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Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollenWie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen

Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen

Das Wu-Wei-Prinzip

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Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen — Inhalt

Hör auf, dich anzustrengen!

Jeder kennt es: Je angestrengter wir versuchen einzuschlafen, desto wacher werden wir. Je verzweifelter wir nach einem Partner suchen, desto weniger fruchten unsere Bemühungen.

Erst wenn wir nichts mehr erzwingen wollen, sondern gelassen und spontan an die Dinge herangehen, geschehen sie plötzlich wie von selbst. Der Sinologe und Kognitionswissenschaftler Edward Slingerland hat dieses Paradoxon untersucht und ist zu beeindruckenden Ergebnissen gelangt: Das Geheimnis von Erfolg, Glück und Gelassenheit liegt tatsächlich in einem ganz bestimmten mentalen Zustand der inneren Ruhe. Dieser hat viele Namen: Wo heute oft von Intuition oder Flow die Rede ist, spricht die taoistische Philosophie von Wu Wei – dem mühelosen oder absoluten Handeln. Fern von Mystik oder Esoterik erläutert Slingerland die ideengeschichtlichen Grundlagen dieses Konzepts, zeigt, warum diese Lebenseinstellung so erstrebenswert ist und wie man sie erlangt. Das Wu-Wei-Prinzip ist eine faszinierende Synthese aus fernöstlicher Philosophie und westlicher Wissenschaft – ein kluges und gelehrtes Buch, das den Weg weist in ein ausgeglicheneres, erfüllteres und zugleich entspannteres Leben.

€ 19,99 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1067-4
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7704-2
»Edward Slingerland erklärt das 'Wu-Wei-Prinzip' für heute und taucht dabei tief hinab in die chinesische Philosophie.«
Neues Deutschland
»Der Professor für Asienstudien an der University of British Columbia erhielt sich die frühe Liebe zu chinesischen Philosophen. Bei seinen Studien stieß er auf das Prinzip, das diesen Zuständen des sich Vergessens zugrunde liegt. Und darum geht es auch in seinem Buch: 'Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen: Das Wu-Wei-Prinzip'«
ORF "Kontext - Sachbücher in Themen"
»Er gehört zu den führenden Experten für chinesische Philosophie und ist Vorreiter der interdisziplinären Erforschung von Kognition, kultureller Evolution und Religion: Edward Slingerland untersucht in seinem neuen Buch mit dem Originaltitel 'Trying not to try' die Gemeinsamkeiten der taoistischen Wu-Wei-Philosophie und westlicher Wissenschaft.«
Ö1 "Kontext"
»Slingerland hat nicht nur ein faszinierendes Thema aufgegriffen, sondern auch ein erhellendes, fern jedweder Esoterik neue, hilfreiche Verhaltensmöglichkeiten erschließendes Buch geschrieben.«
Der Standard
»Wir erreichen mehr, wenn wir weniger wollen - Edward Slingerlands Analyse bringt es auf den Punkt.«
Myself

Leseprobe zu »Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen«

Einleitung

Im naturwissenschaftlichen Museum meines Wohnorts gibt es ein fabelhaftes Spiel. Es trägt den Namen Mindball. Zwei Spieler sitzen sich an den Schmalseiten eines langen Tischs gegenüber. Jeder trägt ein Stirnband mit Elektroden, die das Muster der elektrischen Aktivität an der Oberfläche des Gehirns aufzeichnen. Zwischen den Spielern befindet sich eine Metallkugel. Die Aufgabe besteht darin, diese Kugel mental bis zum anderen Ende des Tischs zu schieben. Wer das als erster schafft, gewinnt. Die Antriebskraft, die von den Elektroden der [...]

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Einleitung

Im naturwissenschaftlichen Museum meines Wohnorts gibt es ein fabelhaftes Spiel. Es trägt den Namen Mindball. Zwei Spieler sitzen sich an den Schmalseiten eines langen Tischs gegenüber. Jeder trägt ein Stirnband mit Elektroden, die das Muster der elektrischen Aktivität an der Oberfläche des Gehirns aufzeichnen. Zwischen den Spielern befindet sich eine Metallkugel. Die Aufgabe besteht darin, diese Kugel mental bis zum anderen Ende des Tischs zu schieben. Wer das als erster schafft, gewinnt. Die Antriebskraft, die von den Elektroden der Spieler gemessen und durch einen unter der Tischplatte verborgenen Magneten übertragen wird, ist eine Kombination der Alpha- und Theta-Wellen, die vom Gehirn in entspanntem Zustand erzeugt werden. Je mehr Alpha- und Theta-Wellen man produziert, desto stärker ist die mental auf den Ball ausgeübte Kraft. Im Grunde ist Mindball ein Wettbewerb darum, wer am gelassensten sein kann. Es ist ausgesprochen amüsant, dabei zuzusehen. Die Spieler strengen sich sichtlich an, sich zu entspannen, indem sie die Augen schließen, tief atmen und irgendwelche Meditationshaltungen einnehmen. Die Panik, die einen Spieler erfasst, wenn die Kugel sich seinem Ende des Tischs nähert, wird normalerweise durch den Übereifer seines Gegners ausgeglichen. Dadurch verlieren beide abwechselnd ihre Gelassenheit, während die große Metallkugel hin und her rollt. Man kann sich keine bessere, treffendere Illustration dessen vorstellen, wie anstrengend es ist, sich nicht anzustrengen.

In unserem Kulturkreis sind es die Künstler, die schon lange zu schätzen wissen, welche Vorteile es hat, sich nicht zu sehr zu bemühen – „dem Flow zu folgen“ oder „in der Zone zu sein“. Es heißt, der große Saxophonist Charlie Parker habe seinen jungen Kollegen geraten: „Spielt euer Saxophon nicht, lasst euch von ihm spielen.“ Dieselbe Offenheit ist ein essenzieller Bestandteil im Schauspiel und in den anderen darstellenden Künsten, die auf Spontaneität und scheinbar müheloser Reaktionsfähigkeit beruhen. Ein Comedian, der nicht voll in seinem Element ist, ist nicht komisch, und ein Schauspieler, der seine Rolle nicht völlig verinnerlicht hat, macht einen hölzernen, gestelzten Eindruck. Auf die Frage, wie man sich für eine Rolle vorbereiten solle, meinte der Schauspieler Michael Caine, es funktioniere nicht, wenn man einfach den Text auswendig lerne und versuche, ihn Schritt für Schritt umzusetzen. Wenn man an der Reihe sei, könne man die nächste Zeile nur dann authentisch wiedergeben, wenn man versuche, sich nicht daran zu erinnern: „Sie müssen es schaffen dazustehen, ohne diese Zeile zu denken. Sie müssen das Stichwort vom Gesicht des Schauspielers, der Ihnen gegenübersteht, ablesen können. Auch er tut ja so, als spreche er den Dialog zum ersten Mal, als sei auch für ihn alles neu [...]. Andernfalls hören Sie bei Ihrer nächsten Antwort nicht genau hin und sind nicht frei, natürlich zu reagieren, spontan zu handeln.“

Wie wichtig es ist, völlig im eigenen Tun aufzugehen, wird wohl nirgendwo deutlicher wahrgenommen als im professionellen Sport. Der Wettbewerbsvorteil, den es bedeutet, „in der Zone“ zu sein (wie viele Athleten diesen Zustand nennen) besitzt einen geradezu mythischen Ruf. Ein 2005 in Sports Illustrated erschienenes Feature bestand ausschließlich aus Zitaten von Basketballprofis, die darüber berichten, wie sich dieser Zustand anfühlt:

 

Man kann ganze Bücher darüber lesen, wie man sich „in die Zone“ versetzen und darauf vorbereiten kann, aber vorhersehbar ist so was nie. Plötzlich fühlt sich der Ball ganz leicht an, und deine Würfe werden mühelos. Man muss nicht mal zielen. Man lässt den Ball los und weiß, er wird im Korb landen. Das ist herrlich … Es ist wie ein schöner Traum, aus dem man nicht erwachen will.

Pat Garrity, Forward der Orlando Magic

 

Es ist wie eine außerkörperliche Erfahrung, so als würde man sich selbst beobachten. Man hat fast das Gefühl, die Verteidiger überhaupt nicht mehr zu sehen. Bei jeder Bewegung, die man macht, spürt man: Mensch, ist der Typ da vor mir langsam. Man hört nicht mal die Geräusche, die man normalerweise mitbekommt. Und wenn man am nächsten Tag zum Training kommt, denkt man: „Mensch, wieso kriege ich so was nicht jeden Abend hin?“ Manche Leute würden dieses Gefühl am liebsten in eine Konservendose stecken.

Joe Dumas, Shooting Guard der Detroit Pistons

 

Der Grund, weshalb Profisportler dieses Gefühl konservieren wollen, liegt darin, dass es sich nur allzu leicht wieder in Luft auflöst. Wie Pat Garrity es formuliert, wollen Spieler in der „Zone“ auf keinen Fall aufwachen, tun es oft jedoch trotzdem. Ben Gordon, Guard bei den Chicago Bulls, drückt es so aus: „Wenn das Gefühl langsam verschwindet, dann ist das einfach schrecklich. Ich merke, wie ich zu mir sage: Los, du musst aggressiver sein. In dem Moment weißt du, es ist weg. Du handelst nicht mehr instinktiv.“

Aus der Zone herauszufallen, ist eine so furchterregende Erfahrung, dass Sportler versuchen, es um jeden Preis zu verhindern. In der Geschichte des Sports gibt es genügend Beispiele von eigentlich vielversprechenden Athleten, die irgendwie ihre scheinbar magischen Fähigkeiten verlieren und daraufhin in Vergessenheit geraten – oder, schlimmer noch, ausgerechnet dafür berühmt zu werden, dass sie ihre Fähigkeiten abrupt eingebüßt haben. Baseballfans kennen das als „Steve-Blass-Krankheit“, benannt nach einem berühmten Werfer der Pittsburgh Pirates in den 1960er und 1970er Jahren. Nachdem Blass fast ein Jahrzehnt lang mit den besten Spielern der Liga Katz und Maus gespielt hatte, verlor er urplötzlich die Fähigkeit, bei regulären Spielen Leistung zu bringen. Im Training spielte er weiterhin ausgezeichnet. Er hatte keine Verletzungen erlitten und keinerlei körperliche Fertigkeiten eingebüßt; er konnte den Ball nur einfach nicht mehr anständig werfen, sobald es wirklich darauf ankam. Blass wurde von einem ganzen Rudel von Sportpsychologen analysiert, und die Trainer versuchten, ihm sein Problem durch strapaziöse Übungseinheiten auszutreiben, aber nichts wirkte, und Blass war schließlich gezwungen, sich verfrüht zur Ruhe zu setzen.

Die Unfähigkeit, sich entspannt in die Zone zu begeben, ist auch im künstlerischen Bereich eine Gefahr. Ein bekanntes Beispiel ist die Popsängerin Carly Simon. Sie war schon von Anfang an nicht gerne vor Publikum aufgetreten, aber 1981 erreichte ihr Lampenfieber bei einem Konzert seinen Höhepunkt, als die Anspannung sie regelrecht erstarren ließ. „Nach zwei Songs hatte ich immer noch heftiges Herzklopfen“, berichtete sie später in einem Interview. „Da habe ich dem Publikum erklärt, ich würde mich womöglich besser fühlen, wenn jemand zu mir auf die Bühne kommt. Das haben etwa fünfzig Leute getan, und es war wie in einer Selbsterfahrungsgruppe. Sie haben mir Arme und Beine massiert, haben gesagt, dass sie mich lieben, und daraufhin war ich in der Lage, meinen ersten Auftritt zu Ende zu bringen. Aber vor dem zweiten Konzert bin ich zusammengeklappt, während schon zehntausend Menschen auf mich gewartet haben.“ Es folgte ein langer Rückzug aus der Öffentlichkeit, bevor Carly Simon – anders als Steve Blass – später ein Comeback gelang.

Es ist weithin bekannt, dass das Dilemma, sich zur Entspannung zu zwingen und den Kopf auszuschalten, wenn es nötig ist, im Profisport und der darstellenden Kunst eine große Herausforderung darstellt. Wer in einem elitären, konkurrenzorientierten Umfeld Leistung bringen muss, braucht Spontaneität; seine Lebensgrundlage hängt von seiner Fähigkeit ab, in die Zone zu kommen. Weniger bekannt ist, dass wir alle vor dieser Herausforderung stehen. Auch wenn wir nicht demselben öffentlichen Druck ausgesetzt sind wie Steve Blass und Carly Simon, kann unser Leben in vielerlei Hinsicht als eine Art Mindball-Spiel gelten.

Wie weitreichend dieses Problem ist, wird besonders bei körperlichen Aktivitäten deutlich. Selbst wer im Amateurbereich Sport treibt oder auf der Bühne auftritt, leidet darunter, aus der Zone zu geraten oder sie einfach nicht erreichen zu können. Stellen Sie sich einmal vor, Sie befinden sich im letzten Satz eines Tennismatchs, bei dem Sie besser spielen denn je und kurz davor sind, einen eigentlich wesentlich besseren Partner zum allerersten Mal zu schlagen. Doch genau die Erkenntnis, dass Sie gleich gewinnen werden, führt zum Gegenteil. Sie werden angespannt und übervorsichtig. Sie fangen an, über Ihre Schläge nachzudenken, statt den Ball einfach zu schlagen, und Ihr Partner holt allmählich auf. Sie wissen, was Sie tun müssten: sich einfach entspannen, um wieder in den Spielfluss zu kommen. Aber je mehr Sie daran denken, sich zu entspannen, desto mehr verspannen Sie sich und müssen hilflos mit ansehen, wie Ihre Führung sich in Luft auflöst und Ihr Partner wie üblich sein Siegerlächeln aufsetzt.

Oder stellen Sie sich vor, Sie nehmen an einem Salsa-Kurs für Anfänger teil und ihr ohnehin schon beträchtliches Lampenfieber wird von der nervigen Lehrerin verstärkt, die Sie ständig auffordert, spontan zu sein. „Entspannt euch! Es muss Spaß machen!“, zwitschert sie, während Sie durch die Schritte stolpern, die man Ihnen beigebracht hat, und sich alle Mühe geben, Ihrer Partnerin nicht auf die Füße zu treten. Je mehr die Lehrerin Sie auffordert, Spaß zu haben, desto verspannter werden Sie. Sie stellen fest, dass ein paar Gläser Tequila Ihnen zwar helfen, lockerer zu werden, aber nur auf Kosten einer radikal verminderten Koordinationsfähigkeit. Gleichzeitig geschickt und vergnügt Salsa zu tanzen, wird plötzlich zu einem auf ewig unerreichbaren Ziel.

Den Kopf abzuschalten und zuzulassen, dass der Körper ungehindert sein Ding machen kann, ist eindeutig eine Herausforderung. Ein noch größeres Problem – und eines, auf das wir wesentlich öfter stoßen – besteht darin, den Kopf dazu zu bringen, sich selbst loszulassen. Das ist das zentrale Problem bei Mindball, wo man das Spiel nur gewinnen kann, indem man sich entspannt, was offenbar bedeutet, dass man nur gewinnen kann, wenn man nicht versucht zu gewinnen. Im täglichen Leben drückt sich dieses Dilemma wohl am deutlichsten aus, wenn man nicht einschlafen kann. Nehmen wir an, Sie haben am nächsten Tag ein wichtiges Meeting, bei dem Sie topfit sein müssen, weshalb Sie früh zu Bett gehen und versuchen, sich dem Schlaf hinzugeben. Stattdessen stellen Sie fest, dass Sie unablässig von Gedanken gefoltert werden und hilflos im Klammergriff Ihres ruhelos ratternden Hirns stecken. Schäfchen zu zählen macht alles nur schlimmer; keine Liegeposition fühlt sich bequem an; Sie spüren in den Knochen, wie müde Sie eigentlich sind, aber wie bringen Sie Ihr Gehirn dazu abzuschalten? ENTSPANN DICH!, sagen Sie sich in Gedanken, aber das nützt nichts.

Schlaflosigkeit ist ein ziemlich simpler Fall, doch das Problem tritt auch in komplexeren – meist kommunikativen – Situationen auf, in denen die Auswirkungen wesentlich gravierender sind. Denken Sie einmal an die Partnersuche. Wer je einmal länger Single war, kennt das Phänomen, dass es entweder gar nicht läuft oder fast zu gut. Manchmal ist man über einen langen Zeitraum hinweg furchtbar allein und versucht verzweifelt, jemanden kennenzulernen, hat jedoch überhaupt kein Glück. Dann passiert etwas, es kommt zu einer Begegnung, man geht miteinander aus und genießt das Zusammensein, und plötzlich stehen die Frauen oder Männer (oder beides, falls Sie darauf aus sind) Schlange. Attraktive potenzielle Partner lächeln Sie auf der Straße an und sprechen Sie im Café an. Die bislang unnahbare Schönheit im Videoladen – die während Ihrer Durstphase nicht einmal Blickkontakt mit Ihnen aufgenommen hat – zeigt plötzlich Interesse an Ihrer Vorliebe für Wim-Wenders-Filme, und bevor Sie wissen, was geschieht, haben Sie sich für den kommenden Freitag (einen Freitag!) mit ihr verabredet, zu Essen vom Inder und dem Himmel über Berlin auf ihrer gemütlichen Couch daheim. (Dieses Beispiel ist in keiner Hinsicht autobiographisch.) Sie schnuppern an Ihrer Kleidung, ob Sie womöglich irgendwelche speziellen Pheromone ausdünsten, aber falls das Phänomen biologischer Natur sein sollte, sind Ihre Sinne zu stumpf, um das wahrzunehmen. Auch eine Dusche scheint keine negativen Folgen zu haben.

Über solche Glanzzeiten freut man sich natürlich, aber sobald man wieder in einer Durstphase angelangt ist, kommt einem das Schema, das da abläuft, sinnlos und von Grund auf ungerecht vor. Es sind zu viele mögliche Partner da, wenn man sie nicht alle genießen kann, und wenn man wirklich jemanden braucht, ist niemand in Sicht. Denkt man ernsthaft darüber nach – und während einer solchen Durstphase hat man viel Zeit zum Nachdenken –, so kommt man bald auf einen möglichen Grund für dieses Muster oder zumindest dafür, weshalb es so schwer ist, es bewusst zu verändern: die beste Methode, einen Partner zu finden, scheint darin zu bestehen, gerade keinen Partner finden zu wollen. Das Problem besteht darin, was man mit dieser Erkenntnis anfangen soll. Wie bringt man sich dazu, etwas nicht zu wollen, was man eigentlich will?

Im Allgemeinen legen wir – und mit „wir“ meine ich alle Leser dieses Buchs, die Bewohner eines modernen, industrialisierten Landes sind – zu viel Wert darauf, uns anzustrengen. Wir meinen, es sei ungemein wichtig, hart an etwas zu arbeiten, uns zu bemühen und zu strapazieren. Schon Dreijährige werden für die Aufnahmeprüfung im besten Kindergarten getrimmt und entwickeln sich als Jugendliche dann zu extrem ehrgeizigen Schülern, die Ritalin einwerfen, um ihre Prüfungsergebnisse zu verbessern und mit dem brutalen Terminplan ihrer außerschulischen Aktivitäten zurechtzukommen. Sowohl unser persönliches wie unser berufliches Leben dreht sich zunehmend um eine rastlose Suche nach größerer Effizienz und höherer Produktivität, wodurch Dinge wie Freizeit, Urlaub und einfache, unstrukturierte Vergnügungen in den Hintergrund gedrängt werden. Als Folge verbringen Menschen jeden Alters ihre Tage damit, an der Nabelschnur ihres Smartphones zu hängen, versunken in einem endlosen Strom aus wettkampforientierten Spielen, E-Mails, SMS, Tweets und ähnlichem. Sie stehen zu früh auf, bleiben zu lange wach und versinken am Ende irgendwie in einen unruhigen, vom hellen Schein winziger LCD-Bildschirme erleuchteten Schlaf.

Weil wir uns in der modernen Welt exzessiv auf die Kraft des bewussten Denkens und die Vorteile von Willenskraft und Selbstkontrolle verlassen, übersehen wir die universelle Bedeutung dessen, was man als „Körperdenken“ bezeichnen könnte: unwillkürliches, schnelles und halbautomatisches Verhalten, das mit wenig oder ohne bewusste Beeinflussung aus dem Unbewussten strömt. Als Folge versuchen wir zu oft, in Bereichen unseres Lebens, in denen Anstrengung und Mühe zutiefst kontraproduktiv sind, uns mehr zu pushen und schneller zu bewegen. Das liegt daran, dass das Problem des Verkrampfens und Scheiterns weit über den Sport und die Welt der Bühne hinausreicht. Ein Politiker, der nicht auf einer gewissen Ebene wirklich locker und aufrichtig ist, während er eine Rede hält, wirkt steif und uncharismatisch – ein Problem, das den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney plagte. Auch eine wahre Leidenschaft für Literatur, ein wirkliches Interesse an Bildung und eine tiefe Neugier hinsichtlich der Welt können nicht erzwungen werden. Wie das am schwersten erreichbare Ziel des modernen Lebens, das Glücklichsein, scheint auch die Spontaneität so schwierig zu fassen und festzuhalten wie eine Glückssträhne beim Basketball. Versucht man bewusst, sie zu packen, so ist sie auch schon verschwunden.

 

 

Wu wei und De

Das Ziel dieses Buchs ist es, die vielen Facetten der Spontaneität zu erforschen und darüber hinaus dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das sie darstellt: Wieso ist sie so wichtig für unser Wohlbefinden und doch so schwer zu fassen? Das Problem, etwas zu erreichen, ohne sich anzustrengen, ist uralt und hat die Denker aller Zeiten und Kulturen beschäftigt. Einige der bedeutendsten und einflussreichsten von ihnen lebten im alten China. Ich bin davon überzeugt, dass diese Denker, die aus der sogenannten konfuzianischen und daoistischen Tradition stammen, tiefe Einblicke in die Natur der Menschseins hatten, die uns noch heute sehr nützlich sein können. Wollen wir unser Leben durch diese alte chinesische Brille betrachten, müssen wir uns mit zwei eng miteinander verbundenen Konzepten auseinandersetzen, Wu wei 無爲 und De 德.

Wörtlich bedeutet Wu wei „nicht eingreifen“ oder „nicht handeln“, aber es geht dabei keineswegs um träges Nichtstun. Im Gegenteil bezieht der Begriff sich auf den dynamischen, mühelosen und unbefangenen Geisteszustand einer Person, die optimal aktiv und effektiv ist. Im Zustand des Wu wei hat man das Gefühl, nichts Besonderes zu tun, während man zur gleichen Zeit ein fantastisches Kunstwerk erschafft, gewandt mit einer komplexen zwischenmenschlichen Situation umgeht oder gar die ganze Welt in harmonische Ordnung versetzt. Ein angemessenes und wirkungsvolles Verhalten erfolgt so automatisch, wie der Körper sich dem verführerischen Rhythmus einer Melodie hingibt. Dieser harmonische Zustand ist zugleich komplex und ganzheitlich, da er den Körper, die Emotionen und den denkenden Geist integriert. Müsste man den Begriff übersetzen, so würde man ihn wahrscheinlich am besten mit „mühelosem“ oder „spontanem Handeln“ wiedergeben. In Wu wei zu sein, ist entspannend und angenehm, aber auf eine zutiefst bereichernde Weise, die es von derberen oder banaleren Vergnügungen unterscheidet. In vieler Hinsicht ähnelt es dem bekannten Zustand des „Flow“, wie ihn der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben hat, und der Vorstellung „in der Zone zu sein“, aber mit ebenso markanten wie aufschlussreichen Unterschieden, mit denen wir uns hier beschäftigen werden.

Ist man im Wu wei, so besitzt man De, was üblicherweise mit „Tugend“, „Kraft“ oder „charismatische Kraft“ übersetzt wird. De ist ein Strahlen, das andere wahrnehmen können, und es dient als nach außen dringendes Signal dafür, dass man sich in Wu wei befindet. Es ist in vielfacher Hinsicht nützlich. Für Herrscher und andere Personen des politischen Lebens hat De eine machtvolle, quasi magische Wirkung auf ihre Umgebung, so das sie unmittelbar politische Ordnung schaffen können. Sie müssen keine Drohungen ausstoßen oder Belohnungen anbieten, weil die Menschen ihnen einfach gehorchen wollen. In kleinerem Maßstab erlaubt De uns, uns auf extrem effektive Weise in die zwischenmenschliche Interaktion einzubringen. Besitzen wir De, so mögen und vertrauen die Menschen uns und fühlen sich in unserer Gegenwart wohl. Selbst wilde Tiere lassen uns in Frieden. Der Vorteil, den De verschafft, ist einer der Gründe, weshalb Wu wei so erstrebenswert ist und weshalb die klassischen chinesischen Denker so viel Zeit darauf verwandt haben herauszufinden, wie man es erwirbt.

Die Tatsache, dass keine andere Sprache eine gute Entsprechung für Wu wei und De besitzt, ist sehr aufschlussreich und verweist auf eine entsprechende Lücke in unserer begrifflichen Welt. So wie das deutsche Lehnwort Schadenfreude englischen Muttersprachlern ermöglicht hat, sich mit einem allgegenwärtigen, aber sonst übersehenen Aspekt ihres emotionalen Lebens zu beschäftigten, helfen uns die Begriffe Wu wei und De, Einblicke in mentale und zwischenmenschlichen Aspekte zu gewinnen, die uns bisher entgangen sind. Seit ich sie im Grundstudium kennengelernt habe, sind sie zum Teil meines Wortschatzes geworden und haben sich außerdem rasch unter meinen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten verbreitet. „Jetzt bist du aber nicht besonders in Wu wei“, bemerkt etwa meine Frau kritisch, wenn ich versuche, etwas zu erzwingen, was nicht erzwungen werden sollte – das Öffnen einer widerspenstigen Tür, die Kooperation eines unwilligen Bürokraten. „Dieser Bursche hat einfach kein De, du hingegen schon“, sage ich zu einer Kollegin, um ihr zu erklären, weil ich nicht den Betreffenden, sondern lieber sie zu einer wichtigen Besprechung mitnehmen will. Und sie weiß genau, was ich damit meine.

Die beiden Begriffe sind unentbehrlich für das Verständnis der frühen chinesischen Philosophie, mit der wir uns an anhand von fünf Denkern beschäftigen werden, die in der sogenannten „Zeit der Streitenden Reiche“ (5. bis 3. Jahrhundert v. Chr.) lebten und lehrten. Diese Periode war von großem gesellschaftlichem Chaos und politischen Umstürzen geprägt. Mächtige Staaten verleibten sich kleinere ein, wobei die Herrscher der Verliererseite oft hingerichtet wurden. Riesige Armeen aus zwangsverpflichteten Soldaten streiften durchs Land, verwüsteten die Ernte und malträtierten die Bevölkerung. Nicht zufällig war dies jedoch auch eine Zeit der unglaublichen philosophischen Kreativität, in der alle großen Schulen der originären chinesischen Philosophie gegründet wurden. Obwohl deren Vertreter in vielen Fragen uneins waren – da standen etwa Erziehung kontra Natur und Bildung kontra Instinkt – bauten sie ihre religiösen Systeme alle auf die Tugenden von Natürlichkeit und Spontaneität auf. Erfolg im Leben, meinten sie, habe mit dem Charisma zu tun, das man ausstrahlt, wenn man völlig entspannt ist, und mit der Effektivität, die spürbar wird, wenn man ganz im eigenen Tun versunken ist. Anders gesagt, sie wollten alle einen Zustand des Wu wei erreichen und De erwerben.

Damit hatten sie es mit ihrer eigenen Version von Mindball zu tun. Wie konnten sie ihre Schüler dazu bringen, nach einem Zustand der unbefangenen, mühelosen Spontaneität zu streben? Wie schafft man es, sich nicht anzustrengen? Beeinträchtigt nicht schon der Versuch das Ergebnis? Das nenne ich das Paradox des Wu wei. Alle Denker, von denen die Rede ist, meinten, sie besäßen eine todsichere Methode, dieses Paradox zu aufzuheben und ihre Schüler zuverlässig in einen Zustand des Wu wei zu befördern. Außerdem hatten sie Erklärungen parat, wieso das ihren Rivalen nicht gelang. Das galt als besonders dringliches Problem, denn für sie waren Wu wei und De nicht nur Mittel, um ein Tennisspiel zu gewinnen oder eine Verabredung zu ergattern – für sie handelte es sich dabei um den Schlüssel zu persönlichem, politischem und religiösem Fortkommen.

Edward Slingerland

Über Edward Slingerland

Biografie

Edward Slingerland gehört zu den führenden Experten für chinesische Philosophie und ist Vorreiter der interdisziplinären Erforschung von Kognition, kultureller Evolution und Religion. Er lehrt als Professor für Asienstudien an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada. Edward...

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»Er gehört zu den führenden Experten für chinesische Philosophie und ist Vorreiter der interdisziplinären Erforschung von Kognition, kultureller Evolution und Religion: Edward Slingerland untersucht in seinem neuen Buch mit dem Originaltitel 'Trying not to try' die Gemeinsamkeiten der taoistischen Wu-Wei-Philosophie und westlicher Wissenschaft.«

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»Slingerland hat nicht nur ein faszinierendes Thema aufgegriffen, sondern auch ein erhellendes, fern jedweder Esoterik neue, hilfreiche Verhaltensmöglichkeiten erschließendes Buch geschrieben.«

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