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Wie wir warenWie wir waren

Wie wir waren

Roman

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Wie wir waren — Inhalt

Alice und Ben sind das perfekte Paar, verbunden durch ihre Liebe, ihre Kinder. Bis Ben mit den Ärzten ohne Grenzen in ein Krisengebiet nach Afrika geht. Kurz darauf erhält Alice die schlimmste aller Nachrichten: Bens Team wurde überfallen, niemand habe überlebt. Plötzlich ist sie Witwe und alleinerziehende Mutter. Alice schwankt zwischen Trauer und Wut auf Ben. Dann lernt sie Dan kennen: gut aussehend, charmant und hilfsbereit. Schließlich gibt sie seinem Werben nach und sagt Ja. Doch am Vorabend der Hochzeit klingelt das Telefon. Es ist Ben. Er lebt, und er will sein altes Leben zurück ...

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzer: Sonja Hagemann
528 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31096-3
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzer: Sonja Hagemann
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96671-9

Leseprobe zu »Wie wir waren«

London, Holland Park, November 2014

Dan streckte die Hand aus und nahm dem Kellner zwei Champagnergläser ab. Eins davon reichte er Alice und schenkte ihr dabei ein aufmunterndes Lächeln, dann klopfte er an sein eigenes Glas, um die Aufmerksamkeit aller zu erlangen. Er räusperte sich und verkündete: »Ich freue mich so sehr, dass heute Abend meine engsten Freunde hier versammelt sind, um Alice endlich richtig kennenzulernen. Meine Geschichte kennt ihr alle, und ihr wisst von mir auch, dass Alice sehr schwere Zeiten hinter sich hat. Deshalb war ich [...]

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London, Holland Park, November 2014

Dan streckte die Hand aus und nahm dem Kellner zwei Champagnergläser ab. Eins davon reichte er Alice und schenkte ihr dabei ein aufmunterndes Lächeln, dann klopfte er an sein eigenes Glas, um die Aufmerksamkeit aller zu erlangen. Er räusperte sich und verkündete: »Ich freue mich so sehr, dass heute Abend meine engsten Freunde hier versammelt sind, um Alice endlich richtig kennenzulernen. Meine Geschichte kennt ihr alle, und ihr wisst von mir auch, dass Alice sehr schwere Zeiten hinter sich hat. Deshalb war ich überglücklich, als ich ihr begegnet bin. Im Leben bekommt man nur selten eine zweite Chance, und ich habe diese sofort ergriffen. Also, lasst uns auf meinen Neuanfang mit der wunderbarsten Frau der Welt anstoßen!«

Unter dem Johlen und Klatschen seiner Freunde zog er Alice zu sich heran und küsste sie.

Alice sah zu ihren beiden Mädchen hinüber, die mit Dans Tochter Stella in einer Ecke standen. Jools schenkte ihrer Mutter ein schiefes Lächeln, während Holly beide Daumen in die Luft reckte. Alice lächelte zurück und atmete endlich auf. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, es würde alles gut werden.

Dann lehnte sie sich zu Dan und sagte: »Danke für … na ja, für alles. Dafür, dass du mich gerettet und mir gezeigt hast, dass ich wieder glücklich werden kann …« Sie verstummte, weil ihre Stimme nachzugeben drohte.

Dan küsste ihr die Hand. »Du bist diejenige, die mich glücklich gemacht hat. Und ich möchte allen von unserer Verlobung erzählen.« Alice versuchte zu protestieren, aber da rief Dan schon laut: »Und noch etwas, ich habe Alice gebeten, meine Frau zu werden.«

Stille breitete sich im Raum aus. Damit hatten Dans Freunde offenbar nicht gerechnet. Irgendwann begann dann endlich jemand zu klatschen, und alle anderen fielen mit ein.

Alice runzelte die Stirn. »Dan, ich hab dir doch gesagt, dass die Mädchen und ich erst einmal Zeit brauchen, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, bevor wir das öffentlich machen.«

»Entspann dich, mein Schatz. Ich habe vorhin mit den beiden gesprochen, und sie haben mich darin bestärkt, es zu verkünden.« Dan strahlte.

Bevor Alice noch etwas entgegnen konnte, erschien die Eventmanagerin neben Dan und meldete sich mit einem Hüsteln zu Wort. »Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung, Mr Penfold, aber ich wüsste gerne, wann wir das Essen servieren sollen.«

Dan gab Alice noch einen Kuss und machte sich auf den Weg in Richtung Küche. Nun kam der Bruder von Alice, Kevin, zu ihr herüber und drückte ihr die Hand. »Jetzt bleib mal ganz locker, das wäre sowieso bald rausgekommen.«

»Ich weiß, aber solche Überraschungen mag ich einfach nicht. Ich mache mir eben Sorgen um die Mädchen.«

»Die kommen damit schon klar, schließlich mögen sie Dan wirklich. Jetzt lächel doch, Alice, du vergraulst ja eure Gäste.«

Alice lachte und entspannte sich endlich.

»Du hast ja recht. Vermutlich muss ich mich einfach nur noch an die Vorstellung gewöhnen, jemand anderen zu heiraten.«

»Alice, du musst jetzt nach vorne schauen. Du hast es verdient, glücklich zu werden, und Dan ist ein guter Mann.«

Tränen stiegen Alice in die Augen. »Danke, Kevin, du bist einfach toll. Ich liebe Dan ja wirklich, und genau wie er es gesagt hat, will ich diese zweite Chance unbedingt nutzen.«

»Gut«, Kevin nickte. »Wenn sein Bruder doch nur schwul wäre … an diesen Luxus könnte ich mich glatt gewöhnen.« Er deutete auf das edle Mobiliar und die riesigen Kronleuchter.

»Du findest eines Tages auch noch deinen Märchenprinzen«, neckte Alice ihn.

»Und wann bitte schön? Ich werde nicht jünger, und es will doch niemand eine alte Schwuchtel. Vor allem nicht eine ohne Kohle.«

»Wenn das mir passieren konnte, dann kann es auch dir passieren.« Alice küsste ihren Bruder auf die Wange.

»Übrigens solltest du vielleicht auch noch ein paar Worte sagen. Ich habe zufällig einen von Dans Freunden brummeln hören, er hoffe, Dan habe die richtige Entscheidung getroffen. So nett die alle auch sein mögen, dass er sich für eine Witwe mit zwei Kindern entschieden hat, hat schon für einiges Stirnrunzeln gesorgt.«

Alice seufzte. Dan und sie hatten während ihrer stürmischen Romanze die meiste Zeit allein verbracht, daher kannte sie seine Freunde kaum. Sie wollte aber unbedingt von ihnen akzeptiert werden. Sie hatte sich bemüht, mit jedem der etwa zwanzig Gäste zu reden, und sie schienen auch wirklich alle sympathisch zu sein. Trotzdem war die Situation ziemlich einschüchternd. Alice beschloss, auf ihren Bruder zu hören, den Stier bei den Hörnern zu packen und sich an die ganze Runde zu wenden.

Als Dan jetzt zurückkam, griff sie nach seiner Hand und flüsterte: »Ich würde auch gern etwas sagen, wenn das in Ordnung ist.«

Er sah erfreut aus. »Natürlich, mein Schatz.«

Also klopfte nun Alice an ihr Glas, bis die Unterhaltungen im Raum nach und nach verstummten. »Tut mir leid, dass ich die Sache mit den Reden so in die Länge ziehe. Aber ich würde gern noch schnell etwas hinzufügen. Ich habe nie geglaubt, dass ich so großes Glück haben und noch mal jemanden kennenlernen würde. Aber dann ist Dan in mein Leben getreten und hat mir gezeigt, dass es tatsächlich so etwas wie eine zweite Chance gibt. Ich …«

In diesem Moment wurde sie von Mrs Jenkins unterbrochen, Dans Haushälterin, die sie sanft am Arm berührte. Sie hielt ein Telefon in der Hand. »Verzeihen Sie bitte, Alice«, flüsterte sie, »aber da will Sie jemand dringend sprechen, ein Mr Jonathan Londis vom Außenministerium. Es handelt sich wohl um einen Notfall.«

Alice entschuldigte sich, griff nach dem Telefon und ging hinaus in das riesige Foyer.

»Hallo?« Im weitläufigen Eingangsbereich rief ihre Stimme ein seltsames Echo hervor.

»Hallo, Mrs Gregory, ich hab eine wirklich unglaubliche Neuigkeit für Sie.« Der Mann am anderen Ende klang ganz außer Atem. »Hier ist jemand, der gern mit Ihnen sprechen würde.«

Alices Herz fing heftig zu klopfen an. Ihr Mund wurde ganz trocken. Was war denn los? Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern.

»Hallo? Wer ist denn da?«

 

Teil 1

London, Oktober 2012

Alice

Kevin schloss die Praxistür ab und reichte Alice die Schlüssel.

»Mann, bin ich jetzt müde.« Seine Schwester gähnte. »Heute hatten wir wirklich keine Verschnaufpause.«

»Gott, ist es nicht furchtbar, so heiß begehrt zu sein«, sagte Kevin mit einem Grinsen.

Alice lächelte. »Ich bin ja froh, dass es gut läuft, aber jetzt würde ich mir zu Hause gern ein heißes Bad einlassen, statt mich mit Jools und ihren Hausaufgaben herumzuschlagen. Außerdem hat Ben für morgen Abend David und Pippa zum Essen eingeladen, also muss ich auf dem Heimweg noch einkaufen.«

»Vielleicht kommt er ja morgen mal früher von der Arbeit und hilft dir beim Kochen für seine Freunde.«

»Das glaubst du doch selbst nicht!« Alice seufzte. »Und so gern ich David und Pippa auch habe, dienstags um neun zum Abendessen passt mir gar nicht. Ich bin immer fix und fertig, nachdem ich mich mit Jools rumgeschlagen habe.«

»Dann hättest du eben Nein sagen sollen.«

Alice musste lächeln. Dass Beziehungen Kompromisse erforderten, hatte Kevin noch nie wirklich verstanden, wahrscheinlich dauerten seine Beziehungen auch deshalb nie lange. »Die Einladung war Ben unheimlich wichtig, außerdem sind wir doch ständig auf irgendwelchen Dinnerpartys bei den beiden. Also war das langsam mal fällig.«

»Dann hol einfach irgendwo etwas und tu so, als hättest du es selbst gezaubert. Problem gelöst.«

Alice schüttelte den Kopf. »Nein, ich komm schon klar. Am besten schau ich jetzt kurz bei M & S vorbei. Ignorier mein Gejammer einfach, ich musste mich gerade nur ein bisschen auskotzen.«

»Tja, dann denke ich im Flieger nach New York an dich in deiner Küchenschürze.«

Spielerisch knuffte ihm Alice den Arm. »Ich wünsche dir wirklich ganz viel Spaß, aber geh nicht mit fremden Männern mit, okay? New York ist ein gefährliches Pflaster.«

Kevin schnaubte. »Ehrlich gesagt plane ich ja gerade, mit so vielen fremden Männern wie möglich mitzugehen.«

Alice rollte mit den Augen. »Wie gesagt, amüsier dich schön, aber sei auch vorsichtig, und pass gut auf dich auf.«

»Du wirst mich vermissen.«

»Das tue ich doch immer, selbst wenn du nur eine Woche weg bist.«

»Ich bin eben die beste Sprechstundenhilfe weit und breit.«

»Allerdings.« Alice küsste ihren Bruder. »Wir sehen uns, wenn du wieder da bist. Viel Spaß!«

»Den werd ich haben!« Kevin zwinkerte ihr zu. »Und jetzt geh nach Hause zu deinen Mädchen.«

Alice mochte den fünfzehnminütigen Fußmarsch nach Hause, weil sie dabei ordentlich Dampf ablassen konnte. An manchen Tagen war ihre Arbeit als Hausärztin echt hart – heute hatte sich ein Dreijähriger mit einer Mandelentzündung auf ihren Kittel übergeben, ein Patient mit heftigen Rückenschmerzen hatte sie angeschrien, und ein achtzigjähriger Lustmolch hatte um ihre Hand angehalten.

An solchen Tagen beneidete sie Ben um seinen spannenden Job. Auch für Ben selbst spielten Chirurgen in einer völlig anderen Liga als Hausärzte, das wusste Alice, auch wenn er das natürlich nie so sagen würde. Stattdessen sagte er abends manchmal Sachen wie: »Mann, das war heute vielleicht ein Tag. Ich hab einen Leistenbruch operiert, eine Gallenblase und eine Cervixdrüse entfernt und zwei Brustbiopsien vorgenommen. Und wie war’s bei dir so?«

Manchmal hätte sie ihm gerne ins Gesicht gebrüllt, dass sie a) fast genauso lange studiert hatte wie er und sich b) für diese Arbeit entschieden hatte, damit sie wegen der Kinder früher zu Hause sein konnte. Denn irgendwer musste ja für sie da sein. Letztlich betrieb sie daher nicht nur eine florierende Praxis, sondern kümmerte sich auch noch um fast alles, was mit ihren beiden Töchtern zu tun hatte. Als sie nun die Marks & Spencer-Filiale betrat, spürte Alice, wie der Neid auf ihren Ehemann an ihr nagte: Er war ein gefragter Chirurg, musste sich keine Gedanken um Hausarbeit machen und konnte außerdem einfach so Leute zum Abendessen einladen, ohne sich um die Organisation zu kümmern. Es muss wirklich toll sein, in Bens Haut zu stecken, dachte sie grimmig.

Sie entschied, was sie am nächsten Tag kochen würde, kaufte die entsprechenden Zutaten und machte sich dann mit schnellen Schritten auf den Heimweg. Sie wollte früh genug zu Hause sein, um für die Mädchen zu kochen. Nora, ihre Haushälterin und Kinderfrau, die manchmal auch als Ersatzmutter herhalten musste, war zwar wunderbar, aber ihre Kochkünste waren eher beschränkt. Als die Mädchen noch klein gewesen waren, hatte Alice das nicht gestört, aber jetzt, da sie schon größer waren, wollte die Ärztin sie auch gerne mal etwas Neues probieren lassen.

Als Alice nun den Flur ihres Hauses in Kensington betrat, hörte sie Jools bereits maulen: »Ich esse keinen Reis mehr, Nora, nur noch Quinoa.«

»Kin… was?«, knurrte Nora. »Nie davon gehört.«

»Das ist jetzt neu. Gwyneth Paltrow isst das ständig, und sie ist total gesund. Kannst du mir das nicht auch kochen?«

»Die ist doch bestimmt die reinste Bohnenstange und braucht mal ordentlich was zwischen die Zähne. Und dieses Kin-irgendwas ist sicher irgendwas Künstliches, von dem man am Ende dann doch nur Krebs kriegt. Was du brauchst, ist ein vernünftiges Stück Fleisch mit Gemüse.«

Alice bog um die Ecke in die Küche, wo die fünfzehnjährige Jools saß und ziemlich missmutig dreinblickte. Diese Schnute kannte ihre Mutter nur zu gut – darauf würde gleich ein Temperamentsausbruch folgen, den die Haushälterin mit Sicherheit nicht tolerieren würde.

»Quinoa halte ich für völlig unbedenklich, Nora, aber die kann gerne ich für sie kochen, keine Sorge. Warum machst du dich nicht auf den Heimweg?«

»In Ordnung«, Nora nickte. »Bei mir zu Hause wartet sicher schon jemand auf sein Schweinekotelett mit Kartoffeln. Der kommt mir nicht mit Kin-irgendwas.«

Alice lachte bei der Vorstellung von Noras Ehemann, einem pensionierten Klempner aus Yorkshire, vor einem Teller Quinoa. Die beiden waren ein bodenständiges Paar. Nora stammte aus dem tiefsten Irland und war auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als Alice nach Jools’ Geburt wieder zu arbeiten angefangen hatte, hatte sie es toll gefunden, für ihr Baby eine irische Kinderfrau gefunden zu haben.

Die Kinder von Nora waren damals schon flügge gewesen, und sie hatte ein wenig Geld dazuverdienen wollen. Sie war für Alice da gewesen, als deren Eltern bei einem Autounfall umgekommen waren, und so war sie für ihre Arbeitgeberin in vielerlei Hinsicht zur Ersatzmutter geworden.

Als Alice Nora nun zur Tür brachte, fiepte ihr Handy. Es war Ben: Ich drehe nach der Arbeit noch eine Runde mit dem Rad. Wir sehen uns gegen neun.

Alice fluchte. Dieser Egoist! Er hatte doch versprochen, Jools heute bei den Hausaufgaben zu helfen, und jetzt gab er dem verdammten Drahtesel den Vorzug. Sie hätte ihn umbringen können!

»Was ist denn?«, fragte Nora.

»Ben geht nach der Arbeit Rad fahren. Mal wieder.«

»Das machen heutzutage scheinbar alle Männer über vierzig, die sehen in ihren engen Höschen ganz schön albern aus. Keine Sorge, das ist nur die Midlife-Crisis. Soll er seinen Willi doch besser in Lycra stecken als in irgendeine junge Krankenschwester.«

»Nora!«

»Ich mein ja nur …«

Alice seufzte. »Hoffen wir bloß, dass er nicht beides macht …«

Nora gab ihr einen Klaps auf den Arm. »Na, jetzt hör aber auf. Ben vergöttert die Mädchen und dich, er ist ein guter Mann, Alice. Lass ihn doch ein bisschen Fahrrad fahren, das langweilt ihn auch irgendwann. Spätestens, wenn ihm die engen Höschen das Blut abschnüren, hat er die Nase voll davon.«

Alice lachte und winkte zum Abschied. Als es nun zu regnen anfing, hoffte sie, Ben würde seine Radfahrpläne doch noch aufgeben und früh genug zu Hause sein, um mit Jools Hausaufgaben zu machen.

Als Alice zurück in die Küche kam, blätterte Jools gerade in dem Kochbuch von Gwyneth Paltrow. Alice hatte es vor ein paar Wochen gekauft, weil sie gesünder essen und mal ein paar neue Rezepte ausprobieren wollte. Bislang hatte sie nur ein Gericht daraus gekocht und danach eine ganze Packung Schokoriegel verspeist, was den gesunden Effekt wieder zunichtegemacht hatte. Na ja, wenigstens waren all die Fotos von Gwyneth und ihren Kindern mit im Sonnenschein leuchtenden Haaren hübsch anzusehen.

Jools klappte laut das Buch zu. »So, wir müssen über meine Party reden.«

Alice lächelte. Aus irgendeinem Grund schien Jools zu glauben, dass der sechzehnte Geburtstag mit einer riesigen Feier begangen werden musste.

»Also, ich hab ja gesagt, dass ich gesünder leben will«, fuhr Jools fort, »aber für meine Party will ich ein richtiges Schokogelage. Ich will …«

»Ich möchte gern«, berichtigte sie Alice.

»Okay. Also, ich möchte gern einen Schokoladenkuchen mit einem Bild von Harry Styles und eine Pyjamaparty mit meinen sieben besten Freundinnen. Ich hab mir überlegt, dass ich Harriet auch einlade, die ist zwar ein echter Nerd, aber ziemlich witzig. Und wir wollen uns nicht irgend so einen lahmen Film angucken, sondern Blutgericht in Texas, und mir ist ganz egal, was du davon hältst.«

Alice lehnte sich über den Tisch zu ihr vor und erklärte: »Moment, Moment, ihr guckt euch mit Sicherheit nicht Blutgericht in Texas an, das ist nämlich ein wirklich brutaler und gruseliger Film, der für dich und deine Freundinnen nicht geeignet ist.«

Jools schlug mit der flachen Hand auf die Arbeitsplatte aus Marmor. »War ja klar, dass du das sagen würdest. Ich wusste, dass du mir die Party ruinieren willst. Dann frag ich eben Daddy – der erlaubt mir das sicher.«

Ja, sicher wird er das, dachte Alice. Seine Nachgiebigkeit Jools gegenüber war einer der Hauptgründe für ihre häufigen Streitereien. Ben verwöhnte seine älteste Tochter total, und das machte Alice wahnsinnig.

Vermutlich hatte das damit zu tun, dass Jools ihr erstes Kind war und dann auch noch ein Mädchen. Und sie sah genauso aus wie er. Er hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt, und als er sie nach der Geburt im Arm gehalten hatte, hatte er geweint. Die Liebe in seinem Blick war überwältigend gewesen.

Damals schon hatte Alice gewusst, dass er ein toller Vater sein würde, aber sie hatte auch bereits geahnt, dass es Probleme geben könnte. Ein Mann, der so hingerissen von seiner Tochter war, würde bei Disziplinfragen wohl kaum einen ernst zu nehmenden Gegner darstellen. Ben fiel es schwer, Jools etwas abzuschlagen, also war Alice die Rolle des »bösen Cops« zugefallen. Sie liebte ihre Große über alles, aber sie wollte nicht, dass sie ein verzogenes Miststück wurde. Stattdessen wünschte sie sich, dass ihre Tochter die Dinge zu schätzen wusste und ihren Wert kannte, sie sollte nichts als selbstverständlich hinnehmen.

Holly hatten sie vier Jahre später bekommen, und sie hatte sich von Anfang an als perfektes Kind gezeigt. Jools hatte erst mit drei Jahren nachts durchgeschlafen, Holly bereits mit zehn Wochen. Selbst als Baby hatte Jools immer die Aufmerksamkeit aller gefordert, Holly hingegen konnte sich schon von Anfang an allein beschäftigen. Oft vergaßen Alice und Ben beinahe, dass sich Holly im Zimmer befand, weil sie immer so ruhig und konzentriert war.

Alice wusste, dass es falsch war, Kinder miteinander zu vergleichen. Aber wenn sie ganz ehrlich war, fand sie Jools furchtbar anstrengend, und Holly war … na ja, eben pflegeleicht.

Nun holte sie tief Luft und versuchte sich erst einmal zu beruhigen. Sie wollte nicht mit Jools streiten. »Was hättest du an deinem Geburtstag denn gern zum Frühstück? Du weißt ja, dass ich dir an deinem Ehrentag mache, was du willst.«

Jools zögerte nicht eine Sekunde: »Pfannkuchen mit Nutella und Sahne.«

»Ich glaube nicht, dass du zu Nutella noch extra Sahne brauchst – davon wird dir doch nur schlecht.«

Jools blickte ihre Mutter böse an. »Du hast doch gesagt, ich darf mir wünschen, was ich will.«

»Ja, aber ich dachte auch, dass du jetzt gesünder essen willst.«

Jools schnaubte. »Ich will bestimmt keine Quinoa in meinen Geburtstagspfannkuchen.«

Alice beschloss, ihr das durchgehen zu lassen. »Okay, aber komm bloß nicht angerannt und heul dich bei mir aus, weil du dich nach dem ganzen Zucker in der Schule übergeben musstest.«

»Mach dir da keine Sorgen, ich heul mich nicht bei dir aus. Wenn irgendwas ist, red ich sowieso lieber mit Daddy.«

Alice versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr diese Bemerkung sie traf. Sie war streng, aber nicht lieblos. Ben hingegen war neuerdings kaum zu Hause, und wenn er sich mal blicken ließ, schlug er sich immer sofort auf Jools’ Seite. Alice hatte die Nase voll davon, dauernd als Böse dazustehen. Ben musste ihr wirklich mehr helfen, in letzter Zeit kam sie sich fast wie eine alleinerziehende Mutter vor.

»Das war gemein von dir, Jools«, sagte Holly, die mit einem Buch in der Hand ins Zimmer trat. »Schließlich hat Mummy dir gerade angeboten, dir ein superleckeres Frühstück zu machen. Dafür solltest du dankbar sein, es gibt auf diesem Planeten nämlich fast achthundertsiebzig Millionen Menschen, die nicht genug zu essen haben. Das ist einer von acht Menschen.«

»Halt du bloß den Mund mit deinen blöden Fakten! Du wandelnder Taschenrechner!«

»Lass deine Schwester in Ruhe!«, warnte Alice. »Ehrlich gesagt könnte es dir auch nicht schaden, dich ein bisschen mit Fakten zu beschäftigen – und den Mund nicht so voll zu nehmen«, fügte sie hinzu.

»Nee, klar, als wollte ich mich in so eine Streberin wie Holly verwandeln«, fauchte Jools.

»Holly ist keine Streberin, sie ist ein schlaues Mädchen.«

»Miss Robinson sagt, es ist eine Freude, mich zu unterrichten«, verteidigte sich Holly.

»Das ist doch schön, da hat sie bestimmt recht.« Alice küsste ihre Jüngste.

Jools war so gar nicht beeindruckt. »Niemand mag das Schoßhündchen der Lehrerin, Holly. Irgendwann stehst du ohne Freunde da.«

»Sie hat doch jede Menge Freunde!«, warf Alice ein.

»Wen denn zum Beispiel?«, erkundigte sich Jools.

»Jackie«, antwortete Holly.

»Ist das die Streberin mit den dicken Brillengläsern?«

»Ja.«

»Mal im Ernst, Holly, du musst damit aufhören, immer so langweiliges Zeug in die Welt hinauszuposaunen, und dir dringend ein paar richtig coole Freunde suchen, bevor es zu spät ist und du auf ewig als Nerd abgestempelt bist. Ich hab nun wirklich keinen Bock darauf, dass meine Schwester als die größte Loserin der Schule gilt.«

»Du tust mir echt leid, Jools.« Holly legte ihr Buch auf den Tisch. »Weil dir die Meinung anderer einfach viel zu wichtig ist. Miss Robinson sagt immer, dass man sich selbst treu bleiben und sich keine Sorgen darum machen soll, was die anderen denken.«

»Miss Robinson ist eindeutig verrückt. Mum, red doch mal mit ihr, damit sie diesen armen Kindern nicht weiter das Leben ruiniert.«

An dieser Stelle beschloss Alice einzugreifen. »Okay, ihr beiden, jetzt ist es mal gut mit der Zankerei. Beim Essen möchte ich wirklich keinen Streit. Jools, du kannst für dein Geburtstagsfrühstück gerne Pfannkuchen mit Nutella und Sahne haben, aber davon isst du höchstens zwei. Ich mach auch die großen.«

»Drei.«

»Zwei.«

»Drei.«

»Wie wär’s denn mit zweieinhalb?«, schlug Holly vor.

»Eine gute Idee«, befand Alice.

»Na schön«, lenkte Jools ein.

»Lecker!«, rief Holly begeistert aus. »Ich halt es fast nicht aus bis nächsten Montag. Darf ich denn zwei essen, Mummy?«

»Natürlich, Liebes.«

»Krieg ich dazu wenigstens noch eine heiße Schokolade?«, drängte Jools.

Alice wusste, dass sie sich nicht auf jeden Streit einlassen konnte, und ließ sich dieses Mal erweichen: »Okay.«

Jools’ Gesichtsausdruck konnte man beinahe als Lächeln interpretieren. »Danke.«

Alice ging zum Kühlschrank und begann sich um das Abendessen zu kümmern, während Jools und Holly am Küchentisch ihre Hausaufgaben machten.

Alice entdeckte Jools’ Ausgabe von Betty und ihre Schwestern. »Bist du damit jetzt fertig?«

Ihre Tochter wurde rot. »Nein, noch nicht.«

»Sollst du nicht nächste Woche schon die Zusammenfassung abgeben?«

»Ja, aber das geht klar, das krieg ich hin.«

Alice runzelte die Stirn. Jools hatte Probleme mit Rechtschreibung und las auch sehr langsam. Mit sieben hatten Alice und Ben sie auf Legasthenie testen lassen, das Ergebnis war jedoch negativ ausgefallen. Sie tat sich einfach nur schwer mit dem Lesen und Schreiben. Alice hatte alles in ihrer Macht Stehende getan, um Jools zum Lesen anzuregen, weil sie wusste, dass damit auch ihre Orthografie besser werden würde. Aber Jools las einfach nicht gerne, und sie dazu zu bewegen war ein ewiger Kampf.

»Kein Fernsehen heute Abend, stattdessen möchte ich, dass du dich eine Stunde hinsetzt und darin liest, Jools. Das ist ein toller Roman. Wenn du erst einmal reingekommen bist, gefällt er dir bestimmt.«

»Das hast du bei dieser albernen Hanni-und-Nanni-Serie auch gesagt, dabei geht’s darin nur um lauter Streberinnen in einem Internat. Mitternachtspartys, lahme Stinkbomben-Streiche und eine alberne Französischlehrerin – das war alles so was von langweilig.«

»Wenn du mehr als nur die ersten zwanzig Seiten gelesen hättest, hätten dir die Bücher am Ende bestimmt gefallen.«

»Ich fand sie super, genau wie die Lissy-Reihe«, erklärte Holly. »Auf so ein Internat würde ich auch gern gehen.«

Jools schnaubte. »Gute Idee, da würdest du wirklich gut hinpassen, du Streberin!«

»Ruhe jetzt!«, fauchte Alice. »Holly ist keine Streberin, sie ist einfach klug und fleißig.«

»Ja, und ich bin dumm«, murmelte Jools.

»Nein, bist du nicht. Du müsstest dich bloß vernünftig konzentrieren.«

»Nee, klar. Das ist schon in Ordnung, Mum. Ich weiß doch, wie schlecht ich in der Schule bin. Aber ich bin auch beliebt und sehe gut aus, deshalb juckt mich das nicht. Du musst dich nicht um mich kümmern, ich heirate nämlich später mal einen Millionär und wohne dann in L. A.«

»Ich kümmere mich aber gerne um dich. Außerdem hoffe ich wirklich, du heiratest mal jemanden, den du liebst, unabhängig von seinem Bankkonto. Und ich fände es ganz schrecklich, wenn du nach L. A. ziehen würdest – das ist doch viel zu weit weg und voll von blasierten Menschen, die sich zu oft unters Messer gelegt haben.«

»Heißt ›blasiert‹ so was wie ›aufgespritzt‹?«

Alice verkniff sich ein Lachen. »Nein.«

»Das hat also nichts mit Botox zu tun?«

»Wo hast du bloß solche Sachen her?«

Jools zuckte mit den Achseln. »Von den Kardashians. Die lassen so was machen und sehen einfach toll aus.«

Alice runzelte die Stirn. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst diesen Mist nicht mehr gucken.«

»Und wieso hast du es dir dann letzte Woche selbst angeschaut?«

Jools hatte Alice auf frischer Tat ertappt – ihre Mutter liebte nämlich Keeping Up With The Kardashians, das war ihr schmutziges kleines Geheimnis. Nachdem sie sich den ganzen Tag mit Patienten herumgeschlagen hatte, lehnte sie sich einfach gern zurück und schaute trashige Realityshows.

»Ich wollte eben wissen, ob das wirklich so schlimm ist, wie ich dachte«, improvisierte Alice.

»›Blasiert‹ bedeutet ›snobistisch, herablassend‹.« Holly schaute von ihrem Wörterbuch auf.

»Und dafür sind die Kardashians ein gutes Beispiel«, merkte Alice an.

»Ich find die total super, die führen so ein cooles Leben.«

»Ich wäre gern Malala Yousafzai«, warf Holly ein.

Alice zögerte. »Also ja, Malala ist unglaublich mutig, aber mir wäre es doch lieber, wenn du für deine Überzeugungen nicht dein Leben in Gefahr bringen würdest.«

Jools fiel die Kinnlade runter. »O mein Gott, ist das etwa das Mädchen, das angeschossen wurde, weil es unbedingt zur Schule gehen wollte? Als Miss Kent uns davon erzählt hat, hab ich das erst für einen Witz gehalten. Und dann hab ich gedacht, dass mit der irgendetwas nicht stimmt, dass sie vielleicht geisteskrank ist oder so. Warum sollte denn irgendjemand in den blöden Schulbus steigen wollen, wenn er stattdessen zu Hause bleiben kann? Ich hab dann zu Miss Kent gesagt, dass ich am liebsten nach Pakistan ziehen würde. Keine Schule für Mädchen – wie cool ist das denn?«

Alice schlug sich die Hand vor die Augen. »Und was hat Miss Kent geantwortet?«

»Die ist ganz rot geworden und hat eine wütende Moralpredigt runtergeleiert über Frauenrechte, das Wahlrecht für Frauen und Gleichheit, blablabla.«

Alice wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

Holly konnte es nicht glauben. »Ehrlich gesagt ist es mir gerade peinlich, deine Schwester zu sein. Malala Yousafzai ist das mutigste, couragierteste Mädchen auf der ganzen Welt. Sie hat für ihre Bildung ihr Leben riskiert. Und du, du bist einfach nur …«

»Was denn? Dumm? Beschränkt?«, provozierte sie Jools.

»Eine Ignorantin«, schnaubte Holly.

»Ich wusste wenigstens, dass Flo Rida ein Rapper ist und nicht ein Ort in Amerika.«

»Florida ist aber ein Ort in Amerika, das ist einer der fünfzig US-Bundesstaaten. Dieser Rapper hat einfach nur den Namen geteilt«, konterte Holly.

»O mein Gott, du bist wie eine alte Frau aus dem finstersten Mittelalter«, stöhnte Jools. »Du solltest wirklich weniger lesen, dafür mal ein bisschen fernsehen, damit du endlich mitkriegst, was auf der Welt so läuft.«

»Klar, zu wissen, dass Flo Rida ein Loser ist, der nicht einmal richtig singen kann, macht mein Leben ja so viel besser.«

»Wenn man mit dir über normale Sachen reden könnte, hättest du vielleicht auch ein paar echte Freunde.«

»Du …«

Alice legte jeder Tochter eine Hand auf die Schulter.

»Das reicht jetzt, hört auf, so gemein zu sein. Ihr könnt euch glücklich schätzen, eine Schwester zu haben, ich hab mir immer eine gewünscht. Und deshalb find ich eure Streitereien ganz furchtbar.«

»Aber Kevin ist doch so was wie eine Schwester«, murmelte Jools.

Holly kicherte.

Grinsend wandte sich Alice wieder dem Abendessen zu.

Sinead Moriarty

Über Sinead Moriarty

Biografie

Sinead Moriarty wuchs als Tochter einer Kinderbuchautorin in Dublin auf. Nach der Universität und Stationen in Paris und London, wo sie als Journalistin arbeitete und erste Roman zu schreiben begann, zog sie zurück in ihre Geburtsstadt. Dort lebt sie mit ihrem Mann, den drei Kindern und ihrer Katze...

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