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Wie der Vater, so der Tod

Wie der Vater, so der Tod

Thriller

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Wie der Vater, so der Tod — Inhalt

Du liebst ihn. Du fürchtest ihn. Du darfst nicht vor ihm fliehen. Denn er hat etwas Schreckliches getan. Und nur du kannst herausfinden, was ...

Verzweifelt wartet die 16-jährige Sara am vereinbarten Treffpunkt auf ihre Mutter. Es sollte der Start in ein neues Leben werden, weit weg von ihrem gewalttätigen Vater, der seit dem Selbstmord ihres Bruders mehr und mehr den Bezug zur Realität verliert. Aber Sara wartet vergebens – ihre Mutter taucht nicht auf. Zu gerne würde sie ihrem Vater glauben, der behauptet, sie musste überraschend geschäftlich verreisen. Doch Sara ahnt, dass die Wahrheit anders aussieht. Sie beschleicht der schreckliche Verdacht, dass ihr Vater mit dem Verschwinden ihrer Mutter etwas zu tun haben könnte. Die neue Liebe zu ihrem Mitschüler Alex gibt ihr die Kraft, sich der Realität zu stellen. Doch ihre Ermittlungen bringen sie in Lebensgefahr ...

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzt von: Andreas Brandhorst
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98202-3

Leseprobe zu »Wie der Vater, so der Tod«

1 Montag

Ich habe manchmal diesen Traum, dass ich in einer riesigen Schüssel Haferbrei ertrinke. So fühle ich mich bei uns zu Hause. In der Schule ist es anders. Ich hänge mit Zach rum, knabbere während des Unterrichts Ritz-Bits-Cracker und lese in Geschichte Horrorromane. Ich mag Horror, weil er mein Leben in die richtige Perspektive rückt. Ich meine, wenigstens werde ich nicht von Killerbienen verfolgt, und niemand will mir den Arm abhacken.

In der ersten Stunde haben wir Musik. Derzeit ist Marschsaison, und das nervt, weil sich alles um Football [...]

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1 Montag

Ich habe manchmal diesen Traum, dass ich in einer riesigen Schüssel Haferbrei ertrinke. So fühle ich mich bei uns zu Hause. In der Schule ist es anders. Ich hänge mit Zach rum, knabbere während des Unterrichts Ritz-Bits-Cracker und lese in Geschichte Horrorromane. Ich mag Horror, weil er mein Leben in die richtige Perspektive rückt. Ich meine, wenigstens werde ich nicht von Killerbienen verfolgt, und niemand will mir den Arm abhacken.

In der ersten Stunde haben wir Musik. Derzeit ist Marschsaison, und das nervt, weil sich alles um Football dreht. Ich hasse Football. Meistens stecke ich mir eine Ausgabe von Soap Opera Digest unter die Uniform, damit ich zwischen der Marschiererei vor dem Spiel und der Halbzeitshow was zu lesen habe.

Was ich wirklich mag, ist die Konzertsaison. Dann kann ich meine große, klobige, gewöhnliche Klarinette gegen die Es-Klarinette eintauschen. Matt – das ist mein Bruder – nannte sie »geschrumpfte Klarinette«, als hätte ich sie zu lange im Trockner liegen gelassen.

Ich spiele meine geschrumpfte Klarinette im Wohnzimmer und versuche, das Gefühl des Haferbreitraums zu vertreiben, als meine Mom hereinkommt und dicht neben mir stehen bleibt. »Wir müssen gehen, Sara«, flüstert sie, obwohl mein Dad gar nicht da ist. Sie weint nicht. Sie ist ruhig. Ruhig und sachlich. Als ob sie mich fragen würde, ob ich Mayo oder Senf auf mein Sandwich wollte.

Ich weiß, es wird Zeit zu gehen. Ich weiß es schon seit einer ganzen Weile.

»Du musst mich für dumm halten, dass ich uns nicht schon längst von hier weggebracht habe.«

»Schon gut«, sage ich und drehe meinen Pferdeschwanz so, wie man den Wasserhahn dreht, wenn einen der Schlauch nass spritzt. Das mache ich, wenn ich nervös bin. Oder wenn ich lüge. Oder beides. »Ich hole meine Sachen.« Ich öffne den Koffer und lege die Klarinette hinein.

»Wir brechen morgen Mittag auf. Ich hole dich beim Dairy Dream ab.«

Morgen? Wenn man sich zu etwas entschließt, sollte man es sofort tun. Andernfalls überlegt man es sich vielleicht anders. Das gilt besonders für meine Mutter.

»Pack nicht viel ein. Nur eine Reisetasche.«

Eine Reisetasche? Wie soll ich mein ganzes Leben in eine Reisetasche packen?

»Schieb sie unters Bett! Ich bringe sie mit, wenn ich dich abhole.«

Das ist alles? Das ist Moms Plan?

»Beeil dich! Bevor er nach Hause kommt.«

Auf die Plätze, fertig …

»Wir müssen vorsichtig sein, Sara. Dein Vater hat gesagt …«

»Können wir später reden? Zum Beispiel morgen im Wagen?« Ich weiß, was sie mir sagen will. Sie vergisst, dass ich dabei war.

Wir waren im Wohnzimmer. Dad las in einem Buch über die Geschichte der Kinderlähmung. Er liest immer Sachbücher. Ich saß am Klavier, spielte nach Gehör ein Lied mit dem Titel Wildfire und versuchte mich an den Text zu erinnern. Meine Mutter wischte Staub. Dabei stieß sie ein Buch vom Regal, und es fiel mit lautem Knall zu Boden. Es klang fast wie ein Schuss.

»Was Matt getan hat, ist deine Schuld«, sagte mein Dad und schlug das Buch zu. »Vergiss das nie!«

Ich hörte auf zu spielen. Noch vor meinem nächsten Atemzug war er durchs Zimmer, packte Mom an der Kehle und stieß sie mit dem Kopf gegen die Wand. Bamm!

Meine Mutter wehrte sich nicht. Das machte sie nie. Das Schlimmste ist: Sie sah nicht einmal ängstlich aus, nur leer.

Ich gaffte, wie immer. Ein Baum im versteinerten Wald. Ich sah auf meine Hände und Füße hinab und befahl ihnen, sich zu bewegen, aber sie wollten nichts davon wissen. Bitte, lass sie nicht sterben! Bitte, Matt, sag Gott, er soll sie am Leben lassen!

»Denk ja nicht daran abzuhauen!«

Bamm. Noch einmal die Wand. »Hörst du? Denk nicht einmal daran. Ich will nicht, dass die Leute sagen: ›Kennst du diesen Ray? Hast du gehört, was sein Sohn getan hat? Tja, seine Frau ist ebenfalls gegangen.‹«

Lass sie los, lass sie los!, rief die Stimme in mir, aber mein Mund blieb geschlossen, und deshalb konnten die Worte nicht entkommen.

Dad schloss eine Hand um Moms Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. »Ich werde dich finden«, flüsterte er. »Garantiert.«

Er ließ sie los und nahm die Freiheitsstatue – Erinnerung an einen lange zurückliegenden Urlaub – aus dem Regal. Dicht neben Moms Gesicht warf er sie gegen die Wand, und sie zerbrach.

Später sammelte ich die großen Bruchstücke ein und erledigte den Rest mit dem Staubsauger. Dad lächelte, als wäre überhaupt nichts geschehen. »Danke, Sara. Du weißt immer das Richtige zu tun, ohne dass man dich darum bittet.«

Ich versuche, jenen Tag zu vergessen, als ich durch den Flur zu meinem Zimmer laufe. Dort hole ich die Reisetasche aus dem Schrank. Sie ist rot und schwarz und trägt das Logo einer Zigarettenmarke. Mein Vater raucht so viele Zigaretten, dass er in einem Prämienprogramm ist. Unser ganzes Haus riecht nach Zigaretten, aber wenn man ein paar Minuten drinnen ist, fällt es nicht mehr auf. In einigen Tagen lebe ich an einem Ort ohne diesen Geruch.

Ich öffne die Reisetasche und lege Sam hinein, meinen Plüschhund. Sam hat ein braunes Fell und auf dem Rücken einen schwarzen Flicken, groß wie eine Dosenschildkröte. Außerdem hat er ein Loch im Hals, aber das Füllmaterial ist so gut, dass es nicht herausquillt. Ich weiß, es ist dumm, Sam mitzunehmen. Mit sechzehn sollte man ohne Plüschtier auskommen. Aber mir fällt das Einschlafen schwer, wenn ich ihn nicht in den Armen halte.

Nach Sam kommt meine geschrumpfte Klarinette in die Tasche. Eigentlich ist es gar nicht meine – sie gehört der Schule –, aber ich kann sie nicht zurücklassen. Sie sieht nicht nur gut aus, ich kann auch erstaunlich hohe Töne darauf spielen. Irgendwie werde ich eine Möglichkeit finden, sie zu bezahlen. Ich brauche sie, damit ich nicht dauernd an meinen Vater denke und uns beide, Mom und mich, ins Leben in der Haferbreischüssel zurückbefördere.

Anschließend packe ich das Übliche ein: Unterwäsche, Socken, Jeans, T-Shirts. Ich füge einige funkelnde silberne Schmetterlingclips hinzu, außerdem mein Reines-Blond-Shampoo plus Spülung, denn mein Haar ist noch immer einigermaßen blond, und ich möchte unbedingt, dass es so bleibt. Die Blondheit verbindet mich mit meinem Bruder und mit meiner Mutter. Mein Vater hat braunes Haar, und ihm will ich auf keinen Fall ähneln.

Soll ich auch Wintersachen einpacken? Ich lege mein Eastern-Michigan-Sweatshirt in die Tasche, nehme es dann wieder heraus und wähle etwas Neutraleres. Warum so deutlich darauf hinweisen, woher wir kommen? Mom und ich wollen in unserer neuen Stadt nicht auffallen.

Da ich nur eine Reisetasche packen soll, will meine Mutter uns vermutlich neue Sachen besorgen. Aber wie? Hat sie Geld im Kühlschrank versteckt, neben den Waffeln, die mein Vater nie anrührt? Die einzige Kreditkarte, die sie jemals benutzt hat, ist die mit Micky Maus drauf: nicht weil wir irgendwann vorhaben, Disneyland zu besuchen, sondern weil es eine Null-Zinsen-Karte ist und mein Vater damit ein neues Kanu gekauft hat. Es ist ein gemeinsames Konto. Hat Mom eine Kreditkarte auf ihren eigenen Namen?

Was noch wichtiger ist: Weiß sie, was sie tut? Ich meine, im Umkreis von fünfzig Meilen gibt es keine Buchhandlung mit Ratgebern, wie man einen Ex-Cop-Ehemann verlässt, ohne dass alle in Scottsfield es herausfinden – der Ehemann eingeschlossen. Scottsfield ist tiefste Provinz, tiefer geht’s nicht, was bedeutet: Alle wissen alles über jeden, bis auf das wirklich Wichtige. Vielleicht hat Mom bei der Arbeit im Internet recherchiert. Ich versuche, optimistisch zu sein.

Ich gehe zu meinem Schreibtisch, nehme das Fotoalbum und schlage die erste Seite auf. Da sind wir: Mom, Dad und Matt vor der Freiheitsstatue. Selbst mein Vater lächelt. Ich schließe das Album und lege es in die Reisetasche.

Zahnbürste! Ich wusste, dass ich etwas vergesse. Ich habe sie fast schon weggepackt, als mir einfällt, dass ich sie an diesem Abend noch brauche. Und morgen früh. Warum warten wir bis morgen? Wir sollten sofort aufbrechen. Wie sollen wir das Abendessen mit Dad schaffen?

Eine Wagentür fällt zu. Er ist zu Hause. Meine Hände zittern so, als würde ich ein Solo bei einem Konzert spielen. Ich drehe die Turnschuhe hin und her, stopfe sie dann zu den anderen Sachen, ziehe den Reißverschluss zu und will die Reisetasche unters Bett schieben. Aber sie ist zu groß und klemmt.

Schlüssel klirren in der Küche. Ich ziehe die Turnschuhe aus der Tasche und zerre an dem Reißverschluss, doch eine Socke verfängt sich darin. Halt dich nicht damit auf, das Ding zuzumachen! Ich trete die Reisetasche unters Bett.

»Hallo? Wo seid ihr alle?« Die Schritte meines Vaters kommen näher.

Ist Moms Tasche gepackt und unter dem Bett versteckt, oder hat sie alles im Zimmer verstreut? Ich tippe eher darauf, dass überall was rumliegt. Seit Matts Tod hat meine Mutter mit Aufräumen und dergleichen nicht mehr viel im Sinn. Durcheinander und Chaos liegen ihr mehr, was vermutlich widerspiegelt, wie wir alle empfinden. Leider bedeutet es auch, dass ich beim Saubermachen einspringen muss. Mein Vater verlangt, dass in der Küche keine Teller auf der Arbeitsplatte stehen, im Wohnzimmer keine Zeitschriften auf dem Couchtisch liegen und man im Wäscheraum nicht auf Wäsche tritt. Und das ist nur der Anfang.

Ich laufe in den Flur, setze mich vor meinem Vater auf den Boden und ziehe die Turnschuhe an. »Hallo, Dad.«

»Hallo. Wie war dein Tag?« Manchmal klingt er so normal und vernünftig.

»Gut«, sage ich. Meine Stimme ist ein wenig zu hoch, selbst für ein Mädchen. »Ich fahre ein bisschen mit dem Rad herum. Kommst du mit?«

Falsche Frage. Er runzelt die Stirn und tritt ans Fenster, ohne zu antworten. Seit Matts Tod ist mein Vater nicht mehr aufs Rad gestiegen. Früher sind wir oft Fahrrad gefahren. Matt, Dad und ich. Wegen der Schussverletzung aus seiner Zeit als Polizist kann Dad nicht mehr mit uns laufen, aber Rad fahren kann er. Seltsam. Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, fühle ich Matt noch immer neben mir und höre, wie der Kies unter seinen Reifen knirscht. Es ist mein Vater, der zu fehlen scheint.

Ich habe die Turnschuhe an und stehe auf. »Ich frage Mom besser, wie viel Zeit noch bis zum Abendessen bleibt«, sage ich und flitze zum Schlafzimmer meiner Eltern.

Mom streicht gerade die Decke glatt. Die ganze Sache mit den gepackten und unter dem Bett versteckten Klamotten macht mich so nervös, dass ich meinen Pferdeschwanz drehe. Es fühlt sich an, als wäre ein Flugzeug abgestürzt und als könnte nur ich das Signal der Blackbox hören. Ich hoffe, Dad hört es nie.

»Ich wollte nur wissen, wie viel Zeit noch bis zum Essen bleibt«, sage ich von der Tür her. Mom und ich vermeiden es, uns anzusehen. So ist es einfacher. »Ich möchte ein bisschen Rad fahren.«

»Klar, viel Spaß«, erwidert sie etwas zu laut. »Sei in einer Stunde zurück!«

Ich radle über die unbefestigte Zufahrt, umgeben von zwanzig Morgen Heu und angenehmen Düften. Wir betreiben keine Landwirtschaft – jene Morgen sind nur ein Kissen zwischen uns und dem Rest der Welt. Heuschrecken hüpfen vor mir her und springen aus dem Weg. Ich sehe zu unserem Haus zurück: weiße Vinylverkleidung, schwarze Leisten, grünes Dach. Umgeben ist es von reichlich Gebüsch, steinernen Fröschen, Gartenzwergen und künstlichen Libellen an Metallstangen, aber es gibt keine Blumen mehr. Früher hat sich Mom um den Garten gekümmert. Im Frühling verbrachten wir jeden Samstag damit, Gras auszureißen und weitere Blumenbeete anzulegen, aber dieses Jahr ist das Gras wiedergekommen, und meine Mutter hat es wachsen lassen.

Chester, das Pferd unseres Nachbarn, steht am Zaun und wirft den Kopf hin und her. Oft füttere ich es nachmittags mit Karotten. Plötzlich kriege ich Herzklopfen. Wie wird es Chester gehen, wenn ich nicht mehr hier bin? Mr. Jenkins pflegt das Pferd ungefähr so gut wie sein Haus. Mit anderen Worten: Er kümmert sich kaum darum. Das Dach braucht neue Schindeln und die Scheune einen frischen Anstrich. Außerdem müssten die Sträucher gestutzt, der Zaun repariert und die Hausverkleidung erneuert werden. Dad hat im Kopf eine Liste mit mindestens hundert Punkten erstellt, die Jenkins seiner Meinung nach erledigen müsste. Die Hälfte dieser Punkte fiele auch anderen Leuten ein, der Rest betrifft Sachen, auf die nur mein Vater kommt.

Während ich in die Pedale trete, denke ich an In der Schusslinie, meine Lieblingsserie im Fernsehen. Darin geht es um das Zeugenschutzprogramm. Ich habe es mir immer aufregend vorgestellt, sich hinter einer neuen Identität zu verstecken, aber ich hätte nie gedacht, dass ich selbst in eine solche Situation geraten könnte. Außerdem habe ich den Schmerz unterschätzt, den es mir bereiten wird, meinen Vater nicht wiederzusehen. Er war nicht immer so. Als wir noch in Philadelphia wohnten und er bei der Polizei arbeitete, hat er oft gelächelt. Im Anschluss an unseren Umzug nach Michigan lächelte er viel seltener. Seitdem mein Bruder sich umgebracht hat, lächelt er gar nicht mehr. Und er lässt es an Mom aus. Mich rührt er nicht an.

Dads Stimme hallt mir durch den Kopf. Was Matt getan hat, ist deine Schuld. Was habe ich mir nur gedacht? Vielleicht hat er herausgefunden, dass wir ihn verlassen wollen. Was würde er Mom antun? Ich hätte sie nicht mit ihm allein lassen sollen. Was nicht bedeutet, dass ich eine große Hilfe wäre.

Ich wende das Rad und trete noch fester in die Pedale, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Als ich das Haus betrete, riecht es nach Knoblauch und Oregano. Spaghetti. Das Lieblingsessen meines Vaters. Wie passend für die letzte gemeinsame Mahlzeit. Von der Tür her höre ich, wie Gläser klirren und das Besteck auf den Tisch gelegt wird. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher – Dad sieht sich die Nachrichten an. Er ahnt nichts. Noch nicht.

»Ich dusche«, sage ich. Niemand antwortet.

Wasser tropft mir ins Gesicht. Ich dusche gern lange und heiß, aber das wage ich nur, wenn mein Vater nicht zu Hause ist, weil er mir sonst wegen Vergeudung von Wasser aufs Dach steigt. Natürlich hat er mich deshalb nie direkt angeschnauzt, nur Matt.

Wenn wir gehen, werde ich am meisten Zach vermissen. Ich kann ihm nicht sagen, was ich morgen Mittag mache. Das soll nicht heißen, dass ich es selbst weiß. Trotzdem, ich möchte nicht, dass er etwas erfährt und mein Vater es aus ihm herausholen kann.

Zach war ein Lieblingsthema für meine Therapeutin Maureen. Sie hatte gerade ihr Seelenklempnerstudium hinter sich und schien ein echt großer Fan von Freud zu sein. Was nicht schlecht war, denn es bedeutete, dass sie eine Couch hatte. Unsere erste Begegnung lief etwa folgendermaßen ab.

»Wen würdest du als deine Freunde bezeichnen?«, fragte Maureen.

Ich streifte die Schuhe ab und legte mich auf die Couch. Es gefiel mir, das Leder durch die Socken zu fühlen. Ich faltete die Hände unterm Kopf und blickte zur Decke hoch.

»Zach.«

Sie sah auf ihre Notizen hinab. »Letzte Woche hast du gesagt, er sei der beste Freund deines Bruders gewesen.«

»Ach ja?« Wahrscheinlich dachte sie darüber nach, welche Seelenklempnertheorie am besten dazu passte.

»Was ist mit Freundinnen?«

Ich wollte nicht darüber reden. »Nein, derzeit geht Zach mit niemandem.«

»Ich meine, hast du eine gute Freundin?«

»Zach ist mein bester Freund. Früher war Lauren meine beste Freundin, aber nach Matts Tod verloren wir irgendwie den Kontakt.«

»Weshalb?«

»Wegen der Sache, die ich an Matts Todestag getan habe.«

»Und die wäre?« Maureen neigte den Kopf, bereit, die ganze Wahrheit von mir zu erfahren.

Ich blickte zu ihrem Schreibtisch hinüber. »Hübsche Blumen. Von Ihrem Mann?«

Maureen nickte. Mein Vater bringt meiner Mutter keine Blumen mehr mit. Macht nichts. Vermutlich hätte sie sie ohnehin nicht bemerkt.

Maureen scheint sich nie zu ärgern, wenn ich ihre Fragen nicht beantworte. Sie versuchte es anders. »Also gibt es praktisch nur dich und Zach?«

»Ja.«

»Wie fühlst du dich dabei?«

Mein Blick kehrte zur Decke zurück. »Weiß nicht. Ich bin zufrieden, denke ich.«

»Zufrieden?«

»Ja. Zach verhält sich oft wie mein Bruder. Also vergesse ich manchmal, dass er ein anderer ist.« Ich setzte mich auf und rieb die Hände. »Na schön, sind wir fertig?«

Am nächsten Tag zertrümmerte Dad die Freiheitsstatue. Er sorgte dafür, dass meine Mutter anrief und Maureen mitteilte, ich würde nicht mehr zu ihr kommen. Therapie sei rausgeworfenes Geld, meinte er. Im nächsten Atemzug trug er ihr auf, die Premiumdienste des Cable Service zu bestellen und die Zeitschrift Militärgeschichte für ihn zu abonnieren. Anschließend fuhr er los und kaufte eine neue Angelrute für Matt, der tot ist.

»Wo ist Matt? Er kommt immer zu spät zum Essen.«

Mein Vater spricht oft so, als wäre Matt noch am Leben. Um ehrlich zu sein: Auch ich tue oft so, als wäre mein Bruder noch da. Aber ich spreche nicht von ihm wie von einem Lebenden, jedenfalls nicht oft.

Ich senke den Blick, damit meine Mutter antwortet. Das feuchte Haar streicht mir über den Nacken, und ich fröstle plötzlich.

»Ich glaube, er hat Nachhilfe bei seinem Geschichtslehrer. Noch ein Käsebrot, Ray?« Sie reicht ihm den Korb mit dem Brot und wendet sich dann an mich. »Wie war die Schule?«

»Gut, so weit. Rachel hat sich in Chemie mit Salzsäure bespritzt und musste unter die Notdusche.«

»Ich hoffe, es ist alles in Ordnung mit ihr«, sagt Mom.

»Ja, kein Problem.«

Ich sehe zu meinem Vater hinüber. Wie üblich starrt er nach draußen und murmelt vor sich hin. Ich verstehe nur ein Wort: »Öl«. Ich weiß zwar, dass ich ihn hassen sollte, aber mein Herz fordert mich auf, mit ihm zu reden, weil ich ihn vielleicht nie wiedersehe. Mein dummes, dummes Herz.

Ich räuspere mich. »Wie war heute die Arbeit, Dad?«

Keine Antwort.

»Dad«, sage ich etwas lauter. »Wie war heute die Arbeit?«

»Öl. Matt muss bei seinem Wagen das Öl wechseln. Wie soll der Motor intakt bleiben, wenn er das Öl nicht wechselt?« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Ja. Ich erinnere ihn daran, wenn er nach Hause kommt«, wirft meine Mutter ein. Und dann, mit erzwungen fröhlicher Stimme, wie manche Leute mit Zweijährigen reden, fährt sie fort. »Heute kamen ziemlich viele Anrufe.« Das ist ihre Art, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Sie richtet den Blick demonstrativ auf mich und Dad, wenn sie spricht, obwohl nur ich zuhöre.

»Großartig«, erwidere ich. »Aus irgendeinem besonderen Grund?«

»Es gibt ein Sonderangebot für das Set Prächtiger Herbst. Ich habe dir einen der Teller gezeigt, nicht wahr?«

»Ja, wirklich hübsch.«

Mom arbeitet im Management von Essence-Essgeschirr. Oft kommt sie mit irgendwelchen Mustern oder beschädigter Ware nach Hause. Sie liebt diese verzierten Teller und Schüsseln, vor allem den passenden Krimskrams, wie Platzdeckchen und Kerzenhalter. Essence verkauft auch Sparschweine und Schneekugeln. Mom hat alles mitgebracht.

Nach dem Essen zieht sich Dad in den Keller zu seiner Eisenbahn zurück. In der Phase, wenn er vor sich hinmurmelt, ist er gewöhnlich friedlich, und deshalb folge ich ihm nach unten. Mir hat er nie was getan, nur Matt und meiner Mutter. Und inzwischen hat er es nur noch auf Mom abgesehen. Der Grund ist mir nicht ganz klar, aber vielleicht hat es etwas mit der Eisenbahn zu tun, dass er mich in Ruhe lässt. Ich bin diejenige, die ihn in den Keller begleitet und zusieht, wie er baut und spielt. Ich bin diejenige, die mitkommt, wenn er loszieht, um Züge zu fotografieren. Zusammen haben wir Hunderte von Eisenbahnfotos gemacht. Vielleicht denkt er, dass ich ihn verstehe.

Da irrt er sich.

Aber ich lasse ihn in dem Glauben.

Dad sitzt auf einem hohen Drehstuhl. Ich ducke mich unter den Tisch und stehe in der Mitte des ausgeschnittenen Teils. Mein Vater betätigt einige Schalter, und eine Dampflokomotive fährt aus einem alten Lokschuppen aus Ziegelsteinen heraus. Sie sieht verstaubt aus, aber nur deshalb, weil Dad sie so bemalt hat.

Die Eisenbahn hilft ihm dabei, vernünftig zu reden. »Vielleicht nehme ich mir bald das Gespensterhaus vor«, sagt er. Lokomotiven, Güterwagen und Bausätze, das bekommt mein Vater von uns zu Weihnachten. Matt und ich haben ihm das Gespensterhaus schon vor Jahren geschenkt, aber er hat es nie zusammengebaut. Seine Stadt hat einen Lebensmittelladen, einen Getreidesilo und ein orangefarbenes und grünes Haus, das Matt und ich Kürbishaus nannten. Bald wird auch unser Gespensterhaus dazugehören. Schade nur, dass weder Matt noch ich es dann bewundern können.

»Du kannst es dort hinsetzen«, sage ich und deute auf eine leere Stelle neben einer Hütte am Fluss. Dad hat ihr das Erscheinungsbild von Ramonas Ruhesitz gegeben, wo wir früher die Ferien verbrachten. Es stehen auch kleine Menschen davor, wie damals wir vier.

»Zu nahe.«

»Da ist was dran«, sage ich und nicke. Die tatsächlichen Hütten von Ramonas Ruhesitz stehen so weit voneinander entfernt, dass man sich völlig allein fühlt. »Und neben dem Eisenwarenladen?«

»Ja, gute Idee.« Dad lächelt zum ersten Mal seit langer Zeit.

Ich stehe da, beobachte die um mich herumfahrenden Züge und atme den Geruch nach feuchtem Kartoffelkeller tief in mich ein, den ich so mag und den alle anderen verabscheuen. Auf diese Weise nehme ich Abschied von meinem Vater.

Als ich nach oben zurückkehre, sieht sich Mom im Fernsehen unsere Lieblingssoap an, The Winds of Change. Ich darf sie sehen, seit ich neun bin. Von Anfang an war ich davon begeistert. Die Sendung läuft am späten Nachmittag, und ich könnte sie immer gleich einschalten, wenn ich aus der Schule komme. Aber meistens warte ich und sehe mir mit Mom die Aufzeichnung an.

»Entschuldige, dass ich ohne dich angefangen habe«, sagt Mom und drückt die Pausetaste der Fernbedienung. »Möchtest du die Folge ganz von vorn sehen?« Sie ist blass und wirkt so elend … Ich fürchte, dass Dad nur kurz den Blick auf sie richten muss, um sofort Bescheid zu wissen.

»Nein, schon gut.« Ich setze mich neben sie. »Du musst dir mehr Mühe geben, normal auszusehen«, flüstere ich ihr zu.

Sie nickt und atmet tief durch.

»Was ist mit Julia passiert?«, frage ich.

»Sie erinnert sich nicht daran, von dem Wagen angefahren worden zu sein. Und sie hat vergessen, dass Ramón gar nicht ihr richtiger Ehemann ist.« Mom nimmt einige Ritz Bits und reicht mir die Schachtel.

»Sie weiß nicht, dass Ramón ihr Stalker ist? Na, so was. Und das Apartment? Wie hat er ihr erklärt, dass sie keine Bilder haben?« Ich schiebe mir ein paar Cracker in den Mund.

»Er meinte, ein Feuer sei ausgebrochen.« Mom schüttelt den Kopf.

»Hm. Das würde erklären, warum sie kaum Möbel haben.«

Ich frage mich, ob wir das ebenfalls sagen werden, wenn wir mit unseren Taschen am Ziel unserer Reise eintreffen.

Über Tracy Bilen

Biografie

Tracy Bilen studierte an der Sorbonne in Paris und ist heute Französisch- und Spanischlehrerin an einer High School in Michigan. Dort lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern. „Wie der Vater, so der Tod“ ist ihr erster Roman.

Pressestimmen

Fränkische Nachrichten

»Ein Buch, nicht nur für Jugendliche, das schonungslos aufzeigt, wohin Intoleranz und Gewalt in einer Familie führen können. Spannend und authentisch.«

Der Standard

»Bilen erzählt konsequent aus der Sicht einer Halbwüchsigen und ist dabei auch sprachlich überzeugend. Der Roman ist zwar auf einen Teenager fokussiert, aber genauso relevant für Erwachsene. Gewalt in der Familie kennt kein Alter.«

EselsOhr

»So konsequent die Handlung vorangetrieben wird, so dramatisch ist auch der Showdown. Ein Pageturner par excellence.«

Kommentare zum Buch

Wie der Vater so der Tod
Kumos Buchwolke am 15.08.2014

Das Cover war der Grund, weshalb mir dieses Buch auffiel und ich es in die Hand nahm. Der Titel hat ebenfalls dazu beigetragen, dass mich das Buch zum Kauf verführte. Sehr einprägsam und klingt auch jetzt, nach dem ich das Buch gelesen habe, immer noch nach. Vielleicht sogar stärker, da ich den Inhalt kenne.   Von der ersten Seite an fesselte Saras Geschichte mich. Man ist sofort drin und es geht gleich los mit dieseem beklemmenden schleichenden Gefühl. Wie der Vater so der Tod ist temporeich und hat mich das eine oder andere Mal atemlos das Buch bei Seite legen lassen. Was auch an der von Resa bereits erwähnten Naivität von Sara liegt. Ja stellenweise kommt sie wirklich sehr naiv rüber und das sorgte bei mir manchmal für Kopfschütteln. Gewalt in der Familie ist ein schwieriges Thema. Meiner Meinung nach zeigt Wie der Vater so der Tod aber auch, das es Saras Vater nicht immer der Mann war, der er jetzt ist.

Wie der Vater, so der Tod
Resa´S Welt am 15.07.2014

Cover: Das Cover sieht einfach wunderschön aus und hat mich sofort angesprochen.     Meine Meinung:   Tracy Bilen hat mit "Wie der Vater so der Tod" einen tollen Jungenthriller geschrieben in dem es um das Thema häusliche Gewalt geht. Trotz einiger kleiner Schwächen hat mir das Buch sehr gut gefallen. Sara die Hauptprotagonistin konnte ich an manchen Stellen einfach nicht verstehen und sie wirkte auf mich irgendwie sehr naive. Ich bin der Meinung sie hat sich zu leicht ablenken lassen. Ich weiß nicht ob ich auf eine Party gegangen wäre wenn ich nicht weiß was mit meiner Mutter los ist. Die Nebencharaktere wie Zach und Alex haben mir hingegen sehr gut gefallen sie waren authentisch.   Der Schreibstil ist sehr flüssig, so konnte ich das Buch in einem Zug durchlesen. Fazit:   Tracy Bilen hat mit Wie der Vater so der Tod ein Hammer Debütwerk geschaffen . Mit einem Tabu Thema über das unbedingt gesprochen werden sollte.   3,5 von 5 Sterne

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