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Wie die Freiheit schmeckt

Wie die Freiheit schmeckt

Wie ich einer Sekte entkam und das Leben entdeckte

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Wie die Freiheit schmeckt — Inhalt

„Dies ist meine Geschichte.“

Mit 13 Jahren verlässt Tamika Campbell die Ansaaru Allah Community in New York, in die sie hineingeboren und in der sie jahrelang misshandelt wurde. Was folgt ist ein steiniger Weg aus den brutalsten Tiefen Brooklyns zum gefeierten Comedy-Star in Berlin. Eine atemberaubende Lebensgeschichte, die Mut macht.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erscheint am 06.04.2020
Mitautor: Denise Linke
224 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-8270-1403-0

Leseprobe zu „Wie die Freiheit schmeckt“

Prolog

„Wie kann man freiwillig dort wegziehen?“ Schon so oft habe ich diese Frage gehört. New York City ist für viele ein Traum, ein noch viel größerer als der amerikanische Traum selbst. Das mag an Ellis Island liegen, dem Ausgangspunkt von Millionen Menschen, die ein besseres Leben suchten. Oder an der Freiheitsstatue, die nach den Erschöpften, Armen und Geknechteten ruft. Oder am Broadway, am Studio 54, an der Wall Street oder am Central Park. An Sehenswürdigkeiten mangelt es der Stadt ja nicht. Oder es ist eine Sehnsucht, die vererbt wurde, der [...]

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Prolog

„Wie kann man freiwillig dort wegziehen?“ Schon so oft habe ich diese Frage gehört. New York City ist für viele ein Traum, ein noch viel größerer als der amerikanische Traum selbst. Das mag an Ellis Island liegen, dem Ausgangspunkt von Millionen Menschen, die ein besseres Leben suchten. Oder an der Freiheitsstatue, die nach den Erschöpften, Armen und Geknechteten ruft. Oder am Broadway, am Studio 54, an der Wall Street oder am Central Park. An Sehenswürdigkeiten mangelt es der Stadt ja nicht. Oder es ist eine Sehnsucht, die vererbt wurde, der Wunsch der Vorfahren, in der großen Stadt am weiten Meer ein bedeutendes neues Leben zu beginnen. 50 Millionen Amerikaner haben deutsche Wurzeln. Praktisch jeder Deutsche hat irgendwo in Iowa, Ohio oder Kentucky Cousins fünften Grades. Nur sind die unendlichen Weiten des Kontinents kein beliebter Fixpunkt. Kalifornien und New York müssen als Projektionsfläche herhalten.

Oder aber es ist viel simpler und liegt an Friends, Girls, Sex and the City, Taxi Driver und Shaft. Amerikanische Filme und Serien fluten Streaming-Anbieter, die Leinwand und die Mattscheibe. Wir überfrachten euch mit unserer Unterhaltungsindustrie, und plötzlich gibt es in Deutschland an Proms angelehnte Abibälle, Halloween und mittlerweile mancherorts sogar Thanksgiving. Keine Stadt ist häufiger Kulisse für eine Fernsehserie als New York City. Los Angeles ist auf einem guten zweiten Platz – dann kommt erst einmal ganz lange nichts.

Wie auch immer er in euren Köpfen entstanden sein mag, ich muss den Mythos New York leider hier und jetzt begraben. Dieses New York gibt es in Wahrheit überhaupt nicht, es ist reine Fantasie. Das glitzernde Glamour-Leben, die scheinbar endlose Freizeit, die Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit der sich die Protagonisten in diesem vitalen Melting Pot bewegen; die Welt, in der niemand Geldsorgen hat und auch sonst keine wirklichen Probleme, höchstens Wehwehchen, die sich in zwanzig von Studiogelächter untermalten Minuten in Luft auflösen. Für ein paar Hundert Leute mag das eine realistische Darstellung ihres New Yorker Alltags sein, für die ganz Reichen, ganz Privilegierten, ganz Weißen in ihren Elfenbeintürmen. Die restlichen achteinhalb Millionen Einwohner strampeln sich jeden Monat ab, um irgendwie ihre stetig steigende Miete zusammenzukratzen, und versuchen, nicht ausgeraubt oder erschossen zu werden – wobei ein gezielter Mord die unaufhaltsame Gentrifizierung immerhin eine Weile im Zaum zu halten vermag. Man muss der Stadt jedoch zugutehalten, dass solche Dinge immer weniger passieren.

2018 gab es nur 289 Morde in den Five Boroughs. 1974, im Jahr meiner Geburt, waren es 1554. 1990, als ich sechzehn war, wurden rekordmäßige 2245 New Yorker um die Ecke gebracht. Und das war nicht einmal ein Schaltjahr! Das sind, wie ich finde, ziemlich viele totschlagende Argumente, die beliebteste Stadt der Welt zu verlassen. Ich hatte noch einen ganz anderen Grund. Oder, wenn man so will, ziemlich viele, mindestens ebenso grausige Gründe.

 

Meine ganz persönliche Hölle spielte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren fernab irgendwelcher Statistiken ab. Ich wuchs in einer geistlichen Kommune auf, mitten in New York City. Meine Mutter schloss sich der Ansaaru Allah Community an, während ich noch in ihrem Bauch war und folglich unfähig, meine Bedenken oder Wünsche zu äußern. Und sie war noch Teil von ihr, als ich längst geflohen war. Nur für einen flüchtigen Moment wurde das Schalten und Walten von Dwight York, dem Gründer und Anführer der furchtbaren Vereinigung, polizeilich beobachtet. Gebracht hat es nichts. Eine angeblich auf dem Islam fußende Organisation schwarzer Amerikaner war damals kein populäres Überwachungsobjekt. Die Nation of Islam war bei Gesetzeshütern maximal unbeliebt, und aus den Belangen der schwarzen Communitys wollte man sich möglichst ganz raushalten. Das konnte nur Ärger mit sich bringen, und noch mehr Ärger, das sieht man ja deutlich an den Statistiken, brauchte das New York City Police Department nicht.

Außerdem, und das ist der weitaus schwerwiegendere Punkt, waren Schwarze auch einfach nicht wichtig. Schon wenn die Weißen sich an uns vergriffen, uns verprügelten und erschossen, konnte das keinen Cop hinter seinem Schreibtisch hervorlocken. Die Donuts in der Schublade waren interessanter. Wenn sich Schwarze gegenseitig versklaven, misshandeln und töten ist es ihre eigene Schuld, und damit basta. Ich kam zehn Jahre nach Ende der verordneten Rassentrennung zur Welt. Aber nur, weil auf einem schönen Blatt Papier steht, dass Schwarze jetzt im Bus überall sitzen dürfen, ändert sich das über Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen festgezimmerte Klassendenken nicht von einem Tag auf den anderen. Schwarze waren egal. Verdammt viel zu oft sind Schwarze in den USA auch heute noch egal.

 

Erst 2004 wurde Dwight York wegen Vergewaltigung, Kindesmissbrauchs, Organisierter Kriminalität und Betrugs zu 135 Jahren Haft verurteilt. Dort sitzt der Vater einiger meiner Geschwister auch heute noch, in einem Hochsicherheitsgefängnis in Florence, Colorado. Am 7. April 2122 soll er entlassen werden. Er wäre dann stolze 177 Jahre alt. Für einen Mann, der von sich selbst behauptet, 76 Trillionen Jahre alt zu sein, nur ein Wimpernschlag.

Nein, mein Leben in New York war nicht das von Rachel Green, Hannah Horvath oder Jerry Seinfeld. Als ich zarte fünf Jahre alt war, lebten über 20 Prozent der New Yorker in Armut, viele mehr schrammten gerade so an der Grenze entlang. Heute sind es 19 Prozent, weitere 45 Prozent leben an der Schwelle. Manhattan betrat ich das erste Mal als junge Erwachsene. Begeisterte Touristen können mir noch so lange vorschwärmen, wie fantastisch ihr Aufenthalt im Big Apple war. Das mag alles stimmen. Sicher ist die Stadt für einen Ausflug ausgezeichnet geeignet. Zum Leben weniger. Am wenigsten, wenn man unverschuldet hinter Gittern aufwächst.

Aber fangen wir von vorn an: in einem Park in Brooklyn, New York, 1974.

Auf einer Bank im Highland Park

Meine Mutter saß allein auf einer Parkbank und weinte. Sie weinte so bitterlich, dass offenbar sogar die Schmerz und Kummer gewöhnten Bewohner Brooklyns einen Bogen um sie machten. Brooklyn, heute die hässliche Fratze der weißen, mittelständischen Gentrifizierung, sah damals noch ganz anders aus. Statt ambitionierter Drehbuchautoren mit Salvador-Dalí-Bart und Cafés mit veganen Spezialitäten, prägten Armut und Dreck das Straßenbild. Achtlos hingeworfener Müll flanierte, getragen vom Wind, die Gehwege entlang, die Häuserwände waren beschmiert, und Weiße gab es kaum.

Während des Zweiten Weltkriegs war Brooklyn noch ein florierender Bezirk im Aufschwung gewesen. Der rasante tiefe Fall war für die Menschen dort umso schwerer zu verkraften. Die Industrie zog ab, das Gebiet verlor Arbeitsplätze, Kriegsversehrte kehrten in ihre Heimat zurück, unfähig, einem Beruf nachzugehen. Die Mafia hatte ganze Straßenzüge fest im Griff und lieferte sich erbitterte Kriege mit ansässigen Gangs. Brooklyn war gefährlich, aber für die Menschen dort trotzdem Heimat.

Der Highland Park war der Garten der Bewohner Brooklyns, hier konnten sie Basketball spielen, American Football und Tennis. Im Highland Park war die Welt ein Stück weit okay. Jungs jagten Bällen und Mädchen hinterher, Mütter schoben gebrauchte Kinderwagen die sandigen Pfade entlang. Die Sorgen waren für einen Moment vergessen, die Ängste überwunden. Zumindest die meisten. Manche Sorgen lassen sich nicht mehr abstreifen. Manche Miseren sind ausweglos, manche Kämpfe zu schwer.

Dort also saß meine Mutter und ließ ihr Leben Revue passieren. So jedenfalls hat sie es mir später erzählt. In ihrem Bauch wuchs ein Kind heran, das sie nicht gewollt hatte und nicht würde ernähren können. Ihr Elternhaus würde keine große Hilfe darstellen. Meine Großmutter Lisa war kein Kind von Traurigkeit und dem Alkohol und den Männern zugetan.

 

Um zu verdeutlichen, wie alles so weit hatte kommen können, möchte ich kurz erzählen, wie sich die Kindheit meiner Mutter gestaltete. Ansonsten ist schwer verständlich, wie alles dermaßen eskalieren konnte.

Meine Mutter wuchs in dem Glauben auf, dass William ihr Vater sei. Das war naheliegend, denn immerhin war er mit Lisa verheiratet, und die beiden hatten schon eine gemeinsame Tochter, Helen. Erst auf dem Totenbett gestand Lisa, dass der Vater meiner Mutter ein ganz anderer war: ihr erster Mann, Albert, mit dem sie bereits einen Sohn hatte. Nach der Trennung von Albert wurde Lisa quasi „rückfällig“ und stieg während ihrer Ehe mit William noch einmal mit ihrem Ex-Mann in die Kiste. Sie schaffe es, William das kleine Mädchen unterzujubeln.

Weder Albert noch William spielten im Leben der Kinder eine Rolle. Vermutlich plagte meine Großmutter, entgegen aller Erwartung, das Gewissen. Eine Überraschung für alle, denn niemand war davon ausgegangen, dass sie ein solches tatsächlich besaß. Immerhin hatte sie vier Kinder in diese zuweilen verrückte Welt gebracht, ohne dem Alkohol zu entsagen. Lisa war ständig betrunken und kümmerte sich dementsprechend wenig um ihre drei Töchter und ihren Sohn, denen die Situation gehörig gegen den Strich ging.

Also beschlossen sie kurzerhand, dass es an der Zeit sei, ihre Mutter von ihrer Sucht zu heilen. Ihr Plan war, wie so viele geniale Pläne, vollkommen absurd. Die Kinder boten meiner Großmutter an, ihr eine neue, bessere Substanz zu zeigen. Sie müsse nur versprechen, dass sie nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren würde, wenn ihr das neue Zeug zusage. Oma war eine neugierige Frau und stimmte zu.

Marihuana sollte das Heilmittel sein. Es gefiel Oma, die Wort hielt und nun kiffte, anstatt zu saufen. Für Unerfahrene mag das wie eine Verschlimmbesserung klingen, aber tatsächlich brachte der Wechsel Vorteile mit sich. Kiffer haben stets Appetit, weil der Konsum von Gras Fressattacken auslöst. Aus meiner vormals lethargisch auf dem Sofa trinkenden Oma wurde also eine lethargisch auf dem Sofa rauchende Oma, die aber wenigstens am laufenden Band kochte, weil sie selbst ständig Hunger hatte. So bekamen auch meine Mutter und ihre Geschwister endlich ordentliche Mahlzeiten.

William war dann noch einmal in Erscheinung getreten, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, als er die Kinder meiner Oma entführte. Warum er das tat, ist mir absolut schleierhaft. Ich verstehe auch nicht, warum er alle Töchter meiner Oma, nicht aber den Sohn verschleppte, obwohl er offiziell nur Vater des Jungen war.

William war ein richtiger Filou. Schön soll er gewesen sein, Kreole, mit einem schwarzen Vater und einer weißen Mutter. Als Handelsreisender durchstreifte er die USA, übernachtete bei seinen unzähligen über das Land verteilten Geliebten und schaffte es irgendwie, das Ganze mit Kindern im Alter zwischen fünf und zehn durchzuziehen. Als alleinerziehende Mutter kann ich sagen, dass es nervenzerreißend genug ist, mit einem Kind zu reisen, ich will nicht wissen, wie es mit dreien ist, die man noch dazu permanent irgendwo verstecken muss. Der Mann muss ein organisatorisches Genie gewesen sein und ein begabter Süßholzraspler, der jedweden Frauen seine vermeintliche Brut in Obhut gab, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Mir ist schleierhaft, warum die Frauen das mitgemacht haben. Und wo William all diese einsamen Frauen auftrieb. Vermutlich waren es einsame Seelen, deren Männer sich in Korea oder Vietnam im Schlamm wälzten und bis zum Hals in Schützengräben steckten.

Zwei Jahre ging das so, bis meine Tante es irgendwie schaffte, ein Telefon in die Finger zu bekommen, um ihre Mutter anzurufen.

 

Auch mein Erzeuger war kein Hauptgewinn. Meine Eltern waren nie ein Paar gewesen, maximal Freunde, die zusammen kifften und die wilden 1970er-Jahre im noch wilderen New York genossen. Ich finde aber schon, dass Freunde üblicherweise freundlicher miteinander umgehen, als mein Vater es mit meiner Mutter für nötig hielt. Sie erzählte mir die Geschichte später viele Male, und mir ist beinahe, als wäre ich selbst anwesend gewesen – nicht nur als kleiner Zellhaufen irgendwo im Uterus, sondern ganz plastisch, draußen, in Hörweite. Meinem Vater passte es nicht in den Kram, als meine 24 Jahre alte Mutter eines Tages schwanger vor ihm stand. Deswegen hatte er auch direkt eine praktische Lösung parat.

„Ich will dieses Kind nicht, Jules“, sagte er, „ich begleite dich zu einer Abtreibungsklinik.“ Und damit war die Sache für ihn gegessen. Meine Mutter war schon damals hörig, sie hatte nie gelernt, sich zu behaupten oder eine eigenständige Meinung zu entwickeln. Das mag einfach an der Zeit gelegen haben, da will ich meiner verkorksten Familie einmal nicht die alleinige Schuld zuschieben. In den 1950er- und 1960er-Jahren, als meine Mutter klein und beeinflussbar war, schrien die Spatzen den Feminismus noch nicht von den Dächern.

Mein Erzeuger begleitete Jules in die Klinik, wohl um sicherzugehen, dass die Prozedur tatsächlich durchgeführt würde. Ein Wartezimmer gab es nicht, aber auf dem Flur, nahe dem Empfang, hatte man lieblos Plastikstühle drapiert, um die Patienten und ihre Begleitung nicht im Stehen warten zu lassen. Mein Vater legte meiner Mutter die Hand aufs Knie, bemüht, körperliche Nähe herzustellen. Er war kein Unmensch, ihm war durchaus bewusst, dass die Situation für Jules alles andere als angenehm war. Er war einfach nur ein gewöhnliches Arschloch.

„Das war die richtige Entscheidung“, bestärkte er meine Mutter im Flüsterton, als hätte sie dazu beigetragen, „wir machen das Richtige. Wie sollen wir denn ein Kind großziehen? Und ich mag dich, Jules, aber ich will dich nicht heiraten.“ Immerhin beinhaltete dieses Bekenntnis, dass er die Mutter seiner Kinder heiraten würde, ein merkwürdiger Anflug von Verantwortungsgefühl, auch wenn sie davon nichts zu spüren bekommen sollte.

„Ich frage mich, ob er mich wirklich geheiratet hätte, wenn er mich geliebt hätte“, sinnierte Mom ein ums andere Mal, wenn sie die Geschichte zum Besten gab. Dann verlor sie sich wieder in Beschreibungen des für unser beider Leben so schicksalsträchtigen Tages.

Ihre Absatzschuhe klackten auf dem sanitär-weißen Boden, der fluoreszierende Schein der langen Deckenleuchten überzog die Umgebung mit einem ungesunden grünlichen Schimmer. „Es war grässlich“, offenbarte mir Jules, „unpersönlich, kalt und steril.“ Die Klinik war beileibe kein schöner Ort, und meine Mutter spürte mit jeder Faser ihres Körpers, dass sie lieber ganz weit weg wäre. „Ich wollte dich behalten“, erklärte sie mir, als ich fast schon erwachsen war, und es fühlte sich an, als wollte sie meinen Dank dafür.

In dem kleiderschrankgroßen Raum saß ein Mann mit Mittelstandsbauch hinter einem massiven, über und über mit Ordnern und Zetteln tapezierten Schreibpult und lächelte mitleidsvoll. Er stand auf und strich sich mit der Rechten über den Kittel, auf dem sich ein paar Kekskrümel versammelt hatten. „Ich erkläre Ihnen den Eingriff“, sagte er, weil er Worte der Begrüßung offenbar für übertrieben hielt. Die Stimme des Arztes klang in den Ohren meiner Mutter so fern, wie sie selbst zu sein wünschte. Jules war wirklich bemüht, den Erläuterungen zu folgen, aber sie hatte nur Augen für den Gynäkologenstuhl, der sich bedrohlich und penetrant über der Schulter des Mediziners in ihr Sichtfeld drängte. „Ich konnte nicht wegsehen“, beteuerte sie an dieser Stelle der Erzählung stets, „ich war wie hypnotisiert.“

Darauf sollte sie also liegen, während dieser Kerl mit irgendeinem Stab in ihr herumstocherte, als wäre sie ein Joghurt oder ein Blumenbeet. Das Letzte, was sie den Arzt sagen hörte, war, dass der Eingriff relativ schmerzfrei sei, zumindest sei ihm das zu Ohren gekommen.

Offenbar war der Erzählteil des Besuchs damit beendet, und der Arzt sah drein, als erwarte er eine Antwort von meiner Mutter. Die hielt es nicht länger aus. Sie hatte kein gesteigertes Interesse daran, ein Kind zu bekommen, aber eine Abtreibung klang so grässlich, dass sie fürchtete, auf der Stelle tot umzufallen vor Angst. Jules entschied, dass der Arzt die Antwort verdiente, auf die er offenbar wartete, und obwohl sie die Frage verpasst hatte, schüttelte sie entschieden den Kopf. Das schien ihr, in Anbetracht der Umstände, die sicherste Reaktion.

„Nein“, sagte sie, in die tosende Stille hinein.

„Bitte?“, fragte er nach einer kurzen Pause, in der er einfach mit offenem Mund dagesessen hatte.

„Nein danke“, sagte meine Mutter und stand auf, „ich finde einfach, nein.“ Und mit diesen Worten war sie auch schon aus der Tür. Mein Vater saß links neben dem Türrahmen auf dem unappetitlichen Plastikstuhl und schaffte es gerade noch „Heh!“ zu rufen, bevor Jules die Eingangstür nahe der Rezeption aufriss.

„Nein!“, rief sie noch einmal, dann war sie verschwunden.

„Ich rannte einfach, bis ich vollkommen außer Atem war“, sagte sie mir, „erst als ich einige Blocks entfernt und um mehrere Ecken geflitzt war, traute ich mich stehen zu bleiben.“

Ich sah davon ab, ihr zu sagen, dass diese dramatische Flucht vermutlich nicht nötig gewesen war, der Arzt wäre sicher nicht mit OP-Instrumenten in den Händen hinter ihr hergejagt, um ihr im Galopp das Kind aus dem Leib zu pulen.

Meine Eltern sahen sich nie wieder, was sicher ganz im Sinne meines Vaters war und trotzdem gar nichts mit ihm zu tun hatte. Das war einzig der nächsten Entscheidung meiner Mutter geschuldet, einer, die noch viel schwerer wog, als ihr Kind zu behalten.

 

Sie hatte kein rechtes Ziel, also ging Jules einfach geradeaus, bis sie sich plötzlich am Rande des Highland Park wiederfand und sich, von allem Mut verlassen, auf eine leere Parkbank sinken ließ. Sie hatte sich herausgeputzt für den Arztbesuch, so wie man es nun einmal macht. Außerdem hatte sie darauf gesetzt, sich innerlich weniger schäbig zu fühlen, wenn das Äußere es kaschierte. Sie trug dezentes Make-up, einen kaugummipinken Blazer und ihre feinsten Gottesdienstschuhe. Die mit wohlduftenden Ölen gepflegte Lockenpracht umrahmte ihr Gesicht, und ihre langen Beine steckten in eigentlich unerschwinglichen Nylonstrümpfen. Sie war eine wahrhaft schöne Frau, aber das nützte ihr momentan überhaupt nichts. Kein Vater, kein Beruf und keine Idee, wohin sie ihr Leben lenken sollte – es war beileibe keine erbauliche Zukunftsaussicht. Also weinte sie leise, so würdevoll, wie es allein in einem öffentlichen Park möglich ist. Trotzdem mieden die Vorbeigehenden sie mit größtmöglicher Distanz. Bis er plötzlich vor ihr stand.

Dwight York war ein gut aussehender junger Mann Ende zwanzig, stets adrett gekleidet und frisiert. Mit seinem Charme und seiner sanften Stimme lenkte er sogar überzeugend davon ab, dass er von kleiner Statur war. Er war ein Blender, schon damals. Und ihm war das Talent gegeben, genau die Menschen ausfindig zu machen, die für seine schönen Worte und leeren Phrasen zugänglich waren. Eine sichtbar aufgebrachte junge Frau, die unaufhaltsam auf einer Parkbank schluchzte, war ein gefundenes Fressen – für diese Erkenntnis muss man nicht einmal ein begabter Menschenkenner sein. Wenn meine Mutter von der Begegnung berichtet, klingt es beinahe, als wäre ihr Gott persönlich erschienen.

„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte er höflich, und da war es vermutlich schon um die arme Jules geschehen. Höfliche Männer existierten in ihrem Weltbild überhaupt nicht.

„Ja“, piepste sie mit tränenbelegter Stimme, und von da an wurde alles, auch wenn man es nicht für möglich gehalten hätte, noch viel, viel schlimmer.

Unaufgefordert erzählte York meiner Mutter, dass sie eine ganz besondere Aura habe und sowieso ein spezieller Mensch sei, das habe er sofort bemerkt. Genau solche Leute suche er. Leute, die so außergewöhnlich und großartig seien wie sie. Nüchtern betrachtet klingt das mindestens fragwürdig, wenn nicht gar gruselig, aber auf eine Frau, die in ihrem Leben nicht sonderlich viel positive Aufmerksamkeit erfahren hatte und sich nach Zuneigung und Stabilität sehnte, hatte Yorks Sermon eine unwiderstehliche Wirkung. Nüchtern betrachtet ist es ein Grund wegzurennen, wenn ein wildfremder Mann einen offenbar zusammenhangslosen Vortrag über Wesensqualitäten hält, die er mit den Augen nicht erfassen kann.

Eine ganze Parade grellroter Warnlampen, die meine Mutter geflissentlich übersah. Er sei im Begriff, eine Gemeinschaft zu gründen, verkündete York feierlich, die solch wertvollen Seelen eine Heimat sein solle, und es wäre wirklich zu ihrem Vorteil, wenn sie sich ihm anschließe, fuhr er fort. Und so entschied meine schwangere Mutter, dass dieser Herr York etwas in ihr erkannte, was andere Menschen bislang nicht gesehen hatten – etwas Wunderbares, Außerordentliches –, und dass es ihr beschieden war, ihm zu folgen. Mit glasigen Augen hing sie an seinen Lippen, während York von dem großartigen Leben berichtete, das ihr nun unmittelbar bevorstand.

„Du musst nicht arbeiten gehen, meine Schöne. Du darfst dich um angenehme Aufgaben kümmern und deinem Kind beim Aufwachsen zusehen. Bei uns bekommt ihr regelmäßige Mahlzeiten, ihr habt ein Bett, und ich erwarte nichts von euch. Mir reicht völlig, dass ihr da seid; dass ich euch aus diesem schrecklichen Leben retten darf, dass ich euch predigen darf, dass ich euch zur Wahrheit führen darf. Das ist für mich Geschenk genug, Schwester.“

York bediente sich einer Vielzahl vielversprechender Phrasen und leerer Worthülsen, die einzig dem Zweck dienten, seine Opfer einzulullen.

 

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass Albert und William nicht die einzigen Männer in Lisas Leben waren. Es gab da noch Johnny, und sein Einfluss auf ihre Entwicklung war wohl zumindest einer der Gründe dafür, dass meine Mutter Männern nicht widersprechen konnte. Eigentlich hatte er ein Auge auf Helen geworfen, die älteste Schwester, die immerhin schon um die zwölf Jahre alt war. Die wusste sich allerdings zu wehren, und so blieb Johnny nichts anderes übrig, als sich der nächstbesten Alternative zu bemächtigen: meiner Mutter.

Die sexuellen Misshandlungen fingen an, als Jules gerade acht oder neun Jahre alt war, und zogen sich wie ein roter Faden durch ihre Kindheit und Jugend. Jules will Süßigkeiten? Johnny könne ihr helfen, gar kein Problem, aber sie müsse sich schon erkenntlich zeigen. Jules will eine neue Puppe? Da könne sie natürlich auf Weihnachten warten, vielleicht hätte sie ja Glück, aber ganz sicher wäre es nur, wenn sie Johnny noch einmal einen kleinen Dienst erweisen könnte. Jules will ihren Führerschein? Das ist aber ein großer Wunsch, erklärte Johnny, da müsse sie sich schon etwas ins Zeug legen. So lernte die kleine Jules, dass sich Gefälligkeiten in monetäre Güter umwandeln lassen.

Einfach so existieren zu können, ohne dass sich Männer sexuell an ihr vergingen, war für Mom wie ein bislang unerreichbarer Traum. Yorks windige Erzählungen wertete sie daher leider als Beweis, dass sie es mit einem wahrhaft Heiligen zu tun haben musste. Dieser Kerl war anders, er hatte ihre besondere Seele erkannt und würde ihr das Leben ermöglichen, das sie sich seit Jahren wünschte. Es wäre zu simpel, Jules vorzuwerfen, dass sie einfach bequem war und sich im gemachten Nest auf die faule Haut legen wollte – im Grunde sehnte sie sich schlichtweg nach der Kindheit, die sie nie gehabt hatte. Endlich würde jemand auf sie achtgeben und sie lieben wie ein Vater. Endlich war Jules an der Reihe.

 

Es müsse sehr schnell gehen, drängte York, mit welcher Begründung, kann ich nicht sagen. Fest steht, dass er meiner Mutter die Dringlichkeit irgendwie glaubhaft machen konnte. Natürlich kam es für ihn darauf an, dass sie keine Zeit hatte, ihre folgenreiche Entscheidung zu überdenken. Es war nicht absehbar, wie lange sie brauchen würde, bis ihr dämmern könnte, dass sie im Begriff war, etwas sehr Dummes zu tun. Zwar war sie nicht in bester geistiger Verfassung, aber ich würde ihr trotzdem ein wenig Restverstand zugestehen. Also bewegte York sie dazu, sofort nach Hause zu gehen und ihre Sachen zu packen.

Viel war es nicht. Sie war einige Monate zuvor erst zu ihrer Schwester Helen gezogen, um Lisa und Johnny endlich nicht mehr um sich haben zu müssen. Die ältere Schwester war von der Genialität des Plans weniger überzeugt.

„Du willst einem wildfremden Typen folgen, um in einer Kommune zu leben?“, fragte sie fassungslos.

„Wenn du das so sagst, klingt es doof“, verteidigte sich Jules, während sie ihre Kleidung in einen Rucksack stopfte.

Helen lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen unter einem zerknitterten Stevie-Wonder-Poster an der Wand und schaute vorwurfsvoll. „Natürlich klingt es doof“, erwiderte sie schließlich, „weil es halt doof ist.“

Meine Mutter hielt inne. „Ich bin schwanger“, offenbarte sie traurig und mit schwacher Stimme. „Das hier ist meine einzige Chance.“

Ihre Schwester wusste nichts zu erwidern, weil sie sich sehr wohl im Klaren darüber war, dass Jules keinerlei Perspektive hatte. Sie empfand die Entscheidung dennoch als falsch, aber die Offenbarung hatte ihr sämtliche Argumente aus dem Kopf gefegt.

„Pass auf dich auf“, bat sie beim Abschied und nahm Jules fest in ihre dünnen Arme. „Du kannst jederzeit zurückkommen.“

Natürlich konnte sie das nicht. Aber weder Helen noch Jules begriffen in diesem Moment, wie prekär die Situation tatsächlich war, in die meine Mutter uns beide manövrierte.

 

Noch am selben Tag stand sie mit halb vollen Taschen vor dem imposanten Brownstone-Komplex, in dem die Ansaaru Allah Community residierte, und wähnte sich unmittelbar an der verheißungsvollen Schwelle: Hier und jetzt würde ihr neues Leben beginnen. Sie war keine religiöse Frau, verglichen mit vielen anderen Amerikanern. Sie war in einer Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten aufgewachsen, eine amerikanische Variante des Protestantismus. Die Familie ging in die Kirche, wie es sich für gottesfürchtige Amerikaner nun einmal gehört, aber Religion stand nie im Mittelpunkt. Sie war eine Begleiterscheinung des Lebens. Es ist abwegig genug, sich meine saufende, kiffende Großmutter überhaupt als Christin vorzustellen. Dass sie jeden Sonntag rechtzeitig aufgestanden wäre, um ihre Töchter zum Gottesdienst zu bringen, ist vollkommen undenkbar. Und nun sollte gerade diese Glaubensgemeinde Jules’ neues Zuhause sein.

Mom sehnte sich nach Halt, nach irgendetwas, woran sie sich mit Leib und Seele festhalten konnte. Sie wollte glauben, sie wollte zu einer Gemeinschaft gehören, und am allermeisten wollte sie, dass sich jemand für ihr Befinden interessierte und sie umsorgte. Sie hatte Geborgenheit gesucht und war sich ganz sicher, dass sie endlich fündig geworden war.

Tamika Campbell

Über Tamika Campbell

Biografie

Tamika Campbell, Jahrgang 1974, wurde in New York City geboren und wuchs in der Ansaaru-Allah-Sekte in Brooklyn auf. 1999 zog sie nach Deutschland, arbeitete in verschiedenen Jobs und begann 2007 eine professionelle Karriere als Komikerin, zunächst in England, 2014 dann in Deutschland. 2018 fand...

Veranstaltung
Lesung und Gespräch
Montag, 20. April 2020 in Warendorf
Zeit: Uhr
Ort:Buchhandlung W. Ebbeke,
Freckenhorster Str. 44
48231 Warendorf
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