“
Die Schachfiguren mussten weg. Alle. Aber wer würde die haben wollen? Unvollständig, wie sie waren? Renée ruft ihren Sohn an und fragt, ob sich dafür vielleicht eine Verwendung auf dem Bauernhof finden ließe. „Ihr könntet sie bemalen und aufstellen. Oder verbrennen.“
„Ich verbrenne doch Papas Schachfiguren nicht. Aber wenn du möchtest, hole ich sie ab. Wie viele sind es denn?“
Renée zählt, verzählt sich, zählt noch mal, verzählt sich wieder und fängt an zu weinen.
„Zwanzig“, schluchzt sie. „Und von den Bauern sieht keiner aus, wie der andere. Jeder hat ein anderes Gesicht. Drei sind behindert.“
„Woran kannst du das denn erkennen?“
„Martin hat es mir gesagt. Einer ist stumm, einem fehlt ein Arm und einer ist verrückt.“
„Ein stummer Bauer aus Holz“, murmelt Paul. „Den schenk ich Joana, die kann Gebärdensprache. Und für den Verrückten finden wir bestimmt auch einen schönen Platz. Gibt ne Menge andere Verrückte hier, mit denen kann er sich anfreunden. Morgen komme ich nach Berlin. Pass auf, dass der verrückte Bauer bis dahin keinen Blödsinn anstellt und hör auf, Papas Sachen zu sortieren, wenn es dich noch immer zum Weinen bringt.“
„Ich muss irgendwann aus dieser Wohnung raus. Was soll ich mit 320 Quadratmetern, Paul?“ Renée stellt einmal mehr fest, dass sie an dem Tag, als Martin gestorben ist, mit ihren Kindern die Rollen getauscht hat. Ich muss aufhören zu heulen und zu jammern, denkt sie. Mein Mann ist tot, und ich muss einen Weg finden, damit klar zu kommen. Ich habe Kinder, Freunde, Arbeit und eine Wohnung, in der mich jedes Zimmer in eine neue Krise stürzt. Meine Kinder reden mit mir, wie mit einem kranken Pferd, und ich sehe Scheiße aus, wenn ich meinem Freund und Hausarzt glauben will.
Renée stellt die Schachfiguren bis auf eine in den kleinen Flur, eine Prozession von Versehrten und Unversehrten, mit einem roten Punkt versehen, als wären sie für den Sommerschlussverkauf feingemacht worden. Dann geht sie ins Bad und stellt sich vor den Spiegel.

 

10.

Am dritten Abend schlägt Pavel vor zu spielen. Er hat im Fernsehschrank eine beachtliche Sammlung Spiele entdeckt und gestanden, dass er ein großer Fan solcher Abende sei.
»Lifestyle, Carcassonne oder Therapy. Für Skat, Mastermind oder Rommé sind wir zu viele, und bei Anno Domini verliere ich immer.«
»Therapy.« Michael verdreht die Augen. »Das kann böse enden. Ich kenne das Spiel. Total manipulativ und irgendwann fangen alle an, sich nackig zu machen, was selten gut ausgeht.«
Niemand hört auf seine Warnungen. Anne ist begeistert, Judith sagt, sie mache alles mit, und Frank erklärt, er sei so schlichten Gemüts, dass es mit ihm bestimmt keine Überraschungen geben werde. Also setzen sie sich an den Küchentisch, kommen sich alle ein bisschen albern vor und lassen sich von Pavel die Spielregeln erklären. Anne moniert, dass es keine rote Plastikcouch für die kleinen Stecker gebe, die man sammeln müsse, um zu gewinnen, man sich stattdessen für irgendeine grässliche Pastellfarbe entscheiden müsse. Überhaupt sei es von den Erfindern dieses Spiels eine infantile Idee gewesen, diese winzigen Plastikdinger in eine ebenso winzige stilisierte Psychiatercouch stecken zu lassen, wenn man irgendetwas richtig gemacht hat, anstatt einfach nur Punkte zu sammeln oder so. Aber irgendwann ist alles sortiert, und es kann losgehen. »Ich mache alles mit, nur keine Rohrschachtests«, erklärt Michael noch und wird so lange bearbeitet, bis er aufgibt und auch mit den Tintenklecksen einverstanden ist.
Die erste richtige Auseinandersetzung gibt es über die
Antworten auf die Frage, wer von den Mitspielern den besten Politiker abgeben würde.
»Ich beantworte keine Fragen, die nicht gegendert sind«, sagt Renée und schreibt Anne auf ihren Zettel. Sie bleibt die Einzige, die sich für diese Antwort entscheidet. Judith und Frank wählen Pavel, und der kürt Michael.
» Eine einzige Stimme bekomme ich von euch «, fragt Anne und erklärt, jetzt wirklich und richtig beleidigt zu sein. »Nicht mal mein Mann findet, dass ich die beste Politikerin abgebe? Muss ich mich jetzt erschießen?«
Alle versuchen zu begründen, warum sie sich nicht für
Anne entschieden haben.
»Du bist zu vorlaut und kannst nicht taktisch sein«, sagt Pavel. »Michael versteckt sich hinter seiner Ironie und lässt sich nicht so leicht provozieren wie du. Wenn ich nur daran denke, wie du in dem Interview von einem Mietpreisbremschen geredet hast, als es um den Beschluss deiner Fraktion ging. Nicht die Spur diplomatisch, du bist wie eine Dampfwalze losgegangen.«
»Ja, findest du, ich soll den Mund halten, wenn die so einen Schwachsinn beschließen?«
Alle schütteln den Kopf, Michael fragt Renée, ob sie mit Anne bei ihren Coachings eigentlich auch Diplomatie übe, was Anne noch mehr auf die Palme bringt.
»Mir muss keiner Diplomatie beibringen, ich weiß, wie das geht, aber ich will es nicht. Habt ihr verstanden ? Von euch muss ja niemand in diesen elend langen Fraktionssitzungen hocken und sich das ganze weichgespülte Geseiere anhören, was da den lieben langen Tag abgelassen wird. Die finden doch für jeden Beschluss eine passende Begründung, egal, wie idiotisch der ist. Dabei sind wir Opposition. Wann, wenn nicht jetzt, können wir die Sau rauslassen?«
Frank lacht, hebt die linke Hand und signalisiert Anne, sie solle abklatschen.
»Du bist viel zu schade für die Politik. Das ist meine Begründung«, sagt er.
»Ich also nicht«, merkt Pavel an, und Frank wird rot.
»So hab ich das nicht gemeint.«
»Wenn wir jetzt weitermachen«, sagt Renée, »reiten wir uns alle ins Unglück.«
»Sie würde nie ›Scheiße‹ sagen«, flüstert Michael Judith ins Ohr, und die nickt.
»Wir sind doch wohl alt genug, uns nicht wegen eines blöden Spiels zu zerstreiten.« Renée gießt sich noch ein Glas Wein ein und hofft das Beste.
»Ich streite, wann immer ich will und Lust habe, und bestehe darauf, dass man auch beim Spielen bei der Wahrheit bleibt«, sagt Anne, steht auf und geht. »Und jetzt muss ich pinkeln und meinen Gallensteinen sagen, dass sie friedlich bleiben sollen.«
»Anne hat Gallensteine«, fragt Michael, und Pavel schüttelt den Kopf. »Wenn, dann seit drei Minuten.«
Danach sitzen alle ruhig und ein wenig verlegen am Tisch, und niemand traut sich, etwas zu sagen. Pavel schlägt vor, Therapy an diesem Punkt abzubrechen und sich vielleicht noch einen netten Film anzuschauen.
Nach einer halben Stunde kommt Anne aus dem Bad, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich zu den anderen vor den Fernseher.
»’tschuldigung«, sagt sie. »An der Stelle bin ich wohl zu dünnhäutig. Wird euch vielleicht komisch vorkommen, aber ich bin ein Sensibelchen. Merkt euch das. Und was ist das denn für eine Scheiße, die ihr da guckt? Ich hasse Veronica Ferres.«
Alle nicken, Michael lächelt, Renée atmet aus, fest überzeugt, die ganze Zeit die Luft angehalten zu haben.

Katja Altenhoven

Über Katja Altenhoven

Biografie

Katja Altenhoven, geboren 1966 in Berlin, studierte in Leipzig Journalistik und arbeitete viele Jahre bei verschiedenen Tageszeitungen, bevor sie sich als Dokumentarfilmerin und Autorin selbständig machte. Unter anderem Namen hat sie mehrere erfolgreiche Romane veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer...

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